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	<title>CARTA &#187; Leonard Novy</title>
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	<description>Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit</description>
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		<title>DFB-Urteil zum &#8220;Skandalspiel&#8221;: Nichts ist so entlarvend wie ein misslungener Vergleich</title>
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		<pubDate>Mon, 21 May 2012 16:03:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das DFB-Sportgericht hat den Einspruch von Hertha BSC gegen die Wertung des Relegationsspiels gegen D&#252;sseldorf zur&#252;ckgewiesen. F&#252;r die Hertha-Verantwortlichen geht es um nichts weniger als Krieg und Frieden. Sie haben Einspruch eingelegt. Revidieren sollte die DFB-Sportgerichtsbarkeit auf jeden Fall die Urteilsbegr&#252;ndung. Merke: Auch richtige Entscheidungen k&#246;nnen beknackt begr&#252;ndet werden.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Sportgericht des Deutschen Fu&#223;ball-Bundes (DFB) hat am Montagnachmittag in Frankfurt den Einspruch von Hertha BSC Berlin gegen die Spielwertung des Bundesliga-Relegationsr&#252;ckspiels gegen D&#252;sseldorf als unbegr&#252;ndet zur&#252;ckgewiesen. Der Einspruch habe keinen Erfolg, weil kein Einspruchsgrund nachzuweisen sei, so der Vorsitzende Richter Hans E. Lorenz nach der Entscheidung: </p>
<blockquote><p><a href="http://www.dfb.de/index.php?id=511739&amp;tx_dfbnews_pi1[showUid]=33648&amp;&amp;tx_dfbnews_pi1[article_page]=1&amp;tx_dfbnews_pi4[cat]=145&amp;type=">„Der Schiedsrichter hat jederzeit regelkonform gehandelt, und die von Hertha BSC behauptete einseitige Schw&#228;chung durch die Unterbrechung konnte nicht belegt werden.“</a> </p></blockquote>
<p>Damit bleibt das 2:2-Endresultat zwischen Fortuna D&#252;sseldorf und Hertha BSC Berlin vom 15. Mai 2012 bestehen. Soweit, so dumm f&#252;r die Hertha-Verantwortlichen, die vergeblich argumentiert hatten, ihre Spieler h&#228;tten Todesangst, Tr&#228;nenfluss und Traumata erlitten, weil hunderte jubelnde Fortuna-Fans kurz vor dem Schlusspfiff den Platz gest&#252;rmt hatten. Pech gehabt. Auch ein vorzeitiger Samenerguss ist schlie&#223;lich eine sexuelle St&#246;rung und kein Verbrechen. </p>
<p>Hertha wiederum hat inzwischen Revision eingelegt. Schlie&#223;lich geht es laut Hertha-Anwalt Schickhardt um, nun ja, wenn schon nicht den Weltfrieden, dann doch um „historische Ma&#223;st&#228;be“. Nur ein Wiederholungsspiel (und der Verbleib der Hertha in der ersten Liga), so seine Logik, k&#246;nne den <a href="http://www.rbb-online.de/nachrichten/sport/2012_05/hertha_protest__dfb.html">„Spielbetrieb vor Verrohung, Anarchie und Gewalt (…) sichern. Vielleicht ist das die letzte Chance“</a>. In Anbetracht der Tatsache, dass es die Hertha-Fans waren, die lange vor Spielende Bengalos auf Platz und Spieler warfen, liegt die Vermutung nahe, dass es sich genau umgekehrt verh&#228;lt. Aber sei’s drum. Das alles bringt den FC K&#246;ln nicht zur&#252;ck in die erste Liga.</p>
<p>Revidieren sollte die DFB-Sportgerichtsbarkeit aber bei der Berufungsverhandlung wenigstens die Urteilsbegr&#252;ndung. Diese zeigt: auch richtige Entscheidungen k&#246;nnen beknackt begr&#252;ndet werden. So zitieren verschiedene Medien den Vorsitzenden Richter &#252;bereinstimmend mit den Worten: </p>
<blockquote><p>„Es kann nicht so weit gehen, dass wir psychische Beeintr&#228;chtigungen zulassen. Das w&#252;rde die Zukunft bedeuten: wird ein farbiger Spieler nach 20 Minuten rassistisch beleidigt und trifft keinen Ball mehr, k&#246;nnte man immer auf psychische Beeintr&#228;chtigung pl&#228;dieren. Das darf nicht sein.“</p></blockquote>
<p>Nein, DAS darf nat&#252;rlich nicht sein… Ludwig Thoma wiederum zitieren verschiedene Quellen &#252;brigens mit dem folgenden Satz:  „Er war ein guter Jurist und auch sonst von m&#228;&#223;igem Verstande.” Nichts ist jedenfalls so entlarvend wie ein misslungener Vergleich.
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=43903&amp;md5=7cb1ccd93ac8bad705f3ed9804f4e80e" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Ermordet reicht nicht</title>
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		<pubDate>Sat, 10 Mar 2012 15:32:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nach der Wulff-Recherche gilt die BILD pl&#246;tzlich als Speerspitze journalistischer Unabh&#228;ngigkeit und investigativer Recherche. F&#252;r seine Berichterstattung &#252;ber den Privatkredit des Bundespr&#228;sidenten wurde das Blatt f&#252;r den Nannen-Preis nominiert. Leider ger&#228;t dadurch die allt&#228;gliche BILD-Methode, das Privatleben von Verbrechensopfern auszuschn&#252;ffeln, etwas in den Hintergrund. Ein aktueller Fall aus D&#252;sseldorf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Verglichen mit der <a href="http://www.levesoninquiry.org.uk/">der britischen Boulevardpresse</a> mag sich <em>BILD</em> auf den ersten Blick wie ein Hort von <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,774357,00.html">Zivilit&#228;t und Seriosit&#228;t</a> ausnehmen. Wenn die Zeitung nach dem R&#252;cktritt des Bundespr&#228;sidenten-Paars Bettina Wulff, die „blonde Powerfrau mit den Model-Ma&#223;en“, verabschiedet („<a href="http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/bettina-wulff-werden-wir-vermissen-23069626.bild.html">Bettina Wulff, DICH werden wir vermissen</a>“), ist das zwar an Absurdit&#228;t, nein: Zynismus, eigentlich nicht mehr zu &#252;berbieten. Von der Tatsache, dass sich Nikolaus Blome &amp; Co. zum Gralsh&#252;ter von Pressefreiheit und Moral aufschwingen, ganz zu schweigen. Trotzdem kann man der <em>BILD</em> nicht absprechen, bei der Aufkl&#228;rung der Causa Wulff eine gewisse Rechercheleistung vollbracht zu haben.</p>
<p>So bleiben Themen und <em>Frames</em> der <em>BILD</em> trotz kontinuierlichen <a href="http://www.bildblog.de/auflage.php">Auflagenschwunds</a> f&#252;r Politik und Medien das Ma&#223; aller Dinge. L&#228;ngst haben sich auch Gewohnheitseffekte eingestellt. <em>BILD</em> wie <em>BILD</em>-Kritik geh&#246;ren zum politisch-kulturellen Inventar eines gro&#223;er normativer Debatten &#252;ber Macht, Methoden und Verantwortung der Medien letztlich &#252;berdr&#252;ssigen Landes. Diese Haltung ist auch der Tatsache geschuldet, dass sich das Mitleid mit Eliten wie den Wulffs in &#252;berschaubaren Grenzen h&#228;lt. Sie werden es schon verdient haben. Und wenn nicht, k&#246;nnen sie sich ja wehren. Grenz&#252;berschreitung, Protest und &#246;ffentliche Aufregung sowie die obligatorischen Diekmann-Konter sind zu Ritualen geworden.</p>
<p>Nicht mehr wehren kann sich ein k&#252;rzlich ermordeter D&#252;sseldorfer Architekt, &#252;ber den die <em>BILD</em> heute in der Regionalausgabe D&#252;sseldorf und online <a href="http://www.bild.de/regional/duesseldorf/duesseldorf/architekt-war-vor-mord-beim-koks-dealer-23076210.bild.html">berichtet</a>. Es sind solche Texte – nicht die realen oder vermeintlichen Kampagnen, die Anma&#223;ung Kai Diekmanns, die Doppelmoral Georg Gaffrons oder die Schmerzlosigkeit, mit der „Prof. Ernst Elitz“ („Gr&#252;ndungsintendant des Deutschlandradios“) f&#252;r die <em>BILD</em> <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/ernst-elitz-ein-ausrufezeichen-gegen-muslime/">Auftragsarbeiten</a> verrichtet – an denen die menschenverachtende Perfidie der <em>BILD</em>, die den Exzessen der britischen <em>Sun </em>im Grunde eben doch in nichts (au&#223;er den Methoden) nachsteht, deutlich wird. „Architekt war kurz vorher noch beim Koks-Dealer!“ Unter dieser &#220;berschrift berichtet die <em>BILD</em> &#252;ber „neue Enth&#252;llungen“ im Fall eines in einem <a href="http://www.bild.de/regional/duesseldorf/totschlag/koe-architekt-in-treppenhaus-erschlagen-22945048.bild.html">Hausflur in Flingern erschlagenen</a> Mannes. F&#252;r all jene Leser, die sich nicht vorstellen k&#246;nnen, wie das aussieht, liefert <em>BILD.de</em> ein Foto eines blutverschmierten Hausflurs. Die „Enth&#252;llung“: das Opfer war, „wie BILD erfuhr“, drogenabh&#228;ngig, hatte vor seinem Tod noch seinen Dealer getroffen.</p>
<p>Der wiederum wurde zwar von der (<em>BILD</em> jeden Kommentar verweigernden) Polizei befragt, hat aber, wie auch die Drogenabh&#228;ngigkeit des Opfers, nichts mit der Tat zu tun. Die „Bluttat“ stehe „nicht in Verbindung zur Drogen-Szene“, konzediert auch <em>BILD</em>, was sie aber nicht davon abh&#228;lt, dar&#252;ber zu berichten. Schlie&#223;lich hat Thomas H. „nach au&#223;en hin ein sehr b&#252;rgerliches Leben gef&#252;hrt“. Dieses Bild l&#228;sst sich noch rasch zerst&#246;ren. Warum? Welches Recht hat die &#214;ffentlichkeit, davon zu erfahren? Mit welchen Folgen f&#252;r die Angeh&#246;rigen? Egal. Der Mann ist tot, die „Neuigkeiten“ sind unwiderruflich in der Welt, mit etwaigen Protesten der Hinterbliebenen wird man schon fertig.</p>
<p>Apropos: Wie geht es eigentlich „Freundin (33) und Sohn (6)“ des Architekten mit dem Doppelleben und dem Hang zu Rauschmitteln (mit denen sie bei der <em>BILD</em> nat&#252;rlich nur mittelbar, durch Recherchen im „b&#252;rgerlichen Leben“ anderer, in Ber&#252;hrung kommen)? Was spielt sich noch hinter der „b&#252;rgerlichen Fassade“ der Angeh&#246;rigen ab? H&#246;chste Zeit, dass die Witwensch&#252;ttler ausr&#252;cken.</p>
<p>&nbsp;
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=42031&amp;md5=17e9a2f829336baf3b8f2450707d9c53" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Mitt Romney und der mormonische Moment</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Mar 2012 18:52:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ist God’s Own Country so weit, einen Mormonen ins Wei&#223;e Haus zu lassen? Sollte sich Mitt Romney bei den  republikanischen Primaries gegen das bizarre, zuletzt vom erzkatholischen Rick Santorum angef&#252;hrte Wettbewerberfeld durchsetzen, verspricht dies eine der zentralen Fragen der US-Pr&#228;sidentschaftswahlen zu werden.  Anmerkungen zum US-spezifischen Verh&#228;ltnis von Politik und Religion im Vorfeld des Super Tuesday.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Aufstieg des ehemaligen Gouverneurs von Massachusetts ist beispielhaft f&#252;r die wachsende Bedeutung der im US-Bundesstaat Utah beheimateten „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“. W&#228;hrend sie in Deutschland mit weniger als 40.000 Mitgliedern unter ferner liefen rangiert, verzeichnet sie in den USA ein Wachstum wie keine zweite Religionsgemeinschaft und ist dabei selbst f&#252;r amerikanische Ma&#223;st&#228;be von kaum zu &#252;berbietender Skurrilit&#228;t.</p>
<p>Mit 14 Jahren will der Religionsstifter Joseph Smith von Gott und Christus zum Propheten berufen worden sein, bevor er 1830 die Mormonen gr&#252;ndet. Der Engel Moroni f&#252;hrte ihn zum verborgenen Buch Mormon – dem Evangelium f&#252;r die Amerikaner, dessen Neuaufrichtung sich Smith fortan widmet. Der Mormonismus ist gewisserma&#223;en Amerikas ureigene, indigene Religion: Den Garten Eden verorten seine Anh&#228;nger in Jackson County, Missouri. Auch Jesus Christus scheint es die Region angetan zu haben. Jedenfalls soll er bei einem Amerikabesuch nach seiner Auferstehung angek&#252;ndigt haben, bei seiner Wiederkunft auf die Erde hierhin zur&#252;ckzukehren.</p>
<p>Bis es so weit ist, steuert ein Rat von 12 Aposteln von Salt Lake City aus einen aggressiven, auch wirtschaftlich &#228;u&#223;erst erfolgreichen Wachstumskurs, im Zuge dessen zentrale theologische Bastionen der Vergangenheit, wie die Erlaubnis zur Polygamie, geschleift wurden. 14 Millionen Gl&#228;ubige gibt es weltweit bereits, sechs davon in den USA – das sind jede Menge W&#228;hler und Wahlkampfhelfer f&#252;r Mitt Romney, dem laut Umfragen fast 90 Prozent seiner Glaubensgenossen positiv gegen&#252;ber stehen. Doch Mormonen machen nur rund ca. zwei Prozent der Gesamtbev&#246;lkerung aus. Und ob sich die restlichen Anh&#228;nger der Republikaner, auf deren Mobilisierung es im Herbst beim Duell mit Barack Obama ankommen wird, dazu bewegen lassen, f&#252;r einen Mormonen zur Wahl zu gehen, ist nicht ausgemacht.</p>
<p>Mit dem Aufstieg Mitt Romneys r&#252;ckt jedenfalls die gesellschaftliche Sonderrolle der Latter-Day Saints in den Fokus der Aufmerksamkeit eines Landes, in dem zwischen Politik und Religion seit jeher eine f&#252;r europ&#228;ische Verh&#228;ltnisse eigent&#252;mliche Symbiose besteht. Vor allem wertkonservative Anh&#228;nger evangelikaler Kirchen hegen trotz &#220;bereinstimmung in gesellschaftspolitischen Fragen Vorbehalte gegen die Mormonen (und unterst&#252;tzten bei den Vorwahlen &#252;berwiegend Rick Santorum). W&#228;hrend der Fundamentalismus der christlichen Rechten in Washington so etabliert ist, dass er Politik, Rhetorik und Personalentscheidungen der Republikaner pr&#228;gt, vollzog sich ihr Aufstieg leise. Dabei pr&#228;gen die Heiligen der Letzten Tage seit Jahrzehnten an verantwortlichen Positionen in Kongress, Milit&#228;r oder auch FBI die Geschicke des Landes mit. Und nun der <a href="http://www.thedailybeast.com/newsweek/2011/06/05/mormons-rock.html">„Mormonen-Moment“</a> (Newsweek)? Der Aufstieg zur ganz normalen protestantischen Glaubensgemeinschaft?</p>
<p>Unwidersprochen bleibt das Diktum des Mormonen-Apostel Orson Pratt, demzufolge die Verfassung der Vereinigten Staaten, die Regierung und alle Gesetze letztlich „vom Allm&#228;chtigen ausgehen und durch Inspiration von ihm zum Menschen gekommen“ sind. Schon fragen Kritiker wie der Yale-Professor Harold Bloom, inwieweit solche Auffassungen Romneys Denken und Handeln als gew&#228;hlter Pr&#228;sident beeinflussen w&#252;rden und wie er die 98 Prozent Nicht-Mormonen in den USA repr&#228;sentieren k&#246;nne. Kein Wunder, dass Romney versucht, seinen Glauben aus dem Wahlkampf rauszuhalten. Doch ohne Bekenntnis zum Glauben, ohne religi&#246;se Symbole und Metaphorik wird es nicht gehen in einem Wahlkampf, in dem auch Barack Obama immer wieder seinen christlichen Glauben betonen muss. Viel wird davon abh&#228;ngen, ob es Romney gelingt, eine eigene Sprache zu finden, die die religi&#246;s-theologischen Differenzen transzendiert.</p>
<p>Eine Offensivverteidigung wie die Obamas, der sich 2008 mitten im Wahlkampf durch skandaltr&#228;chtige &#196;u&#223;erungen seines ehemaligen Pastors, des Reverend Jeremiah Wright Jr., in die Enge gedr&#228;ngt sah und die Situation f&#252;r eine Grundsatzrede &#252;ber Religion und Rasse nutzte, ist von Romney nicht zu erwarten. Wie ihm &#252;berhaupt eine stimmige, konsistente Botschaft zu fehlen scheint. An den Managementkompetenzen des zweifachen Harvard-Absolventen gibt es kaum Zweifel. Dar&#252;ber, wof&#252;r er sie einsetzen w&#252;rde, indes schon.</p>
<p>Zu oft hat Romney, der seine politische Karriere als Kandidat der Mitte startete, zu Themen wie Abtreibung, Stammzellenforschung oder der staatlichen Krankenversicherung, die er einst selbst f&#252;r Massachusetts einf&#252;hrte, seine Meinung ge&#228;ndert. Aus wahltaktischen Gr&#252;nden schloss er sich schlie&#223;lich dem sozialkonservativen Fl&#252;gel der Republikaner an. Romneys Glaube, der kaum weiter vom Christentum abweicht als viele protestantische Str&#246;mungen, mag in einem ethnisch und religi&#246;s diversifizierten Land kein Ausschlusskriterium mehr sein. Opportunismus als Programm schon eher.  Schlie&#223;lich m&#252;sste Romney noch eine zweite H&#252;rde &#252;berwinden: seinen liberalen Heimatstaat. Noch nie hat Massachusetts einen republikanischen Pr&#228;sidentschaftskandidaten produziert. Allerdings h&#228;lt die Geschichte noch eine andere Lektion bereit: denn der letzte Pr&#228;sident aus Massachusetts war John Kennedy – der erste Katholik im Wei&#223;en Haus.</p>
<p><em>Dieser Text basiert auf einem am 3. M&#228;rz erschienenen <a href="http://derstandard.at/1330390264388/US-Vorwahlen-der-Republikaner-Mitt-Romney-und-die-Heiligen-der-letzten-Tage" target="_blank">Meinungsbeitrag</a> in der &#246;sterreichischen Tageszeitung Der STANDARD.</em>
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=41886&amp;md5=21a16a96b73da57f03ffedd57b3c55e7" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Neue Medienpolitik f&#252;r neue Medien</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Feb 2012 10:03:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Medienpolitik muss nicht nur technologischen und &#246;konomischen Realit&#228;ten gerecht werden. Vielmehr muss sie zivilgesellschaftlichen Partizipationsbed&#252;rfnissen Rechnung tragen, etwa indem sie neue Formen journalistischer Produktion f&#246;rdert.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zu lange sahen Politiker und Journalisten im Internet nur einen weiteren Verbreitungsweg, einen Spielplatz der Banalit&#228;ten oder eine Gefahr. Diese Kombination aus Ignoranz und Strukturkonservatismus fand ihren medienpolitischen Ausdruck in Projekten wie der <a href="http://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Bundesregierung/BeauftragterfuerKulturundMedien/medien/medienkompetenz/nationaleInitiativePrintmedien/_node.html">“Nationalen Initiative Printmedien – Zeitungen und Zeitschriften in der Demokratie”</a> des Bundesbeauftragten f&#252;r Kultur und Medien, einer Initiative, die Journalismus wie selbstverst&#228;ndlich mit der Distributionsform ‘Print’ gleichsetzte.</p>
<p>“Stuttgart 21″ und die Debatte um den Einsatz direktdemokratischer Verfahren verweisen auf ver&#228;nderte Erwartungen und Beteiligungsanspr&#252;che einer Gesellschaft, die vermehrt Transparenz und Rechenschaft einfordert und mitgestalten will, sich aber zusehends au&#223;erhalb traditioneller Strukturen organisiert. Auch die Medienpolitik wird sich diesen ver&#228;ndernden Partizipationsanspr&#252;chen gegen&#252;ber &#246;ffnen m&#252;ssen.</p>
<p>Grundvoraussetzung daf&#252;r ist Transparenz. Verglichen mit der britischen Medienbeh&#246;rde <a href="http://www.ofcom.org.uk/" target="_blank">Ofcom</a> oder der US-amerikanischen <a href="http://www.fcc.gov/" target="_blank">Federal Communications Commission</a>, die &#246;ffentlich tagt und deren Sitzungen auch im Netz &#252;bertragen werden, sind die hiesigen Medienaufsichtsorgane – von Ausnahmen abgesehen – nach wie vor geradezu anachronistisch, wenn es darum geht, &#246;ffentliche Sitzungen abzuhalten oder Dokumente einsehbar zu machen. Nicht nachvollziehbar ist auch, dass die f&#246;derale Medienpolitik die Idee eines “Produzentenberichts” der &#246;ffentlich-rechtlichen Sender, der f&#252;r st&#228;rkere Transparenz der Auftragsvergaben sorgen k&#246;nnte, bislang nicht aufgegriffen hat. Das klassische Regime der Rundfunk- und Verwaltungsr&#228;te war jedenfalls mit den j&#252;ngsten Fehlentwicklungen bei MDR, Kinderkanal oder der Degeto offenbar &#252;berfordert.</p>
<p><strong>Stiftung Journalismu</strong>s</p>
<p>Eines der faktisch wie symbolisch wichtigsten Potentiale f&#252;r eine revitalisierte Medienpolitik liegt in der F&#246;rderung des gemeinn&#252;tzigen Journalismus. Viel war in den vergangenen Jahren die Rede von dem wiederholt mit einem Pulitzer-Preis gew&#252;rdigten Redaktionsb&#252;ro <a href="http://www.propublica.org/" target="_blank">“Pro Publica“</a>. Und tats&#228;chlich haben sich solche L&#246;sungen in der US-amerikanischen Medienlandschaft (unter anderen Rahmenbedingungen und als Folge eines deutlicheren Marktversagens) bereits in gro&#223;er Vielfalt etabliert. Sie reichen von lokalen Nachrichtenplattformen wie der <a href="http://www.voiceofsandiego.org/" target="_blank">“Voice of San Diego“</a>, der <a href="http://www.minnpost.com/" target="_blank">“Minn Post”</a> oder der <a href="http://www.texastribune.org/" target="_blank">“Texas Tribune”</a> &#252;ber Rechercheplattformen wie Pro Publica bis hin zu von Stiftungen wie der <a href="http://www.knightfoundation.org/" target="_blank">Knight Foundation</a> gef&#246;rderten Innovationslaboren an Hochschulen, in denen neue Gesch&#228;ftsmodelle und Vermittlungsformen entwickelt werden.</p>
<p>Vollkommen neu sind solche Konstruktionen bei uns nicht. Und nat&#252;rlich f&#246;rdern schon heute viele Landesmedienanstalten mit ihren aus den Rundfunkgeb&#252;hren bestrittenen Etats B&#252;rgerrundfunk (etwa in der Form der Offenen Kan&#228;le) oder Medieninnovationszentren. In der Praxis wird der dritte Mediensektor jedoch durch &#220;berregulierung und regional variierende Vorgaben kleingehalten. Eine schlagkr&#228;ftige Selbstorganisation der Medienmacher, darauf hat beispielsweise <a href="http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/IpW/Workgroups/Medien/MitarbeiterInnen/Hans/Kleinsteuber.html" target="_blank">Hans J. Kleinsteuber</a> verschiedentlich hingewiesen, ist unter diesen Bedingungen kaum m&#246;glich. Doch k&#246;nnten nicht-kommerzielle, gemeinn&#252;tzige Journalismusprojekte – gesch&#252;tzt vor Renditeerwartungen und den Unw&#228;gbarkeiten des Wettbewerbs – im digitalen Zeitalter eine weitaus wichtigere Rolle spielen. Zu &#252;berlegen ist daher, die &#246;ffentliche F&#246;rderung von Vielfalt und Innovation offensiv und &#246;ffentlichkeitswirksam auszubauen – etwa durch die Gr&#252;ndung einer “Stiftung Journalismus” zur F&#246;rderung journalistischer Projekte.</p>
<p>Mit den Mitteln der Stiftung k&#246;nnten unterfinanzierte Segmente wie der Recherchejournalismus (insbesondere auf lokaler und regionaler Ebene), aber auch medienkritische Initiativen gef&#246;rdert werden. Schon mit einem kleinen Prozentsatz des &#246;ffentlich-rechtlichen Geb&#252;hrenaufkommens – 0,5 Prozent erg&#228;ben ein j&#228;hrliches Budget von zirka 35 Millionen Euro und k&#246;nnten sich aus der Umwidmung von Geb&#252;hrenmitteln f&#252;r die Landesmedienanstalten erschlie&#223;en lassen – w&#228;re viel zu erreichen.</p>
<p><strong>Vorbild Filmf&#246;rderung</strong></p>
<p>Modalit&#228;ten f&#252;r Gremien, Antragsverfahren etc. gilt es daf&#252;r zu entwickeln, als Vorbild aber bietet sich das bew&#228;hrte Modell der Filmf&#246;rderung an. Und die M&#246;glichkeit, sich f&#252;r die F&#246;rderung journalistischer Projekte zu bewerben, sollte Vertretern aller publizistischen Medien (Radio, Fernsehen, Presse, Online) offenstehen. Eine solche Stiftung, deren m&#246;gliche Struktur und deren Auftrag hier nur grob umrissen werden k&#246;nnen, zielt nicht auf ein Parallelsystem zu etablierten publizistischen Institutionen und Verfahrensweisen, sondern auf die medienpolitische Intervention bei erkennbaren publizistischen Dysfunktionen im &#246;ffentlich-rechtlichen wie privaten Medienbereich.</p>
<p>Gleichzeitig steht zu erwarten, dass sich ein solches Projekt zum Vorreiter und Partner f&#252;r anderer Stiftungen entwickeln w&#252;rde, die – anders als in den USA – das Problem des erodierenden Qualit&#228;tsjournalismus bislang kaum wahr nehmen und sich stattdessen auf die F&#246;rderung von Journalisten als Form der PR f&#252;r die eigenen Anliegen konzentrieren. F&#252;r all diese Szenarien gilt: Nat&#252;rlich wird die publizistische Versorgung auch in Zukunft ma&#223;geblich von &#246;ffentlich-rechtlichen und privatwirtschaftlich organisierten Medien getragen werden. Doch k&#246;nnen solche Projekte ein vitalisierendes, komplement&#228;res Element in einem sich zusehends ausdifferenzierenden medialen &#214;kosystem werden, indem sie blinde Flecken der privaten und &#246;ffentlich-rechtlichen Anbieter ausleuchten und als Innovationslabor f&#252;r neue journalistische Formate fungieren. Indem sie B&#252;rger in die journalistische Produktion einbinden, bilden insbesondere aus der Zivilgesellschaft entstandene lokale Projekte zudem eine Art Scharnier zwischen Zivilgesellschaft und professionellem Journalismus und f&#246;rdern so „angewandte Medienkompetenz“ – eine Kulturtechnik, die in modernen Mediengesellschaften Voraussetzung f&#252;r politisch-gesellschaftliche Teilhabe ist.</p>
<p>Die operative Medienpolitik wiederum wird sich daran messen lassen m&#252;ssen, wie sehr sie aus dem Kleinklein der Rundfunk&#228;nderungsstaatsvertr&#228;ge und aus demokratietheoretischen Beschw&#246;rungsformeln herausfindet und sich &#252;ber konkrete Strategien und Projekte in ein wirkungsvolles Verh&#228;ltnis zu ihren Bezugsgruppen setzen kann.</p>
<p><em>Der Text wurde auch im <a href="http://blog.enquetebeteiligung.de/2012/01/neue-medienpolitik-fur-neue-medien/" target="_blank">Blog der Enquete-Kommission</a> &#8220;Internet und digitale Gesellschaft&#8221; des Deutschen Bundestages publiziert. Eine Langfassung („Stiftung Journalismus – Zur Konkretion neuer medienpolitischerStrategien“) erschien in der Funkkorrespondenz 41-42/2011.</em>
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<a href="http://carta.info/41193/neue-medienpolitik-fur-neue-medien/">Neue Medienpolitik f&#252;r neue Medien</a> on <a href="http://carta.info">CARTA</a> | <a href="http://carta.info/41193/neue-medienpolitik-fur-neue-medien/#comments">One comment</a>
</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=41193&amp;md5=78b34c98fbcacbf6e0ba5342c47f5e7b" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Agonie um Schloss Bellevue</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Jan 2012 12:31:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alle Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Autoren-Agenda]]></category>
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		<category><![CDATA[Standard RSS]]></category>
		<category><![CDATA[Angela Merkel]]></category>
		<category><![CDATA[Bundeskanzler]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespräsident]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Wulff]]></category>

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		<description><![CDATA[Christian Wulff wird den Deutschen erst einmal erhalten bleiben. Schadlos h&#228;lt sich nur Angela Merkel. Warum eigentlich?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Pr&#228;sident klammert sich an die Hoffnung, sich im Amt zu rehabilitieren. Als lie&#223;e sich moralische Autorit&#228;t on the job erwerben. Doch was bleibt ihm auch anderes &#252;brig? Ein R&#252;cktritt k&#228;me f&#252;r den 52-J&#228;hrigen einem Eingest&#228;ndnis seines politisch-moralischen Scheiterns gleich. Und anders als beim gefallenen Messias aus Oberfranken, Karl-Theodor Guttenberg, w&#228;re ein politisches Comeback f&#252;r den 52-j&#228;hrigen Wulff ausgeschlossen. Endstation Gro&#223;burgwedel.</p>
<p>Doch was macht die Kanzlerin? Sie h&#228;lt offiziell zu Wulff und f&#228;hrt nicht schlecht damit: Ihre Beliebtheitswerte zeigen steil nach oben, in den einschl&#228;gigen Rankings hat sie die SPD-Schwergewichte Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbr&#252;ck hinter sich gelassen. Vergessen scheint ihr Anteil an der Misere. Schlie&#223;lich war sie es, die das h&#246;chste Amt im Staat zum Gegenstand ihres pers&#246;nlichen Nutzenkalk&#252;ls machte, indem sie ihren innerparteilichen Rivalen dorthin wegbef&#246;rderte. Es passt ins Bild, dass ihr die Situation in Schloss Bellevue nicht sonderlich zu pressieren scheint. Mit einem gro&#223;angelegten „Zukunftsdialog“ mit B&#252;rgern und Experten will sie sich nun rechtzeitig vor der Bundestagswahl 2013 selber als &#252;ber den Parteien schwebende <a title="&quot;Ersatzpr&#228;sidentin&quot;" href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,809558,00.html" target="_blank">„Ersatzpr&#228;sidentin“</a> positionieren.</p>
<p>Genau hier, in ihrem Desinteresse gegen&#252;ber dem Amt, seiner Bedeutung und seinen Potentialen, liegt das Problem. Der Pr&#228;sident ist f&#252;r Merkel nur relevant, insofern er ihr nicht in die Quere kommt. Wulffs Aff&#228;ren m&#246;gen peinlich sein, doch Fremdsch&#228;men war ihre Sache nie. Ganz in ihrem Sinne d&#252;rfte sein, dass das angez&#228;hlte Staatsoberhaupt seine Rolle als H&#252;ter der Verfassung und W&#228;chter &#252;ber den politischen Prozess in Zukunft nur zur&#252;ckhaltend interpretieren wird. Christian Wulff – ein Pr&#228;sident von Gnaden der Kanzlerin. Die V&#228;ter des Grundgesetzes hatten sich das anders vorgestellt.</p>
<p>Schon wird dar&#252;ber diskutiert, ob das Amt des Bundespr&#228;sidenten &#252;berfl&#252;ssig geworden sei. Ist es nicht. Denn politische F&#252;hrung ersch&#246;pft sich nicht im Krisenmanagement oder der Exekution von Sachzw&#228;ngen, wie sie die Kanzlerin praktiziert. Auch geht es nicht darum, die Menschen mittels inszenierter Dialogveranstaltungen „abzuholen“. Um die Vielfalt sachlicher Herausforderungen anzugehen und der Glaubw&#252;rdigkeitskrise demokratischer Institutionen zu begegnen, bedarf es einer nachhaltigen, nicht instrumentellen Kultur der Verst&#228;ndigung. In der Organisation entsprechender Diskurse – beispielsweise &#252;ber die Zukunft Europas, die im Zuge der Energiewende anstehenden Modernisierungsaufgaben und soziale Gerechtigkeit in Zeiten wachsender Ungleichheit – liegen heute Notwendigkeit und Potential des Amtes begr&#252;ndet, nicht in seinen beschr&#228;nkten formalen Kompetenzen. Die „Aktualit&#228;t des Moralischen“, so hat es Oskar Negt formuliert, besteht darin, Lernprozesse zu organisieren, in denen sich sachliche Kompetenz mit Orientierung verkn&#252;pft.</p>
<p>Qua Amt und Person kann und will Angela Merkel dies nur bedingt leisten. Ein pr&#228;sidialer Regierungsstil ersetzt noch keinen Pr&#228;sidenten. Doch Christian Wulff wird von der Moral in Zukunft schweigen m&#252;ssen.
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=40974&amp;md5=5b7074188e04c8ad719b400ee7e8a554" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Regierungsklausur in Meseberg: Das Wochenende der Wahrheit</title>
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		<pubDate>Thu, 27 May 2010 16:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autoren-Agenda]]></category>
		<category><![CDATA[Autoren-Home]]></category>
		<category><![CDATA[Standard RSS]]></category>
		<category><![CDATA[Koalition]]></category>
		<category><![CDATA[Schwarz-Gelb]]></category>

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		<description><![CDATA[Vom 6. bis 7. Juni treffen die Spitzen der schwarz-gelben Koalition zu einer Klausur zusammen. Das erkl&#228;rte Ziel lautet: Neustart. Ein Strich zu ziehen, unter all jene Pannen und Peinlichkeiten des letzten Dreivierteljahres. Doch in Meseberg oder danach gibt es auch keine Wohltaten zu verteilen – und der Reformverzicht wird sich nicht l&#228;nger durchhalten lassen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/a13092f7136d4fd499269a89019d0d69" alt="" width="1" height="1" />Wenig erstaunlich, dass in Zeiten der gro&#223;en (Finanzmarkt) und kleinen (NRW) Krisen Kommentatoren und Politiker in ihren Statements zurzeit vermehrt nach F&#252;hrung rufen. Deutschland fehle es an F&#252;hrung, klagen zum Beispiel Wolfgang Clement und Friedrich Merz in ihrem j&#252;ngst erschienenen Buch „Was jetzt zu tun ist – Deutschland 2.0“. Womit die Politrentner eine der Grundregeln der deutschen F&#252;hrungsdebatte belegen: Wer &#246;ffentlichkeitswirksam F&#252;hrung einfordert, nimmt meist f&#252;r sich in Anspruch, es besser zu wissen, besser zu k&#246;nnen. Und &#252;berhaupt derjenige zu sein, dem qua Kompetenz und Tugend F&#252;hrung zusteht. Garniert sind solche Forderungen h&#228;ufig mit Gemeinpl&#228;tzen. Denen zufolge gehe alles zu langsam. Es m&#252;sse endlich „durchregiert“ werden m&#252;sse, um „alternativlose“ Reformen durchzusetzen.</p>
<p>Dabei ist die Beobachtung im Grunde schon richtig: die Finanz-, Wirtschafts- und Europakrise ist ein Test f&#252;r die F&#252;hrungsf&#228;higkeiten politischer Akteure. Im Allgemeinen, und jene der Kanzlerin im Besonderen. Und zwar sowohl mit Blick auf die Ergebnisqualit&#228;t als auch auf die Legitimation politischen Handelns. Denn die wachsende Kluft zwischen Regierenden und Regierten, wie sie sich in Umfragen zur Demokratiezufriedenheit manifestiert, ist immer auch ein Spiegel der <strong>Hilflosigkeit der politischen Eliten, Zukunftsprobleme glaubhaft zu thematisieren und sie &#252;berzeugend in den Griff zu bekommen.</strong></p>
<p>Merkels (Stichwort Griechenland) abwartend-szientistischer Politikstil reichte ihr unter dem Gesichtspunkt des pers&#246;nlichen Nutzenkalk&#252;ls bis heute zum Vorteil. Mit politischer F&#252;hrung – das ist in den letzten Monaten deutlich geworden – hat er wenig zu tun. F&#252;hrung im &#246;ffentlich-demokratischen Kontext ersch&#246;pft sich nicht darin, ein Amt zu erobern und abzusichern.</p>
<p>Es geht um Haltung. Darum, eigene Prinzipien, Wertvorstellungen und Ideen zu entwickeln – nat&#252;rlich nicht, ohne die Konsequenzen politischer Entscheidungen realistisch abzusch&#228;tzen. F&#252;r Max Weber waren Gesinnungs- und Verantwortungsethik keine sich wechselseitig ausschlie&#223;ende Gegens&#228;tze, „sondern Erg&#228;nzungen, die zusammen erst den echten Menschen ausmachen, den, der den ‚Beruf zur Politik‘ haben kann.“  Erg&#228;nzungen, wohlgemerkt.</p>
<p>Denn nicht zuletzt die Agenda 2010 und Hartz IV  – &#252;ber dessen K&#252;rzung nun diskutiert wird – zeigten, dass <strong>Argumentieren in Sachzw&#228;ngen, „Basta“-Politik und Top-Down-L&#246;sungen zwar kurzfristig Entscheidungskosten zu verringern scheinen, Reformen aber in hohem Ma&#223;e entt&#228;uschungsanf&#228;llig machen.</strong> Statt ein klares, &#252;bergeordnetes gesellschaftliches Ziel zu formulieren und aus diesem dann die notwendigen Themen und Ma&#223;nahmen abzuleiten, verfuhren die Akteure damals umgekehrt : Es gab Warenhauskataloge voller Einzelma&#223;nahmen, die – jede f&#252;r sich – Widerst&#228;nde ausl&#246;sten.</p>
<p>&#220;ber die letzten Jahre zog Merkel aus diesen Erfahrungen nur die eine Lektion: Reformverzicht. Sie wird diese Linie nicht durchhalten k&#246;nnen. Union und FDP m&#252;ssen von 2011 an j&#228;hrlich aufs Neue mindestens zehn Milliarden Euro zus&#228;tzlich im Etat streichen, wenn sie 2016 die Vorgaben der Schuldenbremse erf&#252;llen wollen. Auf dem Pr&#252;fstand stehen vor allem staatliche Leistungen f&#252;r Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.</p>
<p>Unabh&#228;ngig davon, ob dies in der Sache geboten ist, oder – wie zahlreiche &#214;konomen, aber auch der saarl&#228;ndische Ministerpr&#228;sident Peter M&#252;ller vorschlagen – nicht auch auf die Einnahmeseite (Spitzensteuersatz, Mehrwertsteuer) geschaut werden muss: <strong>Schon f&#252;r eine harmonischer funktionierende Koalition w&#228;re diese Agenda problematisch. F&#252;r diese Koalition wird sie zur Nagelprobe.</strong> An ihr k&#246;nnte sich entscheiden, ob die Koalition &#252;berhaupt nochmal zu einem tragf&#228;higen Miteinander kommt.</p>
<p>F&#252;r Merkel geht es darum, den abstrakten Nutzen konkreter Belastungen zu vermitteln. Sie muss Ziele und Methoden des eingeschlagenen Kurses nicht nur technokratisch, sondern auch normativ begr&#252;nden. Und dies im kommunikativen Austausch mit jenen, die ihre Politik mittragen sollen, sowie jenen, die von ihr betroffen sein werden. Nicht nur die Koalition, auch die Kanzlerin wird sich nach Meseberg neu erfinden m&#252;ssen. Der Heroismus des einsamen Entscheiders, das „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, ist schon dem kommunikativ weitaus versierteren Gerhard Schr&#246;der und seiner SPD nicht gut bekommen.
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=28015&amp;md5=1948f53cc4c0a6b0d4fdf40b231152e7" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Obama nach der Senats-Nachwahl: Party over</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Jan 2010 11:17:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Politische Kommunikation]]></category>

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		<description><![CDATA[Nach der Wahlschlappe in Massachusetts steht Obamas Reformagenda vor dem Aus. Der Geist, den er unter seinen Anh&#228;ngern zu wecken vermochte, kehrt sich nun gegen ihn.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/be0c9426d1154096b4ae7e9a6f3dc4bf" width="1" height="1" alt=""/>Die verlorenen Gouverneurswahlen in New Jersey und Virginia hatte man noch abtun k&#246;nnen. Mit der verheerenden Niederlage bei der Senats-Nachwahl im Bundesstaat Massachusetts ist klar: genau ein Jahr nach seiner umjubelten Amtseinf&#252;hrung als 44. US-Pr&#228;sident steckt Barack Obama in einer grundlegenden Krise. Und die hat viele Facetten.</p>
<p>Konkret verf&#252;gt Obama in der kleineren Kongresskammer nicht mehr &#252;ber die n&#246;tige 60-Stimmen-Mehrheit zur Durchsetzung wichtiger Gesetzesvorhaben. Wenn es gut f&#252;r sie l&#228;uft, gelingt es den Demokraten noch, die umstrittene Gesundheitsreform durch den parlamentarischen Prozess zu man&#246;vrieren, bevor Scott Brown, der Pick Up-fahrende &#220;berraschungssieger aus Massachusetts, sein Mandat antritt. Danach (und abgesehen vom Haushalt) hei&#223;t es unter Umst&#228;nden „Ende Gel&#228;nde“ f&#252;r Obamas ambitionierte Reformagenda. Zumal sich der Negativtrend f&#252;r die Demokraten bei den wichtigen „Mid-Term elections“ im November fortsetzen d&#252;rfte. Experten rechnen damit, dass die Republikaner dann zwischen zwei und neun Senatorensitze dazugewinnen werden.</p>
<p>Obwohl der Wahlausgang in Neuengland auch mit der miserablen Kandidatin der Demokraten zu tun hatte, war dies auch eine Abstimmung &#252;ber die ersten 12 Amtsmonate Obamas. Schlie&#223;lich haben die W&#228;hler in Massachusetts, traditionell den Demokraten zuneigend wie fr&#252;her Nordrhein-Westfalen der SPD, einen Exponenten jener Geisteshaltung gew&#228;hlt, die zurzeit im „Tea Party“-Movement landesweit gegen Steuern („Diebstahl“), den Staat („Sozialismus“) und Obama („L&#252;gner“) Stimmung macht. Massachusetts hat den amtierenden Pr&#228;sidenten abgestraft, fast 20 Prozent der <a href="http://publicpolicypolling.blogspot.com/2010/01/obama-and-massachusetts-race.html">Stimmen</a>, die Brown erzielte, gingen vor einem Jahr noch an ihn.</p>
<p>Dies hat auch damit zu tun, dass es Obama bislang nicht gelang, das, was seine Kampagne auszeichnete, ins Wei&#223;e Haus zu &#252;berf&#252;hren: ein modernes Verst&#228;ndnis von Leadership und, damit zusammenh&#228;ngend, politischer Kommunikation. Sein &#252;berraschender Siegeszug vor einem Jahr basierte auf einem <a href="http://carta.info/4262/lektionen_obama/">revolution&#228;ren Verst&#228;ndnis von &#246;ffentlicher F&#252;hrung</a>, welches den Anh&#228;ngern eine zentrale, weit &#252;ber das repr&#228;sentativ-demokratische Prinzip der Delegation von Macht durch periodisch stattfindende Wahlen hinausgehende Rolle zu Teil werden lie&#223;. Die Herbeif&#252;hrung eines Wandels („leading change“), dessen Akteur nicht er alleine, sondern das ganze Land („Yes, <em>we</em> can“) sein w&#252;rde – dies war das zentrale Versprechen seines Wahlkampfs, das Obama durch eine neue Dialogkultur auch einzul&#246;sen. Er verstand es brillant, verschiedensten Bev&#246;lkerungsgruppen Motive und M&#246;glichkeiten daf&#252;r zu geben, sich als Teil eines gemeinsamen Projekts zu sehen, ihre Bed&#252;rfnisse beziehungsweise Vorstellungen aufzunehmen, auf seine Ziele umzulenken und schlie&#223;lich in politische Unterst&#252;tzung umzum&#252;nzen.</p>
<p>Ein Jahr scheint sich das mit dem gemeinsamen Projekt schon wieder erledigt zu haben: Die Popularit&#228;t Obamas dramatisch gesunken, das Land nachwievor durch einen tiefen politisch-ideologischen Graben gespalten. Dass der Zauber und der Personenkult um Obama irgendwann abnehmen w&#252;rde, war abzusehen und lie&#223;e sich als heilsame Abk&#252;hlung einer v&#246;llig &#252;berhitzten Romanze interpretieren. Doch zu den sch&#228;rfsten Kritikern des Pr&#228;sidenten z&#228;hlen ausgerechnet seine ehemals treuesten Anh&#228;nger. Sie verleihen ihrem Frust vor allem im Internet mit einer Vehemenz und Irrationalit&#228;t Ausdruck, die der schrillen Kritik der politischen Rechten <a href="http://www.newyorker.com/talk/comment/2010/01/11/100111taco_talk_hertzberg">&#228;hnelt</a>. Beispielhaft hierf&#252;r ist die vielen Vertretern des linken Fl&#252;gels der Demokraten nicht weit genug gehende Gesundheitsreform, das gr&#246;&#223;te und dementsprechend umstrittenste Reformprojekt seit Jahrzehnten. Sie ist sicher nicht optimal, bringt aber den &#252;ber 40 Millionen Unversicherten in den USA Versicherungsschutz. Gleiches gilt f&#252;r Obamas Au&#223;en- und Sicherheitspolitik und die damit verbundenen Schwierigkeiten, die Anti-Terror-Ma&#223;nahmen der Bush-Regierung wie auch die &#252;ber Jahrzehnte entstandenen Strukturen und Praktiken des „National Security State“ zur&#252;ckzurollen – etwa den Umgang mit der Praxis der gewaltsamen Verschleppung von Terrorverd&#228;chtigen oder seine Ablehnung einer juristischen Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen in der Bush-Zeit.</p>
<p>In einem gewissen Sinne holen Obama hier die Geister, die er rief, ein: eine politisierte, selbstbewusste Anh&#228;ngerschaft, die sich nun entt&#228;uscht abzuwenden droht. Doch Idealismus im Kontext demokratischen Regierens bedeutet auch, Abstriche von den eigenen Positionen hinzunehmen und Kompromisse zu machen, wenn es dem Gemeinwohl dient. In den M&#252;hen der Ebene angekommen, hat Obama just dies in den vergangenen Monaten gemacht. Anstelle hehrer Rhetorik und gro&#223;er Ziele trat ein methodischer, nachdenklicher und somit den schwierigen Realit&#228;ten eines krisengeplagten Landes angemessener Politikstil, der aber erkl&#228;rungsbed&#252;rftig ist.</p>
<p>Dies bedeutet einerseits, jene Anh&#228;nger zur&#252;ckzugewinnen, die feststellen mussten, dass Obama als Pr&#228;sident weder willens ist, einseitig die Ziele des links-liberalen Fl&#252;gels der Demokraten zu verfolgen, noch Wunder vollbringen kann. Andererseits fehlt eine Erz&#228;hlung, die Obamas alles in allem &#252;berzeugenden Umgang mit der Vielzahl an Herausforderungen (Kontrolle der Banken, Bek&#228;mpfung der Bildungsungleichheit, ein besseres Gesundheitssystem) sinnvoll zusammenf&#252;hrt und f&#252;r alle Amerikaner nachvollziehbar macht: <em>Nation-building</em> im eigenen Land.</p>
<p>Wie kein anderer Kandidat verstand Obama 2008 das Bed&#252;rfnis der Amerikaner nach Ver&#228;nderung und nutzte es f&#252;r sich. Welche <a href="http://views.washingtonpost.com/leadership/panelists/2010/01/delivering-us-from-anxiety.html">emotionalen und psychologischen H&#252;rden</a> zu &#252;berwinden sind, wenn es darum geht, konkrete Ver&#228;nderungen einzuleiten und daf&#252;r Unterst&#252;tzung zu generieren, scheinen seine Berater untersch&#228;tzt zu haben. Das <em>Change</em>-Narrativ jedenfalls hat sich ersch&#246;pft und wird dementsprechend weniger h&#228;ufig bem&#252;ht, schlie&#223;lich sitzt der Wandel im Wei&#223;en Haus. Doch die unz&#228;hligen Baustellen, auf denen er unterwegs ist, die Vielzahl an Einzelma&#223;nahmen, so dringlich, unumg&#228;nglich und ehrenwert sie sind, lassen Obama weniger als Steuermann denn als Getriebenen erscheinen. Umso wichtiger wird es, Ziele und Methoden seiner Politik transparent zu machen und nicht nur technokratisch (&#8220;Alternativlosigkeit&#8221;), sondern auch normativ (&#8220;beste gangbare Alternative&#8221;) zu begr&#252;nden.</p>
<p>Nat&#252;rlich ist das aus der Regierung heraus schwieriger als im Wahlkampf. Darauf verzichten kann gerade Obama, als <em>peoples‘ president</em> ins Wei&#223;e Haus gekommen, nicht. Denn die Erwartungen in Sachen Transparenz und Dialog sind hoch. Vor allem aber geht es wie schon im Wahlkampf, als Obama sich mit seiner „grassroots-Revolution“ gegen das demokratische Establishment durchsetzte, nicht um hehre demokratiepolitische Ideale oder Gutmenschentum.</p>
<p>Die Unterst&#252;tzung einer f&#252;r die eigene Politik auch mobilisierbaren Anh&#228;ngerschaft sind f&#252;r ihn schlichtweg eine Notwendigkeit, um sich gegen starke organisierte Interessen und die radikalisierten Republikaner durchzusetzen und Ergebnisse zu liefern. Und daran entscheidet sich letztlich die Pr&#228;sidentschaft jenes Mannes, der antrat, die Amerikaner wieder mit Washington zu vers&#246;hnen. „Macht in den Verh&#228;ltnissen“, um eine einflussreiche Unterscheidung des Althistorikers Christian Meier aufzugreifen, hat Obama noch bis 2012. Die „Macht &#252;ber die Verh&#228;ltnisse“ muss er sich immer wieder neu erarbeiten.
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		<title>Mehr Dialog wagen: Die SPD braucht einen neuen F&#252;hrungsstil</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Sep 2009 11:00:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nach den Wahlen liegt die SPD darnieder. Ein Neustart in Ton und Stil fehlte bereits im Wahlkampf, der auf viele autistisch-trotzig wirkte. Die SPD braucht eine neue F&#252;hrung und muss lernen, dass politische Kommunikation Zuh&#246;ren verlangt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/ee5946a10cba4cdd80aac45a826f1453" alt="" width="1" height="1" />Am Schluss war nur noch das mediale Dauerlamento &#252;ber den Mangel an Leidenschaft, Programmatik und Zuspitzung langweiliger als der Wahlkampf selber. Dabei war die Beobachtung ja richtig: dies werde keine Richtungswahl, von Wechselstimmung war nichts zu sp&#252;ren. Beseelt von dem (tr&#252;gerischen) Gef&#252;hl, die Wirtschafts- und Finanzkrise mit einem blauen Auge &#252;berstanden zu haben, ging es den W&#228;hlern anders als den Japanern oder Amerikanern nicht um <em>Change you can believe in</em> (dar&#252;ber kann auch das starke Abschneiden der FDP nicht hinwegt&#228;uschen), sondern prim&#228;r um die Frage, welche politische Kraft am besten in der Lage ist, den Status Quo zu sichern.</p>
<p><strong>Ironie der Geschichte: Herausgekommen ist ein mittleres politisches Erdbeben, das das Land ver&#228;ndern wird und die SPD, dessen traditionsreichste Partei, aus den Angeln gehoben hat.</strong> Die Sozialdemokratie liegt darnieder und muss sich unter der F&#252;hrung von Sigmar Gabriel neu aufstellen.</p>
<p>Dass gro&#223;e Koalitionen die R&#228;nder st&#228;rken und es den jeweiligen Partnern schwer machen, ihre Anh&#228;nger zu mobilisieren, ist ein Allgemeinplatz, erkl&#228;rt aber das miserable Abschneiden von SPD und CDU nicht. Die Union hat sich unter Angela Merkel inhaltlich entleert und ihren konservativen Kern – Stichwort Elterngeld, Kritik am Papst, Mindestlohn – aufgegeben. „Mal bin ich liberal, mal bin ich konservativ, mal bin ich christlich-sozial. Und das macht die CDU aus“, so formulierte die Kanzlerin die neue Beliebigkeit und formte die CDU zur Partei in ihrem Antlitz. Damit r&#252;cken die auch vom gr&#252;nen Spitzenpersonal l&#228;ngst nicht mehr ausgeschlossenen schwarz-gr&#252;ne B&#252;ndnisse n&#228;her. Der Preis der Flexibilit&#228;t: die Union unterbot das gemessen an fr&#252;heren Werten miserable Ergebnis von 2005 nochmal.</p>
<p>Einem unklaren Profil geschuldet ist wohl auch das relativ entt&#228;uschende Abschneiden der Gr&#252;nen, die als einzige kleine Partei nicht in der Lage war, von der Schw&#228;che der Gro&#223;en zu profitieren. Fritz Kuhn hat die Zeit der gro&#223;en Volksparteien f&#252;r beendet erkl&#228;rt. Das Problem: als kleinste der Oppositionsparteien haben die Gr&#252;nen so gut wie nicht davon profitiert. Wollen sie sich neue W&#228;hlerschichten erschlie&#223;en, m&#252;ssen sie die Frage kl&#228;ren, wie sie sich k&#252;nftig im Konzert der drei Oppositionsparteien positionieren wollen. Geben die Gr&#252;nen den Kurs der Selbstst&#228;ndigkeit, der die letzten Wahlk&#228;mpfe pr&#228;gte, zu Gunsten einer st&#228;rkeren Orientierung nach links auf? Und gehen damit die Fl&#252;gelk&#228;mpfe wieder los?</p>
<p>Letztere sind in der SPD nach dem Negativrekord-Ergebnis l&#228;ngst ausgebrochen. 2,1 Millionen ehemalige SPD-W&#228;hler sind den Urnen ferngeblieben. Die Tatsache, dass die SPD ihr Schicksal inzwischen mit vielen ihrer vor ein paar Jahren noch fast die gesamte EU regierenden Schwesterparteien in Europa teilt, tr&#246;stet nur auf dem ersten Blick. Denn jenseits der Tatsache, dass all jene Parteien, die vor wenigen Jahren noch den freien Markt, weniger Staat und Deregulierung gepredigt haben, heute schweigen und sozialdemokratische Positionen &#252;bernehmen: die Probleme der SPD sind hausgemacht. Nie gelang es der deutschen Sozialdemokratie, Kapital aus der Wirtschaftskrise zu schlagen, Merkels „Klug aus der Krise“-Wahlkampf etwa durch Thematisierung und Emotionalisierung herrschender Ungleichheit etwas entgegenzusetzen und so ein Bed&#252;rfnis nach Ver&#228;nderung herbeizuf&#252;hren, welches in W&#228;hlerstimmen h&#228;tte umgem&#252;nzt werden k&#246;nnen. Elf Jahre Regierungsbeteiligung haben dies nicht leichter gemacht, doch unm&#246;glich war es nicht.</p>
<p>Eine erfolgreiche Mobilisierung h&#228;tte vorausgesetzt, dass man auch die eigene Partei nicht von Ver&#228;nderungen ausnimmt und gesellschaftliche Realit&#228;ten zur Kenntnis nimmt, statt diese auszublenden oder zur Konstruktion abgehobener Demoskopen und Journalisten zu erkl&#228;ren.<strong> Was Kampfesmut und Stolz vermitteln sollte, wirkte beim Betrachter trotzig, autistisch und – man denke an M&#252;nteferings „Merkel kann schon mal die Koffer packen“ – realit&#228;tsfern.</strong> Warum sollte man es der SPD zutrauen, die Geschicke der gr&#246;&#223;ten und wichtigsten Volkswirtschaft des Kontinents durch die Krise zu steuern, wenn sie noch nicht mal in der Lage ist, ihre eigene Situation realistisch einzusch&#228;tzen?</p>
<p>Statt gebetsm&#252;hlenartig darauf hinzuweisen, dass das Ergebnis am Wahltag anders aussehen werde als in den Umfragen, mithin den Eindruck zu erwecken, man warte nur darauf bis die W&#228;hler wieder auf den sozialdemokratischen Pfad der Tugend zur&#252;ckkehren, h&#228;tte die SPD vor ein paar Monate offen die schwierige Ausgangslage und, ja, manche Fehler der Vergangenheit ansprechen m&#252;ssen.</p>
<p>Die in vielerlei Hinsicht medial verungl&#252;ckte Vorstellung des SPD-Kompetenzteams w&#228;re einer von vielen m&#246;glichen Anlass gewesen, rechtzeitig &#246;ffentlich auf die Reset-Taste zu dr&#252;cken und das Land, Parteimitglieder und Sympathisanten einzuladen, am Projekt einer zur Erneuerung bereiten Sozialdemokratie mitzuwirken. Dabei h&#228;tte man sich weder von den Reformen der Vergangenheit distanzieren noch gegen&#252;ber den Kritikern in Sack und Asche zu gehen m&#252;ssen.</p>
<p>N&#246;tig gewesen w&#228;re vielmehr ein Neustart in Ton und Stil, der den vielen entt&#228;uschten und demotivierten SPD-Anh&#228;ngern das Gef&#252;hl gegeben h&#228;tte, geh&#246;rt und verstanden worden zu sein und es ihnen so m&#246;glich gemacht h&#228;tte, sich wieder mit der Sozialdemokratie zu vers&#246;hnen. Steinmeier hat dies zuletzt, etwa bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor, mit der Aussage, die SPD sei „nicht unfehlbar“, aber verf&#252;ge wenigstens &#252;ber den richtigen „Kompass“, versucht. Aber ein wirklich &#252;berzeugendes Signal, dass man sich der Entt&#228;uschung vieler Anh&#228;nger bewusst ist, diese ernst nimmt und bereit ist, dazuzulernen, hat es nicht gegeben.</p>
<p>Just darin, in einem F&#252;hrungsverst&#228;ndnis, das der eigenen Anh&#228;ngerschaft eine zentrale Rolle einr&#228;umt und Kommunikation nicht als Einbahnstra&#223;e versteht, besteht die wichtigste Lektion des in den vergangenen Monaten viel bem&#252;hten, um nicht zu sagen &#252;berstrapazierten Wahlkampfs Barack Obamas. Obama sucht auch an der Regierung regelm&#228;&#223;ig den Dialog mit seinen W&#228;hlern – nicht aus hehren demokratiepolitischen Motiven, sondern vor allem aus Kalk&#252;l: um sich die Unterst&#252;tzung seiner Anh&#228;nger zu sichern und um die aggressive Kritik der konservativen Rechten zu kontern, die den Pr&#228;sidenten wahlweise als Kommunisten, Faschisten oder geb&#252;rtigen Keniaer diffamiert, der folglich kein legitimer US-Pr&#228;sident sein k&#246;nne.</p>
<p><strong>Obamas Strategie zugrunde liegt die Erkenntnis, dass politische F&#252;hrung aus zwei Akteuren besteht: </strong>Dem F&#252;hrenden auf der einen und seinen potentiellen Anh&#228;ngern auf der anderen Seite. Erst der imagin&#228;re Pakt, den beide schlie&#223;en, macht den F&#252;hrenden zum F&#252;hrenden und die Anh&#228;nger zu Anh&#228;ngern. Das hei&#223;t nicht, dass sich der F&#252;hrende in jeder Einzelfrage von den Pr&#228;ferenzen seiner Anh&#228;nger abh&#228;ngig machen muss, schlie&#223;lich geh&#246;rt es zum Wesen der Repr&#228;sentation, dass die F&#252;hrenden im Namen ihrer Anh&#228;nger aber ohne deren bindenden Auftrag handeln.</p>
<p>Doch F&#252;hrung erfordert den kontinuierlichen Dialog, damit sich F&#252;hrender und Gef&#252;hrte stets die Grundlagen ihrer Beziehung &#252;bermitteln und deren bestehende G&#252;ltigkeit &#252;berpr&#252;fen k&#246;nnen. Just diesen Dialog pflegt Obama mit seinen Anh&#228;ngern und der US-&#214;ffentlichkeit insgesamt auch nach der Wahl. Auf Grundlage dieses „neuen Gesellschaftsvertrags“ konnte sich Obama nach Amtsantritt diverse Male bei seinen Anh&#228;ngern &#246;ffentlich f&#252;r Fehler entschuldigen. <strong>Solche Schuldeingest&#228;ndnisse waren bei der noch aktuellen SPD-Spitze nicht vorstellbar. </strong>Selbst am Montag nach der Wahl reklamierte sie F&#252;hrung – &#252;ber den &#220;bergangsprozess – und den Anspruch, eine Partei zu vertreten, deren Mitglieder sich l&#228;ngst und sp&#252;rbar von ihr abgewandt hatten.</p>
<p>Angesichts ihrer nachlassenden Bindungskraft geht es auch f&#252;r die deutschen Parteien immer mehr darum, die von ihnen getroffenen Entscheidungen nicht nur ex-post an die B&#252;rger zu vermitteln, sondern sie im kommunikativen Austausch nach innen und au&#223;en zu erarbeiten und zu begr&#252;nden. M&#252;nteferings Kurz-Satz-Reden dagegen hallte immer ein „genug gequatscht“ nach.</p>
<p>Tempi passati. Die zuk&#252;nftige Parteif&#252;hrung um Sigmar Gabriel steht vor der Herausforderung einen Dialog mit Parteimitgliedern, Anh&#228;ngern und der breiten &#214;ffentlichkeit in Gang zu setzen, der nicht nur die Frage der &#214;ffnung zur Linkspartei zum Inhalt hat, sondern auch das Selbstverst&#228;ndnis und den modus operandi der Sozialdemokratie insgesamt. Man muss hier gar nicht Obama bem&#252;hen. Es reicht der Blick auf die eigene Parteigeschichte. Denn es war Willy Brandt, der wie kaum ein anderer auf die F&#228;higkeiten von Mitgliedern und Funktion&#228;ren setzte und sie einlud, Initiative zu ergreifen und Teil eines gemeinsamen Projektes zu sein. Die SPD braucht ein neues Zentrum, das unter F&#252;hrung mehr versteht als Autorit&#228;t, Gefolgschaft und Disziplin.
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		<title>SZ-Magazin: Qualit&#228;tskreativit&#228;t ohne Quellenangabe</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Jul 2009 12:04:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>

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		<description><![CDATA[Das SZ-Magazin bringt fiktive Facebook-Profile von Merkel, Obama und Co. An sich eine prima Idee, nur sonderlich originell ist sie nicht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/a455bb0f0634bf6a40aa42ab37a76e" width="1" height="1" alt=""/>Das SZ-Magazin <a href="http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/29912">schreibt</a>:</p>
<blockquote><p>Wir haben uns einmal vorgestellt, wie die m&#228;chtigsten Politiker der Welt auf Facebook miteinander kommunizieren.</p></blockquote>
<p>Das Ergebnis: die Facebook-Profile von <a href="http://sz-magazin.sueddeutsche.de/statisch/fakebook/4">Angela Merkel</a>, <a href="http://sz-magazin.sueddeutsche.de/statisch/fakebook/1">Barack Obama</a>, <a href="http://sz-magazin.sueddeutsche.de/statisch/fakebook/2">Silvio Berlusconi</a> und <a href="http://sz-magazin.sueddeutsche.de/statisch/fakebook/3">Mahmud Ahmadinedschad</a>. Das ist mal mehr (Status-Meldung Berlusconi: „looking forward to the weekend&#8221;, Kommentar Julio Iglesias „Let&#8217;s get wasted&#8221;), mal weniger (Barack Obama Status: „Ick bin ein Berliner&#8221;) lustig, aber an sich<strong> nat&#252;rlich eine prima Idee</strong>.</p>
<div id="attachment_12068" class="wp-caption alignleft" style="width: 210px"><a href="http://www.theatlantic.com/a/facebookhumor.mhtml"><img class="size-full wp-image-12068" style="border: 1px solid black; margin-left: 1px; margin-right: 1px;" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2009/07/fb-atlantic.png" alt="Atlantic Monthly: Worl Leaders" width="200" height="200" /></a><p class="wp-caption-text">Atlantic Monthly: World Leaders</p></div>
<p>Nur sonderlich originell ist sie nicht, denn sie stammt vom amerikanischen <a href="http://www.theatlantic.com/doc/200905/world-leaders-facebook">Atlantic Monthly</a>. Dessen Karikaturistin <a href="http://www.theatlantic.com/doc/by/sage_stossel">Sage Stossel</a> hatte den Lesern des Magazins bereits im Mai satirische Einblicke in die Aktivit&#228;ten der fiktiven Facebook Gruppe „<a href="http://www.theatlantic.com/a/facebookhumor.mhtml">World Leaders</a>&#8221; gegeben. Nun soll hier nat&#252;rlich nicht bezweifelt werden, dass die Kollegen beim SZ-Magazins, traditionell ein Hort experimenteller journalistischer Praktiken, wirklich ganz alleine auf die Idee gekommen sind sich „einmal vorzustellen&#8221;, was die „m&#228;chtigsten Politiker der Welt&#8221; (lies: „World Leaders&#8221;) auf Facebook so treiben. Aber auff&#228;llig sind die &#196;hnlichkeiten zwischen der Satire des prestigetr&#228;chtigen Ostk&#252;stenmagazins und der SZ schon.</p>
<div id="attachment_12069" class="wp-caption alignleft" style="width: 210px"><a href="http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/29912"><img class="size-full wp-image-12069" style="border: 1px solid black; margin-left: 1px; margin-right: 1px;" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2009/07/fb-sz.png" alt="SZ-Magazin: Die m&#228;chtigsten Politiker" width="200" height="200" /></a><p class="wp-caption-text">SZ-Magazin: Die m&#228;chtigsten Politiker</p></div>
<p style="text-align: left;">Richtig <strong>„</strong><strong>kreativer Journalismus auf h&#246;chstem Niveau</strong>&#8221; (<a href="http://www.sueddeutscher-verlag.de/business/sueddeutsche_zeitung/magazine_supplements">Eigenwerbung</a>) schaut anders aus. Au&#223;er man versteht darunter, brillante Ideen anderer auch einer deutschen Leserschaft zug&#228;nglich zu machen. Ohne Verweis auf das Original, versteht sich.</p>
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=12053&amp;md5=bf657103203d10da7882742f4314e870" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>„Teenager nutzen Twitter nicht&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 13 Jul 2009 16:23:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die anekdotische Evidenz des 15j&#228;hrigen Morgan Stanley-Praktikanten Matthew Robson zum Medienverhalten seiner Generation begeistert Fondsmanager und FT:  "ungeheure Klarheit" &#252;ber die Digital Natives, endlich. Leider ist sie ziemlich frustrierend.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/9ad218e90e33e108d8d63ff35eb9c2" alt="" width="1" height="1" />Kurz nachdem rund 250 CEOs, Investoren und Medienexperten auf der diesj&#228;hrigen „Sun Valley Media and Technology Conference&#8221; &#252;ber die <a href="http://www.reuters.com/article/industryNews/idUSTRE5641EW20090708">Gesch&#228;ftsmodelle der Zukunft philosophierten</a>, mischt ein 15j&#228;hriger Sch&#252;ler Investoren, Medienjournalisten und Medienmanager mit n&#252;chternen Einsch&#228;tzungen zum Mediennutzungsverhalten jener Generation auf, die mit dem Internet als selbstverst&#228;ndlicher Bestandteil des Lebens aufgewachsen sind.</p>
<p>Jugendliche schauen immer weniger normales Fernsehen, lesen so gut wie nie Zeitung und zahlen extrem ungern f&#252;r Musik im Internet. Diese und weitere bahnbrechende Erkenntnisse &#252;ber das Mediennutzungsverhalten britischer Teenager sorgen seit dem Wochenende auf der Insel f&#252;r Aufruhr.</p>
<p>Aufgeschrieben hat das alles ein 15-j&#228;hriger Praktikant von <a href="http://markets.ft.com/tearsheets/performance.asp?s=us:MS">Morgan Stanley</a>. Der Londoner Sch&#252;ler Matthew Robson war von den Medienanalysten der US-Bank gebeten worden, das Mediennutzungsverhalten seiner Freunde zu beschreiben. <a title="How teenagers consume the media" href="http://media.ft.com/cms/c3852b2e-6f9a-11de-bfc5-00144feabdc0.pdf">Herausgekommen</a> ist „einer der klarsten und anregendsten Einsichten, die wir je gesehen haben&#8221;, erkl&#228;rte Edward Hill-Wood, Teamleiter bei Morgan Stanley.</p>
<p>Die Investmentbank entschied sich daf&#252;r, die simple Prosa des Teenagers zu ver&#246;ffentlichen („<a href="http://media.ft.com/cms/c3852b2e-6f9a-11de-bfc5-00144feabdc0.pdf">Industry View In-Line</a>&#8220;) , die <a href="http://www.ft.com/cms/s/0/035e83fe-6f18-11de-9109-00144feabdc0.html">FT</a> machte eine Riesenstory daraus und Robson („Aged 15 yrs &amp; 7 months&#8221;) bekam seine 15 Minuten Ruhm.</p>
<p>Robsons Vierseitenpapier best&#228;tigt g&#228;ngige Annahmen &#252;ber das Kommunikations-, Unterhaltungs- und Sozialverhalten der „digitalen Eingeborenen&#8221;: Sie nutzen eine Vielzahl von konvergierenden Medien f&#252;r verschiedenste Informationen und Services f&#252;r die sie allerdings nicht bereit sind zu zahlen und deren Genuss sie sich nicht durch <strong>Werbung kaputt machen </strong>lassen wollen. Er kenne niemanden, der regelm&#228;&#223;ig Zeitungen lese, so Robson in seinem Bericht, der laut Morgan Stanley weder Repr&#228;sentativit&#228;t noch statistische Genauigkeit f&#252;r sich in Anspruch nimmt. Die meisten Teenager h&#228;tten schlichtweg „<strong>keine Lust, seitenweise Text zu lesen</strong>, wenn sie die Nachrichten in Fernsehen oder Internet zusammengefasst&#8221; bek&#228;men.</p>
<p>Obwohl in den Clubs und Kneipenvierteln vieler englischer St&#228;dte zur Sperrstunde regelm&#228;&#223;ig b&#252;rgerkriegs&#228;hnliche Zust&#228;nde herrschen: die Insel ist nicht der Iran, und so kommunizieren zumindest Robsons Freunde ihre Alkoholexzesse, Teenagerschwangerschaften und sonstige Befindlichkeiten nicht via Twitter. „Teenager nutzen Twitter nicht&#8221;, so Robson. Schlie&#223;lich koste das Microbloggen vom Mobiltelefon aus Geld und Teenager verst&#252;nden, „dass niemand sich ihre Profile ansieht, ihre Tweets also keinen Sinn machen&#8221;. Da h&#228;tten die Gr&#252;nder der auch in UK <a href="http://www.independent.co.uk/news/business/news/twitter-is-named-uks-top-website-for-growth-1719952.html">rasant wachsenden</a>, bekanntesten Website ohne Gesch&#228;ftsmodell im Vorfeld besser mal ein paar Prepaid-Handys an Robsons Freunde verteilt. Nun werden sie sich bei Verhandlungen um den Einstieg von Investoren mit der <strong>anekdotischen Evidenz eines Teenagers </strong>rumschlagen m&#252;ssen.</p>
<p>Denn die Resonanz auf Robsons Aufsatz ist enorm. Unz&#228;hlige Fondsmanager und CEOs h&#228;tten sich per Email und Telefon gemeldet, erkl&#228;rte Morgan Stanley, die Abteilung erhalte f&#252;nf bis sechsmal mehr Anfragen als &#252;blich.</p>
<p>Und so sind es weniger die f&#252;r ihre ungeheure „Klarheit&#8221; bejubelten Ausf&#252;hrungen des jungen Medienanalysten, die &#252;berraschen, als vielmehr ihre Rezeption. Man fragt sich: wie ist es um die Gr&#252;ndlichkeit und den intellektuellen Gehalt der Dossiers bestellt ist, die Morgan Stanleys hochbezahlte „Medienanalysten&#8221; sonst f&#252;r ihre Kunden erstellt? <strong>Wenn die Jugend nicht f&#252;r Inhalte zahlen will, muss das Internet dann zumachen?</strong> Und nachdem Robson das R&#228;tsel um die Mediennutzung der „Digital Natives&#8221;, dieser scheuen, unerforschten <em>Spezies</em> der Internetkultur, gel&#246;st hat: womit besch&#228;ftigt die „Forschungsabteilung&#8221; von Morgan Stanley ihn in den noch verbleibenden Monaten seines Praktikums?</p>
<p>News Corp-Patriarch Rupert Murdoch hat den <strong>Stab &#252;ber Twitter</strong> &#252;brigens schon gebrochen. Eine Beteiligung an Twitter erkl&#228;rte er auf der Konferenz in Sun Valley f&#252;r <a href="http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601109&amp;sid=afywErsV631s">ausgeschlossen.</a></p>
<p>Vor allem aber ist der Hype um das Papier ein Beleg f&#252;r den Digital Divide, der sich angesichts sich rasant entwickelnder Technologien zwischen den Generationen auftut: Selbst 35-J&#228;hrige Medienprofis verstehen nicht mehr, was 15-J&#228;hrige machen.</p>
<p><!--EndFragment-->
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		<title>Steinmeier in der Kerry-Falle</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Jul 2009 13:37:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Frank-Walter Steinmeier]]></category>
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		<description><![CDATA[Frank-Walter Steinmeier scheint immer noch nicht in der Partei angekommen. Mit der Berufung von Thomas Steg zu seinem Sprecher und Medienberater soll nun alles besser werden. Doch die Zeit ist knapp, und langsam dr&#228;ngen sich in diesem vom Vorbild Barack Obamas &#252;berschatteten Wahlkampf Parallelen zu einem anderen, weniger gl&#252;cklich agierenden US-Politiker auf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/999014725f617cfebae22e97c3f2f7" alt="" width="1" height="1" />„Guttenberg &#252;berholt Steinmeier“ war Ende letzter Woche den Agenturen zu entnehmen. Der SPD-Kanzlerkandidat fiel im ARD-Deutschlandtrend nicht nur weiter hinter Regierungschefin Merkel <a href="http://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend714.html">zur&#252;ck</a>. Er wurde auch noch von Wirtschaftsminister Guttenberg verdr&#228;ngt. Auch wenn solche Zustimmungstests mit Vorsicht zu genie&#223;en sind, abtun lassen sie sich nicht. Denn weniger als drei Monate vor der Bundestagswahl verharrt auch die SPD im Dauertief. Sie k&#228;me, wenn am Sonntag Bundestagswahl w&#228;re, auf 23 Prozent. <strong>Der parteiintern wie medial positiv aufgenommene Berliner Parteitag: kein Aufbruch sondern Rohrkrepierer</strong>. Dem <em>Spiegel</em> zufolge hat die Parteif&#252;hrung intern bereits die Wahlziele revidiert (und auf die realistischer erscheinende Vorgabe von 30 Prozent gesenkt).</p>
<p>H&#228;ufig wird in diesen Monaten &#252;ber den Atlantik und zu Barack Obama geschaut. Parteistrategen, Kommunikationsberater und Werber, sie alle werden sich – allen politkulturellen Unterschieden zum trotz – in den n&#228;chsten Monaten an der beispiellosen Kampagne des 44. US-Pr&#228;sidenten messen lassen m&#252;ssen. Langsam aber deutlich dr&#228;ngen sich – in diesem nach wie vor nicht wirklich z&#252;nden wollenden Wahlkampf – Parallelen zur US-Wahl 2004 auf. Vor allem, wenn man sich den stotternden SPD-Wahlkampfapparat und die Bilanz ihres im Parteiwerbersprech „FW Steinmeier“ genannten Spitzenkandidaten anschaut. Pr&#228;sidentschaftskandidat der Demokraten war 2004 ein gewisser <strong>John Kerry.</strong> Und die Ausgangssituation des Senators aus Massachusetts war alles andere als schlecht: Mehr als tausend Soldaten hatten ihr Leben in einem in der US-&#214;ffentlichkeit zunehmend umstrittenen Krieg verloren. &#220;ber eine Millionen Arbeitspl&#228;tze waren verloren gegangen. In den Tagen vor der Wahl lag die Zustimmung zur Politik des Amtsinhabers George W. Bush bei unter 50 Prozent. Kerry dagegen <strong>vertrat zu fast allen politischen Themen die Position der Mehrheit der Amerikaner. Trotzdem verlor er am Ende</strong> – zugegebenerma&#223;en knapp, aber in einem Rennen, das er angesichts der Bilanz des Amtsinhabers h&#228;tte gewinnen m&#252;ssen.</p>
<p>Die Gr&#252;nde sind vielschichtig, vor allem w&#228;re Kerrys Niederlage nicht ohne die von Bushs Berater Karl Rove organisierte und von den Demokraten massiv untersch&#228;tzte Mobilisierung der republikanischen Parteibasis denkbar gewesen. Nicht unterschlagen werden soll auch, dass Steinmeiers Ausgangslage als Regierungsmitglied und Herausforderer in Personalunion ungleich schwerer ist als Kerrys und dass er es mit einer sich kontinuierlich hoher Popularit&#228;tswerte erfreuenden und pr&#228;sidial &#252;ber den Dingen schwebenden Amtsinhaberin zu tun hat.</p>
<p>Trotzdem sind mit Blick auf die aktuelle Lage der SPD vor allem zwei eng miteinander verkn&#252;pfte Faktoren von Interesse. Erstens John Kerrys eklatante <strong>Kommunikationsschw&#228;che</strong>. Inhaltlich mied er lange die direkte Auseinandersetzung mit der verfehlten Au&#223;enpolitik seines Gegners und hob stattdessen abwechselnd und ohne Fokussierung auf diverse innenpolitische Themen ab. Doch weder mit seinem protektionistische Sturmlauf gegen das „Outsourcing“ von Arbeitspl&#228;tzen noch mit dem Thema Krankenversicherung oder der Forderung nach Steuersenkungen f&#252;r die Mittelklasse stie&#223; er auf gro&#223;e Resonanz.<strong> Kerry hatte zwar die Fakten auf seiner Seite, war aber nicht in der Lage, ein Narrativ zu entwickeln, koh&#228;rente Botschaften davon abzuleiten und darzulegen, f&#252;r welche Werte er stand.</strong> Abgehoben und spr&#246;de kamen seine Statements daher, nie gelang es ihm, sein Patrizier-Image loszuwerden. Erst recht nicht durch seine v&#246;llig missgl&#252;ckten Fernsehspots, die das Image des elit&#228;ren Ostk&#252;stensnobs noch verfestigten und von denen man h&#228;tte glauben k&#246;nnen, die Republikaner h&#228;tten f&#252;r sie bezahlt.</p>
<p>Auch Frank-Walter Steinmeier hat Schwierigkeiten, seinen Ideen, Werten und Visionen Ausdruck zu verleihen und die deutschen W&#228;hler davon zu &#252;berzeugen, dass das Land einen Wechsel braucht. In einem an &#252;berzeugenden Interpretationen der  Misere und mitrei&#223;enden Zukunftsentw&#252;rfen ohnehin <a href="http://carta.info/11237/gensemer-es-kommt-auf-die-hoffnung-an-dass-wahlen-auch-wirklich-etwas-veraendern/">armen Wahlkampf</a> wirken seine Auftritte h&#228;ufig entweder leidenschaftslos oder inszeniert. Vor allem aber hat der Kandidat sein Thema, seine Erz&#228;hlung noch nicht gefunden, weswegen er es mit unz&#228;hligen Einzelproblemen versucht. Doch was Souver&#228;nit&#228;t und &#220;berblick vermitteln soll, verf&#228;ngt nicht, da auch Angela Merkels Kompetenzwerte hoch sind. Es wirkt schlimmstenfalls erratisch und wahltaktisch motiviert (Karstadt).  <strong>Es fehlt der schl&#252;ssige &#220;berbau, der die Menschen wieder f&#252;r die Sozialdemokratie begeistern w&#252;rde.</strong></p>
<p>Fest steht: es ist ein Trugschluss, zu glauben, man sch&#228;rfe das soziale Profil der SPD, wenn man einem erwachsenen Arbeitslosen vor laufenden Kameras in <strong>Feudalf&#252;rsten-Manier</strong> verspricht, sich f&#252;r ihn um einen Job zu k&#252;mmern, wie Steinmeier es <a href="http://daserste.ndr.de/annewill/archiv/erste10370.html">bei Anne Will</a> tat. <strong>Durchschaubar und verfehlt wirkt auch Steinmeiers Hinweis auf die bescheidenen Verh&#228;ltnisse seiner Herkunft</strong>, vor allem wenn er seinem Gegen&#252;ber auf der Betroffenheitscouch und dem Fernsehpublikum vorab sinngem&#228;&#223; erkl&#228;rt: „Sie werden vielleicht denken, ich k&#246;nne mich nicht in Ihre Lage hineinversetzen“ und so bestehende Vorurteile erst aktiviert. Bill Clintons „I feel your pain“ mag zwar pathetisch gewesen sein, aber man nahm es ihm ab.</p>
<p>Nat&#252;rlich h&#228;ngt Steinmeiers Spielraum und letztlich auch sein Abschneiden stark vom Zustand seiner Partei ab. <strong>Die SPD befindet sich, allen Jubel- und Klatschorgien auf dem Berliner Parteitag zum Trotz,  nachwievor in einer Identit&#228;tskrise</strong>. Das Wahlprogramm: ein Potpourri, das aktuelle Herausforderungen und Probleme benennt. Es fehlen Konzepte und eine politische Sprache, die der Erosion der sozialdemokratischen W&#228;hlerkonstellation Einhalt gebieten k&#246;nnten, die das klassische, gewerkschaftlich orientierte SPD-Klientel mobilisieren und gleichzeitig jene urbane Milieus &#252;berzeugen, die in Heerscharen zu den Gr&#252;nen und in Teilen zur FDP abwandern.</p>
<p>Womit wir beim Thema <strong>Organisation und Strategie</strong> w&#228;ren, dem <strong>zweiten gro&#223;en Problem der Kerry-Kampagne</strong>. Nach seiner Nominierung arbeiteten sein Team und das <em>Democratic National Committee</em> (DNC), die nationale Organisation der Demokratischen Partei, lange Zeit aneinander vorbei. Statt einen wirklich gemeinsamen Wahlkampf zu f&#252;hren, wurden Gelder und Ressourcen verschwendet und parteiinterne Kleinkriege ausgefochten. Zu keinem Zeitpunkt gelang es John Kerry, die verschiedenen Lager zu befrieden und sich etwa die Loyalit&#228;t der Anh&#228;nger Howard Deans, seines parteiinternen Rivalen bei den Vorwahlen, zu sichern. So nahm es kein Wunder, dass Kerry, getrieben von verschiedenen Interessen und am Schluss so gut wie gar nicht mehr auf Rat h&#246;rend, keine klare kommunikative Linie entwickelte. Seine Aussage „I actually did vote for the $87 billion before I voted against it” war symptomatisch f&#252;r eine Kampagne, der es nie gelang, dem Attacken der Republikaner zu begegnen, in die Offensive zu gehen und wirkliche Wechselstimmung zu erzeugen. Der Mangel an Strategie und Koordination in seiner Kampagne hatte sich auf sein Image niedergeschlagen.</p>
<p>Barack Obama hat aus diesen Fehlern gelernt. Weite Teile der DNC (politische Abteilungen, Wahlkreis- und Mobilisierungsexperten) zogen nach den Primaries von Washington nach Chicago, wo der Jungsenator aus Illinois seine Zentrale hatte. Anstelle zerfaserter Strukturen stand eine schlagkr&#228;ftige, integrierte und voll auf den Kandidaten ausgerichtete Organisation mit einer gemeinsamen Strategie. Nat&#252;rlich unterscheiden sich die deutschen Volksparteien, was ihre Tradition, ihre Organisation und ihren programmatischen Anspruch angeht, von ihren US-Pendants. Das strategische Vakuum, das in der SPD in den vergangenen Jahren entstanden ist, erkl&#228;rt dies aber noch lange nicht. <strong>Es fehlt ein operatives, von den verschiedenen Machtzentren der SPD anerkanntes F&#252;hrungszentrum</strong>, das integrierend wirkt, koordiniert, wo n&#246;tig diszipliniert und – wichtiger noch – mobilisiert, indem es der Maxime „Mehr Demokratie wagen“ auch innerparteilich wieder eine Bedeutung gibt.</p>
<p><strong>Politische F&#252;hrung</strong> im Sinne von Leadership ersch&#246;pft sich nicht in formalen Hierarchien, straffer Steuerung und Machterhalt, sondern basiert auf <strong>zwei Akteuren</strong>: den F&#252;hrenden und seinen (potentiellen) Anh&#228;ngern. <strong>Erst der imagin&#228;re Pakt, den beide schlie&#223;en, macht den F&#252;hrenden zum F&#252;hrenden und die Anh&#228;nger zu Anh&#228;ngern.</strong> Ein Leader in demokratischen Systemen gewinnt seine Follower also nicht ein f&#252;r alle Mal, sondern hat diese st&#228;ndig von seiner F&#252;hrungsleistung zu &#252;berzeugen und zu mobilisieren. Ohne Zweifel ist: Franz M&#252;ntefering und Kajo Wasserh&#246;vel „k&#246;nnen Wahlkampf“. Im Unterschied zu Steinmeier verf&#252;gen sie &#252;ber Stallgeruch und die Erfahrung vergangener Schlachten. Doch der Erfolg der Vergangenheit kann auch zum Hemmschuh werden – zumal dann, wenn weniger <em>mit</em> als lediglich <em>f&#252;r</em> den Spitzenkandidaten Wahlkampf gemacht wird. Zweieinhalb Monate vor der Wahl hat man den Eindruck, als w&#252;rden Steinmeier die Schuhe des SPD-Kanzlerkandidaten noch nicht passen. Sie sind ihm nicht zu gro&#223;, sondern sie sind einfach nicht auf ihn zugeschnitten. Der aggressive, stark auf Abgrenzung von den anderen Parteien statt auf eigene Positionen setzende Europawahlkampf jedenfalls passte nicht zum Image des Au&#223;enministers. Und nach einem doch im Wesentlichen national gepr&#228;gten Europawahlkampf so zu tun, als habe das das Abschneiden nichts mit Steinmeier zu tun oder als h&#228;tte es ihn nicht besch&#228;digt, macht die Dinge nicht besser.</p>
<p>Grundlegende Reparaturen sind bei laufendem Motor und in der Hektik eines Superwahljahres schwer m&#246;glich. Will sie gesellschaftlich anschlussf&#228;hig bleiben, wird die SPD perspektivisch nicht um sie herum kommen, ganz unabh&#228;ngig vom Wahlausgang. Nach dem Europawahldesaster scheint zumindest realisiert worden zu sein, dass die Abstimmung zwischen Au&#223;enministerium und Willy-Brandt-Haus verbesserungsw&#252;rdig ist. Mit der Berufung von Thomas Steg zu seinem Sprecher und Medienberater greift Steinmeier nun st&#228;rker in die Wahlkampff&#252;hrung ein. <strong>Ob sich das Ruder in den verbleibenden zweieinhalb Monaten noch wird rumrei&#223;en lassen, ist mehr als zweifelhaft.</strong> Auch in Zeiten der Wirtschaftskrise entstehen aus der popul&#228;ren Kritik an Privatisierung und Deregulierung nicht automatisch Stimmen f&#252;r die seit &#252;ber zehn Jahren regierende SPD. Das vielbeschworene „neue“ sozialdemokratische Jahrzehnt – es hat wahrscheinlich l&#228;ngst begonnen. Die offene Frage ist, welche Rolle die SPD mittelfristig darin spielen wird.
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<a href="http://carta.info/11391/steinmeier-in-der-kerryfalle/">Steinmeier in der Kerry-Falle</a> on <a href="http://carta.info">CARTA</a> | <a href="http://carta.info/11391/steinmeier-in-der-kerryfalle/#comments">5 comments</a>
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		<title>Europawahlen: &#8220;Praktizierte Europaverachtung&#8221;</title>
		<link>http://carta.info/10282/europawahlen-praktizierte-europaverachtung/</link>
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		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 17:03:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alle Beiträge]]></category>

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		<description><![CDATA[40 Prozent Wahlbeteiligung werden am Sonntag bei den Europawahlen erwartet – und das sind noch optimistische Sch&#228;tzungen. Das geringe Interesse an der Europawahl – es ist ein Trauerspiel. Und Schuld daran sind nicht die EU oder das vielgeschm&#228;hte Europaparlament, sondern vor allem die Parteien und das, was sie uns als Europawahlkampf verkaufen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vorneweg die CDU. Der Kanzlerinnenwahlverein wirbt mit einer pr&#228;sidialen Angela Merkel und dem Halbsatz „Wir in Europa“. Man soll wohl CDU w&#228;hlen, um zu erfahren, wie er vollst&#228;ndig lautet. Aus &#220;berzeugung SPD w&#228;hlen, tun heutzutage ja die wenigsten. Folglich inszeniert sich die einst stolze Volkspartei schlicht als das kleinere &#220;bel. Mit all den anderen Hei&#223;e Luft-, Finanzhai- und Dumpinglohnparteien w&#252;rde es ja schlie&#223;lich noch schlimmer kommen. Das Programm der FDP hei&#223;t Silvana Koch-Mehrin und die beschr&#228;nkt sich darauf, mit lasziv ge&#246;ffnetem Mund mal eben ein Jahrhundert Emanzipationsgeschichte wegzul&#228;cheln.</p>
<p>Vor ihren gro&#223;geschriebenen Vornamen hat sie sicherheitshalber noch einen Doktortitel setzen lassen, schlie&#223;lich besagen die Mythen der Parteienforschung, dass ein paar &#196;rzte und Rechtsanw&#228;lte mal FDP gew&#228;hlt haben. Und weil Botschaft und Produkt in der Werbung immer zueinander passen m&#252;ssen und man auch von Heidi Klum keine Aussagen &#252;ber Europas Finalit&#228;t oder die Regulierung der Finanzm&#228;rkte erwarten w&#252;rde, wirbt Silvana schlicht mit „F&#252;r Deutschland in Europa“. Wer daf&#252;r ist – also Deutschland nicht wie die anderen Parteien in der s&#252;dlichen Hemisph&#228;re verortet – ist hier richtig. Die Diskussion des GR&#220;NEN-Slogans – „WUMS“ – muss an dieser Stelle leider entfallen, weil der Autor ihn nicht verstanden hat. Schade eigentlich, denn die GR&#220;NEN haben mit ihrem Green New Deal nicht nur programmatisch <a href="http://www.ftd.de/meinung/kommentare/:FTD-Wahlempfehlung-Europawahl-Warum-nicht-gr%FCn/522360.html">vorgelegt</a>, sondern versuchen seit der Gr&#252;ndung der Europ&#228;ischen Gr&#252;nen Partei vor f&#252;nf Jahren in Rom auch wie keine andere Partei, den Integrationsprozess in ihren Strukturen nachzuvollziehen.</p>
<p>All das ist nicht nur banal und inhaltsleer – das ist praktizierte Europaverachtung. Eine ernsthafte Debatte dar&#252;ber, dass die EU und damit auch das Europaparlament der nationalen Politik in vielen Bereichen, etwa der W&#228;hrungs-, Wettbewerbs- oder Verbraucherschutzpolitik, l&#228;ngst den Rang abgelaufen haben, findet nicht statt. Tabuisiert wird, dass viele weitere Herausforderungen – die Wirtschaftskrise, die Frage sozialer Mindeststandards oder die Einwanderungsproblematik – ebenfalls nur gemeinsam gel&#246;st werden k&#246;nnen. Themen, &#252;ber die sich trefflich streiten l&#228;sst, gebe es also genug. Doch bleibt es im Wahlkampf bei pro-europ&#228;ischen Lippenbekenntnissen, populistischer EU-Kritik oder nationalen Themen.<br />
Damit verfestigen die Parteien just jene Apathie auf Seiten der B&#252;rger, &#252;ber die sie im n&#228;chsten Moment Krokodilstr&#228;nen vergie&#223;en. Seit Jahren steht die Bedeutung der EU in einem krassen Missverh&#228;ltnis zu ihrem Image. Zwar bildet sich dank Schengen, des Euros und diverser Studentenaustauschprogramme zusehends ein Bewusstsein f&#252;r Europa als kulturellem Raum ohne Grenzen. Doch wird die EU, also das politische Europa, von den B&#252;rgern bestenfalls hingenommen.</p>
<p>Noch immer steht Br&#252;ssel f&#252;r wenig mehr als den Einfall des globalen Turbokapitalismus, Arbeitsplatzverlust und die Erosion nationaler Wohlfahrtskulturen. Das ist nicht zuletzt darauf zur&#252;ckzuf&#252;hren, dass von einem den Wirtschafts- und W&#228;hrungsraum erg&#228;nzenden europ&#228;ischen Sozialmodell keine Rede sein kann. Antworten auf Fragen, zu denen Europ&#228;er Umfragen zufolge Antworten erwarten, die Sorge vor Wirtschaftskrise und Jobverlust, blieb die EU schuldig, denn auf ein gemeinsames Krisenmanagement beziehungsweise eine Abstimmung der nationalen Konjunkturprogramme konnten sich die Mitgliedsstaaten <a href="http://www.swp-berlin.org/produkte/swp_aktuell_detail.php?id=10713">nicht einigen</a>.</p>
<p>Wenn just jene Politiker, die sich gerne auf ein vermeintlich „h&#246;heres Gut“ oder den Mehrwert der EU beziehen, die EU untereinander vor allem als Fortschreibung nationaler Politik verstehen, verwundert es kaum, wenn die W&#228;hler ihrerseits Br&#252;ssel zur Projektionsfl&#228;che f&#252;r Fehlentwicklungen aller Art machen und europapolitische Abstimmungen daf&#252;r nutzen, Denkzettel f&#252;r die nationale Politik zu verteilen. Doch wer ein anderes Europa will, muss w&#228;hlen gehen statt durch Abstinenz den Status Quo zu st&#228;rken.</p>
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		<title>Europawahl: Beteiligungsdesaster im F&#252;nfjahresrhythmus</title>
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		<pubDate>Fri, 15 May 2009 10:50:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alle Beiträge]]></category>
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		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Anfang Juni steht der EU bei den Europawahlen  ein neues Beteiligungsdesaster ins Haus. Dabei zeigt nicht nur die Finanzkrise, dass es nicht an europapolitischen Themen mangelt. Doch es fehlt der politische Mut und die Bereitschaft, sich auf eine europ&#228;ische Streitkultur einzulassen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/3ecc4e5d6e96dd3897d0fba026079b" alt="" width="1" height="1" /><br />
Just nach dem „Big Bang“, der Erweiterung um 10 L&#228;nder, war der Katzenjammer gro&#223; in Europa: Es schien, als liefen EU-Europa die B&#252;rger davon. 342 Millionen W&#228;hler waren im Juni 2004 aufgerufen, das Europ&#228;ische Parlament zu w&#228;hlen. Und nicht einmal die H&#228;lfte mochte sich beteiligen, in den Beitrittsl&#228;ndern nur knapp ein Drittel. Man muss kein Prophet sein um vorherzusagen, dass das Interesse auch in diesem Jahr gering sein wird. Dabei w&#228;chst die Bedeutung der EU. Schlie&#223;lich hat die Wirtschafts- und Finanzkrise nicht nur ganz Europa eine Rezession beschert, sondern zweierlei deutlich gemacht:</p>
<p>&#8211; Erstens: alleine ist und bleibt der <strong>Nationalstaat </strong>allen Krisenmanagements zum trotz &#252;berfordert. Nur internationale Regelwerke und Kontrollmechanismen k&#246;nnen den notwendigen Schutz vor vergleichbaren <strong>Spekulationsgesch&#228;ften</strong> und Zusammenbr&#252;chen sicherstellen.</p>
<p>&#8211; Zweitens: Nicht die EU sondern vor allem die Europapolitik der letzten Jahre tr&#228;gt <strong>Z&#252;ge eines neoliberalen Projektes</strong>. Wer Br&#252;ssel heute (zu recht) den Tanz um das goldene Kalb des freien Kapitalverkehrs vorwirft, kann und sollte seiner Position Geh&#246;r verschaffen.</p>
<p>Daf&#252;r sind die Europawahlen da. Doch seit dem ersten Urnengang vor fast 30 Jahren ist die Stimmbeteiligung kontinuierlich zur&#252;ckgegangen. Nach wie vor wird die EU als eine vorwiegend die Binnenmarktintegration betreffende Angelegenheit zwischen Staaten verstanden, aber nicht selbst als Gemeinwesen, das die M&#246;glichkeit und Notwendigkeit der Teilhabe und Identifikation mit sich bringt. <strong>Ihre Entscheidungen scheinen geradewegs aus dem Nichts zu kommen; was &#252;ber sie bekannt ist, geht an den Bed&#252;rfnissen der B&#252;rger vorbei und ruft nicht selten Protest hervor.</strong></p>
<div id="attachment_6267" class="wp-caption aligncenter" style="width: 483px"><a href="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2009/03/eu-parlament.jpg"><img class="size-full wp-image-6267" title="EU-Parlament:" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2009/03/eu-parlament.jpg" alt="Parlamentsgeb&#228;ude in Strassburg" width="473" height="295" /></a><p class="wp-caption-text">EU-Parlament: Die Entscheidungen scheinen geradewegs aus dem Nichts zu kommen</p></div>
<p>Wissenschaft, Publizistik und Politik machen daf&#252;r gerne das Fehlen eines wirklich europ&#228;ischen Demokratiebewusstseins und, damit zusammenh&#228;ngend, einer europ&#228;ischen &#214;ffentlichkeit verantwortlich. Indikativ hierf&#252;r ist ein <a href="http://www.nzz.ch/2004/06/14/al/newzzDVGA1EFL-12.html">Beitrag</a> der Neuen Z&#252;rcher Zeitung am Tag nach der Wahl 2004. Hier wird launig kommentiert, „die Suche nach einer europ&#228;ischen Identit&#228;t [wird] bis auf weiteres in erster Linie auf dem Papier stattfinden. Eine gemeinsame Verfassung und wohlklingende Phrasen von politischer Einheit bleiben weiterhin Wunschdenken der EU-B&#252;rokraten.“ Der Artikel trug den Titel „<a href="http://www.nzz.ch/2004/06/14/al/newzzDVGA1EFL-12.html">Eine europ&#228;ische &#214;ffentlichkeit fehlt</a>“. So oder &#228;hnlich wird auch in zwei Monaten wieder geleitartikelt werden. Doch trifft diese Beobachtung zu? Leidet die EU wirklich unter einem „<strong>&#214;ffentlichkeitsdefizit</strong>“? Und falls die Diagnose stimmt, was ist dagegen tun?</p>
<p>Die Frage nach dem Zustand &#246;ffentlicher Kommunikation in und &#252;ber Europa stellt sich heute dringlicher denn je. <strong>Denn wirksames europ&#228;isches Regieren setzt voraus, dass es gelingt, die B&#252;rger f&#252;r diesen Prozess zu gewinnen</strong>. Schlie&#223;lich geh&#246;rt zu einer gelebten europ&#228;ischen Verfassung, so hat es der Berliner Sozialhistoriker Hartmut Kaelble formuliert, „nicht nur ein guter Verfassungstext, sondern auch eine &#214;ffentlichkeit, die einerseits eine europ&#228;ische Regierung st&#252;tzt, ber&#228;t, kritisiert oder auch bek&#228;mpft und die andererseits zu einer Identifizierung der europ&#228;ischen B&#252;rger mit demokratischen europ&#228;ischen Institutionen und mit B&#252;rgerrechten und B&#252;rgerpflichten f&#252;hrt“.</p>
<p>Sowohl in der europapolitischen Rhetorik als auch in der Wissenschaft hat der &#214;ffentlichkeitsbegriff seit geraumer Zeit Konjunktur. <strong>Lange wurde die EU technokratisch und aus &#246;konomischen Imperativen heraus begr&#252;ndet</strong>. Infolgedessen – und dabei handelte es sich um einen konstanten und r&#252;ckblickend vielleicht auch notwendigen Begleitumstand der europ&#228;ischen Einigungsgeschichte – hinkte der &#246;ffentliche Diskurs in den Mitgliedstaaten den vollendeten Tatsachen europ&#228;ischer Integration hinterher. Seit mit dem Vertrag von Maastricht 1993 jedoch just jenes Dokument auf den Protest der nationalen B&#252;rgerschaften stie&#223;, das die B&#252;rger der Mitgliedsstaaten zu B&#252;rgern der EU machte, gelten Aufmerksamkeit und Anteilnahme der breiten &#214;ffentlichkeit als conditio sine qua non einer weiteren Vertiefung der europ&#228;ischen Integration. Dieses Streben nach B&#252;rgern&#228;he fu&#223;t auf der Erkenntnis, dass auch ein <strong>Politzwitter wie die EU, die zwar mehr als eine internationale Organisation, aber dennoch kein Staat ist</strong>, der Legitimation durch seiner B&#252;rger bedarf. Mit dem Gipfel von Nizza im Dezember 2000, der Einberufung des Verfassungskonvents und einer Reihe von gut gemeinten Papieren seitens der EU-Kommission schien diese Einsicht auch auf politischer Ebene (zumindest rhetorische) Anerkennung gefunden zu haben.</p>
<p>An hehren Worten fehlte es also nicht. Ganz im Gegenteil. Denn mit dem <strong>inflation&#228;ren Gebrauch des &#214;ffentlichkeitsbegriffs </strong>verschwimmen auch seine Konturen. Zu fragen ist daher: Welche Form von &#214;ffentlichkeit entspricht &#252;berhaupt dem sich traditionellen Kategorisierungen entziehenden Charakter der europ&#228;ischen Mehrebenendemokratie? Welche ist erforderlich, um Informiertheit und Partizipation ihrer B&#252;rger zu erm&#246;glichen?</p>
<p><strong>Die Legende vom europ&#228;ischen &#214;ffentlichkeitsdefizit</strong></p>
<p>Im akademischen wie publizistischen Diskurs ist die Annahme weit verbreitet, dass die EU unter einem „&#214;ffentlichkeitsdefizit“ leide. Der europ&#228;ische Einigungsprozess, hei&#223;t es, realisiere sich in zwei Geschwindigkeiten: W&#228;hrend die politischen, &#246;konomischen und juristischen Sph&#228;ren zusehends konvergieren, blieben die Kommunikationsstrukturen national fragmentiert. Ausgehend vom Ideal eines paneurop&#228;ischen Kommunikationsraums, dessen Grenzen mit denen des vom supranationalen Regieren betroffenen sozialen Raums &#252;bereinstimmen, argumentieren die Skeptiker, dass eine „wirkliche“ europ&#228;ische &#214;ffentlichkeit sowohl ein einheitliches, alle Mitgliedsstaaten umfassendes Mediensystem als auch eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsam erfahrene Geschichte voraussetzt. Da diese Bedingungen alleine angesichts der sprachlichen Heterogenit&#228;t in der EU nicht erf&#252;llt sind und von einem „Demos“ im klassischen, staatszentrierten Sinne schon gar keine Rede sein kann, ist es diesem pessimistischen Ansatz folgend um die Aussichten f&#252;r &#214;ffentlichkeit und Identit&#228;t in der Union schlecht bestellt. Diese Aussage, der sich 1993 auch das Bundesverfassungsgericht in seinem Maastricht-Urteil anschloss, hat gewichtige Implikationen. Denn ihr zufolge ist auch <strong>das Projekt einer Demokratisierung Europas zum Scheitern verurteilt </strong>– institutionelle Reform hin oder her. So fragt der Historiker Christian Meier: „Wie [...] soll eine europ&#228;ische Demokratie m&#246;glich sein? Es mangelt an einer gemeinsamen &#214;ffentlichkeit, einer gemeinsamen Gesellschaft, der sich der finnische Waldarbeiter und der andalusische Stierk&#228;mpfer so wie der deutsche Studienrat zugeh&#246;rig f&#252;hlte. Es fehlen alle vermittelnden Instanzen, Medien so gut wie europ&#228;ische Parteien.“</p>
<p>Gewiss: Wer den Nationalstaat zur Norm f&#252;r die Suche nach einer einheitlichen, fest umrissenen europ&#228;ischen &#214;ffentlichkeit erhebt, landet unweigerlich in der Sackgasse. Wo, in einer EU mit 27 Mitgliedern, sind die Medien, wo die Akteure und wo das eine, kulturell und sprachlich homogene Publikum, das sich &#252;ber den Raum erstreckt, auf den die Union wirtschaftlich und politisch Einfluss nimmt? Es gibt – folgt man diesen Kriterien – keine europaweite &#214;ffentlichkeit, sondern allenfalls eine <strong>Experten-&#214;ffentlichkeit der Berufseurop&#228;er</strong> aus Wirtschaft und Politik, die sich &#252;ber europaweit verbreitete Elitemedien wie Financial Times, Economist oder Euronews informieren. Von oben herab, mittels Verordnungen und finanzschwerer Programme herstellbar ist eine solche von Estland bis Gibraltar, von Schottland bis Zypern reichende &#214;ffentlichkeit schon gar nicht. Genauso wie klar ist, dass sich nationalstaatliche Identit&#228;ten nicht durch Hymne, Flagge und Feiertag zu einer europ&#228;ischen Identit&#228;t verschmelzen lassen, wird die europ&#228;ische &#214;ffentlichkeit auf absehbare Zeit eine aus nationalen &#214;ffentlichkeiten zusammengesetzte sein.</p>
<p><strong>Europas emergenter Kommunikationsraum</strong></p>
<p>Doch  bedeutet dies nicht, dass Debatten &#252;ber das Gemeinwohl betreffende Themen &#252;ber Sprach-, und L&#228;ndergrenzen hinweg unm&#246;glich sind. <strong>Schlie&#223;lich bestehen &#214;ffentlichkeiten schon auf nationaler Ebene aus widerspr&#252;chlichen, heterogenen Kr&#228;ftefeldern.</strong> So werden selbst multikulturelle und linguistisch segmentierte Gesellschaften wie die Schweiz, Spanien oder Kanada den normativ &#252;berfrachteten Ma&#223;st&#228;ben eines nationalstaatlichen &#214;ffentlichkeitsverst&#228;ndnisses nicht gerecht – und gelten trotzdem als konsolidierte Demokratien mit wirkungsvollen &#214;ffentlichkeiten. Nur ist der europ&#228;ische Kommunikationsraum nicht als projektive Fortschreibung innerstaatlicher &#214;ffentlichkeiten vorstellbar. <strong>&#214;ffentlichkeit in der postnationalen Konstellation</strong> Europas konstituiert sich als Prozess der Europ&#228;isierung bestehender nationaler Kommunikationsr&#228;ume, also &#252;ber die transnationale Verschr&#228;nkung nationaler Debatten. Weder der Fortbestand nationaler Mediensysteme noch die Mehrsprachigkeit der EU stellen demnach Hinderungsgr&#252;nde f&#252;r die Entstehung einer europ&#228;ischen &#214;ffentlichkeit dar. Von einer EU-weiten &#214;ffentlichkeit kann dieser erstmals 1996 von J&#252;rgen Habermas entwickelten Argumentation folgend dann die Rede sein, wenn die Medien der Mitgliedsstaaten die gleichen Themen zur gleichen Zeit und unter &#228;hnlichen Relevanzgesichtspunkten diskutieren. Voraussetzung f&#252;r eine europ&#228;ische &#214;ffentlichkeit sind also weder eine lingua franca noch gemeinsame Medien, sondern <strong>europ&#228;ische Themen als „relevante Gegenst&#228;nde politischer Kommunikation in den lokalen, regionalen und nationalen &#246;ffentlichen Arenen</strong>“, wie es die Berliner Soziologen Klaus Eder und Cathleen Kantner <a href="http://www.linksnet.de/de/artikel/18326">formulierten</a>.</p>
<p>Doch genau daran mangelt es. Der oft angemahnte europaweite und europabezogene politische Diskurs findet nur schlaglichtartig statt – etwa aus Anlass des Kosovo-Krieges, der BSE-Krise oder der Regierungsbeteiligung der rechtspopulistischen FP&#214; in &#214;sterreich. Handelt es sich nicht um ein nationale Gem&#252;ter bewegendes Problem wie die Einf&#252;hrung des Euro oder der blaue Briefe aus Br&#252;ssel, wird den Institutionen und Entscheidungsprozessen der EU kaum die Aufmerksamkeit zu Teil, die ihnen geb&#252;hrt.</p>
<p><strong>&#214;ffentlichkeit braucht Debatte</strong></p>
<p>So sind, das zeigen empirische Studien, die Institutionen und Entscheidungsprozesse der EU gemessen an ihrer stetig zunehmenden Bedeutung f&#252;r den Alltag der EU-B&#252;rger in der Berichterstattung der nationalen Medien chronisch unterrepr&#228;sentiert. Und selbst wenn sich Presse, Rundfunk und Fernsehen intensiver mit europ&#228;ischen Fragen besch&#228;ftigen, geschieht dies &#252;berwiegend aus rein nationaler Perspektive. Von europ&#228;ischen Bewertungen oder einer angemessenen Ber&#252;cksichtigung europ&#228;ischer Akteure ist die Europaberichterstattung noch weit entfernt. Die Ausnahme bilden die wenigen bereits erw&#228;hnten europ&#228;ischen Medien. Eben diese verweisen auf ein weiteres Defizit, die Tatsache, dass die europ&#228;ische &#214;ffentlichkeit bislang vor allem eine Eliten- beziehungsweise Experten&#246;ffentlichkeit ist. Keine der gro&#223; angelegten PR-Aktionen der emsigen EU-Kommunikationskommissarin Margot Wallstr&#246;m gelang es in den letzten Jahren, den eingeschr&#228;nkten Kommunikationsraum europ&#228;ischer Eliten zu &#252;berschreiten und das Interesse der nationalen &#214;ffentlichkeiten zu gewinnen. Und so bildet sich dank des Schengener Abkommens, des Euros, des europ&#228;ischen Passes sowie diverser Sch&#252;ler- und Studentenaustauschprogramme in den europ&#228;ischen B&#252;rgerschaften zunehmend ein Bewusstsein f&#252;r Europa, der Transfer zur EU als politischem System indes funktioniert nicht. <strong>Die Medien als zentrale politikvermittelnde Instanz kommen meist nicht &#252;ber die Rolle eines Spiegels dieser gesellschaftlichen Unsicherheit mit Europa hinaus</strong>. Europapolitik, so sie keinen Skandalgehalt hat, kommt kaum vor. Als neuer Bezugsrahmen und politisches System jenseits des Nationalstaats wird die EU nicht erfasst.</p>
<p><strong>Einflussm&#246;glichkeiten schaffen</strong></p>
<p>Die Frage, wie die kognitive L&#252;cke zwischen dem Expertenwerk „Integration” und den EU-B&#252;rgern geschlossen werden kann und wie sich die Alleinzust&#228;ndigkeit politischer „Professionals“ und Eliten f&#252;r Europa sprengen l&#228;sst, entzieht sich einfachen Antworten. So hat das Europ&#228;ische Parlament in den vergangenen 25 Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen, ohne dass damit ein Mehr an medialer Aufmerksamkeit (oder Wahlbeteiligung) einher gegangen w&#228;re. Vor allem die Ver&#228;stelungen und Verflechtungen der EU, ihre schwer durchschaubaren Entscheidungsstrukturen und das Fehlen von Kernmerkmalen innerstaatlicher Demokratie wie der Dauerstreit zwischen Regierung und Opposition erschweren eine der nationalen Politik &#228;hnliche Mobilisierung der &#246;ffentlichen Meinung in Europa. <strong>Das Defizit an europ&#228;ischer &#214;ffentlichkeit ist demnach auch ein Reflex des vielfach konstatierten Transparenz- und Demokratiedefizits der EU</strong>. Eine europ&#228;ische &#214;ffentlichkeit wird sich aber in dem Ma&#223;e entwickeln, wie die EU mit verst&#228;ndlichen Strukturen und Entscheidungsprozessen erkennbar, nachvollziehbar und erfahrbar wird und von den nationalen Akteuren auch als eigenst&#228;ndiges politisches System statt als Vehikel nationaler Interessen vermittelt wird. Denn bislang werden, beg&#252;nstigt durch intransparente Zust&#228;ndigkeiten und fast byzantinische Verfahren, positive Entwicklungen von den politischen Protagonisten „nationalisiert“ und zu eigenen Verdienste erkl&#228;rt, w&#228;hrend Misserfolge und Fehlentwicklungen der Kommission, „Br&#252;ssel” oder anderen Mitgliedstaaten angelastet werden.</p>
<p>Trotz Aufwertung des Parlaments, der Einf&#252;hrung eines &#246;ffentlich tagenden Rates und der Integration der Grundrechte-Charta wird der erst nach den Wahlen in Irland zur Abstimmung stehende Lissabon-Vertrag die europ&#228;ischen Entscheidungsstrukturen nicht signifikant den nationalen anpassen. Dennoch w&#252;rde seine Ratifizierung Besserung bringen.</p>
<p>Doch geht es nicht nur um Institutionen, sondern auch darum, was die EU-Akteure aus den ihnen zur Verf&#252;gung stehenden M&#246;glichkeiten machen. Solange sich Europawahlk&#228;mpfe, sofern die EU &#252;berhaupt Thema ist, nur am simplen Gegensatzpaar Pro- oder Contra EU orientieren, werden die Unterschiede „rechter“ und „linker“ Europapolitik nicht deutlich. Gegen Europa machen ein paar wenige kleinere Parteien mobil, ansonsten dominieren <strong>pro-europ&#228;ische Lippenbekenntnisse</strong> und – man kann, nein, man will den B&#252;rgern nicht zu viel zumuten – nationale Themen. Dabei h&#228;tten die gro&#223;en europ&#228;ischen Parteienb&#252;ndnisse EVP und SPE mit etwas Mut (und auch ohne den Vertrag von Lissabon) zumindest symbolisch Spitzenkandidaten f&#252;r das Amt des Kommissionspr&#228;sidenten aufstellen k&#246;nnen, um die wichtige Besetzung der Kommission zum Gegenstand des Wahlkampfes statt des &#252;blichen politischen Kuhhandels zu machen. Die Herstellung einer solchen, l&#228;ngst &#252;berf&#228;lligen Verbindung zwischen dem europ&#228;ischen W&#228;hlerwillen und der Besetzung von europ&#228;ischen Schl&#252;sselpositionen h&#228;tte den weit verbreiteten Glauben zerstreut, die Abstimmung bei den Europawahlen bliebe folgenlos und so dazu beigetragen, die programmatische Debatte &#252;ber den Kurs Europas zu befl&#252;geln.</p>
<p>Wirklich „europ&#228;ische Parteien“, deren Fehlen im Zusammenhang mit den Wahlen immer wieder beklagt wurde, sind angesichts der bestehenden Verflechtung europ&#228;ischer und nationalstaatlicher politischer Ordnungen nicht zwingend erforderlich. Europa muss sich politisieren und transparenter werden. Je gr&#246;&#223;er die Transparenz desto gr&#246;&#223;er der &#246;ffentliche Rechtfertigungsdruck auf die handelnden Akteure. Damit entsteht politischer Wettbewerb, der wiederum &#246;ffentliches Interesse, Medienaufmerksamkeit und Meinungsbildung generiert. Themen, &#252;ber die sich trefflich streiten l&#228;sst, gibt es genug: Finanzkrise, Klimawandel, Migrationspolitik oder die Frage der (nicht vorhandenen) europ&#228;ischen Sozialpolitik.</p>
<p>Von der Europaagonie, von der passiven Hinnahme zur aktiven Identifikation der Unionsb&#252;rger mit dem gemeinsamen Projekt Europa ist es noch ein weiter Weg. <strong>Die EU bedarf nicht der einen monolithischen &#214;ffentlichkeit sondern einer Debattenkultur innerhalb und zwischen den Mitgliedsstaaten</strong>. Wer wei&#223;, dass es Alternativen gibt, wird Einfluss suchen – und so dazu beitragen, dass die Europawahlen zumindest in Zukunft zu wirklich europapolitischen Abstimmungen werden.</p>
<p><!--/* OpenX Image Tag v2.7.25-beta */--></p>
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		<title>Herrschaftsmanagement und Vertrauensverlust: Die neuen Wege der Demokratie</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Apr 2009 12:14:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Uninspiriert wirken die Vorwahlkampfscharm&#252;tzel zwischen den Noch-Regierungspartnern, bieder die Versuche der Parteien, die beispiellose Kampagne Obamas nachzuahmen. Es &#252;berrascht nicht, dass viele Deutsche dem auf die „US-Superwahl“ 2008 folgenden Superwahljahr 2009 reichlich ermattet entgegenblicken. Doch steht bei weitem mehr auf dem Spiel als die Zusammensetzung der n&#228;chsten Bundesregierung. Es geht um die Frage, ob es der deutschen Politik in den anstehenden Wahlk&#228;mpfen gelingt, einen Dialog &#252;ber die Zukunft der Demokratie zu in Gang zu kriegen. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/5792f7a774584d017424141362ee88" alt="" width="1" height="1" /><br />
Der Parteienstaat, so ein g&#228;ngiger und in diesen Tagen medienwirksam vom SPIEGEL-Korrespondenten und Buchautor Gabor Steingart aufgegriffener Vorwurf, habe sich von der Basis abgekoppelt, betreibe „Politik ohne Volk“. &#196;ndern k&#246;nne man an den Zust&#228;nden nur etwas durch <strong>Wahlenthaltung</strong>, so Steingart. Richtig an dieser h&#228;ufig wohlfeil, im Falle Steingarts beleidigt daher kommenden Kritik ist, dass die nationalstaatlich ausgerichtete Demokratie unter Druck steht. Doch sind die <strong>Schwierigkeiten der Parteien</strong>, sich darauf einzustellen, eher Ausdruck als Ursache des Problems.</p>
<p>Der britische Economist hat j&#252;ngst geleitartikelt, die Finanzgeschichte m&#252;sse im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise neu unterteilt werden, in „BC“ f&#252;r „before crisis“ und „AD“, also „after disaster“. Dies trifft nicht nur auf die Geschichte der Finanzm&#228;rkte zu. Denn die Finanzkrise stellt nicht nur die <strong>Glaubw&#252;rdigkeit des Wirtschaftssystems</strong> in Frage. Wir erleben auch eine neue Debatte &#252;ber die Rolle und Relevanz des Staates. Statt der intellektuellen Monotonie von Effizienz, weniger Staat und Deregulierung geht es pl&#246;tzlich um die Handlungsf&#228;higkeit der Demokratie. <strong>Die Abges&#228;nge auf den vom Markt „outperformten“ und von der Globalisierung &#252;berw&#228;ltigten Staat sind verstummt. </strong>Dies mutet schon fast wieder paradox an, hat doch gerade die Krise gezeigt, von welch eingeschr&#228;nkten Spielr&#228;umen nationales Regierungshandeln gepr&#228;gt ist.</p>
<p>Sollen vergleichbare Spekulationsgesch&#228;fte und (Beinah-)Zusammenbr&#252;che k&#252;nftig verhindert werden, braucht es internationale, weltweite Regelwerke und Kontrollmechanismen, kurzum eine <strong>globale Ordnungspolitik</strong>. Letztlich geht es um nicht weniger als eine Anpassung der politischen Zusammenarbeit auf das Niveau der &#246;konomischen Verflechtung. Die traditionelle Abgrenzung zwischen nationaler und internationaler Sph&#228;re sowie das Konzept nationalstaatliche Souver&#228;nit&#228;t – l&#228;ngst ist all das durch die sich ver&#228;ndernden Strukturen des internationalen Systems nicht mehr wirksam. Globalisierung, so hat es Saskia Sassen (mehr dazu <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/29723.html">hier</a>) herausgearbeitet, „entnationalisiert“, was national konstruiert war. Staatlichkeit, im 20. Jahrhundert weitgehend im Staat konzentriert, lagert sich bei Institutionen jenseits des Staates an. Und w&#228;hrend politische Entscheidungsfindung immer h&#228;ufiger im Kontext der Einbindung in das internationale System erfolgt, hinkt die Schaffung effektiver und f&#252;r den B&#252;rger wahrnehmbarer demokratischer Strukturen (<a href="http://carta.info/6258/europawahl/">insbesondere auf EU-Ebene</a>) hinterher. „Staatlichkeit zerfasert“, so die Bremer Wissenschaftler Philipp Genschel und Bernhard Zangl, die <strong>Rolle des Staates</strong> &#228;ndert sich: „Er wird vom Herrschaftsmonopolisten zum Herrschaftsmanager“.</p>
<p>Trotzdem bleibt der <strong>Nationalstaat zentraler Referenzpunkt</strong>, richten sich die Erwartungen der B&#252;rger wie auch Meinungs- und Willensbildungsprozesse insgesamt weiterhin auf die nationale Politik. Gleichzeitig, und darauf verweist Steingart, droht die parlamentarische Demokratie „von unten“ zu zerbr&#246;seln. Bedingt durch ihre Dominanz bei der internationalen Probleml&#246;sung (wir haben es gerade beim G20-Gipfel erlebt), aber auch aufgrund des <strong>zunehmenden Einflusses mediendemokratischer Handlungslogiken auf den Politikprozess</strong> steigt die Bedeutung nationaler Exekutiven im Verh&#228;ltnis zu den Legislativen, die sich tendenziell &#252;berfordert und ausgezehrt zeigen. Die Legislative als Vertretung des Volkes verliert an Sichtbarkeit und Relevanz. Diese Entwicklung geht einher und wird noch gef&#246;rdert durch eine gr&#246;&#223;er werdende, und hinl&#228;nglich dokumentierte Distanz zwischen Parteien und Gesellschaft: die Mitgliedszahlen der Parteien schwinden, der Anteil der Stammw&#228;hler schmilzt zusammen, die Wahlbeteiligung geht zur&#252;ck. Ihre traditionelle Integrations- und Vermittlungsfunktion, ihre Rolle als Bindeglied zwischen regierender Repr&#228;sentanz und regiertem Volk – die gro&#223;en Volksparteien haben sie l&#228;ngst verloren. „Keine zweite &#246;ffentliche Einrichtung“ hat seit der Wiedervereinigung „so eklatant an Vertrauen“ verloren wie die politischen Parteien und die Institutionen der Politik, schreibt der Politikwissenschaftler Franz Walter.</p>
<p>Vertrauen also, eine zentrale und scheinbar fl&#252;chtige Materie – und eine Kategorie, deren inflation&#228;rer Gebrauch nur noch &#252;bertroffen wird durch die Unsch&#228;rfe mit der sie verwendet wird. Der Begriff meint die Unterst&#252;tzung spezifischer politischer Ma&#223;nahmen der Herrschaftstr&#228;ger oder – in einem diffuseren Sinne – die Einstellungen zur politischen Ordnung und ihren Institutionen. Die h&#228;ufig alarmistischen Umfragen und Kommentare zum <strong>schwindenden Vertrauen in die Politik</strong> sind mit Vorsicht zu genie&#223;en. Wenn in Umfragen etwa nach dem Vertrauen in die politischen Parteien gefragt wird, kann Skepsis auch als Zeichen einer permanente Rechenschaft einfordernden, kritischen und insofern funktionsf&#228;higen &#214;ffentlichkeit gesehen werden. Dazu kommt (fr&#252;her war alles viel fr&#252;her, aber nicht unbedingt besser), dass Vergleiche mit der Vergangenheit hinken. So hat der Historiker Edgar Wolfrum darauf hingewiesen, dass viele Deutsche in den gern zitierten 1950ern und 60ern unter Demokratie vor allem Wohlstand, Konsum und Antikommunismus verstanden, nicht jedoch Mitgestaltung und Partizipation im heutigen Umfang.</p>
<p>Trotzdem: ein <strong>Mindestma&#223; an Vertrauen ist Voraussetzung f&#252;r eine funktionierende Demokratie</strong>. Und um Vertrauen aufzubauen und es zu bewahren, reicht es nicht aus, nur gute Politik zu machen. Es geht auch um die Vermittlung von Politik und die Vermittlung von Interessen, Meinungen und Werten in die Politik.</p>
<p>Dabei geht es nicht nur um Akzeptanz im Sinne dauerhafter Zustimmung, also Legitimation durch gute optimaler Probleml&#246;sung und „zufriedene“ B&#252;rger. Es geht auch um <strong>politische Beteiligung jenseits von Wahlen und Umfragen</strong>, also einen inklusiven demokratischen Prozess durch die Mitwirkung in und Teilhabe an politischen Prozessen. Daran, an der Nutzung „positiver Staatsb&#252;rgerrechte“, bemisst sich die Gesundheit gewachsener Demokratien, und hierin liegt die Notwendigkeit f&#252;r die Parteien begr&#252;ndet, sich in ihren innerparteilichen Strukturen und Prozessen fortw&#228;hrend zu erneuern.</p>
<p>Deutlicher denn je haben die Entwicklungen der letzten Monate gezeigt, welch grundlegenden Transformationen der demokratische Nationalstaat ausgesetzt ist. Die <strong>Politik hat im Krisenmanagement bislang &#252;berzeugt</strong> und dem galoppierenden Vertrauensverlust Einhalt geboten. Doch <span style="font-size: 12pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;; mso-fareast-font-family: SimSun; mso-ansi-language: DE; mso-fareast-language: ZH-CN; mso-bidi-language: AR-SA;">die demokratiepolitischen Herausforderungen, die sich aus der Globalisierung ergeben und f&#252;r die die Finanzkrise nur ein Symptom ist, bleiben ungel&#246;st. </span>Die Parteien sollten die Krise daf&#252;r nutzen, in den anstehenden Wahlk&#228;mpfen eine grunds&#228;tzliche Diskussion dar&#252;ber, wie sich demokratische Politik in einem Umfeld globaler Verflechtung denken l&#228;sst, in Gang zu bringen. Dabei geht es auch darum, ob es ihnen gelingt, an Stelle der Hinterzimmerkultur der Ortsvereine die Demokratie mit <strong>neuen, ernsthaften Formen des Dialogs</strong> lebendiger und direkter zu gestalten. Doch bedarf es mehr als der W&#228;hlermobilisierung via Internet. Wenn auf die Finanzkrise einmal zur&#252;ckgeblickt wird, als habe es sich um einen „Weltkrieg ohne Krieg“ gehandelt, wie es der Historiker Neil Ferguson formulierte, sp&#228;testens dann stellt sich auch die Frage, ob diese Ausnahmesituation nicht auch spezielle kommunikative Mittel, eine neue politische Semantik erfordert?</p>
<p><!--/* OpenX Image Tag v2.7.25-beta */--></p>
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		<title>Die Wiedergeburt der Politikberatung</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Feb 2009 08:00:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Leonard Novy</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nach acht Jahren der Wissenschaftsfeindlichkeit stehen die Zeichen unter Barack Obama auf eine Renaissance wissenschaftlicher Politikberatung. Allerorts, in Universit&#228;ten, Forschungseinrichtungen und Think Tanks, ist Optimismus sp&#252;rbar. Doch wie ist es um den Zustand der Politikberatung in Deutschland bestellt?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/331b94b4e9193fbc69f008bfd3e7d1" alt="" width="1" height="1" /><br />
Eine freie, kritische Wissenschaft hatte im Weltbild des ehemaligen US-Pr&#228;sidenten George W. Bush wenig Platz. Nicht an Fakten, Logik oder Vernunft wollte er sich messen lassen, sondern alleine an seinem historischen Ziel,<strong> die Welt von Terror und Fundamentalismus zu befreien</strong>.<br />
Folglich litt der institutionalisierte Austausch zur Wissenschaft. Immer wieder wurde die Bush-Regierung daf&#252;r kritisiert, wissenschaftliche Erkenntnisse bestenfalls zu ignorieren und, im Falle der regierungsinternen Forschungseinrichtungen, gar zu manipulieren. Studien wurden umgeschrieben, gek&#252;rzt oder verf&#228;lscht, um sie der politischen Agenda des Wei&#223;en Hauses anzupassen. Die Administration selbst machte aus ihrer Verachtung f&#252;r die Wissenschaft nie einen Hehl. „Leute wie euch nennen wir realit&#228;tsfixiert“, erkl&#228;rte ein ranghoher Bush-Berater dem Reporter Ron Suskind von der New York Times im Jahr 2002. „Ihr glaubt, dass sich L&#246;sungen durch die sorgf&#228;ltige Analyse der Wirklichkeit ergeben. So funktioniert die Welt nicht mehr. Wir sind ein Imperium. Wenn wir handeln, schaffen wir unsere eigene Realit&#228;t.“<br />
Schon als Kandidat hatte Barack Obama, ein ehemaliger College-Professor, angek&#252;ndigt, das <strong>Verh&#228;ltnis des Wei&#223;en Hauses zu Empirie und Wissenschaft zu korrigieren</strong>. Wohl auch deswegen verlor sein &#220;bergangsteam nach der gewonnenen Wahl keine Zeit und besetzte die wichtigsten &#196;mter im wissenschaftlichen Beraterstab des Pr&#228;sidenten in weniger als zwei Monaten.</p>
<p>Oberster wissenschaftlicher Berater und Direktor des B&#252;ros f&#252;r Wissenschaft und Technologie im Wei&#223;en Haus wird der Harvard-Physiker John P. Holdren. Gemeinsam mit Harold Varmus, einem Krebsforscher und Medizin-Nobelpreisgewinner von 1989, und Eric S. Lander, Genom-Forscher am Massachusetts Institute of Technology und einer der Hauptakteure im internationalen Genomprojekt, wird Holdren zudem Obamas wissenschaftlichen Beraterstab (Council of Advisers on Science and Technology) f&#252;hren. Jane Lubchenco, Meeresbiologin an der Oregon State University, wird als Leiterin der nationalen Beh&#246;rde f&#252;r die Ozeane und die Atmosph&#228;re, k&#252;nftig die Forschung &#252;ber Klimaerw&#228;rmung verantworten. <strong>Die Tatsache, dass mit Steven Chu erstmals ein Wissenschaftler zum Energieminister ernannt wurde, passt ins Bild.</strong> Der Physiknobelpreistr&#228;ger gilt als Vorreiter bei der Erforschung erneuerbarer Energien und war einer der sch&#228;rfsten Kritiker der Klimapolitik George W. Bushs.</p>
<p>Obamas von der Wissenschaft wie auch der &#214;ffentlichkeit begeistert aufgenommene Personalentscheidungen markieren einen Wechsel vor allem in der Klima- und Umweltpolitik und unterstreichen seine Absicht, sich aggressiv mit Amerikas Abh&#228;ngigkeit vom &#214;l und der Erderw&#228;rmung auseinanderzusetzen. Doch vor allem zeugen sie von einem radikal ver&#228;nderten Verh&#228;ltnis zu Wissenschaft und Forschung, einem „<strong>neuen Respekt f&#252;r die Wissenschaft</strong>“ (New York Times): „Ob es um die Bek&#228;mpfung der Erderw&#228;rmung, die Technik zum Schutz unserer Armeen und zur Begegnung von Bioterror and Massenvernichtungswaffen, medizinische Forschung oder Innovationen zur Schaffung von Arbeitspl&#228;tzen im 21. Jahrhundert geht: die Wissenschaft ist heute mehr denn je der Schl&#252;ssel zum &#220;berleben unseres Planeten und zur Sicherheit und Wohlstand unserer Nation“, so Obama in einer Radioansprache aus Anlass der Nominierung Holdrens und seiner Kollegen Ende Dezember.</p>
<p>Umfang und Tragweite politischer Entscheidungen in einer Welt beschleunigten technologischen und sozialen Wandels (und exponentiell wachsenden Wissens) haben in den letzten Jahren auch in Deutschland einen <strong>erh&#246;hten Bedarf an externer Beratung</strong> erzeugt. Beratung hat Konjunktur. Die Diskussion &#252;ber die Qualit&#228;t und die Legitimation von Beratung erst recht, wie unter anderem die Debatte um Qualit&#228;tsleitlinien und die Optimierung wissenschaftlicher Politikberatung (<a href="http://www.bbaw.de/bbaw/Akademie/dateien_bilder/LeitlinienPolitikberatungFinal.pdf">Leitlinien Politikberatung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften</a>) gezeigt hat. Denn <strong>Politikberatung ist l&#228;ngst zum lukrativen Gesch&#228;ft</strong> geworden. So steht das Schlagwort „Beraterrepublik“ f&#252;r den Einfluss von Lobbygruppen, Kommunikations-Agenturen und Unternehmensberatungen – eine unter demokratischen Gesichtspunkten nicht unproblematische Entwicklung.</p>
<p>In den USA und Gro&#223;britannien, wo moderne Think Tanks schon Anfang des 20. Jahrhunderts als Antwort auf neue sicherheits- und wirtschaftspolitische Herausforderungen entstanden, ist der R&#252;ckgriff auf externes Know-How traditionell selbstverst&#228;ndlicher Bestandteil des politi­schen Prozesses. Dort wird das politische F&#252;hrungs­personal seit Jahrzehnten von unterschiedlichen, innerhalb wie au&#223;erhalb der Administration angesiedelten Beratungsinstitutionen beraten. Das Spitzenpersonal wechselt eifrig zwischen unabh&#228;ngigen Denkfabriken und Jobs in der Administration hin und her – allein von der renommierten <a href="http://www.brookings.edu/">Brookings Institution</a> sind in den letzten Wochen 12 Mitarbeiter zur Obama-Administration gewechselt. Die empirische Unterf&#252;tterung von Reformen gilt der Labour Regierung wie auch Barack Obama als <strong>zentrales Qualit&#228;tsmerkmal guter, „evidenzbasierter“ Politik</strong>. In Gro&#223;britannien wie auch in den USA (vor und nach George W. Bush) sitzt mit dem Chief Scientific Adviser ein unabh&#228;ngiger Wissenschaftler am Kabinettstisch.</p>
<div id="attachment_5666" class="wp-caption aligncenter" style="width: 622px"><a href="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2009/02/tt2.jpg"><img class="size-full wp-image-5666" title="tt2" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2009/02/tt2.jpg" alt="tt2" width="612" height="453" /></a><p class="wp-caption-text">Think Tanks in den USA: zentrales Qualit&#228;tsmerkmal guter, „evidenzbasierter“ Politik</p></div>
<p style="text-align: center;">
<p><strong>Politikberatung in Deutschland krankt nicht an mangelnder Qualit&#228;t</strong> – im Gegenteil: das Niveau von Forschung und Wissenschaft ist hoch, die in Parteien und Verwaltung institutionalisierte Expertise wahrscheinlich nirgendwo so gro&#223; wie hier. Trotzdem wird der Wissenschaft von Seiten der Politik h&#228;ufig Beratungsunf&#228;higkeit unterstellt. Gleichzeitig halten viele Wissenschaftler die Politik f&#252;r beratungsresistent. Diese Beobachtung zeugt von Verst&#228;ndigungsproblemen, die durch den geringen Grad der Durchl&#228;ssigkeit und Vernetzung zwischen beiden Sph&#228;ren noch versch&#228;rft werden. Ein verbesserter Austausch von Ideen und Personal zwischen Wissenschaft und Politik wird zwar st&#228;ndig angemahnt, aber kaum realisiert. Ein Wechsel zwischen den &#196;mtern in der Regierung und solchen au&#223;erhalb des politischen Prozesses und umgekehrt ist gerade im Vergleich zu den USA hierzulande schwer. Missliebige Expertisen dagegen k&#246;nnen in der parteipolitischen Grauzone weitgehend problemlos ignoriert werden, so dass oft nur jene Expertise Eingang in die Politik findet, die gerade ins Parteiprogramm oder zur Regierungserkl&#228;rung passt.</p>
<p>So werden Expertenkommissionen in Deutschland oftmals dann eingesetzt, wenn die Probleml&#246;sung &#252;ber die traditionell-parlamentarischen Wege und Verfahren verstellt ist – oder es politisch opportun erscheint, durch das Einsetzen einer Kommission &#246;ffentliche Aufmerksamkeit f&#252;r ein politisches Thema zu generieren und Entscheidungen vorzubereiten. Schnell kommt dann sowohl parteiintern als auch seitens der &#214;ffentlichkeit der Vorwurf auf, die Politik w&#252;rde mittels <strong>korporatistisch organisierter Beratungsgremien</strong> wie der R&#252;rup-Kommission politische Entscheidungen aus dem parlamentarischen Raum in nicht demokratisch legitimierte Gremien verlagern, mithin eine „Technokratisierung der Politik durch die Hintert&#252;r“ (Peter Weingart) betreiben, die langfristig zu Legitimationsverlusten f&#252;hren k&#246;nnte.</p>
<p>Das hat auch etwas damit zu tun, dass die deutsche Beratungslandschaft anstelle unmittelbar der Regierung zugeordneter Akademien und Wissenschaftsverb&#228;nde, Chefberater und eindeutig zuordnungsbarer Think Tanks vor allem Un&#252;berschaubarkeit pr&#228;gt. So gibt es Beir&#228;te, prominent besetzte Gremien wie der so genannte „Rat der Wirtschaftsweisen“ oder der <a href="http://www.ethikrat.org/">Deutsche Ethikrat</a>, eine Vielzahl an Expertenkommissionen, kommerzielle Anbieter und einzelne „Ein-Mann-Think Tanks“ – unter diesen Bedingungen kann sich die Politik in der Regel selber aussuchen, von wem sie sich beraten lassen will, schlie&#223;lich findet sich f&#252;r jede Position jemand, der sie wissenschaftlich untermauert. Zumal auch <strong>Wissenschaftler nicht immun gegen die Verlockung von Macht und Einfluss</strong> sind und nicht selten &#252;ber ihre Kompetenz hinaus Ratschl&#228;ge geben, um wieder gefragt zu werden.</p>
<p>Auch gibt es hierzulande keine Institution, die nur Politikerberatung anbietet, also nicht gleichzeitig auch die &#214;ffentlichkeit adressiert. Herauskommen dabei, etwa in den wissenschaftlichen Beir&#228;ten der Ministerien, den Enquete- und ad-hoc-Kommissionen oder dem Sachverst&#228;ndigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung, h&#228;ufig Vorschl&#228;ge mit einem mittel- bis langfristige Zeithorizont, die sich zwar vorwiegend an Entscheidungstr&#228;ger richten, aber h&#228;ufig als kurzfristig nicht durchsetzbar abgetan werden.<br />
Symptomatisch f&#252;r die strukturellen Defizite der Politikberatung in Deutschland ist auch der Aufbau des deutschen Kanzleramtes. Zwar verf&#252;gt das Bundeskanzleramt &#252;ber Spiegelreferate, die die T&#228;tigkeiten der Fachministerien kontrollieren, nicht aber &#252;ber eine Planungsabteilung oder jedwede institutionalisierte Form wissenschaftlicher Politikberatung.</p>
<p>Trotzdem gilt die <strong>Analyse von Politik hierzulande nach wie vor eher als Bet&#228;tigungsfeld von Politikern und ihren Beamten</strong>. W&#228;hrend in Gro&#223;britannien und den USA Entscheidungen regelm&#228;&#223;ig das Ergebnis umfassender politischer Diskurse in Medien, Think Tanks und der Zivilgesellschaft sind, macht das aus der verfassungsrechtlichen Stellung der Parteien hervorgehende Selbstverst&#228;ndnis der Parteien, gesellschaftliche Interessen und politische Expertise exklusiv zu vertreten, eine pragmatische, unideologische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Ideen und Konzepten schwierig. Zeitgem&#228;&#223; ist dieses Selbstverst&#228;ndnis der deutschen Parteien allerdings nicht mehr: So wie das Konzept des „letztzust&#228;ndigen Staats“ an Bedeutung verloren hat, gibt es auch die Allzust&#228;ndigkeit der Parteien faktisch nicht mehr.</p>
<p>Auf Anbieterseite mangelt es trotz verst&#228;rkter Auseinandersetzung mit den Anforderungen wirksamer und demokratisch legitimierter Politikberatung, wie sie sich erst j&#252;ngst in den <a href="http://www.bbaw.de/bbaw/Akademie/dateien_bilder/LeitlinienPolitikberatungFinal.pdf">„Leitlinien Politikberatung&#8221;</a> der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften niedergeschlagen hat, am Bewusstsein f&#252;r die Notwendigkeit, Erkenntnisorientierung der Wissenschaft mit den Logiken des politischen Entscheidungsprozesses und der gesellschaftlichen Mehrheitsbildung zu verbinden. Dabei ist die Politik nur bedingt anschlussf&#228;hig an wissenschaftliches Denken. Ausschlie&#223;lich rationalistische oder technokratische L&#246;sungsvorschl&#228;ge wissenschaftlicher Experten gehen an den Realit&#228;ten politischer Entscheidungen vorbei, denn <strong>Politik funktioniert nicht nur nach „Richtig/Falsch-Unterscheidungen</strong>. Politische Akteure handeln weder „wertneutral“ noch halten sie starr an den zu Beginn eines politischen Prozesses definierten Zielsetzungen fest. Eben weil Politik und Wissenschaft unterschiedlichen Rationalit&#228;ten folgen, sind fortlaufend „&#220;bersetzungsanstrengungen“ n&#246;tig.</p>
<p>Politiker interessieren sich nicht f&#252;r theoretisch-abstrakte Ableitungen, Hintergrunddebatten &#252;ber Basisannahmen, oder methodologische Debatten. Sie ben&#246;tigen sachgerechte L&#246;sungsalternativen, prozedurale Vorschl&#228;ge f&#252;r deren politische Durchsetzung, Vorab-Info &#252;ber m&#246;gliche Wirkungen auf gesellschaftliche Gruppen, L&#228;nder oder Regionen, &#252;ber Nutzen und Kosten und die Pros und Cons einzelner Optionen. <strong>An der Herleitung dieser Zusammenh&#228;nge besteht weniger Interesse</strong>.</p>
<p>Daf&#252;r bedarf es systemischer Grenzstellen, an denen der wissenschaftliche Anspruch auf Wahrheit, fortw&#228;hrendes Lernen und Infragestellen auf der einen Seite und der politische Wunsch nach dem Schlie&#223;en von Konflikten zusammenkommen. Auf der Angebotsseite politischer Beratungsexpertise k&#246;nnte dies beispielsweise geschehen, indem gezielt dienstrechtliche und finanzielle Anreize f&#252;r Wissenschaftler aus Forschungseinrichtungen und Universit&#228;ten geschaffen werden, innerhalb von Planungsst&#228;ben und Grundsatzabteilungen auf begrenzte Zeit an der politischen Strategieentwicklung mitzuwirken.</p>
<p>Politische Beratung muss also zum Scharnier zwischen wissenschaftlichem Vordenken und politischem Handeln werden, welches den „conventional wisdom“ herausfordert und neue Konzepte und L&#246;sungen generiert.  Daf&#252;r bedarf es unabh&#228;ngiger und kritischer Expertise. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat auf beiden Seiten des Atlantiks deutlich gemacht, was passieren kann, wenn sich Gruppen zu fr&#252;h und zu eindeutig auf eine Denkhaltung festlegen (der Yale-Psychologe Irving Janis hat diesen Effekt als „Groupthink“ thematisiert). Schlie&#223;lich gab es Warnzeichen, wie etwa Analysen des problematischen US-housing markets. Auch deswegen k&#246;nnen sich politische Akteure weder ausschlie&#223;lich durch den Verweis auf ihr eigenes Wissen noch durch die Inanspruchnahme expertenbasierter Beratung legitimieren. Beide Informationsquellen sind nur unzureichend dazu in der Lage, gesellschaftliche Wirklichkeit und die relevanter Interessen abzubilden.</p>
<p>Zu fragen ist also, inwieweit mit Formen einer allen B&#252;rgern offen stehenden „Gesellschaftsberatung“ sinnvolle Gegengewichte zu wissenschaftlichem Expertenwissen (aber auch kommerziellen Interessen) geschaffen werden k&#246;nnen. Die breite Inklusion verschiedener gesellschaftspolitischer Akteure kann dabei nicht nur etwas zur Teilhabe und somit zur Legitimation von Politik beisteuern, sondern auch einen Beitrag leisten, die von James Surowiecki thematisierte „Weisheit der Vielen“ zu erschlie&#223;en und f&#252;r die Politik nutzbar zu machen. <strong>Gefragt sind neue, st&#228;rker partizipatorisch ausgerichtete Verfahren politischer Beratung</strong>, die jenseits etablierter Beratungsformen neue Ideen einbringen und Wissen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen in die Politik transferieren.</p>
<p>Barack Obama hat <a href="http://carta.info/4262/lektionen_obama/">auf diese ver&#228;nderten Beteiligungsanspr&#252;che reagiert</a> und ist gleichzeitig dabei, „der Wissenschaft ihren rechtm&#228;&#223;igen Platz“ (Obama in seiner Rede zur Amtseinf&#252;hrung) zur&#252;ckzugeben. Er hat erkannt, dass es unabh&#228;ngig erbrachtes, externes Wissen systematisch miteinzubeziehen gilt, auch wenn es den Regierenden Entscheidungen nicht abnehmen kann. Auch die deutsche Politik ist gut beraten, dar&#252;ber nachzudenken, wo und wie der Beratungsdialog verbessert oder durch neue partizipative Verfahren der Wissensgenerierung erg&#228;nzt werden kann. Das Potential f&#252;r eine in diesem Sinne „gut beratene Republik“ scheint bei weitem noch nicht ausgesch&#246;pft.</p>
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