Robin Meyer-Lucht

Orientierungslosigkeit, Journalismus, Medienindustrie: Eine Endlosschleife, gerade

Robin Meyer-Lucht | 16 Kommentar(e)

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Erst Medienforum NRW, dann Thomas Leif: Man hat das Gefühl, ein Mediensystem im Abstieg zu besichtigen. Die Tabuisierung von Hinfälligkeiten ist derzeit wohl die Hauptwurzel allen unspirierten Sprechens über Journalismus.

23.06.2009 | 

Es begann eigentlich schon am Vormittag auf dem Medienforum NRW: Dieses Gefühl, dass man hier ein Mediensystem im Abschied besichtigt. Standort-Medienkonferenzen dieser Art blühten Ende der 80er Jahre mit der wachsenden Bedeutung von Privatfernsehen und Landesmedienanstalten auf. Nun lässt sich genau hier besichtigen, dass diese beiden Akteure und letztlich das ganze klassissche Mediensystem so langsam ins Wanken geraten.

Das Medienforum NRW gab “ein trübes Bild rückwärtsgewandter Verstaubtheit ab”, schrieb Thomas Knüwer schon gestern. Auch mein (auf wenige Panel beschränkter) Eindruck war heute: Es wird am Mediensystem von gestern herumlaboriert. Wirklich zentrale Fragen für neue Öffentlichkeitsstrukturen, wie beispielsweise eine Link-Ethik, werden nicht aufgegriffen. Das Internet als Leitmedium und der Veränderungsbedarf aller Medieninstitutionen werden noch immer unter den Vorzeichen und mit der Sprache des klassischen Systems verhandelt. Die Umsatzkrise und die Einsicht in die Unzulänglichkeiten der eigenen Online-Strategien befördert eine latente Medienwandelkater-Agonie in erheblichen Teilen der klassischen Medienindustrie.

Doch das Forum erwies sich erst als Präludium. Der Hauptakt in Sachen Sprachlosigkeit und neue Strukturen des Journalismus lieferte dann am Abend Thomas Leif mit seiner Veranstaltung “Das Ende des Journalismus – Ist unsere Mediendemokratie noch zu retten?“.

Eigentlich ist die Sache klar: Journalismus muss sich völlig neu in Gesellschaft und Technik verorten. Ihm stehen dabei alle Chancen offen. Die institutionellen Arrangements der klassischen Massenmedien aber werden bald abschmelzen.

Thomas Leif führte eine Debatte hingegen weitgehend nach dem Motto: Wie kann der Journalismus nach altem Selbstverständnis im neuen Medium existieren? Die Übung artete notwendigerweise in schlimmes Qualitätsjournalismus-Schulterklopfen aus. Die Weigerung, sich selbst infrage zustellen und die neuen Rahmenbedinungen zu reflektieren, nahm grandiose Ausmaße an. Drei Onliner auf dem Podium (Hans-Jürgen Jakobs, Mario Sixtus und Wolfgang Blau) konnten den Moderator kaum bremsen.

Im Grunde zeigte Thomas Leif auf diese Art jedoch, woran die Diskussion über Journalismus und die Zukunft der Medienindustrie derzeit häufig so leidet: Man hält sich für unverzichtbar in seiner bisherigen Rolle. Die Tabuisierung der Hinfälligkeiten im System Journalismus ist derzeit wohl eine Hauptwurzel allen unspirierten Sprechens über das Thema.

Wolfgang Blau von Zeit Online sagte dann schliesslich auch: “Wenn man ehrlich ist, dann wird es im Laufe der nächsten Jahre weniger Titel und weniger Medienhäuser geben. Und das mag keiner so offen sagen.”

Auch zu dem Thema auf Carta:

– Otfried Jarren: Verweigerung im Wandel: Dem Journalismus sind seine Leitideen abhanden gekommen

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16 Kommentare

  1. hape |  24.06.2009 | 08:43 | permalink  

    Äh, ich fühle mich ein wenig minderinformiert, was den Leif-Teil angeht. Etwas konkreter, was dort gesagt wurde, hätte es schon sein können.

  2. 6 vor 9: Iran, Twitter, Graff, Federer » medienlese.com |  24.06.2009 | 08:55 | permalink  

    [...] 2. In der Endlosschleife (carta.info, Robin Meyer-Lucht) Robin Meyer-Lucht war am Medienforum NRW und an einer Veranstaltung zum “Ende des Journalismus” in Berlin und kriegte “das Gefühl, ein Mediensystem im Abstieg zu besichtigen”, denn: “Wirklich zentrale Fragen für neue Öffentlichkeitsstrukturen, wie beispielsweise eine Link-Ethik, werden nicht aufgegriffen. Das Internet als Leitmedium und der Veränderungsbedarf aller Medieninstitutionen werden noch immer unter den Vorzeichen und mit der Sprache des klassischen Systems verhandelt. ” [...]

  3. Wittkewitz |  24.06.2009 | 09:04 | permalink  

    @hape

    Leif ist einer aus der Qualitätsjournalistenreihe, der immer sehr die sanfte Art des kritischen Journalismus wählte und sich dabei noch lieber den Anschein des investigativen Trüffelbohrers gab. Einerseits verstehe ich, dass Du mehr darüber wissen willst. Such Dir im Netz einfach mal ein paar Berichte, Reportagen und Features von ihm…

    In ähnlich obrigkeitsfreundlicher Manier wird er auch hier argumentiert haben.

    P.S: Auch er gehört zu Riege Buhrow, Kohl, Gerster. Er hat gerne für die Sparkassen/Giroverband etc. Nebeneinkünfte eingestrichen. Ja, die armen Öffentlichen. Man fragt sich, wo nur die 7 Milliarden jedes Jahr landen, bei den verarmten Gallionafiguren der Landessender nicht, bei den Anchormen/women auch nicht. Halt. Marc Bator fährt Porsche. Der sackt das ganze Geld ein…

  4. hape |  24.06.2009 | 09:21 | permalink  

    @Wittkewitz:
    Mir ist schon klar, wer Leif ist. Ich hätte halt gerne die Diskussion dieser Sitzung etwas konkreter gehabt.

  5. Daniel |  24.06.2009 | 10:37 | permalink  

    Das Interessante ist doch, dass die Analyse im Grunde nicht falsch ist, aber an ihrer eigenen Hybris scheitert. Natürlich braucht der Leser gerade angesichts der aktuellen Geschwindigkeit der Nachrichten und der Oberflächlichkeit der Meinungen Institutionen, die die Zeit und das Geld und den Anspruch haben, verlässliche Informationen zu sammeln. Der Erfolg von Zeit und FAZ/FAS spricht absolut dafür. Und auch die Abläufe in vielen DIskussionen in Blogs und Kommentarsträngen – die interessanteren der Kommentatoren beziehen sich sehr oft auf Studien von Think Tanks, Instituten oder großen Namen der Medienbranche. Den Kampf der Schnelligkeit werden die alten Medien und Einrichtungen immer verlieren – den der Tiefe können sie allerdings durchaus gewinnen, möglicherweise sogar den des Überblicks. Sie müssen nur mal anfangen, ihre Stärken auch zu nutzen.

  6. Das Ende der Medienindustrie - sind unsere Journalisten noch zu retten? » ronniegrob.com |  24.06.2009 | 11:40 | permalink  

    [...] Carta.info, Robin Meyer-Lucht: “Orientierungslosigkeit, Journalismus, Medienindustrie: Eine Endlosschreife, gerade” [...]

  7. »Lesenswertig« am 24. June 2009 | Denkwertig, der persönliche Blog von René Fischer |  24.06.2009 | 12:03 | permalink  

    [...] Orientierungslosigkeit, Journalismus, Medienindustrie: Eine Endlosschreife, gerade Shared um 09:39 Uhr via Delicious Erst Medienforum NRW, dann Thomas Leif: Man hat das Gefühl, ein Mediensystem im Abstieg zu besichtigen. Die Tabuisierung von Hinfälligkeiten ist derzeit wohl die Hauptwurzel allen unspirierten Sprechens über Journalismus. [...]

  8. Christoph Butscher |  24.06.2009 | 14:09 | permalink  

    Zu dem Thema gibt es von Susanne Lang auch einen Artikel im Freitag: http://www.freitag.de/alltag/0926-internet-journalismus-blog-mediendisput-blau-jakobs-berlin

  9. VioWorld |  24.06.2009 | 14:40 | permalink  

    Danke für den schönen und bissigen Beitrag, das passt ja zur Absage der PopKomm. Ob “Qualitätsjournalismus” oder “Urheberrecht” – als Schlachtruf taugen beide Begriffe nicht!
    Übrigens, der VioWorld-Blog wird im Juli eine Blogparade starten. Thema:”Net Powered Artists – wie Künstler das Internet nutzen”. Beiträge sind herzlich willkommen.

    Hagen Kohn

  10. Trendpiraten.tv–Reportage: Das medienforum.nrw im Zeichen der Krise | Trendpiraten Blog |  24.06.2009 | 18:29 | permalink  

    [...] zwischen hellgrau, Schönwetter-Machen und Pfeiffen im Dunklen lag (mit dieser Entschätzung liegen wir nicht alleine). Egal, wen wir auch befragten – Michael Schmid-Ospach (Filmstiftung NRW), Gernot Gehrke [...]

  11. Wo sind all die Blumen hin? | Open Source PR |  24.06.2009 | 22:32 | permalink  

    [...] eine teure Konferenzkarte kaufen. Es steht in Blogs wie Olafs “off the record” oder bei Carta und [...]

  12. Michael Bayer |  24.06.2009 | 23:25 | permalink  

    Danke für den Atrikel. Und: Herzlichen Glückwunsch zum Grimme-Online-Award 2009. Habt ihr verdient!

  13. Wittkewitz |  25.06.2009 | 00:02 | permalink  

    Herzlichen Glückwunsch an Euch! Gruß auch an Matthias…

  14. 5 vor 12 am 25. Juni 2009 - bertdesign.de |  25.06.2009 | 09:03 | permalink  

    [...] Orientierungslosigkeit, Journalismus, Medienindustrie: Eine Endlosschleife, gerade — CARTA – "Die Tabuisierung der Hinfälligkeiten im System Journalismus ist derzeit wohl eine Hauptwurzel allen unspirierten Sprechens über das Thema." [...]

  15. Desinvestieren für eine bessere Medienwelt - das Internet als Fanal und Hoffnungsträger — CARTA |  25.06.2009 | 17:08 | permalink  

    [...] orientiertes Denken also an vielen Orten, auch Robin Meyer-Lucht kann ein Lied davon singen. Interessanter aber als die Debatten um den Existenzerhalt gestriger [...]

  16. jepblog » Blog Archive » GASTBLOG: Zeigen wir’s ihnen |  07.07.2009 | 11:11 | permalink  

    [...] Meyer-Lucht vom “Carta”-Portal schrieb nach dem Besuch eines der Podien: “Die Weigerung, sich selbst infrage zu stellen und die neuen Rahmenbedingungen zu [...]

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