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	<title>CARTA &#187; Mindestlohn</title>
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	<description>Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit</description>
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		<title>Mindestlohn: Warum Deutschland eine funktionierende Lohnuntergrenze braucht</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Oct 2009 12:11:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Roman George</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Deutschland verzichtet bislang auf eine Lohnuntergrenze. Doch Arbeitnehmer haben auf dem asymmetrischen Arbeitsmarkt einen legitimen Schutzanspruch. Niedrigl&#246;hne werden zunehmend zum Wachstumsproblem.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/72f8bcd27f5a40a2bc2f24ed456197aa" alt="" width="1" height="1" /><em>An dieser Stelle setzen wir die Debatte um den Mindestlohn fort. Thomas Straubhaar sprach sich in seinem <a href="http://carta.info/15129/das-machbare-moeglich-machen-was-eine-neue-bundesregierung-tun-muesste/">Beitrag</a> gegen einen Mindestlohn und f&#252;r das Grundsicherungs-Modell aus. Justus Haucap <a href="http://carta.info/15206/mindesloehne-und-soziale-gerechtigkeit/">vertrat</a> die Position, dass man trotz negativer Besch&#228;ftigungseffekte politisch f&#252;r einen Mindestlohn optieren k&#246;nne. Leser <a href="http://carta.info/15206/mindesloehne-und-soziale-gerechtigkeit/#comment-5128">xconroy</a> schlug in den <a href="http://carta.info/15206/mindesloehne-und-soziale-gerechtigkeit/#comments">Kommentaren</a> dazu vor, auch eine gegenteilige Meinung zu Wort kommen zu lassen.</em></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Justus Haucap, Professor f&#252;r Volkswirtschaftslehre und Vorsitzender der Monopolkommission, hat in <a href="http://carta.info/15206/mindesloehne-und-soziale-gerechtigkeit/">diesem Beitrag</a> f&#252;r Carta vor den Gefahren einer Einf&#252;hrung von Mindestl&#246;hnen in Deutschland gewarnt. Im Kern l&#228;uft seine Argumentation darauf hinaus, dass ein Zielkonflikt zwischen dem w&#252;nschenswerten Ziel sozialer Gerechtigkeit und der &#246;konomischen Vernunft bestehe. Da gesetzliche Mindestl&#246;hne zu Besch&#228;ftigungsverlusten f&#252;hrten, werde das angestrebte legitime Ziel h&#246;herer Einkommen im Niedriglohnbereich konterkariert. Zudem seien soziale Probleme nicht &#252;ber Mindestl&#246;hne zu l&#246;sen, hier sei die Bildungspolitik der meistversprechende Ansatz.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Zuzustimmen ist ihm darin, dass er dem Gesetzgeber grunds&#228;tzlich freistellt, auch ein &#246;konomisch unvern&#252;nftiges Mittel anzuwenden, in diesem konkreten Fall die Ausweitung der M&#246;glichkeiten zur Einf&#252;hrung von branchenspezifischen Mindestl&#246;hnen &#252;ber das Arbeitnehmerentsendegesetz und das Mindestarbeitsbedingungsgesetz. Tats&#228;chlich w&#252;rde die demokratische Willensbildung weitgehend obsolet, wenn man von ihr verlangen wollte, sich nur an &#246;konomischen „Gesetzen“ zu orientieren. Dennoch ist &#246;konomische Politikberatung selbstverst&#228;ndlich hilfreich f&#252;r den politischen Willensbildungsprozess und sollte in diesen einflie&#223;en. Allerdings erf&#252;llt sie diese Aufgabe nur dann zufriedenstellend, wenn ihre Argumente inhaltlich zutreffend sind. Leider bestehen mehrere Schwierigkeiten in Haucaps Argumentation, auf die ich hinweisen m&#246;chte.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><strong>Pro und Contra Mindestl&#246;hne</strong></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Es gibt, zumindest im Ausland, eine lebhafte akademische Diskussion, ob Mindestl&#246;hne Besch&#228;ftigung reduzieren oder nicht. Auf der Seite der Mindestlohngegner stehen diejenigen, die ihre Annahmen aufgrund des neoklassischen Theoriegeb&#228;udes treffen. Ihre Argumentation l&#228;uft darauf hinaus, dass der Arbeitsmarkt im Prinzip wie ein beliebiger G&#252;termarkt funktioniert: Freie Lohnfindung sorgt f&#252;r einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage. Arbeitslosigkeit existiert in diesem Modell nicht, oder sie ist freiwillig gew&#228;hlt. Wird der freie Lohnfindungsprozess aber durch Mindestl&#246;hne gest&#246;rt, so entsteht zwangsl&#228;ufig Arbeitslosigkeit.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Die Gegenposition wird von empirischen Arbeitsmarktforschern und heterodoxen &#214;konomen vertreten. Mehrere &#246;konomische Argumente st&#252;tzen dabei die These nicht vorhandener Besch&#228;ftigungsverluste: Erstens erh&#246;ht ein Mindestlohn die Einkommen im Niedriglohnbereich. Da gerade bei Haushalten mit geringem Einkommen die Konsumquote am h&#246;chsten ist, f&#252;hrt dies unmittelbar zu einer Steigerung der Binnennachfrage (siehe die Simulationsstudie von Klaus Bartsch Econometrics, <a href="http://mindestlohn09.verdi.de/data/milo_studie_bartsch_juli09.pdf">PDF</a>). <span style="color: #0000ff;"> </span> Zudem l&#228;sst sich argumentieren, dass der Arbeitsmarkt eben kein perfekt funktionierender Markt ist, sondern dass es sich um einen imperfekten, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Monopson">monopsonistischen</a> Arbeitsmarkt handelt. Das hei&#223;t, die wenigen Nachfrager nach Arbeitskr&#228;ften befinden sich in einer st&#228;rkeren Position gegen&#252;ber der Vielzahl von Arbeitsuchenden. Schon Adam Smith hat in „Der Wohlstand der Nationen“ festgestellt:</p>
<blockquote>
<p style="margin-bottom: 0cm;">„Die Unternehmer, der Zahl nach weniger, k&#246;nnen sich viel leichter zusammenschlie&#223;en. […] In allen Lohnkonflikten k&#246;nnen zudem die Unternehmer viel l&#228;nger durchhalten. […] Unter Unternehmern besteht immer und &#252;berall eine Art stillschweigendes, aber dauerhaftes und gleich bleibendes Einvernehmen, den Lohn nicht &#252;ber den jeweils geltenden Satz zu erh&#246;hen. […] Mitunter finden sich Unternehmer auch zusammen, um die L&#246;hne sogar unter das bestehende Niveau zu senken.“</p>
</blockquote>
<p style="margin-bottom: 0cm;">
<p style="margin-bottom: 0cm;">Dies erm&#246;glicht es den Unternehmen, einen Lohn <em>unterhalb</em> dessen zu zahlen was „der Markt hergibt“ (Haucap). Dieser Effekt ist mit der Einf&#252;hrung des Arbeitslosengeld II politisch forciert worden, denn inzwischen verlangt <a href="http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_2/__31.html">§31</a> des SGB II von Erwerbslosen, unter Androhung des Leistungsentzuges, jedes Arbeitsangebot anzunehmen – bis zur Grenze der Sittenwidrigkeit. Aus dieser Perspektive m&#252;sste ein marktgerechter Lohn erst durch einen Mindestlohn hergestellt werden.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><strong>Besch&#228;ftigungseffekte und soziale Gerechtigkeit</strong></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Letztendlich lassen sich Besch&#228;ftigungsverluste durch Mindestl&#246;hne empirisch nicht nachweisen. Dies ist besonders gut f&#252;r Gro&#223;britannien dokumentiert, wo die Einf&#252;hrung des <em>National Minimum Wage</em> 1999 aufw&#228;ndig wissenschaftlich <a href="http://eprints.lse.ac.uk/19742/">begleitet</a> wurde. Die &#214;konomen, die negative Effekte ausmachen, tun dies in der Regel nicht auf Basis empirischer Beobachtungen, sondern indem sie &#246;konometrische Berechnungen durchf&#252;hren. Dabei legen sie die <em>Vor</em>annahme zugrunde, dass ein Mindestlohn Besch&#228;ftigung verhindert – einen Beleg f&#252;r die Richtigkeit dieser Annahme kann das allerdings nicht liefern. Die Sorge &#252;ber Besch&#228;ftigungsverluste durch Mindestl&#246;hne ist also alles andere als wissenschaftlich sicher gest&#252;tzt. Dass die deutsche &#214;konomenzunft dies immer wieder anders darstellt, zeugt von einer gewissen Provinzialit&#228;t der hiesigen Debatte. Ein Meinungskartell neoklassisch orientierter &#214;konomen erschwert bisher einen fruchtbaren, offenen Wettbewerb um die wissenschaftlich zutreffende Einsch&#228;tzung von Mindestl&#246;hnen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Aber auch die Frage, inwieweit Mindestl&#246;hne zu sozialer Gerechtigkeit beitragen k&#246;nnen, verdient Beachtung. Mitunter lesen sich die Argumente gegen Mindestl&#246;hne so, als s&#228;hen die Bef&#252;rworter sie als eine L&#246;sung f&#252;r alle sozialen Probleme an. Selbstverst&#228;ndlich sind sie das nicht, das hat aber auch niemand behauptet. Am meisten von Armut betroffen sind in Deutschland Alleinerziehende und vom Arbeitsmarkt ausgeschlossene. Daran kann ein gesetzlicher Mindestlohn selbstverst&#228;ndlich wenig &#228;ndern, das ist Aufgabe der Familien- und Sozialpolitik. Dennoch ist zu ber&#252;cksichtigen, dass insbesondere im deutschen Sozialstaat eine enge Verkn&#252;pfung zwischen <em>fr&#252;herem</em> Erwerbseinkommen und sozialstaatlichen Transferleistungen besteht. Daher kann ein Mindestlohn indirekt einen wesentlichen Beitrag zur Vermeidung von<em> sp&#228;terer</em> Armut leisten, insbesondere <a href="http://www.boeckler.de/show_product_wsi.html?productfile=HBS-004421.xml">im Rentenalter</a>.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><strong>Grenzen der Bildungspolitik</strong></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Besonders fragw&#252;rdig ist aber die von Haucap und anderen vertretene Annahme, das Problem von Niedriglohnarbeit lie&#223;e sich &#252;ber die Bildungspolitik l&#246;sen. Dies wird schon daran deutlich, dass der Niedriglohnsektor seit Mitte der 90er Jahre in Deutschland stark angewachsen ist – dass das Bildungsniveau sich in diesem Zeitraum rapide verschlechtert hat, ist allerdings nicht bekannt. Vielmehr ist die Regulierung des Arbeitsmarktes durch die Tarifvertragsparteien in vielen Sektoren deutlich schw&#228;cher geworden. Probleme des Arbeitsmarktes m&#252;ssen folglich auch auf diesem gel&#246;st werden. Das soll die Notwendigkeit von Fortschritten im Bildungsbereich nicht relativieren, vor illusion&#228;ren Erwartungen an diese ist aber zu warnen. Entgegen g&#228;ngiger Klischees besteht der Niedriglohnsektor keineswegs nur aus formal gering Qualifizierten. Zwar sinkt das Risiko, mit einem Niedriglohn besch&#228;ftigt zu werden tats&#228;chlich mit steigendem Bildungsabschluss, dennoch verf&#252;gen drei Viertel aller Niedrigl&#246;hnerinnen – Frauen sind deutlich &#246;fter betroffen – und Niedrigl&#246;hner &#252;ber eine abgeschlossene Berufsausbildung oder sogar einen Hochschulabschluss (<a href="http://www.iaq.uni-due.de/iaq-report/2008/report2008-01.shtml">IAQ-Report</a>).</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Haucaps Argumentation geht im weiteren Verlauf dahin, dass sich &#252;ber eine Anhebung der Lohneinkommen im Niedriglohnbereich das Haushaltseinkommen nicht oder nur geringf&#252;gig erh&#246;hen lie&#223;e, da ja schon jetzt bei Bedarf erg&#228;nzend Arbeitslosengeld II bezogen werden kann. Der Bezug w&#252;rde sich aber entsprechend des h&#246;heren Entgelts reduzieren. Dieser Hinweis ist sachlich richtig, er &#252;bersieht aber mehrere wesentliche Probleme:</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">
<ol>
<li>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Es ist keineswegs sicher, dass ein 	bestehender Anspruch auf aufstockendes Arbeitslosengeld II auch 	tats&#228;chlich wahrgenommen wird – entweder aus Unwissenheit, oder 	um nicht als Bittsteller zu gelten, oder um den hohen b&#252;rokratischen 	Aufwand zu vermeiden.</p>
</li>
<li>
<p style="margin-bottom: 0cm;">F&#252;r den oder die Einzelnen macht 	es einen wesentlichen Unterschied, ob ein existenzsicherndes 	Einkommen aus Erwerbst&#228;tigkeit resultiert, oder ob man trotz 	(Vollzeit)besch&#228;ftigung zus&#228;tzlich Arbeitslosengeld II wahrnehmen 	muss. Dies erfordert schlie&#223;lich die Offenlegung und Anrechnung von 	Einkommen und Verm&#246;gen, nicht nur des Antragstellers, sondern der 	ganzen „Bedarfsgemeinschaft“. In einer Lohnarbeitsgesellschaft 	wird &#252;ber das Entgelt nicht nur ein Einkommen vermittelt, sondern 	auch Anerkennung – oder in immer mehr F&#228;llen eben auch 	Geringsch&#228;tzung.</p>
</li>
<li>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Mit dem Arbeitslosengeld II 	besteht faktisch ein fl&#228;chendeckender Kombilohn. Das hei&#223;t, der 	Staat wendet immense Haushaltsmittel auf, um Niedriglohnarbeit zu 	subventionieren. Erstens stellt sich die Frage, ob diese Mittel 	nicht sinnvoller eingesetzt werden k&#246;nnten, zum Beispiel f&#252;r 	Bildungs- und Familienpolitik. Zweitens w&#228;re zu fragen, ob diese 	massive Verzerrung des Wettbewerbs durch die indirekte 	Subventionierung der Unternehmen, die Niedrigl&#246;hne zahlen einer 	g&#252;nstigen wirtschaftlichen Entwicklung f&#246;rderlich ist. Schlie&#223;lich 	werden so einseitig diejenigen Unternehmen gef&#246;rdert, die im 	Wettbewerb auf G&#252;ter- und Dienstleistungsm&#228;rkten &#252;ber den Lohn 	konkurrieren.</p>
</li>
</ol>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><strong> Mindestl&#246;hne in der EU</strong></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Der Vergleich zeigt, dass Deutschland mit einem Niedriglohnsektor, der von etwa 15% aller Besch&#228;ftigten Mitte der 1990er Jahre auf inzwischen 22% angewachsen ist, diesbez&#252;glich in der ersten Liga spielt. Die im klassischen Niedriglohnland USA erreichten 25% sind nicht mehr weit entfernt, die kontinentaleurop&#228;ischen L&#228;nder hat Deutschland bereits allesamt hinter sich gelassen. Die Ursache hierf&#252;r ist, dass Deutschland – neben Zypern das einzige Land der EU ist, das auf eine funktionierende Lohnuntergrenze verzichtet.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">In 20 der 27 EU-Staaten existieren laut <a href="http://www.boeckler.de/119_94378.html">WSI-Mindestlohnbericht</a> gesetzliche Mindestl&#246;hne. In den wenigen L&#228;ndern, in denen das nicht der Fall ist, besteht ein funktionales &#196;quivalent wie die Pflichtmitgliedschaft der Arbeitgeber in den Wirtschaftskammern in &#214;sterreich oder das fl&#228;chendeckende Tarifvertragssystem in den skandinavischen L&#228;ndern. Nach langer Diskussion haben die DGB-Gewerkschaften anerkennen m&#252;ssen, dass sie mit den klassischen Mitteln der Tarifpolitik in einigen Branchen kein existenzsicherndes Einkommen mehr gew&#228;hrleisten k&#246;nnen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Das hohe Lied der Tarifautonomie ist dann wenig wert, wenn es, wie von Haucap, gerade auf diejenigen Sektoren angestimmt wird, in denen sie offensichtlich nicht mehr zufriedenstellend funktioniert. Nur ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn, erg&#228;nzt durch branchenspezifische Regelungen, kann hier noch f&#252;r Abhilfe sorgen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><strong>Wachstumsbremse Niedrigl&#246;hne</strong></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">In erster Linie ist Niedriglohnarbeit ein Problem f&#252;r die Betroffenen, aber sie ist inzwischen auch zum Hemmschuh f&#252;r die &#246;konomische Entwicklung Deutschlands und Europas geworden. Die unzureichende Regulierung des Niedriglohnsektors d&#252;rfte eine wesentliche Ursache daf&#252;r sein, dass die Lohnentwicklung in Deutschland schon lange nicht mehr mit dem Produktivit&#228;tswachstum mith&#228;lt. Nur in Deutschland und Spanien sind die Reall&#246;hne in den letzten Jahren gesunken, gleichzeitig ist das Wirtschaftswachstum in Deutschland besonders schwach ausgefallen. Das ist kein Zufall – das eine bedingt das andere: Eine stagnierende Binnennachfrage hemmt das Wirtschaftswachstum und macht es durch seine Exportorientierung in der gegenw&#228;rtigen Weltwirtschaftskrise besonders anf&#228;llig.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Andererseits setzen die deutschen Dumpingl&#246;hne zunehmend auch die Besch&#228;ftigten in den europ&#228;ischen Nachbarstaaten unter Druck, so dass inzwischen eine europaweite deflation&#228;re Abw&#228;rtsspirale aus sinkenden L&#246;hnen, fallenden Preisen, zur&#252;ckgehender Nachfrage und steigender Erwerbslosigkeit <a href="http://www.intereconomics.eu/archiv/autor/508/">droht</a>. <span style="color: #0000ff;"><span style="text-decoration: underline;"><a href="http://www.intereconomics.eu/archiv/autor/508/"><span lang="en-GB"> </span></a></span></span>Die neue Koalition aus CDU, CSU und FDP w&#252;rde gut daran tun, ihre in Sachen Mindestlohn bisher zur&#252;ckhaltende bis feindselige Position weiterzuentwickeln. Vier weitere Jahre des Politikversagens k&#246;nnen wir uns nicht leisten.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><em>Roman George ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f&#252;r  Politikwissenschaft der Philipps-Universit&#228;t Marburg.</em></p>
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		<title>Das Machbare m&#246;glich machen: Was eine neue Bundesregierung tun m&#252;sste</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Sep 2009 13:05:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Straubhaar</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Deutschland leidet unter den kostspieligen Folgen der schwersten Rezession der Nachkriegszeit. Die Wirtschaft w&#228;chst zwar wieder, aber nur langsam. Die wichtigsten Herausforderungen der kommenden Legislaturperiode sind Besch&#228;ftigung und Staatsverschuldung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/ca6b95d3c85a11f3e22ed4e05e4292" width="1" height="1" alt=""/><strong>1. Die Ausgangslage </strong></p>
<p>Die Fakten sprechen eine klare Sprache. Die neue Bundesregierung steht vor gro&#223;en Aufgaben. Deutschland leidet unter den kostspieligen Folgen der schwersten Rezession der Nachkriegszeit. Die Wirtschaft w&#228;chst zwar wieder, aber nur langsam. Das Bruttoinlandprodukt d&#252;rfte nach einem Minus von rund f&#252;nf Prozent in diesem Jahr in 2010 bestenfalls um ein Prozent, realistischerweise aber eher schw&#228;cher wachsen. Das ist zu wenig, um die beiden wichtigsten Herausforderungen der kommenden Legislatur zu bew&#228;ltigen: Besch&#228;ftigung und Staatsverschuldung.</p>
<p>Selbst wenn die Konjunktur ihren Tiefstpunkt mittlerweile hinter sich haben d&#252;rfte, wird der Besch&#228;ftigungsabbau noch bis zum n&#228;chsten Fr&#252;hling weitergehen. Zun&#228;chst schleichend und tropfenweise verschwinden hier und dort einzelne Jobs. Auslaufende Vertr&#228;ge werden nicht verl&#228;ngert, Zeitarbeitsverh&#228;ltnisse nicht erneuert. Freiwillig ausscheidende und in Ruhestand oder Elternschaft gehende Mitarbeiterinnen werden nicht ersetzt. Kurzarbeit ist von rund 200.000 Betroffenen im Vorjahr im Juni 2009 auf gut 1,4 Millionen hoch geschnellt. Noch aber hat die Wirtschaftskrise die Ma&#223;e der Bev&#246;lkerung nur am Rande getroffen.</p>
<p>Das wird sich im kommenden Winterhalbjahr &#228;ndern. Weitere Firmenpleiten werden folgen. Wenn neben der schwachen Konjunktur und den strukturellen Problemen einzelner Branchen noch der saisonale Besch&#228;ftigungsr&#252;ckgang wirken werden, wird die Arbeitslosigkeit stark nach oben gehen und deutlich jenseits der vier Millionengrenze liegen. Das wird nicht nur die Stimmung tr&#252;ben. Es wird auch das ohnehin bereits dr&#228;ngende Verschuldungsproblem der &#246;ffentlichen Haushalte noch einmal versch&#228;rfen. Denn eine steigende Arbeitslosigkeit bedeutet f&#252;r den Staat h&#246;here Sozialausgaben und geringere Steuereinnahmen.</p>
<p>Die gro&#223;e Koalition hinterl&#228;sst der Nachfolgeregierung nicht nur rekordhohe Staatsdefizite. Sie hat auch eine Schuldendynamik ins Rollen gebracht, die noch w&#228;hrend Jahren die staatlichen Handlungsspielr&#228;ume begrenzen wird. In den f&#252;nf Jahren von 2009 bis 2013 d&#252;rfte die Nettoneuverschuldung von Bund, L&#228;ndern und Gemeinden insgesamt mehrere hundert Milliarden Euro betragen. Die Staatsschuld wird damit auf &#252;ber 2 Billionen Euro steigen. Sie steigt von 66% des Bruttoinlandproduktes im letzten Jahr auf weit mehr als 70% in diesem und auf gegen 80% im n&#228;chsten Jahr. Das wird auch die Schuldzinsen nach oben treiben. Heute bereits belaufen sich die j&#228;hrlichen Zinslasten von Bund, L&#228;ndern und Gemeinden auf insgesamt rund 67 Milliarden Euro. Das sind immerhin jeden Tag mehr als 180.000 Euro. Wie viele Kindergartenpl&#228;tze, kostenlose Schulmahlzeiten und Ganztagesschulen lie&#223;en sich davon finanzieren?</p>
<p><strong> 2. Agenda 2020: keine Aussicht auf Erfolg </strong></p>
<p>Angesichts der Dramatik der Wirtschaftskrise und ihren Folgen w&#252;rde man von einer neuen Bundesregierung eine Agenda 2020 erwarten, die nachhaltige Wege zu mehr Wachstum, damit zu mehr Besch&#228;ftigung und weniger Schulden weist. Eine Agenda 2020 m&#252;sste darauf gerichtet sein, Besch&#228;ftigungshindernisse zu beseitigen, dynamische Wachstumsimpulse zu stimulieren und Ver&#228;nderungskr&#228;fte zu entfesseln. Sie sollte Innovationen f&#246;rdern, Investitionen anregen sowie Forschung und Bildung zum zentralen Thema einer neuen Legislatur machen. Nur so lie&#223;e sich jenes nachhaltige starke Wachstum erzeugen, das auch f&#252;r mehr neue Besch&#228;ftigung sorgen w&#252;rde.</p>
<p>Weil alle wirtschaftshistorische Erfahrung eindeutig zeigt, dass Innovation und Wachstum in einem Umfeld erfolgreicher gedeihen, das auf Wettbewerb und Marktwirtschaft statt Plan- und Staatswirtschaft setzt, m&#252;sste die Agenda 2020 eine Fortschreibung der von rot-gr&#252;n auf den Weg gebrachten Agenda 2010 sein. Sie w&#228;re ein Wirtschaftsprogramm, das nach vorne gerichtet, die Strukturen tief greifend ver&#228;ndert, auf Eigenverantwortung basiert, das Steuersystem radikal vereinfacht, die Sozialsysteme individualisiert, den Arbeitsmarkt liberalisiert, den K&#252;ndigungsschutz durch Abfindungsregeln ersetzt, das Gesundheitssystem auf eine Kopfpr&#228;mie umstellt und die Daseinsvorsorge weiter privatisiert. Die Agenda 2020 w&#228;re die aktualisierte Neuauflage des schn&#246;rkellosen, radikalen, marktwirtschaftlich orientierten (Leipziger-)Wahlprogramms 2005 der christlichsozialen Kanzlerkandidatin Angela Merkel und damit eine sehr rasch konsensf&#228;hige Plattform f&#252;r eine schwarz-gelbe Regierungskoalition.</p>
<p>Allein, zu einer marktorientierten Agenda 2020 wird es in keinem Falle kommen. Daf&#252;r spricht nicht nur die traumatische Erfahrung der Bundeskanzlerin mit dem Wahlergebnis von 2005. Ebenso schlechte Erinnerungen hat auch der SPD- Kanzlerkandidat gemacht, der als einer der V&#228;ter der Agenda 2010 hautnah erleben musste, wie Teile seiner eigenen Partei auf Distanz zu Reform und Ver&#228;nderung gingen. Viel st&#228;rker noch als 2005 gibt es 2009 f&#252;r einen marktwirtschaftlichen Kurs keine Zustimmung und schon gar keine politische Mehrheit. Das gilt selbst dann, wenn es zu einer schwarz-gelben Koalition kommen sollte. Sie wird st&#228;rker das Soziale bedienen m&#252;ssen und nur am Rande das Liberale als Leitmotiv verfolgen k&#246;nnen. Das ist die unmittelbare Konsequenz der Finanzmarktkrise und deren Folgen.</p>
<p><strong>3. Kompromisse statt Konflikte </strong></p>
<p>Der Zusammenbruch der Finanzm&#228;rkte und die Notwendigkeit staatlicher Rettungsprogramme haben das in Deutschland ohnehin weit verbreitete Misstrauen gegen&#252;ber der Marktwirtschaft weiter gen&#228;hrt. Zu offensichtlich ist zu oft bei zu vielen Anlegern, Aktion&#228;ren und Vorst&#228;nden der schnelle Gewinn zur moralischen Triebfeder geworden, hat kurzfristige Gier das Handeln bestimmt und ist auf der Strecke geblieben, was sich nur langfristig bezahlt macht. Das Vertrauen in das freie Spiel der Marktkr&#228;fte, in die sch&#246;pferische, wenn auch zerst&#246;rerische Entdeckungskraft des Wettbewerbs und in die moralische Integrit&#228;t von Managern und Aufsichtsbeh&#246;rden ist f&#252;r lange Zeit in Frage gestellt worden. Die breite &#214;ffentlichkeit ist der festen &#220;berzeugung, dass die in den letzten Jahren von Regulierungen befreiten M&#228;rkte wieder an staatliche Fesseln zu ketten seien. Es gehe um eine Z&#228;hmung des Kasino-Kapitalismus und eine „Zivilisierung“ der Finanzm&#228;rkte.</p>
<p>Das zum Allgemeingut der politischen Diskussion verkommene Banker-Bashing oder die von vielen akzeptierte und von manchen mit Schadenfreude gebilligte Geiselhaft von Vorst&#228;nden sind nur die Spitze eines Eisbergs, der veranschaulicht, wie frostig das Klima zwischen „oben“ und „unten“ geworden ist und wie Frustration, Neid, Ohnmacht und Angst unter der Oberfl&#228;che weitere und zunehmende soziale Spannungen erzeugen. In dieser auffrischenden K&#228;ltezeit wider den Kapitalismus muss jede marktwirtschaftliche Maximalforderung Schiffbruch erleiden, die nicht zumindest gleich- wenn nicht sogar vorrangig die sozial gef&#252;hlte Gerechtigkeit mit ber&#252;cksichtigt. Eine Agenda 2020 passt in einem solchen Umfeld nicht in die sozio&#246;konomische Landschaft. F&#252;r eine neue Bundesregierung kann es deshalb nur darum gehen, das Vertrauen in eine durch Eigenverantwortung und Selbstbestimmung gepr&#228;gte Marktwirtschaft zur&#252;ckzugewinnen. Sie darf nicht polarisieren. Sie sollte nach Kompromissen statt Konflikten suchen.</p>
<p><strong> 4. Sanierung der Staatshaushalte </strong></p>
<p>Akzeptiert man die n&#252;chterne, mehr pragmatische und weniger ideologische Ausgangslage, dann ist es offenbar schlicht nicht die Zeit der gro&#223;en wirtschaftspolitischen Zukunftsagenden. F&#252;r eine neue Bundesregierung kann es somit lediglich darum gehen, m&#246;glichst breite Konsens-Plattformen zu verankern, die einerseits &#246;konomisch zumindest in die richtige Richtung gehen und andererseits auch den in der breiten &#214;ffentlichkeit tiefverankerten Wunsch nach Gleichheit nicht ignorieren. Weil sich bekanntlich alles ums Geld dreht und alle wirtschaftspolitischen Weichenstellungen von der Finanzierung abh&#228;ngig sind, stehen somit die &#246;ffentlichen Haushalte im Zentrum.</p>
<p>Wie sollen die ausufernde Staatsverschuldung einged&#228;mmt sowie Staatsausgaben und Staatseinnahmen in ein Gleichgewicht gebracht werden, um enorme Belastungen f&#252;r kommende Generationen zu verringern und politische Handlungsspielr&#228;ume zur&#252;ckzugewinnen? Die Theorie ist einfach, die Praxis jedoch ist viel schwieriger.</p>
<p><strong>Erstens k&#246;nnten die Staatsausgaben resolut gek&#252;rzt werden. </strong>Was &#246;konomisch durchaus sinnvoll w&#228;re, ist politisch nur begrenzt durchsetzbar.</p>
<p><strong>Zweitens m&#252;ssten die Steuereinnahmen erh&#246;ht werden.</strong> Wer aber in einer so starken Rezession wie heute die Steuers&#228;tze anhebt, wird weniger und nicht mehr Steuereinnahmen ernten. Es ist und bleibt eine tragische Illusion zu glauben, Steuererh&#246;hungen w&#252;rden der K&#246;nigsweg sein, um den Staatshaushalt ins Gleichgewicht zu bringen. Eher ist das Gegenteil m&#246;glich: H&#246;here individuelle Steuerbelastungen f&#246;rdern vielf&#228;ltige Formen legaler Steuerumgehung und auch die illegale Steuerflucht. Sie schw&#228;chen die private Kaufkraft und f&#252;hren zu Konsum- sowie Investitionszur&#252;ckhaltung. Gerade in Zeiten der Unsicherheit braucht es mehr und nicht weniger Geld in den Taschen der Bev&#246;lkerung – und zwar bei Arbeitnehmer(inne)n wie auch bei Selbst&#228;ndigen und Unternehmer(inne)n.</p>
<p><strong>Drittens besteht der sch&#246;nste Weg des Schuldenabbaus in einer raschen R&#252;ckkehr auf einen steilen Wachstumspfad. </strong>Es kann dann gelingen, aus der Staatsverschuldung herauszuwachsen. Boomt die Wirtschaft, sprudeln die Steuereinnahmen. Sozialleistungen und Subventionen k&#246;nnen zur&#252;ckgefahren werden. F&#252;r die kurze Frist ist die Hoffnung auf ein starkes Wachstum jedoch wenig realistisch. Viertens schlie&#223;lich sind hohe Inflationsraten kurzfristig der einfachste Weg, Staatsschulden zu beseitigen. Das politisch so s&#252;&#223;e Gift ist langfristig jedoch ein zu teuerer Weg des Schuldenabbaus. Zudem wird die Geldpolitik in Frankfurt f&#252;r den Euroraum insgesamt bestimmt und nicht in Berlin von der Bundesregierung.<br />
<strong><br />
5. Eine gro&#223;e Steuerreform hat h&#246;chste Priorit&#228;t </strong></p>
<p>Werden die vier Wege aus der Schuldenmisere geb&#252;ndelt und das &#246;konomisch W&#252;nschbare dem politische Machbaren gegen&#252;ber gestellt, wird klar, dass sich die dramatische &#220;berschuldung der &#246;ffentlichen Haushalte nicht durch eine kosmetische Drehung an einzelnen Stellschrauben korrigieren l&#228;sst. Es wird nicht ohne eine ganz grundlegende Steuerreform gehen, die am besten gleich zu Beginn auf den Weg zu bringen ist. Sie muss gleicherma&#223;en Besch&#228;ftigungs- wie Wachstumsziele verfolgen und die Gerechtigkeitsgef&#252;hle nicht aus dem Auge verlieren. Zudem muss sie kompromissf&#228;hig sein f&#252;r eine wie auch immer zusammengesetzte Koalition von zwei oder mehreren Parteien. Eine Steuerreform, die sich von der Grundidee leiten l&#228;sst, dass es um Vereinfachung, Verbreiterung der Steuerbasis und Verringerung der individuellen Steuerbelastung geht, erf&#252;llt genau diese Forderungen. Sie soll weg von direkten und hin zu indirekten Steuern sowie weg von abgaben- und hin zu steuerfinanzierten Sozialsystemen. Damit erlaubt sie Konsens im Grundsatz und Kompromisse bei der quantitativen Festlegung von Steuerfreibetrag, Eingangs- und Spitzensteuers&#228;tzen.</p>
<p><strong>Der erste Schritt: von direkten zu indirekten Steuern </strong></p>
<p>Der erste Schritt einer gro&#223;en Steuerreform sollte auf eine Abkehr von direkten Einkommens- oder Unternehmenssteuern und eine Hinwendung zu indirekten Steuern, also insbesondere zu Mehrwert- und Verbrauchssteuern ausgerichtet sein. Dadurch wird die hiesige Wertsch&#246;pfung steuerlich entlastet. Das macht deutsche G&#252;ter und Dienstleistungen im In- wie auch im Ausland billiger und damit international wettbewerbsf&#228;higer. Positive Wachstums- und Besch&#228;ftigungseffekte sind die Folge. Sie sp&#252;len automatisch mehr Steuereinnahmen in die &#246;ffentlichen Kassen.</p>
<p>Zur Abkehr von direkten Einkommenssteuern geh&#246;ren eine Anhebung des Steuerfreibetrags pro Kopf, die Abschaffung der kalten Progression und ein &#220;bergang zu einem Stufenmodell mit drei unterschiedlichen Steuers&#228;tzen: einem tiefen Steuersatz f&#252;r Geringverdiener, einem mittleren f&#252;r mittlere und einem hohen f&#252;r h&#246;here Einkommensgruppen. Wie hoch die Steuers&#228;tze in der Praxis konkret sein und f&#252;r welche Einkommensgruppen sie genau gelten sollen, m&#252;sste das Ergebnis der zu f&#252;hrenden Koalitionsverhandlungen sein. Dabei ist selbstredend offensichtlich, dass die Festlegung davon abh&#228;ngig ist, welche Aufgaben dem Staat &#252;bertragen werden, wie weit die Umverteilung gehen und welches Volumen die Staatsaufgaben demzufolge haben sollen.</p>
<p>Die Regel ist einfach: je mehr vom Staat erwartet wird, desto h&#246;her muss die Steuerbelastung werden. Und das wiederum muss mit den Wachstums- und Besch&#228;ftigungseffekten abgewogen werden, die mit einer direkten Besteuerung verbunden sind: je h&#246;her die steuerliche Belastung der Einkommen, desto unattraktiver wird es, gering entl&#246;hnte Arbeit anzunehmen und desto gr&#246;&#223;er ist die Versuchung, von staatlicher Unterst&#252;tzung – vielleicht noch gepaart mit Eink&#252;nften aus Schwarzarbeit – zu leben. Dazu kommt, dass bei einer zu starken individuellen Steuerlast Besserverdienende und Unternehmenssitze innerhalb des europ&#228;ischen Binnenmarktes in jene L&#228;nder ausweichen k&#246;nnen, die direkte Steuers&#228;tze senken und Gewinne &#252;berhaupt nicht mehr oder nur sehr gering besteuern.</p>
<p>Richtig ist, dass eine Hinwendung zu h&#246;heren Mehrwertsteuers&#228;tzen sozialpolitisch blind ist. Sie trifft alle gleich und nimmt keine R&#252;cksicht auf die Leistungsf&#228;higkeit der Betroffenen. Die Mehrwertsteuer besteuert, wer konsumiert. Sie wirkt regressiv. Weil &#196;rmere einen relativ gr&#246;&#223;eren Teil ihres Einkommens zum Kauf von G&#252;tern des t&#228;glichen Verbrauchs ausgeben m&#252;ssen als gut Verdienende oder Reiche, ist die Mehrwertsteuer ungerecht. Die Mehrwertsteuer auf Babywindeln ist f&#252;r die Professorenfamilie kaum sp&#252;rbar. F&#252;r die alleinerziehende, arbeitslose Mutter ist sie eine zus&#228;tzliche Last. Also beginnt der Staat einzelne Konsumg&#252;ter von der Mehrwertsteuer teils oder vollst&#228;ndig zu befreien. Mieten, Dienstleistungen von &#196;rzten und Krankenh&#228;usern, Ausgaben f&#252;r Theater-, Konzert- und Museumsbesuche sind Mehrwertsteuer frei. F&#252;r Nahrungsmittel, Personennahverkehr, B&#252;cher, Zeitungen, Zeitschriften und nicht in Flaschen verkauftes Wasser gilt ein erm&#228;&#223;igter Mehrwertsteuersatz von 7%. So gut so recht.</p>
<p>Was aber gut gemeint ist, muss noch nicht gut gemacht sein. Wie oft wohl die alleinerziehende, arbeitslose Mutter im Stadttheater oder bei den Bayreuther Festspielen in der Loge sitzt? Ob wohl Katzenfutter wirklich ein zu subventionierendes Nahrungsmittel ist? Sollen wirklich alle Freizeit-, Computer- und Regenbogen-Zeitschriften steuerlich beg&#252;nstigt werden? Von der Befreiung oder dem erm&#228;&#223;igten Mehrwertsteuersatz profitiert die Professorenfamilie eben genauso wie die alleinerziehende arbeitslose Mutter. W&#228;re es da nicht kl&#252;ger, alle den vollen Mehrwertsteuersatz entrichten zu lassen und daf&#252;r den sozial Schw&#228;cheren als Kompensation direkt mehr Geld in Form h&#246;herer Transferzahlungen zu geben oder h&#246;here Steuerfreibetr&#228;ge pro Kopf der Familie festzuschreiben? Dann k&#246;nnten sich alle selber lieb sein, wof&#252;r genau sie ihr Geld ausgeben.</p>
<p>Daraus folgt eines klar: Die sozialpolitische Blindheit der Mehrwertsteuer muss durch gezielte direkte Hilfen an einkommensschwache Haushalte korrigiert werden. H&#246;here Freibetr&#228;ge pro Kopf bei den direkten Steuern sind eine zielgenaue Entlastung, die genau jenen besonders hilft, die durch die Mehrwertsteuer besonders belastet werden. Wer die Gerechtigkeit im Auge hat, soll den Armen und Schwachen der Gesellschaft direkt helfen. Er soll das Arbeitslosengeld anheben, f&#252;r qualitativ gute und trotzdem billige Kindertagesst&#228;tten, Ganztagesschulen mit kostenlosem Mittagessen und qualifizierter Aufgabenhilfe sorgen, den Arbeitsmarkt flexibilisieren, so dass viele Menschen m&#246;glichst rasch eine Besch&#228;ftigung finden. Sozialhilfe bis hin zu einem B&#252;rgergeld f&#252;r alle wirkt dort am st&#228;rksten, wo die Not am gr&#246;&#223;ten ist. Sie sind &#246;konomisch die besseren Antworten, als der Versuch, mit einer tiefen oder gar einer erm&#228;&#223;igten Mehrwertsteuer Sozialpolitik betreiben zu wollen.</p>
<p>Eine Anhebung der Mehrwertsteuer von heute 19% auf 25% w&#252;rde vieles teurer machen. Die Konsumlust w&#252;rde geringer. Deshalb darf diese Ma&#223;nahme nicht isoliert getroffen werden. Sonst ist sie f&#252;r die noch schwache Konjunktur das reine Gift. Sie kann nur bei gleichzeitiger Entlastung bei den direkten Steuern erfolgen. Eine Mehrwertsteuererh&#246;hung um sechs Prozentpunkte w&#252;rde erlauben, die direkten Steuern und Abgaben zu senken. Noch einmal: der sozialen Ausgewogenheit wegen spricht nichts dagegen, die direkten Transfers an die &#196;rmsten zu erh&#246;hen und die Steuerfreibetr&#228;ge nach oben zu setzen.</p>
<p>Die Verschiebung von der direkten zur indirekten Steuererhebung ist kein Nullsummenspiel. Der erh&#246;hte Mehrwertsteuersatz verlangt keinen b&#252;rokratischen Zusatzaufwand. Vollzug und Erhebung sind relativ einfach zu handhaben und relativ schwer zu umgehen. Die Mehrwertsteuererh&#246;hung hat keinen Einfluss auf die Exportpreise. Sie wird auch von allen Touristen mitgetragen. Vor allem aber wird es f&#252;r viele Deutsche und vielleicht sogar auch f&#252;r den einen oder anderen Ausl&#228;nder attraktiver werden, den Steuersitz in Deutschland zu haben. Die Devise f&#252;r ein neues, einfaches, transparentes, gerechtes Steuermodell f&#252;r Deutschland muss also hei&#223;en hoch mit den Mehrwertsteuers&#228;tzen, runter mit den direkten Steuers&#228;tzen, weg mit den indirekten Hilfen, Subventionen und Privilegien daf&#252;r hin zu direkten Unterst&#252;tzungszahlungen an all jene, die wirklich Hilfe n&#246;tig haben.</p>
<p><strong>Der zweite Schritt: Lohnnebenkostensenkung</strong></p>
<p>Der zweite Eckpfeiler einer gro&#223;en Steuerreform m&#252;sste den seit Anfang der 1990er Jahre bereits eingeschlagenen Pfad beschleunigt weiter beschreiten und konsequent eine weitergehende Abkehr von einer Finanzierung der Sozialversicherungssysteme &#252;ber Lohnnebenkosten hin zu einer Steuerfinanzierung anstreben. Denn heute wird jede Arbeitsstunde mit zus&#228;tzlichen Abgaben von fast 40% in Form der Lohnnebenkosten belastet. Die Lohnnebenkosten verteuern einseitig Arbeit, so dass selbst dort Automaten eingesetzt werden, wo Menschen genau so gut die Aufgaben erledigen k&#246;nnten. Kein Wunder, wird automatisiert und werden teure Arbeitskr&#228;fte durch billigere Maschinen ersetzt. Kein Wunder, ist f&#252;r viele T&#228;tigkeit die Schwarzarbeit attraktiv. Kein Wunder, werden arbeitsintensive Produktionsprozesse ins Ausland verlagert.</p>
<p>Ausgerechnet der Faktor Arbeit tr&#228;gt &#252;ber die Lohnnebenkosten die Hauptlast der Alters-, der Kranken- und der Pflegeversicherung. Die Abgaben f&#252;r die Sozialversicherungen sind eine Besch&#228;ftigungsbremse – vor allem im Bereich der gering qualifizierten T&#228;tigkeiten. Sie wirken wie eine Strafsteuer auf Arbeit. Sie treiben einen Keil zwischen Brutto- und Nettoeinkommen. Der Keil hat sich in den 1990er Jahren gewaltig verbreitert – nicht zuletzt, weil die deutsche Wiedervereinigung in hohem Masse &#252;ber die Sozialversicherungssysteme finanziert worden ist.</p>
<p>Wenn brutto und netto derart stark auseinander klaffen, steigen die Anreize zu Schattenwirtschaft und sinken die Abst&#228;nde zwischen dem was am Ende eines Monats durch harte Arbeit &#252;brig bleibt und dem, was vom Sozialamt ausbezahlt wird. Gerade im Niedriglohnbereich nimmt so die Bereitschaft ab, schlechter bezahlte Jobs anzunehmen. Zu oft ist die Kombination von Arbeitslosengeld und Schwarzarbeit attraktiver als ein regul&#228;res Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnis.</p>
<p>Alles was hilft, die Lohnnebenkosten zu senken, hilft der legalen Besch&#228;ftigung. Jeder Prozentpunkt weniger bedeutet, Arbeit billiger und damit wettbewerbsf&#228;higer zu machen – nicht nur gegen&#252;ber den Konkurrenten im Ausland, sondern auch gegen&#252;ber den Maschinen in Deutschland. Eine Senkung der Lohnnebenkosten muss also zuoberst auf der wirtschaftspolitischen Agenda einer neuen Bundesregierung stehen. Kapitaleinkommen, Zinsertr&#228;ge, Mieteinnahmen und eben auch die Mehrwertsteuereinnahmen sollen einen h&#246;heren Beitrag zur Finanzierung der Sozialversicherungen leisten, was sie &#252;brigens de facto in steigendem Ausma&#223;e auch bereits l&#228;ngstens tun, weil die Defizite der Sozialversicherungssysteme zunehmend aus dem Staatshaushalt finanziert werden.</p>
<p><strong>Der dritte Schritt: Mindestsicherung statt Mindestlohn </strong></p>
<p>Eine pragmatische, konsensorientierte Steuerreform m&#252;sste drittens die sozialpolitische Forderung nach Mindestl&#246;hnen durch die Gew&#228;hrung einer Mindestsicherung aufgreifen. Es gibt bestens bekannte, mehrfach erl&#228;uterte und immer wieder vorgetragene gute &#246;konomische Gr&#252;nde, die schl&#252;ssig und &#252;berzeugend gegen Mindestl&#246;hne sprechen. Aber offensichtlich sind die politischen Entscheidungstr&#228;ger nicht willens, sich die klugen &#246;konomischen Argumente zu Eigen zu machen. Scheinbar &#252;berwiegt bei Ihnen die &#220;berzeugung, dass sich mit einer Position f&#252;r den Mindestlohn mehr W&#228;hlerstimmen gewinnen lassen als mit einer Position gegen den Mindestlohn. Und ebenso offensichtlich liegen sie mit dieser Einsch&#228;tzung in der politischen Wirklichkeit nicht daneben.</p>
<p>Eine &#252;berragende Mehrheit der Deutschen pl&#228;diert bei Meinungsumfragen f&#252;r und nicht gegen Mindestl&#246;hne. Die Angst, durch Arbeit nicht genug f&#252;r die Finanzierung des Lebensunterhalts verdienen zu k&#246;nnen, belastet viele Deutsche. Selbst jene, die gut verdienen, sind sich nicht so recht im Klaren, wie lange sie sich ihres Jobs noch sicher sein k&#246;nnen. Also schielen auch sie insgeheim auf Mindestl&#246;hne, um im Falle eines Falles nicht ins Bodenlose zu fallen. Gegen&#252;ber diesen Sorgen helfen gute &#246;konomische Hinweise auf die besch&#228;ftigungszerst&#246;renden Wirkungen von Mindestl&#246;hnen offenbar wenig.</p>
<p>Wenn es nicht so sehr eine Frage der &#246;konomischen Rationalit&#228;t, sondern viel eher eine Frage des polit- &#246;konomischen Spannungsfeldes ist, das politische Entscheidungstr&#228;ger f&#252;r und nicht gegen Mindestl&#246;hne stimmen l&#228;sst, kann die Antwort nicht die Forderung nach einer first- best-L&#246;sung (also einem Verzicht auf Mindestl&#246;hne) liegen, sondern in der Suche nach second-best-L&#246;sungen. Eine offensichtliche Second-Best-L&#246;sung w&#228;re die Akzeptanz eines Mindestlohnes auf geringem Niveau. Sie d&#252;rfte auf erheblichen politischen Widerstand sto&#223;en.</p>
<p>Eine andere Second-Best- L&#246;sung besteht darin, den politischen Fokus weg von einem Mindestlohn und hin zu einer Mindestsicherung zu verlagern. Wer diesen zweiten Weg einschl&#228;gt, begibt sich auf die Diskussionsebene, die im weitesten Sinne mit der Forderung nach einem Grundeinkommen endet. Dabei ist das Grundeinkommen nichts anderes als ein Steuerfreibetrag in H&#246;he des Existenzminimums – so wie er bereits heute in Deutschland allen gew&#228;hrt werden muss.</p>
<p>Die Forderung nach einem Grundeinkommen als Mindestsicherung f&#252;r alle ist ein pragmatischer Kompromiss. Er schl&#228;gt der polit-&#246;konomischen Bewegung f&#252;r einen Mindestlohn das Argument aus der Hand, ein Mindestlohn sei erforderlich, um „arm durch Arbeit“ zu verhindern. Wer sicher ist, dass ein Misserfolg nicht zu einem bodenlosen Fall in Not und Armut f&#252;hrt, wird mehr wagen. Wer wei&#223;, dass, was immer auch geschieht, das Existenzminimum gesichert ist, wird kommende Herausforderungen eher als Chance und weniger als Bedrohung bewerten und rascher zu unverzichtbaren Ver&#228;nderungen bereit sein.</p>
<p>Die Versicherungs&#246;konomie zeigt &#252;berzeugend, dass eine individuelle Mindestsicherung positive gesamtwirtschaftliche Effekte ausl&#246;st. Hierin liegt die Rechtfertigung f&#252;r Pflichtversicherungen, beispielsweise einer Kfz-Haftpflichtversicherung oder einer Kranken- und Unfallversicherung. Hierin liegen auch gute &#246;konomische Gr&#252;nde f&#252;r eine staatliche Sozialpolitik, die dem Ziel dient, allen Staatsangeh&#246;rigen das Existenzminimum zu sichern. Daf&#252;r sprechen auch Erkenntnisse aus der Sozial&#246;konomie, die zeigen, dass in einem Land, in dem die Verteilung der Einkommen als einigerma&#223;en gerecht empfunden wird, das wirtschaftliche Wachstum st&#228;rker ist.</p>
<p>Festzulegen ist eine Mindestsicherung f&#252;r alle – wie sie faktisch in Deutschland nat&#252;rlich durch das Arbeitslosengeld II und die Sozialhilfe f&#252;r nicht Erwerbsf&#228;hige bereits besteht. Und hier zeigt sich, wie kompromissf&#228;hig die Idee einer Mindestsicherung gerade f&#252;r Koalitionen ist, die mehrere Parteien in die Regierungsverantwortung einbinden m&#252;ssen. Haben sich die Parteien einmal auf die Grundsatzentscheidung f&#252;r ein Grundeinkommen geeinigt, ist die Festlegung der H&#246;he eine Frage der politischen Pr&#228;ferenzen. Dabei gilt ein &#228;usserst einfacher &#246;konomischer Zusammenhang: Ein hohes Grundeinkommen bedingt hohe Steuers&#228;tze, ein niedriges Grundeinkommen erm&#246;glicht tiefe Steuers&#228;tze. Hohes Grundeinkommen und hohe Steuers&#228;tze verringern den Anreiz zu arbeiten, tiefes Grundeinkommen und tiefe Steuers&#228;tze verst&#228;rken den Anreiz zu arbeiten. Je h&#246;her der Anreiz zu arbeiten, um so einfacher wird das Grundeinkommen zu finanzieren sein, je geringer die Arbeitsanreize, um so weniger wird das Grundeinkommen finanzierbar sein.</p>
<p>Es mag sein, dass sich Parteien, um die Gunst des Publikums zu gewinnen, darin &#252;berbieten, das bedingungslose Grundeinkommen zu erh&#246;hen. Das ist doch aber heute auch schon nicht anders, wenn es beispielsweise darum geht, das Existenzminimum zu definieren oder die H&#246;he der Sozialleistungen und Renten festzulegen. Die Auseinandersetzung mit normativ v&#246;llig unterschiedlichen Standpunkten geh&#246;rt nun einmal zu einer Demokratie. Hier hilft nicht Gegenpolemik, sondern Aufkl&#228;rung.</p>
<p>Es gilt, der Bev&#246;lkerung zu offenbaren, welche &#246;konomischen Folgen mit welcher politischen Wahlentscheidung verbunden sind, und welche R&#252;ckwirkungen sich daraus auf das individuelle Verhalten ergeben. Gerade aus direkt-demokratischen Entscheidungsprozessen, beispielsweise in der Schweiz, weiss man, dass sich Menschen von Populisten dann nicht verf&#252;hren lassen, wenn ihnen klar gemacht wird, dass mit steigenden Anspr&#252;chen an den Staat auch die Steuern und Abgaben angehoben werden m&#252;ssen und es unklug ist, den Bogen der individuellen Steuer- und Abgabenbelastung so zu &#252;berspannen, dass er letztlich bricht. Wieso sollte es nicht auch in Deutschland einer neuen Bundesregierung m&#246;glich sein, der Bev&#246;lkerung diese einfache Logik zu vermitteln?</p>
<p><em>Dieser <a href="http://www.hwwi.org/Publikationen_Einzel.5119.0.html?&amp;tx_wilpubdb_pi1[publication_id]=1794&amp;tx_wilpubdb_pi1[back]=484&amp;cHash=9be73e17eb">Beitrag</a> erschien zuerst in der Reihe Policy Papers des <a href="http://www.hwwi.org/">HWWI</a>.</em>
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		<title>Keine frohe Weihnachtspost f&#252;r die Deutsche Post AG</title>
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		<pubDate>Sat, 20 Dec 2008 20:47:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Justus Haucap</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Kurz vor Weihnachten erkl&#228;rte ein Gericht die Rechtsverordnung f&#252;r unzul&#228;ssig, welche einen fl&#228;chendeckenden Mindestlohn f&#252;r die gesamte Postbranche vorsieht. Richtig, findet Justus Haucap: Der Post-Mindestlohn habe kein anderes Ziel, als die Post vor Wettbewerb zu sch&#252;tzen. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/12822e212662fa21671db7d9f537e0" alt="" width="1" height="1" />Das Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg hat in dieser Woche die Rechtsverordnung des Bundesarbeitsministers f&#252;r unzul&#228;ssig erkl&#228;rt, welche einen fl&#228;chendeckenden Mindestlohn f&#252;r die gesamte Postbranche vorsieht. Als Vorsitzender der Monopolkommission habe ich das Urteil begr&#252;&#223;t.</p>
<p>Die Monopolkommission hat ziemlich genau vor einem Jahr in ihrem Sondergutachten dargelegt, dass der von der Deutschen Post AG und ver.di ausgehandelte Post-Mindestlohn nichts Anderes zum Ziel hat, als den Wettbewerb auf dem Post-Markt zu ersticken. Unsere Forderung war daher, dem Bundeskartellamt wenigstens ein Anh&#246;rungsrecht bei der Einf&#252;hrung branchenspezifischer Mindestl&#246;hne einzur&#228;umen.</p>
<p>Auch in den beiden j&#252;ngsten Gesetzesentw&#252;rfen der Bundesregierung zur Einf&#252;hrung von branchenspezifischen Mindestl&#246;hnen ist jedoch nach wie vor kein Anh&#246;rungsrecht f&#252;r das Bundeskartellamt als Anwalt des Wettbewerbs vorgesehen. Als Vorsitzender der Monopolkommission sehe ich hier dringenden Nachbesserungsbedarf, da sonst Wettbewerb und Verbraucher systematisch benachteiligt werden. Wenn der Wettbewerb ausgeschaltet wird, zahlt der Verbraucher letzten Endes die Zeche, w&#228;hrend Monopolrenten bei etablierten Unternehmen zementiert werden.</p>
<p>In unserem <a href="http://www.monopolkommission.de/aktuell_sg51.html" target="_blank">Post-Sondergutachten</a> vom Dezember 2007 hie&#223; es zum Post-Mindestlohn: &#8220;Dieser branchenweit verbindliche Mindestlohn hat offensichtlich nicht das Ziel, die Interessen inl&#228;ndischer Arbeitnehmer zu sch&#252;tzen, sondern vielmehr soll der Wettbewerb im Postmarkt torpediert werden. Die Deutsche Post AG kann damit die Kosten ihrer Wettbewerber massiv erh&#246;hen, ohne selbst betroffen zu sein. Gleichzeitig wird die Entstehung neuer Stellen im Niedriglohnsektor behindert.</p>
<p>Ein &#252;berh&#246;hter Mindestlohn verhindert zudem eine Senkung der Portopreise und schadet damit den Verbrauchern. Dabei haben die gesunkenen Preise und die verbesserte Qualit&#228;t im Paketbereich und auf Nischenm&#228;rkten wie dem Markt f&#252;r die f&#246;rmliche Zustellung gezeigt, dass der Wettbewerb auf den Postm&#228;rkten den Verbrauchern gro&#223;e Vorteile bringt. Die Monopolkommission schl&#228;gt vor, dem Bundeskartellamt bei jeglicher Form der Allgemeinverbindlicherkl&#228;rung eines Tarifvertrags durch den Bundesarbeitsminister ein generelles Anh&#246;rungsrecht einzur&#228;umen. Damit soll sichergestellt werden, dass die Auswirkungen auf den Produktmarktwettbewerb und die Interessen der Verbraucher bei der Entscheidung des Ministers hinreichend ber&#252;cksichtigt werden.&#8221;
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		<title>Mindestl&#246;hne und die Privatisierung der sozialen Gerechtigkeit</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Oct 2008 22:57:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Justus Haucap</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In den Wirren der Finanzmarktkrisen geht fast unter, dass wir in Deutschland momentan auf einem ganz anderen Feld vor fundamentalen Weichenstellungen stehen:  In gleich zwei Gesetzen geht es um die Festsetzung staatlicher Mindestl&#246;hne. Justus Haucap, Vorsitzender der Monopolkommission, warnt davor, dass sich der Staat durch Mindestl&#246;hne seiner sozialen Verantwortung entziehen k&#246;nnte. Arbeitgeber und Gewerkschaften k&#246;nnten sich  mittels Mindestl&#246;hnen unliebsamer Konkurrenz zu entledigen versuchen. Leidtragende w&#228;ren die Arbeitslosen und Verbraucher - und langfristig die Tarifautonomie.
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			<content:encoded><![CDATA[<p>In den Wirren der Finanzmarktkrisen geht fast unter, dass wir in Deutschland momentan auf einem ganz anderen Markt vor einer <strong>fundamentalen Weichenstellung </strong>stehen: Auf dem Arbeitsmarkt. In der Beschlussfassung sind im Bundestag dieser Tage die Neufassungen des Gesetzes &#252;ber die Festsetzung von Mindestarbeitsbedingungen und des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes. In beiden Gesetzen geht es um die Festsetzung staatlicher Mindestl&#246;hne durch Rechtsverordnungen.</p>
<p>Ich darf heute (Montag, 3.11.2008) als Sachverst&#228;ndiger im Bundestag (<a href="http://www.bundestag.de/aktuell/archiv/2008/22628564_kw45_arbeit/index.html" target="_blank">Ausschuss f&#252;r Arbeit und Soziales</a>) dazu Stellung nehmen. Diese Ausf&#252;hrungen beruhen auf meiner schriftlichen Stellungnahme. (Ich habe mich in dieser Form &#8211; der Ordnung halber sei darauf hingewiesen &#8211; auch bei <a href="http://wirtschaftlichefreiheit.de">www.wirtschaftlichefreiheit.de</a> dazu ge&#228;u&#223;ert). Was also ist von den Gesetzesvorhaben zu halten?</p>
<p>Mindestl&#246;hne bergen stets die Gefahr zus&#228;tzlicher Arbeitslosigkeit. Es gibt zwar einzelne Studien, die zeigen, dass dies nicht in jedem Fall so sein muss (ber&#252;hmt ist insbesondere die Studie zu Burger-Flippern in den USA von Card und Krueger aus dem Jahr 1994). Die Mehrheit der Studien belegt aber, dass die Besch&#228;ftigung tendenziell zur&#252;ckgeht, vor allem je h&#246;her der Mindestlohn ist.</p>
<p>Die negativen Besch&#228;ftigungseffekte allein bedeuten jedoch nicht, dass ein staatlicher Mindestlohn sofort zu verwerfen w&#228;re. Politisch mag man sich ja durchaus f&#252;r einen Mindestlohn entscheiden, auch wenn er zu einer h&#246;heren Arbeitslosigkeit f&#252;hrt. <span style="9.5pt;"><span style="Times New Roman;">Denn dem Mehr an Arbeitslosigkeit steht ja ggf. ein zus&#228;tzliches Einkommen der Arbeitnehmer und Arbeit­nehmerinnen gegen&#252;ber, welche zum Mindestlohn besch&#228;ftigt werden und ansonsten einen geringeren Lohn bezogen h&#228;tten. Problematisch ist allerdings, dass auch letzteres keineswegs sicher ist, da zumeist staatliche Transfers entfallen, wenn das Arbeitseinkommen steigt. In diesem Fall ergibt sich h&#246;chstens ein positiver Effekt f&#252;r die &#246;ffentlichen Haushalte, da die staatlichen Transferleistungen sinken. Das verf&#252;gbare Einkommen f&#252;r die betroffenen Haushalte steigt dann aber kaum. Die &#246;konomische Literatur belegt, dass sich Armut mit einem Mindestlohn nur schwer bek&#228;mpfen l&#228;sst, weil dieser einfach nicht am Haushaltseinkommen ansetzt. </span></span></p>
<p><span style="9.5pt;"><span style="Times New Roman;">Die Abw&#228;gung zwischen mehr Arbeitslosigkeit einerseits und m&#246;glicherweise mehr Einkommen der zum Mindestlohn (weiterhin) Besch&#228;ftigten bzw. einer geringeren Belastung der &#246;ffentlichen Haushalte (aufgrund sinkender Transferleistungen) andererseits ist dann eine politische bzw. ethische Entscheidung. Aus Sicht des Finanzministers kann ein Mindestlohn deshalb jedoch sehr attraktiv sein: Er entlastet ggf. die &#246;ffentlichen Kassen aufgrund sinkender Sozialtransfers, selbst wenn er den Betroffenen kaum hilft, weil er deren Einkommen netto kaum erh&#246;ht.</span></span></p>
<p><span style="9.5pt;"><span style="Times New Roman;">Im Grunde ist jedoch der ganze Versuch verfehlt, &#252;ber Mindestl&#246;hne soziale Gerechtigkeit zu schaffen. Es ist richtig, dass Markt und Wettbewerb nicht f&#252;r umfassende soziale Gerechtigkeit sorgen k&#246;nnen. Das Schaffen sozialer Gerechtigkeit ist daher eine Aufgabe des Staates. Dies kann durch Transfers geschehen oder, besser noch, durch die Schaffung gleicher Bildungschancen und ein gutes Bildungssystem. Durch das Setzen staatlicher Mindestl&#246;hne soll nun aber gerade dem Markt eine Aufgabe &#252;bertragen werden, welche er nicht l&#246;sen kann. Unternehmen sollen Arbeitnehmern mehr zahlen als „der Markt hergibt“. Da bleibt das ungute Gef&#252;hl, der Staat versuche sich hier der Verantwortung zu entziehen, durch Bildungsm&#246;glichkeiten, Transferzahlungen, etc. selbst f&#252;r soziale Gerechtigkeit zu sorgen. <strong><span style="underline;">Die Frage der sozialen Gerechtigkeit wird gewisserma&#223;en privatisiert</span></strong>. Unternehmen sollen nun f&#252;r soziale Gerechtigkeit sorgen, die der Staat anscheinend nicht mehr schaffen kann oder will.</span></span></p>
<p><span style="9.5pt;"><span style="Times New Roman;">Die beiden vorgesehenen Gesetze weisen jedoch neben diesen allgemeinen Erw&#228;gungen eine ganze Reihe von Schw&#228;chen auf. Ich habe in meiner schriftlichen Stellungnahme zur <a href="http://www.bundestag.de/aktuell/archiv/2008/22628564_kw45_arbeit/index.html" target="_blank">Expertenanh&#246;rung im Bundestag</a> hingewiesen, will diese aber auch hier kurz ausf&#252;hren.</span></span></p>
<p><span style="9.5pt;"><span style="Times New Roman;"><em><span style="9.5pt;">Branchenspezifische </span></em><span style="9.5pt;">Mindestl&#246;hne, so wie sie in Deutschland durch die beiden Gesetzesnovellierungen vorgesehen sind, bergen die <em>zus&#228;tzliche</em> Gefahr, dass der Wettbewerb auf den betroffenen Produktm&#228;rkten ausgehebelt wird, wie im Fall des Mindestlohnes im Postbereich klar zu erkennen war. Die Monopolkommission hat dies in ihrem <a href="http://www.monopolkommission.de/aktuell_sg51.html" target="_blank">51. Sondergutachten </a>vom Dezember 2007 deutlich herausgearbeitet. Leidtragende sind hier neben den vom Markt verdr&#228;ngten Wettbewerbern vor allem die Verbraucher, welche die Konsequenzen letztlich in Form h&#246;herer Preise und geringerer Auswahl zu tragen haben.<em></em></span></span></span></p>
<p><span style="9.5pt;"><span style="Times New Roman;">Die Gefahr ist somit, wie der Fall des Mindestlohnes bei der Post besonders eindrucksvoll belegt, dass Mindestl&#246;hne strategisch genutzt werden, um den Wettbewerb auf den Produktm&#228;rkten auszubremsen. Nat&#252;rlich mag man argumentieren, dass die PIN Group und andere ggf. auch ohne Mindestlohn nicht konkurrenzf&#228;hig gewesen w&#228;ren. Unstrittig ist jedoch, dass der Aktienkurs der Deutschen Post AG nach dem Beschluss des Post-Mindestlohnes einen kr&#228;ftigen <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,521477,00.html" target="_blank">Sprung nach oben</a> gemacht hat, d.h. der Markt hat als Reaktion auf den Mindestlohn steigende Gewinne der Deutschen Post AG (bzw. einen geringeren Wettbewerbsdruck) erwartet.</span> </span></p>
<p><span style="9.5pt;">An der &#214;ffentlichkeit nahezu unbemerkt vorbei geht zudem auch, dass es im Gesetz &#252;ber die Festsetzung von Mindestarbeitsbedingungen nicht mehr nur um eine absolute Untergrenze f&#252;r den Lohn, sondern um mehr oder minder umfangreiche <strong>staatliche Lohngitter bzw. Quasi-Tarifvertr&#228;ge</strong> geht. Vielmehr wird in §4 Abs. 4 die M&#246;glichkeit er&#246;ffnet, Mindestl&#246;hne nach Art der T&#228;tigkeit, Qualifikation der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen und nach Regionen zu differenzieren.</span></p>
<p><span style="&quot;Times New Roman&quot;;">Gerade weil die Gefahr der strategischen Manipulation insbesondere bei <em>branchenspezifischen</em> Mindestl&#246;hnen besteht, hat die Monopolkommission sich im Dezember 2007 auch daf&#252;r ausgesprochen, dem Bundeskartellamt als Anwalt des Wettbewerbs und damit auch der Verbraucher <strong>wenigstens </strong>ein Anh&#246;rungsrecht bei der Festlegung branchenspezifischer Mindestl&#246;hne einzur&#228;umen. Ansonsten werden die Verbraucher systematisch bei der Festlegung von Mindestl&#246;hnen ausgeschlossen, obwohl die Nachfrager systematisch durch die resultierenden Preiseffekte von Mindestl&#246;hnen betroffen sind. &#214;konomisch gesprochen besteht hier die Gefahr, dass Vertr&#228;ge zu Lasten Dritter geschlossen werden. Es ist nicht ersichtlich, warum nicht wenigstens ein Anh&#246;rungsrecht einger&#228;umt werden kann, sodass auf die eklatantesten Fehlentwicklungen wirksam hingewiesen werden k&#246;nnte.<span style="AR-SA;"><span style="&quot;Times New Roman&quot;;"> </span></span></span></p>
<p>Insbesondere die Differenzierung nach Art der T&#228;tigkeit und nach Qualifikation der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen macht deutlich, dass es nicht mehr nur allein um ein absolut notwendiges Einkommensminimum geht. Es ist jedenfalls als &#214;konom nicht leicht verst&#228;ndlich, warum f&#252;r einen qualifizierten Arbeitnehmer, wie einen Facharbeiter oder einen Akademiker, aus sozialen Gr&#252;nden ein h&#246;herer Mindestlohn notwendig ist als f&#252;r einen ungelernten Arbeitnehmer. Anders ausgedr&#252;ckt ist zu fragen, warum ein ungelernter Arbeitnehmer mit einem geringeren Lohn auskommen soll als ein h&#246;her qualifizierter, wenn der Arbeitsmarkt in keinem der beiden F&#228;lle einen h&#246;heren Lohn „hergibt“.</p>
<p>In Europa w&#228;re es daher auch einzigartig, wenn neben dem gesetzlichen Mindestlohn f&#252;r die unterste Qualifikationsstufe eine Ausdifferenzierung des staatlichen Mindestlohnes nach Qualifikation der Arbeitnehmer o.&#228;. vorgenommen w&#252;rde. Genau dies soll jedoch in Deutschland erm&#246;glicht werden, sodass von staatlicher Seite Quasi-Tarifvertr&#228;ge geschaffen werden. Die staatliche Tariffestlegung tritt dann in direkte Konkurrenz zu privaten Tarifverhandlungen. Die Verhandlungsmacht der Tarifparteien wird dadurch ver&#228;ndert, dass es als R&#252;ckfallposition nun die staatliche Lohnfestlegung gibt. <strong>Dies vermindert auch die Anreize, &#252;berhaupt zu Tarifabschl&#252;ssen zu gelangen</strong>. Es besteht die Gefahr, dass die Tarifbindung noch weiter als bisher zur&#252;ckgehen wird und es zu einer schleichenden Aush&#246;hlung der Tarifautonomie kommen wird. Im schlimmsten Fall ist die im Gesetzesentwurf vorgesehene Klausel der Einstieg in den umfassenden <strong>Ausstieg aus der Tarifautonomie</strong> und der <strong>Beginn zunehmender staatlicher Lohnfestlegungen</strong>.</p>
<p>Mit einer sinkenden Notwendigkeit, Tarifvertr&#228;ge auszuhandeln, sinkt auch die Notwendigkeit bzw. der Anreiz sich in einer Gewerkschaft oder einem Arbeitgeberverband zu organisieren. Warum soll jemand noch Mitglied einer Gewerkschaft werden, wenn nicht die Gewerkschaft, sondern der Staat f&#252;r die angemessene Entlohnung sorgt? Der Organisationsgrad d&#252;rfte daher in Folge weiter zur&#252;ckgehen. Dies wiederum w&#252;rde die Gewerkschaften weiter schw&#228;chen und eine staatliche Lohnfestlegung noch notwendiger erscheinen lassen. Dies ist der Beginn einer <strong>Abw&#228;rtsspirale</strong>, an deren Ende auch das Ende der Tarifautonomie stehen wird.</p>
<p>Verst&#228;rkt wird dieser Effekt durch den vorgesehenen Vorrang der Rechtsverordnungen &#252;ber Mindestentgelte gegen&#252;ber tarifvertraglichen Regeln, welche als f&#252;r den einzelnen „ung&#252;nstiger“ angesehen werden. Dies f&#252;hrt de facto zu einer Marktabschottung des „Gewerkschaftsmarktes“, d.h. die Konkurrenz um die kollektive Vertretung von Arbeitnehmerinteressen wird ausgebremst. Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund der restriktiven Auslegung des G&#252;nstigkeitsprinzips durch die Gerichte, die auch der Sachverst&#228;ndigenrat z.B. 2001 und 2002 kritisiert hat. Problematisch ist in diesem Kontext auch, dass die Konkurrenz alternativer Entlohnungssysteme beschnitten wird. Wie z.B. sollen Gewinnbeteiligungen oder Leistungsanreize mit Stundenl&#246;hnen verglichen werden?</p>
<p>Alternative Gewerkschaften, wie der Christliche Gewerkschaftsbund, drohen durch den Vorrang von Rechtsverordnungen gegen&#252;ber Tarifvertr&#228;gen vom Markt f&#252;r die kollektive Vertretung von Arbeitnehmerinteressen verdr&#228;ngt zu werden. Dies wiederum d&#252;rfte sich negativ auf den gewerkschaftlichen Organisationsgrad insgesamt auswirken und die Talfahrt auf der oben beschriebenen Abw&#228;rtsspirale noch beschleunigen.</p>
<p>Der Vorrang von Rechtsverordnungen &#252;ber Mindestentgelte d&#252;rfte auch kaum mit dem expliziten Ziel des Gesetzes vereinbar sein, die Tarifautonomie mit ihren Elementen der positiven und der negativen Koalitionsfreiheit zu st&#228;rken. Es ist zu bef&#252;rchten, dass das Gegenteil des Gew&#252;nschten eintritt und tarifvertragliche Regelungen weiter zur&#252;ckgedr&#228;ngt werden zu Gunsten staatlicher Tariffestlegungen.</p>
<p>Was das Arbeitnehmer-Entsendegesetz angeht, so ist doch auff&#228;llig, dass in dem nach Besch&#228;ftigtenzahl gr&#246;&#223;eren Teil der Branchen, die bis zum 31.3.2008 eine Aufnahme in das Arbeitnehmer-Entsendegesetz beantragt haben, keine gr&#246;&#223;ere Entsendeproblematik bekannt ist. Dies gilt f&#252;r die Zeitarbeit, das Wach- und Sicherheitsgewerbe, die Entsorgungswirtschaft und die au&#223;erbetriebliche Weiterbildung (zusammen &#252;ber 1 Mio. Besch&#228;ftigte). In den vier anderen Branchen (Altenpflege, Forstdienstleistungen, Textilreinigung und Bergbauspezialarbeiten (insgesamt etwa 300 000 Besch&#228;ftigte) k&#246;nnte teilweise eine Entsendeproblematik bestehen. Doch ist auch diese nicht hinreichend belegt, um von sozialen Verwerfungen zu sprechen, die das Gesetz eigentlich fordert.</p>
<p>In einigen dieser Branchen besteht jedoch eine rege Tarifkonkurrenz. Als Wettbewerbs&#246;konom dr&#228;ngt sich der Verdacht auf, dass es darum gehen k&#246;nnte, diese <strong>Tarifkonkurrenz </strong>zu unterbinden und eine „Entmonopolisierung“ des Gewerkschaftsmarktes zu verhindern. Diese Wirkung wird sich in jedem Fall auch dadurch entfalten, dass der Gr&#246;&#223;e bzw. Mitgliederzahl der Gewerkschaft (welche unter den Geltungsbereich des Tarifvertrages f&#228;llt) ein besonderer Stellenwert beigemessen werden soll. Somit droht die Gefahr, dass kleinere Gewerkschaften systematisch von den gr&#246;&#223;eren verdr&#228;ngt werden. Die Neugr&#252;ndung und Etablierung von (tariff&#228;higen) Gewerkschaften in Konkurrenz zu den DGB-Gewerkschaften d&#252;rfte damit erheblich erschwert werden.</p>
<p>Alles in allem bahnt sich hier eine unheilige Allianz an: Die Arbeitgeber m&#246;chten den Wettbewerb auf den Produktm&#228;rkten ausbremsen, die DGB-Gewerkschaften wollen die entstehende Tarifkonkurrenz auf dem &#8220;Markt&#8221; f&#252;r die kollektive Vertreung von Arbeitnehmerinteressen unterbinden und der Staat m&#246;chte die &#246;ffentlichen Kassen entlasten sowie die Sozialtransfers zur&#252;ckfahren. Leidtragende werden zun&#228;chst Arbeitslose und Verbraucher sein. Langfristig droht jedoch die besagte Tarifautonomie ausgehebelt zu werden. Dies kann auch nicht im Interesse der etablierten Gewerkschaften und der Arbeitgeberverb&#228;nde sein.
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		<title>Das Ende der Tarifautonomie</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Oct 2008 17:49:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Justus Haucap</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Mindestlohn]]></category>
		<category><![CDATA[Tarifautonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Am n&#228;chsten Montag (3.11.) bin ich als Sachverst&#228;ndiger eingeladen, im Rahmen einer Anh&#246;rung des Bundestagsausschusses f&#252;r Arbeit und Soziales zum Thema Mindestlohn Stellung zu nehmen. Konkret geht es um das sog. Arbeitnehmer-Entsendegesetz und das Gesetz &#252;ber die Festsetzung von Mindestarbeitsbedingungen (urspr&#252;nglich von 1952). Das Gesetz wurde meines Wissens nie angewendet, mit Hilfe der geplanten Gesetzesnovelle soll ihm jetzt zu (erstmals) einer Bl&#252;tezeit verholfen werden.

Zur &#246;ffentlichen Anh&#246;rung eingeladen sind neben Vertretern von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen oder ihnen nahe stehenden Institutionen (wie die gewerkschaftsnahe Hans-B&#246;ckler-Stiftung) auch Wissenschaftler und andere sachkundige Personen: Zwei Juristen, zwei Theologen, eine Arbeitsmarktforscherin und ein &#214;konom.

Meine Stellungnahme vor dem Ausschuss werde ich in den n&#228;chsten Tagen hier als Kommentar posten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am n&#228;chsten Montag (3.11.) bin ich als Sachverst&#228;ndiger eingeladen, im Rahmen einer Anh&#246;rung des <a href="http://www.bundestag.de/ausschuesse/a11/" target="_blank">Bundestagsausschusses f&#252;r Arbeit und Soziales</a> zum Thema Mindestlohn Stellung zu nehmen. Konkret geht es um das sog. Arbeitnehmer-Entsendegesetz und das Gesetz &#252;ber die Festsetzung von Mindestarbeitsbedingungen (urspr&#252;nglich von 1952). Das Gesetz wurde meines Wissens nie angewendet, mit Hilfe der geplanten Gesetzesnovelle soll ihm jetzt zu (erstmals) einer Bl&#252;tezeit verholfen werden.</p>
<p>Zur &#246;ffentlichen Anh&#246;rung eingeladen sind neben Vertretern von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen oder ihnen nahe stehenden Institutionen (wie die gewerkschaftsnahe <a href="http://www.boeckler.de/" target="_self">Hans-B&#246;ckler-Stiftung</a>) auch Wissenschaftler und andere sachkundige Personen: Zwei Juristen, zwei Theologen, eine Arbeitsmarktforscherin und ein &#214;konom.</p>
<p>Meine Stellungnahme vor dem Ausschuss werde ich in den n&#228;chsten Tagen hier als Kommentar posten.
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