Wolfgang Michal | 23 Kommentar(e)
Als heraus kam, dass die Deutsche Bahn politische Debatten in Internet-Foren mit viel Geld beeinflusst hat, blinkte bei mir ein Fragelämpchen auf: Wie erkennt man eigentlich Miet-Lobbyisten im Netz?
26.06.2009 |
Manche Blogger machen eine typische Erfahrung: In Kommentaren zu ihren Beiträgen tauchen bestimmte Aussagen auf, Signalwörter, Argumentationslinien, die sich oft wiederholen. Die Absender sind nett, tragen Kunstnamen und lassen sich eher selten über eine eigene Website identifizieren.
Das Ganze hat Methode und nennt sich z.B.: „Soziale Netzwerke beobachten und richtig reagieren: Arvato Online Services bietet ab sofort Social Media Monitoring“! (Andere Netz-Überwacher nennen es Risk-Monitoring).
Ich zitiere aus der Pressemitteilung von AOS: „Durch Social Media Monitoring erhalten Unternehmen die Möglichkeit, relevante Foren, Blogs und Communities zu beobachten und die Darstellung des eigenen Images im Netz zu überwachen.“ Bei negativen Ergebnissen bietet Arvato Online Services seinen Kunden die richtige Abwehr-Strategie: „Mit ihrem umfangreichen Portfolio können die Münchner Online-Experten zielgruppengenaue Marketing-Aktionen planen und durchführen und Unternehmen dabei helfen, die Eigendarstellung im Netz zu kontrollieren und zu steuern.“
Ja, das Netz ist ungemein wichtig geworden! Ich zitiere:
“Das Internet ist inzwischen für 98 Prozent der Nutzer ein entscheidendes Recherche-Instrument. Konsumenten informieren sich im Netz vorab über Produkte und Dienstleistungen, die sie interessieren und reagieren dabei stark auf die Erfahrungen anderer.“ Das sagt der Geschäftsführer der Arvato Online Services GmbH, Stephan Wolfram. Er sagt weiter: “Darum ist es für Unternehmen unverzichtbar, Entwicklungen in sozialen Netzwerken zu beobachten und, sollten negative Bewertungen oder falsche Einschätzungen Überhand nehmen, entsprechend darauf zu reagieren.”
Arvato Online Services vertreibt zu diesem Zweck ein „intelligentes“ Tool, das Social Media Monitoring ermöglicht. Das Angebot besteht aus drei Bausteinen:
Erstens aus einer Situationsanalyse: Das Unternehmen erhält einen Überblick, was in den sozialen Netzwerken innerhalb der vergangenen Wochen und Monate über das eigene Angebot sowie über Wettbewerber geschrieben wurde.
Zweitens aus einem „Live-Screening“: Das Netz wird täglich auf bestimmte Keywords hin überprüft. Der Auftraggeber erhält regelmäßig Berichte zu Erwähnungen in relevanten Blogs, Foren, Bewertungs- und Videoportalen, Newsgroups sowie via Twitter. Sowohl die Quantität als auch die Tonalität (!) der Kommunikation wird festgestellt.
Drittens aus dem – nicht bloß passiven – sondern aktiven „Social Media Marketing“: Optional bietet Arvato Online Services dem Unternehmen Marketingmaßnahmen an, die sich aus den Beobachtungen ableiten und die zu einem positiveren Bild innerhalb der Web-2.0-Welt verhelfen.
Stephan Wolfram: “Die Analyse der Markenwahrnehmung verhilft zu einem Informationsvorsprung und ermöglicht eine frühzeitige und proaktive Reaktion auf negative Tendenzen”.
Das könnte der Grund sein, warum manchmal so stromlinienförmige Kommentare zu ganz bestimmten Themen auftauchen. Oder?






ist wahrscheinlich nur ein zufall, aber so wie hier das leistungsspektrum von aos aufgeschlüsselt wird, könnte man fast glauben, sie hätten für diesen artikel bezahlt.
auf jeden fall halte ich die beobachtung des netzes hinsichtlich unternehmensspezifischer meinungsäußerungen durchaus für sinnvoll. manipulation hingegen stehe ich missbilligend gegenüber, mal abgesehen davon, dass das schnell schief gehen kann und der image-schaden groß ist.
Solche Dienste sind nur als Hilfe für die Kunden gedacht. Die positive Berichtigung irritierender Botschaften in Sozialen Netzwerken bewahrt den geistigen Frieden der Kunden. Es ist alles in bester Ordnung und niemand versucht sie zu manipulieren.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Astroturfer ;P
Das könnte auch der Grund sein, warum einige Blogs mit zunehmender Besuchermenge die Kommentarfunktion entweder moderieren oder ganz abschalten.
Die Deutsche Bahn und die TUI durften ja schon lernen, dass eine derartige Kampagne der Werkstudenten via Kommentarfunktion – sagen wir mal zurückhaltend – kontraproduktiv ist. Wenn ich das so lese, dann wünsche ich mir die hilflosen Social Media Newsrooms mit sinnlosen Links auf Video-/Podcast-/Blogportale. Warum liest eigentlich keiner von diesen “Beratern” die Fachbücher zum Thema Social Media/Web 2.0 Marketing, die das Mutterhaus in Amerika verlegt?
Ist es denn so schlimm, direkt mit den Kunden auf Augenhöhe via Facebook/Twitter/LinkedIn etc. mit offenem Visier zu kommunizieren wie es 8000 amerikanische Firmen seit drei Jahren erfolgreich tun. Es gibt doch mindestens 50 Ratgeber für Dummies zum Thema W20 Marketing, warum macht den ausgerechnet arvato die Fehler, die man als großer Player schon seit zwei Jahren gar nicht mehr machen kann…
Aber vielleicht stimmt der Vorwurf, und Herr Michal hat gute Gründe, diese Plattform für die produktspezifische aber inhaltlich dürftige Abhandlung…
Vielleicht hat Don Alphonso ja doch recht mit seiner Einschätzung zu carta.
KRITISCHER PFAD!
Souverän, übernehmen Sie jetzt.
@Wittkewitz: Ach, Jörg, ich Gegensatz zu Ihnen habe ich keine PR-Erfahrung.
Ich halte – ich will mal sagen – die Betreuung von Kunden in Social Network durchaus für legitim. Im Web 2.0 kocht sehr schnell was hoch, und ich halte es für einen berechtigten Eingriff, wenn sich die Firma dazu äußert. In solchen Situationen offiziell mit der Marke aufzutreten ist oft nicht einfach, vielleicht auch gar nicht möglich. Trotzdem sollten sich die Firmen, die sich in die Kommunikation einmischen, darauf hinarbeiten, offen aufzutreten. Ich bin überzeugt, das zahlt sich langfristig aus.
@Michal
Achja, das argumentum ad hominem, ich hätte mir doch irgendwie denken können, dass ein Artikel ohne Sachargumente auch eine analoge Verteidigung erfährt.
@Wittkewitz: Ich gebe nur in gleicher Münze zurück. (”Herr Michal hat gute Gründe…” raunraun). Einfaches Prinzip, oder? Im übrigen gibt es Texte, die muss man nicht analysieren, da genügen Zitate.
@Michal
Das ist also die Filterfunktion des Qualitätsjournalismus.
Aha.
P.S: Ein journalistischer Text besteht nicht zu 50% aus einem Zitat derselben Quellen. Wennn schon Quellen, dann bitte mehrere, das müssten Sie aus Ihrer Ausbildung noch kennen.
Wenn ganze Bereiche aus Pressemitteilungen 1:1 übernommen werden, wächst der Eindruck, dieses unreflektierte Kopieren befördert den Einfluß der PR auf die Presse. Es ist schwer aufgrund solchen Verhaltens eine kritische Distanz zu substantiieren.
Auch aus Gründen des Kodex muss eine klar erkennbare Trennung zwischen Werbung (PI) und journalistischem Inhalt stattfinden. Das sehe ich hier auch nicht.
Mein Problem ist und bleibt aber, dass hier kein “Gewichten” stattfindet, auch nicht auf TUI, Bahn etc bezug genommen wurde oder dieser Fall als Beispiel für eine Kategorie behandelt wurde…
Sie sehen, es geht um ein Bewerten der handwerklichen Fertigkeit.
Nicht um ein Bewerten einer Person qua Beruf. Da ist keine gleiche Münze.
@Wittkewitz: Jetzt glauben Sie auch noch, Sie könnten mir mit meiner Ausbildung kommen! Sie lenken vom Thema ab.
plonk
Ich halte so einen Dienst durchaus für Sinnvoll. Allerdings vor allem um auch an die Meinungen der Kunden heran zu kommen. Es gibt ja sicher auch hier und da Punkte die bei der Entwicklung eines Produktes oder eines Service nicht bedacht wurden. Das ist schon eine wichtige Funktion und bei kleinen Unternehmen evtl. auch nicht mit dem eigenen Personal realisierbar. Das mit der Beeinflussung von Kommentaren halte ich dagegen für nicht so optimal. Da sollte dann doch besser ein ordentliches Statement vom Unternehmen selber kommen. Also “offizielle” Kommentare. Da kommt am Ende wahrscheinlich mehr bei raus, also bei irgendwelchen Kommentaren die total aus der Reihe fallen und die Diskussion weiter anheitzen.
Insgesammt ist aber ja schon mal gut das über solche Dienste Nachgedacht wird und der Anwalt anscheinend nciht mehr das Standardmittel für unliebsame Beiträge im Internet zu sein scheint, auch wenn dieses noch viel zu Oft der Fall ist.
Mir scheint, Wittkewitz hat so Unrecht nicht.
Hallo zusammen,
ich verantworte im Hause Berteslmann das sog. social media monitoring und finde die Diskussion hier sehr spannend.
Für mich steht bei dem gesamten nicht die Manipulation sondern die Beobachtung und Reaktion.
Aus meiner Sicht, da stimme ich plonk zu, tut sich kein Unternehmen einen Gefallen “Meinungen” durch Fake-Posts zu beinflussen.
Das Web 2.0 sollte als Chance gesehen werden, näher als jemals zuvor an der eigenen Zielgruppe zu sein.
Spannend ist auch die Frage: Wie beinflussen die social networks das zukünfitge Direkt-Marketing ?
Gruß aus München,
Benjamin Prause
Das können Sie sehen bei all den Fans die Seiten wie XBOX oder Playstation 3 bei Facebook und Konsorten haben. Man kann sich durch einen direkten und offenen Kontakt direkt bei den Nutzern (Fans) in den SNs 29103804723987 Mal besser informieren als über die teilweise lächerlich programmierten Scan/Screentools, die auf Keywordbasis das Web durchforsten. Keiner hat mehr Infos als unzufriedene oder begeisterte Nutzer. Leider arbeiten damit erst amerikanische und asiatische Firmen seit zwei bis drei Jahren. Deutsche Firmen sind noch immer dabei Agenturen wie AOS oder ähnliche dazwischen zu schalten. Nach dem cluetrain mainfesto, dass auch die MArketingleiter der Firma mindestens schon mal im Studium gehört haben müssten, dies dieses Jahrzehnt die Dekade des “cut-out the middle man”. Von daher wären ALLE Firmen gut beraten statt Direkt-Marketing einfach DIREKT_KONTAKT zu den potenziellen oder schon gewonnenen Kunden zu suchen, um die Produktentwickler nicht von Ingenieuren sondern Nutzern führen zu lassen. Nach Erfahrungen in USA und Japan sind Absatzsteiguerungen um 200% nicht selten. Das spart die Agenturen als “middelman” und steigert die Kundenbindung. Beides Potenziale, die kein Berater o.ä. heben kann.
Ich finde die Diskussion (mit Ausnahme des letzten Beitrags) bislang eher zahm. Das eigentliche Thema ist doch Undercover-PR (das mein Vorredner als Strategie von gestern bezeichnet), siehe dazu:
http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/bitte-recht-freundlich/
Es ist in der Pressemitteilung oben ausdrücklich von “kontrollieren und steuern” die Rede. Und von “Abwehrstrategie”. Nicht etwa von “Lernen”, “Diskussion” oder “mitentwickeln”.
@ Michal
Sehr richtig. Da sieht man, wie sich die Allgemeinheit und vor allem leider die Journalisten schon daran gewöhnt haben, von PR-Leuten veräppelt zu werden.
@wittkewitz
Dass Sie nicht möchten, dass Ihr Geschäftsmodell nicht infrage gestellt wird, ist ja wohl klar. Wie heißt es so schön: ein Fleischbeschauer, der am Fleisch beteiligt ist, wird auch keine Trichinen finden.
die doppelte Verneinung oben bitte ignorieren ;)
@Erika Fuchs
Auf welchen Beitrag von mir beziehen Sie ihr statement? Sind es meine Statements dazu, dass Michal zu wenig kritisch ist oder sind es die statements in denen ich darlege, dass Agenturen überflüssig werden. Und welches dieser Statements hier stellt eines meine Geschäftsmodelle infrage?
P.S: Ich arbeite als Publizist, Freier Autor, Berater, Redenschreiber, Ghostwriter und bin in zwei Aufsichtsräten…
Lieber Wolfgang,
ich finde das Thema sehr wichtig: Das Netz ist viel stärker vermachtet und wir alle sind in Interessen verstrickt.
Es geht nun um Techniken, das zu domestizieren, einzuschränken und zu kanalysieren.
Arvato ist da ein sehr guter Anlass für eine Diskussion.
Immerhin scheint deren Monitoring System sie ja immerhin auch selbst auf die Diskussion aufmerksam gemacht zu haben…
merci,
robin
WOW…klasse Diskussion!
@Witkewitz, ich teile Ihre Aufassung.
Es geht nicht um das aushorchen und manipulieren sondern um das interagieren.
Dies ist eine Aufgabe die von den Unternehmen UND/ODER mit/ohne Mittelsmann geleistet werden muss.
Unser Ansatz ist es in dem immer unübersichtlich werdenden Umfeld der Blogs (händische Auswertung nicht mehr möglich) wirklich alle Quellen zu berücksichtigen und sich nicht auf die von Ihnen angesprochenen Netzwerke zu konzentrieren.
Allein im Versicherungsbereich gibt es weit über 600 Foren/Blogs in Deutschland.
Diese manuel zu screenen ist nicht möglich.
Die zweite Aufgabenstellung ein screenen nach Unternehmensrelevanten Themen in unzähligen Post ist ebenfalls manuel nicht mehr möglich.
Hier benötigen Unternehmen eine technische Lösung die nach einer ausgereiften Semantik vorgeht.
Nennen Sie den weiterführenden Schritt ruhig statt Direkt-Marketing “Direkt-Kontakt” oder den abgenutzten Begriff One2One Marketing.
Im Endeffekt kommt es auf das gleich raus: Das Produkt für den Kunden immer attraktiver zu machen und Ihn dann an der richtigen Stelle ansprechen.
Das ist sexy – da geht es hin und wir (alle hier diskutierenden Personen) sind bereits auf diesem Weg, zumindest gedanklich….
Gruß,
BP
[...] Lesen Sie dazu den Beitrag “Blogs beeinflussen mit Bertelsmann” von Wolfgang Michal auf Carta.info. Aktuelles Heft Nr. 3-2009 [...]
Für mich ist der Begriff der “Manipulation” im Sinne einer moralisch zu verurteilenden nicht legitimen Einflussnahme zum eigenen Vorteil für Web 2.0 nicht mehr anwendbar. Was mich an AOS stört ist, dass dem Kunden vorgegaukelt wird er könne durch gezielte und direkte Einflussnahme “Kontrolle” über sein Webimage erlangen. Die Aufgabe muss sein, bestehende Kommunikationsenergien zu moderieren oder katalysieren. – Konkret: Mal auch zufriedene / begeisterte Kunden zu Wort kommen lassen! Und wenn es diese nicht gibt, dann muss man sich fragen, weshalb.