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	<title>CARTA &#187; Lutz Schumacher</title>
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	<description>Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit</description>
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		<title>Wir sind entr&#252;ckt und unflexibel. F&#252;nf Thesen zur Zukunft des Zeitungswesens</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Jul 2009 16:35:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lutz Schumacher</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Wir d&#252;rfen uns um Himmels Willen nicht kl&#252;ger vorkommen als unsere Leser. Denn ihre Wirklichkeit herrscht &#252;ber unsere Wirklichkeit. Wenn wir jetzt nicht beginnen den Tageszeitungsjournalismus zu &#228;ndern, werden wir am Ende den Untergang einer ganzen Mediengattung besiegeln.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/944f853337a8d168ad04cf4b65d52b" alt="" width="1" height="1" /><em>Als Gesch&#228;ftsf&#252;hrer des Nordkuriers nimmt Lutz Schumacher teil an einer </em><em>vehement</em><em> gef&#252;hrten </em><em>Auseinandersetzung</em><em> um journalistische Arbeitsbedingungen, bei der es letztlich um das Selbstverst&#228;ndnis von Regional- und Lokaljournalismus geht. Dabei ist Schumacher als radikaler Umbauer bekannt, von seiner T&#228;tigkeit bei der Nachrichtenagentur ddp, bei der M&#252;nsterschen Zeitung und nun beim Nordkurier.</em></p>
<p><em>In seinem Gastbeitrag pr&#228;sentiert Schumacher f&#252;nf grunds&#228;tzliche Thesen zu Entwicklung und Ver&#228;nderungsanforderungen des Journalismus.</em></p>
<p><strong>These Eins: Wir brauchen eine Produktdebatte. Aber eine echte, die eine Realit&#228;t anerkennt, welche nicht mehr zu &#228;ndern ist.</strong></p>
<p>Jahrzehntelang haben wir geglaubt, Zeitungen w&#252;rden <strong>nicht</strong> wie <strong>Produkte</strong> funktionieren. Sie sind etwas besonderes, etwas besseres – was auch immer das hei&#223;en soll. Jetzt zeigt sich, Zeitungen sind zwar ein besonderes Produkt, aber auch sie unterliegen einem<strong> Lebenszyklus, der sich offenbar seinem Ende zubewegt</strong>. Wie in allen anderen Branchen, die sich in einer Niedergangsphase befinden, brauchen wir jetzt dringend Innovation und m&#252;ssen dabei leider auch mit schmerzhaften R&#252;ckschl&#228;gen rechnen. In allen anderen Industrien liegen die Flop-Raten h&#228;ufig bei  80 und mehr Prozent. Solche Werte k&#246;nnen wir uns zwar nicht leisten, aber wir m&#252;ssen einkalkulieren, dass nicht jede neue Idee am Markt auch funktioniert. K&#252;nftige Etats m&#252;ssen das ber&#252;cksichtigen. Wir m&#252;ssen <strong>Mittel f&#252;r Forschung und Entwicklung</strong> bereitstellen, wie es in anderen Branchen &#252;blich ist.</p>
<p><strong>These Zwei: Wir brauchen eine Qualit&#228;tsdebatte. Aber nicht so eine verlogene wie jetzt, wo die eine Lobby der anderen sch&#246;ne Gr&#252;&#223;e ausrichtet. </strong></p>
<p>Es kann nicht sein, dass eine Handvoll selbst ernannter Experten im Verbund mit Journalistengewerkschaftern ein <strong>Begriffsmonopol</strong> auf das Wort „Qualit&#228;tsjournalismus“ halten. <strong>Was bedeutet &#252;berhaupt „Qualit&#228;tsjournalismus“?</strong> Das meiste, was in der letzten Zeit dar&#252;ber zu lesen war, beschr&#228;nkte sich auf ein paar vage Umschreibungen unter Verwendung der altbekannten Satzmodule „tiefgr&#252;ndige Analyse“, „ausgewogene Hintergrundberichterstattung“, „gesellschaftspolitische Aufgabe“ und „f&#252;r die Demokratie unverzichtbar“. Kein Wort aber dar&#252;ber, was „Qualit&#228;tsjournalismus“ f&#252;r die hei&#223;en k&#246;nnte, um die es am Ende immer gehen muss: f&#252;r die  Leser. Daraus folgt These 3.</p>
<p><strong>These Drei: Wir m&#252;ssen viel mehr &#252;ber unsere Zielgruppen wissen und nicht nur so tun, als ob uns die wirklich  interessieren. </strong></p>
<p>Zeitungsverlage haben sich jahrzehntelang darauf verlassen, dass ihre Redakteure per Begabung oder Eingebung  wissen, was ihre Leser wollen. Sie wissen es nicht. Sie wussten es nie. Es ging immer nur um Ahnungen und Bauchgef&#252;hl. Deshalb gibt es bis heute keine geregelte oder zertifizierte Ausbildung bzw. einen verbindlichen fachlichen Studienabschluss f&#252;r Journalisten. Jeder kann es werden. Jetzt, da die Auflagen einbrechen, d&#228;mmert den Verlagen allm&#228;hlich, dass sie einem Irrtum aufgesessen sind. Das Zeitbudget f&#252;r Mediennutzung ist heute kaum gr&#246;&#223;er als vor 20 Jahren. Jedoch zehren immer mehr Privatsender, Zeitschriften, Internet, Online- und Offlinespiele und wachsende Freizeitangebote an diesem Zeitfenster. Zeitungen sind in diesem Zeitwettbewerb offenbar f&#252;r j&#252;ngere und mittelalte Leser zunehmend unattraktiv. Nur die Leser der heutigen Generation 50+ bleiben aus Gewohnheit bei der Stange. Der Rest orientiert sich neu. Wir m&#252;ssen also folgendes wissen: <strong>Wer sind die Leser, welche uns noch geblieben sind? Aber auch: Wer sind die Leser, die wir mit unserem Produkt zunehmend nicht mehr erreichen?</strong> Wir m&#252;ssen Einkommen und die sozialen Faktoren kennen, ihr Freizeitverhalten, ihre W&#252;nsche an die Zeitung und ihre Lebenswirklichkeit insgesamt. Wir m&#252;ssen viel mehr Geld und Zeit in eine <strong>wirklich gute Marktforschung</strong> stecken. Eine gelegentliche Umfrage wird kaum ausreichen. Genaue Leserforschung und Geomarketing werden immer wichtiger.</p>
<p><strong>These Vier: Wir m&#252;ssen lokaler, multimedialer und st&#228;rker auf der Augenh&#246;he unserer Leser berichten und nicht nur auf Kongressen dar&#252;ber reden.</strong></p>
<p>Regionalzeitungen d&#252;rfen ihre Kernkompetenz &#8211; die lokale Berichterstattung &#8211; nicht aus der Hand geben, wie es uns bei den Rubrikm&#228;rkten bereits teilweise passiert ist. Wir m&#252;ssen vielmehr unsere gesamten Bem&#252;hungen auf das Lokale fokussieren. Wir m&#252;ssen Themen aufgreifen, &#252;ber die drau&#223;en gesprochen wird und sie auf Augenh&#246;he mit den Lesern aufschreiben. Und wir m&#252;ssen verst&#228;rkt selbst die Themen setzen, &#252;ber die dann gesprochen wird. Wir m&#252;ssen die Leser durch leibhaftige Vorort-Pr&#228;senz, etwa Sprechstunden in Cafés, Rundreisen etc., aber auch durch Mikroblogs und als Plattform f&#252;r lokale Gemeinschaften (Communities) einbeziehen. Und wir m&#252;ssen uns ganz schlicht auf die alten Tugenden des Journalismus besinnen: recherchieren, erkl&#228;ren, aufkl&#228;ren und Orientierung geben als Vorsortierer der Informationsflut, allen Seiten zuh&#246;ren, Meinungsprozesse online und offline moderieren und uns um Himmels Willen <strong>nicht kl&#252;ger vorkommen</strong> als unsere Leser. <strong>Denn ihre Wirklichkeit herrscht &#252;ber unsere Wirklichkeit.</strong></p>
<p><strong>These F&#252;nf: Zeitungen m&#252;ssen wirtschaftlich arbeiten. Logisch, aber bald nicht mehr so selbstverst&#228;ndlich wie bisher, dass dies wie von selber geht. </strong></p>
<p>Unsere Branche steht vor gewaltigen Herausforderungen. Bequeme Selbstverst&#228;ndlichkeiten verschwinden, wir werden neue Produkte entwickeln und dabei zwangsl&#228;ufig Risiken eingehen m&#252;ssen. Dies kann aber nur von einer wirtschaftlich gesunden Basis aus geschehen. Zeitung machen kann auch heute noch sehr profitabel sein. Doch das Gesch&#228;ft wird stark von Fixkosten beherrscht. Werbeeinbr&#252;che laufen direkt ins Betriebsergebnis. Umsteuern dauert. Mit schmalen Renditen, wie sie etwa im Handel &#252;blich sind, w&#228;ren Verlage permanent in der Gefahr kurzfristig pleite zu gehen. Wirtschaftlich arbeiten hei&#223;t in der Zukunft, bei einem weiterhin sehr hohen Personalkostenanteil den Journalisten <strong>vern&#252;nftige Rahmenbedingungen</strong> f&#252;r unabh&#228;ngiges  und dennoch zielgruppenorientiertes Arbeiten zu bieten und sie zu motivieren – etwa indem man sie <strong>am Erfolg partizipieren</strong> l&#228;sst. Die <strong>alten Zeitungstarife</strong> sind dagegen undifferenzierte, gleichmacherische <strong>Auslaufmodelle</strong>, die unter ehrgeizigen Redakteuren nur Frust erzeugen und die innerbetriebliche Solidarit&#228;t aufl&#246;sen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><strong>Fazit: Die alten Systeme werden sicherlich noch eine ganze Weile halten. Aber wenn wir sie jetzt nicht beginnen zu &#228;ndern, werden sie am Ende den Untergang einer ganzen Mediengattung besiegeln.</strong></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">
<p style="margin-bottom: 0cm;"><em>Di</em><em>eser Text von Lutz Schumacher ist ein Gastbeitrag. Wir laden Beteiligte und Betroffene ein, zu den den Thesen Stellung zu nehmen. In unserem Forum oder in Form eines Antwortartikels.</em></p>
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