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Eurokrise: Glücksfall für deutsche Steuerzahler

von , 7.5.13

Warum hat eine Anti-Euro Partei in Deutschland gemäss Umfragen überhaupt eine Chance, gewählt zu werden? Viele Eurogegnerinnen und -gegner haben darauf eine einfache Antwort bereit: Weil Deutschland (oder die verantwortungsvollen Länder des Nordens) den laxen Lebensstil der Südländer finanzieren musste. Eigentlich müssten die Steuerzahlenden Deutschlands aber Dankesbriefe in den Süden schicken: Sie haben nämlich gut an der Krise verdient.

Eine vor kurzem bei Reuters erschienene Analyse (Englisch) fasst gut zusammen, warum Deutschland als Profiteur der Krise gesehen werden kann. Ich möchte hier die zwei Kernaspekte kurz ansprechen und noch eine politische Dimension hinzufügen.

Das Beste an der Krise sind die Zinsen für Deutschland. Bevor ich erkläre, warum, muss man zuerst verstehen, wie Zinsen funktionieren (dieser Abschnitt kann daher von jenen, die damit vertraut sind, übersprungen werden).

Zinsen sind wie Preise von Kartoffeln oder Socken, nur dass es sich eben nicht um den Preis von einem Gut wie Kartoffeln oder Socken handelt, sondern um den Preis von Geld, auf das jemand für eine Weile verzichtet. (Der Vergleich mit dem Mieten eines Autos oder einer Wohnung drängt sich auf, es als “Preis” zu bezeichnen, trifft es aber besser.) Dieser Preis enthält auch eine Risikoprämie, da man nicht weiss, ob man das Geld wirklich zurück erhält. Weil sich die Akteure an den Märkten plötzlich nicht mehr so sicher waren, ob zum Beispiel Griechenland seine Schulden je wieder zurückzahlen kann, verlangten die Anlegerinnen und Anleger eben eine sehr hohe Prämie für das in ihren Augen hohe Risiko, das Geld nie wiederzusehen. Wie inzwischen alle wissen, konnte darum Griechenland kaum mehr flüssiges Geld auf den Märkten aufnehmen, und falls doch, nur zu exorbitanten Zinsen.

So weit, so gut. Doch was weniger oft diskutiert wird, ist die andere Seite der Geschichte: Viele suchten sicherere Wege, mit ihrem Geld zu landen, als sie vertrauensvoll dem griechischen Staat zu überlassen. Zum Beispiel waren Gold oder Schweizer Franken solche Alternativen (ich habe darüber gebloggt).

Eine ebenfalls relativ sichere Ausweichmöglichkeit waren natürlich auch deutsche Staatsanleihen. Wie der Preis von Kartoffeln oder Socken, reagiert auch der Zins auf Angebot und Nachfrage. Weil plötzlich alle Deutschland das Geld geben wollten, sank damit der Zinssatz für solche Anleihen.

Dies heisst aber, dass Deutschland weniger Schuldendienst leisten muss, billiger Geld aufnehmen kann und am Ende auch die deutsche Wirtschaft von einem tieferen Zinsniveau profitiert (billige Kredite sind das Schmieröl eines jeden Wirtschaftssystems). Die Realzinsen (das heisst, der Zinssatz abzüglich Inflation) gingen teilweise in den negativen Bereich. Das heißt im Klartext, dass die Gläubiger Deutschland effektiv dafür bezahlten, um ihr Geld dem deutschen Staat geben zu dürfen. Dazu kommt dann noch der Exportüberschuss, den ich hier schon diskutiert habe.
 

Durchschnittlicher Zinssatz für deutsche Staatsanleihen seit Januar 2008

Durchschnittlicher Zinssatz für deutsche Staatsanleihen seit Januar 2008 (Quelle: Europäische Zentralbank)

 

Nun kommt natürlich die Frage: Was ist mit dem ganzen Geld, das Deutschland in Form von Finanzhilfepaketen an den verantwortungslosen Süden senden musste?

Da kommen wir zu einem anderen Missverständnis: Dieses Geld wurde nicht an Griechenland, Portugal, Spanien, Zypern und so weiter bezahlt, so wie man von der Großmutter einen 100-Euroschein zum Geburtstag kriegt. Dieses Geld waren Kredite zu speziellen Konditionen. Somit konnten die in Schwierigkeiten geratenen Länder sich über die Krise hinaus finanzieren, ohne die vom Markt verlangten extrem hohen Zinsen zu bezahlen.

Um sicherzustellen, dass sie das Geld nicht einfach wie den Hunderter der Großmutter gleich verprassen, und um sicherzustellen, dass man das Geld wieder zurück erhält, wurden diese Kredite an heftige Bedingungen geknüpft, um die Staatskassen der Schuldner wieder ins Lot zu kriegen. Diese Maßnahmen gehen mit grossen wirtschaftlichen Opfern der Bevölkerung einher.

Wenn also nichts bezahlt wurde und Deutschland sogar noch an der Krise verdiente, warum war die Politik dann so zögerlich mit dem Einschreiten? Das grösste Problem war vermutlich, dass man diese Rettungspakete auch innenpolitisch verkaufen musste. Ganz egal, wie klar der ökonomische Sinn war, Wählerinnen und Wähler lassen sich halt nicht immer durch Fakten oder bessere Argumente gewinnen.

Aber es gibt durchaus auch ein Risiko für Deutschland: Es ist natürlich möglich, dass ein Land wie Griechenland tatsächlich zahlungsunfähig wird oder nach einem politischen Umsturz nicht mehr zahlen will. Dann wäre das Geld natürlich verloren, und private Geldgeber müssten tatsächlich auf ein Teil ihres Geldes verzichten. Die Chancen stehen inzwischen wieder viel besser, dass das nicht passieren wird. Ironischerweise ist die Europäische Union ein Element, das einen solchen unilateralen Schritt eines Schuldnerlandes schwieriger macht, da es den Preis, die Partnerländer vor den Kopf zu stossen, erhöht.

Bisher war die Rede aber nur vom Geld. Ich möchte auch noch kurz den meines Erachtens beträchtlichen politischen Gewinn erwähnen: Deutschland hat mit anderen zahlenden Ländern im Verlauf der Krise viele der Regeln diktiert. Manche dieser Bedingungen waren tiefe Einschnitte in die Souveränität der Schuldnerländer. Deutschland konnte auch die neu geschaffenen Instrumente und Institutionen formen und bestimmen. Und am Ende mussten sich die anderen auch noch bedanken.

Ich überlasse es euch, einmal das Gedankenspiel zu machen, was nun passieren würde, würde der Euro aufgelöst, einzelne Länder austreten oder gar die EU auseinanderbrechen. Es wäre vermutlich mehr als nur ungeschickt. Es wäre wohl ausgesprochen dumm, nicht alles zu versuchen, damit das nicht passiert.
 

Crosspost von zoon politikon

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