Justus Haucap | 13 Kommentar(e)
Unter deutschsprachigen Ökonomen ist eine Debatte über die Ausrichtung der Volkswirtschaftslehre ausgebrochen. Auf beiden Seiten dominieren bisweilen Wortführer, die mehr oder minder freimütig zugeben, die jeweils andere Forschungs- und Lehrausrichtung gar nicht zu kennen. Es fehlt ein gemeinsamer Bewertungsmaßstab.
22.06.2009 |
Viele CARTA-Leser werden es nicht unbedingt bemerkt haben: In Zeiten der größten Wirtschaftskrise mindestens seit der Ölkrise ist unter deutschsprachigen Ökonomen eine gewaltige Debatte ausgebrochen. Worum? Um die richtigen Maßnahmen zur Bewältigung der Krise? Weit gefehlt. Stattdessen streiten zwei Gruppen innerhalb der ökonomischen Profession an den Universitäten wie die Kesselflicker über die Qualität ordnungspolitischer Lehre und Forschung einerseits sowie die Relevanz mathematischer Methoden in der Wirtschaftswissenschaft andererseits. Zu beobachten ist eine vehemente, öffentliche Debatte um die Ausrichtung der Volkswirtschaftslehre an deutschen Universitäten. Austragungsschauplätze sind vor allem das Handelsblatt und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Ausgelöst wurde diese Debatte durch einen offenen Brief der beiden emeritierten Kölner Professoren Hans Wilgerodt (85) und Christian Watrin (78). In diesem Brief beklagen die beiden das Ende der Wirtschaftspolitik traditioneller Prägung an ihrer Alma Mater in Köln. Dort sollen einige bislang traditionell wirtschaftspolitisch ausgerichtete Lehrstühle umgewidmet werden, um eine international orientierte Gruppe von sechs jungen Makroökonomen zu gewinnen. Diese sechs Ökonomen – Rüdiger Bachmann (University of Michigan), Christian Bayer (Uni Bocconi, Mailand), Christian Hellwig (UCLA), David Jaeger (City University New York), Leo Kaas (Uni Konstanz) und Alexander Ludwig (Uni Mannheim) – sind zum Großteil eher theoretisch als empirisch ausgerichtet, wenn auch nicht ausschließlich.
Ob Olaf Storbeck wohl wusste, welche Diskussion er auslösen würde, als er über diesen Brief im Handelsblatt vom 17. Februar 2009 unter dem Titel “Der Kölner Emeriti-Aufstand” berichtete? Ich glaube kaum. Mich selbst überrascht die Intensität der Angriffe auf beiden Seiten und das Ausmaß, das die Diskussion mittlerweile angenommen hat.
Als erste Reaktion auf den offenen Brief von Wilgerodt und Watrin folgte ein offener Antwortbrief von Carl Christian von Weizsäcker (71), ebenfalls Emeritus der Kölner Fakultät, der die geplante Kölner Neuausrichtung verteidigt, und über den das Handelsblatt dann am 25. Februar 2009 ebenfalls berichtete (hier). Danach ging es dann Schlag auf Schlag.
Im mindestens wöchentlichen Rhythmus folgten nun Kommentare und Leserbriefe in FAZ und Handelsblatt (alles von Rüdiger Bachmann minutiös auf seiner Webseite dokumentiert). Das Handelsblatt unterstützt dabei prinzipiell die moderne Orientierung in der Wirtschaftspolitik, welche nach angelsächsischem Vorbeil stärker quantitativ ausgerichtet ist und die sich mathematischer Modelle und statistisch-ökonometrischer Methoden bedient. Die FAZ hingegen favorisiert die traditionellere, ordnungspolitische Ausrichtung der Wirtschaftspolitik, die sehr institutionell angelegt ist und in der die eher qualitative Analyse und die Überzeugungskraft verbaler Argumente dominieren.
Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte die Debatte mit einem Aufruf von 83 VWL-Professoren: Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universitäten!, publiziert in der FAZ vom 5. Mai 2009. In dem Aufruf wird die zunehmende Formalisierung der Wirtschaftstheorie kritisiert und die Tendenz, “aus jeweils gewählten Annahmen logische Schlussfolgerungen abzuleiten”. Eine solche Methodik garantiere formale Rigorosität, sei aber für die Analyse realweltlicher Wirtschaftspolitik wenig geeignet (nun ja, vermutlich immer noch besser natürlich als aus Annahmen unlogische Schlussfolgerungen abzuleiten). Das Problem sei aber, dass immer mehr Ökonomen die Realitätsnähe ihrer Analysen dem Ziel formal-logischer Stringenz opferten. Die VWL vernachlässige als Fach “zunehmend den Beitrag, den es zur Lösung praktischer wirtschaftspolitischer Probleme leisten könnte und sollte.”
Die Antwort kam in Form eines Gegenaufrufes von 188 VWL-Professoren und Forschern: Baut die deutsche VWL nach internationalen Standards um!, publiziert im Handelsblatt vom 8. Juni 2009. Dort wenden sich die Unterzeichner gegen das im ersten Aufruf “gezeichnete Zerrbild der modernen Ökonomik als reiner Wirtschaftslogik.” Die Unterzeichner wenden sich “aber auch gegen die weitere und international nicht übliche Zementierung der nicht fruchtbaren Trennung an deutschen Fakultäten zwischen Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik.” Stattdessen fordern die Unterzeichner “den an internationalen Standards und Strukturen ausgerichteten Aus- und Umbau der volkswirtschaftlichen Fakultäten, um so deutschen Universitäten eine führende Stellung in der internationalen Forschung in voller Breite und mit hoher Qualität zu ermöglichen.” Zugleich bemängeln die Unterzeichner, dass in der Bundesregierung kaum führende Vertreter der VWL zu finden seien (gemeint war hier vermutlich die wirtschaftspolitische Beratung in Deutschland im Allgemeinen).
Die Debatte ist damit keineswegs verstummt, sie wird vielmehr nahezu täglich durch weitere Beiträge gefüttert, alles wie gesagt sehr schön von Rüdiger Bachmann auf seiner Webseite dokumentiert. Was ist von der Debatte zu halten?
In Teilen stehen sich die Befürworter der beiden Seiten völlig unversöhnlich und auch unverstanden gegenüber. Auf beiden Seiten dominieren bisweilen Wortführer, die mehr oder minder freimütig zugeben, die jeweils andere Forschungs- und Lehrausrichtung gar nicht zu kennen, trotzdem aber sehr genau wissen, dass „ihre“ jeweilige Ausrichtung der anderen haushoch überlegen ist. Beide Seiten sprechen sich weitgehend – von nicht ernst gemeinten Höflichkeitsfloskeln abgesehen – gegenseitig jegliche Relevanz ab, machen sich gegenseitig dafür verantwortlich, die Wirtschafts- und Finanzkrise nicht vorhergesehen zu haben. Als Kunstgriff der Debattenführung werden auf der einen Seite schlechte Theoretiker mit hervorragenden Ordnungspolitikern verglichen und auf der anderen Seite hervorragende Theoretiker mit schlechten Ordnungspolitikern, um dann zu dem Schluss zu gelangen, dass man nichts, aber auch wirklich rein gar nichts von der anderen Seite lernen könne. Als Wissenschaftler kann man, so scheint es in der Debatte bisweilen, ohnehin nichts lernen, man kann dem Volk/der Politik nur ultimative Wahrheiten verkünden, die diese dann leider zu blöd sind zu verstehen. Dies wiederum ist natürlich das alleinige Versagen der Sendungsempfänger ;-)
Auch wenn ich hier Gefahr laufe abzuschweifen – ich beobachte unter vielen akademischen Ökonomen eine, wie ich finde, seltsame Haltung gegenüber der Politikberatung. Die Tatsache, dass der Rat vieler Ökonomen oftmals kein Gehör findet, wird oftmals allein der Politik angelastet, ebenso wie die Tatsache, dass wir im Bereich der VWL schon seit Jahren rückläufige oder konstant geringe Studierendenzahlen haben, den Studierenden angelastet wird oder den „unfairen“ Wettbewerbern (hier vor allem der BWL). Wenn das Produkt (Lehre bzw. wirtschaftpolitische Beratung) am Markt (sei es in der Politik oder unter Studierenden) keinen Absatz findet, könnte es auch sein, dass das Produkt nicht gut ist. Auf „Marktversagen“ würde ich erst als zweites tippen. Aus meiner Sicht gibt es hier in der Tat gewaltige Defizite in der Volkswirtschaftslehre, wie sie sich momentan in Deutschland darstellt.
Für mich stellen sich in dieser Debatte prinzipiell zwei Fragen, die eigentlich relativ unabhängig voneinander beantwortet werden können, und zwar:
1) Welche Richtung(en) sollte die VWL an deutschen Universitäten einschlagen?
2) Welche Art von Ökonomen sind am besten für die Politikberatung geeignet?
Für lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg haben weite Teile der deutschen VWL (und auch der BWL) eine Art Dornröschenschlaf, abgeschottet von der internationalen akdemischen “Community” geführt. Dies hat sich insbesondere in den letzten 15-20 Jahren gewandelt, ganz besonders in den letzten 10 Jahren. Eine deutsche VWL gibt es heute nicht mehr. In der allerjüngsten Zeit gibt es zudem den Trend, Forschungsleistungen von einzelnen Forschern und auch ganzer Fakultäten relativ schematisch anhand von Zeitschriftenrankings zu bewerten. Entscheidend für die gemessene Leistung eines Forschers ist die (gewichtete) Anzahl der Publikationen vor allem in internationalen Zeitschriften. Dies ist auch sehr bedeutsam für die Reputation in der relevanten Bezugsgruppe der Ökonomen an Hochschulen (und Forschungsinstituten).
Dass ein Erwachen aus dem Dornröschenschlaf, an dem auch die Studenten aufgrund rückständiger Lehre in Theorie und empirischen Methoden zu leiden hatten, ohne Alternative war, ist unbestritten. Dennoch möchte ich auf einen Punkt hinweisen: Ökonomie ist eine Sozialwissenschaft. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probeme in den USA sind nicht dieselben wie in Europa oder in Deutschland. Für internationale Zeitschriften sind spezifisch deutsche Probleme relativ (nota bene: nicht absolut) uninteressant und daher schwieriger zu publizieren. In internationalen Zeitschriften lässt sich am besten publizieren mit relativ allgemeinen Themen bzw., aufgrund der Größe des Marktes, mit Themen, die für die USA besonders relevant sind. Durch die sehr starke Fokussierung der Anreize hin auf internationale Zeitschriftenpublikationen besteht daher die Gefahr, dass spezifisch deutsche Probleme und Institutionen unterbelichtet werden bzw. ihre Erforschung nicht gleichermaßen gewürdigt wird. Es ist für Ökonomen an Universitäten daher weniger interessant, sich mit den institutionellen Details deutscher Märkte und Wirtschaftspolitik auseinander zu setzen, als mit allgemeineren Fragen, zumindest tendenziell, also “at the margin”.
Ist das gut so? Ich habe da eine gewisse Skepsis. Aufsätze in wissenschaftlichen Zeitschriften sind, auch wenn ein Ausschluss de facto praktiziert wird, nahezu grenzkostenlos mehrnutzbar. Für das Lesen eines Aufsatzes ist die verwendete Zeit zumeist ein wichtigerer Kostenfaktor als der Zugangspreis (z.B. über eine Datenbank wie JSTOR). Wer eine Erkenntnis produziert hat, ist für die wirtschaftspolitische Verwendbarkeit nahezu irrelevant, d.h. es spielt keine Rolle, ob ein deutscher Ökonom, ein indischer, ein britischer oder ein amerikanischer oder sonst irgendwer eine bestimmte Einsicht hatte. In internationalen Zeitschriften steht, was auch international von Interesse ist. Was hat der deutsche Steuerzahler davon, dass dieses Wissen gerade an deutschen Hochschulen produiziert wird und nicht in den USA? Spill-overs in die Lehre? OK, aber hier geht ja gerade der Trend in die Richtung, die besten Forscher zunehmend von Lehre zu befreien. Warum also sollte der deutsche Steuerzahler (da wir ja fast nur staatlich finanzierte Hochschulen haben) vor allem allgemein verwendbares Wissen unterstützen, das auch anderenorts produziert werden kann? Wäre es aus Sicht des Steuerzahlers nicht besser, primär solche Forschung zu finanzieren, die sich mit speziell deutschen und europäischen Fragen bzw. Regeln, Institutionen, Problemen beschäftigt? Ist es für den deutschen Steuerzahler tragisch, wenn Grundlagenforschung und allgemeine Zusammenhänge nicht in Deutschland erforscht werden, sondern sonstwo (gerade wenn man berücksichtigt, dass sich ökonomische Erkenntnisse auch nicht patentieren lassen, im Gegensatz zu medizinischen oder ingenieurwissenschaftlichen Forschungsergebnissen und somit dieses Wissen auch zur Verfügung steht, wenn es nicht in Deutschland generiert wird)? Wer eine “Therapie” erfindet, ist doch egal, wenn jeder sie benutzen darf.
Hat der deutsche Steuerzahler wirklich mehr von einer flächendeckenden internationalen Spitzenforschung als von einer stärker auf deutsche Probleme zugeschnittenen Forschung, die institutionelle Besonderheiten stärker berücksichtigt und sich dann ggf. weniger gut publizieren lässt (zumindest “at the margin” muss dieses Argument wie gesagt gelten)? Ich weiß es wirklich nicht, beides hat Vor- und Nachteile, was vielleicht wirklich für ein Nebeneinander anstelle einer ausschließlichen Ausrichtung in die eine oder andere Richtung sprechen würde. Ist es für den deutschen Steuerzahler wirklich so schlecht, dass sich die deutsche BWL eben auch sehr mit deutschen Themen (nicht nur bei Steuern und Bilanzen) befasst und international weniger sichtbar ist? Der Arbeitsmarkt scheint dies – gemessen an Einstiegsgehältern der Absolventen – jedenfalls durchaus zu honorieren. Wir haben in der VWL zumindest in manchen (sicher nicht in allen) Feldern erhebliche Defizite, was die wirtschaftspolitisch relevante Forschung angeht, die auch die institutionellen Besonderheiten berücksichtigt.
Insgesamt fehlt mir in der Diskussion der Bewertungsmaßstab. Beide Gruppen scheinen “ihre” Art der Forschung für besser zu halten, wobei die Bewertungskriterien nicht dieselben sind. Wirtschaftspolitische Relevanz (wie auch immer gemesen) einerseits, möglichst hochrangige Publikationen in ökonomischen Fachzeitschriften andererseits. Dass die Abschottung der VWL in Deutschland vom Rest der Welt wie früher und die ehemals übliche Berufungspolitik (wie in dem o.g. Brief von C.C. von Weizsäcker geschildert) auch für den Steuerzahler mindestens “suboptimal” ist, steht außer Frage. Spannender ist, wie weit die Internationalisierung vorangestrieben werden soll und wie viel Wert auf internationale Publikationen und wie viel auf eher nationale und wirtschaftspolitisch orientierte Engagements gelegt werden soll. Ist bei einer starken Betonung von Publikationsleistungen in internationalen Journalen nicht doch eine Überbetonung wissenschaftlicher Rigorosität der Methoden gegenüber wirtschaftspolitischer Relevanz, zumindest aus deutscher Sicht, zu befürchten? Hier wird zum Teil darauf verwiesen, dass ja auch durchaus beides möglich ist. Das ist im Einzelfall (bzw. einer ganzen Reihe von Fällen) richtig, aber mir geht es um das systematische Argument. Einzelschicksale zählen da nicht – systematisch werden die Anreize aus meiner Sicht momentan durchaus stark in Richtung Rigor und zu Lasten der Relevanz ausgerichtet.
Sehr erhellend finde ich dazu den Vortrag von Alfred Wagenhofer auf der Jahrestagung des Verbands der Hochschullehre für Betriebswirtschaftslehre (VHB) im Mai 2007 (also vor dem Methodenstreit in der VWL), der genau diesen Punkt für mich durchaus überzeugend macht. Ich teile durchaus die Befürchtung, dass das Pendel zu weit ausschwingt und sich die ökonomische Forschung in Deutschland, nach der früheren Abschottung von der internationalen Wissenschaft, nun bei einer einseitigen Betonung von Publikationsrankings zu sehr um theoretische Fragen allgemeiner Natur oder um globale ökonomische Themen dreht und zu wenig um speziell deutsche und europäische Themen und Institutionen.
Schließlich noch ein paar Sätze zur Frage der Politikberatung. Ich will das auch vor dem Hintergrund meiner eigenen Rolle nicht allzu sehr vertiefen, aber meine Erfahrung ist doch die, dass Forschung und Politikberatung nicht genau dieselben Talente und Fähigkeiten erfordern. Dies jedoch scheint mir der Gegenaufruf der 188 zu suggerieren. Ob Ben Bernanke ein besserer Zentralbanker ist als Jean-Claude Trichet, weil Bernanke besser in akademischen Fachzeitschriften publiziert hat? Keine Ahnung. das ist so ähnlich wie zu behaupten, dass nur Spitzenfußballer auch gute Trainer werden können. Sind Jürgen Klopp und Otmar Hitzfeld schlechte Trainer, weil sie keine echten Spitzenfußballer waren? Oder ist gar Lothas Matthäus ein guter Fußball-Trainer, weil er ein exzellenter Fußball-Spieler war? Hmmm…wirtschaftspolitische Beratung erfordert unter Anderem auch die Bereitschaft, sich mit zahlreichen institutionellen Details auseinanderzusetzen (denn dort steckt oft der Teufel drin) und ein gewisses Verständnis der Rechtswissenschaft. Viele Juristen haben den Ökonomen hier durchaus etwas Wichtiges voraus: Sie kennen die institutionellen Details und wissen, worüber sie reden. Ein von der bestehenden Rechtsordnung völlig losgelöstes Philosophieren ist hingegen nur manchmal hilfreich – in der Regel ist es besser, wenn wenigstens ein Bezug zum bestehenden Rahmen erkennbar ist, sodass Veränderungsbedarf und auch -möglichkeiten auch identifiziert werden können. Das scheint mir manchmal in der Ökonomie zu fehlen.
Was ich am Ende auch noch loswerden will: Besonders geärgert hat mich persönlich in dieser ganzen Debatte ein Beitrag des Wirtschaftsinformatikers Professor August-Wilhelm Scheer, ehemals BWL-Professor in Saarbrücken, der in der Süddeutschen Zeitung vom 09.05.2009 wortreich die Mathematisierung der VWL beklagt hat. Vor etwa 15 Jahren war er nicht unmaßgeblich an der Schließung der Saarbrücker VWL beteiligt, damals einer wirtschaftspolitischen und institutionenökonomischen Hochburg in Deutschland. Die sog. „Saarbrücker Schule“, die auch die Redaktionsräume der FAZ lange mitgeprägt hat, zeichnete sich dadurch aus, dass wirtschaftspolitische Aussagen stets theoretisch abgeleitet und empirisch basiert wurden. Gerade bei Rudolf Richter und Werner Pommerehne wurden Empirie und Theorie in hervorragender Weise miteinander verknüpft. Saarbrücken war vor etwa 20 Jahren schon da, wo andere erst jetzt ankommen. Die Fakultät war international eng vernetzt und zugleich lange eine Hochburg wirtschaftspolitischer Beratung in Deutschland. Dass Professor Scheer nun das angebliche Fehlen wirtschaftspolitisch relevanter Forschung und Ausbildung kritisert, nachdem er zur Beerdigung just eines solchen Modells beigetragen hat, kommt mir doch etwas – sagen wir einmal – schelmenhaft vor.


Alsowattenun:
“…man kann dem Volk/der Politik nur ultimative Wahrheiten verkünden”
oder
“…man kann dem Volk/der Politik nur ultimativ Wahrheiten verkünden”
oder war denn doch
“…man kann dem Volk/der Politik nur ultimate Wahrheiten verkünden”
gemeint? Ja? Warum dann nicht gleich schreiben?
Versteh einer Deutsch!
oas
Eine durchaus gute Darstellung des Problems, insbesondere weil sie (ganz gut versteckt) eine wichtige Schlussfolgerung beinhaltet. Denn wo ist des Pudels-Kern? Doch wohl nicht darin, dass es den quantitativ arbeitenden Ökonomen gänzlich fern oder gar verboten wäre sich in der Politikberatung zu engagieren – wie man manchmal meinen könnte, wenn man die Statements in den großen deutschen Tageszeitungen verfolgt.
Man mag der Ansicht sein, dass Politikberatung bzw. normative Ökonomik nur für solche Wissenschaftler offen stehen sollte, die gleichzeitig auch abstrakte theoretische Modelle kalkulieren oder ökonometrische Untersuchungen zu (wenn es die Daten zufällig hergeben auch mal) wichtigen Fragen durchführen. Das Problem liegt aber in dem was dabei an Humankapital produziert wird und im Mechanismus durch den dies zu stande kommt: Der liegt im Maßstab für den Ökonomen – in den geschilderten Berufungsverfahren und allen Versuchen Qualität zu evaluieren. Diese richten sich nämlich fast ausschließlich nach Journal-Artikeln – und die vor allem nach der formalen Rigorosität in den Modellen.
Und hier beginnt der Anreiz der in der ganzen Diskussion meist auf der Strecke bleibt, weil sich die Wissenschaftler eben gerne mit Wissenschaft und ungern mit Ausbildung und Lehre beschäftigen: Der Anreiz für den Nachwuchs, sich vornehmlich mit komplexen quantitativen Methoden auseinanderszusetzen, steigt rapide an. Doktorandenstellen werden an die guten Mathematiker vergeben und nicht an diejenigen mit institutionellem Wissen und einem Blick für die praktischen-ökonomischen Probleme. Die bleiben gar auf der Strecke. Das Problem wird zum Bandwurm für die Ökonomie und zur Einbahnstraße für die Praxis!
Denn die Praxis, die Berufsfelder auf denen sich Volkswirte tummeln, hat in der Ökonomie deutlich weniger mit der Forschung, mit Spieltheorie und Ökonometrie zu tun, als in den exakten Wissenschaften. Die moderne Ökonomie, die mit großem Aufwand kleine Zusammenhänge untersucht, ist Grundlagenforschung – wichtig um das Grundverständnis zu erweitern aber alleine nicht produktiv nutzbar. Nicht zuletzt deshalb arbeiten in den betroffenen Aufgabenfeldern heute schon vielfach Juristen, weil diese eben Erfahrung mit den Strukturen mitbringen und mehr Nutzen stiften als der promovierte Volkswirt, der vier Jahre an einem abstrakten Modell gerechnet hat.
Das Ergebnis dieses Mechanismus, das “systematische” wie Haucap es nennt, ist das eigentliche Dilemma. Schön wäre es, wenn das in der Diskussion noch klarer herauskäme.
Normalerweise mißt man eine Wissenschaft an der Präzision ihrer Vorhersagen. Mich würde sehr interessieren, wie die Volkswirtschaft in dieser Hinsicht abschneidet.
[...] momentan ist eine für akademische Kreise hitzige Diskussion entfacht. Oder wie Justus Haucap bei Carta.info formuliert: Viele CARTA-Leser werden es nicht unbedingt bemerkt haben: In Zeiten der größten [...]
es handelt m.E. sich bei der diskussion um einen ausfluss eines grundsätzlichen problems, dass sich aus dem rational choice ansatz ergibt, nämlich dem Endogenesierung-Programm. Meines Wissens wird die institutionelle Ökonomie, die Handlungsanweisungen ableiten möchte, im Prinzip dahingehend kritisiert, dass sie unabhängige Akteure annimmt, nämlich z.B. den Staat, der bestimmte Instrumente hat, mit den er auf bestimmte Art und Weise in das Wirtschaftsgeschehen eingreifen kann. Die Gegenseite kritisiert dies, da sie den Staat, bzw. die Akteure, die den Staat “ausmachen”, als Teil des Wirtschaftsgeschehens betrachtet, also nicht als unabhängig betrachtet. M.a.W. werden diese Akteuere mit ihren Zielen und Abhängigkeiten in den Wirtschaftskreislauf einbezogen, also endogensiert. Das Problem besteht darin, dass der Einwand einerseits berechtigt erscheint, aber andererseits diese Annahme erstens die normative Frage aufwirft, ob der Mensch erstens überhaupt etwas im Wirtschaftsgeschehen regeln kann (implizit wird hierdurch auch eine Laissez-Faire-Ökonomie legitimiert), und zweitens das Paradoxon aufgeworfen, dass der Mensch scheinbar sehr wohl in das Wrtschaftsgeschehen eingreift. M.E. mangelt es der theoretischen Ökonomie gerade wg. dem zweiten Problem an einem echten Gegenmodell. Staatliche Akteure Ziele und Abhänigkeiten zu haben, die sich nicht direkt in das konventionelle Modell integrieren lassen. Etwas konkreter gesprochen scheinen Menschen neben monetären Interessen auch ordnungspolitische Ziele zu haben, die sich selbst nicht unmittelbar wieder auf monetäre Ziele zurückführen lassen. Hier sollte die theoretische Ökonomie sich auch an die eigene Nase fassen und sich überlegen, warum sie denn neue Theorien und Paradigmen produziert, wenn dies entweder ohnehin keinen Einfluss hat, da auch die wissenschaftlichen Aktuere endogesiert weden müssten. Falls dies nicht so, müssen sie sich die Frage gefallen lassen, warum ausgerechnet sie unabhängig im Wirtschaftsgeschehen sind.
[...] a comment » Der Methodenstreit in der deutschen Ökonomie, den Justus Haucap bei Carta für alle zusammenfasst, die ihm nicht von Anfang an gefolgt sind: Auf beiden Seiten dominieren [...]
Als institutionenökonomisch orientierter Ökonom, ausgebildet an einer “mittelprächtigen” Uni, kann ich nur bestätigen, dass insbesondere das Grundstudium bzw. Bachelorstudium eine Quälerei durch die tradierten abstrakte Modelle bedeutet, deren Nützlichkeit sich v.a. während des Studiums nicht erschließt. Ich kann jeden verstehen, der hier entsetzt das Handtuch wirft. Die “formale Rigorosität der Modelle” ist, denke ich, gleichzeitig das Geheimnis deren Fortbestands: Sie sind schön greifbar, weiterentwickelbar, in sich argumentativ geschlossen und müssen nicht die Berechtigung einfordern wie etwa qualitative Forschung. Deswegen wird ja auch in der Institutionenökonomik (leider?) immer mehr formalisiert und mathematisch abstrahiert. Gleichzeitig aber lässt sich in den (sonstigen) Sozialwissenschaften eine immer stärker von der ökonomischen Lehre beeinflusste Argumentation beobachten, und hier liegt sicherlich die große Chance: Im gegenseitigen Befruchten, was zB eine Politikberatung durch einen Ökonomen auch einfordert.
Also, mir ist die Debatte zu konfrontativ. Der Artikel ist übrigens sehr gut, insbesondere der Aspekt, dass sich allgemeine Ökonomische Fragen in amerikanischen Fachzeitschriften besser publizieren lassen, und daher konkrete empirische Forschung mit Einbeziehung deutscher oder europäischer Institutionen lediglich auf nationale Probleme stützen. Ich glaube, dass es nur ein gesunder Mix beider Methoden dauerhafte Substanz hat. Die Ökonomie ist eine Sozialwissenschaft und sollte durch mathematische Formalisierung nicht so kompliziert werden, dass sie nicht mehr zielführend ist.
Aber es sollte auch allen klar sein, dass makrökonomische Themen nur durch empirische Methoden erforscht werden können, da wir ja auf makroökonomischer Ebene keine Experimente durchführen können. Dort kann man schließlich nur statistische Daten sammeln, Zusammenhänge erkennen, und aus diesen Rückschlüsse für das politische Handeln ziehen.
Meiner Ansicht nach muss die Ökonomie sogar einen völlig neuen Weg einschlagen und neue Themenfelder beackern, die sie in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt hat.
Wir leben heutzutage in einer vernetzten Welt, in der wir täglich für private und berufliche Zwecke Stunden im Internet verbringen.Sei es mit dem Notebook oder PC am Arbeitsplatz, mit dem Netbook im Café oder mit dem Smartphone in der S-Bahn. Das Internet spielt für unser tägliches Leben und unsere täglichen Konsumentscheidungen so eine dominante Rolle, das das Internet als Medium unsere Lebensgewohnheiten verändert hat. Wir treffen meist eine Kaufentscheidung über das Internet bevor wir einen Laden betreten, insbesondere bei Elektronikartikeln, wir pflegen Freundschaften und Kontakte über das Internet, wir hören Musik über den Computer, wir informieren uns über das Internet statt über die Tageszeitung, wir buchen Reisen über das Internet etc. wir suchen eine Wohnung oder ein Auto über das Internet etc. . Die Informationsgesellschaft hat sich somit so verändert und die Globalisierung vorangetrieben, dass wir neue ökonomische Theorien entwickeln müssen (z.B. Long Tail Theorie). Viele politische Debatten und Aufgaben drehen sich auch massgeblich um das Internet (Urheberrecht, Internetzensur, Kopierschutz, Wirtschaftsspionage über das Internet, etc.). Somit ist auch viel Platz für neue ökonomische Theorien.
[...] Methodenstreit. [...]
aktueller Bericht über den Methodenstreit: Verhaltensökonomik statt Modell-Schreinerei – Warum sich die Wirtschaftstheorie vom Leitbild des „Homo oeconomicus” verabschieden sollte.
http://www.ne-na.de/verhaltens-konomik-statt-modell-schreinerei-warum-sich-die-wirtschaftstheorie-vom-leitbild-des-homo-oeconomicus-verabschieden-sollte/
[...] Germany there has been some kind of Methodenstreit which is summarized in Carta. More details are on Rudi Bachmann’s homepage. For those who understand German, the plea for [...]
Zu konfrontativ ist richtig, aber aus welchem Grund ist sie das? Ich als Soziologin vermute reflexartig, dass die aktuelle Diskussion vor einem realpolitischen Hintergrund stattfindet, der da sein könnte: Anhänger beider Theorien haben bunt gemischt mit ihren wirtschaftspolitischen Ansichten versagt; die eine Seite, weil sie nur mathematisch stimmige Beweisführungen vorlegt, für die zu Verallgemeinern und auf Situationen anzuwenden man weitere Geniestreiche benötigt; die andere Seite, weil sie mit pseudomathematischen Modellen Beziehungen abstrahiert die aus dem politischen Kontext gerissen von einem Dilemma in das nächste Paradox laufen und aus tatsächlich gesellschaftspolitischer Sicht nicht mehr brauchbar sind. Ich denke oft – warum gibt es nicht eine anerkannte, komplette Modellierung der kapitalistischen Wirtschaftsweise, nach der man in diesem Sektor, der sich Wissenschaft nennt, arbeitet? Da fällt mir auf – es gibt ja ein Modell, aber es ist von einem Mann dessen Name nicht genannt werden darf, weil er gesellschaftspolitische Schlussfolgerungen aus seinen politisch-ökonomischen Thesen zog. Wird doch mal Zeit, den wieder zu lesen, denke ich.
Für mich als Praktiker (Dipl.-Kfm., Kölner Schule 1960-1965) ist dieser Methodenstreit für die praktische Politikberatung völlig uninteressant. Wenn sie in diesem Lande je stattfand, dann hat sie bereits 1957 aufgehört, als dieser Staat von der “Sozialen Marktwirtschaft” in die “Soziale Umverteilungswirtschaft” umgestellt wurde oder war eben hundsmiserabel. Und was ist dabei “hinten rausgekommen”, wie einer der Strategen, Herr Kohl, immer zu sagen pflegte? – Grob gesagt: ein gewaltiger Schuldenberg, der rasant weiterwächst.
Den Ruf von Walter Eucken und Wilhelm Röpke nach dem Kriege in diese Republik, dass der angloamerikanische liberale Utilitarismus (Kapitalismus) durch den Ordoliberalismus mit einem starken Staat zu überwinden wäre, haben hier eigentlich nur Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard gehört und auch verstanden. Müller-Armack formulierte 1947 die Richtung: „Das Ziel muss eine freie Marktwirtschaft sein, die mit sozialer Sicherung, die der Marktwirtschaft konform ist, umgeben wird“. Die politischen Strategen (Strategos = Feldherr) der Nachkriegszeit, an Ihrer Spitze Konrad Adenauer, haben das nie verstanden bzw. nicht verstehen wollen. Sie haben zwar das Sozialstaatsgebot in die Verfassung geschrieben (z.B. Art. 20 GG), bereits früh aber schon dem Konformations- bzw. Subsidiaritätsprinzip den Verfassungsrang vom BVerfG absprechen lassen (Müller-Armacks Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik in Köln, Hans Willgerodt, Neffe von Wilhelm Röpke, seinerzeit: Er sei schon froh, dass das BVerfG nicht die Soziale Marktwirtschaft für verfassungswidrig erklärt hat). Wohlgemerkt, unter dem Jubel der Massen, denn nach Eröffnung des „Sozialen Umverteilungsstaates“ 1957 (Einführung der „Volksversicherung“) an Stelle der „Sozialen Marktwirtschaft“ haben alle geglaubt, sie wären bei der Verteilung der Wohltaten ganz vorne. Das war ein Irrtum, denn bekommen haben nicht die Bedürftigen, sondern die, die politische Willensbildung beeinflussen konnten – und meistens auf Pump.
Heute sehen schon einige das Ergebnis: Dieser Saat (Bund, Länder, Gemeinden) hat inzwischen eine Schuldenlast von fast 7 Bio. Euro oder rd. 240 % des BIP angehäuft, mit steigender Tendenz (z.B. EU-Rettungsschirm, weitere Bankenrettung etc.), die er in den nächsten Jahren auch bei rückläufiger Wirtschaftsentwicklung bedienen muß. Da hilft nur noch ein lautes Pfeifen im Walde, damit man das röcheln unter den Abgabenlasten nicht hört.