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	<title>CARTA &#187; Wolfgang Storz</title>
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	<description>Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit</description>
	<lastBuildDate>Thu, 24 May 2012 17:47:08 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Wirtschaftsjournalismus: Unsere Antwort auf die Kritik der DPA an unserer Kritik</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Mar 2010 11:40:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Storz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Antwort der Studienautoren: "Die Replik der DPA st&#252;tzt unsere tiefen Bef&#252;rchtungen."]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/da1f0d81b0664a58bbd3aa808e85e097" alt="" width="1" height="1" /><em>Am Montag haben Hans-J&#252;rgen Arlt und Wolfgang Storz eine <a href="http://carta.info/23945/wirtschaftsjournalismus-in-der-krise-ahnungslos-und-meinungsschwach/">Studie</a> &#252;ber die aus ihrer Sicht mangelhafte Berichterstattung zur Finanzkrise ver&#246;ffentlicht. Sie stellten insbesondere ARD Aktuell und DPA ein schlechtes Zeungnis aus. Die DPA wehrte sich mit einer detaillierten <a href="http://www.presseportal.de/pm/8218/1574215/dpa_deutsche_presse_agentur_gmbh">Presseerkl&#228;rung</a>. Hier die Antwort der Kritiker auf die Kritik an ihrer Studie:</em></p>
<p>Von Hans-J&#252;rgen Arlt und Wolfgang Storz.</p>
<p>Eine Studie, sei sie noch so sorgf&#228;ltig entworfen und engagiert umgesetzt, bew&#228;hrt sich erst in den Anmerkungen, der Kritik und Einw&#228;nden einer (fach-)&#246;ffentlichen Diskussion. Wir nehmen die Kritik &#8211; nicht nur der DPA &#8211; ernst und stellen uns gerne der Auseinandersetzung, weil diese kritische Debatte vor allem einem dienen kann: die Analyse weiter zu sch&#228;rfen, um auf ihrer Basis sinnvolle Konsequenzen und notwendige Schlussfolgerungen zu ziehen.</p>
<p>Wir formulieren pointiert, verstehen unsere Befunde aber nicht als Vorw&#252;rfe, sondern als eine Kritik, die die Frage nach Verbesserungsm&#246;glichkeiten im Journalismus aktualisieren m&#246;chte. Unsere Befunde bringen uns zu dem entscheidenden Schluss: Soll der Journalismus das leisten, was unsere Gesellschaft von gutem Journalismus erwarten muss, dann braucht er andere und bessere Produktions- und Arbeitsbedingungen. Das ist ein Thema f&#252;r die gesellschaftliche &#214;ffentlichkeit. Vor diesem Hintergrund ist unsere Antwort auf die Einw&#228;nde von DPA zu sehen.</p>
<p>Wir haben Meldungen des DPA-Basisdienstes zum Themenfeld Finanzmarktpolitik und Finanzmarktkrise als journalistisch sehr unzureichend kritisiert.</p>
<p>DPA reagiert darauf mit der Einsch&#228;tzung, wir seien zu „dem augenscheinlich gew&#252;nschten Ergebnis“ gekommen. Soll hei&#223;en: Die Kritiker hatten von Anfang b&#246;se Absichten und haben dann die Belege f&#252;r ihre Vorurteile gesucht. Das ist nicht der Fall. Wir sind viel zu neugierig auf die Wirklichkeit, als dass wir nur einen Funken Energie in die Produktion von vorher festgelegten Ergebnissen stecken w&#252;rden.</p>
<div id="attachment_24144" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.flickr.com/photos/23912576@N05/3093426023/"><img class="size-full wp-image-24144   " title="krise2" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2010/03/krise2.jpg" alt="&quot;Es klingt zumindest unterschwellig an, Tages-Zusammenfassungen m&#252;ssen eben so sein, wie sie sind.&quot; Foto: flickr/laverrue" width="300" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Es klingt zumindest unterschwellig an, Tages-Zusammenfassungen m&#252;ssen eben so sein, wie sie sind.&quot; - Foto: laverrue (cc by)</p></div>
<p>Die Deutsche Presseagentur ist eine gute und wichtige Einrichtung. Sie wird von einem intelligenten und solidarischen Finanzierungsmodell getragen; wenn es sie nicht g&#228;be, m&#252;sste man sie erfinden.</p>
<p>Die Anforderungen an den Agentur-Journalismus an Verdichtung, Schnelligkeit, Korrektheit und Verst&#228;ndlichkeit sind sehr hoch, insbesondere bei einem analytisch schwer fassbaren und alles andere als einfach vermittelbaren Thema wie dem, um das es hier geht. Aber diese hohen Anforderungen sind berechtigt, ist DPA doch direkt und indirekt mitentscheidend f&#252;r die Versorgung eines vielfachen Millionen-Publikums mit qualit&#228;tsvoller Information und Orientierung. Es ist auch klar: Das sind Anforderungen, die nur erf&#252;llt werden k&#246;nnen, wenn die entsprechenden Produktionsbedingungen der Journalisten gew&#228;hrleistet sind.</p>
<p>Gerne h&#228;tten wir der Agentur gute Arbeit bescheinigt – wenn wir sie zu unserem Thema und in dem von uns ausgew&#228;hlten Untersuchungsgegenstand entdeckt h&#228;tten.</p>
<p>DPA sagt, wir h&#228;tten an den falschen Stellen und zu den falschen Zeiten gesucht. Die Auswahl eines Untersuchungsfeldes und die Kriterien dieser Auswahl sind immer diskussionsw&#252;rdig. Auch unsere Auswahl ist nicht der Weisheit letzter Schluss, aber alles andere als „beliebig“, wie DPA in seiner Stellungnahme schreibt.</p>
<p><em>Erstens:</em> Finanzmarktpolitisch bedeutendere Ereignisse als G8- und G20-Gipfeltreffen, einschl&#228;gige Gesetze und Gesetzinitiativen, die “Heuschreckendebatte”, die ‚historische’ Intervention der Europ&#228;ischen Zentralbank im August 2007 oder der Bankrott von Lehman Brothers im September 2008 d&#252;rften schwer zu finden sein.</p>
<p><em>Zweitens:</em> Wir haben unsere Analyse konzentriert auf das <em>Kerngesch&#228;ft</em> von DPA, auf die Tages-Zusammenfassungen, weil diese Zusammenfassungen das Erste und Wichtigste sind, das die Redaktionen, die DPA beziehen, in ihrer t&#228;glichen Arbeit zur Kenntnis nehmen, verarbeiten und in vielen F&#228;llen zur entscheidenden oder gar alleinigen Grundlage f&#252;r ihre Berichterstattung nutzen.</p>
<p>Es ist selbstverst&#228;ndlich richtig und unbestreitbar, dass DPA dar&#252;ber hinaus viele weitere Angebote macht, die wir nicht untersucht haben. In ihrer Stellungnahme beruft sich DPA auf diese Zusatzleistungen – ohne sich mit unserer Kritik an ihrem Kerngesch&#228;ft auseinanderzusetzen, im Gegenteil: es klingt zumindest unterschwellig an, Tages-Zusammenfassungen m&#252;ssen eben so sein, wie sie sind.</p>
<p>Es war ein Fehler, dass wir nicht klarer benannt haben, <em>welche DPA-Leistungen wir nicht analysieren</em>. Nicht-journalistischen Lesern der Studie gegen&#252;ber w&#228;re das n&#246;tig gewesen. Hier hat uns unser eigener journalistischer Hintergrund „einen Streich gespielt“, aus dem heraus es selbstverst&#228;ndlich ist, dass die Zusammenfassungen eben nur der tagesaktuelle Kern sind.</p>
<p>Am Ergebnis unserer Analyse der Tages-Zusammenfassungen &#228;ndert sich dadurch allerdings nichts. Unterstellen wir den f&#252;r DPA g&#252;nstigsten Fall, dass sie Korrespondentenberichte, DPA-Gespr&#228;che und Chronologien mit bester Einsicht in Hintergr&#252;nde und Zusammenh&#228;nge, mit Perspektivenvielfalt und fr&#252;hzeitigen Krisenwarnungen publiziert hat – und davon schl&#228;gt sich dann in dem Teil des Angebots, das ihre Kunden als Erstes und Wichtigstes zur Hand nehmen und am st&#228;rksten nutzen, wenig bis nichts nieder? Kann das ein sinnvolles redaktionelles Konzept sein? Wir gehen davon aus, dass sich gerade in der Kernarbeit zuallererst die Qualit&#228;t der Arbeit einer so redaktionsstarken Nachrichtenagentur niederschlagen muss: Verst&#228;ndlichkeit der aktuellen Information, Abdecken der wichtigsten Positionen/Interessen, Herstellen von Zusammenh&#228;ngen.</p>
<p>DPA sagt, wir h&#228;tten nur 212 Meldungen untersucht, w&#228;hrend sie im Untersuchungszeitraum doch 2,5 Millionen Meldungen verbreitet h&#228;tten. Dieser Vergleich ist h&#252;bsch, f&#252;hrt aber leider in die Irre: Eine Studie, die gezielt die Kern-Berichterstattung zu den wichtigsten Ereignissen des hier interessierenden Themas gr&#252;ndlich untersucht, kann durchaus gewichtige Erkenntnisse an den Tag bringen. Deshalb noch einmal einige Hinweise auf unser Vorgehen.</p>
<p>Wir haben Ereignisse identifiziert und ausgew&#228;hlt, von denen wir mit guten Argumenten sagen k&#246;nnen: Die sind bedeutend. Dann haben wir festgelegt: Um mit begrenzten Ressourcen einen m&#246;glichst intensiven Einblick in die Arbeit von DPA zu bekommen, untersuchen wir die Tages-Zusammenfassungen. Anschlie&#223;end haben wir in Datenbanken rund um die Ereignisse nach dem vorhandenen DPA-Material recherchiert.</p>
<p>So sind wir beispielsweise im Zeitraum zwischen 1999 und 2005 auf (nur) 81 DPA-Meldungen gesto&#223;en und haben diese analysiert. Das hei&#223;t: Nicht wir haben diese relativ geringe Zahl festgelegt. DPA ist f&#252;r diese geringe Zahl selbst verantwortlich, weil DPA zu den acht Ereignissen, die wir f&#252;r diesen Zeitraum von 1999 bis 2005 ausgew&#228;hlt haben &#8211; vom R&#252;cktritt Oskar Lafontaines bis zur ersten Regierungserkl&#228;rung von Angela Merkel &#8211; in den <em>Zusammenfassungen seines Basisdienstes zum Thema Finanzmarktpolitik nicht mehr angeboten hat</em>.</p>
<p>DPA wandelt den Befund, dass sie &#8211; wie viele andere &#8211; die Bedeutung des Themas unseres Erachtens nicht hinreichend erkannt hat und ganz selten dar&#252;ber berichtete, in einen Vorwurf an die Autoren, sie h&#228;tten sich zu wenig Texte angeschaut. Dem widersprechen wir energisch. Wir haben entschieden, unsere Untersuchung auf die Analyse der Tages-Zusammenfassungen zu begrenzen. Daf&#252;r sind wir verantwortlich und dar&#252;ber kann gestritten werden. Aber die absolute Zahl der Meldungen, die wir untersucht haben, die hat DPA mit ihrer Berichterstattung und mit ihrer Nicht-Berichterstattung selbst bestimmt. Insofern ist die sehr begrenzte Zahl der Tages-Zusammenfassungen, die wir untersucht haben, ein erster quantitativer Befund, der f&#252;r unsere eher skeptische Beurteilung der Arbeit von DPA spricht.</p>
<p>Wir wollen nur auf ein Beispiel kurz eingehen, das DPA in seiner umfangreichen Pressemitteilung als eines der besonders positiven Beispiele aufgef&#252;hrt hat, das zeige, wie hochwertig die Arbeit der Agentur sei. Wir zitieren aus der Pressemitteilung von DPA, in der &#8211; mit Unterstreichung &#8211; die von DPA ausgesuchte beispielhafte DPA-Meldung<br />
wiedergegeben wird:</p>
<blockquote><p>„Ebenfalls sehr rasch wird die IKB-Krise zum Anlass genommen, zu beschreiben, dass die amerikanische Immobilien-, Bau- und Hypothekenmarkt-Krise weltweit ausufert. Das gelingt auch deswegen, weil die Berichterstatter in Deutschland und den USA fr&#252;hzeitig zusammenarbeiten: <span style="text-decoration: underline;">‘Es sind nicht nur Millionen amerikanischer Hausbesitzer von den rasant fallenden Immobilienpreisen und ebenso rasch steigenden Zinsen f&#252;r sogenannte Subprime-Hypotheken betroffen, das hei&#223;t von riskanten Hypothekenkrediten an bonit&#228;tsschwache Amerikaner. Inzwischen leiden auch institutionelle Investoren wie Banken, Hedge-Fonds, Finanzinvestoren und ganz normale Anleger in aller Welt unter der US-Misere.’</span> (Korr-Bericht &#8216;US-Immobilien- und Hypothekenkrise ufert weltweit aus&#8217; vom 3.8.07)”</p></blockquote>
<p>An diesem von DPA ausgesuchten positiven Beispiel k&#246;nnen wir eines unserer Bedenken bez&#252;glich der Qualit&#228;t der Arbeit noch einmal deutlich machen: Die Banken, Hedgefonds und Finanzinvestoren galten bereits damals – im August 2007 – mit ihrer Art von Gesch&#228;ftspolitik als die entscheidenden Verursacher der krisenhaften Entwicklungen. DPA stellt diese Akteure jedoch in dieser “vorbildhaften” Meldung umgekehrt als die Opfer der Krise dar. Das scheint uns eine ungew&#246;hnlich eigenwillige, vielleicht sogar irref&#252;hrende Darstellung und Deutung der Ereignisse zu sein. Denn weithin unumstritten galten und gelten gerade die so genannten &#8220;institutionellen Investoren&#8221; zu den Hauptverantwortlichen der Krise. Sie haben Druck auf die Politik ausge&#252;bt, um die Finanzm&#228;rkte zu deregulieren. Sie haben mit riskanten und hochspekulativen Finanzprodukten in den Boomjahren sehr viel Geld verdient und als Investoren mit ihren hohen Rendite-Anforderungen viele Unternehmen in Bedr&#228;ngnis gebracht. Zudem deutet die Headline dieser Meldung, es handle sich um eine „US-Immobilien- und Hypothekenkrise“ darauf hin, dass DPA noch im August 2007 von einer sehr verengten und vereinfachten Beschreibung der Krisenursachen ausgeht.</p>
<p>Wir k&#246;nnten in diesem Sinne noch weitere F&#228;lle kommentieren, die von DPA als positive Beispiele dargelegt werden. Unser Befund: Die von DPA ausgew&#228;hlten Beispiele st&#252;tzen nach unserer Analyse unsere tiefen Bef&#252;rchtungen und mildern sie nicht.</p>
<p><em>Der vorliegende Text wurde auch auf den Seiten der <a href="http://www.otto-brenner-stiftung.de/">Otto-Brenner-Stiftung</a> ver&#246;ffentlicht und kann als <a href="http://www.otto-brenner-stiftung.de/fileadmin/publikationen_pdf/AH63/antwort_dpa_meldung.pdf">PDF</a> heruntergeladen werden.</em>
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		<title>Wirtschaftsjournalismus in der Krise: Ahnungslos, orientierungslos, &#252;berfordert</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Mar 2010 17:43:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Storz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Wirtschaftsjournalismus ist seiner Aufkl&#228;rungspflicht nicht ausreichend nachgekommen. DPA-Meldungen und Tagesschau- bzw. Tagesthemen-Beitr&#228;ge zur Finanzkrise waren beispielsweise "journalistisch sensationell schlecht". Das Res&#252;mee einer Studie in 7 Thesen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/b77359eac8c94ac78e120149bd6ac4e3" width="1" height="1" alt=""/>Von Hans-J&#252;rgen Arlt und Wolfgang Storz</p>
<p>Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus stand dem globalen Finanzmarkt gegen&#252;ber wie ein ergrauter Stadtarchivar dem ersten Computer &#8211; mit einer Mischung aus Ignoranz und Bewunderung, ohne Wissen, wie er funktioniert, ohne Ahnung von den folgenreichen Zusammenh&#228;ngen, die sich aufbauen; im Zweifel schloss man sich der vorherrschenden Meinung an.</p>
<p>Die weltweite Krise des Finanzmarktes, die globale Krise der Gro&#223;en Spekulation, l&#246;ste auch eine Krise des Wirtschaftsjournalismus aus. Das journalistische Versagen ist in einigen F&#228;llen so eklatant, dass es uns ausgeschlossen erscheint, einfach zur Tagesordnung &#252;ber zu gehen. Wir halten, insbesondere was den Basisdienst der „Deutschen Presse-Agentur“ (DPA) sowie die ARD-Redaktion Aktuell betrifft, Vergangenheitsbew&#228;ltigung durch gn&#228;diges Vergessen f&#252;r verantwortungslos. W&#228;hrend die f&#252;nf Qualit&#228;tszeitungen <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung</em> (FAZ), <em>Financial Times Deutschland</em> (FTD), <em>Handelsblatt</em> (HB), <em>S&#252;ddeutsche Zeitung</em> (SZ) und <em>die tageszeitung</em> (TAZ), deren Arbeit wir analysiert haben, im Krisenverlauf Sachkompetenz und kritische Distanz aufbauen, lassen die DPA-Meldungen und die „Tagesschau-“ bzw. „Tagesthemen“-Sendungen keinen nennenswerten Qualit&#228;tszuwachs erkennen. Sie bleiben journalistisch sensationell schlecht.</p>
<p>Der Wandel des Finanzmarktes vom Dienstleister der Realwirtschaft hin zur eigenst&#228;ndigen Branche mit hochspekulativen Entscheidungs- und Handlungskriterien wird vom tagesaktuellen Wirtschaftsjournalismus mindestens bis zum August 2007 in der Regel ohne Problembewusstsein begleitet und begr&#252;&#223;t: Die Informationen sind d&#252;rftig, die Orientierung ist irref&#252;hrend. Das ist schon deshalb &#252;berraschend, weil der Stellenwert der Wirtschaft in unserer Gesellschaft hoch bis &#252;berragend ist, das Geld f&#252;r die Wirtschaft das Lebenselexier und der Kredit f&#252;r das Geld, vor allem f&#252;r das Geldkapital das Nervenzentrum ist. Aus diesem Sachverhalt leiten wir f&#252;r den Wirtschaftsjournalismus die Pflicht ab: Da die Finanz- und Bankenbranche Gesellschaft und Wirtschaft mit Kredit und Geld ein quasi&#246;ffentliches Gut zur Verf&#252;gung stellt, muss diese Branche unter besonders aufmerksamer Beobachtung stehen.</p>
<p>Aber: Risiken f&#252;r die au&#223;erordentlich wichtige Funktion des Kredits, ohne den eine wachstumsfixierte Wirtschaft nicht vorstellbar ist, werden vom tagesaktuellen Wirtschaftsjournalismus trotz wiederholter Finanzkrisen in allen Teilen der Welt gering geachtet oder gar nicht gesehen, jedenfalls nicht thematisiert. Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus hat als Beobachter, Berichterstatter und Kommentator des Finanzmarktes und der Finanzmarktpolitik bis zum offenen Ausbruch der globalen Finanzmarktkrise schlecht gearbeitet; Pfusch am Bau nennt man das im Handwerk. Dass im Mittelpunkt unserer Untersuchung Qualit&#228;tsmedien standen, weckt b&#246;se Ahnungen, wie die &#252;brige aktuell arbeitende Medienlandschaft im Sachgebiet Finanzmarktpolitik ausgesehen haben mag.</p>
<p>Es hat in unserer Gesellschaft nicht an kompetenten, prominenten und gut zug&#228;nglichen Warnungen vor den Risiken des Finanzmarktes gefehlt. Wie Redaktionen k&#252;nftig mit kritischem Wissen umgehen, das sich in einer minorit&#228;ren Lage befindet und vom Mainstream ignoriert oder abgelehnt wird, halten wir f&#252;r die wichtigste Lernfrage zur Gro&#223;en Spekulation. Gewiss hatten Warner in den Jahren vor der Krise schlechte Karten: Die B&#246;rsen boomten, der real-wirtschaftliche Aufschwung wurde als robust beschrieben, Wirtschaftswissenschaften und Regierungspolitik wollten von Krisengefahren nichts wissen. Aus diesem richtigen Hinweis, den der Journalismus als Rechtfertigung vortr&#228;gt, l&#228;sst sich jedoch unseres Erachtens keine Entschuldigung, sondern nur eine gro&#223;e journalistische Aufgabe ableiten: Die Debatte &#252;ber dieses gesamtgesellschaftliche Versagen zu initiieren und ein nachhaltiges Forum daf&#252;r zu bieten.</p>
<p>Unser Befund m&#252;ndet in diese Frage: Hat der Journalismus in der Breite die Arbeitsbedingungen, die es ihm erlauben, m&#246;glichst sogar erleichtern, seine Arbeit gut zu machen? Wie k&#246;nnen Redaktionen ihre Sensoren und Sensibilit&#228;ten so ausbauen, dass begr&#252;ndetes kritisches Wissen in den Routinen des redaktionellen Alltags wahrgenommen und gepr&#252;ft wird? Und wie k&#246;nnen Redaktionen eine demokratische &#246;ffentliche Diskussion bef&#246;rdern,deren interne Arbeitsprozesse gepr&#228;gt sind von Hierarchien, Kostendruck, unsicheren Besch&#228;ftigungsbedingungen, Personalabbau und einem vermachteten, teilweise h&#246;fischen Meinungsklima? Wir brauchen eine &#246;ffentliche Debatte &#252;ber die Produktionsbedingungen der ver&#246;ffentlichten Meinung. Wenn sich hier die Katze in den Schwanz beisst, dann m&#252;ssen die M&#228;use mutiger tanzen – und sie haben im Internet eine gro&#223;e B&#252;hne daf&#252;r.</p>
<p><strong>These 1: Ein falscher und ein berechtigter Vorwurf</strong></p>
<p>Wir erkennen in dem Vorwurf an den Wirtschaftsjournalismus, er habe nicht oder unzureichend vor der Gro&#223;en Spekulation gewarnt und es vers&#228;umt, Alarm zu schlagen, nicht nur eine berechtigte Kritik, sondern auch die gesellschaftliche Suche nach einem S&#252;ndenbock.</p>
<p>Es &#252;berfordert den Journalismus grunds&#228;tzlich, den Wirtschaftsjournalismus erst recht, anstelle vieler anderer zust&#228;ndiger gesellschaftlicher Einrichtungen (beispielsweise der Politik, der fachlich verantwortlichen Aufsichtsbeh&#246;rden, der Wirtschaftsverb&#228;nde, der Wirtschaftswissenschaften etc.) diese Warnfunktion – auf sich alleine gestellt – wahrzunehmen. Beispiele zeigen, dass der Journalismus sich und seiner Glaubw&#252;rdigkeit grunds&#228;tzlich schaden kann, wenn er versucht, als Kampagnen-Journalismus politischen Druck zu produzieren.</p>
<p>Nachweisbar haben Medien des Springer-Konzerns – aus ihrer Sicht sicherlich fachlich begr&#252;ndet und in tiefer Sorge um die Zukunft der deutschen Volkswirtschaft und die des eigenen Konzerns – in einer fortgesetzten alarmierenden Berichterstattung vor der Einf&#252;hrung von Mindestl&#246;hnen in Deutschland gewarnt. Vereint haben vor Jahren mehrere f&#252;hrende Medien in Deutschland versucht, den Gesetzgeber dazu zu bewegen, die Rechtschreibreform zur&#252;ckzunehmen, um Schaden von der deutschen Kultur abzuwenden. Schon diese beiden F&#228;lle lassen erkennen, wie sehr dar&#252;ber gestritten werden kann, ob und wenn ja, wann und zu welchen Anl&#228;ssen Massenmedien versuchen sollten, die gesamte Gesellschaft vor tats&#228;chlichen und/oder vermuteten Fehlentwicklungen beispielsweise in Form eines Kampagnen-Journalismus zu warnen.</p>
<p>Damit sagen wir nicht, der Journalismus, auch der Wirtschaftsjournalismus, h&#228;tte nicht die Funktion, f&#252;r diese Gesellschaft eines von mehreren Fr&#252;hwarnsystemen zu sein. Wir wollen jedoch auf die Grenzen aufmerksam machen, die der Journalismus in Sorge um seine eigene Glaubw&#252;rdigkeit im Auge zu behalten hat.</p>
<p><strong>These 2: Warnen ja, aber wie?</strong></p>
<p>Krisen sind in unserer Gesellschaft – im Kleinen wie im Gro&#223;en – eher die Regel und nicht mehr eine Ausnahme. Deshalb und auch aufgrund der Kriterien, an denen sich das massenmediale System in seiner konkreten Produktion ausrichtet, geh&#246;ren die Warnung vor und die Berichterstattung &#252;ber Krisen nicht nur zu den selbstverst&#228;ndlichen, sondern sogar zu den bevorzugten journalistischen Themen. Dass dem Journalismus eine Fr&#252;hwarnfunktion zukommt, ist im Grundsatz nicht zu bestreiten. Wie entschieden er sie wahrnehmen kann, wird kontrovers bleiben.</p>
<p>Wenn Martinshorn und Blaulicht noch nicht eingeschaltet werden k&#246;nnen, kann das kein Alibi daf&#252;r sein, die Augen zu verschlie&#223;en oder sogar mitzumachen. Zwischen dem ausdr&#252;cklichen Bef&#252;rworten von Entscheidungen und Verhaltensweisen, die Krisenpotential in sich bergen, auf der einen Seite, dem Ignorieren oder der ungen&#252;genden Information &#252;ber Risiken auf der anderen Seite oder eben zum dritten der hervorgehobenen Ver&#246;ffentlichung warnender Hinweise auf m&#246;gliche Fehlentwicklungen bestehen sehr gro&#223;e, wenn nicht sogar grunds&#228;tzliche Unterschiede in der journalistischen Arbeit. Diese dritte M&#246;glichkeit hat in den Jahren vor der Finanzmarktkrise nach unserer Untersuchung auch keine der f&#252;nf Qualit&#228;tszeitungen ernsthaft ergriffen.</p>
<p><strong>These 3: Die Journalisten und ihr Resonanzboden</strong></p>
<p>Bei der Auswahl, Bearbeitung, Platzierung und Deutung seiner Themen spielt f&#252;r den Journalismus eine zentrale, vermutlich ausschlaggebende Rolle, ob das Thema bereits einen Resonanzboden in der Gesellschaft hat oder nicht. Es handelt sich dabei um Resonanzb&#246;den, bei denen wir unterstellen, dass sie ma&#223;geblich nicht von dem massenmedialen System geschaffen werden, sondern dass sich das massenmediale System dieser Resonanzb&#246;den nur bedient, sich an ihnen orientiert, sie jedoch zugleich mit seinen Publikationsentscheidungen verst&#228;rkt oder schw&#228;cht.</p>
<p>Aufgrund unserer Untersuchung gehen wir davon aus, dass das Kriterium Resonanzf&#228;higkeit nicht nur vor, sondern auch im Verlauf der Krise elementar f&#252;r die Auswahl und Bewertung der Themen ist. So l&#228;sst sich beispielsweise erkl&#228;ren, dass das Thema Boni-Zahlungen in dem Deutungsrahmen von gerecht/ungerecht und angemessen/unangemessen eine so gro&#223;e Rolle spielt, obwohl es f&#252;r die Ursachen der Krise wie f&#252;r deren L&#246;sung als weniger wichtig gilt. Es sei erw&#228;hnt, dass manche Wissenschaftler in den Boni-Zahlungen deshalb eine Ursache der Krise sehen, weil so alle Besch&#228;ftigten in ihrem Tun auf das alleinige Ziel der Profitmaximierung orientiert werden; sie sehen also in den Boni-Zahlungen den Ausdruck einer systemischen Fehlentwicklung.</p>
<p>Diese Deutung spielt jedoch in der massenmedialen Berichterstattung eine sehr geringe Rolle. Vielmehr steht die Interpretation im Mittelpunkt, ob diese Zahlungen gerecht oder ungerecht, sittlich oder sittenwidrig sind. Der Umgang mit dem Thema schlie&#223;t also an Deutungen an, und darin sehen wir keinen Zufall, die bereits seit vielen Jahren den gesellschaftspolitischen Diskurs mit ganz unterschiedlichen Anl&#228;ssen – Schwarzarbeit, Florida-Rolf, Sozialneid, Manager-Geh&#228;lter, Sozialhilfe-Missbrauch – pr&#228;gen. Der Journalismus bevorzugt eindeutig Themen und Diskurslinien, die im gesellschaftlichen Mainstream bereits bekannt sind und l&#228;ngs der Kriterien Aufmerksamkeit, emotionale Ausschl&#228;ge, Best&#228;tigung funktionieren – weil sowohl Kommunikations- als auch Wirtschaftserfolge – die Stichworte: Publikumsinteresse, Quote und Auflage -, dadurch wahrscheinlicher werden und der journalistische Produktionsaufwand geringer ist.</p>
<p>Da dies alles auch dem Journalismus selbst bekannt ist, k&#246;nnte er eine naheliegende Konsequenz ziehen: Organisation, Ausstattung und Arbeitsabl&#228;ufe in den Redaktionen m&#252;ssen auch danach ausgerichtet werden, dass sie kritische Diskussionen, Widerspruch und das &#220;berpr&#252;fen des anscheinend Selbstverst&#228;ndlichen allt&#228;glich machen. Untypische Quellen, sperrige Informationen und Gegenargumente m&#252;ssen eine gr&#246;&#223;ere Chancen bekommen. Um diese kritischen Perspektiven arbeitsrelevant zu machen, m&#252;sste aus dem Anliegen der kontroversen Darstellung eigentlich ein handwerkliches Prinzip werden. Voraussetzung daf&#252;r ist, dass Minderheitenpositionen und Quergedachtes in den Redaktionen selbst eine Chance haben.</p>
<p><strong>These 4: Die Unterschiede nicht vergessen</strong></p>
<p>Wir sehen in der Geschichte, den grunds&#228;tzlichen Anforderungen und konkreten Arbeitsbedingungen beachtliche Unterschiede zwischen dem Politik- und dem Wirtschaftsjournalismus. Sie m&#252;ssen in der Analyse des Geleisteten und in der Auseinandersetzung &#252;ber sie ber&#252;cksichtigt werden.</p>
<p>Politik gilt als &#246;ffentliche Veranstaltung, Wirtschaft als Privatgesch&#228;ft. In demokratisierten politischen Systemen ist das Kerngesch&#228;ft der Politik, also Gesetze vorzubereiten, zu beschlie&#223;en und durchzusetzen, kontinuierlich an Prozesse &#246;ffentlicher Beobachtung, Darstellung und Diskussion gebunden. F&#252;r politische Akteure, egal ob sie regieren, opponieren oder protestieren, hat die von Journalisten hergestellte &#214;ffentlichkeit hohe Relevanz. Der Blick in den Spiegel der &#246;ffentlichen Meinung ist f&#252;r die Politik elementar und ein selbstverst&#228;ndlicher Teil politischer Entscheidungsprozesse.</p>
<p>Der erste Blick der Wirtschaftsakteure hingegen gilt dem Marktgeschehen. Der Spiegel, in dem &#246;konomische Entscheidungen kontrolliert werden, ist der Markt mit seinen prim&#228;r an Preisen orientierten Kaufentscheidungen. Die &#214;ffentlichkeit des Marktes, an der sich wirtschaftliche Entscheidungen orientieren, wird vom Journalismus nicht erzeugt; der &#246;konomische Markt existiert neben dem, der politische Meinungsmarkt durch den Journalismus. In der Politik der modernen Gesellschaft entscheiden idealtypisch Pers&#246;nlichkeiten des &#246;ffentlichen Lebens &#252;ber &#246;ffentliche Angelegenheiten, in der Wirtschaft entscheiden vor allem Privatleute &#252;ber ihr Eigentum, ob dieses Eigentum nun Kapital, Ware, Geld oder Arbeitskraft ist.</p>
<p>Das hat weitreichende Folgen f&#252;r den Journalismus: Der politische Journalismus hat informativere Zug&#228;nge, eine bessere Beobachterposition, w&#228;hrend Wirtschaftsjournalismus immer noch etwas von der Einmischung in Privatangelegenheiten an sich hat. Wir vermuten, wenn der Wirtschaftsjournalismus dieselben Informationsrechte, Zug&#228;nge und kritischen Ma&#223;st&#228;be h&#228;tte wie der Politikjournalismus, st&#252;nde die Wirtschaft mit ihrer Reputation sehr viel schlechter da. Der auff&#228;llige Unterschied im journalistischen Umgang mit Landesbanken und Privatbanken d&#252;rfte ein Beispiel daf&#252;r sein.</p>
<p><strong>These 5: Politik- und Wirtschaftsjournalismus – Gemeinsam die Kluft schliessen</strong></p>
<p>Dem Wirtschaftsjournalismus hat es nach unserem Eindruck sowohl an Fachwissen gemangelt f&#252;r das Wesen der Finanzm&#228;rkte und die Finanzmarktpolitik, als auch an Kenntnissen gefehlt &#252;ber die komplexen Vernetzungen zwischen Finanzmarkt, Realwirtschaft und Politik. Fachwissen l&#228;sst sich mit Fortbildung gewinnen. Der Blick f&#252;r Zusammenh&#228;nge wird am besten &#252;ber Zusammenarbeit gesch&#228;rft. Die Zusammenarbeit zwischen den Redaktionen und Journalisten, die sich mit den Themen Finanzen, Finanzmarktpolitik, Wirtschaft, Wirtschaftspolitik und Politik besch&#228;ftigen, war offenkundig defizit&#228;r. Jenseits pragmatisch-organisatorischer Alltags-Absprachen zwischen diesen Sparten des Journalismus ist die gesellschaftliche Perspektive auf die hier interessierenden Themen &#252;ber Jahre hinweg – zwischen den Ressort- und Arbeitsgrenzen – fast komplett durch- und damit weggefallen. Woran es nie mangelte, das war die betriebswirtschaftlich ausgerichtete Berichterstattung &#252;ber Finanzprodukte, Anlagestrategien, die j&#252;ngsten Trends an der B&#246;rse; sowohl in Funk- wie in vielen Print-Medien stand diese Perspektive des Verk&#228;ufers, des K&#228;ufers und der Betriebswirtschaft meist sogar an prominenter Stelle.</p>
<p>Fachliche Spezialisierung und die Expertise f&#252;r die Zusammenh&#228;nge parallel zu leisten, ist heute eine Herausforderung, die keineswegs nur dem Journalismus abverlangt wird. Die Resultate der journalistischen Arbeit vor Augen scheint in den Redaktionen aber ein besonderer Nachholbedarf zu bestehen.</p>
<p><strong>These 6: Aufgaben neu gewichten</strong></p>
<p>Eine Erfahrung aus dieser Finanzmarktkrise ist, dass es Zeit und erheblichen geistigen und materiellen Aufwand erfordert, um die Krise selbst, ihre Ursachen und Folgen verst&#228;ndlich zu beschreiben und zu erl&#228;utern. Vor diesem Hintergrund ist zu pr&#252;fen, ob die Qualit&#228;tsmedien ihre Arbeit nicht grunds&#228;tzlich falsch gewichten: Die Arbeit an der Aktualit&#228;t wird viel zu hoch, die Arbeit der Analyse und Erl&#228;uterung viel zu gering gesch&#228;tzt. Im Zweifel erh&#228;lt das Publikum heute noch schneller noch mehr unverst&#228;ndliche und belanglose Informationen.</p>
<p>Aber kaum jemand wei&#223; zum Beispiel, welche der Instrumente und Ma&#223;nahmen inzwischen tats&#228;chlich beschlossen und umgesetzt sind, die k&#252;nftige Finanzmarktkrisen verhindern sollen. Wo die Orientierung fehlt, n&#252;tzt auch die am schnellsten &#252;bermittelte Nachricht nichts, sondern verwirrt vielleicht sogar zus&#228;tzlich. Die aktuelle Nachricht und der orientierende &#220;berblick sind journalistisch keine Alternativen, aber an letzterem mangelt es eindeutig mehr als an ersterer.</p>
<p><strong>These 7: Eine &#246;ffentliche Debatte &#252;ber das Mediensystem</strong></p>
<p>„Wir sind keine Zielgruppen oder Endnutzer oder Konsumenten. Wir sind Menschen – und unser Einfluss entzieht sich eurem Zugriff. Kommt damit klar“, fordert das Cluetrain-Manifest. Die journalistischen Defizite im Umgang mit der Gro&#223;en Spekulation sollten Platz geschaffen haben f&#252;r die Erkenntnis, dass Investitionen in guten Journalismus und die Verbreitung seiner Produkte Investitionen in die gesellschaftliche Risikovorsorge, in die Infrastruktur der Demokratie und in die M&#252;ndigkeit der B&#252;rger sind. Wenn die Gesellschaft das journalistische System als eines ihrer Fr&#252;hwarnsysteme haben will, dann muss es materiell, rechtlich und ideell auch so ausgestattet werden, dass es dieser Aufgabe besser als bisher nachkommen kann.</p>
<p>Hinter diesem Appell steht nicht der Ruf nach mehr Staat, sondern nach einer Medienpolitik, welche die Unabh&#228;ngigkeit des Journalismus f&#246;rdert, indem sie dessen Rahmenbedingungen verbessert. Daf&#252;r ist erstens eine ebenso harte wie hartn&#228;ckige Debatte &#252;ber die Leistungen des &#246;ffentlich-rechtlichen Mediensystems zu f&#252;hren, die dieses nicht als Bedrohung missverstehen sollte. Das Ziel ist vielmehr, eine Vorbildfunktion des &#246;ffentlichrechtlichen gegen&#252;ber dem privaten Rundfunk zur&#252;ck zu gewinnen und den Rechtfertigungsdiskurs umzudrehen. Die privaten Sender sind so sehr Unterhaltungsmaschinen, dass man kaum noch auf die Idee kommt, den Anspruch auf Information und Orientierung zu erheben, trotzdem liegt heute der Legitimationsdruck bei den &#214;ffentlich-Rechtlichen.</p>
<p>Zweitens geht es darum, nicht die gro&#223;en, sondern kleine und mittlere Organisationen zu f&#246;rdern; dazu z&#228;hlen nicht nur diejenigen Organisationen und Unternehmen, die Medien machen, sondern auch diejenigen, die mit bisher bescheidenen Mitteln versuchen, Medien kritisch zu &#252;berwachen. Es ist das Ziel, die Unternehmens-Formen zu vervielf&#228;ltigen: von Stiftungen &#252;ber Genossenschaften bis zu Mitarbeiter-Unternehmen. Und die Hilfe der &#246;ffentlichen Hand wird nur gew&#228;hrt, wenn die Unternehmen Bedingungen akzeptieren, die der Demokratie und der Unabh&#228;ngigkeit des journalistischen Systems gem&#228;&#223; sind: Redaktionsstatut, hohe Transparenz, begrenzte Renditeziele. Mit anderen Worten: Die Form des Unternehmens, zivilisiert, mitbestimmt, marktwirtschaftlich und nicht oligopolistisch, muss zu seinem Inhalt passen, der unabh&#228;ngigen, pluralen, kl&#228;renden Information und Orientierung.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><img class="alignleft" src="http://www.otto-brenner-stiftung.de/typo3temp/pics/27523420ee.jpg" alt="" width="85" height="120" />Hans-J&#252;rgen Arlt und Wolfgang Storz: &#8220;Wirtschaftsjournalismus in der Krise: Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik&#8221;, Eine Studie der gewerkschaftsnahen Otto Brenner Stiftung<br />
Frankfurt/Main, 2010. OBS-Arbeitsheft 63, ISSN 1863-6934 (Print)</p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Die Studie kann als <a href="http://www.otto-brenner-stiftung.de/uploads/tx_ttproducts/datasheet/AH63.pdf">Volltext</a> (PDF) heruntergeladen werden, au&#223;erdem gibt es Kurzfassung wie Zusammenfassung auf den Seiten der <a href="http://www.otto-brenner-stiftung.de/veranstaltungen/sonstige-veranstaltungen/wirtschaftsjournalismus-in-der-krise.html">Otto Brenner Stiftung</a>.
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