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	<title>CARTA &#187; soziale Gerechtigkeit</title>
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	<description>Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit</description>
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		<title>Momente der Gemeinsamkeit</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Jul 2010 06:48:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Glaser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Kommunikationsmaschinerie kann anstrengend sein. Der Lohn der M&#252;he: soziale Schranken werden durchl&#228;ssig.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/48c8cf40a468486298b7d85ee06512ef" alt="" width="1" height="1" />Als ich mal von Griechenland zur&#252;ck in den Norden fuhr, setzte ich erst  mit dem Schiff nach Italien &#252;ber und fuhr dann von Brindisi ganz unten  am Stiefel mit der Bahn weiter. Abgesehen davon, dass in meinem Rucksack  eine Flasche Retsina auslief und auf einen unter dem Gep&#228;cknetz  sitzenden Karabinieri pladderte, war es eine wunderbare Fahrt.</p>
<p>All das  viele Italienisch, das rund um mich gesprochen wurde, war wie Musik. Ich  verstand nichts, und aus dem Unverst&#228;ndnis erhob sich das wohltuende  Gef&#252;hl, die Menschen h&#228;tten sich hier, &#228;hnlich wie in der Oper, lauter  klangvolle Dinge zu sagen.</p>
<p>Ehe das Internet &#252;ber uns hergefallen ist,  war es ein bisschen wie auf dieser Reise. Zwar hatten sich zuvor schon  immer mehr Maschinen zwischen die naturbelassen miteinander  kommunizierenden Menschen gedr&#228;ngt: Fernseher, Telefone, Fernkopierer,  aber noch vermochte der Mensch sein Selbstgef&#252;hl in der Textstille von  B&#252;chern und der Unmittelbarkeit von Gespr&#228;chen zu finden. <strong>Mit dem  Internet und der Mobilkommunikation wurde eine Quasselversion der B&#252;chse  der Pandora ge&#246;ffnet.</strong></p>
<p>“Wenn Fotohandys und Webseiten in Real- und Jetztzeit  alles dokumentieren, wird all dies immer belangloser”, <a href="http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1214370/">sagt</a> etwa die  Erziehungswissenschaftlerin Astrid von Friesen. Sie sieht eine  Wechselwirkung zwischen dem “logorrhoischen Verhalten in den Medien” und  den Kommunikationsmustern vieler Menschen, die sich davon beeinflussen  lassen; sie sieht Entwicklungsst&#246;rungen bei Kindern, verst&#246;rte M&#228;nner  (da Frauen mehr reden), und Frauen, die in diesem Redefluss sich und die  anderen verlieren.</p>
<p>Aber es ist ein gro&#223;er Fortschritt, dass so viel  geredet – und geschrieben und gelesen – wird. Der Fortschritt besteht  darin, dass soziale Schranken aufgehoben werden.</p>
<p>Das war schon bei  Verbreitung des Radios so. Anfang 1920 gab es in den USA eine Handvoll  Radiostationen. Zwei Jahre sp&#228;ter, nachdem “drahtlose Konzerte” das neue  Medium popul&#228;r gemacht hatten, waren es bereits an die 600. <strong>Das Radio  &#252;berschritt Grenzen</strong> &#8211; geografische, ethnische, soziale. Es brachte  Menschen in Kontakt mit Orten, Kl&#228;ngen und Lebensgef&#252;hlen, die sie sonst  nie kennengelernt h&#228;tten.</p>
<p>Heute findet diese Vermischung der  Lebenswelten viel eingehender statt. Das proletarisch Ungehemmte an  manchem &#246;ffentlich gef&#252;hrten Mobiltelefonat mag am Anstandsempfinden  b&#252;rgerlicher Gem&#252;ter r&#252;hren, aber es begegnen sich dabei die Milieus in  einer Detailtiefe, die man zuvor gern vermieden hat.</p>
<p>Im Netz spielen  herk&#246;mmliche Signale der direkten Kommunikation wie Aussehen, Mimik oder  Status keine Rolle mehr. Es gibt so etwas wie einen <strong>Augenblick der  Gleichheit und Gemeinsamkeit</strong>. Die Unterschiede werden etwa &#252;ber  Sprachgebrauch und Interessen ermittelt. Aber die  Kommunikationsmaschinen bringen uns einander n&#228;her.</p>
<p><em>Peter Glaser bloggt auf <a href="http://blog.stuttgarter-zeitung.de/netzkolumne/2010/07/08/momente-der-gemeinsamkeit/">Glaserei</a>.   Crosspost mit freundlicher Genehmigung.</em>
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=30778&amp;md5=8decd187d82e01ea46493b9807e5d19d" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Westerwelle fordert Mindestl&#246;hne &#8211; merkt es nur nicht</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Feb 2010 16:45:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Andreas Grieß</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mit seiner Kritik an ungerechten L&#246;hnen argumentiert Westerwelle f&#252;r gesetzliche Mindestl&#246;hne. Einzig: Er merkt es nicht!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/b110f75e104647fa81d60e52451959fb" alt="" width="1" height="1" /></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align: justify"><span style="font-size: 11.0pt">„<em>Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet!</em>“, </span><span style="font-size: 11.0pt" lang="EN-US"><a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,677510,00.html"><span lang="DE">wird Guido Westerwelle zitiert</span></a></span><span style="font-size: 11.0pt">. Grunds&#228;tzlich liegt er damit nicht ganz falsch. Die Schl&#252;sse, die der FDP-Chef daraus zieht, gehen jedoch meilenweit an der Realit&#228;t vorbei. Denn dass er mit diesem Argument die Hartz IV-S&#228;tze runter- oder zumindest weiter tiefreden will, verdreht einiges.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align: justify"><span style="font-size: 11.0pt">Hartz IV soll eine Grundversorgung darstellen, keinen „<a href="http://www.welt.de/debatte/article6347490/An-die-deutsche-Mittelschicht-denkt-niemand.html"><em>anstrengungslosen Wohlstand</em></a>“ wie Westerwelle sagt. Es soll jedem, auch wenn sie oder er arbeitslos wird, erm&#246;glichen, menschenw&#252;rdig zu leben. Nicht mehr, aber vor allem auch nicht weniger. Denn das sagt das Grundgesetz (Artikel 20, Absatz 1). Und das hat nichts mit Sozialismus zu tun, <a href="http://www.sueddeutsche.de/,tt2l3/politik/764/502993/text/">welchen Westerwelle in die Debatte bringt</a>, sondern mit Sozialstaat. Wer einen Sozialstaat jedoch schon als sozialistisch betrachtet, der h&#228;tte im Geschichts- und Sozialwissenschafts-Unterricht besser aufpassen sollen.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align: justify"><span style="font-size: 11.0pt"><a href="http://www.welt.de/debatte/article6347490/An-die-deutsche-Mittelschicht-denkt-niemand.html">In der „Welt“</a> schreibt Westerwelle: „<em>Wer kellnert, verheiratet ist und zwei Kinder hat, bekommt im Schnitt 109 Euro weniger im Monat, als wenn er oder sie Hartz IV bez&#246;ge.</em>“ Er bringt dies mit einer Missachtung der Mitte in Verbindung. Es stellt sich die Frage, wo der Vizekanzler die Mitte der Gesellschaft verortet: Bei B&#252;rgern mit einem Einkommen von etwa Hartz IV?</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align: justify"><span style="font-size: 11.0pt">Wie bereits erw&#228;hnt, soll Hartz IV nur die n&#246;tigste Grundversorgung, inbegriffen sozialer Teilhabe, darstellen. Dass eine zunehmend gr&#246;&#223;er werdende Zahl von Besch&#228;ftigten in Deutschland trotz Job weniger verdient, als dieses Minimum, ist tats&#228;chlich sch&#228;dlich f&#252;r die soziale Gerechtigkeit. Damit hat Westerwelle recht. Da niemand unter Minimum leben sollte, noch dazu, wenn Kindern dadurch der Zugang zu Bildung und Sport erschwert wird, muss im Bezug auf diese Dumping-L&#246;hne etwas getan werden, auch unabh&#228;ngig vom Hartz IV-Satz.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align: justify"><span style="font-size: 11.0pt">Westerwelle sagt: „<em>Wer die Leistungsgerechtigkeit vergisst, wird die soziale Gerechtigkeit als erstes verlieren.</em>“ Und gegen&#252;ber der <a href="http://www.pnp.de/nachrichten/artikel.php?cid=29-27042800&amp;Ressort=pol&amp;Ausgabe=a&amp;RessLang=&amp;BNR=0">Passauer neuen Presse</a>: „<em>Wer vergisst, dass sich Leistung lohnen muss, legt die Axt an die Wurzel des Wohlstandsbaumes. Darunter leiden die Schw&#228;chsten unserer Gesellschaft.</em>“</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align: justify"><span style="font-size: 11.0pt"><strong>Damit und mit seiner Kritik an ungerechten L&#246;hnen argumentiert Westerwelle f&#252;r gesetzliche Mindestl&#246;hne. Einzig: Er merkt es nicht!</strong></span></p>
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=22877&amp;md5=568e199ca341043dbb4588d226889e57" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>SPD weiter im Sinkflug: keine Richtung, kein Thema, keine Machtoption, keine Politiker</title>
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		<pubDate>Mon, 16 Nov 2009 12:49:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Klaus-Peter Schöppner</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Trotz ihres Bundesparteitags kann sich die SPD nicht aus dem Stimmungstief l&#246;sen. Die Zeiten w&#228;ren g&#252;nstig f&#252;r sie, doch f&#252;r die W&#228;hler ist die SPD nicht mehr die SPD.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/9f525c30a12f45159117bfb33791f63f" alt="" width="1" height="1" />Die Situation ist dramatisch: Gerade noch 19 Prozent der Deutschen glauben an eine schnelle Erholung der SPD. Nur noch jeder zweite ihrer W&#228;hler von 2005 hat sie vier Jahre sp&#228;ter wiedergew&#228;hlt. Ein Negativrekord: Nur 21 Prozent w&#252;rden aktuell die ehrw&#252;rdige deutsche Sozialdemokratie w&#228;hlen. Was die SPD doppelt schmerzen muss – &#252;blich ist eher, dass Mitleid, Mitgef&#252;hl und Kopf-hoch-Botschaften ein f&#252;rchterliches Wahldesaster kurze Zeit sp&#228;ter nach oben korrigieren. Stattdessen bekr&#228;ftigen die W&#228;hler in der Sonntagsfrage die Denkzettelwahl: Die SPD ist trotz ihres <a href="http://parteitag.spd.de">Bundesparteitags</a> in einem bemitleidenswerten Zustand.</p>
<p>Dabei sind sorgenvolle Zeiten eigentlich Zeiten der Sozialdemokratie: Gerade im Zeichen von Abschwung, Angst vor Arbeitslosigkeit, &#220;berschuldung und Zukunftsunsicherheit setzen die W&#228;hler auf soziale Gerechtigkeit und Sicherheit, auf das Soziale der sozialen Marktwirtschaft. Doch in dieser Krise verschwenden die Deutschen kein Herzblut f&#252;r die SPD.</p>
<p>Warum ist das so? Und wo liegen die Chancen einer baldigen Wiederauferstehung?</p>
<p>Grund der desolaten Verfassung: Die SPD ist nicht mehr SPD, nicht mehr die Partei, die soziale Gerechtigkeit in den Schnittpunkt zwischen Wirtschaft und Besch&#228;ftigung stellt. Die SPD hat durch den Zangenangriff von links und rechts ihre Mitte verloren. Bei ihren Themen Gerechtigkeit, Chancengleichheit, gute Gesundheit und sichere Rente haben andere, oft die Linke, die Meinungsf&#252;hrerschaft &#252;bernommen oder die Union sich als handlungsf&#228;higer erwiesen. Seit Ypsilanti mutet keine andere Partei ihren W&#228;hlern soviel Ungewissheit zu. 55 Prozent ihrer W&#228;hler wollen sie weiter links sehen, 39 Prozent in der gem&#228;&#223;igten Mitte – kaum jemand da, wo sie sich jetzt windet. Dennoch sind nur 34 Prozent f&#252;r Rot-Rot auf Bundesebene. Die SPD gilt als wenig vertrauensw&#252;rdig, ihre Worte haben kaum Bestand, zudem als  zerstritten durch Richtungsk&#228;mpfe, zerm&#252;rbt durch viele hohe Niederlagen. Sie steht f&#252;r Vergangenheit, nicht f&#252;r Zukunft.</p>
<p>Dann noch ihr Personal: Gabriel, Steinmeier und Nahles gegen Merkel, zu Guttenberg, von der Leyen und Westerwelle. In der Liste der Politiker, denen eine wichtige Zukunftsrolle zugetraut wird, liegt die Konkurrenz von der Union weit vorn, die SPD-Garde weit hinten. Im Sinkflug ist nun auch Fraktionschef Steinmeier, seitdem sein Angriff auf Merkel und seine Linksanbiederung als wenig authentisch angesehen werden. Dennoch wird er mit klaren Abstand als F&#252;hrungspolitiker gesehen. Unter den SPD-Anh&#228;ngern wollen 67 Prozent Steinmeier als Nummer Eins, nur 23 Prozent Gabriel, gerade noch 10 Prozent Andrea Nahles.</p>
<p>Keine Richtung, kein Thema, keine Machtoption, keine Politiker: So sieht der bemitleidenswerte Zustand der SPD f&#252;r die W&#228;hler derzeit aus.</p>
<p><strong>Und dennoch sollte Schwarz-Gelb nicht zu laut triumphieren</strong>. Sie SPD n&#228;mlich hat gro&#223;e Chancen auf baldige Wiedergenesung: Es gibt weiterhin einen breiten Konsens &#252;ber die Wichtigkeit politischer Aufgaben. Nach wie vor dominieren sozialdemokratische Themen die politische Agenda der Deutschen: Bildung, Abbau der Arbeitslosigkeit, gerechte Altersver-sorgung, richtige Verteilung der Steuerlast, Familienpolitik und Umweltschutz. Schwarz-gelbe Mehrheiten sind also keinesfalls selbstverst&#228;ndlich. Zumal die SPD im W&#228;hlerfazit &#252;ber Schwarz-Rot kaum schlechter als die Union bewertet wurde. Viele W&#228;hler suchen den Anwalt und Unterst&#252;tzer der kleinen, redlichen Leute. Die gem&#228;&#223;igt linke Kraft, die ihre Ziele auch durchsetzen kann. Und gerade dem wird die aktuelle SPD nicht gerecht. Gerade Gestaltungskompetenz jedoch k&#246;nnte ihr Abgrenzungsmerkmal gegen&#252;ber der Linkskonkurrenz sein.</p>
<p>Die gute alte Sozialdemokratie à la Brandt und Schmidt, die auch f&#252;r W&#228;hler der Mitte attraktiv war, ist also keinesfalls &#252;berholt. Nur braucht sie klassische SPD-Themen und keine falschen Machtstrategien; Sozialdemokraten und keine Parteisoldaten. Sie braucht die Renaissance sozialdemokratischer Kompetenz, sie braucht Steinbr&#252;ck und den Au&#223;enminister Steinmeier, nicht jedoch Parteistrategen vom Schlage Gabriels und Nahles&#8217;.</p>
<p>Wie ist das Ist-, wie das Wunschbild der SPD? Gesehen wird sie derzeit als an allen Ecken verbeultes Gef&#228;hrt, das – &#228;hnlich einem ICE – in beide Richtungen fahren kann. Viel lieber w&#228;re den W&#228;hlern dagegen ein guter, zuverl&#228;ssiger, solide laufender Polo. Einen, auf den – und dessen Geradeausfahrf&#228;higkeiten – man sich verlassen kann
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=18323&amp;md5=77206b5492657297b10985b10cf6dc66" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Mindestlohn: Warum Deutschland eine funktionierende Lohnuntergrenze braucht</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Oct 2009 12:11:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Roman George</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Deutschland verzichtet bislang auf eine Lohnuntergrenze. Doch Arbeitnehmer haben auf dem asymmetrischen Arbeitsmarkt einen legitimen Schutzanspruch. Niedrigl&#246;hne werden zunehmend zum Wachstumsproblem.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/72f8bcd27f5a40a2bc2f24ed456197aa" alt="" width="1" height="1" /><em>An dieser Stelle setzen wir die Debatte um den Mindestlohn fort. Thomas Straubhaar sprach sich in seinem <a href="http://carta.info/15129/das-machbare-moeglich-machen-was-eine-neue-bundesregierung-tun-muesste/">Beitrag</a> gegen einen Mindestlohn und f&#252;r das Grundsicherungs-Modell aus. Justus Haucap <a href="http://carta.info/15206/mindesloehne-und-soziale-gerechtigkeit/">vertrat</a> die Position, dass man trotz negativer Besch&#228;ftigungseffekte politisch f&#252;r einen Mindestlohn optieren k&#246;nne. Leser <a href="http://carta.info/15206/mindesloehne-und-soziale-gerechtigkeit/#comment-5128">xconroy</a> schlug in den <a href="http://carta.info/15206/mindesloehne-und-soziale-gerechtigkeit/#comments">Kommentaren</a> dazu vor, auch eine gegenteilige Meinung zu Wort kommen zu lassen.</em></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Justus Haucap, Professor f&#252;r Volkswirtschaftslehre und Vorsitzender der Monopolkommission, hat in <a href="http://carta.info/15206/mindesloehne-und-soziale-gerechtigkeit/">diesem Beitrag</a> f&#252;r Carta vor den Gefahren einer Einf&#252;hrung von Mindestl&#246;hnen in Deutschland gewarnt. Im Kern l&#228;uft seine Argumentation darauf hinaus, dass ein Zielkonflikt zwischen dem w&#252;nschenswerten Ziel sozialer Gerechtigkeit und der &#246;konomischen Vernunft bestehe. Da gesetzliche Mindestl&#246;hne zu Besch&#228;ftigungsverlusten f&#252;hrten, werde das angestrebte legitime Ziel h&#246;herer Einkommen im Niedriglohnbereich konterkariert. Zudem seien soziale Probleme nicht &#252;ber Mindestl&#246;hne zu l&#246;sen, hier sei die Bildungspolitik der meistversprechende Ansatz.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Zuzustimmen ist ihm darin, dass er dem Gesetzgeber grunds&#228;tzlich freistellt, auch ein &#246;konomisch unvern&#252;nftiges Mittel anzuwenden, in diesem konkreten Fall die Ausweitung der M&#246;glichkeiten zur Einf&#252;hrung von branchenspezifischen Mindestl&#246;hnen &#252;ber das Arbeitnehmerentsendegesetz und das Mindestarbeitsbedingungsgesetz. Tats&#228;chlich w&#252;rde die demokratische Willensbildung weitgehend obsolet, wenn man von ihr verlangen wollte, sich nur an &#246;konomischen „Gesetzen“ zu orientieren. Dennoch ist &#246;konomische Politikberatung selbstverst&#228;ndlich hilfreich f&#252;r den politischen Willensbildungsprozess und sollte in diesen einflie&#223;en. Allerdings erf&#252;llt sie diese Aufgabe nur dann zufriedenstellend, wenn ihre Argumente inhaltlich zutreffend sind. Leider bestehen mehrere Schwierigkeiten in Haucaps Argumentation, auf die ich hinweisen m&#246;chte.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><strong>Pro und Contra Mindestl&#246;hne</strong></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Es gibt, zumindest im Ausland, eine lebhafte akademische Diskussion, ob Mindestl&#246;hne Besch&#228;ftigung reduzieren oder nicht. Auf der Seite der Mindestlohngegner stehen diejenigen, die ihre Annahmen aufgrund des neoklassischen Theoriegeb&#228;udes treffen. Ihre Argumentation l&#228;uft darauf hinaus, dass der Arbeitsmarkt im Prinzip wie ein beliebiger G&#252;termarkt funktioniert: Freie Lohnfindung sorgt f&#252;r einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage. Arbeitslosigkeit existiert in diesem Modell nicht, oder sie ist freiwillig gew&#228;hlt. Wird der freie Lohnfindungsprozess aber durch Mindestl&#246;hne gest&#246;rt, so entsteht zwangsl&#228;ufig Arbeitslosigkeit.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Die Gegenposition wird von empirischen Arbeitsmarktforschern und heterodoxen &#214;konomen vertreten. Mehrere &#246;konomische Argumente st&#252;tzen dabei die These nicht vorhandener Besch&#228;ftigungsverluste: Erstens erh&#246;ht ein Mindestlohn die Einkommen im Niedriglohnbereich. Da gerade bei Haushalten mit geringem Einkommen die Konsumquote am h&#246;chsten ist, f&#252;hrt dies unmittelbar zu einer Steigerung der Binnennachfrage (siehe die Simulationsstudie von Klaus Bartsch Econometrics, <a href="http://mindestlohn09.verdi.de/data/milo_studie_bartsch_juli09.pdf">PDF</a>). <span style="color: #0000ff;"> </span> Zudem l&#228;sst sich argumentieren, dass der Arbeitsmarkt eben kein perfekt funktionierender Markt ist, sondern dass es sich um einen imperfekten, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Monopson">monopsonistischen</a> Arbeitsmarkt handelt. Das hei&#223;t, die wenigen Nachfrager nach Arbeitskr&#228;ften befinden sich in einer st&#228;rkeren Position gegen&#252;ber der Vielzahl von Arbeitsuchenden. Schon Adam Smith hat in „Der Wohlstand der Nationen“ festgestellt:</p>
<blockquote>
<p style="margin-bottom: 0cm;">„Die Unternehmer, der Zahl nach weniger, k&#246;nnen sich viel leichter zusammenschlie&#223;en. […] In allen Lohnkonflikten k&#246;nnen zudem die Unternehmer viel l&#228;nger durchhalten. […] Unter Unternehmern besteht immer und &#252;berall eine Art stillschweigendes, aber dauerhaftes und gleich bleibendes Einvernehmen, den Lohn nicht &#252;ber den jeweils geltenden Satz zu erh&#246;hen. […] Mitunter finden sich Unternehmer auch zusammen, um die L&#246;hne sogar unter das bestehende Niveau zu senken.“</p>
</blockquote>
<p style="margin-bottom: 0cm;">
<p style="margin-bottom: 0cm;">Dies erm&#246;glicht es den Unternehmen, einen Lohn <em>unterhalb</em> dessen zu zahlen was „der Markt hergibt“ (Haucap). Dieser Effekt ist mit der Einf&#252;hrung des Arbeitslosengeld II politisch forciert worden, denn inzwischen verlangt <a href="http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_2/__31.html">§31</a> des SGB II von Erwerbslosen, unter Androhung des Leistungsentzuges, jedes Arbeitsangebot anzunehmen – bis zur Grenze der Sittenwidrigkeit. Aus dieser Perspektive m&#252;sste ein marktgerechter Lohn erst durch einen Mindestlohn hergestellt werden.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><strong>Besch&#228;ftigungseffekte und soziale Gerechtigkeit</strong></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Letztendlich lassen sich Besch&#228;ftigungsverluste durch Mindestl&#246;hne empirisch nicht nachweisen. Dies ist besonders gut f&#252;r Gro&#223;britannien dokumentiert, wo die Einf&#252;hrung des <em>National Minimum Wage</em> 1999 aufw&#228;ndig wissenschaftlich <a href="http://eprints.lse.ac.uk/19742/">begleitet</a> wurde. Die &#214;konomen, die negative Effekte ausmachen, tun dies in der Regel nicht auf Basis empirischer Beobachtungen, sondern indem sie &#246;konometrische Berechnungen durchf&#252;hren. Dabei legen sie die <em>Vor</em>annahme zugrunde, dass ein Mindestlohn Besch&#228;ftigung verhindert – einen Beleg f&#252;r die Richtigkeit dieser Annahme kann das allerdings nicht liefern. Die Sorge &#252;ber Besch&#228;ftigungsverluste durch Mindestl&#246;hne ist also alles andere als wissenschaftlich sicher gest&#252;tzt. Dass die deutsche &#214;konomenzunft dies immer wieder anders darstellt, zeugt von einer gewissen Provinzialit&#228;t der hiesigen Debatte. Ein Meinungskartell neoklassisch orientierter &#214;konomen erschwert bisher einen fruchtbaren, offenen Wettbewerb um die wissenschaftlich zutreffende Einsch&#228;tzung von Mindestl&#246;hnen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Aber auch die Frage, inwieweit Mindestl&#246;hne zu sozialer Gerechtigkeit beitragen k&#246;nnen, verdient Beachtung. Mitunter lesen sich die Argumente gegen Mindestl&#246;hne so, als s&#228;hen die Bef&#252;rworter sie als eine L&#246;sung f&#252;r alle sozialen Probleme an. Selbstverst&#228;ndlich sind sie das nicht, das hat aber auch niemand behauptet. Am meisten von Armut betroffen sind in Deutschland Alleinerziehende und vom Arbeitsmarkt ausgeschlossene. Daran kann ein gesetzlicher Mindestlohn selbstverst&#228;ndlich wenig &#228;ndern, das ist Aufgabe der Familien- und Sozialpolitik. Dennoch ist zu ber&#252;cksichtigen, dass insbesondere im deutschen Sozialstaat eine enge Verkn&#252;pfung zwischen <em>fr&#252;herem</em> Erwerbseinkommen und sozialstaatlichen Transferleistungen besteht. Daher kann ein Mindestlohn indirekt einen wesentlichen Beitrag zur Vermeidung von<em> sp&#228;terer</em> Armut leisten, insbesondere <a href="http://www.boeckler.de/show_product_wsi.html?productfile=HBS-004421.xml">im Rentenalter</a>.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><strong>Grenzen der Bildungspolitik</strong></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Besonders fragw&#252;rdig ist aber die von Haucap und anderen vertretene Annahme, das Problem von Niedriglohnarbeit lie&#223;e sich &#252;ber die Bildungspolitik l&#246;sen. Dies wird schon daran deutlich, dass der Niedriglohnsektor seit Mitte der 90er Jahre in Deutschland stark angewachsen ist – dass das Bildungsniveau sich in diesem Zeitraum rapide verschlechtert hat, ist allerdings nicht bekannt. Vielmehr ist die Regulierung des Arbeitsmarktes durch die Tarifvertragsparteien in vielen Sektoren deutlich schw&#228;cher geworden. Probleme des Arbeitsmarktes m&#252;ssen folglich auch auf diesem gel&#246;st werden. Das soll die Notwendigkeit von Fortschritten im Bildungsbereich nicht relativieren, vor illusion&#228;ren Erwartungen an diese ist aber zu warnen. Entgegen g&#228;ngiger Klischees besteht der Niedriglohnsektor keineswegs nur aus formal gering Qualifizierten. Zwar sinkt das Risiko, mit einem Niedriglohn besch&#228;ftigt zu werden tats&#228;chlich mit steigendem Bildungsabschluss, dennoch verf&#252;gen drei Viertel aller Niedrigl&#246;hnerinnen – Frauen sind deutlich &#246;fter betroffen – und Niedrigl&#246;hner &#252;ber eine abgeschlossene Berufsausbildung oder sogar einen Hochschulabschluss (<a href="http://www.iaq.uni-due.de/iaq-report/2008/report2008-01.shtml">IAQ-Report</a>).</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Haucaps Argumentation geht im weiteren Verlauf dahin, dass sich &#252;ber eine Anhebung der Lohneinkommen im Niedriglohnbereich das Haushaltseinkommen nicht oder nur geringf&#252;gig erh&#246;hen lie&#223;e, da ja schon jetzt bei Bedarf erg&#228;nzend Arbeitslosengeld II bezogen werden kann. Der Bezug w&#252;rde sich aber entsprechend des h&#246;heren Entgelts reduzieren. Dieser Hinweis ist sachlich richtig, er &#252;bersieht aber mehrere wesentliche Probleme:</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">
<ol>
<li>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Es ist keineswegs sicher, dass ein 	bestehender Anspruch auf aufstockendes Arbeitslosengeld II auch 	tats&#228;chlich wahrgenommen wird – entweder aus Unwissenheit, oder 	um nicht als Bittsteller zu gelten, oder um den hohen b&#252;rokratischen 	Aufwand zu vermeiden.</p>
</li>
<li>
<p style="margin-bottom: 0cm;">F&#252;r den oder die Einzelnen macht 	es einen wesentlichen Unterschied, ob ein existenzsicherndes 	Einkommen aus Erwerbst&#228;tigkeit resultiert, oder ob man trotz 	(Vollzeit)besch&#228;ftigung zus&#228;tzlich Arbeitslosengeld II wahrnehmen 	muss. Dies erfordert schlie&#223;lich die Offenlegung und Anrechnung von 	Einkommen und Verm&#246;gen, nicht nur des Antragstellers, sondern der 	ganzen „Bedarfsgemeinschaft“. In einer Lohnarbeitsgesellschaft 	wird &#252;ber das Entgelt nicht nur ein Einkommen vermittelt, sondern 	auch Anerkennung – oder in immer mehr F&#228;llen eben auch 	Geringsch&#228;tzung.</p>
</li>
<li>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Mit dem Arbeitslosengeld II 	besteht faktisch ein fl&#228;chendeckender Kombilohn. Das hei&#223;t, der 	Staat wendet immense Haushaltsmittel auf, um Niedriglohnarbeit zu 	subventionieren. Erstens stellt sich die Frage, ob diese Mittel 	nicht sinnvoller eingesetzt werden k&#246;nnten, zum Beispiel f&#252;r 	Bildungs- und Familienpolitik. Zweitens w&#228;re zu fragen, ob diese 	massive Verzerrung des Wettbewerbs durch die indirekte 	Subventionierung der Unternehmen, die Niedrigl&#246;hne zahlen einer 	g&#252;nstigen wirtschaftlichen Entwicklung f&#246;rderlich ist. Schlie&#223;lich 	werden so einseitig diejenigen Unternehmen gef&#246;rdert, die im 	Wettbewerb auf G&#252;ter- und Dienstleistungsm&#228;rkten &#252;ber den Lohn 	konkurrieren.</p>
</li>
</ol>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><strong> Mindestl&#246;hne in der EU</strong></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Der Vergleich zeigt, dass Deutschland mit einem Niedriglohnsektor, der von etwa 15% aller Besch&#228;ftigten Mitte der 1990er Jahre auf inzwischen 22% angewachsen ist, diesbez&#252;glich in der ersten Liga spielt. Die im klassischen Niedriglohnland USA erreichten 25% sind nicht mehr weit entfernt, die kontinentaleurop&#228;ischen L&#228;nder hat Deutschland bereits allesamt hinter sich gelassen. Die Ursache hierf&#252;r ist, dass Deutschland – neben Zypern das einzige Land der EU ist, das auf eine funktionierende Lohnuntergrenze verzichtet.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">In 20 der 27 EU-Staaten existieren laut <a href="http://www.boeckler.de/119_94378.html">WSI-Mindestlohnbericht</a> gesetzliche Mindestl&#246;hne. In den wenigen L&#228;ndern, in denen das nicht der Fall ist, besteht ein funktionales &#196;quivalent wie die Pflichtmitgliedschaft der Arbeitgeber in den Wirtschaftskammern in &#214;sterreich oder das fl&#228;chendeckende Tarifvertragssystem in den skandinavischen L&#228;ndern. Nach langer Diskussion haben die DGB-Gewerkschaften anerkennen m&#252;ssen, dass sie mit den klassischen Mitteln der Tarifpolitik in einigen Branchen kein existenzsicherndes Einkommen mehr gew&#228;hrleisten k&#246;nnen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Das hohe Lied der Tarifautonomie ist dann wenig wert, wenn es, wie von Haucap, gerade auf diejenigen Sektoren angestimmt wird, in denen sie offensichtlich nicht mehr zufriedenstellend funktioniert. Nur ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn, erg&#228;nzt durch branchenspezifische Regelungen, kann hier noch f&#252;r Abhilfe sorgen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><strong>Wachstumsbremse Niedrigl&#246;hne</strong></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">In erster Linie ist Niedriglohnarbeit ein Problem f&#252;r die Betroffenen, aber sie ist inzwischen auch zum Hemmschuh f&#252;r die &#246;konomische Entwicklung Deutschlands und Europas geworden. Die unzureichende Regulierung des Niedriglohnsektors d&#252;rfte eine wesentliche Ursache daf&#252;r sein, dass die Lohnentwicklung in Deutschland schon lange nicht mehr mit dem Produktivit&#228;tswachstum mith&#228;lt. Nur in Deutschland und Spanien sind die Reall&#246;hne in den letzten Jahren gesunken, gleichzeitig ist das Wirtschaftswachstum in Deutschland besonders schwach ausgefallen. Das ist kein Zufall – das eine bedingt das andere: Eine stagnierende Binnennachfrage hemmt das Wirtschaftswachstum und macht es durch seine Exportorientierung in der gegenw&#228;rtigen Weltwirtschaftskrise besonders anf&#228;llig.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Andererseits setzen die deutschen Dumpingl&#246;hne zunehmend auch die Besch&#228;ftigten in den europ&#228;ischen Nachbarstaaten unter Druck, so dass inzwischen eine europaweite deflation&#228;re Abw&#228;rtsspirale aus sinkenden L&#246;hnen, fallenden Preisen, zur&#252;ckgehender Nachfrage und steigender Erwerbslosigkeit <a href="http://www.intereconomics.eu/archiv/autor/508/">droht</a>. <span style="color: #0000ff;"><span style="text-decoration: underline;"><a href="http://www.intereconomics.eu/archiv/autor/508/"><span lang="en-GB"> </span></a></span></span>Die neue Koalition aus CDU, CSU und FDP w&#252;rde gut daran tun, ihre in Sachen Mindestlohn bisher zur&#252;ckhaltende bis feindselige Position weiterzuentwickeln. Vier weitere Jahre des Politikversagens k&#246;nnen wir uns nicht leisten.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><em>Roman George ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f&#252;r  Politikwissenschaft der Philipps-Universit&#228;t Marburg.</em></p>
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		<title>Mindestl&#246;hne und die Privatisierung der sozialen Gerechtigkeit</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Oct 2008 22:57:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Justus Haucap</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In den Wirren der Finanzmarktkrisen geht fast unter, dass wir in Deutschland momentan auf einem ganz anderen Feld vor fundamentalen Weichenstellungen stehen:  In gleich zwei Gesetzen geht es um die Festsetzung staatlicher Mindestl&#246;hne. Justus Haucap, Vorsitzender der Monopolkommission, warnt davor, dass sich der Staat durch Mindestl&#246;hne seiner sozialen Verantwortung entziehen k&#246;nnte. Arbeitgeber und Gewerkschaften k&#246;nnten sich  mittels Mindestl&#246;hnen unliebsamer Konkurrenz zu entledigen versuchen. Leidtragende w&#228;ren die Arbeitslosen und Verbraucher - und langfristig die Tarifautonomie.
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In den Wirren der Finanzmarktkrisen geht fast unter, dass wir in Deutschland momentan auf einem ganz anderen Markt vor einer <strong>fundamentalen Weichenstellung </strong>stehen: Auf dem Arbeitsmarkt. In der Beschlussfassung sind im Bundestag dieser Tage die Neufassungen des Gesetzes &#252;ber die Festsetzung von Mindestarbeitsbedingungen und des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes. In beiden Gesetzen geht es um die Festsetzung staatlicher Mindestl&#246;hne durch Rechtsverordnungen.</p>
<p>Ich darf heute (Montag, 3.11.2008) als Sachverst&#228;ndiger im Bundestag (<a href="http://www.bundestag.de/aktuell/archiv/2008/22628564_kw45_arbeit/index.html" target="_blank">Ausschuss f&#252;r Arbeit und Soziales</a>) dazu Stellung nehmen. Diese Ausf&#252;hrungen beruhen auf meiner schriftlichen Stellungnahme. (Ich habe mich in dieser Form &#8211; der Ordnung halber sei darauf hingewiesen &#8211; auch bei <a href="http://wirtschaftlichefreiheit.de">www.wirtschaftlichefreiheit.de</a> dazu ge&#228;u&#223;ert). Was also ist von den Gesetzesvorhaben zu halten?</p>
<p>Mindestl&#246;hne bergen stets die Gefahr zus&#228;tzlicher Arbeitslosigkeit. Es gibt zwar einzelne Studien, die zeigen, dass dies nicht in jedem Fall so sein muss (ber&#252;hmt ist insbesondere die Studie zu Burger-Flippern in den USA von Card und Krueger aus dem Jahr 1994). Die Mehrheit der Studien belegt aber, dass die Besch&#228;ftigung tendenziell zur&#252;ckgeht, vor allem je h&#246;her der Mindestlohn ist.</p>
<p>Die negativen Besch&#228;ftigungseffekte allein bedeuten jedoch nicht, dass ein staatlicher Mindestlohn sofort zu verwerfen w&#228;re. Politisch mag man sich ja durchaus f&#252;r einen Mindestlohn entscheiden, auch wenn er zu einer h&#246;heren Arbeitslosigkeit f&#252;hrt. <span style="9.5pt;"><span style="Times New Roman;">Denn dem Mehr an Arbeitslosigkeit steht ja ggf. ein zus&#228;tzliches Einkommen der Arbeitnehmer und Arbeit­nehmerinnen gegen&#252;ber, welche zum Mindestlohn besch&#228;ftigt werden und ansonsten einen geringeren Lohn bezogen h&#228;tten. Problematisch ist allerdings, dass auch letzteres keineswegs sicher ist, da zumeist staatliche Transfers entfallen, wenn das Arbeitseinkommen steigt. In diesem Fall ergibt sich h&#246;chstens ein positiver Effekt f&#252;r die &#246;ffentlichen Haushalte, da die staatlichen Transferleistungen sinken. Das verf&#252;gbare Einkommen f&#252;r die betroffenen Haushalte steigt dann aber kaum. Die &#246;konomische Literatur belegt, dass sich Armut mit einem Mindestlohn nur schwer bek&#228;mpfen l&#228;sst, weil dieser einfach nicht am Haushaltseinkommen ansetzt. </span></span></p>
<p><span style="9.5pt;"><span style="Times New Roman;">Die Abw&#228;gung zwischen mehr Arbeitslosigkeit einerseits und m&#246;glicherweise mehr Einkommen der zum Mindestlohn (weiterhin) Besch&#228;ftigten bzw. einer geringeren Belastung der &#246;ffentlichen Haushalte (aufgrund sinkender Transferleistungen) andererseits ist dann eine politische bzw. ethische Entscheidung. Aus Sicht des Finanzministers kann ein Mindestlohn deshalb jedoch sehr attraktiv sein: Er entlastet ggf. die &#246;ffentlichen Kassen aufgrund sinkender Sozialtransfers, selbst wenn er den Betroffenen kaum hilft, weil er deren Einkommen netto kaum erh&#246;ht.</span></span></p>
<p><span style="9.5pt;"><span style="Times New Roman;">Im Grunde ist jedoch der ganze Versuch verfehlt, &#252;ber Mindestl&#246;hne soziale Gerechtigkeit zu schaffen. Es ist richtig, dass Markt und Wettbewerb nicht f&#252;r umfassende soziale Gerechtigkeit sorgen k&#246;nnen. Das Schaffen sozialer Gerechtigkeit ist daher eine Aufgabe des Staates. Dies kann durch Transfers geschehen oder, besser noch, durch die Schaffung gleicher Bildungschancen und ein gutes Bildungssystem. Durch das Setzen staatlicher Mindestl&#246;hne soll nun aber gerade dem Markt eine Aufgabe &#252;bertragen werden, welche er nicht l&#246;sen kann. Unternehmen sollen Arbeitnehmern mehr zahlen als „der Markt hergibt“. Da bleibt das ungute Gef&#252;hl, der Staat versuche sich hier der Verantwortung zu entziehen, durch Bildungsm&#246;glichkeiten, Transferzahlungen, etc. selbst f&#252;r soziale Gerechtigkeit zu sorgen. <strong><span style="underline;">Die Frage der sozialen Gerechtigkeit wird gewisserma&#223;en privatisiert</span></strong>. Unternehmen sollen nun f&#252;r soziale Gerechtigkeit sorgen, die der Staat anscheinend nicht mehr schaffen kann oder will.</span></span></p>
<p><span style="9.5pt;"><span style="Times New Roman;">Die beiden vorgesehenen Gesetze weisen jedoch neben diesen allgemeinen Erw&#228;gungen eine ganze Reihe von Schw&#228;chen auf. Ich habe in meiner schriftlichen Stellungnahme zur <a href="http://www.bundestag.de/aktuell/archiv/2008/22628564_kw45_arbeit/index.html" target="_blank">Expertenanh&#246;rung im Bundestag</a> hingewiesen, will diese aber auch hier kurz ausf&#252;hren.</span></span></p>
<p><span style="9.5pt;"><span style="Times New Roman;"><em><span style="9.5pt;">Branchenspezifische </span></em><span style="9.5pt;">Mindestl&#246;hne, so wie sie in Deutschland durch die beiden Gesetzesnovellierungen vorgesehen sind, bergen die <em>zus&#228;tzliche</em> Gefahr, dass der Wettbewerb auf den betroffenen Produktm&#228;rkten ausgehebelt wird, wie im Fall des Mindestlohnes im Postbereich klar zu erkennen war. Die Monopolkommission hat dies in ihrem <a href="http://www.monopolkommission.de/aktuell_sg51.html" target="_blank">51. Sondergutachten </a>vom Dezember 2007 deutlich herausgearbeitet. Leidtragende sind hier neben den vom Markt verdr&#228;ngten Wettbewerbern vor allem die Verbraucher, welche die Konsequenzen letztlich in Form h&#246;herer Preise und geringerer Auswahl zu tragen haben.<em></em></span></span></span></p>
<p><span style="9.5pt;"><span style="Times New Roman;">Die Gefahr ist somit, wie der Fall des Mindestlohnes bei der Post besonders eindrucksvoll belegt, dass Mindestl&#246;hne strategisch genutzt werden, um den Wettbewerb auf den Produktm&#228;rkten auszubremsen. Nat&#252;rlich mag man argumentieren, dass die PIN Group und andere ggf. auch ohne Mindestlohn nicht konkurrenzf&#228;hig gewesen w&#228;ren. Unstrittig ist jedoch, dass der Aktienkurs der Deutschen Post AG nach dem Beschluss des Post-Mindestlohnes einen kr&#228;ftigen <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,521477,00.html" target="_blank">Sprung nach oben</a> gemacht hat, d.h. der Markt hat als Reaktion auf den Mindestlohn steigende Gewinne der Deutschen Post AG (bzw. einen geringeren Wettbewerbsdruck) erwartet.</span> </span></p>
<p><span style="9.5pt;">An der &#214;ffentlichkeit nahezu unbemerkt vorbei geht zudem auch, dass es im Gesetz &#252;ber die Festsetzung von Mindestarbeitsbedingungen nicht mehr nur um eine absolute Untergrenze f&#252;r den Lohn, sondern um mehr oder minder umfangreiche <strong>staatliche Lohngitter bzw. Quasi-Tarifvertr&#228;ge</strong> geht. Vielmehr wird in §4 Abs. 4 die M&#246;glichkeit er&#246;ffnet, Mindestl&#246;hne nach Art der T&#228;tigkeit, Qualifikation der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen und nach Regionen zu differenzieren.</span></p>
<p><span style="&quot;Times New Roman&quot;;">Gerade weil die Gefahr der strategischen Manipulation insbesondere bei <em>branchenspezifischen</em> Mindestl&#246;hnen besteht, hat die Monopolkommission sich im Dezember 2007 auch daf&#252;r ausgesprochen, dem Bundeskartellamt als Anwalt des Wettbewerbs und damit auch der Verbraucher <strong>wenigstens </strong>ein Anh&#246;rungsrecht bei der Festlegung branchenspezifischer Mindestl&#246;hne einzur&#228;umen. Ansonsten werden die Verbraucher systematisch bei der Festlegung von Mindestl&#246;hnen ausgeschlossen, obwohl die Nachfrager systematisch durch die resultierenden Preiseffekte von Mindestl&#246;hnen betroffen sind. &#214;konomisch gesprochen besteht hier die Gefahr, dass Vertr&#228;ge zu Lasten Dritter geschlossen werden. Es ist nicht ersichtlich, warum nicht wenigstens ein Anh&#246;rungsrecht einger&#228;umt werden kann, sodass auf die eklatantesten Fehlentwicklungen wirksam hingewiesen werden k&#246;nnte.<span style="AR-SA;"><span style="&quot;Times New Roman&quot;;"> </span></span></span></p>
<p>Insbesondere die Differenzierung nach Art der T&#228;tigkeit und nach Qualifikation der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen macht deutlich, dass es nicht mehr nur allein um ein absolut notwendiges Einkommensminimum geht. Es ist jedenfalls als &#214;konom nicht leicht verst&#228;ndlich, warum f&#252;r einen qualifizierten Arbeitnehmer, wie einen Facharbeiter oder einen Akademiker, aus sozialen Gr&#252;nden ein h&#246;herer Mindestlohn notwendig ist als f&#252;r einen ungelernten Arbeitnehmer. Anders ausgedr&#252;ckt ist zu fragen, warum ein ungelernter Arbeitnehmer mit einem geringeren Lohn auskommen soll als ein h&#246;her qualifizierter, wenn der Arbeitsmarkt in keinem der beiden F&#228;lle einen h&#246;heren Lohn „hergibt“.</p>
<p>In Europa w&#228;re es daher auch einzigartig, wenn neben dem gesetzlichen Mindestlohn f&#252;r die unterste Qualifikationsstufe eine Ausdifferenzierung des staatlichen Mindestlohnes nach Qualifikation der Arbeitnehmer o.&#228;. vorgenommen w&#252;rde. Genau dies soll jedoch in Deutschland erm&#246;glicht werden, sodass von staatlicher Seite Quasi-Tarifvertr&#228;ge geschaffen werden. Die staatliche Tariffestlegung tritt dann in direkte Konkurrenz zu privaten Tarifverhandlungen. Die Verhandlungsmacht der Tarifparteien wird dadurch ver&#228;ndert, dass es als R&#252;ckfallposition nun die staatliche Lohnfestlegung gibt. <strong>Dies vermindert auch die Anreize, &#252;berhaupt zu Tarifabschl&#252;ssen zu gelangen</strong>. Es besteht die Gefahr, dass die Tarifbindung noch weiter als bisher zur&#252;ckgehen wird und es zu einer schleichenden Aush&#246;hlung der Tarifautonomie kommen wird. Im schlimmsten Fall ist die im Gesetzesentwurf vorgesehene Klausel der Einstieg in den umfassenden <strong>Ausstieg aus der Tarifautonomie</strong> und der <strong>Beginn zunehmender staatlicher Lohnfestlegungen</strong>.</p>
<p>Mit einer sinkenden Notwendigkeit, Tarifvertr&#228;ge auszuhandeln, sinkt auch die Notwendigkeit bzw. der Anreiz sich in einer Gewerkschaft oder einem Arbeitgeberverband zu organisieren. Warum soll jemand noch Mitglied einer Gewerkschaft werden, wenn nicht die Gewerkschaft, sondern der Staat f&#252;r die angemessene Entlohnung sorgt? Der Organisationsgrad d&#252;rfte daher in Folge weiter zur&#252;ckgehen. Dies wiederum w&#252;rde die Gewerkschaften weiter schw&#228;chen und eine staatliche Lohnfestlegung noch notwendiger erscheinen lassen. Dies ist der Beginn einer <strong>Abw&#228;rtsspirale</strong>, an deren Ende auch das Ende der Tarifautonomie stehen wird.</p>
<p>Verst&#228;rkt wird dieser Effekt durch den vorgesehenen Vorrang der Rechtsverordnungen &#252;ber Mindestentgelte gegen&#252;ber tarifvertraglichen Regeln, welche als f&#252;r den einzelnen „ung&#252;nstiger“ angesehen werden. Dies f&#252;hrt de facto zu einer Marktabschottung des „Gewerkschaftsmarktes“, d.h. die Konkurrenz um die kollektive Vertretung von Arbeitnehmerinteressen wird ausgebremst. Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund der restriktiven Auslegung des G&#252;nstigkeitsprinzips durch die Gerichte, die auch der Sachverst&#228;ndigenrat z.B. 2001 und 2002 kritisiert hat. Problematisch ist in diesem Kontext auch, dass die Konkurrenz alternativer Entlohnungssysteme beschnitten wird. Wie z.B. sollen Gewinnbeteiligungen oder Leistungsanreize mit Stundenl&#246;hnen verglichen werden?</p>
<p>Alternative Gewerkschaften, wie der Christliche Gewerkschaftsbund, drohen durch den Vorrang von Rechtsverordnungen gegen&#252;ber Tarifvertr&#228;gen vom Markt f&#252;r die kollektive Vertretung von Arbeitnehmerinteressen verdr&#228;ngt zu werden. Dies wiederum d&#252;rfte sich negativ auf den gewerkschaftlichen Organisationsgrad insgesamt auswirken und die Talfahrt auf der oben beschriebenen Abw&#228;rtsspirale noch beschleunigen.</p>
<p>Der Vorrang von Rechtsverordnungen &#252;ber Mindestentgelte d&#252;rfte auch kaum mit dem expliziten Ziel des Gesetzes vereinbar sein, die Tarifautonomie mit ihren Elementen der positiven und der negativen Koalitionsfreiheit zu st&#228;rken. Es ist zu bef&#252;rchten, dass das Gegenteil des Gew&#252;nschten eintritt und tarifvertragliche Regelungen weiter zur&#252;ckgedr&#228;ngt werden zu Gunsten staatlicher Tariffestlegungen.</p>
<p>Was das Arbeitnehmer-Entsendegesetz angeht, so ist doch auff&#228;llig, dass in dem nach Besch&#228;ftigtenzahl gr&#246;&#223;eren Teil der Branchen, die bis zum 31.3.2008 eine Aufnahme in das Arbeitnehmer-Entsendegesetz beantragt haben, keine gr&#246;&#223;ere Entsendeproblematik bekannt ist. Dies gilt f&#252;r die Zeitarbeit, das Wach- und Sicherheitsgewerbe, die Entsorgungswirtschaft und die au&#223;erbetriebliche Weiterbildung (zusammen &#252;ber 1 Mio. Besch&#228;ftigte). In den vier anderen Branchen (Altenpflege, Forstdienstleistungen, Textilreinigung und Bergbauspezialarbeiten (insgesamt etwa 300 000 Besch&#228;ftigte) k&#246;nnte teilweise eine Entsendeproblematik bestehen. Doch ist auch diese nicht hinreichend belegt, um von sozialen Verwerfungen zu sprechen, die das Gesetz eigentlich fordert.</p>
<p>In einigen dieser Branchen besteht jedoch eine rege Tarifkonkurrenz. Als Wettbewerbs&#246;konom dr&#228;ngt sich der Verdacht auf, dass es darum gehen k&#246;nnte, diese <strong>Tarifkonkurrenz </strong>zu unterbinden und eine „Entmonopolisierung“ des Gewerkschaftsmarktes zu verhindern. Diese Wirkung wird sich in jedem Fall auch dadurch entfalten, dass der Gr&#246;&#223;e bzw. Mitgliederzahl der Gewerkschaft (welche unter den Geltungsbereich des Tarifvertrages f&#228;llt) ein besonderer Stellenwert beigemessen werden soll. Somit droht die Gefahr, dass kleinere Gewerkschaften systematisch von den gr&#246;&#223;eren verdr&#228;ngt werden. Die Neugr&#252;ndung und Etablierung von (tariff&#228;higen) Gewerkschaften in Konkurrenz zu den DGB-Gewerkschaften d&#252;rfte damit erheblich erschwert werden.</p>
<p>Alles in allem bahnt sich hier eine unheilige Allianz an: Die Arbeitgeber m&#246;chten den Wettbewerb auf den Produktm&#228;rkten ausbremsen, die DGB-Gewerkschaften wollen die entstehende Tarifkonkurrenz auf dem &#8220;Markt&#8221; f&#252;r die kollektive Vertreung von Arbeitnehmerinteressen unterbinden und der Staat m&#246;chte die &#246;ffentlichen Kassen entlasten sowie die Sozialtransfers zur&#252;ckfahren. Leidtragende werden zun&#228;chst Arbeitslose und Verbraucher sein. Langfristig droht jedoch die besagte Tarifautonomie ausgehebelt zu werden. Dies kann auch nicht im Interesse der etablierten Gewerkschaften und der Arbeitgeberverb&#228;nde sein.
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