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	<title>CARTA &#187; Otfried Jarren</title>
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	<description>Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit</description>
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		<title>Verweigerung im Wandel: Dem Journalismus sind seine Leitideen abhanden gekommen</title>
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		<pubDate>Mon, 11 May 2009 11:29:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Otfried Jarren</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Presse ist ihre Macht zum Verh&#228;ngnis geworden: Sie konnte sich lange Zeit dem sozialen Wandel und dem breiten &#246;ffentlichen Diskurs &#252;ber ihren eigentlichen Zweck entziehen. Das Ergebnis ist ideen- und zukunftsloser, unkritischer und langweiliger Journalismus. Die Branche hat sich um ihre Begr&#252;ndung gebracht. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/75ae8d0745c264525954c2b1b65a99" alt="" width="1" height="1" /><br />
Als Ursachen f&#252;r die Pressekrise wird uns so einiges angedient: Das Gesch&#228;ftsmodell w&#252;rde nicht mehr tragen, die Konkurrenz sei gr&#246;&#223;er geworden, die Konvergenz kompliziere alles, das launische Publikum verfl&#252;chtige sich, das Internet bef&#246;rderte eine Deprofessionalisierung der &#246;ffentlichen Kommunikation, das Urheberrecht sei l&#246;chrig geworden. Kurz: Neben dem Privatfernsehen seien nun das <strong>Internet im Allgemeinen und Google im Besonderen Schuld an der Misere</strong>.</p>
<p>Im gleichen Atemzug fordern die Verlage neue <strong>Expansions-, Fusions- und Subventionsrechte</strong>: Sie wollen sich aller nur denkbaren Einnahmequellen versichern d&#252;rfen. Sie wollen neue crossmediale Gro&#223;konzerne gr&#252;nden d&#252;rfen. Und sie wollen von der Mehrwertsteuer befreit werden. Sie fordern gesellschaftlichen Bestandsschutz. Die Argumentation der Branche ist klar: Alles, was nach einem Medium aussieht, muss unter die verlegerischen Fittiche kommen. Alles, was Verlage herausbringen, sind <strong>schutzw&#252;rdige publizistische und journalistische Leistungen</strong>.</p>
<p>Doch Verlage und ihr Journalismus sind ganz offensichtlich in eine <strong>gesellschaftliche Akzeptanzkrise</strong> geraten, welche die Wirtschaftskrise nun lediglich verst&#228;rkt: Die Tageszeitungsverlage bekommen zu sp&#252;ren, dass sie in den letzten Jahrzehnten auf organisatorische Homogenit&#228;t und Einfalt gesetzt haben, statt auf Vielfalt und auf die Erf&#252;llung ihres gesellschaftlichen Vermittlungsauftrags.</p>
<p>Der Presse sind, &#252;berspitzt gesagt, ihre Leitideen und ihre gesellschaftliche Legitimation abhandengekommen. Die Branche hat sich um ihre Begr&#252;ndung gebracht. Allein die <strong>licence to operate</strong> wurde ihr noch nicht entzogen. Es ist daher zu fragen: Was bitte ist und war die Leitidee der Tageszeitungsbranche? Was ist ihre institutionelle Logik? Worauf basiert ihre gesellschaftliche Legitimation? Was ist ihr Auftrag?</p>
<p>Was dies alles einmal war, das wissen wir: b&#252;rgerliche Freiheiten, gesellschaftliche Vermittlungsleistung, Herstellung einer nationalstaatlichen &#246;ffentlichen Meinung. Doch was der <strong>legitimierende Auftrag des Journalismus und der Presse in Zukunft</strong> sein k&#246;nnte, das wissen wir nicht genau. Vor allem aber – und das ist schlimmer – wei&#223; es die Branche selbst nicht (mehr).</p>
<div id="attachment_9107" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2009/05/newsfish.jpg"><img class="size-medium wp-image-9107" title="newsfish" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2009/05/newsfish-300x187.jpg" alt="newsfish" width="300" height="187" /></a><p class="wp-caption-text">Die Branche hat sich um ihre Begr&#252;ndung gebracht. Allein die licence to operate wurde ihr noch nicht entzogen. </p></div>
<p>Institutionen wie der Journalismus entwickeln und legitimieren sich nur im <strong>&#246;ffentlichen Diskurs</strong>. Nur im gesellschaftlichen Gespr&#228;ch &#252;ber Leitwerte und Ziele k&#246;nnen sich Journalismus und Verlagswesen in pluralen Gesellschaften ihre gesellschaftliche Akzeptanz und Anerkennung sichern. Die &#246;ffentliche Debatte ist f&#252;r jede Institution, zumal solchen, die sich im rasanten sozialen Wandel befinden, notwendig. Das aber hat die Branche insgesamt verweigert: Auf dem hohen Ross sitzende, zu gerne Kirchen und Politik kritisierend hat man sich selbst nicht der Debatte gestellt. <strong>Arroganz und Missachtung herrschen vor</strong> – zumindest in erheblichen Teilen der Zunft –, wenn man &#252;ber die heftigen normativen Debatten bei den genannten Institutionen reflektiert. Deren Schw&#228;chen und deren Krisen festzuhalten, wurden zum zynischen Spiel und journalistischen Credo – und man konnte ablenken von den eigenen normativen Defiziten und von den erheblichen berufskulturellen wie professionellen Schw&#228;chen. Es gibt faktisch keinen Bereich mehr in der Gesellschaft, der sich nicht selbst pr&#252;ft, evaluiert wird oder sich dem Diskurs stellen muss. Die <strong>Journalisten aber verweigern jedes Moment an kritischer (Selbst-)Reflexion</strong>. Die Reflexionsm&#228;ngel sind offenkundig.</p>
<p>Ausgerechnet die Presse aber hat sich gegen eine breite Debatte &#252;ber ihre Zukunft versperrt: Nur Wenige durften etwas zur Verlags- und Journalismusentwicklung sagen, und zwar in den eigenen Publikationen. Hier gibt es eine eigent&#252;mliche <strong>heimliche Koalition zwischen Journalisten und ihren Verlegern</strong>: Sie jammern &#252;ber die ach so schlimmen Verh&#228;ltnisse. Sie lassen aber andere nicht oder nur selten &#252;ber sich sprechen. Die Presse verbot sich die Debatte in eigener Sache. Erst jetzt – in der Krise – wird mit der Debatte begonnen. Immerhin, und das ist erfreulich, ringen sich vor allem die Qualit&#228;tstitel dazu durch, wie j&#252;ngst in exzellenter Weise die <a href="http://sz-magazin.sueddeutsche.de/">S&#252;ddeutsche Zeitung</a>.</p>
<p>Es ist paradox: Eine Branche, die vormals zur Herstellung von &#214;ffentlichkeit angetreten war, hat sich selbst, um des kurzfristigen &#246;konomischen Vorteils willens, kollektiv um die &#246;ffentliche Debatte gebracht. Hier liegt der eigentliche <strong>Kern der Krise von Pressewirtschaft und Pressejournalismus</strong>: Die Branche hat &#252;ber Technik, Technologien, neue Gesch&#228;ftsfelder und -modelle, &#252;ber Konvergenz und was noch immer treulich unter sich diskutiert, aber nicht &#252;ber den sozialen Sinn und Zweck ihres Tuns, ihrer neuen Produkte und ihrer neuen publizistischen Angebote.</p>
<div id="attachment_9108" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2009/05/sorry5.gif"><img class="size-medium wp-image-9108" title="sorry5" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2009/05/sorry5-300x139.gif" alt="sorry5" width="300" height="139" /></a><p class="wp-caption-text">Ans&#228;tze von Demut: Der Evening Standard entschuldigt sich in seiner j&#252;ngsten Kampagne bei seinen Lesern (via Stefan Niggemeier)</p></div>
<p>Das Ergebnis ist eine Art <strong>&#246;ffentliche Nichtkommunikation &#252;ber das Pressewesen</strong>: In der Medien&#246;ffentlichkeit wird, bezogen auf die eigene Institution, vor allem &#252;ber das nicht Relevante gesprochen. &#220;ber Relevantes, &#252;ber den Sinn und Zweck publizistischen Schaffens, l&#228;sst man schweigen. Diese Kommunikationsverweigerung hat die gesellschaftliche Legitimationsbasis der Presse br&#252;chig gemacht. Die <strong>Verlage haben den Blick f&#252;r die Anerkennung durch den Leser verloren</strong>. Das r&#228;cht sich nun.</p>
<p>Wer nicht zu sagen vermag, f&#252;r welche Ziele er welche Technologien einsetzen will, der kann auch nicht Zuwendungs- oder gar Zahlungsbereitschaft aktivieren. Wer f&#252;r die publizistischen Kernprodukte und f&#252;r journalistische Leistungen keinen Wert und damit auch keinen Preis zu nennen vermag, dessen Probleme werden gr&#246;&#223;er. <strong>Verlage hatten &#252;ber Dekaden &#228;u&#223;erst privilegierte Positionen inne</strong>. Der Wettbewerb in den oligopolistischen Pressem&#228;rkten war begrenzt. Zugleich war ihnen gesellschaftliche Anerkennung auf Basis der &#246;ffentlichen Aufgabe fast automatisch sicher.</p>
<p>Diese komfortable Position ist dem Pressewesen nun zum Verh&#228;ngnis geworden. Sie hat den Ideen- und Marktwettbewerb nahezu ausgeschaltet. In der Konsequenz sind vor allem Tageszeitungsh&#228;user ohne Ideen, ohne publizistische Innovationen und ohne intermedi&#228;ren Esprit entstanden: Eine Regionalzeitung gleicht der anderen, ein multimediales Zeitungshaus sieht aus wie das andere, und fast &#252;berall bl&#252;ht ein bestenfalls nachrichtlicher, ideen- und zukunftsloser, unkritischer und langweiliger Journalismus, auch wenn man die Ausnahmen nicht &#252;bersehen darf. Die <strong>Einfalt und Ideenlosigkeit in Deutschland</strong> hat ein erschreckendes Ausma&#223; angenommen.</p>
<p>Die Printmedienverlage sind in eine <strong>selbstgebaute Wohlfahrtsfalle</strong> getappt: Durch ihre Marktmacht und institutionelle Absicherung konnten sie sich &#252;ber lange Zeit dem sozialen Wandel entziehen. Die gesellschaftlich privilegierte Branche konnte – ohne gr&#246;&#223;ere &#246;ffentliche Diskussionen f&#252;rchten zu m&#252;ssen – ihre Dom&#228;nen stets ausbauen. Dieser Ausbau erfolgte vorrangig nach &#246;konomischen Kriterien, weniger aufgrund des gesellschaftlichen Wandels und darauf gr&#252;ndender publizistischer Innovationsstrategien. Die Presse befand sich in ihrer eigenen Lesart schon seit langem in einer <strong>st&#228;ndigen Abwehrhaltung</strong>.</p>
<p>In ihrer Isolation hat die Presse den Fehler gemacht, den Status quo zum normativen Fixpunkt hin zu verkl&#228;ren. Sie fing an, sich f&#252;r das Ideal der gesellschaftlichen Vermittlungsleistung zu verkl&#228;ren. Alle anderen – auch Parteien oder Kirchen – wurden ignoriert und &#252;bergangen, wurden und werden gering gesch&#228;tzt. &#196;hnliches galt und gilt f&#252;r die anderen Medien. Hier sitzt der Pressejournalismus auf einem stets hohen, selbstgerechten Ross. Daher f&#228;llt es ihm nun so schwer, sich unter „Viel-Kanal-Bedingungen“ – zumal unter dem Einfluss des Internets – neu zu erfinden.</p>
<p>Die <strong>Krise der Presse bietet</strong> nun auch eine <strong>Chance f&#252;r die Revitalisierung der publizistischen Kultur und somit f&#252;r die Demokratie</strong>. Es geht deshalb um zwei Projekte: zum einen um die <strong>publizistisch-institutionelle Neuerfindung</strong> und zum anderen um die <strong>Neugr&#252;ndung publizistischer Organisationen</strong>. In beiden Projekten sollten publizistisch-journalistische Leitideen ma&#223;geblich sein f&#252;r die Erneuerung oder Wiedererlangung gesellschaftlicher Anerkennung</p>
<p>Und die Presse? Sie unter Verweis auf ihre Kulturleistung doch noch mittels Staatsknete versuchen zu retten, macht keinen Sinn: Das s&#252;&#223;e Gift der Abwrackpr&#228;mie zwingt leider nicht zum sch&#246;pferischen Neuanfang und zu Innovationen.</p>
<div class="box">Lesen Sie zu diesem Thema auch:</p>
<p>Robin Meyer-Lucht: <a href="http://carta.info/8528/kostenlos-kultur-urheberrechtsverletzung-10-thesen-zum-modernisierungsversagen-der-medieneliten/">Kostenlos-Kultur ≠ Urheberrechtsverletzung: 10 Thesen zum Modernisierungsversagen der Medieneliten</a><br />
Pascal Zwicky: <a href="http://carta.info/7003/staatliche-intervention-journalismus/">Ohne staatliche Interventionen als Fundament f&#252;r einen besseren Journalismus geht es nicht</a><br />
Matthias Schwenk: <a href="http://carta.info/4683/zur-zukunft-der-medien-geschaeftsmodell-dringend-gesucht/">Zur Zukunft der Medien: Gesch&#228;ftsmodell dringend gesucht!</a><br />
Wolfgang Michal: <a href="http://carta.info/4757/ein-geschaeftsmodell-ist-kein-dogma-plaedoyer-fuer-eine-offene-debatte-ueber-den-netzjournalismus/">Ein “Gesch&#228;ftsmodell” ist kein Dogma. Pl&#228;doyer f&#252;r eine offene Debatte &#252;ber den Netzjournalismus</a></div>
<p><!--/* OpenX Image Tag v2.7.25-beta */--></p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://d1.openx.org/ck.php?n=a8c47325&amp;cb=INSERT_RANDOM_NUMBER_HERE" target="_blank"><img src="http://d1.openx.org/avw.php?zoneid=21592&amp;n=a8c47325" border="0" alt="" /></a></p>
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<a href="http://carta.info/9101/verweigerung-im-wandel-dem-journalismus-sind-seine-leitideen-abhanden-gekommen/">Verweigerung im Wandel: Dem Journalismus sind seine Leitideen abhanden gekommen</a> on <a href="http://carta.info">CARTA</a> | <a href="http://carta.info/9101/verweigerung-im-wandel-dem-journalismus-sind-seine-leitideen-abhanden-gekommen/#comments">9 comments</a>
</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=9101&amp;md5=b97bda0794242c7f6d8a504dd54ac427" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Die verkannten Vorteile der klassischen Massenmedien</title>
		<link>http://carta.info/3690/vorteile-klassische-massenmedien/</link>
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		<pubDate>Mon, 12 Jan 2009 18:09:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Otfried Jarren</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es wird gerne behauptet, neue Online-Anbieter k&#246;nnten die klassischen Massenmedien bald verdr&#228;ngen. Dabei spielen Blogger, Laienjournalisten oder Unternehmenskommunikatoren auf einer ganz anderen &#214;ffentlichkeitsebene. Selbst beim kurz getakteten Online-Journalismus stellt sich die Frage, inwieweit dieser an die Bereitstellungsleistung der klassischen Push-Medien heranzureichen vermag.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/156bc6c9f474a04a8449eebf42789b" alt="" width="1" height="1" />Das Aufkommen „Neuer Medien“ f&#252;hrt jeweils zu Irritationen und Debatten &#252;ber die Bedeutung und die Zukunft der traditionellen Medien. So auch aktuell wieder: Durch Blogs und Onlineangebote werde, so wird vielfach postuliert, die bestehende &#214;ffentlichkeits- und Medienstruktur massiv ver&#228;ndert. Es wird vom Ende der Massenmedien gesprochen und das demokratisierende Potenzial der Onlinemedien hervorgehoben: Jeder Einzelne k&#246;nne mittels Blog Themen setzen, der Journalismus erhalte durch „B&#252;rgerjournalismus“ und „Laienjournalismus“ Konkurrenz, durch die Netzmedien w&#252;rden die Massenmedien ihre Schleusenw&#228;rterfunktion und ihr zentrale Stellung in der Gesellschaft einb&#252;&#223;en.</p>
<p><strong>Die Argumentation scheint dadurch an Plausibilit&#228;t zu gewinnen, dass sich ein Teil der Massenmedien, vor allem die nationale Tagespresse (vor allem die Qualit&#228;tspresse) in den westeurop&#228;ischen L&#228;ndern, derzeit in einer schwierigen &#246;konomische Situation befindet</strong>. Das vermeintliche Sterben dieser traditionellen publizistischen Riesen wird allerdings nicht im Kontext mit dem erheblichen Ausdifferenzierungsprozess im Bereich der gesamten medial vermittelten Kommunikation und den sich daraus ergebenden &#246;konomischen Folgen gesehen, sondern generell als Niedergang der Massenmedien allgemein gedeutet.</p>
<p>Diese Sichtweise aber ist verk&#252;rzt. Es l&#228;sst sich theoretisch begr&#252;nden und auch empirisch zeigen, dass moderne Gesellschaften auf die Institutionen der Massenmedien zur Realisierung ihrer &#246;ffentlichen Kommunikation angewiesen sind.</p>
<p>Medial vermittelte Kommunikation ist immer eine organisierte Form der Kommunikation – und das setzt Organisationen, Rollentr&#228;ger und auf Seiten des Publikums die Kenntnis eben dieser sozialen Strukturen voraus. Es bedarf also vor allem einer Organisation, und mehr noch: <strong>Es bedarf sogar spezifischer Organisationen f&#252;r die gesellschaftlich anerkannte publizistische Leistungserbringung</strong>. Denn: Eine von den Gesellschaftsmitgliedern als relevant bewertete und anerkannte publizistische Leistung ist – wie gezeigt werden soll – vor allem auch an bestimmte Organisationen und die Form der Leistungserbringung gekn&#252;pft. Themen und Deutungen erlangen erst dann Relevanz, wenn sie von allgemein zug&#228;nglichen, bekannten und <strong>gesellschaftlich mitkontrollierten Organisationen</strong> zu bestimmten – vor allem zu allgemein be- und anerkannten – sozialen Bedingungen bereitgestellt werden.</p>
<p>Erst die Massenmedien verm&#246;gen als Intermedi&#228;re durch ihr redaktionelles Auswahl- und Entscheidungsprogramm den <strong>gesellschaftlichen Entscheidungshaushalt</strong> fokussiert darzustellen und allgemein zug&#228;nglich abzubilden. Sie erm&#246;glichen durch ihre Bereitstellungsleistungen eine gesamtgesellschaftliche Koordinierung. Das ist zwar nicht ihr Ziel, wohl aber das nicht intendierte Ergebniss der Medienleistungen – und darauf sind die einzelnen Gesellschaftsmitglieder angewiesen.<br />
<em><strong><br />
Die Beobachtung der gesamtgesellschaftlichen Entscheidungsagenda</strong></em></p>
<p>Die Massenmedien lassen sich als unerl&#228;ssliche, soziale so robust wie stabile Strukturebene in der &#214;ffentlichkeit moderner Gesellschaften begreifen. Daran sei erinnert, wenn derzeit wieder einmal in normativer Hinsicht &#252;berschie&#223;end beispielsweise vom &#246;ffentlichkeits- oder gar gesellschaftspr&#228;genden Einfluss eines Web 2.0 gesprochen wird. &#196;hnliche Debatten wurden gef&#252;hrt im Kontext der Entstehung sog. „Alternativmedien“ oder im Rahmen von Konzepten von „Laien-„ oder „B&#252;rgerjournalismus“ bei Lokalmedien. De facto haben diese Medien zu einer Erweiterung der &#214;ffentlichkeit gef&#252;hrt. Sie haben das Themen- und Deutungsspektrum der &#246;ffentlichen Kommunikation fallweise wie dauerhaft zweifellos erweitert, ihre Themen werden durch die Journalisten der Massenmedien durchaus wahrgenommen und verarbeitet, doch erhalten sie erst durch diese Selektion, durch die Anerkennung von Journalisten in Massenmedienorganisationen, eine Chance auf gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung und somit Relevanz.</p>
<p>Es sind die Massenmedien der Gesellschaft, die</p>
<p>&#8211; in Themen von potenziell gesellschaftsweiter Entscheidungsrelevanz durch spezifische Selektionsprogramme ausw&#228;hlen und institutionalisieren und die zugleich</p>
<p>&#8211; in durch ihre spezifische Bereitstellungsqualit&#228;t zur gesellschaftlichen Synchronisation beitragen und dadurch</p>
<p>&#8211; in sozialer Perspektive als Intermedi&#228;re Erwartungssicherheit durch andauernde Leistungen erzeugen und damit gesellschaftliche Koorientierung erm&#246;glichen.</p>
<p>Die Rezipienten nutzen die Massenmedien, um sich &#252;ber Themen zu orientieren. Und da sie wissen, dass auch andere Rezipienten so handeln, k&#246;nnen sie sich &#252;ber deren Beobachtungen zugleich orientieren – nicht im Detail, wohl aber in einem allgemeinen Sinne, denn das reicht f&#252;r das eigene Entscheidungsverhalten bereits aus, zumal f&#252;r eine Entscheidung &#252;ber allgemeine soziale Vorg&#228;nge. <strong>Die Beobachtung der gesamtgesellschaftlichen Entscheidungsagenda &#252;ber Massenmedien</strong> ist aufgrund des einfachen, raschen wie kosteng&#252;nstigen Zugangs zu ihnen f&#252;r alle Gesellschaftsmitglieder effizient.</p>
<p><em><strong>Die institutionelle Konstitution der Push-Massenmedien</strong></em></p>
<p>Massenmedien sind, was die dominante Form der Bereitstellung angeht, Push- und nicht – wie im Falle des Internets – Pull-Medien. Massenmedien stellen in spezifischer Weise, zum Teil zu vorab bekannten Zeitpunkten, Themen bereit. Nur Angebote der Push-Medien sind potenziell in zeitlicher und sozialer Hinsicht f&#252;r alle Rezipienten gleich verf&#252;gbar. Push-Medien strukturieren damit das Informationsverhalten der Mehrzahl der Rezipienten an jedem Tag in einer spezifischen Weise. Und auch die an der Verbreitung von Themen interessierten gesellschaftlichen Akteure wissen um diese strukturierende und vereinheitlichende Bedeutung der Push-Medien, und sie versuchen deshalb Einfluss auf die Angebots- und Themenstruktur zu nehmen – mittels PR. Beide Seiten wissen um die Publikationsrhythmen und –bedingungen. Vor allem: Nur Push-Medien k&#246;nnen uneingeschr&#228;nkt dem Bed&#252;rfnis nach gr&#246;&#223;tm&#246;glicher Sichtbarkeit von Akteuren bzw. Organisationen, Prozessen und Themen wie auch dem Bedarf an organisationaler Repr&#228;sentation zu einheitlichen Zeitpunkten entsprechen. Das trifft auch f&#252;r die Akteure der Werbung zu.</p>
<p><strong>Die Rezipienten wissen um die Medien, sie k&#246;nnen den Medien bestimmte Leistungen zuordnen und sie schreiben ihnen dementsprechend Glaubw&#252;rdigkeits-, Objektivit&#228;ts- oder Vertrauenswerte zu</strong>. Was immer die Rezipienten auch tun, was immer sie auch mal nutzen: Sie wissen im Grundsatz um diese soziale Ordnung der Medien. Entsprechend diesem Wissen ist die Bindung der Rezipienten an die Massenmedien allgemein wie auch bezogen auf einzelnen Gattungen recht stabil. Nat&#252;rlich variieren die konkreten Kenntnisse im Einzelfall &#252;ber Medien bezogen auf Angebotsprofile wie -qualit&#228;ten, aber das &#228;ndert nichts daran, dass die im historisch-gesellschaftlichen Prozess entstandene soziale Ordnung der Medien, so in Form einer mehr oder minder allgemein bekannten Hierarchie der Medien, bekannt ist, handlungsleitend sein kann und bei einer konkreten Informationsbeschaffung handlungsleitend ist. Die Massenmedien selbst reproduzieren die soziale Ordnung best&#228;ndig durch entsprechende publizistische Leistungen, aber auch – und das verst&#228;rkt – durch Marketingsma&#223;nahmen.</p>
<p><strong>In der Debatte um die „Neuen Medien“ dominiert – wieder einmal – ein naives „Medien“-Verst&#228;ndnis, weil die soziale Seite der Medien nicht gesehen wird</strong>. Medien aber sind nicht nur technische Vermittlungskan&#228;le, sondern</p>
<p>&#8211; Organisationen mit eigenen Zielen und Interessen,</p>
<p>&#8211; institutionalisiert im Sinne kollektiver Regelsysteme, und sie sind eben auch</p>
<p>&#8211; komplexe Sozialsystem.</p>
<p>Die Massenmedien sind damit soziale Institutionen unserer Gesellschaft. Sie pr&#228;gen als auf Dauer gestellte soziale Einrichtungen Erwartungen bez&#252;glich der gesellschaftlichen Kommunikation, und zwar sowohl auf Seiten der gesellschaftlichen Akteure, die sich der Medien bedienen, um ihre Themen zu verbreiten, wie auch auf Seiten der Rezipienten. Beide Seiten, an der Vermittlung von Informationen interessierte Akteure wie Rezipienten, sind also gleicherma&#223;en f&#252;r die Institution Massenmedien konstitutiv: Es etablieren sich komplexe, regelgeleitete und insoweit auch stabile Interaktionsbeziehungen und es bilden sich entsprechende Erwartungen heraus. Diese soziale Stabilit&#228;t nutzen die Werbe- und PR-treibenden Akteure. Sie sind es, die sogar ein grosses Interesse an dieser vorhersagbaren sozialen Stabilit&#228;t haben – sie wenden Geld f&#252;r diese anhaltenden Medienleistungen auf.</p>
<p><strong>Massenmedien als intersystemische Organisation</strong></p>
<p>Massenmedien erf&#252;llen zugleich die Funktion, die widerspr&#252;chlichen Momente der gesellschaftlichen Entwicklung miteinander zu verbinden, also getrennten Sektoren zu vernetzen und so zwischen diesen Lebensbereichen zu vermitteln. Sie k&#246;nnen ohne Einbezug anderer gesellschaftlicher Vermittlungsinstanzen – von Parteien, &#252;ber Verb&#228;nde bis hin zu NGOs – nicht gedacht werden, weil auch diesen Organisationen eine vermittelnde Funktion zukommt. Je differenzierter, je komplexer, je mobiler die Gesellschaft ist oder wird: die Gesellschaftsmitglieder bed&#252;rfen der intermedi&#228;ren Instanzen, und deshalb gr&#252;nden sie laufend neue und setzen f&#252;r diese Ressourcen ein. Die Massenmedien geh&#246;ren damit zweifellos zum intermedi&#228;ren System der Gesellschaft. Sie sind selbst als intersystemische Organisationen charakterisiert durch eine Verquickung von Gruppeninteressen, &#246;ffentlichen Aufgaben und Formen der b&#252;rokratischen oder auch &#246;konomischen Programmimplementation. Vor allem die Organisationstheoretiker Bode &amp; Brose haben auf diesen Sachverhalt hingewiesen, und auf deren &#220;berlegungen wird hier Bezug genommen.</p>
<p><strong>Die Massenmedien behaupten – wie alle intersystemischen Organisationen – die Wahrnehmung &#246;ffentlicher Aufgaben, und sie unterliegen gleichzeitig &#246;konomischen wie politischen und kulturellen Handlungsanforderungen</strong>. Die Rezipienten erwarten von den Massenmedien folglich nicht nur eine hohe publizistische Leistung an sich, sondern ein Funktionieren der Massenmedien in ihrem intersystemischen Aufgabenfeld – als vermittelnde Institutionen und Organisationen.</p>
<p>Massenmedien sind Institutionen und sie sind in Form intersystemischer Organisationen in der modernen Gesellschaft auf Dauer etabliert. Sie fungieren als Intermedi&#228;re, sie wollen diesen sozialen Status auch innehaben und sie positionieren sich entsprechend, sie bieten sich als Organisationen f&#252;r das Zeitgespr&#228;ch an, sie organisieren und moderieren Foren und sie laden zum Dialog ein. Aufgrund ihres publizistischen wie auch allgemein-gesellschaftlichen Leistungsprogramms sind sie gesamtgesellschaftlich bekannt und sie k&#246;nnen entsprechend ihrer Qualit&#228;ten von den Rezipienten auch unterschieden werden.</p>
<p>Damit unterscheiden sich die Medien der &#246;ffentlichen Kommunikation elementar von anderen Organisationen, die Themen f&#252;r die &#246;ffentliche Kommunikation bereitstellen, also beispielsweise von politischen Akteuren, Kulturorganisationen oder Unternehmen. Diese Anbieter m&#246;gen die Wahrnehmung &#246;ffentlicher Interessen oder Aufgaben postulieren, sie k&#246;nnen sich aber nicht glaubw&#252;rdig als Intermedi&#228;re ausflaggen. Sie k&#246;nnen dies auch deshalb nicht, weil sie keine entsprechende Organisation, die eine gesellschaftlich vermittelnde Funktion wahrnehmen kann, ausbilden k&#246;nnen – oder wollen.</p>
<p>Von der Mediengesamtorganisation wird eine &#246;ffentliche Aufgabe wahrgenommen und diese wird ihnen zudem auch zugeschrieben. Der Grad an Wahrnehmung dieser &#246;ffentlichen Aufgabe ist, was Quantit&#228;t wie Qualit&#228;t der publizistischen Leistung angeht, in einer sich st&#228;ndig weiter ausdifferenzierenden Medienlandschaft bei den einzelnen Medien nat&#252;rlich variationsreicher geworden. Aber nur dieser Organisationstyp, also Medien in Form einer intersystemischen Organisation, vermag dauerhaft publizistische Leistungen zu erbringen. Ist keine intersystemische Organisation gegeben, wie dies beispielsweise bei Produkten des Corporate Publishing, Business-TV, Kundenzeitschriften und Anbietern und Angeboten im Internet, wie etwa auch Blogs der Fall ist, so k&#246;nnen keine anerkannten publizistischen Leistungen erbracht werden. Und wenn intermedi&#228;re Medien herausgeben, also Parteien oder Kirchen, so ist das publizistische Spektrum beschr&#228;nkt und die Herausgeber k&#246;nnen (und wollen) auch keine allgemeine intermedi&#228;re Leistung erbringen. Die historischen Beispiele lehren, dass entsprechende Versuche zu keiner Dauerhaftigkeit gef&#252;hrt haben. <strong>Die Rezipienten erkennen eben solche, letztlich persuasiven, Kommunikationsabsichten</strong>.</p>
<p><strong>Spiegel Online: Zweifel an der Bereitstellungsqualit&#228;t </strong></p>
<p>Interessante Spezialf&#228;lle stellen nun bestimmte Angebote im Internet dar, beispielsweise „Spiegel Online“. Als Ableger der bekannten Medienorganisation „Der Spiegel“ ist dieses Portal eingef&#252;hrt worden und es hat – wie auch andere Portale von Medienunternehmen – eine beachtliche Nutzerfrequenz aufzuweisen. Es stellt sich zum einen die Frage, ob dieser Nutzungserfolg auf die Tatsache zur&#252;ckzuf&#252;hren ist, dass es sich beim „Spiegel“ um eine bekannte intersystemische Organisation handelt, die auch ihre organisatorische Legitimit&#228;t auf den Netzableger &#252;bertragen konnte. Offenbar ist dem so.</p>
<p><strong>Zum anderen stellt sich die Frage, ob die mit dem Netzmedium verbundenen spezifischen Bereitstellungsqualit&#228;ten ausreichend sind, um auch hier von einer publizistischen Leistungserbringung – im Sinne meiner Definition – sprechen zu k&#246;nnen</strong>. Zweifel daran bestehen vor allem dann, wenn dort von den Redaktionen Themen nur f&#252;r eine kurze Dauer bereitgestellt werden. Vieles spricht daf&#252;r, dass eben nur als Massenmedien etablierte Medienorganisationen zu einer publizistischen Leistungserf&#252;llung – hier bei „Spiegel Online“ w&#228;re das im Sinne einer Verbundleistung zu sehen – f&#228;hig sind.</p>
<p>Die gesamtgesellschaftliche Anerkennung einer publizistischen Leistung ist grunds&#228;tzlich also als ein h&#246;chst voraussetzungsvoller Vorgang anzusehen und kann nur in einem l&#228;ngeren Prozess erreicht werden. Ein als publizistisch relevant einzustufendes Angebot muss kontinuierlich erstellt und zugleich von einem spezifisch institutionalisierten Leistungserbringer, einer intersystemische Organisation, erbracht werden. Mit dieser Aussage ist keineswegs eine Geringsch&#228;tzung von Bloggern, Laienjournalisten oder Unternehmenskommunikatoren verbunden, denn sie alle tragen zu einem vielf&#228;ltigen Themen-, Deutungs- und Meinungsspektrum bei. <strong>Sie agieren aber auf anderen &#214;ffentlichkeitsebenen</strong>, und sie weisen – ganz unabh&#228;ngig von ihrem Angebotsprofil, von ihrer thematischen Breite oder Enge – bestimmte organisationale Merkmale nicht auf. Sie erbringen kommunikative Leistungen, aber eben andere als jene, die die Medien der &#246;ffentlichen Kommunikation erbringen. Und der Unterschied, den wir hier konstatieren, ist nicht normativ oder gar geschm&#228;cklerisch begr&#252;ndet, sondern basiert auf &#246;ffentlichkeits-, institutions- und organisationstheoretischen &#220;berlegungen.</p>
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<p><em>Der vorliegende Text ist eine Kurzfassung des Essays „Massenmedien als Intermedi&#228;re“, der in der Zeitschrift „Medien &amp; Kommunikationswissenschaft“, Heft 3 / 4, 2008, des Hans-Bredow-Instituts im NOMOS Verlag, Baden-Baden, erschienen ist. Der gesamte Text mit allen Quellenangaben kann <a href="http://www.m-und-k.info/MuK/hefte/Aufsatz_Muk_08_3_4.pdf">hier</a> als PDF heruntergeladen werden.</em>
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