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	<title>CARTA &#187; Michael Jeismann</title>
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	<description>Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit</description>
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		<title>Drop outs: John Savage &#252;ber Teenage-Revolten und die Erfindung der Jugend</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Dec 2008 11:57:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Jeismann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Was w&#228;re der „Sturm und Drang“ ohne die Literatur gewesen, was die „R&#228;uber“ ohne das Theater? Erscheinungen jugendlicher Delinquenz, w&#252;rde man heute wahrscheinlich sagen und mehr oder weniger fassungslos vor diesen Ausbr&#252;chen aus der b&#252;rgerlich geregelten Welt stehen. So wie vor zwei Jahren angesichts der Jugendrevolten in den franz&#246;sischen Vorst&#228;dten, so angesichts der kaum verst&#228;ndlichen Ausbr&#252;che jugendlicher Gewalt in deutschen U-Bahnen, deren Opfer &#252;berwiegend &#196;ltere waren.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/0ac267d2bbdd14f85efb3952d1b23f" width="1" height="1" alt=""/>Die Soziologen bieten als Erkl&#228;rung f&#252;r diese Erscheinungen vielfach nur Tautologie, sprechen von missgl&#252;ckter Integration und sozialer Isolation ohne Perspektive. Man kann jugendliche Gewaltt&#228;tigkeit aber auch anders verstehen, so wie Jon Savage in seinem Buch &#252;ber die Erfindung des Teenager. Der Autor, Jahrgang 1953, mit b&#252;rgerlichem Namen Jonathon Sage, ist als Musikjournalist und insbesondere als Begleiter der Punk-Bewegung bekannt geworden und hat eine <strong>intime Kenntnis von der Dynamik neuerer Jugendbewegung</strong>. Er betrachtet nun das hohe Gewaltpotential und eine gewisserma&#223;en unsachliche Brutalit&#228;t dieser Altersgruppe als Zeichen daf&#252;r, dass Konsum als Hauptinstrument moderner gesellschaftlicher Integration unwirksam wird.</p>
<p>&#220;berschie&#223;ende Aggression zumal m&#228;nnlicher Jugendlicher hatte es auch in fr&#252;heren Zeiten schon gegeben im Rahmen begrenzter Phasen, in denen jungen Leuten ein Freiraum f&#252;r allerlei Riten der aggressiven und sexuellen &#220;berschreitung zugestanden wurden. Das traf vor allem f&#252;r die l&#228;ndlichen Gebiete zu, in denen die gro&#223;e Mehrzahl der Menschen lebte. <strong>Mit der Industrialisierung und der Landflucht aber fielen diese traditionellen M&#246;glichkeiten eines vor&#252;bergehenden ‚drop out’ fort</strong> und mit ihnen die Instanzen, die dieses Verfahren garantierten. Es entstanden Klassen von Jugendlichen an beiden Enden der sozialen Skala, bei denen die biologische Wandlung mit innerer und &#228;u&#223;erer Entwurzelung einherging. Die Jugendzeit wurde zu einem Alter der Rebellion ohne Wiederkehr. Hierf&#252;r gab es keine Spielregeln mehr und es fand nicht mehr routinem&#228;&#223;ig mit Beruf und Heirat ein Ende. Schon w&#228;hrend der Franz&#246;sischen Revolution war das st&#228;dtische Jugendproletariat den Revolution&#228;ren selbst nicht geheuer, und es wurden in der Assemblée ernstlich Vorschl&#228;ge gemacht, sich dieser Jugendlichen in ihrer &#252;bergro&#223;en Zahl auf die ein oder andere Weise zu entledigen. Um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert war Jugendkriminalit&#228;t international zu einem ernsten gesellschaftlichen Problem geworden. Auch wenn die Mehrheit der Jugendlichen den Wegen folgte, die ihnen die Erwachsenen wiesen, so beunruhigte und bedrohte die radikale Minderheit doch die Gesellschaft als ganze. Es entstand &#252;ber die sozialen Klassen und Schichten hinweg eine Gruppe Jugendlicher, die durch das Gef&#252;hl der eigenen Nutzlosigkeit zu potentiellen Amokl&#228;ufern geworden waren. Die F&#228;lle von extremer Aggression und Kriminalit&#228;t waren nicht zu individualisieren, sondern wiesen auf eine innere Zerrei&#223;probe hin, der man sich ausgesetzt sah. <strong>Es drohte eine Gefahr, deren Gesicht jung, aber nicht unschuldig wirkte.</strong></p>
<p>Hier setzt das bemerkenswerte <strong><span style="font-weight: normal;">Buch von </span>Jon Savage &#252;ber die Erfindung des ‚Teenagers’ </strong>ein. Seine These lautet: Die modernen Gesellschaften fanden zwei Wege, die &#252;berschie&#223;ende Jugendlichkeit zu kanalisieren und gesellschaftlich zu domestizieren: entweder durch Militarisierung, wie sie im Deutschen Reich, in Gro&#223;britannien oder auch in den Vereinigten Staaten  seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts parallel gefordert und zum Teil auch durchgesetzt wurde. Oder aber der sozial-biologische Sonderstatus der Adoleszenz wurde im Konsum aufgefangen und &#246;konomisch genutzt. Diese Entwicklung setzt in Amerika w&#228;hrend der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs ein und springt bei Kriegsende bald auf Europa &#252;ber. Savages’ Studie umfasst den Zeitraum von 1875 bis 1945 und st&#252;tzt sich auf autobiografische und literarische Zeugnisse sowie auf Untersuchungen der entstehenden Massenkultur. Dabei gelingen Savage beeindruckende Einblicke in das Leben jugendlicher outcasts.</p>
<p>Das Buch beginnt mit einem Doppelportr&#228;t: mit der exaltierten Marie Bashkirtseff, der Tochter wohlhabender russischer Exilanten. In ihrem Tagebuch h&#228;lt sie ihre Gef&#252;hlsschwankungen und wechselnden Ansichten detailliert fest. Ein ungeheueres Ungen&#252;gen an sich und den Aussichten, die ihr die Gesellschaft bietet, und zugleich ein grenzenloses Zutrauen in die eigenen F&#228;higkeiten. Im Unterschied zur Selbstbetrachtung des achtzehnten Jahrhunderts, zu den Bekenntnissen Jean-Jacques Rousseaus etwa, mit denen Maries Tagebuch oft verglichen wurde, handelte es sich bei Maries Tagebuch, so unterstreicht Jon Savage, um etwas ganz neuartiges. Denn erstens stammten die Tageb&#252;cher von einer heranwachsenden Frau, und zweitens waren sie ein ungefilterter Empfindungsausdruck. Der britische Premier William Gladstone bezeichnete die Autorin der Tageb&#252;cher als „wahrhaftiges Genie“, weil es der Stimmungslage einer ganzen Altersgruppe &#252;ber die sozialen Grenzen hinweg formulierte. Marie kehrte ihren Eltern und dem provinziellen Nizza bald den R&#252;cken zu und ging nach Paris, wo sie mit ihren Bildern einige Anerkennung fand. Die Tuberkulose raffte sie dann mit Mitte zwanzig hinweg, aber Marie wusste, dass ihre Tageb&#252;cher sie postum ber&#252;hmt machen w&#252;rden.</p>
<p>Im scheinbaren Gegenbild zur reichen und kreativen, dem vierzehnj&#228;hrigen Serienkiller, Jesse Pomeroy, der Mitte der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts Amerika schockierte, finden sich gleichwohl &#228;hnliche Motive der Selbstwahrnehmung. Die K&#228;lte mit der sich dieser Gewaltverbecher betrachtete, aber auch die affektfreie Barbarei, die er mit seinen Morden und Verst&#252;mmelungen beging, weisen auf eine eigent&#252;mliche Selbstbezogenheit, die doch den Ruhm verlangt – und damit gesellschaftliche Anerkennung. Ein nicht aufzul&#246;sendes Paradox, das der amerikanischen Gesellschaft wie ein Vexierbild der eigenen Ideale erschien.</p>
<p>Dieser Spur folgt Savage &#252;ber die diversen Jugendbewegungen von den Wanderv&#246;geln &#252;ber die Swing-Bewegung, die „Zoot-suiters’ und den ‚Victory Girls’ bis hin zu dem Punkt, als die Gr&#252;ndung der ersten amerikanischen Jugendzeitschrift „Seventeen“ den Jugendlichen ein eigenes  Medium gab und ein neues Gesch&#228;ftsfeld f&#252;r die Wirtschaft entstand. <strong>Diese Geschichte scheint heute an ihr Ende zu gelangen. Nicht nur deshalb ist dieses Buch gerade auch denen zu empfehlen, die schon mit dem Fernglas auf ihren siebzehnten Geburtstag schauen.</strong></p>
<p><em>Jon Savage, Teenage. Die Erfindung der Jugend (1875 – 1945), Campus Verlag, Frankfurt/New York 2008. 29,90 €, 522 S. </em><a href="http://www.amazon.de/gp/redirect.html?ie=UTF8&amp;location=http%3A%2F%2Fwww.amazon.de%2FTeenage-Die-Erfindung-Jugend-1875-1945%2Fdp%2F3593385147%3Fie%3DUTF8%26s%3Dbooks%26qid%3D1228928560%26sr%3D8-1&amp;site-redirect=de&amp;tag=carta-21&amp;linkCode=ur2&amp;camp=1638&amp;creative=6742">Hier bei Amazon zu bestellen.</a><img style="border:none !important; margin:0px !important;" src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=carta-21&amp;l=ur2&amp;o=3" border="0" alt="" width="1" height="1" />
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