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	<title>CARTA &#187; Vertrag von Lissabon</title>
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	<description>Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit</description>
	<lastBuildDate>Fri, 25 May 2012 10:09:46 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Deutschlands Flehen in der Euro-Krise: Lasst uns nicht allein!</title>
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		<pubDate>Mon, 20 Dec 2010 10:35:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hans Hütt</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Vertrag von Lissabon]]></category>

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		<description><![CDATA[Retten kommt in Misskredit. Eine Einsicht, in der &#214;konomen, Politiker und Rhetoriker auf frappierende Weise &#252;bereinstimmen. Warum? ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Offenbar hat das Wort Retten, das urspr&#252;nglich &#8220;<a href="http://urts55.uni-trier.de:8080/Projekte/WBB2009/DWB/wbgui_py?lemid=GA00001">aus der Gefahr rei&#223;en</a>&#8221; bedeutet, inzwischen unter dem Druck der &#214;konomie eine Umwertung erfahren, die in Griechenland und in Irland als &#8220;in die Gefahr gesto&#223;en werden&#8221; verstanden wird.</p>
<p>Den Auftakt gab Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer <a href="http://www.bundestag.de/dokumente/protokolle/plenarprotokolle/17080.pdf">Regierungserkl&#228;rung im Deutschen Bundestag</a>. Ich fasse ihre Argumentation zusammen:</p>
<p><em> </em></p>
<blockquote><p><em>Europa sei eine Verantwortungsgemeinschaft. Deutschland profitiere davon besonders. Einzelne Euro-Staaten stehen vor schwierigen Herausforderungen. Der Euro selbst aber habe sich als krisenfest erwiesen. Der EU-Gipfel werde einen Krisenmechanismus etablieren, der auch den Privatsektor und den Internationalen W&#228;hrungsfonds an der L&#246;sung k&#252;nftiger Krisen beteilige. Die dazu n&#246;tige Vertrags&#228;nderung werde das Beistandsverbot nicht antasten. Damit werden keine Hoheitsrechte an die EU &#252;bertragen. Der Mechanismus werde ausgel&#246;st durch eine Gef&#228;hrdung der Finanzstabilit&#228;t der gesamten Euro-Zone. Die Feststellung erfolge durch einstimmige Beschl&#252;sse. Die &#196;nderung des Vertrags erfolge im vereinfachten Verfahren (ohne Referenden) und solle bis Ende 2012 abgeschlossen sein.</em></p></blockquote>
<p>Ihr pers&#246;nliches Bekenntnis zu Europa beschlie&#223;t Frau Merkel mit der Formel:</p>
<p><em> </em></p>
<blockquote><p><em>Niemand in Europa wird alleingelassen, niemand in Europa wird fallen gelassen, Europa gelingt gemeinsam. Ich f&#252;ge hinzu, Europa gelingt nur gemeinsam.</em></p></blockquote>
<p>Am n&#228;chsten Tag greift Zeit-Herausgeber Helmut Schmidt ein, kritisiert vehement die deutsche Europapolitik dieses Jahres.</p>
<p><em> </em></p>
<blockquote><p><em>Wer in dieser Lage lediglich taktiert und finassiert, wer gar jedwedes Auseinanderfallen des Euro-Verbundes &#246;ffentlich diskutiert, dem fehlt jede Weitsicht. (…) Wir Europ&#228;er k&#246;nnen die fr&#252;heren Fehler nicht ungeschehen machen, wohl aber m&#252;ssen wir alsbald ziemlich unkonventionelle Reparaturen ins Werk setzen. (…) Selbstverst&#228;ndlich werden die notwendigen Reparaturen abermals (…) insbesondere uns Deutsche abermals viel Geld kosten. (…) Es ist nicht vision&#228;rer Idealismus, sondern unser eigenes strategisches Interesse an der Aufrechterhaltung der Europ&#228;ischen Union und damit der europ&#228;ischen Zivilisation, das uns  bewegen muss, auf kleine nationalegoistische Vorteile zu verzichten. Auf lange Sicht tr&#228;gt Deutschland einen hohen Anteil an der Verantwortung daf&#252;r, dass die europ&#228;ischen Staaten zu einem &#246;konomisch handlungsf&#228;higen Verband zusammenwachsen. Dazu ist allerdings weder ein deutscher Oberkommandierender noch ein deutscher Schulmeister n&#246;tig, denn er w&#252;rde die anderen Kapit&#228;ne nur befremden und abschrecken. Wohl aber m&#252;ssen die deutschen Politiker den B&#252;rgern erkl&#228;ren, dass wir und warum wir Deutschen Opfer zu bringen haben.</em></p></blockquote>
<p>Das sind starke Worte. Der kluge Greis nutzt sein Ansehen daf&#252;r, Argumente mit seiner pers&#246;nlichen Autorit&#228;t zu verst&#228;rken, die in der Bundesregierung allenfalls von Wolfgang Sch&#228;uble vertreten werden. Am Dienstag waren <a href="http://www.ft.com/cms/s/0/effa001c-07ba-11e0-a568-00144feabdc0.html#axzz18dMdRGZq">Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbr&#252;ck in der Financial Times</a> in die Vorlage getreten und hatten daf&#252;r pl&#228;diert (ich fasse zusammen):</p>
<p><em> </em></p>
<blockquote><p><em>Kleinteilige L&#246;sungen bieten keinen Ausweg aus der Krise. Es sei h&#246;chste Zeit, die L&#252;cke zwischen finanzieller und politischer Integration zu schlie&#223;en. F&#252;r diese Initiative solle sich Deutschland an vorderster Stelle engagieren. Die europ&#228;ische Politik stehe vor der Alternative, die Krise durch halbherzige Ma&#223;nahmen zu verl&#228;ngern oder sie durch entschlossenes Handeln zu beenden.</em></p></blockquote>
<p>Am Tag darauf legt <a href="http://www.ft.com/cms/s/0/f0729bb0-0870-11e0-80d9-00144feabdc0.html?ftcamp=rss#axzz18dPBewCb">Mohamed El-Erian, Pimco-Chef, in der FT</a> nach. Anders als der Au&#223;enminister a.D. und der Finanzminister a.D. nennt er die halbherzigen L&#246;sungen beim Namen:</p>
<p><em> </em></p>
<blockquote><p><em>Die Euro-Rettung funktioniere nicht. Es mache keinen Sinn, erst Liquidit&#228;tsprobleme zu beheben und Zahlungsf&#228;higkeitsprobleme einzelner Eurol&#228;nder zu vertagen. Das vertiefe die Krise, statt sie zu l&#246;sen. Denn so komme ein Teufelskreislauf in Gang. Die &#252;berschuldeten L&#228;nder br&#228;uchten eine Wachstumsperspektive. Deshalb sei es richtig, das Euro-Rettungspaket deutlich zu erh&#246;hen. Aus innenpolitischen Gr&#252;nden aber z&#246;gere die Bundesregierung, das &#246;konomisch Gebotene zu tun.</em></p></blockquote>
<p>Nun kann man einwenden, dass der Chef des weltweit gr&#246;&#223;ten Rentenfonds seine eigenen Interessen verfolgt. Offenbar aber zeigt er dabei gr&#246;&#223;ere Weitsicht als die Politik. Aufmerksam kommentierte Ambrose Evans-Pritchard im Daily Telegraph eine <a href="http://www.telegraph.co.uk/finance/economics/8204999/Germany-defiant-as-Europe-suffers.html">&#196;u&#223;erung des Bundesau&#223;enministers</a>:</p>
<p><em> </em></p>
<blockquote><p><em>&#8220;Wer einer Transferunion das Wort redet, gef&#228;hrdet die Unterst&#252;tzung f&#252;r Europa in den L&#228;ndern, die die gr&#246;&#223;ten Lasten schultern.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>Sodann entschied der EU-Gipfel und beschloss <a href="http://www.reden-fuer-eine-neue-welt.de/?p=6378">eine &#8220;schmale&#8221; &#196;nderung des Vertrags um zwei S&#228;tze</a>:</p>
<p><em> </em></p>
<blockquote><p><em>Die Mitgliedstaaten, deren W&#228;hrung der Euro ist, k&#246;nnen einen Stabilit&#228;tsmechanismus schaffen, der aktiviert wird, wenn dies unerl&#228;sslich ist, um die Stabilit&#228;t der Euro-Zone als Ganzes zu sichern. Die Bewilligung finanzieller Hilfen wird unter strikte Bedingungen gestellt.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>Frau Merkel interpretierte den Gipfel als einen Schritt in Richtung einer europ&#228;ischen Wirtschaftsregierung, dabei gehe es nicht nur um stabile Haushalte – was bisher das einzige &#246;konomische Credo der Bundeskanzlerin gewesen zu sein schien (&#8220;die schw&#228;bische Hausfrau&#8221;). Insofern k&#246;nnte man <a href="http://blog.zeit.de/herdentrieb/2010/12/19/alles-wird-gut_2613/comment-page-2#comments">Robert von Heusingers Optimismus</a> zustimmen, w&#228;re da nicht dieser seltsam pathetische Satz in Frau Merkels Regierungserkl&#228;rung:</p>
<p><em> </em></p>
<blockquote><p><em>&#8220;Niemand in Europa wird alleingelassen.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>Der Satz klingt wie ein verzerrtes Echo auf die Idee, <a href="http://www.dhm.de/lemo/html/kaiserreich/index.html">von Feinden eingekreist</a> zu sein. Tats&#228;chlich sah es in diesem Jahr oft so aus, als habe sich Deutschland politisch isoliert.</p>
<p>Schlie&#223;lich aber haben S&#228;tze, die mit einem &#8220;niemand&#8221; beginnen, eine gro&#223;e Tradition. Sie reicht zur&#252;ck bis in die Antike (und nicht blo&#223; bis in das <a href="http://www.youtube.com/watch?v=VCoVE8qBLVM">Jahr 1961</a>). Odysseus sagte dem Menschen fressenden Riesen Polyphem (der Name hei&#223;t &#8220;der Vielger&#252;hmte&#8221;), sein Name sei Niemand (oudeis). <a href="http://www.hiatus.de/oudeis.html">Der Mythos</a> scheint kl&#252;ger als die Politik zu sein, die sich seines Bildes bedient. Denn tats&#228;chlich trifft in der Gestalt des Odysseus ein Vielger&#252;hmter auf ein verabscheutes Menschen verschlingendes Monster. Der Vielger&#252;hmte aber nennt sich bescheiden einen Niemand. Odysseus trifft auf sich selbst.</p>
<p>War Frau Merkel so listig wie Odysseus, als sie diesen Satz vortrug? Das wohl nicht. Aber wie das so ist, wenn man mit sich selbst konfrontiert ist, dann gibt es mitunter seltsame Reaktionen.</p>
<p>Lasst uns nicht allein!</p>
<p><span style="color: #ffffff;">.</span></p>
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		<title>Karlsruher Visionen f&#252;r Europa: Mehr Demokratie wagen</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Jul 2009 11:55:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Severin Fischer</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Bundesverfassungsgericht hat am 30. Juni &#252;ber das deutsche Ratifikationsgesetz zum europ&#228;ischen Reformvertrag von Lissabon entschieden. Lissabon-Gegner wie -Bef&#252;rworter f&#252;hlten sich nach dem Urteil zun&#228;chst in ihren Ansichten best&#228;tigt. Langsam weicht die Euphorie und vehemente Kritik an der Karlsruher Entscheidung tritt auf den Plan. Dabei wird jedoch &#252;bersehen, welche Botschaft die Richter eigentlich &#252;bermitteln wollten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/9aa1c8c9cd5a9e07a9284897de02ca" alt="" width="1" height="1" /></p>
<p>Wenn ganz Europa nach Karlsruhe blickt, dann ist selten Gutes zu erwarten. Es geschieht nicht h&#228;ufig, dass die Idylle des Schlossparks der badischen Hauptstadt von Vertretern der internationalen Presse heimgesucht wird und sich f&#252;r wenige Stunden die Augen der politischen Akteure in Br&#252;ssel wie Berlin auf die wegweisenden Worte der acht Richter in ihren roten Gew&#228;ndern richten. Selten bietet der politische Alltag spannendere Szenen, als den Moment, in dem der Gerichtssprecher mit bestimmter Stimme verk&#252;ndet: „Das Bundesverfassungsgericht!“</p>
<p>Am 30. Juni war es also wieder einmal so weit. <strong>Das m&#228;chtigste Verfassungsgericht der Welt hatte &#252;ber die Zukunft eines historisch einzigartigen Einigungsprozesses souver&#228;ner Nationalstaaten zu entscheiden.</strong> Juristisch gesehen war die Sache nat&#252;rlich weit weniger bedeutungsschwer. Die Richter hatten zu pr&#252;fen, ob das im vergangenen Jahr verabschiedete Zustimmungsgesetz des Deutschen Bundestags zum Vertrag von Lissabon sowie die ihm beigef&#252;gten zwei Begleitgesetze mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland zu vereinbaren seien. Dennoch ging es bei <a href="http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/es20090630_2bve000208.html">diesem Urteil</a> um weit mehr, als nur die vergleichsweise banale Verfassungsm&#228;&#223;igkeit eines Gesetzes. Es ging auch um die Frage, inwieweit der europ&#228;ische Integrationsprozess noch mit den Grunds&#228;tzen partizipativer und repr&#228;sentativer Demokratie im gr&#246;&#223;ten Mitgliedstaat der Europ&#228;ischen Union kompatibel ist.</p>
<p>Es war nicht das erste Mal, dass Karlsruhe &#252;ber Europa entschied. Bereits in den 1970er und 1980er Jahren widmete sich das Bundesverfassungsgericht der Frage nach der Vereinbarkeit des Grundgesetzes mit der zunehmenden Europ&#228;isierung deutscher Politik. Schlie&#223;lich durfte das Verfassungsgericht 1992 unter dem sp&#228;ter zu zweifelhafter Ber&#252;hmtheit gelangten Berichterstatter Paul Kirchhof ebenfalls &#252;ber ein Zustimmungsgesetz entscheiden. Diesmal &#252;ber das Gesetz zum <strong>Vertrag von Maastricht</strong> &#252;ber die Gr&#252;ndung der Europ&#228;ischen Union, bei dem es auch um die Frage ging, ob und inwieweit Deutschland &#252;berhaupt mit der Entwicklung eines politischen Systems in Br&#252;ssel, schlimmer noch, mit einer eigenen Gerichtsbarkeit im fernen Ausland zu vereinbaren sei. Derselbe <strong>Paul Kirchhof</strong>, der vergangene Woche das Urteil auf nahezu allen deutschen Fernsehkan&#228;len kommentierte, hatte damals ein <strong>„Nadel&#246;hr“ konstruiert</strong>, durch das Europa nach Deutschland kriechen d&#252;rfe. Stets unter der Voraussetzung, dass die Nadel in Karlsruhe steht und alles, was hindurch geht, mit kritischem Blick gemustert w&#252;rde. Auch die <strong>richterliche Konkurrenz in Luxemburg</strong> sollte „kooperativ“ mit den Karlsruher Richtern zusammenarbeiten – wobei stets klar w&#228;re, dass die Hackordnung nach Alter aufgestellt w&#252;rde. Das sogenannte „Maastricht-Urteil“ pr&#228;gte jedenfalls den europarechtlichen Diskurs in Deutschland &#252;ber die vergangenen 16 Jahre hinweg.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Diesmal, im Juni 2009, sollte alles jedenfalls viel glatter laufen. Der widerspenstige Richter Kirchhof mit seiner skeptischen Haltung zu „ausgreifenden Kompetenz-Kompetenzen“ war aus dem Gericht ausgeschieden und nach der langen Durststrecke, die das Scheitern des Verfassungsvertrags und sp&#228;ter der lange Kampf um eine Reanimation des Integrationsprojekts hervorgerufen hatte, da k&#246;nnten nun doch nicht die Richter in Karlsruhe so kurz vor dem Ziel noch alles vermasseln. Eine gewisse Selbstsicherheit hatte sich eingerichtet, die <strong>kurz nach der Urteilsverk&#252;ndung</strong> von <strong>allgemeiner Zufriedenheit</strong> verdr&#228;ngt wurde. Ein strahlender Au&#223;enminister Steinmeier betrat den sommerlichen Schlossgarten und verk&#252;ndete, dass Deutschland seiner Pflicht an Europa nachgekommen sei. Wenig sp&#228;ter erschienen jedoch auch die vermeintlichen Rebellen um den CSU-Abgeordneten Peter Gauweiler sowie Vertreter der Fraktion DIE LINKE, die ebenfalls allesamt einen guten Tag erlebt zu haben schienen. Wie ist das zu erkl&#228;ren?</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Die Antwort darauf l&#228;sst sich erst mit einigen Tagen Abstand und einer genaueren Lekt&#252;re des rund 160 Seiten umfassenden Urteils verstehen. Einerseits, so die Bef&#252;rworter des europ&#228;ischen Vertragswerks, habe das <strong>Gericht die Europafreundlichkeit des Grundgesetzes anerkannt</strong> und die Verfassungsbeschwerden und Organstreitverfahren der Kl&#228;ger in so gut wie allen Punkten zur&#252;ckgewiesen. Gleichzeitig seien dem Bundestag einige formelle Fehler unterlaufen, die es nun im Rahmen einer Sondersitzung in der Sommerpause zu beheben gelte. Andererseits, so die Kl&#228;ger, habe das Gericht ihnen in zentralen Kritikpunkten Recht gegeben, was nicht nur durch die anteilige Prozesskostenerstattung belegt werde. Der Integrationsprozess, so Gauweiler, habe seinen H&#246;hepunkt vorl&#228;ufig &#252;berschritten, da der <strong>Br&#252;sseler Apparat zu weit vom deutschen B&#252;rger entfernt</strong> sei und das <strong>Grundrecht des Einzelnen auf Verwirklichung seines politischen Willens &#252;ber demokratische Wahlen nicht mehr erf&#252;llt</strong> werden k&#246;nne, da Gesetze aus Europa keiner rechtlichen Kontrolle im Staat unterworfen werden k&#246;nnten. Dies habe er moniert und die Richter h&#228;tten ihm durch die teilweise Verwerfung des Begleitgesetzes Recht gegeben. Immerhin: Das Maastricht-Urteil fand zwar scharfe Worte in der Urteilsbegr&#252;ndung, das Ratifikationsgesetz wurde jedoch als verfassungsgem&#228;&#223; anerkannt.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Tats&#228;chlich muss jedoch beiden Seiten ein bodenst&#228;ndiges Ma&#223; an Ignoranz und eine <strong>Missachtung der meist feinen Nuancierung des Urteils</strong> vorgeworfen werden. Wenn die Bundesregierung und die Mehrheit des Bundestags nur denjenigen Teil der Entscheidung zur Kenntnis nehmen, der ihnen als Anleitung zur Neuanfertigung des Begleitgesetzes zu den Beteiligungsrechten von Bundestag und Bundesrat dient, so haben sie die Botschaft der Richter verkannt und h&#228;tten die Chance zu einer Neujustierung deutscher Europapolitik verpasst. Den Gegnern des Vertrags wurde durch das Urteil wiederum klar und deutlich vor Augen gef&#252;hrt, dass die Europ&#228;ische Union inzwischen einen kaum widerruflichen Teil des politischen Systems der Bundesrepublik darstellt, dessen Legitimit&#228;t solange bestehen bleibt, wie der Bundestag die ihn bindenden Verpflichtungen im Rahmen der deutschen Verfassungsordnung wahrnimmt und aktiv ausf&#252;llt.<strong></strong></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><strong>Entscheidend</strong> scheint bei aller Euphorie – ebenso wie bei aller Kritik –, dass <strong>zwei wichtige Aspekte des Urteils </strong>in der k&#252;nftigen Diskussion st&#228;rker in den Vordergrund r&#252;cken, die bislang von keiner der beiden Seiten n&#228;her erl&#228;utert wurden:</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">1.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Sollte es in absehbarer Zeit den Willen zu einer <strong>substanziellen Erweiterung der Zust&#228;ndigkeiten Europas </strong>geben, etwa in den Bereichen der sozialen Sicherung, der Verteidigungspolitik, des Strafrechts oder &#228;hnlichen fundamentalen Prinzipien der Staatlichkeit der Bundesrepublik Deutschland, so kann die L&#246;sung nicht prim&#228;r in den Ver&#228;nderungen europ&#228;ischer Vertr&#228;ge und erweiterten Beteiligungsrechten des Parlaments begr&#252;ndet liegen. Nein, der Schl&#252;ssel zu einer derartigen Komepetenzerweiterung findet sich nur in der <strong>Entwicklung einer neuen deutschen Verfassung</strong>, die aufgrund ihrer Ausrichtung einen solchen Schritt erlauben w&#252;rde. Nur der Souver&#228;n – das deutsche Volk – k&#246;nnte Grundprinzipien der Verfassung so ver&#228;ndern, dass zentrale Bereiche des Grundgesetzes unter gemeinschaftliche europ&#228;ische Entscheidungshoheit fallen. Weder der Bundestag noch die Vertreter der L&#228;nder im Bundesrat sind zu einer solchen &#220;bertragung von Hoheitsrechten erm&#228;chtigt, wie das Verfassungsgericht in seinen Ausf&#252;hrungen festh&#228;lt.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Das Grundgesetz war stets ein Provisiorium, das seit erstaunlich langer Zeit &#252;berlebt und sich sogar &#252;ber die deutsche Wiedervereinigung rettete, gleichzeitig aber nicht f&#252;r weitere gro&#223;e Reformschritte hin zu einem m&#246;glichen europ&#228;ischen Bundesstaat ausgerichtet ist. <strong>&#220;ber Art. 146 GG k&#246;nnte sich das deutsche Volk mit einer gesamtdeutschen Verfassung ausstatten</strong>, die auch f&#252;r eine weitere Integration in ein friedliches, demokratisches Europa offen stehen w&#252;rde.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">2.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Bis dieser Schritt verwirklicht werden kann, bedarf es <strong>weiterer Demokratisierungsprozesse in Europa</strong>. Ob die harsche Kritik der Richter an der verfassungsrechtlich weitgehend bedeutungslosen Funktion und der demokratisch-legitimatorischen R&#252;ckst&#228;ndigkeit des Europ&#228;ischen Parlaments gerechtfertigt ist, darf durchaus kontrovers diskutiert werden. Dass das <strong>Europ&#228;ische Parlament den Anspr&#252;chen des Grundgesetzes an die Repr&#228;sentation des Volkswillens nicht gen&#252;gt</strong>, sollte dem Beobachter der k&#252;rzlich vollzogenen Europawahlen allzu deutlich vor Augen gef&#252;hrt worden sein. Erst wenn sich die <strong>Entwicklung eines „europ&#228;ischen Volkes“</strong> in den Institutionen der Europ&#228;ischen Union widerspiegelt, kann auch realistischerweise &#252;ber eine &#220;bertragung von Grundrechtswahrungs- und Repr&#228;sentationsfunktionen an europ&#228;ische Institutionen verhandelt werden. Die Richter monieren zu Recht, dass im europ&#228;ischen Binnenmarkt die Frage nach der Herkunft eines Produktes als Diskriminierung wahrgenommen wird, bei Europawahlen die Herkunft des B&#252;rgers jedoch das entscheidende Kriterium f&#252;r den Z&#228;hlwert seiner Stimme darstellt. Folgt die politische Union der Wirtschaftsunion, so k&#246;nnte sich die Hoffnung auf ein demokratisches System f&#252;r Europas B&#252;rger erf&#252;llen, das f&#252;r die Anerkennung im Sinne des Verfassungsgerichtsurteils entscheidend w&#228;re.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Nachdem die kommenden Monate in erster Linie von der Gerichtsschelte proeurop&#228;ischer Einrichtungen aus Wissenschaft und Politik, so etwa Ex-Au&#223;enminister <a href="http://www.zeit.de/2009/29/Lissabon?page=all">Joschka Fischer in der<em> ZEIT</em></a> einerseits, sowie von populistisch anmutendenden Auslegungen des Urteils in einzelnen europaskeptischen Gruppen – vergleiche die &#196;u&#223;erungen des CSU-Generalsekret&#228;rs Dobrinth – andererseits gepr&#228;gt sein werden, ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser weitreichenden Entscheidung vorl&#228;ufig nicht absehbar. Zu hoffen bleibt jedoch, dass sich verantwortliche Entscheidungstr&#228;ger nach dem irischen Referendum und dem m&#246;glichen Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon wieder in die Lage versetzt sehen, neue Visionen zu entwickeln. Diesmal jedoch <strong>nicht nur Visionen f&#252;r die Zukunft der eher technischen Funktionsweise der Europ&#228;ischen Union</strong> selbst, sondern gleicherma&#223;en <strong>Visionen f&#252;r die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland in eben diesem Europa</strong>.</p>
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