Matthias Schwenk

Aggregation ist die neue Ressource: Die Verlage überschätzen den Wert ihrer Inhalte

Matthias Schwenk | 12 Kommentar(e)


Ohne Bezahlmodelle sieht es für viele Verlage im Internet schlecht aus. Deshalb wird jetzt fieberhaft an Modellen für Paid Content gearbeitet, auch eine GEMA für Onlinetexte ist in Planung. Helfen wird das alles freilich nicht.

11.06.2009 | 

Abo oder Flatrate? Wolfgang Michal (hier auf Carta) gibt sich überzeugt, dass es nicht mehr um das “ob”, sondern nur noch um das “wie” des Bezahlens für Inhalte im Internet geht. Mächtig Flankenhilfe bekommt er dieser Tage von deutschen Verlagen, die ein Leistungsschutzrecht für ihresgleichen nach dem Modell der GEMA einrichten wollen. Die FTD bemerkt in ihrem Artikel dazu treffend, dass damit die institutionelle Basis für eine Kulturflatrate gelegt werden könnte.

Die Frage ist nur, ob das auch funktioniert. Paul Bradshaw, Medienwissenschaftler an der Birmingham City University, ist da skeptisch und bringt das in einer Präsentation gut auf den Punkt (via Hugo E. Martin).

Ausführlicher wird er in diesem Blogartikel, in dem er begründet, warum sich Verlage massiv umstellen müssen, wenn sie mit Paid Content Erfolg haben wollen. Ähnlich sieht es Jakob Augstein, der in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau den klasischen Tageszeitungen keine große Zukunft mehr voraussagt.

Paid Content (über Abo-Modelle) hat in bestimmten Marktsegmenten zweifellos Erfolg. In der Breite wird das aber nicht funktionieren können, weil den damit verbundenen Inhalten etwas Wesentliches fehlt: Sie sind nicht mehr Teil des öffentlichen Diskurses, wie er sich in Blogs, Social Networks und auf Twitter entfaltet.

Das angedachte Leistungsschutzrecht (“GEMA”) wird eine solche Situation noch weiter verschärfen. Damit nämlich kann es schon rechtlich bedenklich werden, auf bestimmte Medien bzw. deren Artikel auch nur zu verlinken, geschweige denn daraus zu zitieren. Die Verlage werden so aber nur einen Pyrrhussieg erringen: Ihre Inhalte werden gut geschützt sein, nur leider spricht kaum mehr jemand darüber.

Die Befürworter von Paid Content und Leistungsschutzrechten mögen sich deshalb am Bezahlfernsehen und dessen wirtschaftlichen Erfolg orientieren. Speziell den Zeitungen sollte hier die “mediale Relevanz” ein Lehrstück sein: Welches Medium etwa bespricht schon Filme des Pay-TV? Dessen Inhalte sind bis heute nicht Teil des öffentlichen Diskurses und so wird es auch dem Paid Content des Internets gehen. Nicht mehr im Gespräch zu sein ist aber so ziemlich das Schlimmste, was Medien passieren kann.

So bleibt eigentlich nur noch die Hoffnung auf eine (Kultur-) Flatrate, als Aufschlag etwa auf die Kosten jedes DSL-Anschlusses. Die Freunde dieser Lösung übersehen aber, dass die praktisch unüberschaubar große Anzahl von Inhalteanbietern jede auch nur annähernd gerechte Verteilung der Einnahmen unmöglich macht. Oder will man dafür vielleicht Qualitätskriterien einführen, so dass nur Autoren mit Presseausweis bzw. “Qualitätsmedien-Führerschein” partizipieren könnten?

Clay Shirky bringt es auf den Punkt, wenn er (auf Twitter) feststellt, dass es im Internet nicht mehr um “Publizieren”, sondern darum geht, etwas “öffentlich zu machen”. Die Möglichkeit dazu hat jetzt jeder. Deshalb kann man zwar eine Art Steuer auf DSL-Anschlüsse erheben, die Verteilung der Einnahmen aber muss praktisch wieder jeden einschließen, der sich im Internet äußert, alles andere wäre eine Diskriminierung und damit vermutlich verfassungswidrig.

Was immer also die Verlage planen und einführen, es wird wenig Wirkung zeigen und sich im Zweifel gegen sie selbst richten. Denn das Internet funktioniert eben nicht nach der Logik der (alten) Massenmedien, sondern hat einen ganz eigenen Charakter. Dazu gehört auch der unbequeme Faktor, dass jetzt die Quellen für Nachrichten zunehmend selbst zu Medien werden.

Barack Obama etwa kann es egal sein, ob die New York Times eine Paid Wall um ihre Inhalte errichtet oder nicht: Alles (aus seiner Sicht) Wichtige über die Politik seiner Präsidentschaft gibt es auf der Website des Weißen Hauses kostenlos zu sehen, wichtige Reden (wie neulich in Kairo) sogar als Live-Video.

Vor diesem Hintergrund dürften es sogar Micropayments schwer haben, denn Politik und Unternehmen wissen um die Möglichkeiten der Selbstinszenierung im Web und machen immer stärker davon Gebrauch. Die Rolle der Medien als vermittelnde bzw. überbringende Instanz schrumpft damit ohnehin. Die Leser im Internet tun ein Übriges, indem sie sich gegenseitig über Social Networks auf interessante Inhalte hinweisen und größere, live übertragene Ereignisse etwa über eine Twitterwall oder einen öffentlichen Chat kommentieren und diskutieren. Wer so direkt partizipiert, liest vermutlich auch keine Leitartikel mehr, bei allem Respekt vor der Leistung der klassischen Zeitung.

Es hilft also nichts. Verlage und Medienhäuser werden sich nicht gegen den Medienwandel stellen können und sollten weniger an Paid Content und Flatrates denken, sondern an neue Geschäftsmodelle. Dazu ist es aber erforderlich, das Internet genau zu kennen.

Wenn allerdings Jeff Jarvis (im Interview mit Ulrike Langer) im Jahr 2009 noch fordert, dass Journalisten zunächst einmal die neuen Medien und Techniken des Internets erlernen und anwenden sollten, ist das kein gutes Zeichen für die Zukunftsfähigkeit einer ganzen Branche.

Eine Kostprobe des Niveaus, auf dem hier inzwischen diskutiert werden muss, gibt ein kurzer Ausschnitt aus einem Diskussionsbeitrag von Fred Wilson (AVC Blog), einem der bekannteren Venture Capitalists in den USA:

Seiner Auffassung nach geht es jetzt darum, auf der Ebene von Aggregatoren zu denken, über die diverse Kanäle (“Channels”) parallel bedient und beobachtet werden können. Wäre das nicht auch etwas für Medienhäuser? Sie könnten solche Clients entwickeln, mit eigenen Inhalten anreichern und zugleich ihren Lesern damit die Möglichkeit geben, zu twittern und ihre Profile auf diversen Social Networks zu managen.

“People want to pay to express themselves”, sagt Joi Ito und schlägt damit in dieselbe Kerbe. Das aber ist eine Lektion, die Medienhäuser vermutlich nur schwer oder gar nicht lernen werden: Sie kommen von den eigenen Inhalten und dem Glauben an deren Bedeutung einfach nicht los.

So gesehen können ihnen ein Leistungsschutzrecht und auch der Paid Content bzw. die Kulturflatrate nicht helfen. Denn das Internet ist ganz anders und macht, was seine Nutzer wollen und nicht, was Verlage gerne hätten.

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12 Kommentare

  1. Wolfgang Michal |  11.06.2009 | 18:10 | permalink  

    Natürlich haben die Zeitungen keine große Zukunft mehr. Davon sollte man beim jetzigen Kenntnisstand ausgehen (die E-Zeitung wird dann behelfsweise – als Übergangslösung – per E-Mail-Anhang aufs Smartphone geschickt).

    Klar ist das Internet viel mehr als nur Journalismus. Und klar ist auch, dass wir versuchen sollten, den Grundgedanken des Netzes zu verteidigen: ein möglichst barrierefreier gemeinsamer Raum für alle zu sein.
    Deshalb sind all die kleinteiligen Lösungen für den Internet-Sonderfall Netzjournalismus (Micropayment, Sponsoren etc.) bestenfalls Nischenlösungen. Wenn wir das Netz nicht in lauter kleine Stücke zerreißen wollen, brauchen wir eine umfassende, wenig zeitraubende, einfache, nicht zu teure und für möglichst viele Nutzer möglichst unbürokratische Lösung. Das ist z.B. bei der Rundfunkgebühr der Fall (von der sich übrigens viele Nutzer befreien lassen können).

    Was die professionellen Inhalte-Anbieter, Verlage, Autoren etc. angeht: Auch jetzt ist es schon so (und würde es wohl auch in Zukunft sein), dass nur diejenigen an den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften teilnehmen, die das möchten und dort angemeldet sind (und die Mindestvoraussetzungen erfüllen).
    Sicher sind da viele Probleme zu lösen, um niemanden zu übervorteilen, aber komplexe Gesellschaften müssen halt auch komplexe Dinge regeln können. Den Kopf in den Sand stecken hilft nicht.

  2. Ulrike Langer |  11.06.2009 | 22:26 | permalink  

    Ich sehe die rechtliche Grundlage für eine Kulturflatrate als Pauschalabgabe nicht. Die Rundfunkgebühren wurden ersonnen, um im Zeitalter knapper und teurer Frequenzen einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu finanzieren. Darauf kann man sich bei der privaten Presse im Internet nicht berufen. Der Grund dafür, dass sie überhaupt diskutiert wird, ist ja auch ein anderer: ”Jemand” soll dafür aufkommen, dass die zweistelligen Renditen der Verlage im Internet nicht zu halten sind. Das ist aber Geschäftsrisiko. Schafft man hier eine Grundlage, dass dieses Geschäftsrisiko per staatliches Dekret auf die Nutzer umverteilt wird, dann kann man auch gleich weitermachen: Als nächstes halten die Buchhandlungen die Hand auf und fordern eine ”Präsenz-Flatrate” für das teure Bereithalten von Büchern in Filialen, weil seit Amazon die Renditen gesunken sind. Und dann die Reisebüros…

    Bei der Leistungsschutzabgabe wiederum sehe ich die Problematik genau wie Du: Wer dafür bezahlen soll, per Verlinkung einer Website zusätzliche Nutzer zu verschaffen, der lässt es eben bleiben. Dieses Modell wird, sollte es tatsächlich dazu kommen, wohl ganz schnell wieder abgeschafft werden, weil die Werbeeinnahmen der von der Abgabe effektiv hermetisch abgeriegelten Portale in den Keller sinken werden.

  3. Jack |  11.06.2009 | 22:43 | permalink  

    Naja ganz so wird der Journalismus auch nicht verschwinden. Invetigativer Journalismus, ein (Minimum) an Nachrichtendiensten usw. wird es wahrscheinlich immer geben. Aber ansonsten kann ich mich vor allem mit der Idee des Aggregierens anfreuden.

    Stark verkürzt betrachtet bedeutet das Internet schließlich ein (übergroßes) Angebot an Informationen. Und je größer das Angebot ist, desto mehr verliern Informationen normal an Wert. Aber die Informationsfilterung gewinnt dadurch an Bedeutung und nichts anderes ist Aggregation…

  4. mekoma.com» Blogarchiv » TEST : Aggregation ist die neue Ressource |  12.06.2009 | 01:02 | permalink  

    [...] Ohne Bezahlmodelle sieht es für viele Verlage im Internet schlecht aus. Deshalb wird jetzt fieberhaft an Modellen für Paid Content gearbeitet, auch eine GEMA für Onlinetexte ist in Planung. Helfen wird das alles freilich nicht. (weiter) [...]

  5. Matthias Schwenk |  12.06.2009 | 11:05 | permalink  

    @Wolfgang: Würde nicht eine Kulturflat am Ende im gleichen Dilemma landen wie heute schon die öffentlich-rechtlichen Sender? Obwohl sie gut von den Einnahmen der GEZ leben können, schielen sie bei der Programmgestaltung stark auf die private Konkurrenz und werden dadurch über weite Strecken ziemlich seicht in ihrem Programm. Prompt kommt immer mal wieder die Forderung hoch, man möge die GEZ abschaffen und ARD und ZDF den privaten Sendern gleichstellen.

    Auch unter einer Kulturflatrate müssen sich subventionierte Anbieter immer auch dem Wettbewerb um Seitenaufrufe stellen und sich ggf. an konkurrierenden Angeboten orientieren, die sich (aus welchen Gründen auch immer) aber unabhängig finanzieren können. Ein latentes Legitimationsproblem wird es also immer geben.

  6. Wolfgang Michal |  12.06.2009 | 17:01 | permalink  

    Wenn ich vergleiche, was ich für 17 Euro im Monat bekomme: Entweder viele öffentlich-rechtliche Programme (ARD, ZDF, Dritte, 3SAT, Arte, DLF usw.) oder eine halbe Süddeutsche Zeitung, dann wüsste ich, was ich wählen würde. Und würde nur ein Bruchteil der Gebühreneinnahmen ins Netz fließen – was könnte man für tolle Sachen produzieren!

    Die Legitimationsprobleme lösen sich, wenn man darüber nachdenkt, was für eine Demokratie sinnvoll und notwendig ist. Der französische Europapolitiker Robert Schuman hat mal festgestellt: Nicht die Kultur ist ein Teil des Marktes, sondern der Markt ist ein Teil der Kultur.

  7. Steffen |  12.06.2009 | 17:11 | permalink  

    Verlage in D müssen sich vor allem mit dem Internet beschäftigen. Das die Information an sich keinen Wert mehr hat, ist ja nun allgemein bekannt. Das die Geschichte mit dem Mehrwert funktionieren kann, zeigt das Beispiel superchirp.com in den USA.

    Zum Beispiel Obama gebe ich zu bedenken, dass sich die Situation in Deutschland vollkommen anders darstellt. Obama stellt Informationen online, die Britische Regierung arbeitet an einem Portal um Bürgern zentral Daten zur Verfügung stellen. All das fehlt in Deutschland, die Alternative hier sind “Propaganda”-ähnliche Podcasts u.ä.

    Hätten wir nicht die öffentlich-rechtlichen, sähe ich richtig schwarz für Deutschland.

  8. Dennis Okon |  12.06.2009 | 19:22 | permalink  

    Also das Information an sich gar keinen Wert hat, glaube ich nicht!
    Besonders die lokalen Informationen stellen für die Verlage eine strategische Ressource dar. Wer sonst, außer die lokalen Medien, haben das Recht, Informationen von Ämter und Behörden zu fordern? Wer sonst hat so gute Kontakte zu Politik und Unternehmen in den einzelnen Regionen? Das kann niemand so schnell imitieren/substituieren und stiftet dem Leser letztendlich Nutzen. Noch gibt es die gedruckte Zeitung, wo all diese Informationen abrufbar sind. Das bedeutet, es gibt keine Knappheit und deshalb gibt es auch dafür im Internet keine Zahlungsbereitschaft und somit keinen Preis. Aber wenn es jetzt die gedruckte lokale Zeitung nicht mehr geben würde?! Meiner Meinung nach sehe ich die letzte Chance für Zeitungsverlage sich stark auf Lokalität im Internet auszurichten und zu konzentrieren. Kontinuierlich und auf lange Sicht…

  9. Matthias Schwenk |  13.06.2009 | 13:03 | permalink  

    @Steffen: Unseren Politikern fehlt weithin noch das Bewusstsein für die Möglichkeiten des Internets. Selbst von der Obama Administration scheinen sie nicht lernen zu wollen, vielleicht, weil sie ihn gar nicht über das Internet wahrnehmen?

    @Dennis: Die lokale Ebene ist sicher wichtig, scheint aber in den Medien eher eine unbeliebte Kategorie zu sein. Lieber befasst man sich mit der “großen Politik” auf Bundesebene, ohne zu sehen, dass man da in ein Konkurrenzdickicht hinein läuft, in dem man wirtschaftlich nicht erfolgreich sein kann. Auf der lokalen und regionalen Ebene dagegen wäre noch viel Raum für innovative Ansätze, die sich vermutlich auch wirtschaftlich rechnen würden.

  10. LinkListe , in|ad|ae|qu|at at in|ad|ae|qu|at |  15.06.2009 | 18:27 | permalink  

    [...] über den Status von News- Aggregatoren im Netz : Bezahlmodelle ( Gema ) in Diskussion – nota bene : bislang explizit zugunsten von Verlagen und [...]

  11. Das Netz besteht aus Verbindungen, nicht aus abgeschotteten Inseln — CARTA |  15.06.2009 | 21:53 | permalink  

    [...] praktischen und rechtlichen Probleme der ”Verleger-GEMA” haben auch Robin  Meyer-Lucht und Matthias Schwenk hier bei Carta schon geschrieben. Die Verlage verwandeln ihre Portale mit einer solchen Abgabe [...]

  12. XeXeXe |  16.06.2009 | 14:58 | permalink  

    Social Media, Content, Aggregation…

    Diese beiden kurzen Clips sind aussagekräftiger und prägnanter als das ganze Geschwurbel auf Konferenzen wie DLD oder re:publica.
    Links extern:
    [via bwl zwei null]
    [via CARTA]
    ……

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