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	<title>CARTA &#187; Felix Neumann</title>
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	<description>Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit</description>
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		<title>JMStV: Klagen statt sperren!</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Nov 2010 16:37:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Anstatt nun kollektiv aufzustampfen und die Netze zu zerrei&#223;en, sollte es darum gehen, nach Ratifizierung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags in die zweite Runde zu gehen - und den Rechtsweg zu beschreiten. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/750aa2608449498c84f72bd7a3a98428" alt="" width="1" height="1" />Blogs offline stellen soll die angemessene Antwort auf den  Jugendmedienschutzstaatsvertrag sein? Wozu diskutieren wir denn seit  Jahren &#252;ber neue Formen der &#214;ffentlichkeit im allgemeinen und Blogs im  speziellen, &#252;ber Meinungsfreiheit und Zensur, &#252;ber neue Formen von  Beteiligung und politischer Kommunikation? Die richtige Antwort ist:  Weitermachen und sich gegenseitig helfen!</p>
<p>Grundrechte sind keine Sch&#246;nwetterrechte, die man nur dann nutzt, wenn  es einen warmen rechtlichen Rahmen daf&#252;r gibt, und ansonsten wegen der  M&#246;glichkeit einer Abmahnung zwar immer noch sch&#228;tzt, aber bitte nur noch  »alles in der Still’ und wie es sich schicket.«</p>
<p>Die Ank&#252;ndigung der gr&#252;nen Fraktion im nordrhein-westf&#228;lischen  Landtag, dem Jugendmedienschutzstaatsvertrag zuzustimmen (<a href="http://www.gruene-nrw.de/details/nachricht/gruene-wollen-mit-spd-gespraeche-ueber-nicht-zustimmung-fuehren.html">oder  nun doch nicht?</a>), scheint relevante Teile des Netzes in  Schockstarre versetzt zu haben: <a href="http://blog.koehntopp.de/archives/2984-Offline-JMStV.html">Kristian  K&#246;hntopp</a> und das <a href="http://www.vzlog.de/2010/11/in-eigener-sache-wir-schliesen-am-31-dezember-2010/">VZlog</a> haben schon angek&#252;ndigt, offline zu gehen (und <a href="http://yuccatree.de/2010/11/diese-blogs-gehen-wegen-des-jmstv-offline/">Yuccatree  hat mehr</a>), <a href="http://www.schockwellenreiter.de/blog/2010/11/30/jmstv-und-weiter/">J&#246;rg  Kantel</a> geht in den Untergrund, <a href="http://www.indiskretionehrensache.de/2010/11/deutschlands-parteien-unwahlbar-eine-wutrede/">Thomas  Kn&#252;wer</a> fordert zum Nichtw&#228;hlen auf, und auch bei Netzpolitik wird  zwar <a href="http://www.netzpolitik.org/2010/wider-das-grose-blogschliesen-wegen-des-jmstv/">gegen  die Schlie&#223;ung von Blogs</a>, aber doch f&#252;r die strategische Sperrung  wichtiger Netzressourcen aus Protest argumentiert (immerhin: man sucht  nach Alternativen).</p>
<p>Die Wirkung von solch fatalistischen Trotzreaktionen  wie offline  genommenen Blogs sollte man nicht &#252;bersch&#228;tzen: Mehr als ein R&#252;ckzug in  die <em>splendid isolation</em> der inneren Emigration ist das nicht,  die politische Wirkung d&#252;rfte &#252;berschaubar sein. Ich jedenfalls lasse  mir den Mund nicht verbieten; mein Blog bleibt online, auch wenn es  Artikel zu potentiell jugendgef&#228;hrdenden Themen wie <a title="Recht auf  Rausch" href="http://fxneumann.de/2010/06/09/recht-auf-rausch/">Drogenpolitik</a> gibt, auch auf die Gefahr hin, da&#223; das zu  Abmahnungen f&#252;hrt. Was aber dar&#252;ber hinaus tun?</p>
<p>Vor einiger Zeit wurde die Idee einer »Bloggergewerkschaft«  diskutiert; ob es f&#252;r eine derart heterogene Gruppe tats&#228;chlich so etwas  braucht, sei dahingestellt. Einen »Bloggerrechtshilfefonds« (vielleicht  unter dem Dach des AK Zensur) br&#228;uchte es jetzt aber, der den  Einzahlenden juristische Gegenwehr gegen den JMStV finanziell  erm&#246;glicht: Auch wenn es gute Argumente (<a href="http://www.ferner-alsdorf.de/2010/11/jmstv-versuchen-wir-es-mal-mit-verfassungskonformer-auslegung/wettbewerbsrecht/strafrecht/rechtsanwalt/verkehrsrecht/">etwa  bei Jens Ferner</a>) daf&#252;r gibt, da&#223; auch weiterhin freie  Meinungs&#228;u&#223;erung in Blogs m&#246;glich ist, ist es doch absehbar, da&#223; der  JMStV juristisch &#252;berpr&#252;ft wird. Eine Abmahnung ist nur so lange  (blog-)existenzbedrohend, wie man allein und nicht &#252;berm&#228;&#223;ig solvent  ist.</p>
<p>Was das Netz leistet, ist Vernetzung: Anstatt nun kollektiv  aufzustampfen und die Netze zu zerrei&#223;en, sollte es darum gehen, in die  zweite Runde zu gehen – und das wird nach Ratifizierung des JMStV der  Rechtsweg sein. F&#252;r die eine oder andere Instanz sollte das Geld daf&#252;r  doch aufzutreiben sein?</p>
<p><em><a href="http://fxneumann.de/2010/11/30/klagen-statt-sperren/">Crosspost</a>.</em>
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=36120&amp;md5=d82307e955076c18a99af5fa90795002" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Stuttgart 21: Ohnmacht, Wut und repr&#228;sentative Demokratie</title>
		<link>http://carta.info/34682/stuttgart-21-ohnmacht-wut-und-repraesentative-demokratie/</link>
		<comments>http://carta.info/34682/stuttgart-21-ohnmacht-wut-und-repraesentative-demokratie/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 01 Oct 2010 10:06:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alle Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Autoren-Agenda]]></category>
		<category><![CDATA[Autoren-Home]]></category>
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		<category><![CDATA[Stuttgart 21]]></category>

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		<description><![CDATA[Mittlerweile glaube ich zu verstehen, warum Stuttgart 21 so polarisiert: Es geht um die Ohnmacht, einem politischen Proze&#223; ausgeliefert zu sein, der scheinbar nicht zu beeinflussen ist.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/b2373e48fd7348168313a354c1bdb6f9" alt="" width="1" height="1" />Mittlerweile glaube ich zu verstehen (nachdem es mir lange wie <a href="http://lumma.de/2010/10/01/stuttgart-21-ich-verstehe-das-alles-nicht/">Nico Lumma</a> ging), warum Stuttgart 21 (im Vergleich mit Arbeitslosigkeit, Hartz IV,  Zukunft der Atomkraft, Bildung und Wirtschaftskrise und so weiter nun  wirklich nicht &#252;berm&#228;&#223;ig wichtig) so polarisiert: Es geht um Ohnmacht.  Es geht um die Ohnmacht, einem politischen Proze&#223; ausgeliefert zu sein,  der scheinbar nicht zu beeinflussen ist.</p>
<p>Die Argumentation der Bef&#252;rworter l&#228;&#223;t sich kaum leugnen: &#220;ber  mehrere Ebenen wurde das Projekt nach demokratischen und  rechtsstaatlichen Verfahren beschlossen, verschiedene Wahlen im Laufe  des Entscheidungsproze&#223; haben die bef&#252;rwortenden Gruppen best&#228;tigt, die  Beschl&#252;sse wurden vor Gericht &#252;berpr&#252;ft. Insofern ist Stuttgart 21  durchaus hervorragend legitimiert, mehr als die meisten anderen  politischen Projekte.</p>
<p>Und dennoch: So sauber legitimiert es ist – es zeigt die Schw&#228;chen  eines rein repr&#228;sentativdemokratischen Systems auf. Da&#223; die Proteste nun  durch <a href="http://blog.atari-frosch.de/2010/09/30/auf-die-fresse/">groteske Polizeigewaltexzesse</a> niedergeschlagen werden (darf ein Rechtsstaat die <a href="http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-59995-2.html">Erblindung von Menschen</a> in Kauf nehmen, nur um die zeitnahe Umsetzung eines Bauvorhabens  durchzusetzen?), ist nicht die Selbstbehauptung des  repr&#228;sentativdemokratischen Rechtsstaats gegen undemokratische schlechte  Verlierer. Es ist eine fast schon autistisch zu nennende Reaktion eines  selbstgen&#252;gsamen politischen Apparats, der sturheil nur seinen  Prozeduren zu folgen vermag, ohne sich von Kontexten beeinflussen zu  lassen.</p>
<p>Verfahren, die demokratisch vereinbart werden, sind die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Regelgerechtigkeit#Regelgerechtigkeit_als_Verfahrensgerechtigkeit">beste M&#246;glichkeit</a>,  um verschiedene widerstreitende Interessen miteinander in Einklang zu  bringen – auch wenn in der Sache kein Konsens zu erzielen ist, so ist  doch der Weg dorthin konsensf&#228;hig. Zun&#228;chst treffen daher Aussagen wie  man sie gerade h&#246;rt durchaus zu:</p>
<blockquote><p>»In einem Rechtsstaat muss man darauf achten, dass Entscheidungen nicht nur getroffen, sondern auch umgesetzt werden.« <a href="http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/2649844">(Peter Hauk)</a></p>
<p>»Wenn sich die Gegner des Vorhabens politisch nicht durchsetzen konnten, m&#252;ssen sie das akzeptieren.« <a href="http://www.tagesschau.de/inland/stuttgartproteste100.html">(Konrad Freiberg)</a></p></blockquote>
<p>Eine in eine &#228;hnliche Richtung zielende Gegen&#252;berstellung h&#246;rt man immer wieder, von <a href="http://www.derwesten.de/nachrichten/Stuttgart-21-Proteste-belasten-Landespolizei-id3757466.html">Angela Merkel</a>, zuletzt von <a href="http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1153202/Rech-Es-war-keine-Schuelerdemo">Heribert Rech im ZDF-Interview</a> (ab Minute 3.16; <a href="http://tileo.wordpress.com/2010/09/30/gott-lob-haben-wir-keine-kriegsaehnlichen-zustaende/">Transkription</a>):</p>
<blockquote><p>Die Frage ist, ob wir uns an demokratisch legitimierte Beschl&#252;sse halten oder ob wir k&#252;nftig per Umfragen regieren.</p></blockquote>
<p><strong>Das ist ein falsches Dilemma.</strong> Die Frage ist nicht »Demokratie oder  Umfrage- (=P&#246;bel-)Herrschaft«, sondern: Wie wird eine Demokratie so  ausgestaltet, da&#223; sie ihrer Aufgabe gerecht wird: Das Aushandeln der  Bedingungen der Freiheit erm&#246;glichen&#8230;</p>
<p><em><a href="http://fxneumann.de/2010/10/01/ohnmacht-wut-und-repraesentative-demokratie/">Den Rest dieses Textes und die Kommentare gibt&#8217;s in meinem Blog&#8230;</a></em>
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=34682&amp;md5=8633694eb5f5dee9029cdeb32db8e67b" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Die Grundsatzdebatte der Piratenpartei: Was bedeutet &#8220;Grundgesetz bewahren&#8221;?</title>
		<link>http://carta.info/34185/die-grundsatzdebatte-der-piratenpartei-was-bedeutet-grundgesetz-bewahren/</link>
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		<pubDate>Wed, 22 Sep 2010 16:25:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autoren-Agenda]]></category>
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		<category><![CDATA[Grundgesetz]]></category>
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		<category><![CDATA[Piratenpartei]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Liquid-Feedback-System der Piraten verst&#228;rkt die Tendenz, eher situativ als grunds&#228;tzlich-abstrakt zu diskutieren. Dabei brechen Konfliktlinien auf: Der emphatische Verfassungspatriotismus ist ein Markenkern, in einzelnen Fragen werden jedoch &#196;nderungen im Grundrechtsteil n&#246;tig sein. Wird diese Frage explizit gekl&#228;rt?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/163ab63987364f2cbf7e5b697a51072b" alt="" width="1" height="1" />Das interessante am Liquid-Feedback-System der Piratenpartei ist, dass  dadurch Konfliktlinien aufbrechen. Aktuell ist das eine – mit gro&#223;er  Mehrheit angenommene – <a href="https://lqfb.piratenpartei.de/pp/initiative/show/296.html">Initiative, die u.a. den Schutz der Ehe aus Art. 6 GG streichen</a> will. Neben der Sachfrage bricht hier auch die Metafrage nach dem  Verst&#228;ndnis des Leitsatzes »Grundgesetz bewahren« auf, der ein zentraler Markenkern  f&#252;r die Piratenpartei ist.</p>
<p>Die Piraten sind untereinander reichlich heterogen. <a title="Anti-Parteien-Partei 2.0" href="http://fxneumann.de/2009/12/23/anti-parteien-partei-2-0/">Vor einiger Zeit</a> habe ich das so beschrieben:</p>
<blockquote><p>Eine Zerrei&#223;probe durch eine Ausweitung des Programms ist damit  vorhersehbar: Eine unbestimmte Begeisterung f&#252;r Freiheit ist die  Klammer, die die Partei zusammenh&#228;lt. In der Partei gibt es  Lebenssch&#252;tzer, M&#228;nnerrechtler, Kommunisten, Libert&#228;re, f&#252;r die jeweils  der Begriff »Freiheit« zentral ist, jedoch in unterschiedlichster  Auslegung.</p></blockquote>
<div id="attachment_34188" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2010/09/piratenkompass.png"><img class="size-medium wp-image-34188" title="piratenkompass" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2010/09/piratenkompass-300x255.png" alt="" width="300" height="255" /></a><p class="wp-caption-text">Piratenkompass; Quelle: Adrian Lang</p></div>
<p>Die Heterogenit&#228;t macht sich dabei haupts&#228;chlich in den lautstark ausgetragenen Konflikten bemerkbar, bei denen Mehrheitsverh&#228;ltnisse nicht ersichtlich sind. Interessant finde ich in dem Zusammenhang auch die <a href="http://adrianlang.de/piratenkompass/">Auswertung der Political-Compass-Ergebnisse</a> einiger hundert – allerdings nicht repr&#228;sentativ ausgew&#228;hlter –Piraten von Adrian Lang: Man sieht deutlich eine Konzentration im linksliberalen Sektor.</p>
<p>Neben dem Freiheitsbegriff ist auch ein emphatischer Verfassungspatriotismus ein Markenkern der Piratenpartei. Das Konzept <a href="https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Verfassungspatriotismus">»Verfassungspatriotismus«</a>,  wie es Habermas und Sternberger diskutiert haben, scheint mir eine sehr  »piratige« Sache zu sein, soweit ich das als Au&#223;enstehender beurteilen  kann. Das zeigt sich etwa in der <a href="http://www.youtube.com/watch?v=QfLpKmyS61w">Au&#223;endarstellung</a> auf der &#8220;Freiheit-statt-Angst&#8221;-Demo und wurde im <a href="http://wiki.piratenpartei.de/Bundestagswahl_2009/Wahlprogramm#Kapitel_1_-_Grundgesetz_bewahren">Wahlprogramm zur Bundestagswahl</a> explizit gemacht:</p>
<blockquote><p>Wir stehen hinter dem Grundgesetz in der grunds&#228;tzlichen Form, wie es  unsere Gr&#252;ndungsvater 1949 ausgearbeitet haben. Insbesondere lehnen wir  &#196;nderungen an dem die Grundrechte umfassenden ersten Abschnitt (Art.1  bis 19) kategorisch ab, da die Vergangenheit gezeigt hat, dass diese  immer nur zu einem Abbau von B&#252;rgerrechten f&#252;hren.</p></blockquote>
<p>Die Formulierung ist hier etwas unklar: Zwar werden sp&#228;tere  &#196;nderungen am Grundrechtskatalog, etwa die M&#246;glichkeit einer allgemeinen  Wehrpflicht (Art. 12a GG) und die damit verbundene M&#246;glichkeit von  Grundrechtseinschr&#228;nkungen (Art. 17a GG), die Neufassung der Regelung  des Asyls (Art. 16a GG) und insbesondere der gro&#223;e Lauschangriff (Art.  13 III–VI GG) wohl als ein Beispiel f&#252;r den angesprochenen Abbau von  Grundrechten zu interpretieren sein, explizit erw&#228;hnt wird dies  allerdings nicht. Da &#196;nderungen »kategorisch« abgelehnt werden und auch  nichts zu einer R&#252;ckf&#252;hrung auf den Grundrechtsbestand von 1949 zu lesen  ist, scheint der Wortsinn darauf abzuzielen, dass grunds&#228;tzliche  &#196;nderungen an diesen Themen ausgeschlossen werden. (Es gibt auch  Piraten, die das so interpretieren, etwa <a href="http://validom.net/blog/2010/09/22/schutz-von-ehe-und-familie-erhalten/">Validom</a>.)</p>
<p>Eine solche Interpretation ist nicht nur in Bezug auf den  Themenkomplex Freiheitsrechte problematisch, sondern auch in einem anderen  Kernbereich, dem Urheberrecht. Nachdem die st&#228;ndige Rechtssprechung &#8211; und so auch die <a href="http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rk20100830_1bvr163108.html">j&#252;ngste Entscheidung</a> &#8211; des Bundesverfassungsgerichts explizit auch den Schutz »geistigen Eigentums« unter die Eigentumsgarantie des Art. 14 GG fasst, d&#252;rften  Kernforderungen nur mit einer Grundgesetz&#228;nderung durchzusetzen sein.</p>
<p>Auch nicht gekl&#228;rt ist, was mit der »grunds&#228;tzlichen Form« von 1949  gemeint ist – hier k&#246;nnte man, w&#228;re man boshaft, einiges  hineininterpretieren, etwa <a href="https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Artikel_23_des_Grundgesetzes_f%C3%BCr_die_Bundesrepublik_Deutschland">in bezug auf die Europ&#228;ische Union</a>. <em>Vermutlich</em> und wohlwollender interpretiert ist damit ein Bezug auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung gemeint, wie sie <a href="http://sorminiserv.unibe.ch:8080/tools/ainfo.exe?Command=ShowPrintVersion&amp;Name=bv002001">vom Bundesverfassungsgericht definiert wird</a>:</p>
<blockquote><p>Freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des Art. 21 II GG ist  eine Ordnung, die unter Ausschluss jeglicher Gewalt und  Willk&#252;rherrschaft eine rechtsstaatliche Herrschaftsordnung auf der  Grundlage der Selbstbestimmung des Volkes  nach dem Willen der  jeweiligen Mehrheit und der Freiheit und Gleichheit darstellt. Zu den  grundlegenden Prinzipien dieser Ordnung sind mindestens zu rechnen: die  Achtung vor den im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechten, vor  allem vor dem Recht der Pers&#246;nlichkeit auf Leben und freie Entfaltung,  die Volkssouver&#228;nit&#228;t, die Gewaltenteilung, die Verantwortlichkeit der  Regierung, die Gesetzm&#228;&#223;igkeit der Verwaltung, die Unabh&#228;ngigkeit der  Gerichte, das Mehrparteienprinzip und die Chancengleichheit f&#252;r alle  politischen Parteien mit dem Recht auf verfassungsm&#228;&#223;ige Bildung und  Aus&#252;bung einer Opposition.</p></blockquote>
<p>Die Debatte wird bei den Piraten aber teilweise weniger um  Verfassungsprinzipien als um den Buchstaben der Verfassung gef&#252;hrt; in  der Debatte um die Art.-6-GG-Initiative tauchen immer wieder Argumente  auf, die grunds&#228;tzlich &#196;nderungen ablehnen:</p>
<blockquote><p>»@validom ich dachte das Grundgesetz ist das Grundsatzprogramm der #PIRATEN ? Stand jedenfalls so am truck auf der #fsa10, soweit ich mich erinnere« <a href="https://twitter.com/thheinen/statuses/25033899781">(@thheinen)</a></p>
<p>»@piratringwraith Man kann vieles gestalten, ohne das Grundgesetz zu &#228;ndern. Wenn  wir eine &#196;nderung des Grundgesetz anstreben, sind wir auf einer Ebene mit  Sch&#228;uble« <a href="https://twitter.com/maltis/statuses/25052460050">(@maltis)</a> [<em>Abk&#252;rzungen von der Redaktion ausgeschrieben</em>]</p></blockquote>
<p>In diesem Tenor, durch mehr als 140 Zeilen etwas differenzierter, auch <a href="http://planetalexx.de/2010/09/und-nu-piraten/">planetAlexx</a> und der <a href="http://www.sanktleibowitz.org/2010/09/wohin-piratenpartei.html">Orden des Leibowitz</a>:</p>
<blockquote><p>Unser Grundgesetz ist eines der besten Regelwerke der Welt, und 1948 hat  man sich unter den Nachwirkungen des Naziregimes sehr wohl &#252;berlegt,  was darin stehen muss. Nat&#252;rlich ist das Grundgesetz nicht heilig,  weshalb man es nie wieder &#228;ndern sollte. Deshalb gibt es einen  festgelegten Ablauf, mit dem &#196;nderungen eingef&#252;gt werden k&#246;nnen.  Trotzdem sollte man dabei &#228;u&#223;erst behutsam vorgehen, und es im  Zweifelsfall lieber sein lassen. Zudem finde ich es widerspr&#252;chlich, in  Wahlk&#228;mpfen das Grundgesetz mit dem Hinweis darauf, dass man es als  Partei sch&#252;tzen will zu verteilen, um es danach &#228;ndern zu wollen.</p></blockquote>
<p>Die Argumentation der Gegenseite formuliert <a href="http://www.formspring.me/gedankenstuecke/q/1168217135">Bastian Greshacke</a> auf eine Formspring-Anfrage von mir hin so:</p>
<blockquote><p>Ehrlich gesagt fand ich diesen Anspruch “Grundgesetz bewahren” schon  immer etwas suspekt und nicht wirklich optimal. Denn auch das  Grundgesetz ist ja kein Regelwerk was irgendwo vom Gipfel auf  Steintafeln heruntergetragen wurde sondern menschlichen Ursprungs und  damit fehlerbehaftet.</p>
<p>Mir geht es um den Schutz/die Bewahrung der Grund- &amp;  B&#252;rgerrechte. Und dabei hat in meinen Augen auch das Grundgesetz noch  Fehler die einen umfassenden Schutz von Grundrechten bislang nicht  gew&#228;hrleistet.</p></blockquote>
<p>Eine weitere interessante Antwort in diese Richtung von <a href="http://www.formspring.me/flecky/q/1168672594?">Flecky</a>.</p>
<p>Die Piratenpartei scheint also gerade in einem Konflikt zu stecken um  die Frage, was »Grundgesetz bewahren« hei&#223;t. Ich bin gespannt, ob diese  Frage explizit gekl&#228;rt wird – beim Freiheitsbegriff scheint das ja  bisher noch nicht passiert zu sein, obwohl es vor einem Jahr schon eine  gro&#223;e Debatte war.</p>
<p>Ich glaube, dass sowohl die Frage nach dem  Verst&#228;ndnis von »Grundgesetz bewahren« wie auch die Frage nach der  Freiheit, den die Piraten meinen, essentiell ist, um ein umfassendes  Grundsatzprogramm auszuarbeiten – sonst wird es nur ein St&#252;ckwerk mit  Stellvertreterdebatten, wie sie gerade um Liquid-Feedback-Initiativen  gef&#252;hrt werden. So progressiv, interessant und sinnvoll das  Liquid-Feedback-System ist: Es verst&#228;rkt die piratische Tendenz, weniger  grunds&#228;tzlich-abstrakt als situativ zu diskutieren, und erschwert damit  die Ausbildung einer »piratischen« Wertgrundlage und damit einem  Wertekonsens, auf dem die konkrete Politik aufbauen kann.</p>
<p><em> </em></p>
<p><em>Mit der Frage nach einer Wertgrundlage bei den Piraten hat sich Felix Neumann auch in den Artikeln <a title="Piraten, Gender und Pragmatik" href="http://fxneumann.de/2009/09/08/piraten-gender-und-pragmatik/">Piraten, Gender und Pragmatik</a> und <a title="Wahl-o-mat: Piraten als radikale Zentristen" href="http://fxneumann.de/2009/09/05/piraten-als-radikale-zentristen/">Wahl-o-mat: Piraten als radikale Zentristen</a></em> auseinandergesetzt.</p>
<p><a href="http://fxneumann.de/2010/09/22/piraten-und-grundgesetz/">Crosspost</a>.
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<p><small>
<a href="http://carta.info/34185/die-grundsatzdebatte-der-piratenpartei-was-bedeutet-grundgesetz-bewahren/">Die Grundsatzdebatte der Piratenpartei: Was bedeutet &#8220;Grundgesetz bewahren&#8221;?</a> on <a href="http://carta.info">CARTA</a> | <a href="http://carta.info/34185/die-grundsatzdebatte-der-piratenpartei-was-bedeutet-grundgesetz-bewahren/#comments">11 comments</a>
</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=34185&amp;md5=a4929d19445a424ab8899c1ebe1c9ef6" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Daf&#252;r braucht’s die FDP nicht</title>
		<link>http://carta.info/29247/dafuer-brauchts-die-fdp-nicht/</link>
		<comments>http://carta.info/29247/dafuer-brauchts-die-fdp-nicht/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 18 Jun 2010 09:39:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Standard RSS]]></category>
		<category><![CDATA[FDP]]></category>
		<category><![CDATA[Sparpaket]]></category>
		<category><![CDATA[Steuerreform]]></category>

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		<description><![CDATA[Was ist der eigentliche Daseinszweck einer liberalen Partei? Die Bundespr&#228;sidentenfrage &#252;berl&#228;sst sie der CDU, bei der Steuerreform hat sie sich selbst ins Abseits geschossen, das Sparpaket l&#228;sst liberale Akzente vermissen. Oder hat die FDP eine hidden agenda?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/0a481529b6f2487bb0f19829e442f99d" alt="" width="1" height="1" />Die Debatte um die Ausrichtung der FDP braucht es dringend. F&#252;r das,  was die FDP zur Zeit abliefert, wird sie gerade zurecht abgestraft. Der  Kern des Problems ist eine erratische Politik, an der sich kaum ablesen  l&#228;sst, was eigentlich der Daseinszweck einer liberalen Partei ist.</p>
<p>Die Spitze des Eisbergs ist dabei die Bundespr&#228;sidentenfrage: Da gibt  es einen Kandidaten, der mit liberaler Rhetorik zu begeistern wei&#223; –  und die FDP-F&#252;hrung &#252;berl&#228;sst jegliche Entscheidung dem Koalitionspartner  und unterst&#252;tzt deren versicherungsvertreteresken Kandidaten. Schon an  dieser Personalie kann man ablesen, dass die FDP ihre Zeit in der  Opposition nicht genutzt hat, ihren <strong>CDU-Wurmfortsatzcharakter</strong> abzulegen  zugunsten einer liberalen Akzentsetzung.</p>
<p>Inhaltlich wird es noch  fragw&#252;rdiger, gerade in der vorgeblichen Paradedisziplin  Ordnungspolitik. Zwei Beispiele f&#252;r viele: Das Steuersystem und das  Sparpaket:</p>
<p>Das zentrale Wahlversprechen war ein »niedrigeres, einfacheres und  gerechteres Steuersystem«; praktisch wurde das heruntergebrochen auf den  Aspekt »niedriger« – was ja auch am einfachsten operationalisierbar  ist. <strong>Die FDP hat sich damit selbst ins Abseits geschossen</strong>, weil sie so  nicht mehr in der Lage ist, liberale Akzente zu setzen – und mehr darf  eine liberale Partei im Rahmen der deutschen politischen Kultur wohl  nicht erwarten.</p>
<p>Jegliche Steuererh&#246;hung, selbst wenn sie zur  Kompensation von unsystematischen Ausnahmeregelungen vorgenommen wird,  ist tabu, und damit m&#252;ssen die anderen Punkte notwendig scheitern.</p>
<p>Selbst wenn die Steuerlast gleich bliebe: <strong>Ein schl&#252;ssiges  Mehrwertsteuersystem, eine Anpassung der Steuerprogression</strong> (etwa, indem  die Grenze f&#252;r den Spitzensteuersatz deutlich nach oben geschoben wird  und der als Kompensation erh&#246;ht wird), um kalte Progression und  Mittelstandsbauch anzugehen, <strong>ist unter dem Dogma »keine einzige Steuer  erh&#246;hen« nicht m&#246;glich.</strong> – Und jetzt kopflos und unsystematisch die  Kapitalertragssteuer zu erh&#246;hen wirkt auch nicht nach durchdachtem  Konzept hin zu einem einfacheren System.</p>
<p>Auch das <strong><a href="http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2010/06/2010-06-07-eckpunktepapier.html">Sparpaket</a></strong> l&#228;sst liberale Akzente vermissen. Wenigstens fiskalisch h&#228;tte es solide  sein sollen und nicht derart <strong>auf Spekulationen gest&#252;tzt</strong> gestaltet sein  sollen. (Bundeswehrreform, Arbeitsvermittlung, nebul&#246;se globale  Minderausgaben in der Verwaltung werden &#252;ber den Daumen gepeilt  eingepreist). Dazu kommen fragw&#252;rdige Elemente wie das Fiskusprivileg  bei Insolvenzen, das dazu f&#252;hrt, dass private Schuldner zugunsten des  immer solventen Staates &#252;bergangen werden – nicht gerade  Wirtschaftsf&#246;rderung. Ob es so sinnvoll ist, aus dem  Staatsunternehmen Bahn eine zus&#228;tzliche Dividende zu ziehen – Geld, das  dann nicht f&#252;r Investitionen zur Verf&#252;gung steht – ist auch fraglich.</p>
<p>Und schlie&#223;lich l&#228;sst  es eine <strong>liberale Bewertung von Staatsaufgaben</strong> vermissen, etwa beim  Elterngeld. Der Staat soll – und <a href="http://antjeschrupp.com/2010/06/13/einige-anmerkungen-zu-sarrazins-%E2%80%9Everdummungsthese%E2%80%9C-und-der-demografie-generell/">kann</a> –, nicht versuchen die <a title="Geb&#228;rmaschinen" href="http://fxneumann.de/2009/08/06/gebarmaschinen/">Gesellschaft zu steuern</a>; hier tr&#228;gt  die FDP eine versuchte Steuerung mit und gibt ihr den Vorzug vor einer  auch liberal gewollten Staatsaufgabe: der Sicherung des  Existenzminimums. – Und warum soll das Berliner Stadtschloss aufzubauen Staatsaufgabe sein?</p>
<p>Es w&#228;re freilich auch m&#246;glich, dass all das Methode hat, und die <em>hidden  agenda</em> der Grauen Eminenzen der FDP ist, durch bizarre und  unsystematische Regulierungen ein Klima zu schaffen, das die f&#252;r den  &#220;bergang <a href="http://marjorie-wiki.org/wiki/Agorismus">zum</a> <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Counter-economics#Relationship_with_agorism">Agorismus</a> ben&#246;tigten Schwarzm&#228;rkte beg&#252;nstigt.</p>
<p>Wenn das aber ernstgemeint ist: Daf&#252;r braucht’s die FDP nicht.</p>
<p><em>Crosspost von <a href="http://fxneumann.de/2010/06/17/dafuer-brauchts-die-fdp-nicht/">fxneumann.de</a>.</em>
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=29247&amp;md5=a8cd09433f18fa7b00d82e11ecd97b6e" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>GEZ-Reform: Wie stehst du zum &#246;ffentlich-rechtlichen Rundfunk?</title>
		<link>http://carta.info/28869/gez-reform-wie-stehst-du-zum-oeffentlich-rechtlichen-rundfunk/</link>
		<comments>http://carta.info/28869/gez-reform-wie-stehst-du-zum-oeffentlich-rechtlichen-rundfunk/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 11 Jun 2010 16:20:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autoren-Agenda]]></category>
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		<description><![CDATA[Felix Neumann &#252;ber die zunehmend seltsame Konstruktion des &#246;ffentlich-rechtlichen Rundfunks.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/49fafb2c6c5345768858a7f0bc0d4fec" width="1" height="1" alt=""/>Halbrichtige L&#246;sung, falsche Zeit. Das &#246;ffentlich-rechtliche  Rundfunksystem ist ein Relikt aus einer Zeit, da Frequenzen knapp waren.  Als es weder Satelliten- noch Kabelfernsehen und erst recht kein  Internet gab, mag es angemessen gewesen sein, die knappen Frequenzen an  &#246;ffentlich-rechtliche Anstalten in gesellschaftlicher Kontrolle zu  verteilen.</p>
<p>Heute ist das ein Anachronismus: Sp&#228;testens seit es Audio- und  Videostreaming gibt, gibt es keine Knappheit an Frequenzen mehr. Die  Bedingungen f&#252;r einen funktionierenden Markt w&#228;ren also gegeben.  Sp&#228;testens jetzt mu&#223; man sich die Frage stellen, warum eine  Grundversorgung an Radio und Fernsehen eine quasi-hoheitliche Aufgabe  ist, eine an Zeitungen, B&#252;chern, Inhalten im Internet aber nicht.</p>
<p>Der &#246;ffentlich-rechtliche Rundfunk und besonders der – leider durch das  Verfassungsgericht definierte – Anspruch, ein Vollprogramm zu bieten,  machen einen funktionierenden Markt unm&#246;glich: Wenn es ein werbefreies  und zwangsfinanziertes Monopol gibt f&#252;r seri&#246;sen Journalismus, k&#246;nnen  private Sender nat&#252;rlich dagegen nicht ankommen. An den anderen Medien  sieht man ja, da&#223; es auch ohne &#246;ffentlich-rechtliche Mitspieler zu  seri&#246;sem Journalismus kommt. Zudem greift die Zwangsgeb&#252;hr Geld ab, das  dann nicht mehr als Budget f&#252;r privat finanzierten Medienkonsum zur  Verf&#252;gung steht.</p>
<p>Die Konstruktion eines &#246;ffentlich-rechtlichen, neutralen Mediums scheint  mir auch seltsam: Die Debatte um Nikolaus Brender hat ja mal wieder ans  Licht gebracht, da&#223; es so weit nicht her ist mit parteipolitischer  Neutralit&#228;t. Neutralit&#228;t halte ich sowieso f&#252;r eine Chim&#228;re, und selbst  Ausgewogenheit erreicht man besser, indem es mehrere Medien gibt.  Proporzgremien sind nur eine sehr unzureichende Simulation von  Pluralit&#228;t. Pluralit&#228;t erreicht man, indem es die M&#246;glichkeit  verschiedener Quellen gibt. – Wer wei&#223;, vielleicht h&#228;tten wir ohne ARD  und ZDF heute die &#196;quivalente von <em>FAZ</em>, <em>S&#252;ddeutsche</em> und <em>Zeit</em> als  Fernsehsender? Wenn&#8217;s die <em>FAZ</em> und die <em>S&#252;ddeutsche </em>privat organisiert  gibt: Warum sollte das bei der Tagesschau nicht funktionieren?</p>
<p>Wenn es schon &#246;ffentlich-rechtlichen Rundfunk geben soll, dann  subsidi&#228;r: Bereits jetzt w&#252;rde der Medienmarkt etwa  Fu&#223;ballweltmeiserschaften ohne quasistaatliche Intervention &#252;bertragen;  da&#223; alle Spiele im &#246;ffentlich-rechtlichen Fernsehen kommen, kostet nur  grotesk viel Geld, das nicht &#252;ber freie Entscheidung der Konsumenten,  sondern &#252;ber Zwang eingezogen wird.</p>
<p>Ein subsidi&#228;rer &#246;ffentlich-rechtlicher Rundfunk w&#252;rde nur das zeigen,  was der Markt nicht produzieren w&#252;rde, aber dennoch (von wem?) f&#252;r  unerl&#228;&#223;lich erachtet w&#252;rde oder was zu zeigen Staatsaufgabe ist. Was  das aber mehr sein soll als die &#220;bertragung von politischen Akten, die  Transparenz erfordern – wie Bundestagssitzungen –, wei&#223; ich nicht, und  das lie&#223;e sich doch ohne verfassungsrechtliche Probleme  steuerfinanzieren, da braucht&#8217;s keinen &#246;ffentlich-rechtlichen Apparat.</p>
<p><em>crosspost von </em><a href="http://www.formspring.me/fxneumann/q/672868312?utm_medium=social&amp;utm_source=twitter&amp;utm_campaign=shareanswer"><em>formspring.me</em></a><em>.</em>
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=28869&amp;md5=89d0728b0e22fff446f6f22eaf3d60c5" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Der &#214;ffentlichkeit nicht den Boden entziehen. Anforderungen an ein neues Urheberrecht</title>
		<link>http://carta.info/27873/der-oeffentlichkeit-nicht-den-boden-entziehen-anforderungen-an-ein-neues-urheberrecht/</link>
		<comments>http://carta.info/27873/der-oeffentlichkeit-nicht-den-boden-entziehen-anforderungen-an-ein-neues-urheberrecht/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 25 May 2010 13:09:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Urheberrecht]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine funktionierende &#214;ffentlichkeit soll das eigentlich sch&#252;tzenswerte Rechtsgut in der Urheberrechtsdebatte sein. Ganz liberal betrachtet: Die Diskussion &#252;ber Geld, Leistung und Gesch&#228;ftsmodelle ist nachgelagert – und bleibt letztlich der Kreativit&#228;t der Gesch&#228;ftsleute &#252;berlassen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/37814c12dcab442aa286356a12d114cb" alt="" width="1" height="1" />Das <a href="http://events.ccc.de/sigint/2010/wiki/Fahrplan/events/3887.de.html">SIGINT-Panel</a> zum Thema Urheberrecht (<a title="Sigint 2010: Urheberrecht, Eigentum und Kunst" href="http://fxneumann.de/2010/05/24/sigint-2010-urheberrecht-eigentum-und-kunst/">meine Einf&#252;hrung  dazu  hier</a>) h&#228;tte der Ausschreibung nach l&#246;sungsorientiert sein  sollen, und das ist grandios gescheitert. Man kann nicht zu L&#246;sungen  kommen, wenn eine Partei (hier waren es der Vertreter der Musikindustrie  und der exemplarische K&#252;nstler) das Problem leugnet. F&#252;r eine  l&#246;sungsorientierte Diskussion des Themas Urheberrecht darf man nicht  beim Geld anfangen. Man muss beim zu sch&#252;tzenden Rechtsgut anfangen – und  das ist nicht das &#246;konomische Interesse, das ein fiktives »geistiges  Eigentum« kodifiziert und durchgesetzt sehen will. Es ist das Interesse  an einer funktionierenden &#246;ffentlichen Sph&#228;re.</p>
<p>Die Diskussion &#252;ber Geld, Leistung und Gesch&#228;ftsmodelle ist nachgelagert.</p>
<p>Beginnen wir dennoch damit: Die ganze Zeit h&#246;rte man »Leistung muss  sich lohnen« als Hauptbegr&#252;ndung f&#252;r das bestehende Urheberrecht; <a href="http://events.ccc.de/sigint/2010/wiki/Fahrplan/speakers/2907.de.html">Stefan  Herwig</a>, der Labelvertreter, beklagte ein »Marktversagen«, weil sich  Content nicht verkaufen lasse. Zwei fundamentale Fehlannahmen &#252;ber  Marktwirtschaft.</p>
<p>Die vulg&#228;rliberale Parole »Leistung muss sich lohnen« verschleiert,  was ein Markt leistet: Ein Markt bringt Angebot und Nachfrage zusammen,  Preise sind Indikatoren f&#252;r Knappheit, Bedarf und Verf&#252;gbarkeit. Es gibt  kein Recht darauf, dass aus M&#252;he Bezahlung folgt, auch wenn die marxsche  Arbeitswerttheorie sympathisch klingt. Arbeitswert ist aber tats&#228;chlich  kein Wert; man kann noch so sch&#246;ne Postkutschen bauen: Im Zeitalter von  Flugzeug und Bahn wird man Postkutschen nicht mit dem Argument  verkaufen k&#246;nnen, man h&#228;tte ja einiges an Leistung zur Herstellung  erbracht. Leistung kann sich nur lohnen, wenn es Abnehmer daf&#252;r gibt.</p>
<p>Und es ist kein Marktversagen, wenn niemand mehr Content kauft. Der  Markt ist ein Instrument, mit Knappheit umzugehen. Wenn man ein  nicht-knappes Gut nicht verkaufen kann, dann liegt das daran, dass der  Markt schlicht das falsche Werkzeug ist. Immaterialg&#252;ter verkaufen zu  wollen ist aus einer naturrechtlichen Perspektive so sinnvoll wie Luft  verkaufen zu wollen.</p>
<p>Es wird damit argumentiert, dass die knappe Ressource nicht das  Immaterialgut selbst sei, sondern die Kreativit&#228;t und die Leistung der  Urheber. Als ob Kreativit&#228;t und der Wille, Kultur zu schaffen, jemals  knapp gewesen w&#228;ren! (Der weitaus gr&#246;&#223;te Teil kulturellen und kreativen  Schaffens wird gerade nicht monetarisiert, sondern von uns allen  gemacht, weil wir es k&#246;nnen und gerne tun!) <a href="http://fxneumann.de/2010/03/18/nebelkerze-des-literarischen-establishments/#comment-604">Antje  Schrupp kommentierte</a> vor kurzem hier im Blog:</p>
<blockquote><p>Besonders entlarvend fand ich ja diesen Satz [der Leipziger Erkl&#228;rung  zum Schutz geistigen Eigentums]: “Missachtung, Aush&#246;hlung und str&#228;fliche  Verletzung des Urheberrechts f&#252;hrt zur Entwertung, Aufgabe und  schlie&#223;lich zum Verlust jedweder eigenst&#228;ndigen intellektuellen und  k&#252;nstlerischen Leistung.” Dass soll doch wohl hei&#223;en: Wenn wir daf&#252;r  nicht gebauchpinselt und bezahlt werden, stellen wir das Denken und  Schaffen ein. Genau so eine Kunst, die geschaffen wird, um dadurch  Status und Geld zu bekommen, brauchen wir aber nicht. […] Es ist eine  m&#228;nnliche Vorstellung vom “Originale schaffenden Genie”, das hier  zelebriert wird. Frauen haben &#252;ber viele Jahrhunderte vorwiegend anonym  geschrieben, oder unter Pseudonymen. Es geht beim (k&#252;nstlerischen)  Schreiben nicht um Geld, Anerkennung und Status, sondern darum, etwas zu  schreiben, wovon man glaubt, dass es geschrieben werden muss.</p></blockquote>
<p>So sehr sich das Pl&#228;doyer f&#252;r Urheberrechte auch liberal gibt:  Tats&#228;chlich ist es nur ein Einfordern von hoheitlich gew&#228;hrten  Privilegien, von k&#252;nstlich geschaffenen Monopolen, einer politisch  durchgesetzten Marktverzerrung. (Auch wenn Content kein marktf&#228;higes Gut  ist, wird der Markt doch verzerrt, indem Ressourcen k&#252;nstlich  umgeleitet werden.) Die Argumente der Urheberrechtslobby sind  strukturell dieselben wie die der Kohleindustrie, die der Autobranche:  Ein Wirtschaftszweig soll k&#252;nstlich am Leben gehalten werden.</p>
<p>Daher ist es auch nicht sinnvoll, mit der Content-Lobby &#252;ber  Urheberrechte zu sprechen: Ihr Interesse ist es, ihren Wirtschaftszweig  zu erhalten. So wie aus Leistung kein Anspruch auf »sich lohnen« folgt,  hat aber auch keine Branche eine Bestandsgarantie; im Gegenteil ist es  gerade ein Vorteil einer Marktwirtschaft gegen&#252;ber einer Planwirtschaft,  dass knappe Mittel nicht unn&#246;tig einer nicht ben&#246;tigten Industrie  zugeteilt werden. Mit der Content-Industrie &#252;ber die Zukunft des  Urheberrechts zu sprechen ist, als h&#228;tte man vor hundertf&#252;nfzig Jahren  die Postkutschen-Industrie zum Zukunftsgespr&#228;ch Transport eingeladen.</p>
<p>Es geht also nicht um das Partikularinteresse (und sei es auch noch  so sehr mit Appellen an die eigene Gemeinwohlnotwendigkeit gekoppelt)  der Musikindustrie. Die Frage der Monetarisierung und Verrechtlichung  von Kultur ist (um wieder einmal Habermas zu bem&#252;hen) eine  Kolonialisierung der Lebenswelt: Die wirtschaftliche Sph&#228;re wird  verabsolutiert. Nat&#252;rlich ist es v&#246;llig legitim, auch Kultur unter  wirtschaftlichem Paradigma zu behandeln: Skulpturen k&#246;nnen verkauft,  Symphonien in Auftrag gegeben und bezahlt, Filme gegen Geld im Kino  aufgef&#252;hrt werden. Daraus aber abzuleiten, dass alle Kultur marktf&#246;rmig  zu sein habe, ist &#228;hnlich absurd wie aus der Existenz von Prostitution  zu fordern, dass alle Z&#228;rtlichkeit monetarisiert werden soll.</p>
<p>Kultur und Kunst geh&#246;ren in die &#246;ffentliche Sph&#228;re und konstituieren  sie mit. Was bei einer Erneuerung des Urheberrechts daher an erster  Stelle stehen muss, ist die Frage nach der &#214;ffentlichkeit: Welche  rechtlichen Rahmenbedingungen sichern &#214;ffentlichkeit?</p>
<p>&#214;ffentlichkeit ist nicht nur der nicht-private Raum: Die  &#214;ffentlichkeit ist der Raum, in dem Menschen als gleiche  aufeinandertreffen. In der &#214;ffentlichkeit handeln und interagieren  Menschen; &#214;ffentlichkeit ist also die Voraussetzung von demokratischer  und freiheitlicher Politik, ist die Bedingung der M&#246;glichkeit, dass nicht  nur die Gedanken frei sind, sondern auch ihre &#196;u&#223;erung – &#214;ffentlichkeit  ist der Resonanzraum, ohne den es keine demokratische Kontrolle von  Macht, keine Diskussion, keine Argumente und damit keinen rationalen  Diskurs und keinen gesellschaftlichen Fortschritt gibt.</p>
<p>Die Natur von Immaterialg&#252;tern passt hervorragend zur &#214;ffentlichkeit:  Sie sind nicht knapp, und alle k&#246;nnen sich ihrer bedienen. Francis Bacon  wird der Aphorismus zugesprochen, das Argument gleiche »dem Schuss einer  Armbrust – es ist gleichermassen wirksam, ob ein Riese oder ein Zwerg  geschossen hat«. Immaterialg&#252;ter, nicht nur Argumente, auch Zitate,  Lieder, Melodien, sind noch in einem weiteren Aspekt mit dem Schuss einer  Armbrust zu vergleichen: Die Sch&#252;tzin hat die Kontrolle dar&#252;ber, ob sie  den Abzug dr&#252;ckt oder nicht. Sobald sie aber geschossen hat, ist der  Bolzen in der Welt. (Noch einmal, wieder einmal <a href="http://twitter.com/antjeschrupp/status/5095752193">Antje Schrupp</a>:  »Wer sein geistiges Eigentum sch&#252;tzen will, muss seine Ideen einfach  f&#252;r sich behalten.«)</p>
<p>Sobald ein Werk in die &#214;ffentlichkeit gegeben wird, kann es keine  absolute Werkherrschaft mehr dar&#252;ber geben. Egal, was das positive Recht  sagt: Die Melodien werden gesummt, die Gedichte zitiert. Es passt zur  Natur des Immaterialguts und es liegt in der Natur des Menschen,  Kontexte und Bez&#252;ge herzustellen, dar&#252;ber zu reden, Kultur nicht nur zu  konsumieren, sondern zu produzieren und weiterzuentwickeln. Eine  Gesetzeslage, die das verbieten m&#246;chte, ist illegitim. (Und auch nicht  durchsetzbar.)</p>
<p><em>(Kleiner philosophischer Exkurs: Hier scheint es mir zur  Abwechslung wirklich gerechtfertigt, von »der« Natur des Menschen zu  reden. Den Menschen als ζῷον λόγον ἔχον, als sprache-habendes Tier, zu  fassen, scheint mir immer noch die Grundlage einer der besten Versuche  einer anthropologischen Sch&#228;tzung zu sein: Kommunikation macht den  Menschen aus, f&#252;r Sprache <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Privatsprache#Privatsprache">reicht  nie einer allein aus</a>; es ist die M&#246;glichkeit der Intersubjektivit&#228;t,  die den Menschen ausmacht – ob man nun auf die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Buber#Werk">&#196;hnlichkeit</a> abhebt, »der Mensch wird am Du zum Ich«, oder auf die <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Face-to-face">radikale Andersheit</a>,  auf das »Antlitz des Anderen«.)</em></p>
<p>Auf dieser Basis muss nun ein zeitgem&#228;&#223;es Urheberrecht agieren: Es muss  ernstnehmen, dass &#214;ffentlichkeit nicht mehr nur die r&#228;umlich begrenzte  griechische Polis ist. &#214;ffentlichkeit <em>ist faktisch</em> nicht mehr  r&#228;umlich begrenzt. Youtube, Facebook, Twitter, Blogs: All das geh&#246;rt zu  einer neuen &#214;ffentlichkeit. Diese neuen Formen von &#214;ffentlichkeit d&#252;rfen  nicht ihrer Funktion beraubt werden, indem man sie reduziert und unter  das Paradigma der wirtschaftlichen Sph&#228;re stellt: Singen am Lagerfeuer  und Remixes und Fanvideos auf Youtube sind strukturell, in ihrer  Funktion f&#252;r die &#214;ffentlichkeit, gleich zu bewerten. Ein  Leistungsschutzrecht, das Blogs (oder Zeitungen) verbieten w&#252;rde,  kostenlos zu zitieren und die Zitate zu diskutieren, w&#228;re ebenso  totalit&#228;r wie das Verbot, auf dem Marktplatz &#252;ber die Schlagzeile der  Zeitung zu diskutieren.</p>
<p>Der &#214;ffentlichkeit nicht den Boden zu entziehen: Das muss ein neues Urheberrecht leisten.</p>
<p>Welche Gesch&#228;ftsmodelle sich innerhalb dieses Ordnungsrahmens  etablieren lassen, ist kein Problem des Urheberrechts. Das ist der  Kreativit&#228;t der Gesch&#228;ftsleute &#252;berlassen.</p>
<p><em>Crosspost von <a href="http://fxneumann.de/2010/05/25/der-oeffentlichkeit-nicht-den-boden-entziehen/">fxneuman</a>.</em>
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<a href="http://carta.info/27873/der-oeffentlichkeit-nicht-den-boden-entziehen-anforderungen-an-ein-neues-urheberrecht/">Der &#214;ffentlichkeit nicht den Boden entziehen. Anforderungen an ein neues Urheberrecht</a> on <a href="http://carta.info">CARTA</a> | <a href="http://carta.info/27873/der-oeffentlichkeit-nicht-den-boden-entziehen-anforderungen-an-ein-neues-urheberrecht/#comments">33 comments</a>
</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=27873&amp;md5=651398cbb07316e83c2db53ca325cc56" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Die Burka der Anderen</title>
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		<pubDate>Sat, 01 May 2010 20:06:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein Burkaverbot ist ein typischer Akt von Scheinpolitik: Anstatt dass an echten L&#246;sungen gearbeitet wird, wird einfach etwas getan, was Handlungsf&#228;higkeit und Entschlussfreude simuliert.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/490d048206474c63be07a93b1e2e5d96" alt="" width="1" height="1" />Belgien hat ein Burka-Verbot beschlossen, in vielen anderen  europ&#228;ischen L&#228;ndern kommt das Thema auch auf die <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/825/509951/text/">Tagesordnung</a>,  und Silvana Koch-Mehrin macht sich f&#252;r ein europ&#228;isches Burka-Verbot  stark.</p>
<p>Eine Randerscheinung wird eine zentrale politische Frage: Das  Schicksal des Abendlandes scheint am seidenen Faden von  Gesichtsschleiern zu h&#228;ngen. Die Debatte ist aber eine  Stellvertreterdebatte: Vordergr&#252;ndig geht es um die Burka, hintergr&#252;ndig  um »den« Islam. Vordergr&#252;ndig geht es um die W&#252;rde der Frau,  hintergr&#252;ndig um eine abendl&#228;ndische Leitkultur. Vordergr&#252;ndig um  liberale Werte – hintergr&#252;ndig um konservative Ausschlussmechanismen. Um  die burkatragenden Frauen geht es zuletzt.</p>
<p>Dass sich ausgerechnet die Liberale Koch-Mehrin f&#252;r ein Burkaverbot stark  macht, ist umso unverst&#228;ndlicher. Ihre Argumente finden sich &#228;hnlich  auch bei den belgischen Bef&#252;rwortern des Gesetzes. Laut<em> <a href="http://www.fr-online.de/top_news/2601370_Koch-Mehrin-fuer-europaweites-Burka-Verbot.html">Frankfurter Rundschau</a></em> sagt sie: »Wer Frauen verh&#252;llt, nimmt ihnen das Gesicht  und damit ihre Pers&#246;nlichkeit«, und »Die Burka ist ein massiver Angriff  auf die Rechte der Frau, sie ist ein mobiles Gef&#228;ngnis.«</p>
<p>Ich verstehe den religi&#246;sen Sinn der muslimischen Verschleierung  nicht (auf Basis der heiligen Schriften <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schleier#Verschleierung_im_Islam">im  Islam</a> noch weniger als die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schleier#Der_Schleier_im_Christentum">christliche</a>),  und ich verstehe den Sinn der Vollverschleierung noch weniger.  Vollverschleierung ist f&#252;r mich ein &#196;rgernis (dazu auch eine sehr gut  begr&#252;ndete <a href="http://liberalprogressiv.wordpress.com/2010/05/01/burkaverbot/">Position  im Blog <em>liberalprogressiv</em></a>, die ich weitgehend teile):  Gesellschaftlich scheint mir das sehr eindeutig eine misogyne  Zielrichtung zu haben: Die Frau wird qua Geschlecht als s&#252;ndhaft,  verf&#252;hrerisch, als Objekt des Mannes und eigentlich nicht in die  &#246;ffentliche Sph&#228;re geh&#246;rig betrachtet. (Und andererseits gibt es  gen&#252;gend Frauen, die glaubhaft versichern, dass sie das freiwillig und  sehr reflektiert tun, und ich kenne gen&#252;gend katholische Ordensfrauen,  die ihren Schleier selbstbewusst und stolz tragen.) Eng verkn&#252;pft mit  einer gesellschaftlichen Begr&#252;ndung ist das Argument des Schamgef&#252;hls:  F&#252;r mich als westlich gepr&#228;gten Mann (der <a href="http://www.buzzmachine.com/2010/02/11/the-german-privacy-paradox/">deutsche  Saunen</a>, Str&#228;nde und Werbung im Sp&#228;tprogramm von MTV kennt) wirkt es  zwar seltsam, dass das Zeigen von Haaren schamhaft verhindert wird –  aber will man kultur&#252;bergreifend einen Standard festlegen, was legitim  schamhaft verborgen werden darf und was nicht? (Eine sehr koloniale  Vorstellung: »Der Buschneger soll seine Bl&#246;&#223;e bedecken, die Frau vom  Muselman ihr Haar entbl&#246;&#223;en.«) Schon daran sieht man: Burka per Basta zu  verbieten ist eine unterkomplexe Reaktion.</p>
<p>Die feministische Argumentation f&#252;r ein Burkaverbot scheint mir nur  vorgeschoben, weil so politisch korrekt die Furcht vor dem Fremden zur  Politik gemacht werden kann. Erstaunlich, wer pl&#246;tzlich alles ein  Interesse an Rechten f&#252;r Frauen hat. (So wie die baden-w&#252;rttembergische  CDU erst dann ein Interesse an Rechten von Homosexuellen hat, wenn man  sie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Einb%C3%BCrgerungstest#Inhalt_und_Umsetzung_in_Baden-W.C3.BCrttemberg">gegen  Muslime</a> ausspielen kann.) Hilal Sezgin schrieb dazu <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/562/497863/text/">in der  <em>S&#252;ddeutschen</em></a>:</p>
<blockquote><p>[D]ie meisten deutschen M&#228;nner und Frauen [erkennen] ein Opfer des  Patriarchats nur, wenn es unterm Kopftuch daherkommt; dann allerdings  v&#246;llig unabh&#228;ngig davon, ob dieses sich selbst als Opfer f&#252;hlt oder was  an eigenen Gedanken in dem Kopf unterm Tuch vorgehen mag. Mit  Kopftuchfrauen spricht man nicht, man bemitleidet sie einfach. […]  Argumente des Feminismus als gesellschaftlich breit akzeptierte  Benutzeroberfl&#228;che f&#252;r die Abgrenzung eines “Wir” contra “die Fremden”.</p></blockquote>
<p>Sezgin spricht hier auch an, dass die Debatte nur scheinbar mit  feministischen Argumenten gef&#252;hrt wird: Die betroffenen Frauen sind  zuallererst Objekt. Objekt der Debatte (anstatt dass versucht wird, sie  selbst zu Wort kommen zu lassen), Objekt in den Argumenten (immer werden  sie prim&#228;r in Abh&#228;ngigkeit von ihrem Mann dargestellt; sie verh&#252;llen  sich nicht, sie <em>werden</em> verh&#252;llt).</p>
<p>Folgerichtig sind die Burkatr&#228;gerinnen auch Objekt in den Antworten  auf die Frage, was daraus <em>politisch</em> folgen soll: Die Burka wird  (meines Erachtens zurecht) als patriarchale Praxis erkannt. Die  interessiert aber weniger als patriarchale als vielmehr als <em>fremde</em> kulturelle Praxis. Indem <em>der Andere</em> als das <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Othering#The_Other_in_gender_studies">Andere  schlechthin</a> gekennzeichnet wird; und wenn eine Gruppe, eine  Religion, so anders ist, dann kann man sie als Feind behandeln. Auf die  Individuen kommt es dann gar nicht mehr an – wie Carl Schmitt (»Der  Begriff des Politischen«) es beschreibt:</p>
<blockquote><p>Feind ist […] nicht der Konkurrent oder der Gegner im allgemeinen, Feind ist auch nicht der private Gegner, den man unter Antipathiegef&#252;hlen  ha&#223;t. Feind ist nur eine wenigstens eventuell, d. h. der realen  M&#246;glichkeit nach  Gesamtheit  von Menschen, die einer ebensolchen Gesamtheit gegen&#252;bersteht. Feind ist  nur der <em>&#246;ffentliche</em> Feind, weil alles, was auf eine solche  Gesamtheit von Menschen, insbesondere auf ein ganzes Volk Bezug hat,  dadurch <em>&#246;ffentlich</em> wird.</p></blockquote>
<p>Die Gruppe wird pauschal getroffen und damit die Ressentiments der  eigenen Klientel bedient. Mit einem freiheitlichen Rechtsstaat freilich  hat das <a href="http://www.politporno.de/2010/05/ware-ein-burka-verbot-mit-dem.html">nichts  mehr zu tun</a>: »Vielmehr m&#252;ssen wir uns auf die Grundrechte besinnen,  die unsere <em>freie</em> westliche Welt ausmachen. Auch wenn dies  bedeutet, dass Menschen in unserem Land Dinge tun, die wir nicht  verstehen oder gar ablehnen.«</p>
<p>Das verhindert nicht deutliche Kritik an der Vollverschleierung: Eine  ernsthafte feministische Kritik m&#252;sste entsexualisierende wie  sexualisierende Praktiken kritisieren aus einer Subjektperspektive:  Scham wie Freiz&#252;gigkeit sind v&#246;llig legitim. Die Frage ist  Freiwilligkeit oder Zwang.</p>
<p>Burkaverbote sind nichts anderes als einfach eine andere  fremdbestimmte K&#246;rperpolitik, mit symbolpolitischer Zielsetzung.</p>
<p>Mit Verboten kommt man dem Problem der Rolle der Frau im Islam nicht  bei. <a href="http://www.amnesty.org/en/news-and-updates/belgium-votes-ban-full-face-veils-2010-04-30">Amnesty  International kritisiert</a> v&#246;llig zurecht:</p>
<blockquote cite="http://www.amnesty.org/en/news-and-updates/belgium-votes-ban-full-face-veils-2010-04-30"><p>“Far from upholding the rights of women, such a general ban would  violate the rights of those who choose to wear full face veils, while  doing little to protect those who do so against their will, who risk  even greater confinement as a result. The obligation to combat  discrimination cannot be fulfilled by imposing a measure that is itself  discriminatory,” said John Dalhuisen.</p></blockquote>
<p>Ein Burkaverbot ist ein typischer Akt von Scheinpolitik: Anstatt dass  an <a href="http://www.derblogger.eu/?p=130">echten L&#246;sungen</a> gearbeitet wird, wird einfach <em>etwas</em> getan, was  Handlungsf&#228;higkeit und Entschlussfreude simuliert. Naiv wird so getan,  als lie&#223;e sich die Wirklichkeit etwas von Gesetzen vorschreiben.  Antje  Schrupp hat das <a href="http://antjeschrupp.com/2010/05/01/die-politik-der-macht-und-die-notwendigkeit-der-vermittlung/">auf  den Punkt gebracht</a>:</p>
<blockquote><p>Die Alternative ist nicht: Entweder Gesetze dagegen machen oder  Verst&#228;ndnis zeigen. Sondern die eigentliche politische Frage ist: Wie  k&#246;nnen wir dieses Verh&#228;ltnis so gestalten, dass sich wirklich eine  nachhaltige Verbesserung im Sinne eines guten Lebens f&#252;r alle entwickeln  kann?</p></blockquote>
<p>Dazu m&#252;sste man diskutieren, wie man mit den Burkatr&#228;gerinnen und  ihren M&#228;nnern, V&#228;tern und Br&#252;dern ins Gespr&#228;ch kommt, wie man  gegebenenfalls dieses Sprachf&#228;higkeit erst herstellt. Wie man mit diesen  Frauen (und erst recht mit diesen M&#228;nnern) durch Bildung, Inklusion,  Freir&#228;ume eine Emanzipation von kulturellen Zw&#228;ngen erm&#246;glicht.</p>
<p>Aber das w&#228;re ja Arbeit.</p>
<p><em>crosspost von <a href="http://fxneumann.de/2010/05/01/die-burka-der-anderen/?utm_source=feedburner&amp;utm_medium=feed&amp;utm_campaign=Feed%3A+fxneumann+%28fxneumann+%C2%B7+Blog+von+Felix+Neumann%29&amp;utm_content=Google+Reader">fxneumann.de</a>.</em>
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=26692&amp;md5=4da4dc83fa2963c006096b209f6047d1" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Kritik am Titanic-Titel: Wer besudelt hier wen?</title>
		<link>http://carta.info/25529/kritik-am-titanic-titel-wer-besudelt-hier-wen/</link>
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		<pubDate>Tue, 13 Apr 2010 09:16:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eine "un&#252;berbietbare Besudelung" soll das aktuelle Titelbild der Titanic sein - mit maximaler hysterischer Emp&#246;rung wird hier die Pressefreiheit verneint. Institutionen und Autorit&#228;ten m&#252;ssen aber auch in Frage gestellt und kritisiert werden k&#246;nnen. - Gegen&#252;ber Menschen kann man sich nicht alles erlauben!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/223c8824e253449fb047c77c2290a2fa" alt="" width="1" height="1" />Zum <a href="http://www.titanic-magazin.de/index.php?eID=tx_cms_showpic&#038;file=uploads%2Fpics%2F01-U1-Titel-201004-Kruzifix_05.jpg&#038;width=800m&#038;height=600&#038;bodyTag=%3Cbody%20bgcolor%3D%22%23FFFFFF%22%20leftmargin%3D%220%22%20topmargin%3D%220%22%20marginwidth%3D%220%22%20marginheight%3D%220%22%3E&#038;wrap=%3CA%20href%3D%22javascript%3Aclose%28%29%3B%22%3E%20|%20%3C%2FA%3E&#038;md5=a58e005c768f4d393b9bae874cea3cde">aktuellen Titanic-Titel</a> habe ich noch nichts geschrieben; ich halte ihn f&#252;r  einen extrem zuspitzenden, aber guten Kommentar.</p>
<p>Norbert Geis hat nun in der Tagespost einen Artikel ver&#246;ffentlicht, den ich f&#252;r den eigentlichen Skandal halte: <a href="http://www.die-tagespost.de/2008/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=100056673&amp;Itemid=1">»Un&#252;berbietbare  Besudelung«</a>.</p>
<p><em>Theologisch</em> verwischt er die Kernbotschaft des Christentums,  und <em>politisch</em> dehnt er den § 166 StGB (den alten  »Gottesl&#228;sterungsparagraphen«) so weit, da&#223; der Staat nur noch  vordergr&#252;ndig ein s&#228;kularer bleibt (da mu&#223; man sich dann &#252;ber die <a href="http://www.spreeblick.com/2010/04/12/how-i-found-jesus-but-lost-my-mind/">Au&#223;enwirkung</a> des Christentums nicht wundern).</p>
<p>Im Untertitel geht es schon los: »Die „Titanic“-Karikatur ist  strafbar – Auf Meinungsfreiheit kann sich das Blatt nicht berufen« – bei  Norbert Geis ist das Programm: <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/644540/">Grundrechte  absprechen</a> geh&#246;rt bei ihm zum &#252;blichen politischen Gesch&#228;ft. Der <a href="http://dejure.org/gesetze/StGB/166.html">§ 166 StGB</a> liegt ihm  daher besonders am Herzen, und in seinem Tagespost-Artikel ist es ihm  darum zu tun, zu begr&#252;nden, warum das Bild strafrechtlich relevant sein  soll. Das ist nicht ganz einfach, mu&#223; die Darstellung doch dazu geeignet  sein, »den &#246;ffentlichen Frieden zu st&#246;ren«.</p>
<p>Zun&#228;chst leitet Geis die Beschimfpung des Bekenntnisses her, gipfelnd  in diesem Satz:</p>
<blockquote><p>Eine gr&#246;&#223;ere Missachtung des Kreuzes und der W&#252;rdentr&#228;ger der  katholischen Kirche und damit der Kirche selbst, ist kaum denkbar. Die  Besudelung des Kreuzes ist nicht mehr zu &#252;berbieten.</p></blockquote>
<p>Wird hier tats&#228;chlich ein religi&#246;ses Bekenntnis »beschimpft? (Zur  Frage der »Blasphemie« aus einer theologischen wie politischen Sicht  habe ich schon einmal ausf&#252;hrlich geschrieben: <a title="Idiosynkrasie, Blasphemie und Theodizee" href="http://fxneumann.de/2009/08/05/idiosynkrasie-blasphemie-und-theodizee/">»Idiosynkrasie,  Blasphemie und Theodizee«</a>) <em>Meine</em> religi&#246;sen Gef&#252;hle  jedenfalls werden verletzt, wenn ich so etwas lese: Das Kreuz wird  gerade nicht mi&#223;achtet, sondern radikal ernstgenommen. Hier wird ins  Bild gesetzt, was es hei&#223;t, wenn Christus, der »Gott gleich ist«, sich  »ent&#228;u&#223;ert und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich« <a href="http://www.bibleserver.com/#/text/EU/Philipper2">(Philipperhymnus)</a>,  da&#223; er sich <a href="http://www.elia-gemeinschaft.de/wordpress/2010/04/10/peters-gedanken/karikaturenstreit">mit  den geringsten seiner Br&#252;der identifiziert</a>. Da&#223; ein Bischof als der  Vergewaltiger Christi dargestellt ist, ist nat&#252;rlich eine polemische  Zuspitzung – aber soll das unberechtigt sein, wenn selbst Bischof  Ackermann feststellt, da&#223; <a href="http://www.tagesschau.de/inland/missbrauchsfaelle104.html">in der Kirche vertuscht wurde</a>?</p>
<p>Nachgerade pervers in der Einsch&#228;tzung ist der zweite zitierte Satz: Ein <em>Bild</em> soll die nicht&#252;berbietbare Besudelung des Kreuzes  sein. Ist das schon Idolatrie? Es treibt jedenfalls die fragw&#252;rdige  theologische Figur der Blasphemie als L&#228;sterung Gottes auf die Spitze: Was f&#252;r ein Gott ist das, dessen Ehre und W&#252;rde man besch&#228;digen kann?  Und, schlimmer noch, eine zynische Dummheit ist es, die um die maximal  hysterische Emp&#246;rung zu erreichen in Kauf nimmt, da&#223; das reale Leiden  von echten Menschen (gar im Namen der Kirche!) bestenfalls einen zweiten  Platz hinter dem b&#246;sen Bild einnehmen mu&#223;, wenn &#252;berhaupt.</p>
<p>(Eine theologische Spitzfindigkeit am Rande: »Das Gesicht des  Gekreuzigten wird mit dem Ausdruck eines bl&#246;den Menschen dargestellt«,  schreibt Geis. Wei&#223; er, da&#223; Jesus nicht immer der br&#252;nettgelockte  Sch&#246;nling im Stil der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Nazarener_%28Kunst%29">Nazarener</a> war? In der Tradition von Jesajas <a href="http://www.bibleserver.com/#/text/EU/Jesaja52">viertem  Gottesknechtslied</a> argumentierten Theologen wie Justin, Tertullian  und Clemens von Alexandrien, da&#223; Jesus h&#228;&#223;lich dargestellt werden m&#252;sse:  Da&#223; Christus wie ein »bl&#246;der Mensch« aussieht – das ist der Kern  christlicher Theologie, die das Leid der Menschen nicht vergessen hat.)</p>
<p>Das ist der eine Grund, warum ich Geis’ Artikel f&#252;r eine  unterirdische Entgleisung halte. Nicht nur theologisch ist der Einwurf  ein Totalausfall, auch politisch. Geis f&#228;hrt fort, um den zweiten Teil  der Strafbarkeitsvoraussetzung zu pr&#252;fen: Die M&#246;glichkeit der St&#246;rung  des &#246;ffentlichen Friedens. Geis konstruiert ein Bild einer Kirche in  Not, die unter der »Hetze« der »Schreiberlinge« (»wie losgelassene  Kettenhunde«) und ihren »l&#228;cherlichen und kleinkarierten Angriffen«  Freiwild geworden ist. Die Staatsanwaltschaft m&#252;sse einschreiten, denn:</p>
<blockquote><p>Es darf […] nicht der Eindruck entstehen, gegen&#252;ber den katholischen  Gl&#228;ubigen d&#252;rfte jeder sich alles erlauben.</p></blockquote>
<p>Wieder ein infames Bild: Eine w&#252;tende &#214;ffentlichkeit fordert ja  gerade ein, da&#223; man sich gegen&#252;ber Menschen nicht alles erlauben kann  und hinterfragt daher aufs peinlichste eine Institution, die so  staatstragend ist, da&#223; sie selbstverst&#228;ndlich und verfassungsrechtlich  gesch&#252;tzt Privilegien genie&#223;t und nutzt.</p>
<p>Die Argumentation wird aber weitergedreht:</p>
<blockquote><p>Allerdings geht es nicht nur um den Schutz der Gl&#228;ubigen und der Kirche  vor Beschimpfung, es geht letztlich auch um die Grundlagen unserer  Demokratie. Das Christentum ist f&#252;r die moderne Welt unverzichtbar.</p></blockquote>
<p>Das ist, gelinde gesagt, originell. Geis distanziert sich dann im  folgenden zwar von der offensichtlichen Deutung dieses Satzes, n&#228;mlich  da&#223; das Reich Gottes etwas politisch zu erreichendes sein soll. Er dehnt  damit aber den Paragraphen 166 so weit, da&#223; er eine ganze  verfassungsm&#228;&#223;ige Ordnung tragen soll: § 166 als gesetzgewordenes <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%B6ckenf%C3%B6rde-Diktum">B&#246;ckenf&#246;rde-Diktum</a>;  Geis liest aber nur den Anfang – »Der freiheitliche, s&#228;kularisierte  Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.«  –, ohne weiterzulesen und das originelle, das freiheitliche Element  B&#246;ckenf&#246;rdes zur Kenntnis zu nehmen:</p>
<blockquote><p>Anderseits kann [der freiheitliche Rechtsstaat] diese inneren  Regulierungskr&#228;fte nicht von sich aus, das hei&#223;t, mit den Mitteln des  Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren versuchen, ohne  seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf s&#228;kularisierter Ebene – in  jenen Totalit&#228;tsanspruch zur&#252;ckzufallen, aus dem er in den  konfessionellen B&#252;rgerkriegen herausgef&#252;hrt hat.</p></blockquote>
<p>B&#246;ckenf&#246;rde ist religionsneutral; die moralische Substanz mu&#223; nicht  religi&#246;s begr&#252;ndet sein. F&#252;r Geis ist aber nur eine religi&#246;se Begr&#252;ndung  moralischer Substanz m&#246;glich. Mit Dostojewski scheint f&#252;r Geis alles  erlaubt, wenn es Gott nicht gibt, und damit w&#228;re das Christentum  staatstragend als notwendiges Fundament – durch die Hintert&#252;r wird doch  das erreicht, wovon Geis sich <em>expressis verbis</em> distanzieren  will: eine Form von Staats-Kirche – oder Kirchen-Staat. (Warum ich auch  aus christlicher Perspektive die These ablehne, da&#223; ohne Glauben an Gott  keine Moral m&#246;glich sei, habe ich vor einiger Zeit unter dem Titel <a title="Moral ohne Gott? Anmerkungen zu Kolakowski" href="http://fxneumann.de/2009/09/04/moral-ohne-gott-anmerkungen-zu-kolakowski/">Moral ohne Gott.  Anmerkungen zu Kolakowski</a> geschrieben.)</p>
<p>B&#246;ckenf&#246;rde geht es auch nicht um eine wie auch immer verfa&#223;te  Organisation; ihm geht es um eine moralische Substanz. Christlicher  Glaube, der die W&#252;rde jedes einzelnen Menschen ins Zentrum stellt, kann <em>eine</em> solche Substanz sein. Reduziert man diese Substanz aber auf das  Christentum, dann schlie&#223;t man alle anderen aus; auch die Titanic ist  ein Teil jenes vorpolitischen, vor-staatlichen Raumes, das moralische  Substanz bildet: Teil einer kritischen &#214;ffentlichkeit, die (und sei es  bl&#246;delnd oder polemisch) den Finger in die Wunden legt. Soziales Kapital  (darum geht es B&#246;ckenf&#246;rde) ist immer zwiesp&#228;ltig: Die, die drinnen  sind, profitieren davon, die drau&#223;en haben durch ihren Mangel daran  Nachteile. <em>Nur</em> auf das Christentum kann daher ein  freiheitlicher Staat nicht bauen.</p>
<p>Wendet man den § 166 so weit an, wie Geis das fordert, macht man  mithin etwas nebul&#246;ses und hochgradig Subjektives wie »religi&#246;se  Gef&#252;hle« zu einem absoluten Wert (baut also nicht zu hinterfragende  Autorit&#228;ten auf). Das endet gerade in einem Totalit&#228;tsanspruch des  Staates. Ein vorpolitischer Raum mu&#223; daher ein pluraler sein, auch,  damit sich die unterschiedlichen gesellschaftlichen Subsysteme  gegenseitig kontrollieren k&#246;nnen: Die Titanic hat nicht den geringsten  Respekt vor irgendeiner tats&#228;chlichen oder vorgeblichen Autorit&#228;t;  komplement&#228;r dazu fordert die Kirche Respekt vor absoluten Werten ein.  Auf <em>beides</em> kann eine freiheitliche Gesellschaft nicht  verzichten. Wenn man anf&#228;ngt, solche Institutionen strafrechtlich zu  verhindern, kommt es zu Schieflagen.</p>
<p><em>Crosspost von <a href="http://fxneumann.de/2010/04/12/wer-besudelt-hier-wen/">fxneumann.de</a>.</em>
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<a href="http://carta.info/25529/kritik-am-titanic-titel-wer-besudelt-hier-wen/">Kritik am Titanic-Titel: Wer besudelt hier wen?</a> on <a href="http://carta.info">CARTA</a> | <a href="http://carta.info/25529/kritik-am-titanic-titel-wer-besudelt-hier-wen/#comments">14 comments</a>
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		<title>Urheberrecht als k&#252;nstlerischer Bankrott</title>
		<link>http://carta.info/24544/urheberrecht-als-kuenstlerischer-bankrott/</link>
		<comments>http://carta.info/24544/urheberrecht-als-kuenstlerischer-bankrott/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 18 Mar 2010 16:04:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die »Leipziger Erkl&#228;rung zum Schutz geistigen Eigentums« ist eine Nebelkerze, ein Appell von Gro&#223;schriftstellern, die kein Interesse daran haben, Kunst nicht nur zu schaffen und zu verkaufen, sondern auch zu verbreiten und weiterzuverarbeiten. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/184d103cbdd24f2da284386067c27246" alt="" width="1" height="1" />Die <a href="https://vs.verdi.de/urheberrecht/aktuelles/leipziger-erklaerung">»Leipziger  Erkl&#228;rung zum Schutz geistigen Eigentums«</a> ist eine Nebelkerze.  Vordergr&#252;ndig geht es um das Gute, Wahre und Sch&#246;ne: Um die Rettung  echter Kunst vor einem zerst&#246;rerischen Sturm aus Plagiaten, Epigonen und  Raubkopien. Tats&#228;chlich ist die Erkl&#228;rung ein k&#252;nstlerischer  Offenbarungseid: Die unterzeichnenden Autoren machen sich stark f&#252;r ein  allzu einfaches Kunstverst&#228;ndnis, das in erster Linie den Verlegern  dient.</p>
<p>Die Erkl&#228;rung st&#252;tzt sich auf S&#228;tze wie Hammerschl&#228;ge: »Jedes  literarische Werk ist ein origin&#228;res Kunstwerk.« Das h&#228;tte der Beginn  eines Pl&#228;doyers f&#252;r eine Selbst&#228;ndigkeit der Kunst sein k&#246;nnen, einer  Unabh&#228;ngigkeitserkl&#228;rung, die feststellt, dass Werke ihren Wert nicht aus  ihrem rechtlichen, sondern aus ihrem k&#252;nstlerischen Gehalt ziehen: Eine  Forderung, dass jedes literarische Werk zun&#228;chst als origin&#228;res  Kunstwerk bewertet werden mu&#223;. Kunst ist nicht Olympia. Fairness ist  kein &#228;sthetischer Ma&#223;stab. Helene Hegemann sollte Buchpreise nicht wegen  Fairness erhalten oder nicht, sondern wegen der Qualit&#228;t ihres Werks.  Kunst, jede Kulturleistung, ist ohnehin nicht denkbar ohne eine  Verwurzelung in Vorg&#228;ngern und Werken anderer. Ob implizit oder  explizit: Von den Schultern der Giganten kann auch der gr&#246;&#223;te und  origin&#228;rste Kunstschaffende nicht hinabsteigen, und sei es, indem er  sich m&#246;glichst spektakul&#228;r von diesen Schultern absto&#223;en will.</p>
<p>Eine Abgrenzung der explizit als zul&#228;ssig genannten Collage (man  m&#246;chte ja nicht Kempowski und D&#246;blin exkommunizieren) vom b&#246;sen Plagiat  wird nicht vorgenommen. Kein Wort &#252;ber Remixes, &#252;ber Mashups, &#252;ber – wenigstens das h&#228;tte man von Kulturschaffenden der Gegenwart erwarten  k&#246;nnen – Intertextualit&#228;t. Kein Wort &#252;ber die Grenze, die zwischen Anspielung, Hommage, Sprachspiel auf der einen und Plagiat auf der anderen Seite steht, und kein Wort dar&#252;ber, dass gerade diese Grenze <em>auch</em> Quelle k&#252;nstlerischer Aktivit&#228;t sein kann. (Nebenbei: Wenn das raubkopierte PDF, das mir von G&#252;nter Grass’ »Ein weites Feld« vorliegt, nicht l&#252;gt, wird &#252;brigens der Name Fontane darin nie genannt, was selbstverst&#228;ndlich ein literarisches Spiel diesseits der Plagiatsgrenze ist.)</p>
<p>Um all das geht es in der Erkl&#228;rung aber nicht. Strenggenommen geht es &#252;berhaupt nicht um Kunst. Es geht um wirtschaftliches Verwertungsinteresse; das ist nicht verwerflich, und das ist verst&#228;ndlich. Die Erkl&#228;rung wurde auch folgerichtig nicht etwa vom PEN  initiiert, sondern vom zu ver.di geh&#246;renden Verband deutscher  Schriftsteller, und dessen Gesch&#228;ftsf&#252;hrer &#228;u&#223;ert sich <a href="http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,683716,00.html">im Spiegel auch klar dahingehend</a>. Es ist aber nicht ehrlich: Die Erkl&#228;rung verharrt im Duktus einer k&#252;nstlerischen Programmatik. Und als k&#252;nsterische Programmatik versagt sie v&#246;llig.</p>
<p><strong>Die Leipziger Erkl&#228;rung versagt in ihrem Kunstbegriff:</strong> Recht und Kunst werden nicht als verschiedene gesellschaftliche Sph&#228;ren  gesehen, und anstatt ein Primat der Kunst festzustellen, eine  &#196;sthetisierung der Gesellschaft zu fordern (wie bei Beuys, <a href="http://www.walkerart.org/archive/1/A843698FB2232A536167.htm">»Everyone  is an artist«</a>), was wenigstens eine k&#252;nstlerische Position w&#228;re,  wird ein Primat des Rechts &#252;ber die Kunst festgestellt. Eine  rechtsstaatliche Variante eines wilhelminischen Kunstverst&#228;ndnisses:  Kunst ist nicht mehr, was der Kaiser sch&#246;n und der Erbauung dienlich  findet, sondern was vom Recht als rechtm&#228;&#223;ig definiert wird. Mit  Habermas ist das eine Kolonialisierung der Lebenswelt: Die  Handlungslogik des Rechts durchdringt <a title="Die EU-Maultasche kolonialisiert die Lebenswelt" href="http://fxneumann.de/2009/10/24/die-eu-maultasche-kolonialisiert-die-lebenswelt/">alle Sph&#228;ren  der Gesellschaft</a>, und sogar die der Kunst, die gerade eine Antithese  zur strengen Ordnung und Systematisierung des positiven Rechts ist.  Nicht nur die Legitimit&#228;t (das w&#228;re schon fragw&#252;rdig genug), sondern  bereits der k&#252;nstlerische Gehalt der Kunst wird vom positiven Recht  bestimmt: »Schutz geistigen Eigentums« genie&#223;t »uneingeschr&#228;nkt Geltung  und Priorit&#228;t«; <em>l’art pour l’art</em> war vorgestern.</p>
<p>Es scheint, als sei die hergebrachte und wahre Kunst bedroht durch  neue Technik und eine neue Mentalit&#228;t. Dass es gerade Aufgabe der Kunst  w&#228;re, darauf zu reagieren, taucht nicht auf. Dass »das Internet« nicht  nur &#246;konomische Auswirkungen hat, <a href="http://blog.koehntopp.de/archives/2518-Falscher-Planet,-falsches-Jahrtausend.html">sondern  auch kulturelle</a>, taucht nicht auf. (Zumindest Grass sei zugute  gehalten, dass er das Internet in seiner Novelle »Im Krebsgang« von 2002  zu verstehen versuchte, zwar unbeholfen formuliert und  kulturpessimistisch aufgeladen, aber immerhin.) Dass nicht ein  gewandeltes Kunstverst&#228;ndnis, gewandelte k&#252;nstlerische Ausdrucksformen  defekt sein k&#246;nnten, sondern das Urheberrecht – das wird nicht einmal in  Erw&#228;gung gezogen. Das Fremdeln mit gesellschaftlichem Wandel ist ein  allzu bekanntes Muster: Wenn Gesellschaften sich ver&#228;ndern, dann  schreiben die einen Lodenromantik und Heidedichtung, die anderen »Berlin  Alexanderplatz«, die einen unter Creative-Commons-Lizenzen, die anderen  den Heidelberger Appell.</p>
<p>Es geht aber ja eigentlich nicht um den Kunstbegriff; man zeigt zwar  auf das k&#252;nstlerische Plagiat, meint aber die &#246;konomische Raubkopie. Man  &#252;berh&#246;ht das Urheberrecht zum eigentlichen k&#252;nstlerischen Agens, meint  aber <a title="Klientelwirtschaft statt Open access" href="http://fxneumann.de/2009/08/16/klientelwirtschaft-statt-open-access/">wieder einmal das  Verwertungsinteresse</a>. Das »Plagiat« wird &#246;konomisch und juristisch  kritisiert, nicht k&#252;nstlerisch:</p>
<blockquote><p>Wenn ein Plagiat als preisw&#252;rdig erachtet wird, wenn geistiger Diebstahl  und Verf&#228;lschungen als Kunst hingenommen werden, demonstriert diese  Einstellung eine fahrl&#228;ssige Akzeptanz von Rechtsverst&#246;&#223;en im  etablierten Literaturbetrieb.</p></blockquote>
<p><strong>Die Leipziger Erkl&#228;rung versagt in ihrem Bild vom K&#252;nstler:</strong> Der K&#252;nstler im Sinne der Leipziger Erkl&#228;rung ist das Genie. Eine  &#252;berh&#246;hte romantische Vorstellung von Urheberschaft, die heroisch aus  einem einzeln sch&#246;pfenden Titanen sprudelt, so m&#228;chtig, dass nicht der  k&#252;nstlerische Wert des Werks z&#228;hlt, sondern das urspr&#252;ngliche Genie des  K&#252;nstlers. Aus der ganzen Erkl&#228;rung spricht ein Verst&#228;ndnis von  Autorschaft, das zeitlos, &#252;berzeitlich ist. Die Argumente sind  historische &#220;bertreibungen und Fehldeutungen, die den K&#252;nstler  untergehen sehen, wenn es kein Urheberrecht mehr gibt. Was hier  pr&#228;sentiert wird, ist erst denkbar mit dem Geniekult der Romantik, des  Sturm und Drangs. Der K&#252;nstler selbst sei ganz existentiell bedroht  durch Plagiate:</p>
<blockquote><p>K&#252;nstlerische Kreativit&#228;t kann langfristig in einer Gesellschaft nur  gedeihen, wenn &#220;bersetzerinnen, Schriftsteller, wenn alle k&#252;nstlerischen  Wortsch&#246;pfer sich grunds&#228;tzlich und g&#228;nzlich darauf verlassen k&#246;nnen,  dass ihr Urheberrecht an ihren Werken geachtet wird.</p>
<p>Missachtung, Aush&#246;hlung und str&#228;fliche Verletzung des Urheberrechts  f&#252;hrt zur Entwertung, Aufgabe und schlie&#223;lich zum Verlust jedweder  eigenst&#228;ndigen intellektuellen und k&#252;nstlerischen Leistung.</p></blockquote>
<p>Das ist nicht nur pathetisch, das ist historisch schlicht falsch.  Urheberrechte sind ein relativ neues Ph&#228;nomen, auch wenn schon Martial   sich &#252;ber Plagiate beklagt hat (und den Begriff gepr&#228;gt hat). Die ersten  Urheberrechte waren Verlegerrechte und bestanden im wesentlichen aus  einer staatliche Aufsicht &#252;ber das Druckwesen – eine <em>Private-public  partnership</em> zwischen verlegerischem Monopol- und obrigkeitlichem  Kontrollinteresse. Das erste echtes Urheberrecht ist das britische <a href="http://www.copyrighthistory.com/anne.html">Statute of Anne</a> von  1710; in Deutschland wurde die Materie erst 1837 geregelt (auch wenn  bereits 1793 Fichtes <a href="http://www.copyrighthistory.com/fichte.html">»Beweis der  Unrechtm&#228;&#223;igkeit des B&#252;chernachdrucks«</a> publiziert wurde), international sogar erst 1886 mit der <a href="http://www.wipo.int/treaties/en/ip/berne/summary_berne.html">Berner  &#220;bereinkunft</a>. »Eigenst&#228;ndige intellektuelle und k&#252;nstlerische  Leistung« ist mittlerweile (geschichtswissenschaftlich gesichert)  eindeutig f&#252;r die Zeit vor 1710, vor 1837, vor 1886 nachgewiesen.</p>
<p>Darin zeigt sich, dass der Appell ein Projekt von Gro&#223;schriftstellern  ist: Ein Interesse daran, Kunst nicht nur zu schaffen und zu verkaufen,  sondern auch zu verbreiten, weiterzuverarbeiten, zu rezipieren, besteht  nicht. Es ist die Sicht von Gro&#223;schriftstellern, die von ihrer Arbeit  leben k&#246;nnen, die ohnehin Verbreitung finden und f&#252;r die der Absatz so  lohnend ist, dass sie seine Schm&#228;lerung durch »Raubkopien« tats&#228;chlich  f&#252;rchten. Das Plagiat, das die unbekannte Bloggerin wie den  Nobelpreistr&#228;ger gleicherma&#223;en treffen kann, ist nur vorgeschoben. Die  »materielle Basis allen kreativen Schaffens« ist f&#252;r die meisten  Schriftsteller nicht das Urheberrecht, ist nicht das Honorar, sondern  dasselbe, das schon Martial zu Lohn und Brot verholfen hat: klassisches  M&#228;zenatentum, heute in seiner modernen Form, also Literaturpreise und  Stipendien – oder ein »richtiger« Beruf.</p>
<p>Wenn die Erkl&#228;rung damit endet, dass der »Wert der Wortkunst und die  k&#252;nstlerische Freiheit aller Autorinnen und Autoren« gesch&#252;tzt werden  soll, dann ist mit »Wert« allein der &#246;konomische gemeint, und  »k&#252;nstlerische Freiheit« ist nur die Sicherheit, dass die Kunst in einem  romantisierten Status quo ante verharrt, den auch die alte Garde der  Leipziger Erkl&#228;renden versteht und beherrscht.</p>
<p><em>Crosspost von <a href="http://fxneumann.de/2010/03/18/nebelkerze-des-literarischen-establishments/">fxneumann</a>.</em>
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		<title>Und der BDK weinte bitterlich</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Mar 2010 21:27:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA["Hochrisiko f&#252;r die Sicherheit": Bemerkenswert an der j&#252;ngsten BDK-Pressemitteilung ist die ehrliche Furcht ihres Autors, da&#223; sich etwas &#228;ndert in Sachen Grundrechte, da&#223; man der Polizei eben nicht mehr jeglichen erdenklichen Kredit schenkt. Der BDK ist wirklich konsterniert.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/264340f086084de3ad545ee9fb58cb2a" alt="" width="1" height="1" />Selten habe ich eine Pressemeldung mit so viel Vergn&#252;gen gelesen wie die j&#252;ngste des <a href="http://www.bdk.de/kommentar/artikel/vakuum-bei-der-kriminalitaetsbekaempfung-im-internet-ist-ein-hochrisiko-fuer-die-sicherheit-der-buerger-sondersitzung-der-imk-und-jumiko-zur-schadensbegrenzung-unverzichtbar/cca3c5e800/?tx_ttnews[year]=2010&amp;tx_ttnews[month]=03">Bundes der Deutschen Kriminalbeamten</a>, einen offenen »Brief des Bundesvorsitzenden i.S. Vorratsdatenspeicherung an Bundeskanzlerin Frau Dr. Merkel«.</p>
<p>Weinerlich legt der gro&#223;e Vorsitzende dar, da&#223; der Untergang des Abendlandes droht. (Man m&#246;chte ihn in den Arm nehmen und ihm zum Trost <a href="http://www.youtube.com/watch?v=mcBGsNhwxhY">Georg Kreisler</a> vorsingen.) Immerhin: Das Pressemeldungsstimmungsbarometer, das ansonsten nur “mit Entsetzen/Entt&#228;uschung/gro&#223;er Betroffenheit” u.&#228;. kennt, wurde erweitert um »konsterniert nehmen wir zur Kenntnis«, da&#223; n&#228;mlich, ja da&#223; es eine <em>Konsequenz</em> hat, wenn Gesetze verfassungswidrig sind.</p>
<p>Bemerkenswert an der Pressemeldung ist aber nicht nur die Schadenfreude, die sie erzeugt. Bemerkenswert ist die ehrliche Furcht ihres Autors, da&#223; sich etwas &#228;ndert in Sachen Grundrechte, da&#223; man der Polizei eben nicht mehr jeglichen erdenklichen Kredit schenkt. Es ist nicht nur Pressemeldungsbefindlichkeitsanzeige: Man ist wirklich konsterniert.</p>
<p><span id="more-1837"> </span></p>
<p>Der Brief ist, <em>inhaltlich</em> gesehen, alles andere als neu. Die &#252;bliche <a href="http://www.netzpolitik.org/2010/fakten-zur-aktuellen-diskussion-um-die-vorratsdatenspeicherung/">Melange aus Sicherheitspropaganda und &#220;bertreibung</a> wird anger&#252;hrt, garniert mit absurden Schuldzuweisungen <em>(»Hier hat die Bundesnetzagentur die Handlungsbedarfe jahrelang verschlafen!«)</em> und einer unversch&#228;mten Patzigkeit, aus der der alte obrigkeitsstaatliche Polizeigeist spricht:</p>
<blockquote><p>Als Gesellschaft befinden wir uns in einer problematischen Gemengelage <em>[namens »Rechtsstaat«, fxn]</em>, in der weder Politik noch Justiz die Herausforderungen verstehen, ohne in fast schon verantwortungsloser Weise abh&#228;ngig zu sein von Lobbyisten aus dem Bereich der IT–Industrie (Politik) oder sich ausgesprochen einseitig vor der Urteilsfindung durch den Chaos Computer Club (CCC) beraten zu lassen (BVerfG).</p></blockquote>
<p>Die Chuzpe, mit der dem Bundesverfassungsgericht (durchweg nur im Kommi&#223;ton »BVerfG« gerufen) <a href="http://www.internet-law.de/2010/03/bdk-bundesverfassungsgericht-einseitig.html">unterstellt wird, es habe sich »einseitig« beraten lassen;</a> die Frechheit, mit der die Polizisten behaupten, nur sie verst&#252;nden die Welt (»Ein Geisterfahrer? Hunderte!«) – gefolgt von der Absurdit&#228;t der Behauptung, da&#223; die Kriminalpolizei &#252;berhaupt keinen Einflu&#223; hatte (bestimmt wegen den verdammten Peaceniks in den Innenministerien): So viel Realit&#228;tsverweigerung und &#220;berheblichkeit in nur einem Absatz.</p>
<div id="attachment_23973" class="wp-caption alignleft" style="width: 236px"><a href="http://twitpic.com/16mqjb"><img class="size-full wp-image-23973" title="71604695" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2010/03/71604695.jpg" alt="71604695" width="226" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">(Quelle: @marax79 via Twitpic)</p></div>
<p>Und es ist ein gutes Zeichen. Die Argumente der Sicherheitsfanatiker konnten noch nie bestehen. Jetzt sehen sie ihre Felle davonschwimmen. Es bleiben sattsam bekannte markige Worte (schon der Titel des offenen Briefs, »Vakuum bei der Kriminalit&#228;tsbek&#228;mpfung im Internet ist ein Hochrisiko f&#252;r die Sicherheit der B&#252;rger« macht ein Bullshit-Bingo voll) und ad-hominem Attacken gegen die »sog. Netzkultur«, der man »Wirklichkeitsverzerrungen und zum Teil naive Vorstellungen« dar&#252;ber vorwirft, »was Kriminalpolizei tut oder darf«. (Naive Vorstellungen dar&#252;ber, was Polizei darf oder nicht darf f&#252;hren in diesem Land gerne zu Anzeigen wegen <a href="http://www.tagesspiegel.de/berlin/Polizei-Justiz-Tiergarten-Mitte-Tourismus;art126,3046342">»Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte«</a>, wenn man nicht gerade die <a href="http://media.ccc.de/browse/congress/2009/26c3-3705-de-die_ereignisse_des_129_und_ihre_folgen.html">&#220;berwacher selbst &#252;berwacht</a>.)</p>
<p>In anderem Zusammenhang, es ging um das politische Kabarett, stand heute <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/126/505327/text/">in der S&#252;ddeutschen</a> das zu lesen:</p>
<blockquote><p>Es war die ideale Situation von David und Goliath: Der Feind herrschte noch, aber hielt es bereits f&#252;r n&#246;tig, um sich zu schlagen, und gab den Eingeweihten so zu verstehen, dass er insgeheim bereits auf dem absteigenden Ast sa&#223;.</p></blockquote>
<p>Der Feind herrscht noch. Und mit Jugendschutzmedienstaatsvertrag, neuen Sperrphantasien der CDU, dem Festhalten von SPD und CDU an der Vorratsdatenspeicherung, mit ACTA und SWIFT, nicht zuletzt mit einem Innenausschu&#223;, der von einem Bosbach geleitet wird, ist es noch ein weiter Weg, bis alle feuchten Tr&#228;ume vom Pr&#228;ventivstaat ausgetr&#228;umt sind, bis man sich auf den Gesetzgeber (und nicht nur das Verfassungsgericht als Gesetznehmer) verlassen kann, wenn es um einen freiheitlichen Rechtsstaat geht. Der Feind herrscht noch. Aber man darf sich schon dar&#252;ber freuen, wenn er einmal in der Schmollecke sitzt.</p>
<p>Und jetzt alle:</p>
<blockquote><p>Sch&#252;tzen wir die Polizei!<br />
Sie w&#228;r l&#228;ngst schon an der Reih’.<br />
[…]<br />
Doch wer sch&#252;tzt den Polizist? Ja, wer sch&#252;tzt den Polizist?<br />
Und wer sch&#252;tzt ihn vor dem Schmerz,<br />
wenn er pfeift und keiner h&#246;rt’s?</p></blockquote>
<p>Crosspost von <a href="http://fxneumann.de/2010/03/08/und-der-bdk-weinte-bitterlich">fxneumann.de</a>.
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<p><small>
<a href="http://carta.info/23972/bdk-vorratsdatenspeicherung-pressemitteilung/">Und der BDK weinte bitterlich</a> on <a href="http://carta.info">CARTA</a> | <a href="http://carta.info/23972/bdk-vorratsdatenspeicherung-pressemitteilung/#comments">49 comments</a>
</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=23972&amp;md5=e25dae8af2fd09e003c3f7471ef95737" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Piratenpartei: Mehr als die Autofahrerpartei auf der Datenautobahn</title>
		<link>http://carta.info/22886/piratenpartei-autofahrerpartei-auf-der-datenautobahn/</link>
		<comments>http://carta.info/22886/piratenpartei-autofahrerpartei-auf-der-datenautobahn/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 12 Feb 2010 17:06:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autoren-Agenda]]></category>
		<category><![CDATA[Autoren-Home]]></category>
		<category><![CDATA[Editors Pick]]></category>
		<category><![CDATA[Standard RSS]]></category>
		<category><![CDATA[Piratenpartei]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Bundestagswahlanalyse der Konrad-Adenauer-Stiftung vers&#228;umt, das tats&#228;chlich Neue an der Piratenpartei zu erkennen und daraus die richtigen Schl&#252;sse zu ziehen: Solange »neue Kommunikationswege« nur als neue Seitenarme der alten Kan&#228;le begriffen werden, wird die Tragweite gesellschaftlichen Wandels ignoriert.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/b6d4197d35334aedacc64bd114eb976b" alt="" width="1" height="1" />Au&#223;er dem Zitat von den Piraten als Autofahrerpartei der Netze wurde (mit Ausnahme einer <a href="http://www.netzpolitik.org/2010/piraten-mit-autofahrer-partei-vergleichbar-freie-fahrt-und-freies-netz/">kurzen Einsch&#228;tzung bei netzpolitik.org</a>) bisher wenig zur Analyse der <a href="http://www.kas.de/wf/de/33.18785">Konrad-Adenauer-Stiftung zur Piratenpartei</a> gesagt. Ich habe mir die Studie etwas genauer angesehen.</p>
<p>Das Fazit vorab: Deskriptiv ganz in Ordnung, politikwissenschaftlich und soziologisch zu wenig ausgef&#252;hrt. Das gr&#246;&#223;te Vers&#228;umnis der Studie ist es, zu sehr auf der Inhaltsdimension zu beharren – und ein v&#246;llig fehlendes Verst&#228;ndnis f&#252;r die Besonderheit der Struktur der Piratenpartei.</p>
<p>Die ersten sechs Kapitel referieren weitgehend korrekt, aber auch &#252;berraschungsfrei Geschichte und Hintergr&#252;nde (neue Erkenntnisse, die man nicht aus Henning Bartels in der Studie viel zitiertem <a href="http://ebooks.contumax.de/nb">Piratenpartei-Buch</a> oder auch kompakter aus <a title="Anti-Parteien-Partei 2.0" href="http://fxneumann.de/2009/12/23/anti-parteien-partei-2-0/">meiner eigenen &#220;bersicht</a> ziehen k&#246;nnte, gibt es dort nicht). Dabei f&#228;llt auf, da&#223; vor allem die Au&#223;enwahrnehmung geschildert wird und die Partei auf ihre Inhalte reduziert wird. Dieser Fokus macht sich in den Schl&#252;ssen der eigentlichen Analyse bemerkbar.</p>
<p>Das siebte Kapitel, »Etablierungschancen«, beschr&#228;nkt sich weitgehen darauf, Chancen aufgrund des sich ausdifferenzierenden Parteiensystems zu konstatieren:</p>
<blockquote><p>Erkl&#228;rt werden diese Entwicklungen u. a. mit Individualisierung, der Aufl&#246;sung und Schrumpfung sozialer Gro&#223;gruppen und gesellschaftlicher Differenzierung. Gruppenkoh&#228;sion, kollektive und gruppenspezifische Orientierungsschemata, Tradition und Milieubindung spielen als wahlentscheidende Motive eine geringere Rolle. <em>(S. 24)</em></p></blockquote>
<p>Das ist etwas entt&#228;uschend; die einzigen wissenschaftlichen Aussagen konstatieren nicht viel mehr als die M&#246;glichkeit der Ausdifferenzierung des Parteiensystems – das trifft aber auf die Piratenpartei wie auf jede andere Kleinpartei zu und sagt noch nichts &#252;ber die konkrete Zukunftsperspektive der Piratenpartei aus. Makrosoziologische Theorien zur Parteienbildung werden nicht weiter aufgegriffen, weder die <a title="Gekommen um zu bleiben? Piraten politikwissenschaftlich." href="http://fxneumann.de/2009/08/12/gekommen-um-zu-bleiben/">Konfliktlinien-Theorie</a> – die eine Deutung der inhaltlichen Dimension erm&#246;glichen w&#252;rde – noch eine <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Parteiensystem#Sozial-moralische_Milieus">sozial-moralische Milieutheorie</a>, obwohl das mit der Behauptung der Entstehung einer »eigenen „abgegrenzten“ digitalen Kultur, einer Netz-Community« (S. 33) angedeutet wird.</p>
<p>Im Abschnitt zwei, »Ein-Themen-Partei und Organisationsst&#228;rke« findet sich das Schlagwort von der Autofahrerpartei:</p>
<blockquote><p>[D]ie Piraten [beanspruchen] eher den Kurs der Autofahrer-Partei: freie Fahrt und freies Netz. <em>(S. 27)</em></p></blockquote>
<p>Der Autor grenzt damit die Piraten von den Gr&#252;nen ab, die bei ihrer Entstehung bereits zu verschiedenen Politikfeldern positioniert haben. Ich sehe gerade in diesem zentralen Vergleich die gro&#223;e Schw&#228;che der Studie: Eine Reduzierung der Piratenpartei allein auf ihre Inhalte. Das Label »Anti-Parteien-Partei« wird ebenfalls weitgehend inhaltlich aufgefa&#223;t in Abgrenzung zu den etablierten Parteien, die die Tragweite der Bedeutung von Netzpolitik noch nicht erfa&#223;t haben und denen die Fachleute daf&#252;r fehlen. Die Organisation der Piratenpartei wird zwar als neu erkannt, die St&#228;rke und die zentrale Bedeutung aber nicht:</p>
<blockquote><p>In Analogie zum inhaltlichen Gehalt der „Single-Issue-Partei“ schafft es die Piratenpartei, auch in organisatorischer Hinsicht als Internetpartei aufzutreten – und so organisatorische Defizite einer Kleinpartei zu kompensieren. Sie beansprucht, basisdemokratisch organisiert zu sein und ihre Mitglieder und Aktivisten in h&#246;chstem Ma&#223;e an Entscheidungen durch die Nutzung von Web 2.0-Instrumenten zu beteiligen. <em>(S. 28)</em></p></blockquote>
<p>Die Verbindung aus dem soziologischen Befund von oben – Individualisierung, Aufl&#246;sung und Schrumpfung sozialer Gro&#223;gruppen, gesellschaftliche Differenzierung – mit der organisatorischen Dimension unterbleibt. Die Organisation der Piratenpartei ist eben nicht nur ein »Nimbus des Neuen« (S. 28), sondern eine besondere St&#228;rke. W&#228;hrend in anderen Parteien Mechanismen zur Interessensvertretung und Organisation (Gesch&#228;ftsordnungen, Struktur, Aufbau …) seit langem konstant sind und im Prinzip immer noch Organisationsformen des 19. Jahrhunderts abbilden, ist die Piratenpartei gerade durch ihre Durchl&#228;ssigkeit und ihren Fokus auf transparente Beteiligung attraktiv. (Interessant dazu ist <a href="http://www.casasola.de/wordpress/?p=391">Folge 5 des Piratengespr&#228;che-Podcasts</a>, der bei der Nachbetrachtung des Landesparteitages Nordrhein-Westfalen organisatorische Experimente anspricht, die so in etablierten Parteien wohl nicht m&#246;glich w&#228;ren, von alternativen Wahlverfahren bis hin zu Liquid democracy.)</p>
<p>Das Vers&#228;umnis, den Erfolg der Piraten auch an der eigenen unzureichenden Partizipationskultur festzumachen, zieht sich auch durch das Fazit und die vorgestellten Handlungsoptionen. W&#228;hrend den Piraten <em>Agenda setting</em> im inhaltlichen Bereich zuerkannt wird, wird eine m&#246;gliche Auswirkung auf die eigene Organisation ausgeblendet. Die im Titel ge&#228;u&#223;erte Vermutung, es handle sich um eine Partei der <em>Digital natives</em> (das w&#252;rde auch bedeuten, da&#223; irgendwann alle <em>Digital natives</em> sind, weil die <em>Digital immigrants</em> schlicht wegsterben), wird implizit verneint: Die Klientel der Piraten bilde ein eigenes Milieu. Das ist bequem f&#252;r etablierte Parteien, die damit nicht grunds&#228;tzlich organisatorisch umdenken m&#252;ssen. Das ist aber auch kurzsichtig: Da&#223; die Entstehung und der <a title="Danke, Piratenpartei. Was bleibt?" href="http://fxneumann.de/2009/09/28/danke-piratenpartei-was-bleibt/">Erfolg</a> der Piratenpartei zwar eng thematisch umgrenzt ist, aber eben nicht nur ein inhaltlicher Reflex auf Tagespolitik ist, sondern auch eine Folge einer gesellschaftlichen Gro&#223;wetterlage, taucht nicht auf. Da&#223; die Piratenpartei als erste Parteiorganisation agiert, die (nicht einmal notwendig bewu&#223;t) organisatorisch Konsequenzen aus dem Niedergang etablierter Organisationen und dem Erfolg unkonventioneller B&#252;ndnisse (AK Vorratsdatenspeicherung, Attac, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Campact">campact</a>) zieht, taucht auch nicht auf.</p>
<p>Die Handlungsoption &#252;berrascht aus dieser Perspektive dann auch nicht:</p>
<blockquote><p>Wichtig ist f&#252;r die Volksparteien, im Besonderen f&#252;r deren Nachwuchswerbung, die neuen Kommunikationswege zu verstehen und kluge Dialogangebote zu unterbreiten.</p></blockquote>
<p>Die Studie vers&#228;umt es also, das tats&#228;chlich Neue an der Piratenpartei zur Kenntnis zu nehmen und daraus Schl&#252;sse zu ziehen; solange »neue Kommunikationswege« nur als neue Seitenarme der alten Kan&#228;le begriffen werden, wird die Tragweite gesellschaftlichen Wandels ignoriert.</p>
<p>Dialogangebote reichen nicht aus, um auf den beschriebenen gesellschaftlichen Wandel einzugehen: Es kommt darauf an, selbst wieder <a title="SPD: Von Basta- zu Volks-Partei?" href="http://fxneumann.de/2009/10/07/von-basta-zu-volks-partei/">eine Organisationsform</a> zu finden, die es schafft, viele Menschen einzubinden.</p>
<p><span style="color: #ffffff;">.</span></p>
<p><em>Dieser Text hat Felix Neumann auch in seinem Blog <a href="http://fxneumann.de/2010/02/09/mehr-als-autofahrerpartei-auf-der-datenautobahn/">fxneumann.de</a> ver&#246;ffentlicht.</em>
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		<title>Freies WLAN vor dem Aus: Keine Mittelklassefunksubvention in Berlin</title>
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		<pubDate>Wed, 06 Jan 2010 11:21:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein Wunschprojekt von netzpolitik.org ist ein freies WLAN-Netz in Berlin. Das scheint nun endg&#252;ltig gescheitert. Auch wenn ich nicht in Berlin lebe und es mir daher egal sein k&#246;nnte (oder gerade nicht, da ich daher in Berlin gerade auf anderer Leute Netz-Infrastruktur angewiesen bin): Gut so.

Ein kostenloses WLAN ist ein klassischer Fall scheinbar sozialer Politik: Steuermittel werden f&#252;r ein Projekt eingesetzt, von dem gerade die profitieren, die es nicht n&#246;tig h&#228;tten. (Erst recht, wenn das Netz nur »den Innenstadtbereich« abdecken soll, wie aus der Berliner Morgenpost hervorgeht – was ist »Innenstadt« in Berlin? Mehr als Teile von Mitte?)

So wichtig Internetzugang ist: Kostenloses WLAN in der Innenstadt ist ein Luxusproblem. Zielgruppe sind Menschen, die sich mobile Ger&#228;te leisten k&#246;nnen und die auch unterwegs nutzen wollen: Die Morgenpost sieht »Touristen, Unternehmen und Freiberufler« als Hauptnutznie&#223;er – was, abseits der sozialen Bedenken, kaum schl&#252;ssig ist, gibt es doch in Ber]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/2d91ad5fd251461d8692b38eed82fc05" width="1" height="1" alt=""/>Ein Wunschprojekt von netzpolitik.org ist ein freies WLAN-Netz in Berlin. Das scheint nun <a href="http://www.netzpolitik.org/2010/wlan-in-berlin-ist-wohl-vom-tisch/">endg&#252;ltig gescheitert</a>. Auch wenn ich nicht in Berlin lebe und es mir daher egal sein k&#246;nnte (oder gerade nicht, da ich daher in Berlin gerade auf anderer Leute Netz-Infrastruktur angewiesen bin): Gut so.</p>
<p>Ein kostenloses WLAN ist ein klassischer Fall scheinbar sozialer Politik: Steuermittel werden f&#252;r ein Projekt eingesetzt, von dem gerade die profitieren, die es nicht n&#246;tig h&#228;tten. (Erst recht, wenn das Netz nur »den Innenstadtbereich« abdecken soll, wie aus der <a href="http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article1233176/Senat-streicht-Projekt-fuer-freies-Wlan-Netz.html">Berliner Morgenpost</a> hervorgeht – was ist »Innenstadt« in Berlin? Mehr als Teile von Mitte?)</p>
<p>So wichtig Internetzugang ist: Kostenloses WLAN in der Innenstadt ist ein Luxusproblem. Zielgruppe sind Menschen, die sich mobile Ger&#228;te leisten k&#246;nnen und die auch unterwegs nutzen wollen: Die Morgenpost sieht »Touristen, Unternehmen und Freiberufler« als Hauptnutznie&#223;er – was, abseits der sozialen Bedenken, kaum schl&#252;ssig ist, gibt es doch in Berlin nun wirklich keinen Mangel an Cafés mit kostenlosem Netz. (Und wenn ein Unternehmer sich keinen Internetzugang leisten kann, sollte er sein Gesch&#228;ftskonzept lieber gro&#223;fl&#228;chig &#252;berdenken.) Ein kostenloses WLAN w&#228;re kaum mehr als ein Stadtmarketing-Werbegag.</p>
<p>Mit »Grundversorgung« und »sozialer« Politik hat das nichts zu tun; da w&#228;re es sinnvoller, unmi&#223;verst&#228;ndlich rechtlich klarzustellen, da&#223; ein Internetzugang zu einer <a href="http://bundesrecht.juris.de/zpo/__811.html">»angemessenen, bescheidenen Lebens- und Haushaltsf&#252;hrung«</a> n&#246;tig ist.</p>
<p><em>Dieser Beitrag erscheint als Crossposting via <a href="http://fxneumann.de/2010/01/05/keine-mittelklassefunksubvention-in-berlin/">fxneumann</a>.</em>
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		<title>Weisheit der Massen? Warum Wahrheit keine Kategorie des Politischen ist</title>
		<link>http://carta.info/20416/weisheit-der-massen-warum-wahrheit-keine-kategorie-des-politischen-ist/</link>
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		<pubDate>Wed, 16 Dec 2009 14:18:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Friedrich August von Hayek]]></category>
		<category><![CDATA[Masse]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrheit]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Weisheit der Massen und Politik besch&#228;ftigen sich mit unterschiedlichen Arten von Urteilen: Hier Sachurteile, dort Werturteile.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/ecea76417bd74d71b12e05c41f0fbbf3" width="1" height="1" alt=""/>In den <a href="http://carta.info/20238/medienhype-ums-minarett-replik-auf-stephan-russ-mohl/#comments">Kommentaren</a> zur <a href="http://carta.info/tag/minarettverbot/">Debatte um das Schweizer Minarettverbot</a> hat sich eine Diskussion dar&#252;ber entwickelt, ob Direkte Demokratie ein Anwendungsfall der »Weisheit der Massen« ist. Meine These: Dem liegt eine Fehleinsch&#228;tzung zugrunde.</p>
<p>Das Konzept der Weisheit der Massen basiert darauf, da&#223; unterschiedliche Informationen integriert werden. Je gr&#246;&#223;er die Gruppe ist, desto mehr unterschiedliche Informationen kommen zusammen. Informationen, die zur Verf&#252;gung stehen, weil sie gelernt wurden, weil man sie geh&#246;rt hat, weil man durch geographische N&#228;he Informationen hat, weil man durch Ferne einen Au&#223;enblick hat, weil man sich gezielt &#252;ber das Thema informiert hat. Jeder einzelne hat nur einen Bruchteil der Informationen, die der Masse (abstrakt) als Ganzes zur Verf&#252;gung steht.</p>
<p>Das Ph&#228;nomen &#228;hnelt der Preisbildung im Markt, wie sie Friedrich August von Hayek in <em>&#8220;</em><a href="http://www.econlib.org/library/Essays/hykKnw1.html">The Use of Knowledge in Society</a><em>&#8220;</em> beschrieben hat. Mittels Weisheit der Massen kann das Problem, da&#223; die Gesamtheit des Wissens nicht zur Verf&#252;gung steht, gelindert werden. Hayek formuliert das Ideal f&#252;r das Wirtschaftssystem so:</p>
<blockquote><p><em>If</em> we possess all the relevant information, <em>if</em> we can start out from a given system of preferences, and <em>if</em> we command complete knowledge of available means, the problem which remains is purely one of logic.</p></blockquote>
<p>Das Problem ist nun, da&#223; die Informationen nicht gesammelt zur Verf&#252;gung stehen, die f&#252;r eine objektiv richtige logische Entscheidung n&#246;tig werden. Sowohl bei der Preisbildung im Markt wie bei der Anwendung der Weisheit der Massen geht es darum, prinzipiell objektiv <em>Entscheidbares</em> festzustellen: Im Markt, eine knappe Ressource zuzuteilen, bei der Weisheit der Massen darum, ein Sachurteil zu f&#228;llen. Was mittels Weisheit der Massen entschieden werden kann, sind Fragen, bei denen es eine richtige Antwort gibt.</p>
<p>Werturteile dagegen lassen sich &#252;ber solche Mechanismen nicht entscheiden – au&#223;er, man ist, etwa <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Volont%C3%A9_g%C3%A9n%C3%A9rale#Begriff_bei_Rousseau">mit Rousseau</a>, der Ansicht, da&#223; die <a title="Mehrheit und Wahrheit" href="http://fxneumann.de/2009/12/01/mehrheit-und-wahrheit/">Mehrheit die letztg&#252;ltige Rechtsquelle</a> ist oder sie zumindest sicher zu erkennen vermag.</p>
<p>Nat&#252;rlich gibt es auch im Bereich des Politischen eine Art Normalverteilung; die gruppiert sich aber nicht um das »Richtige«, sondern um einen gesellschaftlichen Konsens, der sich mit der Zeit &#228;ndern kann und keine Wahrheit darstellt. Entscheidungsverfahren, die der Mehrheitsregel folgen, dienen nicht der Wahrheitsfindung, sondern der Konsensfindung – wobei der Konsens darin besteht, da&#223; die Minderheit den Mehrheitsentscheid akzeptiert. In der Politik geht es <a title="Piraten, Gender und Pragmatik" href="http://fxneumann.de/2009/09/08/piraten-gender-und-pragmatik/">nicht um Sachurteile, sondern um Werturteile</a>. Nat&#252;rlich basiert Politik auf Sachurteilen; die eigentliche Arbeit beginnt aber erst beim Werturteil.</p>
<p>Die romantische Vorstellung, da&#223; die direkte Demokratie der rep&#228;sentativen durch die Weisheit der Massen auf einer inhaltlichen Ebene &#252;berlegen sei, speist sich aus dieser Verwechslung von Sachurteil und Werturteil.</p>
<p>Die Entscheidung wird nicht durch die Weisheit der Massen <em>richtiger</em> – sie unterscheidet sich nur durch das Verfahren. Ob zum Guten oder zum Schlechten, ist eine andere Frage. Da&#223; »das Volk« gesprochen hat, erzeugt weder eine <a title="Das Kreuz mit dem Minarett" href="http://fxneumann.de/2009/11/30/das-kreuz-mit-dem-minarett/">h&#246;here Legitimit&#228;t</a> als ein Parlamentsentscheid noch kann das in irgendeiner Form eine Korrektheit, Angemessenheit oder gar Wahrheit der Entscheidung begr&#252;nden. Wahrheit ist keine Kategorie des Politischen.</p>
<p><em>Dieser Beitrag erschien zuerst bei <a href="http://fxneumann.de/2009/12/15/wahrheit-ist-keine-kategorie-des-politischen/">fxneumann</a>.</em>
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=20416&amp;md5=79c669a46c49d8a16d76a43dd3870eb7" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Das Ende der digitalen Politik</title>
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		<comments>http://carta.info/18517/das-ende-der-digitalen-politik/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 19 Nov 2009 11:05:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aufmacher-Home]]></category>
		<category><![CDATA[Autoren-Agenda]]></category>
		<category><![CDATA[Autoren-Home]]></category>
		<category><![CDATA[Autoren-Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Standard RSS]]></category>

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		<description><![CDATA[Der digitale Strukturwandel der &#214;ffentlichkeit ver&#228;ndert die Erwartungen an die Politik: Je weniger es gro&#223;er Apparate und gro&#223;er Ideologien bedarf, um politische Prozesse zu digitalisieren, desto st&#228;rker wird auch das Bed&#252;rfnis, Politik zu entdigitalisieren und klassische Gatekeeper zu entthronen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>»Digital« hei&#223;t eigentlich nicht viel mehr als: In Zahlen codiert. Heutzutage mu&#223; »digital« als Metapher herhalten f&#252;r alles, was mit <abbr title="Informationstechnik">IT</abbr> zu tun hat. Ganz selbstverst&#228;ndlich spricht man von <em>digital natives</em> und der »digitalen Generation«.</p>
<p>Das ist schmissig, das ist griffig – trifft aber gerade nicht das Politikverst&#228;ndnis, das sich im Zuge der Digitalisierung ausbreitet: Gerade die Digitalisierung tr&#228;gt dazu bei, da&#223; Politik weniger digital ist.</p>
<p>Digital hei&#223;t zwar nicht notwendig bin&#228;r – die Zwischent&#246;ne fehlen aber in jedem Fall. Um schwierige Sachverhalte einfacher zu fassen, mu&#223; man sie herunterbrechen. Das ist klassische Politik. Klassische Entscheidungsprozeduren – f&#252;r die meisten also nur: an Wahlen teilnehmen – sind in gewisser Weise bin&#228;r: Entweder man stimmt einem Gesamtpaket zu – oder nicht.</p>
<p>In seiner reinsten Auspr&#228;gung f&#252;hrt das zu klaren Gegens&#228;tzen: rechts–links; b&#252;rgerliches Lager, linkes Lager. Anhand einer Dimension werden Alternativen eingeordnet. Das ist eine notwendige Verk&#252;rzung, um Komplexit&#228;t handhabbar zu machen. Bin&#228;re Politikschemata senken Transaktionskosten, so wie gro&#223;e Parteiapparate, umfassende Welterkl&#228;rungen und Ideologien Transaktionskosten senken. Massendemokratie mu&#223; mit dem Paradox leben, da&#223; auch das Komplexeste unterkomplex heruntergebrochen werden mu&#223;, wie <a href="http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc%7EE6F97749729A946999B1DFB63DA0925E6%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html">Peer Steinbr&#252;ck im FAZ-Interview</a> beklagt:</p>
<blockquote cite="http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~E6F97749729A946999B1DFB63DA0925E6~ATpl~Ecommon~Scontent.html"><p>Wir vermitteln den Eindruck, als ob Politik etwas Digitales sei, null oder eins, entweder oder. Politik kennt unendlich viele Differenzierungen. Politik besteht aus dem st&#228;ndigen Schlie&#223;en von Kompromissen, die &#252;brigens in Deutschland immer als „faul“ bezeichnet werden, obwohl anders ein Konsens gar nicht m&#246;glich ist, ohne dass man sich die K&#246;pfe einschl&#228;gt.</p></blockquote>
<p>Auch wenn Politiker a.D. das in Sonntagsreden und Interviews beklagen: Nat&#252;rlich bleibt dieses digitale Politikverst&#228;ndnis vorherrschend, solange es funktioniert, also Funktion&#228;re mit Posten versieht. Das Kontinuum der Politik, die m&#252;hsame Arbeit der Verhandlung und des Kompromisses wird in Hinterzimmer verlegt (was digital ist, ist notwendig diskret), weil es scheinbar zu komplex f&#252;r die massenmediale &#214;ffentlichkeit ist. Das Ergebnis: Parteienverdrossenheit, wo gerade keine Politikverdrossenheit ist.</p>
<p>Das Ziel des Grundgesetzes, da&#223; <a href="http://dejure.org/gesetze/GG/21.html#g1">Parteien an der politischen Willensbildung des Volkes mitwirken</a>, setzt Parteien in eine Vermittlerfunktion. Eine Funktion, die immer die Gefahr einer Digitalisierung von Sachverhalten mit sich bringt: »Freiheit oder Sozialismus« etwa. Das mag unverzichtbar gewesen sein, als &#214;ffentlichkeit nicht f&#252;r jeden zu haben war, als Pressefreiheit zu nutzen teuer war. Wenn aber Information und Kommunikation billig ist, wenn jeder seine Filter selbst konfigurieren kann und soziale Netze selbstorganisierend Relevanz abbilden, dann hat Digitalisierung es m&#246;glich gemacht, digitale Politik aufzubrechen:</p>
<blockquote><p>Eine Generation, die Informationen und Nachrichten immer sofort nachschlagen kann, die blitzschnell recherchiert und kommentiert, &#252;bertr&#228;gt dieses Verhalten auch in ihr politisches Handeln: Beteiligung, R&#252;ckmeldung und Dialog wird eingefordert, besser noch die M&#246;glichkeit, gezielt und ausgew&#228;hlt an interessanten politischen Fragen mitzuarbeiten (und dabei wirklich etwas zu bewirken). <em><a title="Was kommt nach dem Basta?" href="http://fxneumann.de/2009/11/13/was-kommt-nach-dem-basta/">(Was kommt nach dem Basta?)</a></em></p></blockquote>
<p>Eine Entdigitalisierung der Politik erfordert nat&#252;rlich, da&#223; bestehende digitale Strukturen aufgebrochen werden – zum Beispiel mit mehr Digitalisierung, mehr <a href="http://opendata-network.org/">maschinenlesbaren Daten</a>, die Expertenwissen demokratisieren. Zum Beispiel Abstand zu nehmen vom Trend, m&#246;glichst alles zu zentralisieren und auf Bundesebene zu holen: Mehr F&#246;deralismus, kleinere politsche Einheiten schaffen, die dann &#252;berschaubarer sind und die Dialog nicht nur per Massenkommunikation erm&#246;glichen. Zum Beispiel ein Wahlsystem, das nicht nur Gesamtpakete kennt, wie es etwa in Baden-W&#252;rttemberg bei der Kommunalwahl benutzt wird: Auf den einzelnen Listen werden tats&#228;chlich Kandidaten gew&#228;hlt, es kann kumuliert und panaschiert werden. (Mehr Demokratie e.V. hat dazu eine <a href="http://nrw.mehr-demokratie.de/fileadmin/md/pdf/diskussionspapiere/du25-kumulieren-panaschieren.pdf">sch&#246;ne Brosch&#252;re</a> ver&#246;ffentlicht.) (Das w&#252;rde dann auch dem Verst&#228;ndnis des einzelnen Abgeordneten als dem eigentlichen Volksvertreter, der nur seinem Gewissen verpflichtet ist, eher entgegenkommen.)</p>
<p>Der <a href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31393/1.html">digitale Strukturwandel der &#214;ffentlichkeit</a> hat eine Auswirkung auf die Erwartungen an die Politik. Je weniger es gro&#223;er Apparate und gro&#223;er Ideologien bedarf, um politische Prozesse zu digitalisieren, desto st&#228;rker wird auch das Bed&#252;rfnis, Politik tats&#228;chlich zu entdigitalisieren und Gatekeeper, die nur noch um ihrer selbst Willen die Tore zur Information kontrollieren, zu entthronen.</p>
<p>All das sollte man bedenken, wenn man das n&#228;chste Mal von einer »digitalen Generation« redet. Das digitale Zeitalter kann auch das Ende der digitalen Politik sein.</p>
<p>– und wenn man dann doch unbedingt das neue Politikverst&#228;ndnis weiterhin als »digital« bezeichnen m&#246;chte: Im Duden findet man als erste Bedeutung noch »mit dem Finger« (denn »digitus« ist der Finger im Lateinischen). So gesehen ist das Politikverst&#228;ndnis der digitalen Generation tats&#228;chlich digital, im Sinne Bert Brechts <a title="Scheffelpreisrede" href="http://fxneumann.de/2003/07/08/scheffelpreisrede/">»Lob des Lernens«</a>:</p>
<blockquote><p>La&#223; dir nichts einreden,<br />
Sieh selber nach!<br />
Was du nicht selber wei&#223;t,<br />
Wei&#223;t du nicht.<br />
Pr&#252;fe die Rechnung,<br />
Du mu&#223;t sie bezahlen.<br />
Lege den Finger auf jeden Posten,<br />
Frage: wie kommt er hierher?</p></blockquote>
<p><span style="color: #ffffff;">.</span></p>
<p><em>Diesen Text hat Felix Neumann f&#252;r sein Blog <a href="http://fxneumann.de/2009/11/18/das-ende-der-digitalen-politik/">fxneumann.de</a> und Carta geschrieben. Er twittert unter <a href="http://twitter.com/fxneumann/">fxneumann</a>.</em>
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=18517&amp;md5=ce0a3f397e3ea311b2d4491ae55a8b60" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Tyrannei der Masse 2.0?</title>
		<link>http://carta.info/17496/tyrannei-der-masse-2-0-2/</link>
		<comments>http://carta.info/17496/tyrannei-der-masse-2-0-2/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 02 Nov 2009 18:33:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alle Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Autoren-Home]]></category>
		<category><![CDATA[Autoren-Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Standard RSS]]></category>
		<category><![CDATA[Masse]]></category>
		<category><![CDATA[Web 2.0]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit Twitter und anderen Social Networks zieht durch Quantit&#228;t eine neue Qualit&#228;t in die &#246;ffentliche Debatte ein. Das wirft ein interessantes Paradox auf: Ist diese massenhafte freie Rede eine Gefahr f&#252;r die Redefreiheit? F&#252;hrt die M&#246;glichkeit massenhafter freier Rede zur Tyrannei der Massen?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Selbstbild der Web-2.0-Massen: Klug, unbestechlich, investigativ, der Wahrheit verpflichtet. Alles klassische Attribute der vierten Gewalt. Diese vierte Gewalt wird nun von einer f&#252;nften Gewalt angegangen, der schieren kritischen Masse. An die Stelle eines Sturmgesch&#252;tzes der Demokratie tritt ein demokratischer Volkssturm. Pressefreiheit ist nicht mehr nur die »Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten« – Pressefreiheit und Redefreiheit sind nicht mehr nur theoretisch, sondern auch praktisch eins.</p>
<p>Ohne Zweifel: Die Ausbreitung des Web 2.0 ist ein demokratisierender Prozess <em>par excellence</em>. Privilegien werden immer mehr aufgebrochen. Politik als Herrschaftswissen wird untergraben, Wissen dezentralisiert, Meinungsmacht verteilt. So wie die freie Presse das Informationsmonopol der Regierenden aufgebrochen hat, so bricht das Web 2.0 das Informationsmonopol der Presse auf.</p>
<p>Mit jeder Demokratisierung geht (scheinbar?) immer auch eine Gefahr der Vulgarisierung einher. »Demokratie« war bei Aristoteles kein Ideal, sondern die schlechte Variante der Herrschaft aller. Die positive Form der Herrschaft aller nennt er <em>Politie</em>; <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Polybius">Polybios</a> nennt sp&#228;ter die positive Form Demokratie, die negative <a href="http://old.perseus.tufts.edu/cgi-bin/ptext?doc=Perseus:text:1999.01.0234:book=6:chapter=4:section=1">Ochlokratie</a>, Herrschaft des P&#246;bels.</p>
<p>Die Massen des Web 2.0 haben daher auch eine Kehrseite; eine Kehrseite, die in der Geistesgeschichte noch jede Theorie der Masse festgestellt hat; eine Kehrseite, die Karl Valentin kurz zusammengefa&#223;t hat: &#8220;Der Mensch is guad, de Leit’ san schlecht!&#8221; Mit der Masse einher geht immer die Gefahr einer Tyrannei der Masse, die ihrer Natur nach viel schlechter zu fassen, viel schlechter zu beschr&#228;nken ist als die Tyrannei eines Despoten. In seiner <a href="http://ebooks.adelaide.edu.au/m/mill/john_stuart/m645o/chapter1.html">Einleitung zu »On Liberty«</a> schreibt John Stuart Mill:</p>
<blockquote><p>[W]hen society is itself the tyrant – society collectively, over the separate individuals who compose it – its means of tyrannizing are not restricted to the acts which it may do by the hands of its political functionaries. Society can and does execute its own mandates: and if it issues wrong mandates instead of right, or any mandates at all in things with which it ought not to meddle, it practises a social tyranny more formidable than many kinds of political oppression, since, though not usually upheld by such extreme penalties, it leaves fewer means of escape, penetrating much more deeply into the details of life, and enslaving the soul itself.</p></blockquote>
<p>Momentan trifft die herrschende Meinung im Web 2.0 gef&#252;hlt immer die richtigen: Jack Wolfskin, Homophobie, Jako, Zensursula, Stasi 2.0. Offline treffen die gleichen Mechanismen etwa die verantwortungslosen Blogger, die sich nur f&#252;r ihre unbeschr&#228;nkte Freiheit interessieren und f&#252;r die Verbreitung von Kinderpornographie sind. Stephen Fry schreibt in einem <a href="http://www.stephenfry.com/2009/10/19/poles-politeness-and-politics-in-the-age-of-twitter/">klug abw&#228;genden Essay</a> dazu:</p>
<blockquote><p>Twitter may seem to some to be dominated by <em>bien pensant</em>, liberal spirits at the moment. Will I be so optimistic about it when these spirits are matched by forces of religiosity and nationalism that might not accord with my chattering-class, liberal elite preferences? When the political machines march in and start recruiting and acquiring millions of followers, giving them the power to close sites with DDOS slashdotting campaigns, what will I say then?</p></blockquote>
<p>Und das ist das Problem mit diesen <a href="http://encyclopediadramatica.com/Shitstorm">Meinungsst&#252;rmen</a>: Ihr Mechanismus ist wohlfeile Emp&#246;rung einer Masse, die sich in gleichgesinnten »information cocoons« und »echo chambers« (<a href="http://press.princeton.edu/titles/8468.html">Cass Sunstein, Republic 2.0</a>), Resonanzr&#228;umen der Emp&#246;rung, gegenseitig aufschaukeln. Marcel Reich-Ranickis Diktum (oder war es Karl Lagerfeld?) hat uneingeschr&#228;nkte Geltung zur Legitimierung dieser Emp&#246;rung: &#8220;Nat&#252;rlich &#252;bertreibe ich, aber in die richtige Richtung.&#8221;</p>
<p>Das Ergebnis ist ein permanenter <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Scherbengericht">Ostrakismos</a>, eine Vernichtung von Personen, die <a href="http://www.sueddeutsche.de/computer/895/451606/text/">keine Verj&#228;hrung</a>, keine Vergebung kennt. Es braucht gar keine homogene Mehrheitsmeinung, es reicht, da&#223; sich gen&#252;gend Menschen f&#252;r eine machtvolle Minderheitsmeinung zusammenfinden – und das Web 2.0 gibt diesen Menschen die Werkzeuge an die Hand. In den weiten des Netzes finden sich immer genug <a title="Heilige Heiseforenkrieger. Zur thymotischen Dimension der Klientel der Piratenpartei" href="http://fxneumann.de/2009/09/26/heilige-heiseforenkrieger/">thymotische <em>angry young men</em></a>, um eine Kampagne zu starten, findet sich immer jemand, der <em>betroffen</em> ist und diese <a href="http://www.spiked-online.com/index.php/site/article/7639/">Betroffenheit in Emp&#246;rung umm&#252;nzt</a>: »All it took though was for one person to decide that it was offensive, and from then on the gusts of proxy outrage keep the thing moving.« Abweichende Meinungen werden nicht argumentativ angegangen, sondern niedergebissen.</p>
<p>Das ist die negative Seite der Macht des Web 2.0, und es w&#228;re wohlfeil, damit jetzt im Web 2.0 den ultimativen Alptraum Mills heraufziehen zu sehen. Tats&#228;chlich ist das aber die Schattenseite, die an jedem neuen Medium &#252;berbetont wird, beginnend mit <a title="Leserbrief StudiVZ" href="http://fxneumann.de/2008/05/08/leserbrief-studivz/">Platons Kritik an der Schriftlichkeit</a>. Gegen eine Demokratisierung von Information steht immer dasselbe alte Ressentiment: Wenn das alle machen w&#252;rden! Was so isoliert emp&#246;rend wirkt, ist tats&#228;chlich nur die Waffengleichheit mit BILD und Spiegel.</p>
<blockquote><p>Twitter is to the public arena what the press itself was two hundred and fifty years ago — a new and potent force in democracy, a thorn in side of the established order of things. <em>(Stephen Fry, ebd.)</em></p></blockquote>
<p>Niemand hat gesagt, da&#223; <a href="http://media.comicvine.com/uploads/0/3133/118895-89177-with-great-power-com_large.jpg">Freiheit einfach w&#228;re</a>.</p>
<p><em>Dieser <a href="http://fxneumann.de/2009/10/31/tyrannei-der-masse-2-0/">Text</a> erschien zuerst bei <a href="http://fxneumann.de/">fxneumann</a>. Crossposting mit freundlicher Genehmigung des Autors und unter </em><em><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/">CC-BY-SA</a>-</em><em>Lizenz.</em>
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