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	<title>CARTA &#187; Doris Raßhofer</title>
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	<description>Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit</description>
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		<title>Precht: „Die Gesellschaft braucht das Privatfernsehen nicht“</title>
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		<pubDate>Wed, 13 Oct 2010 07:08:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Doris Raßhofer</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Qualitätsjournalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Richard David Precht sieht den "Gesundschrumpfungsprozess bei den privaten TV-Anbietern mit einem gewissen Vergn&#252;gen", bestimmte Zeitungen h&#228;lt er jedoch f&#252;r systemrelevant. Im Interview spricht er &#252;ber moralische, wertvolle Medien, ihre p&#228;dagogische Verantwortung gegen&#252;ber der Gesellschaft und die Medienkompetenz von 'Konsumkindern'.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/baac353e79544b15a673b04a5f8a3919" alt="" width="1" height="1" /><em>Herr Precht, Medien wird derzeit eine F&#252;lle an Aufgaben &#252;bertragen: &#214;ffentlichkeit bieten, Demokratie schaffen, die Jugend sch&#252;tzen, gesellschaftliche Verantwortung &#252;bernehmen und Qualit&#228;t bieten. Ist das alles wirklich Aufgabe der Medien? Und k&#246;nnen sie dies alles &#252;berhaupt erf&#252;llen?</em></p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_David_Precht">Richard David Precht</a>: Die soziale Funktion von Medien ist es in erster Linie einmal, &#214;ffentlichkeit herzustellen, so dass die Energien der Menschen geb&#252;ndelt werden und sie sich &#252;ber &#228;hnliche Themen unterhalten k&#246;nnen, damit &#252;berhaupt ein Austausch stattfindet. Nat&#252;rlich sollen sie auch Pluralit&#228;t und Vielfalt herstellen, aber in erster Linie sollen sie Schwerpunkte setzen und &#252;ber diese die Menschen zusammenbringen. Das ist ihre gesellschaftliche Aufgabe seit den ersten Zeitungen in der Renaissance.</p>
<p><em>Das Lagerfeuer.</em></p>
<p>Das Forum der R&#246;mer, die Piazzen der Renaissance, die Agora der Griechen.</p>
<p><em>Haben Sie einen konkreten Vorschlag, wie genau die Medien diese gesellschaftliche Verantwortung wieder besser wahrnehmen k&#246;nnen?</em></p>
<p>Ein dringlicher Wunsch von mir w&#228;re es, das &#246;ffentlich-rechtliche Fernsehen wieder unabh&#228;ngiger vom politischen Einfluss zu machen. Der hat in Deutschland massiv zugenommen. Mit dem Ergebnis: Wenn die Demokratie nachl&#228;sst, verst&#228;rken sich die Seilschaften zwischen Medien, Politik und Wirtschaft. Hier m&#252;ssen wir Korrekturen machen.</p>
<p><em>Sie vertreten die Meinung, dass Medien mit Wirtschaftsinteressen verseucht sind. K&#246;nnen denn privatwirtschaftlich finanzierte Medien so &#252;berhaupt gesellschaftliche Verantwortung &#252;bernehmen?</em></p>
<div id="attachment_35070" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Richard_David_Precht_%289194%29.jpg"><img class="size-medium wp-image-35070" title="Richard_David_Precht_(9194)" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2010/10/Richard_David_Precht_9194-300x283.jpg" alt="" width="300" height="283" /></a><p class="wp-caption-text">Precht: &quot;Man h&#228;tte das Duale System als Konkurrenz zum &#246;ffentlich-rechtlichen ja nie einf&#252;hren m&#252;ssen.&quot; (Foto © Raimond Spekking / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 &amp; GFDL)</p></div>
<p><strong>Das Privat-TV hat &#252;berhaupt keine gesellschaftliche Verantwortung.</strong> Man k&#246;nnte sagen, ihre Aufgabe best&#252;nde darin, Regeln zu schaffen, die das schlimmste verhindern, aber nicht, sie zu einer moralischer erzieherischen Bildungsanstalt zu machen. Das ist v&#246;llig ausgeschlossen. Das private Fernsehen wurde nicht gegr&#252;ndet, weil Deutschland ein Moraldefizit hat, sondern um Geld zu verdienen. Und daran sollten und k&#246;nnten wir auch gar nichts &#228;ndern.</p>
<p><em>Und Zeitungen?</em></p>
<p>Grunds&#228;tzlich haben sie auch keine gesellschaftliche Verpflichtung. Wenn ich morgen eine Zeitung gr&#252;nde, kann ich damit machen, was ich will. Das ist auch immer die Argumentation des Privat-Fernsehens, die gleiche Freiheit zu genie&#223;en, die die Printmedien auch haben. Das ist auch richtig so, von den Schmerzgrenzen gegen die guten Sitten oder demokratisches Recht mal abgesehen.</p>
<p>Deshalb sind ja die &#214;ffentlich-Rechtlichen so wichtig, weil man bei ihnen mit juristischem Recht auch einfordern kann, was man bei den privaten Medien nicht kann. Ich kann von einer Frauenzeitung nicht verlangen, dass sie einen gesellschaftlich wertvollen Beitrag bringen muss. Von &#246;ffentlich-rechtlichen Medien hingegen schon.</p>
<p><em>Jetzt sind gerade viele privatwirtschaftlich finanzierte Medien Reichweitenmedien, die die Massen erreichen. Besteht hier wirklich keine inhaltliche Verantwortung?</em></p>
<p>Man h&#228;tte das Duale System als Konkurrenz zum &#246;ffentlich-rechtlichen ja nie einf&#252;hren m&#252;ssen. Eigentlich merkw&#252;rdig, warum man das je gemacht hat. Im Endeffekt bestand keine Not, nur Wirtschaftsinteressen. Aber die Wirtschaft wurde dadurch nicht wirklich voran gebracht, sondern nur in andere Bereiche verlagert. Wie im Leben: man baut nichts auf, solange man die Steine nur woanders herholt. So gesehen ist der Satz von Helmut Schmidt, der gesagt hat, das Privatfernsehen ist so gef&#228;hrlich wie Kernenergie, nicht falsch. Deshalb sehe ich den Gesundschrumpfungsprozess bei den privaten TV-Anbietern mit einem gewissen Vergn&#252;gen.</p>
<p><em>Verstehe ich Sie richtig, Sie sagen, Privat-TV br&#228;uchte man nicht, solange es einen funktionierenden &#246;ffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt?</em></p>
<p>Unbedingt. Es gibt keinen Grund, warum die Gesellschaft das Privatfernsehen braucht, ihr w&#252;rde es ohne an nichts fehlen. Schon gleich nicht, seit es im Internet unglaublich viele elektronische Informationsm&#246;glichkeiten gibt.</p>
<p><em>Und wie sieht es mit Printmedien aus?</em></p>
<p>Die gesellschaftliche Verantwortung, die von bestimmten Zeitungen &#252;bernommen worden ist, obwohl man sie nicht dazu zwingen kann, bereichern unsere Demokratie. <em>Spiegel, FAZ, TAZ, Falter, SZ</em>, sie halte ich f&#252;r systemrelevant, weil sie einen Beitrag zur &#246;ffentlichen Debatte liefern. Und somit eine gewisse soziale Funktion erf&#252;llen.</p>
<p><em>&#220;bernimmt ein Qualit&#228;tsmedium auch gleichzeitig automatisch soziale Verantwortung? Oder anders: Wenn ein Medium soziale Verantwortung &#252;bernimmt, ist es dann ein Qualit&#228;tsmedium?</em></p>
<p>Das ist ein Streit um den Begriff Qualit&#228;t. Wahrscheinlich w&#252;rde ein islamistischer Fundamentalist in der Lage sein, ein hochqualitatives intellektuelles Fundamentalisten-Magazin herauszubringen, wo wir nicht sagen w&#252;rde, das ist moralisch wertvoll, sondern moralisch gef&#228;hrlich. <strong>Niveau allein garantiert noch keine Moral.</strong></p>
<p><em>Sie sagen, es sei die Aufgabe eines Mediums, &#214;ffentlichkeit zu schaffen und Informationen zu bewerten und einzuordnen. Im Internet tauscht sich eine Heerschar von Menschen untereinander mit einem Maximum an m&#246;glicher &#214;ffentlichkeit aus und tut ihre Meinungen kund. Ein Qualit&#228;tsmedium per definitione?</em></p>
<p>Ich habe ja nicht gesagt, das Internet sei kein Qualit&#228;tsmedium. Eigentlich ist es &#252;berhaupt kein Medium im klassischen Sinn, sondern eine Plattform f&#252;r Medien. Das ist per se noch nichts unmoralisches. Aber nur weil etwas moralisch ist, ist es nicht hochwertig. Und nur weil etwas qualitativ hochwertig ist, macht es nicht moralisch.</p>
<p>Die Boulevardmedien sind sehr moralisch auf ihre Art und Weise, das hei&#223;t sie machen im Namen der Moral Propaganda f&#252;r oder gegen etwas, ohne dass ich deswegen sagen w&#252;rde, das hat Qualit&#228;t.</p>
<p>Es ist also eine ziemlich schwierige Balance, zwischen etwas moralisch wertvollem, das im Guten die Funktion &#214;ffentlichkeit herzustellen erf&#252;llt oder eben nicht erf&#252;llt. Ich kann nat&#252;rlich &#214;ffentlichkeit herstellen, indem ich &#252;ber Paris Hilton berichte, und alle reden &#252;ber Paris Hilton. Die Frage ist nur, wie gro&#223; ist der gesellschaftliche Zugewinn, wenn alle nur noch &#252;ber Paris Hilton reden. Vielleicht sollten sie auch von etwas anderem reden. Das hei&#223;t, wir haben hier eine Mehrkomponenten-Definition, von dem was wir wirklich brauchen.</p>
<p><em>Das Internet erm&#246;glicht aber einen unglaublichen Nachfragedruck, die Menschen haben die Macht, zu bekommen, was sie wollen.</em></p>
<p>Hier finde ich eine Studie aus Amerika interessant: sie stellt fest, dass Menschen immer auf diejenigen Foren gehen, wo die Meinung vertreten wird, die sie sowieso schon haben. Das Internet ist also eher eine Maschine zur Verst&#228;rkung von Vorurteilen als zur umfassenden Weiterbildung. Das liegt an der Art und Weise, wie der User sich die Informationen raussucht. Man darf das Internet also nicht nach seinen M&#246;glichkeiten messen, die es bereitstellt, sondern man muss den gesellschaftlichen Erfolg des Internets an der Art und Weise messen, wie es gebraucht wird.</p>
<p><em>VPRT-Chef J&#252;rgen Doetz sagte einmal sinngem&#228;&#223;: Regt Euch doch nicht &#252;ber die Qualit&#228;t des Privat-Fernsehens auf, die Medien geben den Menschen nur das, was sie sehen wollen. Ein Spiegel der Gesellschaft</em>.</p>
<p>Stellen Sie sich diesen Satz einmal ins Allgemeine hochgerechnet vor. Dann w&#252;rde Kindererziehung darin bestehen, dass wir den Kindern immer sofort das geben, was sie von uns verlangen. Diese Kinder w&#252;rden nicht erzogen sondern verzogen. Wenn man einen moralischen Auftrag hat, dann hat man auch einen p&#228;dagogischen Auftrag. <strong>Auch erwachsene Menschen m&#252;ssen erzogen werden</strong>. Ob sie wollen oder nicht. Eine Gesellschaft, die darauf komplett verzichtet, ruiniert sich.</p>
<p><em>Jetzt fordert man aber gerade von Medien, nicht zu moralisieren und mit dem erhobenen Zeigefinger herumzulaufen.</em></p>
<p>Wir wollen m&#246;glichst umfassend informiert werden und wir wollen aber auch durch vorgepr&#228;gte Meinungen, die wir entweder unterst&#252;tzen oder die uns zum Widerspruch reizen, gedanklich vorangebracht werden. Meinungsjournalismus hei&#223;t ja nicht, dass ich andere auf meine Meinung einschw&#246;ren muss, vor allem dann nicht, wenn ich unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen lasse. Die helfen mir, mein Urteil zu schulen. So gesehen haben sie eine p&#228;dagogische Funktion.</p>
<p>Ein reines Informationsmedium ist p&#228;dagogisch nicht sehr wertvoll. Das ist wie Schule ohne Lehrer, wo man mir nur Matheb&#252;cher zum Mathelernen hinlegt. Ich brauche aber jemanden, der mir Mathe vermittelt.</p>
<p><em>Wo sollte denn Medienkompetenz vermittelt werden?</em></p>
<p>Am besten schon im Kindergarten. Ich stelle mir hier ein Fach vor wie Konzentration, Lebenskunst, Meditation – etwas, das Kinder sehr fr&#252;hzeitig vor den Aufmerksamkeitsr&#228;ubern sch&#252;tzt, damit sie ihr wertvollstes Gut, was sie haben, die Neugier, nicht auf Dinge lenken, die ihnen langfristig nichts bringen, sondern nur der Werbewirtschaft nutzen. Sie m&#252;ssen lernen, Filter und Sortiersysteme zu bilden. Da kann man nicht als Lehrer schimpfen &#252;ber die Elternh&#228;user, wo die Kinder vor dem Fernseher oder Computer sitzen, da muss man dagegen arbeiten. Und das w&#228;re das wichtigste Schulfach, wichtiger als alle anderen</p>
<p><em>ADS bei Kindern wird vielfach auch der schnellen Taktung in den Medien zugeschoben&#8230; Es gibt aber Stimmen, die sagen, Kinder haben ADS wegen der Patchworkfamilien, in denen niemand mehr Zeit hat f&#252;r sie – deshalb sitzen sie vor dem Computer oder Fernseher mit der schnellen Taktung. Solche Kinder bekommen dann in der Schule Medienkompetenz vermittelt, um damit umzugehen, was ja nur Symptom ihrer Vernachl&#228;ssigung ist.</em></p>
<p>Das ist nat&#252;rlich ein Teufelskreis. Es  gibt aber eine p&#228;dagogische Funktion, die Menschen vor sich selber zu sch&#252;tzen. Eine Gesellschaft, die darauf verzichtet, leistet einen Offenbarungseid. Ich will keine Gesinnungsdiktatur, aber ich will auch nicht auf diesen grundlegenden Schutz verzichten.</p>
<p><em>Sie sagen, Kinder h&#228;tten keine Faktentiefe sondern nur noch Empathie. Ist das nicht auch eine Chance f&#252;r diese p&#228;dagogische Funktion, dieses Sp&#252;ren, was richtig ist f&#252;r den anderen und was nicht?</em></p>
<p>Die Empathie unserer heutigen Jugendlichen ist eine enorme Qualit&#228;t, wenn es denn gel&#228;nge, sie auf langfristige Ziele zu setzen. Die Zahl der engagierten Jugendlichen hat sich jedoch seit den 70er Jahren nicht erh&#246;ht. Daf&#252;r hat sich die Zahl der ehrenamtlich engagierten Rentner verdreifacht. Trotz ihrer Orga- und Empahthief&#228;higkeiten, die Jugendliche im Web lernen, geben sie die ganze Energie eigentlich nur aus f&#252;r Freundschaft, Liebe, Facebook und Selbstdarstellung. Und nicht f&#252;r Dinge, die dazu beitragen, das Leben der anderen langfristig besser zu machen.</p>
<p><em>Haben wir das gemacht als wir jung waren? Ich nicht.</em></p>
<p>Ich schon. Ich komme aus einer Familie, in der soziales Engagement einen enorm hohen Wert hat. Meine Eltern haben zwei Kriegswaisen aus Vietnam adoptiert, als ich klein war. Und wir hatten Pflegekinder aus dem Kinderheim, die immer am Wochenende bei uns waren.</p>
<p><em>&#8230;grober Unterschied zu Konsumkindern.</em></p>
<p>Klar. Aber ich denke, dass mir diese Haltung nicht geschadet hat. Und deshalb m&#246;chte ich sie gerne weitergeben.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><em>Doris Ra&#223;hofer ist stellvertretende Chefredakteurin des  Monatsmagazins “Bestseller” vom &#246;sterreichischen Horizont. Dieses Interview ist auch auf <a href="http://www.horizont.at/service/horizontat-archiv/archivdetail/news/die-gesellschaft-braucht-das-privatfernsehen-nicht.html">horizont.at</a> erschienen.</em>
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		<title>&#8220;Schwimmen, nicht filtern&#8221;: Peter Kruse im Interview</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Mar 2010 14:30:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Doris Raßhofer</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Noch ein gutes Interview mit Prof. Peter Kruse zu Komplexit&#228;t &#038; Netz: &#220;ber das Internet als K&#246;nigsmacher und untreue Tomate, &#252;ber das Rad von Franziska Heine, &#252;ber die Missbrauchspotenziale des semantic web und das Prinzip "so viel f&#252;r so wenig". ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/9fb5f59f8eaf4b0a90d9a239d6a42bb0" alt="" width="1" height="1" />Die Grundmuster hinter der Komplexit&#228;t modernen Lebens und sozialer Netzwerk zu verstehen und Trends in gesellschaftlichen Dynamiken fr&#252;hzeitig zu erkennen, das ist die gro&#223;e Leidenschaft von Zukunftsforscher und Organisationspsychologe Prof. Peter Kruse.</p>
<p><em>Herr Prof. Kruse, ein Teil der Menschheit klagt &#252;ber eine nicht mehr zu bew&#228;ltigende Flut von Informationen, ein anderer Teil speist die Flut selbst mit aller Kraft und wachsender Begeisterung. Ist der „Run“ auf die sozialen Netze nur ein kurzfristiger Hype oder Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels? </em></p>
<p>Peter Kruse: Wir befinden uns mitten in der n&#228;chsten Runde der Ver&#228;nderungen der Gesellschaft durch das Internet. Ich w&#252;rde mich nicht scheuen sogar von einer <em>Revolution 2.0</em> zu reden. Schaut man auf die Massen von Menschen, die in den letzten Monaten in die sozialen Netze eingezogen sind, dann haben wir es gewisserma&#223;en mit der ersten gro&#223;en V&#246;lkerwanderung des digitalen Zeitalters zu tun. Der erste Internet-Boom in den 90er Jahren bezog sich auf den Zugang zu Informationen – Sie erinnern sich? AOL, Boris Becker, „ich bin drin“. Die Nutzer waren begeistert von der Vielfalt und Einfachheit, mit der man im Internet findet, was man vorher m&#252;hsam suchen musste. W&#228;hrend dieses Zugangs-Booms ist die Vernetzungsdichte explodiert. Aber der wirklich gro&#223;e Schub kam erst im letzten Jahr durch die ernorme Erh&#246;hung des Grades der pers&#246;nlichen Beteiligung. Zu Anfang haben die meisten Menschen das Internet nur wie Besucher betreten, jetzt sind sie gewisserma&#223;en „mit Haut und Haaren“ eingezogen. Das Internet ist zum eigenst&#228;ndigen Kommunikations- und Kulturraum geworden</p>
<p><em>Warum haben wir pl&#246;tzlich solchen Gefallen daran, uns der &#214;ffentlichkeit mit pers&#246;nlichen Details und privaten Beitr&#228;gen zu pr&#228;sentieren?</em></p>
<p>Kruse: Ein tiefes Motiv der Menschen f&#252;r Beteiligung in Netzwerken ist der Wunsch, Spuren zu hinterlassen &#8211; und das nicht erst seit es das Internet gibt. Was erhoffen wir uns denn am Ende unserer Tage? Bei anderen Menschen in Erinnerung zu bleiben. Auch der Wunsch nach Kindern spiegelt letztlich in nicht geringen Anteilen diesen Wunsch wider. Da ist nat&#252;rlich ein Medium recht verf&#252;hrerisch, das jedem verspricht, allt&#228;gliches „Gezwitscher“ ebenso sorgf&#228;ltig zu bewahren wie pers&#246;nliche Videos oder sorgsam gef&#252;hrte Tageb&#252;cher. Insbesondere, wenn man mit seinen Tweets, Bildern oder Blogs im Prinzip jederzeit das Interesse von vielen Millionen Menschen auf sich lenken kann – und das fast ganz ohne die Hilfe der klassischen Massenmedien.</p>
<p>Mit der immer gr&#246;&#223;er werdenden Zahl von Menschen, die sich im Netz miteinander austauschen, tritt neben Information und Selbstdarstellung auch noch ein gesteigertes Bewusstsein f&#252;r die grunds&#228;tzliche M&#246;glichkeit, &#252;ber Resonanzbildungseffekte Massenbewegungen auszul&#246;sen. Und diese dritte Motivlage wird vermutlich die eigentlich Gesellschaft ver&#228;ndernde Kraft des Internets entfalten.</p>
<p>Das Machtverh&#228;ltnis zwischen Anbieter und Nachfrager verschiebt sich. Ob etwas erfolgreich wird oder nicht, ob etwas Wirkung entfaltet oder nicht, wird zunehmend unabh&#228;ngiger vom investierten Werbebudget oder von geschickter PR. Scheinbar Nebens&#228;chliches kann sich in k&#252;rzester Zeit zu einer Welle aufschaukeln &#8211; w&#228;hrend gleichzeitig eine mit gro&#223;em Aufwand strategisch platzierte Botschaft weitgehend ungeh&#246;rt verhallt.</p>
<p><em>Aber was f&#252;hrt zu dieser Machtverschiebung? Die Menschen und die gesellschaftlichen Systeme sind doch die Gleichen geblieben?</em></p>
<p>Kruse: Wir haben in den Netzen eine kritische Masse erreicht und optimale Voraussetzungen f&#252;r Aufschaukelungseffekte geschaffen. Das f&#252;hrt zu einer <strong>Euphorie des M&#246;glichen.</strong></p>
<div id="attachment_24665" class="wp-caption alignleft" style="width: 205px"><a href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Prof._Peter_Kruse.jpg&amp;filetimestamp=20090420110137"><img class="size-medium wp-image-24665" title="Prof._Peter_Kruse" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2010/03/Prof._Peter_Kruse-195x300.jpg" alt="Peter Kruse: &quot;Netzwerkkompetenz steigt mit der F&#228;higkeit zu Querdenken und Empathie.&quot; Foto: Holger Weber (cc by-sa)" width="195" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Peter Kruse: &quot;Netzwerkkompetenz steigt mit der F&#228;higkeit zu Querdenken und Empathie.&quot; Foto: Holger Weber (cc by-sa)</p></div>
<p><em>K&#246;nnen Sie das erkl&#228;ren?</em></p>
<p>Kruse: F&#252;r Aufschaukelungseffekte in Netzwerken sind drei Voraussetzungen wichtig. Man braucht eine gro&#223;e Zahl von m&#246;glichst vielf&#228;ltig miteinander verbundenen Menschen, die au&#223;erdem auch h&#228;ufig ohne &#228;u&#223;ere Anregung aktiv werden und Impulse anderer durch gezieltes Aufgreifen verst&#228;rken. Man braucht das Zusammentreffen von hoher Vernetzungsdichte, gro&#223;er Spontanaktivit&#228;t und kreisenden Erregungen. Die Vernetzungsdichte ist schon lange hoch, aber durch das Social Web hat die Menge der aktiven Mitspieler im Internet eine kritische Gr&#246;&#223;enordnung erreicht und durch Formen positiver R&#252;ckkoppelung à la Re-Tweet bei Twitter ist zur Dynamik der Netzwerke noch einmal ein Turbolader zugeschaltet worden. Das Internet ist inzwischen <strong>eine st&#228;ndige Aufforderung an den ber&#252;hmten Schmetterling der Chaostheorie</strong>, wieder einmal mit seinem Fl&#252;gelschlag das Wetter zu beeinflussen: kleine Ursache – gro&#223;e Wirkung.</p>
<p><em>Menschen wittern also die Chance, Geh&#246;r zu finden oder gar die Welt zu ver&#228;ndern?</em></p>
<p>Kruse: Denken Sie beispielsweise an die Online-Petition gegen das „Zugangserschwerungsgesetz“, die Franziska Heine eher nebenbei ins Netz stellte und die dann v&#246;llig &#252;berraschend binnen k&#252;rzester Zeit fast 150.000 Unterst&#252;tzer in Deutschland mobilisierte. Was f&#252;r ein Gef&#252;hl, als „normaler B&#252;rger“ unvermittelt ins Rad der Geschichte zu greifen. Das ist vielleicht noch am ehesten mit einem Lottogewinn vergleichbar. Nicht jeder Tippschein gewinnt, aber wer die richtige Kombination trifft, &#252;ber den sch&#252;ttet sich das F&#252;llhorn aus. Treffen sie mit einer Aktivit&#228;t im Internet ins Herz der Zeit, dann kennt die Wirkung einfach keine Grenzen mehr. Da kann es schon mal passieren, dass die private Rache eines entt&#228;uschten Fluggastes die Aktie einer Fluggesellschaft um 10% einbrechen l&#228;sst. So geschehen bei United Airlines im letzten Jahr. Die dreitausend Euro teure Gitarre des S&#228;ngers Dave Carrol fiel ruppigen Packern auf dem Flughafen zum Opfer. United Airlines verweigerte eine Wiedergutmachung. Der S&#228;nger komponierte daraufhin ein <a href="http://www.youtube.com/watch?v=5YGc4zOqozo">Schm&#228;hlied</a>, das inzwischen &#252;ber 8 Millionen Mal auf YouTube angesehen wurde. Der Firmenwert von United Airlines schrumpfte um ca. 180 Millionen Dollar – Bingo!</p>
<p><em>Ist das Internet eine Art K&#246;nigsmacher?</em></p>
<p>Kruse (lacht): Ja, nur viel kreativer und deutlich authentischer als „Deutschland sucht den Superstar“. Erst habe ich zwei Follower, dann 20, dann 2000. Die drei Top-Twitterer haben zusammen bereits mehr Follower als &#214;sterreich Einwohner. Man kann nicht nur Spuren hinterlassen, sondern man kann aus der Nische, aus dem „Long Tail“ heraus, Wirkung in der Realit&#228;t erzeugen. Das ist nat&#252;rlich reizvoll. Fr&#252;her brauchte man daf&#252;r die Massenmedien mit ihren Distributionsapparaten und zumeist wurde dort nur der Mainstream verst&#228;rkt. Pl&#246;tzlich gibt es ein Werkzeug, &#252;ber das jede Nische in die Mitte der Gesellschaft vordringen kann. Das bringt auch Politiker zunehmend ins Gr&#252;beln.</p>
<p><em>Sie sagen, die Menschen wollen Spuren hinterlassen. Doch ist es genau dieser Charme des Systems, der derzeit f&#252;r heftige Kritik und Angst sorgt.</em></p>
<p>Kruse: Ja, viele w&#252;nschen sich, Spuren zu hinterlassen, aber nat&#252;rlich ohne jedes Risiko. Das ist nicht logisch, aber psycho-logisch. Ich will alles, ich will alles und zwar sofort. Genuss ohne Reue. Wirkung ohne Nebenwirkung. Sch&#246;n w&#228;r’s. Das Netz verbindet die Fl&#252;chtigkeit des Gespr&#228;chs mit der Permanenz des Buches. Im Netz ist die Aussage „was k&#252;mmert mich mein Geschw&#228;tz von gestern“ kein guter Rat. Die R&#252;ckverfolgung meiner Spuren ist nur begrenzt durch den zur Verf&#252;gung gestellten Speicherplatz.</p>
<p>Die Lust Spuren zu hinterlassen unterliegt daher der gleichen Balance von Rendite und Risiko, wie die meisten anderen interessanten Lebensbereiche. Wenn ich m&#246;chte, dass das Netz von mir Notiz nimmt, dann ist der Preis der Transparenz kaum zu vermeiden. Man muss ja nicht alles ins Netz stellen und es auch nicht jedem zug&#228;nglich machen. Aber mit jeder Beschr&#228;nkung reduziert sich die potentielle Wirkungskraft &#8211; keine einfache Entscheidung.</p>
<p><em>Wie gehen Sie damit um? Was geben Sie im Netz preis?</em></p>
<p>Kruse: Meist nur etwas, hinter dem ich stehe und das mir auch wichtig ist. Ich bin beispielsweise ein eher sp&#228;rlicher Twitterer. Aber wenn ich twittere, dann will ich das auch genau so formuliert haben. Die Aussage „sitze gerade mit Gustav in Wien und trinke Kaffee“ geh&#246;rt bei mir eher nicht dazu. F&#252;r die Fangemeinde von Robby Williams w&#228;re eine solche Aussage ihres Stars vielleicht hinreichend bedeutungsvoll. F&#252;r meinen Kaffeekonsum interessiert sich kein Schwein. Damit muss ich wohl leben.</p>
<p>Ich habe vor den scheinbar so fl&#252;chtigen Interaktionen im Netz durchaus Ehrfurcht, weil sie gar nicht fl&#252;chtig sind, sondern Geschichten schreiben. Wenn ich ein Buch verfasse, gebe ich mir ja auch M&#252;he. Ich pers&#246;nlich finde es wenig sinnvoll, dieses Netz mit Informationen zu &#252;berfrachten, deren Wertigkeit gerade mal eine SMS rechtfertigt, da nur f&#252;r wenige Adressaten interessant. Das Soziale Netz ist ein schnelles Medium, ein wilder Strom von Real Time Informationen, aber deshalb nicht zwingend anspruchslos und trivial. Ich w&#252;rde ja auch nicht f&#252;r jeden Unsinn ins Auto steigen und Ressourcen verschwenden.</p>
<div id="attachment_24691" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.flickr.com/photos/apfab/3740309790/"><img class="size-medium wp-image-24691" title="Chaos2" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2010/03/chaos2-300x195.jpg" alt="Die ununterbrochen dahinstr&#246;mende Informationsflut des Real Time Web erzwingt eine radikale &#196;nderung der Strategie der Informationsverarbeitung. Foto: ApFab (cc by-nc-sa)" width="300" height="195" /></a><p class="wp-caption-text">Die ununterbrochen dahinstr&#246;mende Informationsflut des Real Time Web erzwingt eine radikale &#196;nderung der Strategie der Informationsverarbeitung. Foto: ApFab (cc by-nc-sa) - Generiert aus algorithmischen Bildsuche-Abfragen</p></div>
<p><em>Noch wirkt jedoch vieles trivial. Was muss passieren, dass die geforderte Qualit&#228;t ins Netz einzieht?</em></p>
<p>Kruse: Das ist sicherlich richtig und teilweise auch durchaus absichtsvoll. Aber das Gef&#252;hl der Oberfl&#228;chlichkeit ist nur Symptom f&#252;r eine tiefer liegende Problematik. &#220;ber Hyperlinks k&#246;nnen sich Informationen im Internet radikal aus ihrem Kontext l&#246;sen. Und Information ohne Kontext sind sehr schwer nachzuvollziehen. Manchmal wird dann f&#252;r den Empf&#228;nger v&#246;llig bedeutungslos, was f&#252;r den Absender noch sehr wertvoll und aussagekr&#228;ftig erschien.</p>
<p>Ganz gemein wird es, wenn man versucht, auf der Basis von 140 Zeichen ironisch zu sein. Die Tatsache, dass es uns normalerweise gut gelingt, eine Ironie von einer Faktenaussage zu unterscheiden, setzt die Teilhabe an einem gemeinsamen inhaltlichen oder kulturellen Hintergrund voraus. Ohne Unterton und Kontext bleibt beispielsweise die Aussage „Dieter Bohlen ist einer der gr&#246;&#223;ten deutschen K&#252;nstler“ ein eindeutiges Loblied. Das Ganze wird besonders bedenklich, wenn sich Menschen auf eine Fremdsprache einigen, ohne aus der zugeh&#246;rigen Erlebniswelt zu kommen. Dann reden zwar alle eine Sprache wie Englisch und erzeugen dennoch mehr Verwirrung als beim Turmbau zu Babel.</p>
<p><em>Ist „social tagging“ daf&#252;r eine Hilfe bzw. dagegen eine L&#246;sung?</em></p>
<p>Kruse: Man hatte einige Hoffnung, dass es &#252;ber „social tagging“ gelingt, das Bedeutungsproblem im Internet zu entsch&#228;rfen. Man dachte, dass auf diesem Weg eine Art empirische Ontologie entsteht. Aber die Menschen verwenden Sprache im Internet viel zu undiszipliniert. Ohne einen erl&#228;uternden Kontext ist man sich nie sicher, wie ein als „tag“ genutztes Wort gemeint ist. Was n&#252;tzt der „tag: Theater“, wenn der eine darunter die Seiten von Scheidungsanw&#228;lten verwaltet, weil er gerade „Theater“ in seiner Beziehung hat, und der andere das Schauspielprogramm in seiner Stadt verlinkt.</p>
<p>Das ist auch nach wie vor das gro&#223;e Defizit von Suchmaschinen. Man bekommt h&#228;ufig einfach nicht das, was man gesucht hat oder zumindest viel Unsinniges zus&#228;tzlich. Mir f&#228;llt dazu immer der Film „Nell“ mit Jodie Foster ein, in dem die Geschichte einer jungen Frau erz&#228;hlt wird, die mit einer aphasischen Mutter und einer Zwillingsschwester allein im Wald aufw&#228;chst und mit ihrer Schwester eine „Privat“-Sprache entwickelt hat, die nur die Beiden verstehen. Als die Schwester stirbt, bleibt sie mit „ihrer“ Sprache allein zur&#252;ck. Als sie auf andere Menschen trifft, wird sie f&#252;r geistig zur&#252;ckgeblieben gehalten. Erst im Laufe des Filmes, &#252;ber einen qu&#228;lenden Prozess der Kontext- und Bedeutungskl&#228;rung wird klar, dass sie emotional hoch differenziert und bei weitem nicht zur&#252;ckgeblieben ist.</p>
<p>Sprache verliert ihre Funktion ohne einen geteilten Kontext der Wortverwendung. Das hat schon Ludwig Wittgenstein sehr pessimistisch gemacht, was das gegenseitige Verstehen der Menschen angeht.</p>
<p>Dieses Semantik-Problem, ohne dessen L&#246;sung auch eine Bewertung von Information nur sehr rudiment&#228;r m&#246;glich ist, ist so etwas wie ein Geburtsfehler des Internet. Ohne automatisches Sprachverstehen bleibt das Netz wohl dauerhaft unter seinen M&#246;glichkeiten. Man kann halt nicht mit vielen hundert Millionen Menschen eine tragf&#228;hige gemeinsame Kultur aushandeln, die auch nur ann&#228;hernd die Differenziertheit hat, die uns im normalen Alltagsleben so selbstverst&#228;ndlich zur Verf&#252;gung steht. Kleinere Subnetzwerke k&#246;nnen das Bedeutungs- und damit das Bewertungsproblem &#252;ber Kontext kl&#228;rende Diskurse bew&#228;ltigen, das gro&#223;e Ganze schafft das nicht.</p>
<p><em>Und die Bewertung ist unerl&#228;sslich f&#252;r die Einordnung der Millionen an Infos – was ist relevant, was ist richtig. Haben Sie hier eine hilfreiche Strategie?</em></p>
<p>Kruse: Eigentlich bleibt nur das pers&#246;nliche Bem&#252;hen um ein m&#246;glichst breites Allgemeinwissen und um die F&#228;higkeit, sich in viele verschiedene Lebensperspektiven einf&#252;hlen zu k&#246;nnen. Netzwerkkompetenz steigt mit der F&#228;higkeit zu Querdenken und Empathie. Wir brauchen wieder st&#228;rker das Bem&#252;hen um ein Studium Generale – und das nicht, weil sich konservative Bildungsb&#252;rger in die Vergangenheit zur&#252;cksehnen, sondern weil die Leistungstr&#228;ger von Morgen darauf angewiesen sind, die Komplexit&#228;t des <em>Real Time Web</em> sinnvoll reduzieren zu k&#246;nnen. Im Netz ist derjenige besonders wertvoll, der Muster erkennt und Information sicher bewerten kann.</p>
<p><em>Menschen, die die vielen kleinen Info-Happen in ein gr&#246;&#223;eres Bild einordnen k&#246;nnen?</em></p>
<p>Kruse: Die ununterbrochen dahinstr&#246;mende Informationsflut des Real Time Web erzwingt eine radikale &#196;nderung der Strategie der Informationsverarbeitung. Die Psychologen nennen die alternative Strategie „frei schwebende Aufmerksamkeit“. Es geht nicht mehr darum, jedes Detail in der Lawine vorbei purzelnder einzelner Steinchen wahrzunehmen, sondern darum, die Steinchen schnell und sinnvoll in einen &#252;bergeordneten und wenn m&#246;glich sinnvollen Zusammenhang einzuf&#252;gen. Was fr&#252;her Dom&#228;ne der Redaktionen, Trendforscher und Berater war, wird immer mehr zur existenziellen Aufgabe von uns Allen. Die Informationen im Internet sind nicht mehr nur das Rohmaterial f&#252;r Experten, sondern eine permanente Herausforderung f&#252;r jeden Nutzer. Ob die vom Nutzer zusammengef&#252;gten Puzzles dann einen Mehrwert haben oder nicht, h&#228;ngt davon ab, wie gro&#223; dessen F&#228;higkeit ist, viele Informationen aufzunehmen und zu bewerten.</p>
<p>Neben Querdenken und Empathie wird es immer wichtiger, auch eine m&#246;glichst gro&#223;e Aufmerksamkeitsspanne zu trainieren. Wie lange k&#246;nnen Sie bei einer Sache bleiben, ohne Langeweile zu empfinden? Wie viele Informationen k&#246;nnen gleichzeitig auf Sie einstr&#246;men, ohne dass Sie aus &#220;berforderungsgef&#252;hl abschalten? Viele junge Menschen haben &#252;berhaupt kein Problem mit dem &#220;berforderungsgef&#252;hl durch parallele Informationsstr&#246;me, aber sie sind &#252;ber die schnelle Taktung von MTV &amp; Co. nicht mehr daran gew&#246;hnt, sich l&#228;ngere Zeit aufmerksam einer Sache zu widmen. Ihre Aufmerksamkeit wird in erster Linie &#252;ber den Orientierungsreflex gesteuert, den das Neue ausl&#246;st. F&#252;r qualitative Musterbildung ist das nicht genug. <strong>Was n&#252;tzt mir die F&#228;higkeit, entspannt zwischen vielen News-Tickern zu wechseln, wenn ich die Informationen nicht angemessen einordnen kann? </strong></p>
<p><em>Die interessanten Infos gilt es irgendwie aus dem permanenten Strom an Infos herauszufiltern. Bei der Informationsmenge im Internet kein leichtes Unterfangen, eher wie die Stecknadel im Heuhaufen finden.</em></p>
<p>Kruse: Es ist keine Sisyphus-Aufgabe, sondern eine Frage der Informationsverarbeitungsstrategie. Wenn sie die Informationen detailliert nachvollziehen wollen, wie beim Lesen eines Buches &#8211; detailsicher bei Kontext und Zitat &#8211; dann platzt ihnen irgendwann die Birne. Es gilt Unsch&#228;rfen zu akzeptieren.</p>
<p><em>N&#228;mlich wie?</em></p>
<p>Kruse: Schwimmen, nicht filtern. <strong>Dann sp&#252;rt man die Str&#246;mung, die Dynamik der Welt.</strong> Wenn jemand anf&#228;ngt zu twittern, frag ich mich immer: nutzt er Twitter als PR-Instrument, will er kontrollieren oder will er wirklich mitschwimmen, m&#246;chte er Teil dieser Dynamik werden? Es geht darum, angekoppelt zu sein, es geht um die Lust an der Unkalkulierbarkeit. Es ist eine Form zu leben, anstrengend aber anregend &#8211; eine Bereicherung. Wer „Herr oder Frau der Lage“ bleiben will, f&#252;r den ist das Internet inzwischen ein sehr unangenehmes Medium. Wer einen Ameisenhaufen aufr&#228;umen m&#246;chte, wird sich schnell &#252;berfordert f&#252;hlen. Wer aber beobachtet, welche Wege die Ameisen gehen und wie sie ihren Staat organisieren, f&#252;r den ist das ein faszinierendes Geschehen. Aber, wem es dennoch auf Dauer nicht gelingt, Muster zu erkennen, der l&#228;uft Gefahr einfach ins driften zu geraten. Das verbraucht nur viel Zeit und bringt nichts und ist noch am ehesten der unproduktiven Gedankenflucht in einem psychotischen Schub vergleichbar.</p>
<p><em>&#8230;dann h&#228;ngen Leute stundenlang im Netz ohne Ziel.</em></p>
<p>Kruse. Aber das ist nicht die Schuld des Netzes, die Netze machen nur das Angebot dazu. Die Psychose muss ich schon selbst in den Griff bekommen. Genie und Wahnsinn liegen mal wieder nah beieinander.</p>
<p><em>Ein weiterer Verantwortungsruck?</em></p>
<p>Kruse: Ja, &#252;ber die Netzwerke ger&#228;t der gesellschaftliche Status der Experten unter Druck und generell haben es alle „gatekeeper“ immer schwerer, ihre Autorit&#228;t zu wahren. Das Internet erzwingt einen ehrlichen Umgang mit Kompetenz. Das gilt nat&#252;rlich auch f&#252;r die Nutzer. Wer Macht &#252;bernimmt, &#252;bernimmt Verantwortung. Wir sind verantwortlich f&#252;r das, was wir ins Netz stellen und f&#252;r das, was wir aus dem Netz &#252;bernehmen. Deshalb noch mal: Die Verbesserung von Bildung ist gegenw&#228;rtig eine Aufgabe h&#246;chster Priorit&#228;t. Das Netz ist nur so klug wie sein mittlerer User.</p>
<p><em>Welche Auswirkungen werden das Netz und der „Machtwechsel“ auf die Demokratie haben? Sie sagten einmal „Wenn das Netz etwas will, setzt es sich durch“.</em></p>
<p>Kruse: Positiv l&#228;sst sich vermuten, dass es das Netz jedem Diktator schwer machen wird, seine Machtposition zu erhalten. Das Netz kann man nicht steuern und langfristig auch kaum gezielt manipulieren. Wer ohne resonanzf&#228;hig zu sein mit allen Mitteln seine Interessen durchsetzen m&#246;chte, hat im Netz letztlich keine Chance.<br />
<strong>Eigentlich ist das Internet die bislang radikalste Form der Demokratisierung der Gesellschaft.</strong> Die Angst der M&#228;chtigen vor dem Plebiszit ist durchaus gerechtfertigt &#8211; bezogen auf Status ohne Mehrwert und bezogen auf jedwede Form von „hidden agenda“. Was f&#252;r Experten generell gilt, wird besonders f&#252;r die Politik wichtig. In der Gegenwart der Netzwerke kann direktere Beteiligung an Entscheidungsfindungsprozessen kaum noch verwehrt werden. Die Demokratie wird ohne Zweifel direkter werden – mit oder ohne Unterst&#252;tzung der etablierten Parteien. Beim &#246;ffentlichen Agenda-Setting ist der Einfluss der Netze bereits Realit&#228;t, in der Parteipolitik wird noch gefremdelt.</p>
<p><em>Und was ist mit neuen Machtinstanzen wie Google? </em></p>
<p>Kruse: Firmen wie Google als neue Weltm&#228;chte auszurufen, ignoriert die Dynamik und Gr&#246;&#223;e der Netze. Selbst Google hat bislang nur geschafft, einen Bruchteil der Daten im Netz zu indizieren. Ob Google seine Position zuk&#252;nftig halten kann oder nicht, h&#228;ngt mehr von der Masse der User ab als von Google. Ich finde es pers&#246;nlich sehr irritierend, wenn man glaubt im Netz h&#228;tten Marken die gleiche stabilisierende Kraft wie au&#223;erhalb des Netzes. Es ist kein Zufall, dass die professionellen Akteure im Netz immer mehr versuchen, auch mit eigenen Produkten wie E-books oder Smartphones Teil der Offline-Wirtschaft zu werden.</p>
<p>Schauen sie sich mal die bekanntesten Internet-Firmen von vor f&#252;nf Jahren und von heute an: <strong>das Internet ist eine „untreue Tomate“.</strong> Wenn Google aus irgendeinem Grund seine Attraktivit&#228;t einb&#252;&#223;t, dann zieht die Karawane weiter. Die Idee, &#252;ber den Besitz von Daten oben zu bleiben, ist genauso wenig sicher, wie der Versuch, seine Position dauerhaft &#252;ber Userzahlen garantieren zu wollen. Die eigentliche W&#228;hrung im Netz ist nicht die Menge der Nutzer oder gespeicherter Informationen, sondern die Aufmerksamkeit durch Attraktivit&#228;t.</p>
<p><em>Sie sehen also im Web 2.0 noch keine Gefahren auf uns zukommen?</em></p>
<p>Kruse: Solange die kreative Zusammenfassung und Musterbildung an Menschen gekn&#252;pft ist und das automatische Sprachverstehen noch in den Kinderschuhen steckt, erstickt jeder „gro&#223;e Bruder“ am Problem der Semantik. Erst wenn Bedeutung automatisch erkannt werden kann, erreicht das Netz als System eine neue Qualit&#228;tsstufe und damit auch ein neues Gef&#228;hrdungspotential. Web 2.0 ist soweit noch ganz handhabbar. <strong>Das Missbrauchspotential eines semantischen Web 3.0 w&#252;rde mich da schon deutlich mehr ins Schwitzen bringen.</strong></p>
<p><em>Fr&#252;her war man Teil einer Seilschaft, heute hat man 350 Facebook-Freunde. Wie hat sich der Begriff „Netzwerk“ ver&#228;ndert?</em></p>
<p>Kruse: In Wirtschaft und Politik redet man h&#228;ufig von Beziehungsnetzwerken, bei denen die gegenseitige F&#246;rderung der beteiligten Partner im Vordergrund steht. Diese Netzwerke sind schon l&#228;nger auf dem absteigenden Ast. Nicht zuletzt weil die Menschen h&#228;ufig schneller ihre Positionen wechseln, als sich der Mehrwert einer Beziehung realisieren l&#228;sst. Diese pers&#246;nlichen Netzwerke ver&#228;ndern sich auch ohne Internet schon seit l&#228;ngerem in Richtung auf den Attraktivit&#228;tsfaktor Kompetenz.</p>
<p><em>Was macht den Unterschied?</em></p>
<p>Kruse: Im Kompetenznetzwerk fragt man nicht, wer vernetzt sich mit wem, sondern warum? Man verbindet sich mit interessanten F&#228;higkeiten und Inhalten – und das nur solange, wie die F&#228;higkeit oder der Inhalt attraktiv genug sind. Ist das Interesse erloschen, wird die Verbindung einfach gel&#246;st. Heute ist man ein zentraler Netzwerkknoten und schon kurze Zeit sp&#228;ter m&#246;glicherweise bereits nicht mehr wichtig. <strong>Kompetenznetzwerke sind brutal ehrlich.</strong> Die Halbwertszeit einer Ber&#252;hmtheit ist gering, wenn sie aufh&#246;rt sich zu entwickeln.</p>
<p><em>Hat irgendwie eine verletzende Komponente, finden Sie nicht?</em></p>
<p>Kruse: Ja, Kompetenznetze sind kalt aber auch sehr klar. Als Teilnehmer in Kompetenznetzwerken bin ich so gut wie nicht zu entt&#228;uschen. Wenn ich nichts anzubieten habe, das im Netz resonanzf&#228;hig ist, dann ist es kein Problem ignoriert zu werden. Es freut mich zwar, wenn andere das, was ich anbiete, wichtig genug finden, um es zu abbonieren, aber es ist nicht meine Basismotivation. Ich bringe Inhalte ins Netz, weil sie mir pers&#246;nlich wichtig sind. Ich zentriere mich auf die eigene Faszination, denn Authentizit&#228;t ist bereits f&#252;r sich genommen etwas Wertvolles. Bekomme ich dann partout keine Resonanz, dann beruhige ich meinen Narzismus im Zweifelsfall mit der &#220;berlegung, dass die Welt einfach noch nicht reif f&#252;r mich ist (lacht).</p>
<p><em>Wie k&#246;nnen sich denn Unternehmen auf diese Ver&#228;nderung vorbereiten, wie sieht das Angebot f&#252;r einen Nachfragemarkt aus?</em></p>
<p>Kruse: Was ich wirklich hasse ist der Begriff Web 2.0-Strategie. Weil das zwei ins sich widerspr&#252;chliche Begriffe sind &#8211; ein Oxymoron. Strategie ist laut Definition das planvolle Erreichen eines Ziels unter Kenntnis der Mittel und Wege. Das gibt es im Netz aber nicht. Wenn Firmen von Web 2.0-Strategie reden, dann versuchen sie ein dynamisches System mit statischen Mechanismen zu beherrschen. Auch hier wieder: Es bleibt nichts anderes, als ehrliche Botschaften zu versenden und aufrichtige Gespr&#228;chsangebote zu machen. <a href="http://leanderwattig.de">Leander Wattig</a>, ein einflussreicher Blogger in Deutschland, hat die einzig m&#246;gliche Erfolgsstrategie im Social Weg schlagend auf den Punkt gebracht: <a href="http://leanderwattig.de/index.php/2010/02/04/erfolgsfaktoren-im-social-web/">Bitte…Danke</a>.</p>
<div id="attachment_24695" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2010/03/kruse-wordle1.jpg"><img class="size-medium wp-image-24695 " title="kruse-wordle" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2010/03/kruse-wordle1-300x188.jpg" alt="Lassen Sie uns gemeinsam alles daf&#252;r tun, dass das Internet ohne jede Einschr&#228;nkung ein selbstverst&#228;ndliches Allgemeingut f&#252;r alle Menschen wird und bleibt. - Bild erstellt mit wordle.net" width="300" height="188" /></a><p class="wp-caption-text">Lassen Sie uns gemeinsam alles daf&#252;r tun, dass das Internet ohne jede Einschr&#228;nkung ein selbstverst&#228;ndliches Allgemeingut f&#252;r alle Menschen wird und bleibt. - Bild erstellt mit wordle.net</p></div>
<p><em>Was ist die wichtigste Voraussetzung f&#252;r Resonanzf&#228;higkeit?</em></p>
<p>Kruse: Empathie. Versuchen Sie einfach so intensiv wie m&#246;glich in die Kulturen einzutauchen. Gute Unternehmer haben das immer schon gekonnt. Sie haben ein Gef&#252;hl daf&#252;r entwickelt, wohin sich die M&#228;rkte entwickeln und dann ihre jeweilige Wette platziert. Professionelles Unternehmertum lebt von der F&#228;higkeit sensibler Wahrnehmung und erst danach von der F&#228;higkeit zielstrebiger Umsetzung. F&#252;r Management ist es genau anders herum.</p>
<p><em>Brauche ich f&#252;r diese „unternehmerische Wahrnehmung“ zwingend das Netz? Gute Unternehmer gab es ja schon immer, auch lange vor dem Web.</em></p>
<p>Kruse: Nat&#252;rlich weisen einem auch die klassischen Medien den Weg. Aber ich hatte noch nie so sehr das Gef&#252;hl, an Zeitstr&#246;mungen angekoppelt zu sein wie durch das Internet. Viele Nachrichten hole ich mir nach wie vor aus den „alten“ Medien. Ich bin immer noch passionierter Zeitungsleser. <strong>Aber die Str&#246;mungen der Zeit kann ich nirgends so fr&#252;h und so umfassend erleben wie im Netz.</strong> Oft komme ich mir vor, wie ein gro&#223;er Bartenwal, der durch planktonreiche Gew&#228;sser schwimmt und von morgens bis abends Nahrhaftes herausfiltert. Obwohl man sich daf&#252;r st&#228;ndig bewegen muss, bleibt gen&#252;gend &#252;brig, um sich eine Speckschwarte zuzulegen.</p>
<p>Ich will in erster Linie selbst verstehen &#8211; selbst die Muster erkennen. Manchmal vergesse ich dann fast meine Erkenntnisse zur Diskussion zu stellen. Das Verstehen von Zusammenh&#228;ngen ist eines der wertvollsten Dinge f&#252;r mich. Da hat man manchmal das Gef&#252;hl, f&#252;r einen kurzen Moment vom Weltgeist gek&#252;sst zu werden. Wenn man sich beispielsweise Zw&#246;lftonmusik anh&#246;rt, ist der Kopf zuerst auch ziemlich &#252;berfordert und die T&#246;ne scheinen nicht zusammen zu passen. Dann irgendwann, wenn man sich lange genug der Frustration aussetzt, erkennt das Gehirn die Muster und die Sch&#246;nheit der Musik entfaltet sich. Das hat schon etwas Erhabenes und ist ein Wert in sich.</p>
<p><em>Haben Sie eine Vorstellung davon, wie ein Gesch&#228;ftsmodell aussehen k&#246;nnte, das die Kreativit&#228;t n&#228;hrt, die das Netz speist? Und was w&#228;re, wenn irgendwann niemand mehr einfach umsonst mitmacht, weil sich keiner mehr die Gratisbeitr&#228;ge leisten kann oder will?</em></p>
<p>Kruse: Solange die Leute Reputation im Netz noch als W&#228;hrung begreifen, wird das nicht passieren. Auch in den „emerging markets“ existiert sicher noch genug gebefreudiges Kreativpotenzial, um das Web noch eine ganze Zeit umsonst zu befeuern. Aber die Frage nach lebensf&#228;higen Gesch&#228;ftsmodellen wird mit dem Social Web immer dr&#228;ngender. <a href="http://carta.info/24218/mehr-werbung-wagen-medien-internet/">Werbeeinnahmen</a> sind da ebenso wenig eine L&#246;sung wie Datenverkauf, solange es sich nicht um Bankdaten aus der Schweiz handelt. Die stehen nat&#252;rlich krisensicher hoch im Kurs.</p>
<p><em>Was halten Sie von den aktuellen Paid Content-Ideen?</em></p>
<p>Kruse: Jede Restriktion im Zugang ist eigentlich unangemessen f&#252;r das Netz. Wie wertvoll m&#252;ssen Inhalte sein und immer wieder werden, um auf Dauer den alten Warencharakter der Information wieder zu beleben. Ich denke das Netz wird mit den Paid-Content-Anbietern Hase und Igel spielen. Die Nutzer versuchen die Barrieren zu umgehen und die Anbieter versuchen sie immer weiter zu erh&#246;hen. Es reicht schon einfaches statistisches Denken, um zu sch&#228;tzen, wer da die Nase vorn haben wird. Eher w&#252;rde mir eine W&#228;hrung gefallen, die auf einer Art emotionaler Belohungspunkte basiert. Immer, wenn ein Beitrag auf Resonanz st&#246;&#223;t, gehen minimale Betr&#228;ge auf das Konto des Anbieters. Denkbar w&#228;re vielleicht so etwas wie eine generelle Flatrate pro Person, die sich automatisch &#252;ber das Verhalten im Netz auf die besuchten Inhalte verteilt.</p>
<p><em>Das w&#252;rde auch die Qualit&#228;t sichern – nur das Beste w&#252;rde angeklickt und bezahlt.</em></p>
<p>Kruse: Na ja, nicht unbedingt das Beste, aber definitionsgem&#228;&#223; das Resonanzf&#228;higste, das was die Leute dazu verlockt hat, Aufmerksamkeit zu schenken. Von mir aus k&#246;nnen das auch Trivialit&#228;ten sein.</p>
<p><em>W&#252;rden Sie in ein solches Modell j&#228;hrlich 1000 Euro einzahlen?</em></p>
<p>Kruse: Ich w&#252;rde mit meinem Beitrag auch noch deutlich h&#246;her gehen. Noch nie in meinem Leben habe ich im Verh&#228;ltnis zum Aufwand so viel f&#252;r so wenig bekommen wie im Internet. Das Web ist ein Kulturraum, dessen Wert man kaum &#252;bersch&#228;tzen kann. Ich denke es k&#228;me einer harten Bestrafung gleich, wenn man vom Zugang abgeschnitten wird. Lassen Sie uns gemeinsam alles daf&#252;r tun, dass das Internet ohne jede Einschr&#228;nkung ein selbstverst&#228;ndliches Allgemeingut f&#252;r alle Menschen wird und bleibt. Das Internet ist noch jung und f&#252;r viele positive &#220;berraschungen gut.</p>
<p><em>Doris Ra&#223;hofer ist stellvertretende Chefredakteurin des Monatsmagazins &#8220;Bestseller&#8221; vom &#246;sterreichischen Horizont. Eine Kurzversion des Interviews ist bereits im aktuellen <a href="http://www.horizont.at/index.php?eID=tx_nawsecuredl&amp;u=0&amp;file=uploads/media/56-59_Kruse.pdf&amp;t=1269433647&amp;hash=4757ce0a71622241a038b8b134de080f">Bestseller Austria</a> (PDF) erschienen.</em></p>
<p><em>Passend dazu eine kurze Anleitung zum Umgang mit dem Informationsfluss von Martin Weigert bei <a href="http://netzwertig.com/2010/03/22/informationsbezug-im-web-die-unendlichkeit-des-streams/">netzwertig.com</a>.</em>
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<a href="http://carta.info/24656/schwimmen-nicht-filtern-peter-kruse-im-interview/">&#8220;Schwimmen, nicht filtern&#8221;: Peter Kruse im Interview</a> on <a href="http://carta.info">CARTA</a> | <a href="http://carta.info/24656/schwimmen-nicht-filtern-peter-kruse-im-interview/#comments">33 comments</a>
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		<title>Wolfgang Blau: &#8220;Der ideologische Widerstand, eigene Rollenbilder zu &#252;berdenken, ist gro&#223;.&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Oct 2009 12:49:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Doris Raßhofer</dc:creator>
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		<description><![CDATA["Wir m&#252;ssen die Inhalte an allen Wasserl&#246;chern der digitalen Kultur bereithalten" – Zeit Online-Chefredakteur Wolfgang Blau im Interview &#252;ber die "Wild-West-Phase" der Nachrichtenportale, "kollaborativen Journalismus" und mehr Bezahlinhalte auf Zeit Online.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/b42e647caf664f25885aeb89f8a8d72b" alt="" width="1" height="1" /><em>Herr Blau, Sie haben schon diverse Auf- und Abs des Internet mitverfolgt. Derzeit scheint dem Rausch wieder einmal ein Kater zu folgen, die Euphorie ist dem Kalk&#252;l gewichen. Was ist passiert, dass das World Wide Web bei Wirtschaft und Medien derzeit erneut in Ungnade f&#228;llt? </em></p>
<p>Im Silicon Valley galt der Spruch „Die kurzfristigen Auswirkungen neuer Technologien werden in dem Ma&#223;e &#252;bersch&#228;tzt, wie ihre langfristigen Auswirkungen untersch&#228;tzt werden“. Was bedeutet das?  In den Boomjahren der New Economy wurde noch vom baldigen Ende aller Medien jenseits des World Wide Web geunkt. Dann aber ist die Online-Blase geplatzt und viele Verlage haben sich wieder erleichtert zur&#252;ckgelehnt und das Netz in geradezu erstaunlicher Weise ignoriert. <strong>Jetzt realisieren die Verlage mit Schrecken, dass das Internet nicht nur die Medienlandschaft neu ordnet, sondern sogar das gesamte Wirtschaftsleben, </strong>die Art, wie die Menschen ihr Sozialleben organisieren, wie sie sich politisch informieren, wie sie Kultur konsumieren und produzieren. Ein Gezeitenwechsel, der mit der Einf&#252;hrung des Buchdrucks oder der Eisenbahn vergleichbar ist.</p>
<p><em>K&#246;nnen Sie das konkretisieren? </em></p>
<div id="attachment_16027" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2009/10/wblau.jpg"><img class="size-medium wp-image-16027 " style="margin-top: 4px; margin-bottom: 4px;" title="wblau" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2009/10/wblau-300x198.jpg" alt="wblau" width="300" height="198" /></a><p class="wp-caption-text">Zeit Online-Chefredakteur Wolfgang Blau: Das Internet wird gerade zu einer Art Betriebssystem f&#252;r unsere Gesellschaft.</p></div>
<p>Das Internet ver&#228;ndert alle Branchen, nicht nur die Medienbranche. Schauen Sie sich beispielsweise das Gesundheitswesen an: Was machen Sie heute als erstes, wenn Sie oder eines Ihrer Familienmitglieder mit einer schwerwiegenden Diagnose konfrontiert werden? Sie gehen sofort online und informieren sich &#252;ber Prognosen und Behandlungsmethoden. Fr&#252;her konnte ein Arzt noch mit veralteten Fachb&#252;chern im Regal Kompetenz suggerieren,  es galt die fixe Idee, dass ein Arzt alles wei&#223;. Heute kommen Sie zum Arzt und kennen oft schon die drei oder vier wichtigsten Therapie-Methoden f&#252;r Ihre Krankheit. Von Ihrem Arzt erwarten Sie nun eine moderierende Einordnung der verschiedenen Optionen. Das Internet verwischt die klare Trennung zwischen Experte und Laie, zwischen Produzent und Konsument. Das k&#246;nnen Sie beispielsweise auch in der Energiebranche beobachten, im Messewesen, im Bildungssektor oder auch<strong> in der milit&#228;rischen Doktrin des „Network-Centric Warfare“, die ohne das Internet nicht notwendig gewesen w&#228;re. </strong><br />
<em> </em></p>
<p><em>Welche Auswirkungen haben diese Ver&#228;nderungen auf die Medien? </em></p>
<p>Fachwissen und Expertise werden in Zukunft noch wichtiger als heute, verstehen Sie mich also bitte nicht falsch. Auch Journalisten werden in Zukunft ben&#246;tigt werden. Wir m&#252;ssen in Zukunft aber unser Set von F&#228;higkeiten noch erweitern, zum Beispiel um die F&#228;higkeit, das Fachwissen unserer Leser st&#228;rker zu nutzen und anzuerkennen.  <strong>F&#252;r &#252;berregionale Nachrichtenmedien bedeutet dies, dass die blo&#223;e Mitteilung einer Nachricht nur noch selten ein Alleinstellungsmerkmal ist.</strong> Der Mehrwert besteht prim&#228;r in der Einordnung, der Analyse des Geschehens. Vor allem Tageszeitungen werden es hier schwer haben, da kompetente Analyse im Vergleich zur umgeschriebenen Agentur-Meldung das teurere Produkt ist und von den Lesern noch mehr Aufmerksamkeit abverlangt. F&#252;r Broadcast-Medien kommt hinzu, dass die Zuschauer im Internet gelernt haben, dass Medieninhalte on-demand verf&#252;gbar sind. Die Idee, sich noch den starren Programm-Schemata der Radio- und Fernsehsender anzupassen, ist der Internet-Generation kaum noch vermittelbar.<em></em></p>
<p><em>Elfenbeinturm adé? </em></p>
<p>Hoffentlich. Wir k&#246;nnen nicht mehr so tun, als ob es da drau&#223;en keine Menschen g&#228;be, die auch etwas wissen. Nehmen Sie die Leserschaft von ZEIT ONLINE –  ein betr&#228;chtlicher Teil davon arbeitet in Unis und Hochschulen. Nicht selten sind ihre Leserbriefe l&#228;nger als unsere Artikel und auch genauso interessant. Zus&#228;tzlich zu unseren bisherigen Aufgaben werden wir in Zukunft also noch st&#228;rker in der Rolle von Moderatoren und Kuratoren agieren m&#252;ssen. <strong>Eine unserer Aufgaben wird sein, das Fachwissen unserer Leser zu b&#252;ndeln, zu verifizieren, zu moderieren. </strong><br />
<em><br />
Die „Weisheit der Massen“ moderieren, kein leichtes Unterfangen. </em></p>
<p>Das ist im ersten Moment nat&#252;rlich eine &#220;berforderung, weil es neu ist. Das war auch schon bei fr&#252;heren Medienrevolutionen der Fall. In der Fr&#252;hzeit des Buchdrucks haben sich zum Beispiel viele europ&#228;ische Bibliotheken geweigert, gedruckte B&#252;cher in ihr Repertoire aufzunehmen.<strong> Nur ein handgeschriebenes, in der Regel von M&#246;nchen verifiziertes Buch galt als vertrauensw&#252;rdig.</strong> Einfach irgendetwas drucken kann ja jeder, so das damalige Argument, das an die heutige Ablehnung des Internet erinnert und ja auch einen gewissen Wahrheitsgehalt hat. Der Buchdruck hat uns beides erm&#246;glicht, ungeahnte neue M&#246;glichkeiten der Desinformation und gedruckten Propaganda einerseits und andererseits die Renaissance und eine Revolution des Wissens.<br />
<em><br />
Vielen Journalisten w&#228;re es aber immer noch lieber, sie h&#228;tten die Nachrichtenhoheit. </em><br />
<strong><br />
Diesen ideologischen Widerstand der Medienbranche, das eigene Rollenbild zu &#252;berdenken, beobachte ich  mit gro&#223;er Sorge. </strong> Es gibt noch zu viele Journalisten, die glauben, sie k&#246;nnten das Netz ignorieren – ganz unabh&#228;ngig von ihrem Alter. Das Netz ist f&#252;r den Journalismus eine enorme Chance. Und wer glaubt, Journalisten w&#252;rden bald nicht mehr gebraucht werden, denkt zu kurz. Erinnern Sie sich an die ersten Apple Computer, die Ende der 80er auf den Markt kamen? Damals wurde der Beruf des Grafikers von manchen bereits f&#252;r tot erkl&#228;rt, schlie&#223;lich konnten viele Mac-User mit etwas &#220;bung nun ihre Firmenlogos und Briefpapiere endlich selbst gestalten. Nur f&#252;r ein paar Jahre herrschte damals zwischen Grafik-Laien und Grafik-Experten so etwas wie eine gef&#252;hlte Waffengleichheit. Dann haben sich viele Grafiker digitale F&#228;higkeiten angeeignet und das Grafik-Design auf eine neue Qualit&#228;tsstufe gehoben, die f&#252;r Laien nur schwer erreichbar ist. Eine &#228;hnliche Entwicklung werden wir im Journalismus beobachten k&#246;nnen.<br />
<em><br />
Welchen Stellenwert wird der User-Generierte Content demnach in Zukunft einnehmen? </em></p>
<p>Nutzer-generierte Inhalte sind im Netz wichtig, ihre Bedeutung f&#252;r journalistische Websites ist aber eher punktuell, etwa wenn Leser Zeugen eines Nachrichtenereignisses wurden. <strong>F&#252;r interessanter halte ich Konzepte des nutzer-genierierten, kollaborativen Journalismus, wie ihn etwa die britische Zeitung „The Guardian“ gerade testet. </strong>Nach dem Skandal um die falschen Nebenkostenabrechnungen britischer Abgeordneter hat der Guardian Zehntausende von gescannten Kassenbelegen und Abrechnungen online ver&#246;ffentlicht und seine Leser gebeten, bei der schnellen Durchsicht der Dokumente mitzuhelfen. Auf diese Weise wurden brisante Einzelheiten entdeckt, die die Redakteure, wenn &#252;berhaupt, dann erst sehr viel sp&#228;ter gefunden h&#228;tten.<br />
<em><br />
Seit dem Relaunch von Zeit Online bilden Sie rechts oben – durchaus prominent – sowohl die beliebtesten als auch die meistkommentierten Artikel Ihrer Website ab. Ist das ein erster Schritt, User generierten Input mit Ihrem eigenen Qualit&#228;tsjournalismus auf Augenh&#246;he zu postieren? </em></p>
<p>Wir sehen uns nicht nur als Website, die ihre Leser informiert, wir sehen uns auch als eine f&#252;hrende Debatten-Plattform. Es ist uns deshalb wichtig, unseren Lesern schon auf den ersten Blick mitzuteilen, welche unserer Texte gerade am st&#228;rksten diskutiert werden. Mit dem Ranking der meistgelesenen Texte haben wir nun etwa ein Jahr lang experimentiert und dabei beobachtet, dass unsere Leser bei gro&#223;en Nachrichtenlagen nat&#252;rlich die aktuellen Berichte zu dem jeweiligen Ereignis  am st&#228;rksten nachfragen. In den &#252;brigen Zeiten bevorzugen sie aber Analysen, Hintergrundberichte und Reportagen. Zeit Online ist eine Nachrichtensite f&#252;r Menschen, die nicht mit Nachrichtenl&#228;rm behelligt werden wollen, sich aber darauf verlassen m&#246;chten – und k&#246;nnen -, dass wir alle wirklich wichtigen Nachrichtenereignisse selbstverst&#228;ndlich innerhalb weniger Minuten melden.</p>
<p><em>Jeder Artikel kann jetzt mit einem Click auf jeder Social Media-Seite ver&#246;ffentlicht werden. </em></p>
<p>&#8230; um dort diskutiert zu werden, und um gefunden und gelesen zu werden. Die Zeiten, in denen wir Journalisten uns mit unseren gro&#223;en Medien-Megaphonen hinstellen und erwarten konnten, dass man uns selbstverst&#228;ndlich zuh&#246;rt oder zu uns auf die Site kommt, sind vorbei. <strong>Wir m&#252;ssen uns  heute vielmehr als eine Sph&#228;re begreifen, die ihre Inhalte an allen Wasserl&#246;chern der digitalen Kultur bereithalten muss. </strong>Und in Zukunft wird es auch darum gehen, s&#228;mtliche Diskussionsf&#228;den oder „Kommentar-Threads“, in denen unsere Texte diskutiert werden, wieder zusammenzuf&#252;hren und visuell abzubilden. Leserdebatten &#252;berschaubar abzubilden ist eine der n&#228;chsten gro&#223;en Fragestellungen beim Design journalistischer Websites.</p>
<p><em>Wie beurteilen Sie denn die aktuellen Diskussionen &#252;ber die Abwanderung der Jugend ins Netz als Ursache f&#252;r den Auflagenr&#252;ckgang und den Strukturwandel der Zeitungen? </em></p>
<p>Die Bereitschaft Jugendlicher, Zeitung zu lesen ist auch schon in den 80er-Jahren, also lange vor dem Siegeszug des Internet deutlich zur&#252;ckgegangen. Ich halte es auch f&#252;r irref&#252;hrend, das Internet nur als Jugendph&#228;nomen zu betrachten. Nat&#252;rlich pflegen Jugendliche einen selbstverst&#228;ndlicheren Umgang mit dem Netz als die &#228;lteren Generationen. In absoluten Zahlen sind aber zumindest in Deutschland schon heute mehr Menschen im Alter von 60 Jahren und dar&#252;ber im Netz unterwegs als Menschen unter 20 Jahren. Das ergab die ARD/ZDF Onlinestudie 2009. Selbst auf Facebook stellen die 35 – bis 49-j&#228;hrigen die am st&#228;rksten wachsende Nutzergruppe.</p>
<p><em>Die Jugend ist also nicht schuld an der Zeitungsmisere. Im Grund sind es ja auch &#252;berhaupt nicht die Leser, sondern der schwindende Anzeigenmarkt. </em></p>
<p>So einfach ist es vermutlich nicht. Zeitung ist auch nicht gleich Zeitung. Eine Wochenzeitung wie die DIE ZEIT erfreut sich heute steigender Leserzahlen, viele Tageszeitungen hingegen verlieren sowohl Leser, als auch Anzeigenkunden. Eines von vielen strukturellen Problemen speziell der Tageszeitung als Gattung ist, dass sie den Anspruch hat, t&#228;glich Inhalte f&#252;r zu viele verschiedene Zielgruppen beziehungsweise f&#252;r die ganze Familie anzubieten, und das in Ballungsr&#228;umen, die von Single-Haushalten dominiert werden. Etwa die H&#228;lfte aller Haushalte in Berlin, Hamburg und M&#252;nchen sind bereits Einpersonen-Haushalte. Die durchschnittliche Tageszeitung l&#228;uft in diesem Umfeld Gefahr, keine ihrer vielen Zielgruppen mehr wirklich befriedigen zu k&#246;nnen. Neben der schleichenden Leserabwanderung, die viele, aber nicht alle Zeitungen derzeit erleben, ist die Ver&#228;nderung des Werbemarktes tats&#228;chlich das noch gr&#246;&#223;ere Problem.</p>
<p><em>Ist denn die Situation der Zeitungslandschaft in den USA eins zu eins auf den deutschsprachigen Markt zu &#252;bertragen?<br />
</em><br />
Die beiden M&#228;rkte sind kaum vergleichbar. In den USA hat man sich in der Regel st&#228;rker auf Werbeeinahmen und weniger auf Einzelverkaufserl&#246;se verlassen als in Deutschland. Das wird den amerikanischen Verlegern jetzt zum Verh&#228;ngnis. Am deutlichsten ist das bei den Magazinen zu beobachten. Ein Jahres-Abo mit 56 Ausgaben des Magazins TIME kostete in den USA vor ein paar Jahren noch 10 Dollar und auch heute gerade mal  20 Dollar oder etwa 14 Euro. Als Leser bezahlen Sie also nicht einmal das Porto f&#252;r ihre 56 Ausgaben. Nachdem nun aber die Werberl&#246;se stark zur&#252;ckgehen, k&#246;nnen die Einzelverkaufspreise nicht mehr in dem Ma&#223;e angehoben werden, wie es eigentlich n&#246;tig w&#228;re, um die Verluste aus dem Anzeigengesch&#228;ft wettzumachen. Auch die Vertriebsstrukturen amerikanischer Zeitungen k&#246;nnen nicht mit Deutschland oder &#214;sterreich verglichen werden, wo sie an fest jeder gr&#246;&#223;eren Tankstelle ein gro&#223;es Angebot an Zeitungen vorfinden. In vielen amerikanischen Ballungsr&#228;umen kaufen Sie ihre Zeitung immer noch am Automaten, f&#252;r den Sie erst einmal das passende Kleingeld brauchen. Hinzu kommt, dass die Zeitung in Deutschland im Vergleich zu den Mediengattungen Fernsehen und Radio ein sehr viel h&#246;heres Ansehen genie&#223;t als in den USA. Auch vor 20 Jahren schon hatte die Zeitung in den USA nicht mehr den Stellenwert, den sie heute noch in Deutschland hat. Ein weiterer Punkt ist die Konkurrenzsituation durch die englische Sprache: der britische Guardian, der Telegraph oder der Economist sind f&#252;r die &#252;berregionalen amerikanischen Zeitungen ernsthafte Konkurrenten, wie auch BBC America der am schnellsten wachsende Nachrichten-Kabelsender der USA ist. Das gro&#223;e amerikanische Interesse an vertrauensw&#252;rdigen britischen Print- und Online-Medien ist eine Begleiterscheinung des Irakkriegs, den die amerikanischen Leitmedien zun&#228;chst sehr unkritisch pr&#228;sentiert hatten. Auch die Internetnutzung ist in den USA intensiver als in Deutschland. Und das sind nur einige von vielen weiteren Faktoren, weshalb die amerikanische Zeitungskrise zwar eine deutliche Warnung, aber kein plausibles Szenario f&#252;r die zuk&#252;nftige Entwicklung des deutschen oder &#246;sterreichischen Zeitungsmarktes bietet.</p>
<p><em>Paid Content f&#252;r News gilt als uneinbringbar, Online-Werbung boomt nicht, und selbst Facebook &amp; Co machen kaum Ums&#228;tze. Warum ist das Web offenbar so schwer zu monetarisieren? </em></p>
<p>Da sollten wir zwischen dem Web insgesamt und journalistischen Sites differenzieren. Google verdient gro&#223;artig. Auch E-Commerce l&#228;uft gut. Und ich bin mir sicher, dass auch Facebook und die VZ-Gruppe noch sehr viel Geld verdienen werden. Grunds&#228;tzlich kann man aber nur etwas monetarisieren, wo ein Mangel besteht. Fr&#252;her gab es f&#252;r Wohnungs-Inserate in einem Ort oft nur eine Lokalzeitung, die oft auch noch eine Monopolstellung hatte und deshalb entsprechende Werbepreise verlangen konnte. <strong>Im Netz sind die Fl&#228;chen dagegen fast unbegrenzt. </strong>Gleichzeitig wurde oft der Fehler gemacht, den Printwerbekunden die Online-Werbung als Goody obendrauf zu packen. So wurde den Anzeigenkunden fr&#252;h beigebracht, dass Online-Werbung nichts wert sei. Jetzt ist es entsprechend schwierig, h&#246;here Online-Preise durchzusetzen. Dennoch glaube ich, dass wir bereits eine Ausdifferenzierung der journalistischen Websites beobachten k&#246;nnen, <strong>die den wenigen wirklichen Qualit&#228;ts-Sites erm&#246;glichen wird, h&#246;here Preise aufzurufen</strong>. Die Leser lernen gerade, zu unterscheiden, welche  Redaktion sauber zwischen Werbung und Journalismus trennt, wer am saubersten recherchiert, wer integer ist und wer nicht. Nachrichtensites k&#246;nnen &#252;ber die blo&#223;e Reichweite nicht gegen die Massenportale dieser Welt konkurrieren. Sie k&#246;nnen aber eine besonders anspruchsvolle Leserschaft auf ihren Sites versammeln, die in dieser Dichte rar ist und damit h&#246;here Preise rechtfertigt.</p>
<p><em>Werden sich steigende Online-Werbepreise und sinkende Printerl&#246;se bald gegenseitig ausgleichen k&#246;nnen? </em></p>
<p>Nein, das werden sie nicht.</p>
<p><em>Dann bleibt eine Finanzierungsl&#252;cke. </em></p>
<p>Wenn man nur mit Banner-Werbung innerhalb journalistischer Angebote oder Paid Content punkten will, ja. Die Verlagsgruppe Holtzbrinck hat aber zum Gl&#252;ck schon fr&#252;hzeitig Online-Plattformen gegr&#252;ndet, die die R&#252;ckg&#228;nge aus dem Print-Rubrikengesch&#228;ft zumindest abfedern k&#246;nnen, etwa die Partnerschaftsvermittlung Parship oder unsere akademische Stellenb&#246;rse academics.de. <strong>Ich gehe aber davon aus, dass Zeitungsh&#228;user in Zukunft eine gr&#246;&#223;ere Zahl verschiedener Einnahmequellen aufbauen m&#252;ssen als heute.</strong> Im Mittelpunkt steht dabei immer die Glaubw&#252;rdigkeit ihrer jeweiligen journalistischen Marke. Deshalb w&#228;re es auch ein gro&#223;er Fehler, online niedrigere Anspr&#252;che an die journalistische Qualit&#228;t zu stellen, als in den Printausgaben.<br />
<em><br />
Ist Paid Content bei Ihnen ein Thema? </em></p>
<p><strong>Die Nachrichtenportale im deutschsprachigen Netz sind immer noch in der Wild-West-Phase, in der es darum geht, Claims zu besetzten und sich das Vertrauen gro&#223;er Leserschaften zu erarbeiten.</strong> Jetzt das Bezahlgitter herunter zu lassen, w&#228;re nicht klug. Im Gegensatz zu den USA haben wir in vielen europ&#228;ischen L&#228;ndern auch &#246;ffentlich-rechtliche Nachrichtensites, die ihre Inhalte im Netz per Gesetz ohne weitere Geb&#252;hren anbieten m&#252;ssen. Sie w&#228;ren einer der gr&#246;&#223;ten Nutznie&#223;er, wenn qualitative Print-Websites nun geb&#252;hrenpflichtig w&#252;rden.  Ich glaube auch, dass wir f&#252;r Paid Content Inhalte entwickeln m&#252;ssen, die wir jetzt noch nicht anbieten. Ein Bereich, in dem <em>ZEIT ONLINE</em> aber schon sehr stattliche Betr&#228;ge erwirtschaftet, ist unser Audio-Abo.<br />
<em><br />
Was planen Sie noch in Sachen Paid Content? </em></p>
<p>Nahe liegend sind nat&#252;rlich iPhone-Apps, weil die Bezahlstruktur dahinter schon vorhanden ist. Wir haben da mehrere Projekte in der Pipeline.</p>
<p><em>Zum Beispiel? </em></p>
<p>Da muss ich leider schweigen.</p>
<p><em>Wie finanziert sich denn Ihr Online-Auftritt derzeit? Schreiben Sie schon schwarze Zahlen? </em></p>
<p>Wir finanzieren uns &#252;ber Werbung und Transaktionserl&#246;se. Wir haben unsere Redaktion in diesem Jahr ausgebaut und jetzt auch eine von Grund auf neu entwickelte Website an den Start gebracht, die von unseren Usern erfreulicherweise sehr gut angenommen wird. Wir sind also noch in der Investitionsphase und schreiben noch keine schwarzen Zahlen. Wir liegen aber gut im Plan und &#252;ber unseren Vorjahreserl&#246;sen.<br />
<em><br />
Twitter z&#228;hlt jetzt nicht gerade zu den Qualit&#228;tsmedien. Sie f&#252;hren dennoch zwei Twitter-Accounts, einen unter Wolfgang Blau und einen unter Zeit Online. Wozu? </em></p>
<p><a href="http://twitter.com/wblau">wblau</a> ist mein privater Account, in dem ich mich meist in englischer Sprache mit journalistischen Themen und Ph&#228;nomenen befasse und auch den Kontakt mit amerikanischen Kollegen pflege. Unter twitter.com/zeitonline geht es nur um Zeit Online, jetzt zum Beispiel um den Relaunch. 10.700 User haben wir im Twitterfeed, die f&#252;r uns sehr wertvoll und hilfreich sind. In Echtzeit bekommen wir so eine gro&#223;e Zahl detaillierter R&#252;ckmeldungen bei technischen Fehlern, Schlagzeilen, die wir noch besser formulieren k&#246;nnten oder auch einfach nur Themenvorschl&#228;ge.  <strong>Twitter ist sehr unmittelbar.  Es bildet das menschliche Gespr&#228;chsverhalten sehr viel direkter ab als etwa E-Mails.</strong><br />
<em><br />
Wohin k&#246;nnte sich denn Twitter in seinem Einsatzgebiet weiterentwickeln? </em></p>
<p>Es gibt sehr viele Twitter-Tools, um beispielsweise die Entwicklung eines Themas in Beinahe-Echtzeit zu verfolgen. Selbstverst&#228;ndlich m&#252;ssen Angaben von Twitter-Nutzern genauso verifiziert werden wie jede andere Quelle auch. Einen guten &#220;berblick &#252;ber journalistische Twitter-Tools finden Sie in dem Blog mashable.com. Einige amerikanische und britische Nachrichtenorganisationen betreiben auch schon Social Media Newsrooms und filtern Twitter und andere Plattformen systematisch nach Begriffen wie „Crash“, „Forest Fire“, „Flu“ und so weiter.</p>
<p><em>Twitter-Geplapper wird oft wegen seiner unglaublichen Belanglosigkeit gescholten und in die Irrelevanz verbannt. Zurecht?</em></p>
<p>Das h&#228;ngt davon ab, wie Sie Relevanz definieren und &#252;ber welche Filter-Werkzeuge Sie verf&#252;gen, um die speziell f&#252;r Sie relevanten Inhalte zu finden.<strong> Zum Teil sind dies technische Filter, zum Teil auch nur kulturell erlernte Verhaltensweisen. </strong>Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, man w&#252;rde Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben vor einen Fernseher setzen. Man w&#252;rde Ihnen den Fernseher nicht erkl&#228;ren, sondern Ihnen lediglich eine Fernbedienung in die Hand dr&#252;cken. Es w&#252;rde vermutlich Monate dauern, bis Sie w&#252;ssten, wann auf welchem Kanal welche f&#252;r Sie relevanten Sendungen zu finden sind. H&#246;chstwahrscheinlich w&#252;rden Sie aber schon vorher entnervt aufgeben und das Fernsehen in seiner Gesamtheit als ein seichtes &#8211; also irrelevantes -  Medium empfinden. Es ist dieser Reflex, aus dem heraus viele Journalisten das Netz noch verunglimpfen, der bei der j&#252;ngeren Generation der „Digital Natives“ aber auf Unverst&#228;ndnis und &#196;rger st&#246;&#223;t. <strong>Denn verglichen mit dem Fernsehen oder selbst einer gro&#223;en Buchhandlung, bietet das Netzt sehr viel genauere Filter- und Sortiermechanismen an, um pers&#246;nlich relevante Information zu finden.</strong></p>
<p><em>Zur  Zeit wird vermehrt der Ruf nach „Erziehung“ des Webs laut. Kinder ohne Grenzen werden zu Tyrannen, hei&#223;t es. Teilen Sie diese Ansicht? </em></p>
<p>Bei diesen Diskussionen unterstelle ich immer ein ger&#252;ttelt Ma&#223; Scheinheiligkeit. Derart gl&#252;hende Qualit&#228;tsdebatten, wie sie &#252;ber das Internet gef&#252;hrt werden, w&#252;rde ich mir auch f&#252;r andere Mediengattungen w&#252;nschen, vor allem das Fernsehen, weil dieses immer noch gr&#246;&#223;eren gesellschaftlichen Einfluss aus&#252;bt als das Web. Selbstverst&#228;ndlich m&#252;ssen wir dar&#252;ber nachdenken, wie wir den zum Teil grauenerregenden Inhalten, die es im Netz zu finden gibt, entgegenwirken k&#246;nnen. Die Art und Weise aber, wie die traditionellen Medien stellenweise immer noch versuchen, das Netz in Bausch und Bogen als <strong>niederwertig zu verunglimpfen</strong> oder das Netz f&#228;lschlicherweise als rechtsfreien Raum kritisieren, ist zu einem betr&#228;chtlichen Teil von der <strong>Sorge um das eigene Gesch&#228;ftsmodell</strong> angetrieben. Das Netz ist kein rechtsfreier Raum.</p>
<p><em>Also keine Gefahr aus dem Netz? </em></p>
<p>Kinderpornographie und Extremismus im Netz sind reale Gefahren, denen wir unbedingt begegnen m&#252;ssen. Sie werden meines Erachtens aber auch politisch instrumentalisiert, um das Netz in seiner Gesamtheit abzuwerten oder um fadenscheinige Law-and-Order-Wahlk&#228;mpfe zu f&#252;hren. Die Gefahr dabei ist nun, dass andere wichtige Zukunftsfragen des Internet zu wenig Beachtung finden, vor allem die Zukunft unserer digitalen B&#252;rgerrechte. <strong>Ob wir es wollen oder nicht, das Internet wird gerade zu einer Art Betriebssystem unserer Gesellschaft:</strong> Wir informieren uns politisch im Netz, wir wickeln unsere Bankgesch&#228;fte und einen betr&#228;chtlichen Teil unserer Eink&#228;ufe im Netz ab, wir pflegen unsere privaten und beruflichen Kontakte &#252;ber das Netz und selbst ein Gro&#223;teil unserer Festnetz-Telefonie wird im Hintergund &#252;ber das Internet abgewickelt. In Europa beherrschen dabei oft die ehemaligen staatlichen Telekom-Konzerne den Markt f&#252;r Internetzug&#228;nge. S&#228;mtliche gerade beschriebenen Online-T&#228;tigkeiten wandern also durch die Pipeline ein- und desselben Dienstleisters, wobei gerade die Deutsche Telekom bereits im Umgang mit ihren eigenen Mitarbeitern gezeigt hat, dass sie ein fragw&#252;rdiges Verh&#228;ltnis zum Datenschutz hat. Wenn die Menschen erst einmal nicht mehr sicher sind, ob sie sich unbeobachtet unterhalten k&#246;nnen, beginnt die Demokratie zu leiden. Es ist deshalb Aufgabe der Medien, das Internet nicht per se zu verunglimpfen, sondern die neuen gesellschaftlichen Realit&#228;ten anzuerkennen und sich noch st&#228;rker f&#252;r den Schutz der freien Rede und unserer Privatsph&#228;re im Netz einzusetzen.</p>
<p><em>Dieses Interview (hier leicht gek&#252;rzt) von Doris Ra&#223;hofer erschien zuerst im Trend/Bestseller-Medienspezial 2009 und bei <a href="http://www.horizont.at/index.php?id=39&amp;tx_ttnews[tt_news]=44775&amp;cHash=44ce1273ee">Horizont.at</a>. Wir crossposten es mit freundlicher Zustimmung der Autorin.</em>
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<a href="http://carta.info/16015/wolfgang-blau-zeit-online-journalismus-medienwandel/">Wolfgang Blau: &#8220;Der ideologische Widerstand, eigene Rollenbilder zu &#252;berdenken, ist gro&#223;.&#8221;</a> on <a href="http://carta.info">CARTA</a> | <a href="http://carta.info/16015/wolfgang-blau-zeit-online-journalismus-medienwandel/#comments">40 comments</a>
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