<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>CARTA &#187; Methodenstreit</title>
	<atom:link href="http://carta.info/tag/methodenstreit/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://carta.info</link>
	<description>Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit</description>
	<lastBuildDate>Thu, 09 Feb 2012 23:19:38 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Methodenstreit in der &#214;konomie: Was kann die Volkswirtschaftslehre f&#252;r die Gesellschaft leisten?</title>
		<link>http://carta.info/10511/methodenstreit-in-der-oekonomie-was-kann-die-volkswirtschaftslehre-fuer-die-gesellschaft-leisten/</link>
		<comments>http://carta.info/10511/methodenstreit-in-der-oekonomie-was-kann-die-volkswirtschaftslehre-fuer-die-gesellschaft-leisten/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 22 Jun 2009 14:41:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Justus Haucap</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alle Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Aufmacher-Home]]></category>
		<category><![CDATA[Aufmacher-Oeko]]></category>
		<category><![CDATA[Autoren-Home]]></category>
		<category><![CDATA[Autoren-Oeko]]></category>
		<category><![CDATA[Standard RSS]]></category>
		<category><![CDATA[Methodenstreit]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://carta.info/?p=10511</guid>
		<description><![CDATA[Unter deutschsprachigen &#214;konomen ist eine Debatte &#252;ber die Ausrichtung der Volkswirtschaftslehre ausgebrochen. Auf beiden Seiten dominieren bisweilen Wortf&#252;hrer, die mehr oder minder freim&#252;tig zugeben, die jeweils andere Forschungs- und Lehrausrichtung gar nicht zu kennen. Es fehlt ein gemeinsamer Bewertungsma&#223;stab.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/90af9a7d5276c2fdcb2142fd23784e" width="1" height="1" alt=""/>Viele CARTA-Leser werden es nicht unbedingt bemerkt haben: In Zeiten der gr&#246;&#223;ten Wirtschaftskrise mindestens seit der &#214;lkrise ist unter deutschsprachigen &#214;konomen eine gewaltige Debatte ausgebrochen. Worum? Um die richtigen Ma&#223;nahmen zur Bew&#228;ltigung der Krise? Weit gefehlt. Stattdessen streiten zwei Gruppen innerhalb der &#246;konomischen Profession an den Universit&#228;ten wie die Kesselflicker &#252;ber die Qualit&#228;t ordnungspolitischer Lehre und Forschung einerseits sowie die Relevanz mathematischer Methoden in der Wirtschaftswissenschaft andererseits. Zu beobachten ist eine vehemente, &#246;ffentliche Debatte um die Ausrichtung der Volkswirtschaftslehre an deutschen Universit&#228;ten. Austragungsschaupl&#228;tze sind vor allem das Handelsblatt und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.</p>
<p>Ausgel&#246;st wurde diese Debatte durch einen <a href="http://www-personal.umich.edu/~rudib/Das_Fach_Wirtschaftspolitik.pdf" target="_blank">offenen Brief</a> der beiden emeritierten K&#246;lner Professoren Hans Wilgerodt (85) und Christian Watrin (78). In <a href="http://www-personal.umich.edu/~rudib/Das_Fach_Wirtschaftspolitik.pdf" target="_blank">diesem Brief </a>beklagen die beiden das Ende der Wirtschaftspolitik traditioneller Pr&#228;gung an ihrer Alma Mater in K&#246;ln. Dort sollen einige bislang traditionell wirtschaftspolitisch ausgerichtete Lehrst&#252;hle umgewidmet werden, um eine international orientierte Gruppe von sechs jungen Makro&#246;konomen zu gewinnen. Diese sechs &#214;konomen &#8211; R&#252;diger Bachmann (University of Michigan), Christian Bayer (Uni Bocconi, Mailand), Christian Hellwig (UCLA), David Jaeger (City University New York), Leo Kaas (Uni Konstanz) und Alexander Ludwig (Uni Mannheim) &#8211; sind zum Gro&#223;teil eher theoretisch als empirisch ausgerichtet, wenn auch nicht ausschlie&#223;lich.</p>
<p>Ob Olaf Storbeck wohl wusste, welche Diskussion er ausl&#246;sen w&#252;rde, als er &#252;ber diesen Brief im Handelsblatt vom 17. Februar 2009 unter dem Titel <a href="http://www.handelsblatt.com/politik/nachrichten/der-koelner-emeriti-aufstand;2156259">&#8220;Der K&#246;lner Emeriti-Aufstand&#8221;</a> berichtete? Ich glaube kaum. Mich selbst &#252;berrascht die Intensit&#228;t der Angriffe auf beiden Seiten und das Ausma&#223;, das die Diskussion mittlerweile angenommen hat.</p>
<p>Als erste Reaktion auf den offenen Brief von Wilgerodt und Watrin folgte ein <a href="http://www-personal.umich.edu/~rudib/CCvW+Brief+an+Willgerodt+und+Watrin.pdf" target="_blank">offener Antwortbrief</a> von Carl Christian von Weizs&#228;cker (71), ebenfalls Emeritus der K&#246;lner Fakult&#228;t, der die geplante K&#246;lner Neuausrichtung verteidigt, und &#252;ber den das Handelsblatt dann am 25. Februar 2009 ebenfalls berichtete (<a href="http://www.handelsblatt.com/politik/nachrichten/von-weizsaecker-stuetzt-koelner-vwl-kurs;2173269" target="_blank">hier</a>). Danach ging es dann Schlag auf Schlag.</p>
<p>Im mindestens w&#246;chentlichen Rhythmus folgten nun Kommentare und Leserbriefe in FAZ und Handelsblatt (alles von <a href="http://www-personal.umich.edu/~rudib/methodology.htm" target="_blank">R&#252;diger Bachmann </a>minuti&#246;s auf seiner <a href="http://www-personal.umich.edu/~rudib/methodology.htm" target="_blank">Webseite</a> dokumentiert). Das Handelsblatt unterst&#252;tzt dabei prinzipiell die moderne Orientierung in der Wirtschaftspolitik, welche nach angels&#228;chsischem Vorbeil st&#228;rker quantitativ ausgerichtet ist und die sich mathematischer Modelle und statistisch-&#246;konometrischer Methoden bedient. Die FAZ hingegen favorisiert die traditionellere, ordnungspolitische Ausrichtung der Wirtschaftspolitik, die sehr institutionell angelegt ist und in der die eher qualitative Analyse und die &#220;berzeugungskraft verbaler Argumente dominieren.</p>
<p>Ihren vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt erreichte die Debatte mit einem Aufruf von 83 VWL-Professoren: <a href="http://www.faz.net/s/RubB8DFB31915A443D98590B0D538FC0BEC/Doc~EA1E6687105BC44399168BC77ADE64F8A~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universit&#228;ten!</a>, publiziert in der FAZ vom 5. Mai 2009. In dem Aufruf wird die zunehmende Formalisierung der Wirtschaftstheorie kritisiert und die Tendenz, &#8220;aus jeweils gew&#228;hlten Annahmen logische Schlussfolgerungen abzuleiten&#8221;. Eine solche Methodik garantiere formale Rigorosit&#228;t, sei aber f&#252;r die Analyse realweltlicher Wirtschaftspolitik wenig geeignet (nun ja, vermutlich immer noch besser nat&#252;rlich als aus Annahmen unlogische Schlussfolgerungen abzuleiten). Das Problem sei aber, dass immer mehr &#214;konomen die Realit&#228;tsn&#228;he ihrer Analysen dem Ziel formal-logischer Stringenz opferten. Die VWL vernachl&#228;ssige als Fach &#8220;zunehmend den Beitrag, den es zur L&#246;sung praktischer wirtschaftspolitischer Probleme leisten k&#246;nnte und sollte.&#8221;</p>
<p>Die Antwort kam in Form eines Gegenaufrufes von 188 VWL-Professoren und Forschern: <a href="http://blog.handelsblatt.de/oekonomie/eintrag.php?id=64" target="_blank">Baut die deutsche VWL nach internationalen Standards um!</a>, publiziert im Handelsblatt vom 8. Juni 2009. Dort wenden sich die Unterzeichner gegen das im ersten Aufruf &#8220;gezeichnete Zerrbild der modernen &#214;konomik als reiner Wirtschaftslogik.&#8221; Die Unterzeichner wenden sich &#8220;aber auch gegen die weitere und international nicht &#252;bliche Zementierung der nicht fruchtbaren Trennung an deutschen Fakult&#228;ten zwischen Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik.&#8221; Stattdessen fordern die Unterzeichner &#8220;den an internationalen Standards und Strukturen ausgerichteten Aus- und Umbau der volkswirtschaftlichen Fakult&#228;ten, um so deutschen Universit&#228;ten eine f&#252;hrende Stellung in der internationalen Forschung in voller Breite und mit hoher Qualit&#228;t zu erm&#246;glichen.&#8221; Zugleich bem&#228;ngeln die Unterzeichner, dass in der Bundesregierung kaum f&#252;hrende Vertreter der VWL zu finden seien (gemeint war hier vermutlich die wirtschaftspolitische Beratung in Deutschland im Allgemeinen).</p>
<p>Die Debatte ist damit keineswegs verstummt, sie wird vielmehr nahezu t&#228;glich durch weitere Beitr&#228;ge gef&#252;ttert, alles wie gesagt sehr sch&#246;n von <a href="http://www-personal.umich.edu/~rudib/methodology.htm" target="_blank">R&#252;diger Bachmann </a>auf seiner <a href="http://www-personal.umich.edu/~rudib/methodology.htm" target="_blank">Webseite</a> dokumentiert. Was ist von der Debatte zu halten?</p>
<p>In Teilen stehen sich die Bef&#252;rworter der beiden Seiten v&#246;llig unvers&#246;hnlich und auch unverstanden gegen&#252;ber. Auf beiden Seiten dominieren bisweilen Wortf&#252;hrer, die mehr oder minder freim&#252;tig zugeben, die jeweils andere Forschungs- und Lehrausrichtung gar nicht zu kennen, trotzdem aber sehr genau wissen, dass „ihre“ jeweilige Ausrichtung der anderen haushoch &#252;berlegen ist. Beide Seiten sprechen sich weitgehend – von nicht ernst gemeinten H&#246;flichkeitsfloskeln abgesehen – gegenseitig jegliche Relevanz ab, machen sich gegenseitig daf&#252;r verantwortlich, die Wirtschafts- und Finanzkrise nicht vorhergesehen zu haben. Als Kunstgriff der Debattenf&#252;hrung werden auf der einen Seite schlechte Theoretiker mit hervorragenden Ordnungspolitikern verglichen und auf der anderen Seite hervorragende Theoretiker mit schlechten Ordnungspolitikern, um dann zu dem Schluss zu gelangen, dass man nichts, aber auch wirklich rein gar nichts von der anderen Seite lernen k&#246;nne. Als Wissenschaftler kann man, so scheint es in der Debatte bisweilen, ohnehin nichts lernen, man kann dem Volk/der Politik nur ultimative Wahrheiten verk&#252;nden, die diese dann leider zu bl&#246;d sind zu verstehen. Dies wiederum ist nat&#252;rlich das alleinige Versagen der Sendungsempf&#228;nger ;-)</p>
<p>Auch wenn ich hier Gefahr laufe abzuschweifen – ich beobachte unter vielen akademischen &#214;konomen eine, wie ich finde, seltsame Haltung gegen&#252;ber der Politikberatung. Die Tatsache, dass der Rat vieler &#214;konomen oftmals kein Geh&#246;r findet, wird oftmals allein der Politik angelastet, ebenso wie die Tatsache, dass wir im Bereich der VWL schon seit Jahren r&#252;ckl&#228;ufige oder konstant geringe Studierendenzahlen haben, den Studierenden angelastet wird oder den „unfairen“ Wettbewerbern (hier vor allem der BWL). Wenn das Produkt (Lehre bzw. wirtschaftpolitische Beratung) am Markt (sei es in der Politik oder unter Studierenden) keinen Absatz findet, k&#246;nnte es auch sein, dass das Produkt nicht gut ist. Auf „Marktversagen“ w&#252;rde ich erst als zweites tippen. Aus meiner Sicht gibt es hier in der Tat gewaltige Defizite in der Volkswirtschaftslehre, wie sie sich momentan in Deutschland darstellt.</p>
<p>F&#252;r mich stellen sich in dieser Debatte prinzipiell zwei Fragen, die eigentlich relativ unabh&#228;ngig voneinander beantwortet werden k&#246;nnen, und zwar:</p>
<p>1) Welche Richtung(en) sollte die VWL an deutschen Universit&#228;ten einschlagen?</p>
<p>2) Welche Art von &#214;konomen sind am besten f&#252;r die Politikberatung geeignet?</p>
<p>F&#252;r lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg haben weite Teile der deutschen VWL (und auch der BWL) eine Art Dornr&#246;schenschlaf, abgeschottet von der internationalen akdemischen &#8220;Community&#8221; gef&#252;hrt. Dies hat sich insbesondere in den letzten 15-20 Jahren gewandelt, ganz besonders in den letzten 10 Jahren. Eine deutsche VWL gibt es heute nicht mehr. In der allerj&#252;ngsten Zeit gibt es zudem den Trend, Forschungsleistungen von einzelnen Forschern und auch ganzer Fakult&#228;ten relativ schematisch anhand von Zeitschriftenrankings zu bewerten. Entscheidend f&#252;r die gemessene Leistung eines Forschers ist die (gewichtete) Anzahl der Publikationen vor allem in internationalen Zeitschriften. Dies ist auch sehr bedeutsam f&#252;r die Reputation in der relevanten Bezugsgruppe der &#214;konomen an Hochschulen (und Forschungsinstituten).</p>
<p>Dass ein Erwachen aus dem Dornr&#246;schenschlaf, an dem auch die Studenten aufgrund r&#252;ckst&#228;ndiger Lehre in Theorie und empirischen Methoden zu leiden hatten, ohne Alternative war, ist unbestritten. Dennoch m&#246;chte ich auf einen Punkt hinweisen: &#214;konomie ist eine Sozialwissenschaft. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probeme in den USA sind nicht dieselben wie in Europa oder in Deutschland. F&#252;r internationale Zeitschriften sind spezifisch deutsche Probleme <em>relativ</em> (nota bene: nicht absolut) uninteressant und daher schwieriger zu publizieren. In internationalen Zeitschriften l&#228;sst sich am besten publizieren mit relativ allgemeinen Themen bzw., aufgrund der Gr&#246;&#223;e des Marktes, mit Themen, die f&#252;r die USA besonders relevant sind. Durch die sehr starke Fokussierung der Anreize hin auf internationale Zeitschriftenpublikationen besteht daher die Gefahr, dass spezifisch deutsche Probleme und Institutionen unterbelichtet werden bzw. ihre Erforschung nicht gleicherma&#223;en gew&#252;rdigt wird. Es ist f&#252;r &#214;konomen an Universit&#228;ten daher weniger interessant, sich mit den institutionellen Details deutscher M&#228;rkte und Wirtschaftspolitik auseinander zu setzen, als mit allgemeineren Fragen, zumindest tendenziell, also &#8220;at the margin&#8221;.</p>
<p>Ist das gut so? Ich habe da eine gewisse Skepsis. Aufs&#228;tze in wissenschaftlichen Zeitschriften sind, auch wenn ein Ausschluss de facto praktiziert wird, nahezu grenzkostenlos mehrnutzbar. F&#252;r das Lesen eines Aufsatzes ist die verwendete Zeit zumeist ein wichtigerer Kostenfaktor als der Zugangspreis (z.B. &#252;ber eine Datenbank wie JSTOR). Wer eine Erkenntnis produziert hat, ist f&#252;r die wirtschaftspolitische Verwendbarkeit nahezu irrelevant, d.h. es spielt keine Rolle, ob ein deutscher &#214;konom, ein indischer, ein britischer oder ein amerikanischer oder sonst irgendwer eine bestimmte Einsicht hatte. In internationalen Zeitschriften steht, was auch international von Interesse ist. Was hat der deutsche Steuerzahler davon, dass dieses Wissen gerade an deutschen Hochschulen produiziert wird und nicht in den USA? Spill-overs in die Lehre? OK, aber hier geht ja gerade der Trend in die Richtung, die besten Forscher zunehmend von Lehre zu befreien. Warum also sollte der deutsche Steuerzahler (da wir ja fast nur staatlich finanzierte Hochschulen haben) vor allem allgemein verwendbares Wissen unterst&#252;tzen, das auch anderenorts produziert werden kann? W&#228;re es aus Sicht des Steuerzahlers nicht besser, prim&#228;r solche Forschung zu finanzieren, die sich mit speziell deutschen und europ&#228;ischen Fragen bzw. Regeln, Institutionen, Problemen besch&#228;ftigt? Ist es f&#252;r den deutschen Steuerzahler tragisch, wenn Grundlagenforschung und allgemeine Zusammenh&#228;nge nicht in Deutschland erforscht werden, sondern sonstwo (gerade wenn man ber&#252;cksichtigt, dass sich &#246;konomische Erkenntnisse auch nicht patentieren lassen, im Gegensatz zu medizinischen oder ingenieurwissenschaftlichen Forschungsergebnissen und somit dieses Wissen auch zur Verf&#252;gung steht, wenn es nicht in Deutschland generiert wird)? Wer eine &#8220;Therapie&#8221; erfindet, ist doch egal, wenn jeder sie benutzen darf.</p>
<p>Hat der deutsche Steuerzahler wirklich mehr von einer fl&#228;chendeckenden internationalen Spitzenforschung als von einer st&#228;rker auf deutsche Probleme zugeschnittenen Forschung, die institutionelle Besonderheiten st&#228;rker ber&#252;cksichtigt und sich dann ggf. weniger gut publizieren l&#228;sst (zumindest &#8220;at the margin&#8221; muss dieses Argument wie gesagt gelten)? Ich wei&#223; es wirklich nicht, beides hat Vor- und Nachteile, was vielleicht wirklich f&#252;r ein Nebeneinander anstelle einer ausschlie&#223;lichen Ausrichtung in die eine oder andere Richtung sprechen w&#252;rde. Ist es f&#252;r den deutschen Steuerzahler wirklich so schlecht, dass sich die deutsche BWL eben auch sehr mit deutschen Themen (nicht nur bei Steuern und Bilanzen) befasst und international weniger sichtbar ist? Der Arbeitsmarkt scheint dies &#8211; gemessen an Einstiegsgeh&#228;ltern der Absolventen &#8211; jedenfalls durchaus zu honorieren. Wir haben in der VWL zumindest in manchen (sicher nicht in allen) Feldern erhebliche Defizite, was die wirtschaftspolitisch relevante Forschung angeht, die auch die institutionellen Besonderheiten ber&#252;cksichtigt.</p>
<p>Insgesamt fehlt mir in der Diskussion der Bewertungsma&#223;stab. Beide Gruppen scheinen &#8220;ihre&#8221; Art der Forschung f&#252;r besser zu halten, wobei die Bewertungskriterien nicht dieselben sind. Wirtschaftspolitische Relevanz (wie auch immer gemesen) einerseits, m&#246;glichst hochrangige Publikationen in &#246;konomischen Fachzeitschriften andererseits. Dass die Abschottung der VWL in Deutschland vom Rest der Welt wie fr&#252;her und die ehemals &#252;bliche Berufungspolitik (wie in dem o.g. Brief von C.C. von Weizs&#228;cker geschildert) auch f&#252;r den Steuerzahler mindestens &#8220;suboptimal&#8221; ist, steht au&#223;er Frage. Spannender ist, wie weit die Internationalisierung vorangestrieben werden soll und wie viel Wert auf internationale Publikationen und wie viel auf eher nationale und wirtschaftspolitisch orientierte Engagements gelegt werden soll. Ist bei einer starken Betonung von Publikationsleistungen in internationalen Journalen nicht doch eine &#220;berbetonung wissenschaftlicher Rigorosit&#228;t der Methoden gegen&#252;ber wirtschaftspolitischer Relevanz, zumindest aus deutscher Sicht,  zu bef&#252;rchten? Hier wird zum Teil darauf verwiesen, dass ja auch durchaus beides m&#246;glich ist. Das ist im Einzelfall (bzw. einer ganzen Reihe von F&#228;llen) richtig, aber mir geht es um das systematische Argument. Einzelschicksale z&#228;hlen da nicht &#8211; systematisch werden die Anreize aus meiner Sicht momentan durchaus stark in Richtung Rigor und zu Lasten der Relevanz ausgerichtet.</p>
<p>Sehr erhellend finde ich dazu den <a href="http://gcc.uni-paderborn.de/www/fb5/WiWi-Web.nsf/5a419d474f3279b3c1256c09002f3b2a/2c4c94d73815cc66c12572ec00444afe/$FILE/VHB-Vortrag-Wagenhoferneu%20%5BKompatibilit%C3%A4tsmodus%5D.pdf" target="_blank">Vortrag von Alfred Wagenhofer auf der Jahrestagung des Verbands der Hochschullehre f&#252;r Betriebswirtschaftslehre (VHB)</a> im Mai 2007 (also vor dem Methodenstreit in der VWL), der genau diesen Punkt f&#252;r mich durchaus &#252;berzeugend macht. Ich teile durchaus die Bef&#252;rchtung, dass das Pendel zu weit ausschwingt und sich die &#246;konomische Forschung in Deutschland, nach der fr&#252;heren Abschottung von der internationalen Wissenschaft, nun bei einer einseitigen Betonung von Publikationsrankings zu sehr um theoretische Fragen allgemeiner Natur oder um globale &#246;konomische Themen dreht und zu wenig um speziell deutsche und europ&#228;ische Themen und Institutionen.</p>
<p>Schlie&#223;lich noch ein paar S&#228;tze zur Frage der Politikberatung. Ich will das auch vor dem Hintergrund meiner eigenen Rolle nicht allzu sehr vertiefen, aber meine Erfahrung ist doch die, dass Forschung und Politikberatung nicht genau dieselben Talente und F&#228;higkeiten erfordern. Dies jedoch scheint mir der Gegenaufruf der 188 zu suggerieren. Ob Ben Bernanke ein besserer Zentralbanker ist als Jean-Claude Trichet, weil Bernanke besser in akademischen Fachzeitschriften publiziert hat? Keine Ahnung. das ist so &#228;hnlich wie zu behaupten, dass nur Spitzenfu&#223;baller auch gute Trainer werden k&#246;nnen. Sind J&#252;rgen Klopp und Otmar Hitzfeld schlechte Trainer, weil sie keine echten Spitzenfu&#223;baller waren? Oder ist gar  Lothas Matth&#228;us ein guter Fu&#223;ball-Trainer, weil er ein exzellenter Fu&#223;ball-Spieler war? Hmmm&#8230;wirtschaftspolitische Beratung erfordert unter Anderem auch die Bereitschaft, sich mit zahlreichen institutionellen Details auseinanderzusetzen (denn dort steckt oft der Teufel drin) und ein gewisses Verst&#228;ndnis der Rechtswissenschaft. Viele Juristen haben den &#214;konomen hier durchaus etwas Wichtiges voraus: Sie kennen die institutionellen Details und wissen, wor&#252;ber sie reden. Ein von der bestehenden Rechtsordnung v&#246;llig losgel&#246;stes Philosophieren ist hingegen nur manchmal hilfreich &#8211; in der Regel ist es besser, wenn wenigstens ein Bezug zum bestehenden Rahmen erkennbar ist, sodass Ver&#228;nderungsbedarf und auch -m&#246;glichkeiten auch identifiziert werden k&#246;nnen. Das scheint mir manchmal in der &#214;konomie zu fehlen.</p>
<p>Was ich am Ende auch noch loswerden will: Besonders ge&#228;rgert hat mich pers&#246;nlich in dieser ganzen Debatte ein Beitrag des Wirtschaftsinformatikers Professor August-Wilhelm Scheer, ehemals BWL-Professor in Saarbr&#252;cken, der in der <a href="http://www-personal.umich.edu/~rudib/verloreinderweltdermodelle_scheer.pdf" target="_blank">S&#252;ddeutschen Zeitung vom  09.05.2009</a> wortreich die Mathematisierung der VWL beklagt hat. Vor etwa 15 Jahren war er nicht unma&#223;geblich an der Schlie&#223;ung der Saarbr&#252;cker VWL beteiligt, damals einer wirtschaftspolitischen und institutionen&#246;konomischen Hochburg in Deutschland.  Die sog. „Saarbr&#252;cker Schule“, die auch die Redaktionsr&#228;ume der FAZ lange mitgepr&#228;gt hat, zeichnete sich dadurch aus, dass wirtschaftspolitische Aussagen stets theoretisch abgeleitet und empirisch basiert wurden. Gerade bei Rudolf Richter und Werner Pommerehne wurden Empirie und Theorie in hervorragender Weise miteinander verkn&#252;pft. Saarbr&#252;cken war vor etwa 20 Jahren schon da, wo andere erst jetzt ankommen. Die Fakult&#228;t war international eng vernetzt und zugleich lange eine Hochburg wirtschaftspolitischer Beratung in Deutschland. Dass Professor Scheer nun das angebliche Fehlen wirtschaftspolitisch relevanter Forschung und Ausbildung kritisert, nachdem er zur Beerdigung  just eines solchen Modells beigetragen hat, kommt mir doch etwas &#8211; sagen wir einmal &#8211; schelmenhaft vor.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://d1.openx.org/ck.php?n=a8c47325&amp;cb=INSERT_RANDOM_NUMBER_HERE" target="_blank"><img class="aligncenter" src="http://d1.openx.org/avw.php?zoneid=21592&amp;n=a8c47325" border="0" alt="" /></a></p>
<div class="tweetmeme_button" style="float: right; margin-left: 10px;">
			<a href="http://api.tweetmeme.com/share?url=http%3A%2F%2Fcarta.info%2F10511%2Fmethodenstreit-in-der-oekonomie-was-kann-die-volkswirtschaftslehre-fuer-die-gesellschaft-leisten%2F"><br />
				<img src="http://api.tweetmeme.com/imagebutton.gif?url=http%3A%2F%2Fcarta.info%2F10511%2Fmethodenstreit-in-der-oekonomie-was-kann-die-volkswirtschaftslehre-fuer-die-gesellschaft-leisten%2F&amp;style=compact&amp;b=2" height="61" width="50" /><br />
			</a>
		</div>
<p class="wp-flattr-button"></p><hr />
<p><small>
<a href="http://carta.info/10511/methodenstreit-in-der-oekonomie-was-kann-die-volkswirtschaftslehre-fuer-die-gesellschaft-leisten/">Methodenstreit in der &#214;konomie: Was kann die Volkswirtschaftslehre f&#252;r die Gesellschaft leisten?</a> on <a href="http://carta.info">CARTA</a> | <a href="http://carta.info/10511/methodenstreit-in-der-oekonomie-was-kann-die-volkswirtschaftslehre-fuer-die-gesellschaft-leisten/#comments">13 comments</a>
</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=10511&amp;md5=576447339033b4cbcdba2859565a13b7" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://carta.info/10511/methodenstreit-in-der-oekonomie-was-kann-die-volkswirtschaftslehre-fuer-die-gesellschaft-leisten/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>13</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

