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	<title>CARTA &#187; Carsten Zorn</title>
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	<description>Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit</description>
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		<title>Nach der Wahl: Die Kohl-Situation</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Sep 2009 12:23:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carsten Zorn</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Wahlkampf '09]]></category>
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		<category><![CDATA[Schwarz-Gelb]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer meinte, dass nach der Finanzkrise nichts mehr bleiben werde wie zuvor, hat auf unerwartete Weise Recht behalten. Die Bundestagswahl hat die Republik politisch in die 1980er Jahre zur&#252;ck gebeamt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/17fe1e892e1a43f89778e836c185a3cb" width="1" height="1" alt=""/>Gespenstisch am aktuellen Zur&#252;ck in die Achtziger – ein Zur&#252;ck noch in die Zeit vor dem &#8216;Zuvor&#8217; – ist  nicht zuletzt, dass auch in den tausend Wahlanalysen und -prognosen am Tag nach der Wahl dies noch niemand im n&#246;tigen Ma&#223; heraus gestellt hat. Wie lange dauert es heute eigentlich, bis eine so offensichtliche Parallele auff&#228;llt? Und wie lange wird es dauern, bis man sie endlich als strategische Interpretationshilfe ernst nehmen wird?</p>
<p>Ganz offenkundig haben wir es jetzt doch wieder mit dem zu tun, womit unsereins mindestens gef&#252;hlte drei&#223;ig Jahre lang aufgewachsen ist, von den 1970ern bis in die Neunziger: Es gibt eine &#8220;b&#252;rgerliche Regierung&#8221; und mehr oder weniger der Rest der Republik ist – zumindest potentiell – die &#8220;linke Opposition&#8221;, erst gegen Schmidt plus FDP, was die Friedensbewegung und die Gr&#252;nen hervorbrachte – und dann gegen Kohl plus FDP.</p>
<p>Und eigentlich leben doch auch alle noch, die das alles miterlebt haben. <strong>Noch aber scheint sich einfach keiner eingestehen zu wollen, dass wir nun tats&#228;chlich wieder in genau derselben Lage sind.</strong> Es wird nun alles einfach wieder genau so sein: Es wird bei jedem Vorhaben der Regierung – Lastensenkung oben, Lastenerh&#246;hung unten, AKWs, Deregulierung, Sicherheitsgesetze – darauf ankommen, wie viel Widerstand sich im und au&#223;erhalb des Parlaments dagegen mobilisieren l&#228;sst. Und das hat – ganz genau so wie &#8216;damals&#8217; – nat&#252;rlich sein Gutes und sein Schlechtes.</p>
<p>Dass der Widerstand punktuell gro&#223; genug ist, wird nun wieder wahrscheinlicher. Ebenso wird aber auch wieder um vieles wahrscheinlicher, dass nun jede Woche ein neues entsprechendes Vorhaben auf dem Tisch liegen, und man mit dem ganzen Aufregen, Mobilisieren und Protestieren gar nicht mehr nachkommen wird. Und am Ende wird die Opposition (SPD, Gr&#252;ne, Linke, Piraten, au&#223;erparlamentarische Bewegungen, B&#252;ndnisse und Netzwerke) dann wom&#246;glich auch wieder genau so ersch&#246;pft, zerstritten und zerm&#252;rbt sein wie am Ende der &#196;ra Kohl. Beziehungsweise: Am Ende werden die Oppositionsparteien wie Rot-Gr&#252;n 1998 wieder nur noch um jeden Preis an die Macht kommen wollen, obwohl sie l&#228;ngst kein vern&#252;nftiges Projekt und keine gemeinsamen Ziele und Visionen mehr haben.</p>
<p>Was am Wahlabend und seither in den Medien, von der Presse und den Protagonisten angef&#252;hrt wird, um diese Prognose zu entkr&#228;ften, ist &#228;u&#223;erst d&#252;rftig. Zum Einen: dass es doch nun in zahllosen Bundesl&#228;ndern schon Schwarz-Gelb g&#228;be, und dort ja schlie&#223;lich auch keine thatcher-artigen Zust&#228;nde herrschten. Und zum Zweiten: Angela Merkel<strong>. </strong></p>
<p>Punkt 1 besagt nat&#252;rlich nichts, weil L&#228;nderparlamente nun einmal gar nicht die Macht und die Gesetzesbefugnisse besitzen, um entsprechende Zust&#228;nde herbei zu f&#252;hren. Punkt 2 dagegen bedarf immerhin einer etwas ausgiebigeren Betrachtung.</p>
<p>Sehr aufschlussreich war hier die <a href="http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3048020">Elefantenrunde</a> am Wahlabend. Zum ersten Mal seit Monaten schaute man sich das vertraute Personal ja pl&#246;tzlich wieder einmal genauer an. Programmatisch waren sie alle zwar im Grunde nochmals profilloser als im Wahlkampf und den Jahren zuvor – obwohl das ja eigentlich gar nicht mehr zu gehen schien. Die Wahlergebnisse aber hatten den Personen nun endlich mal wieder recht klar unterscheidbare, antagonistische Funktionen und Rollen zugewiesen. Und so waren dann wenigstens temperament-technisch sozusagen endlich auch mal wieder ein paar Konturen zu erkennen. Au&#223;erdem l&#228;sst sich vor dieser Runde (nicht zuletzt aus Zeitgr&#252;nden) hinsichtlich Sprachregelungen und Auftreten parteiintern so wenig abstimmen wie wohl niemals sonst im ganzen Politikgesch&#228;ft – was schon zu vielen denkw&#252;rdig authentischen Auftritten in diesem Format gef&#252;hrt hat – wie zuletzt dem Schr&#246;ders 2005.</p>
<p>Dennoch gibt es nat&#252;rlich auch f&#252;r diesen Abend immer einen gewissen Fahrplan. So war diesmal zum Beispiel klar, dass Merkel und Westerwelle die Gelegenheit nutzen w&#252;rden, um beruhigend auf die &#196;ngste und Abwehrreflexe einzuwirken, die Schwarz-Gelb bei Gr&#252;nen-, Linken- und SPD-W&#228;hlern ausl&#246;st. Merkel hatte in diesem Sinne zudem ja auch schon fr&#252;her am Abend an medienwirksamer Stelle betont, dass sie eine Kanzlerin &#8220;f&#252;r alle Deutschen&#8221; sein wolle. Und Westerwelle lie&#223; ja schon seit Monaten keine Gelegenheit mehr aus, sich verbal, mimisch, gestisch, rhetorisch und kleidungstechnisch als k&#252;nftiger Vize-Kanzler mit Gesp&#252;r f&#252;r staatstragende Gesamtverantwortung zu pr&#228;sentieren.</p>
<p>In diesem Zusammenhang zeigte sich im Verlauf der Elefantenrunde nun aber noch etwas Bemerkenswertes. <strong>Man meinte wahrzunehmen, dass der Sozialkahlschlag-Verdacht ernsthaft am Gem&#252;t des neuen Kanzler-Duos kratzt.</strong> Ja pl&#246;tzlich konnte man sogar glauben, dass Westerwelles Verwandlung weg vom Spa&#223;mobil-Guido ihn so viel M&#252;he gekostet und ihm so viel Wertsch&#228;tzung eingetragen hat; dass der neue Respekt von Partei-Altvorderen wie Genscher ihm so viel bedeutet, dass er fest entschlossen ist, sich nun auch in seiner k&#252;nftigen Regierungsrolle an der Statur solcher ehrw&#252;rdigen FDP-Eminenzen messen zu lassen, und insofern dann auch an deren moderatem Wirtschaftsliberalismus und ihren Verdiensten um B&#252;rgerrechte. – Obwohl er in seiner Ansprache zuvor noch Leutheusser-Schnarrenberger auff&#228;llig ungenannt gelassen hatte und sie ihn dabei ansah, als ahne sie schon, dass ihr Fehlen im k&#252;nftigen Kabinett damit wohl beschlossene Sache sei.</p>
<p>Beruhigend allerdings ist das alles nat&#252;rlich schon deshalb nicht, weil man es auch aus der Kohl-Situation und -Zeit sehr wohl kennt: Kohl selbst sowie auch Norbert Bl&#252;m etwa zeigten sich ebenfalls stets pers&#246;nlich beleidigt, wenn man ihnen das &#8216;soziale Gewissen&#8217; bestritt, und der Politik ihrer Partei die Orientierung an sozialem Ausgleich.</p>
<p>Vor allem aber geh&#246;ren der Verweis und die Hoffnung auf die pers&#246;nlichen Dispositionen einzelner Politiker nat&#252;rlich generell zu den denkbar merkw&#252;rdigsten Anachronismen im modernen politischen Diskurs. Auf den &#8216;guten Willen&#8217; eines Politikers zu setzen – und sei er oder sie auch KanzlerIn – ist im besten Fall naiv. Eigentlich aber ist es schlicht von gestern, einfach vormodern. Es erinnert aber auch  an die siebziger und achtziger Jahre, als es mit Rau, Kohl, Albrecht, Strau&#223; usw. noch die unangefochtenen guten Landesv&#228;ter gab.</p>
<p>Vielleicht ist die ganze Sache au&#223;erdem jetzt auch noch schlimmer. Wenn Merkel, wie es scheint, selbst an das Gewicht ihres guten Willens glaubt – und zudem daran, dass sie diesem weiter einfach dadurch wird Geltung verschaffen k&#246;nnen, dass sie moderierend f&#252;r einen Ausgleich zwischen den kontroversen Positionen anderer sorgt – dann ist das heute noch einmal ungleich naiver, als es zu Kohls Zeiten schon gewesen w&#228;re. Sp&#228;testens als Klaus Bednarz am Montagabend bei &#8220;<a href="http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3052618">Hart aber fair</a>&#8221; verlas, wie viele Wirtschaftsvertreter und -verb&#228;nde sich bereits am ersten Tag nach der Wahl mit welchen unmissverst&#228;ndlichen Forderungen gemeldet hatten, wurde klar, dass der Republik nach der schwersten Wirtschaftskrise ihrer Geschichte nun die schwersten Verteilungsk&#228;mpfe in dieser Geschichte ins Haus stehen.</p>
<p><strong>Und da k&#246;nnte die Kanzlerin rasch feststellen, dass es f&#252;r ihr Moderieren und Ausgleichschaffen bei vielen Entscheidungen gar keine Verwendung gibt</strong> – weil sie sich selbst gar nicht mehr zwischen verschiedenen Positionen befindet: weil es links von ihr in ihrer Regierung dazu gar keine Positionen gibt, weil sie sich selbst pl&#246;tzlich als einsamer &#8216;Linksau&#223;en&#8217; ihrer Partei wieder findet.</p>
<p>Mit anderen Worten: Man fragt sich, ob das ganze Personal eigentlich einen Begriff hat von dem, was da gerade auf sie zurollt. Eingeschlossen &#252;brigens nicht zuletzt die verbliebenen intellektuell-theoretischen Kr&#228;fte – wenn man etwa daran denkt, dass Sloterdijk der Linken <a href="http://www.faz.net/s/Rub9A19C8AB8EC84EEF8640E9F05A69B915/Doc~E3E570BE344824089B6549A8283A0933B~ATpl~Ecommon~Scontent.html">r&#228;t</a>, &#252;ber einen ausschlie&#223;lich aus freiwilligen Spenden finanzierten Staat nachzudenken; und dass er diesen Vorschlag dann in der FAZ auch <a href="http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~ECBEDDC9B25CD497DA85BEBF7625D0483~ATpl~Ecommon~Scontent.html">noch einmal bekr&#228;ftigte</a>. Und dass der <a href="http://www.zeit.de/2009/40/Sloterdijk-Blasen?page=all">Angriff durch Axel Honneth</a>, auf den Sloterdijk damit reagierte, intellektuell noch d&#252;rftiger war, und v&#246;llig am eigentlichen Punkt vorbei ging – dass n&#228;mlich Sloterdijks Begriffsberg krei&#223;te,  um eine Maus zu geb&#228;ren.</p>
<p>Vor allem aber fragt man sich eben, wie es mit diesen nett-gem&#252;tlichen Kohl/Genscher-Wiederg&#228;ngern weiter gehen soll. Robin Meyer-Lucht <a href="http://carta.info/15499/buendnis-ohne-emphase-auf-schwarz-gelb-waren-wir-nicht-vorbereitet/">schrieb</a>: &#8220;Offenbar sind sich Union und FDP noch nicht sicher, was sie mit der gewonnenen Macht &#252;berhaupt anfangen k&#246;nnen oder wollen.&#8221; Das stimmt, ist aber vor allem tragisch, weil es ihnen dann eben andere sagen werden: die Wirtschaftsverb&#228;nde und die sich gerade international wieder neu aufstellenden Ideologen und m&#228;chtigen Interessenvertreter von Deregulierung und Wohlfahrts-Abbau vor allem. Wissen die Schwarz-Gelben &#252;berhaupt, dass sie die Wunschkonstellation m&#228;chtiger Lobbies sind, die die argumentativen Versatzst&#252;cke f&#252;r einen neoliberalen Backlash schon in der Schublade haben – und sie ihnen nun t&#228;glich vorbuchstabieren werden? Ist Merkel und Westerwelle klar, dass man in den USA und Gro&#223;britannien fest damit rechnet, dass ein Deutschland mit liberalem Wirtschafts-, Au&#223;en- und Finanzministerium all seine bisherigen Positionen bez&#252;glich Regulierungen des Finanzmarktes nun umgehend wieder r&#228;umen wird?</p>
<p>Da war es schon fast begl&#252;ckend, dass Steinmeier in der &#8216;Elefantenrunde&#8217; gelegentlich irgendwie den Eindruck machte, als k&#246;nne er sich zu einem mal s&#252;ffisanten, mal ironischen, mal sarkastisch-polemischen Oppositionsf&#252;hrer nach Art Joschka Fischers entwickeln.</p>
<p>Ansonsten aber ist dunkle, dunkle Nacht. So antwortete Herr Br&#252;derle um 23.19 Uhr am Montag dann <a href="http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3054968">bei Beckmann</a>, auf dessen Frage, was die Regierung denn nun als erstes tun werde, sie werde &#8220;Wachstum losl&#246;sen&#8221;. Das Wachstum also war zuletzt blo&#223; irgendwo angewachsen, irgendwie festgeklebt. Und der Herr Br&#252;derle wird jetzt einfach mal kr&#228;ftig daran ziehen, und dann geht es wieder los. Dann wird alles wieder gut.
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		<title>F&#252;nf Thesen zur Popkultur nach dem Tod ihres K&#246;nigs</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Jul 2009 10:03:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carsten Zorn</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Standard RSS]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Jackson]]></category>
		<category><![CDATA[Musikindustrie]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit Michael Jacksons Tod h&#246;rt man es auch in Bezug auf die Popkultur immer h&#228;ufiger: Wir erleben gerade das Ende einer Epoche. Die &#196;ra der globalen Popstars ist vorbei. Warum man sich hier tats&#228;chlich mal Sorgen machen sollte – im Unterschied zur Zukunft der Zeitung, des Buchs und des Fernsehens etwa.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/9a68e99c3d85660667e00cf53ad51d" width="1" height="1" alt=""/>Die Trauerfeier f&#252;r Michael Jackson im Staples Center zeigte noch einmal, dass der sich von Jackson selbst verliehene Titel des <em>King of Pop</em> alles andere als eine leere Formel war. Das Bild vom K&#246;nig ist h&#246;chst m&#228;chtig, wirkt selbst verst&#228;rkend – und dirigierte und steuerte so am Ende alles in Jacksons Pop-Universum h&#246;chst buchst&#228;blich, und bis in die letzten Details hinein.</p>
<p>Bei der Trauerfeier ging dies nun so weit, dass man meinte, der<strong> Wiederauferstehung der mittelalterlichen Lehre von den &#8220;zwei K&#246;rpern des K&#246;nigs&#8221; </strong><em></em>beizuwohnen. Nachdem der prunkvolle Sarg des verstorbenen K&#246;nigs feierlich herein getragen war, begann die entsprechende Inszenierung: Es gibt einen sterblichen K&#246;rper des K&#246;nigs (der liegt hier), und einen unsterblichen. Und im Sarg liegt eben nur der eine K&#246;rper des <em>King of Pop</em>. In unseren Herzen aber, in seiner Musik, in den besten Zeilen seiner Songs, den Bildern von seinen Auftritten, seinen Videos, seinem <em>Moonwalk</em>, seinem wei&#223;en Handschuh lebt der andere ewig fort – &#8220;for ever and ever and ever&#8221;.</p>
<p>Der Witz aber liegt nat&#252;rlich woanders: <strong>Die ganze k&#246;nigliche Selbstinszenierung der modernen Popkultur ist vor allem der zentrale Ausdruck ihres grenzenlos gigantischen, bombastischen, glamour&#246;sen Anspruchs.</strong> Nirgends dr&#252;ckt ihr Anspruch sich so deutlich aus, eine ganz neuartige und ganz unwiderstehliche s&#228;kulare Macht darzustellen. Und das ist so entscheidend, weil auch ihre tats&#228;chliche gesellschaftliche Macht, all der tats&#228;chliche politische Einfluss, den ihre Ideale seit den Zeiten des <em>Kings</em> – seit Elvis Presley – gewonnen haben, auf genau dieser &#220;bertreibung, genau diesem ma&#223;losen Anspruch beruhen. Weil all dies ohne die entsprechende unabl&#228;ssige magische Selbsthypnose – unter Einsatz aller verf&#252;gbaren technischen Mittel, und aller spektaktul&#228;ren Inszenierungsmittel, die moderne Medien bieten – unm&#246;glich gewesen w&#228;re. Womit wir nun in jeder Hinsicht beim Thema sind.</p>
<p>Was eigentlich sollte Netz-User mehr umtreiben als der popkulturelle <em>impact</em> ihrer Lieblings-Medien und -Anwendungen? Was bedeuten demgegen&#252;ber, provokant gefragt, all die aktuellen Probleme des Zeitungswesens oder der Buchkultur? <strong>Wie viel Chancen hat popkultureller Glamour noch auf Computer-Bildschirmen und Handy-Displays?</strong> Wieviel erreicht einen davon noch vermittels der Bildschnipsel auf <em>YouTube</em> – im Vergleich zur geballten Pop-Pr&#228;senz der <em>hot rotation</em> auf dem MTV der 1980er Jahre etwa? Es existiert dies alles heute nat&#252;rlich immer noch irgendwie und nebeneinander – aber gibt es nicht vielleicht trotzdem ein Problem?</p>
<p>Und schlie&#223;lich: Alle aktuellen Ahnungen dieses Problems dr&#252;cken sich nun eben auch erst mal in der Metapher vom &#8220;K&#246;nigreich des Pop&#8221;, beziehungsweise von dessen Ende aus. So hie&#223; es in der Jackson-Titelstory des <em>Spiegel</em> von letzter Woche am Ende einer Aufz&#228;hlung der bekannten Jackson-Superlative – h&#246;chstdotierter Tantiemenvertrag aller Zeiten, bestverkauftes Album aller Zeiten usw. – &#8220;Es ist vielleicht das letzte Mal, dass Pop ein solches K&#246;nigreich zul&#228;sst, schon bald wird es in viele F&#252;rstent&#252;mer zerfallen.&#8221; Und Thomas Gross <a href="http://www.zeit.de/2009/28/Jackson-King-Pop?page=all">schrieb</a> in der <em>ZEIT</em> &#252;ber Jackos Schicksal in den 1990er Jahren: <strong>&#8220;Die Technik demokratisierte sich, die Vereinigten Staaten des Pop zerfielen in eine Vielzahl kleinerer F&#252;rstent&#252;mer. Schlechte Zeiten f&#252;r einen King.&#8221;</strong> Warum aber k&#246;nnten viele kleine Pop-F&#252;rstent&#252;mer nun ein wahrhaft verzwicktes strukturelles Problem f&#252;r die Popkultur bedeuten? Warum erscheint die Zukunft der Popkultur ohne K&#246;nige nun erstmal ziemlich ungewiss?</p>
<p>Man m&#252;sste hier den Boden dieser Metaphorik verlassen. Konkretere &#220;berlegungen anstellen, um das Problem zu einem zu machen, das sich sinnvoll diskutieren, oder &#252;berhaupt erst mal deutlich sehen und bewusst bearbeiten lie&#223;e. Damit man vor allem auch gezielt nach einem m&#246;glichen Ersatz f&#252;r das Verlorene fragen und suchen k&#246;nnte. Oder auch: damit m&#246;gliche Zugewinne an ganz neuen Stellen sichtbar werden k&#246;nnen, die das Verlorene nun vielleicht ganz &#252;berfl&#252;ssig erscheinen lassen. F&#252;nf Thesen:</p>
<p><strong>(1) </strong></p>
<p>Die <strong>Figur des globalen Superstars</strong> stellte vor allem eines sicher. Oder genauer: Eines vor allem stellte sie wie sonst nichts und niemand sonst sicher. Sie beglaubigte un&#252;bersehbar, dass Popkultur in der globalen medialen Weltgesellschaft zu einer eigenst&#228;ndigen Macht geworden war. An globalen Popstars kam selbst der popkulturell Desinteressierte nicht vorbei<strong>. Sie erinnerten zuverl&#228;ssig daran, dass die popkulturellen Ideale und Utopien reales Gewicht gewonnen, zu einem m&#228;chtigen, eigenst&#228;ndigen Faktor geworden waren.</strong> Und mit dem Verschwinden der globalen Popstars wird darum nun auch die Pr&#228;senz und Sichtbarkeit dieser Utopien und Ideale zun&#228;chst einmal schwinden.</p>
<p><strong>(2) </strong></p>
<p><strong>Die globalen Superstars verkehrten und verwandelten Kapitalinteressen in einen politischen Mehrwert.</strong> Globale Superstars, Popstars, globale Ikonen, das waren Schauspieler, Entertainer, Musiker, auf deren k&#252;nstlerisches Potential die Kulturindustrie Millionen bis Milliarden gewettet hat, und f&#252;r deren <a href="http://carta.info/10936/requiem-fuer-die-popkomm-die-zukunft-finden-wir-nur-gemeinsam/">Vermarktung</a> sie alle nur denkbaren Ressourcen, Kapazit&#228;ten und Kompetenzen mobilisiert und freigiebig verschleudert hat. Im Gegenzug erm&#246;glichte dies den Superstars, ein <strong>exemplarisches Werk</strong> zu schaffen, und so die universellen Ideale und Utopien der Pop- und Jugendkultur, die in den 1960er Jahren Gestalt angenommen hatten, mit immer neuem Leben zu f&#252;llen, immer neu zu feiern, mit immer neuer Attraktivit&#228;t auszustatten und aufzuladen. Sie konnten letztlich ihr ganzes Leben der Aufgabe widmen, komplexe, untereinander verbundene, aufeinander aufbauende und bestenfalls vollends euphorisierende Fanale von <em>love, peace and understanding</em>, von sexueller Befreiung, von Selbstbestimmung und einem ungehinderten Zusammenleben und produktiven Zusammenwirken aller Kulturen zu schaffen. Oder auch umgekehrt: Fanale gegen jede Art sexueller, geschlechtlicher, rassistischer Diskriminierung, gegen alle ethnischen, kulturellen und nationalen Vorurteile und Egoismen. Und es standen ihnen zudem eben auch noch alle nur erdenklichen Mittel zur Verf&#252;gung, um diese Fanale dann auch noch ins globale kulturelle Ged&#228;chtnis zu brennen.</p>
<p><strong>(3) </strong></p>
<p>Man k&#246;nnte nat&#252;rlich sagen, dass der Stoff und Treibstoff einer k&#252;nftigen Popkultur ja nicht unbedingt globale Popstars sein m&#252;ssen. Aber das genau k&#246;nnte eben umgekehrt auch ein weiterer springender Punkt am globalen Superstar sein.<strong> Er ist nicht zuletzt und immer zugleich auch eine Chiffre f&#252;r all die global einheitlich verstandenen Ideen, all die weltweit geteilten und bekannten Themen und Bilder</strong>, die die <em>alte</em> Popkultur noch stets regelm&#228;&#223;ig, zuverl&#228;ssig und in gro&#223;er Zahl produziert hatte. Und ohne die es eine globale Popkultur offenbar gar nicht geben kann.</p>
<p><strong>(4)</strong></p>
<p>Zu den Zugewinnen in der<strong> neuen medialen Situation</strong> z&#228;hlt man heute wie selbstverst&#228;ndlich eine <strong>gr&#246;&#223;ere Selbstst&#228;ndigkeit des Publikums</strong>: Statt von zentralen Massenmedien gelenkt, sucht es sich mit Hilfe von Netzwerken selbst aus, was interessiert, was gef&#228;llt, und was f&#252;r wichtig befunden wird. <strong>Die Frage ist nur, ob der dabei zugrunde gelegte Gegensatz so haltbar ist: dort die alten, manipulierten, tr&#228;gen Massen, hier die selbstorganisierten, spontanen Netzwerke und Schw&#228;rme.</strong> War das Publikum fr&#252;her wirklich so wenig selbstst&#228;ndig? Und hat es wirklich so wenig Einfluss auf das mediale und popkulturelle Angebot ausge&#252;bt? Mit anderen Worten: Sind die Zugewinne an dieser Stelle wirklich so gro&#223;, dass sie alle Verluste an anderer Stelle aufzuwiegen verm&#246;gen?</p>
<p><strong>(5) </strong></p>
<p>Der letzte, aber vielleicht entscheidende Aspekt an der Superstar-Figur war schlie&#223;lich: <strong>Mit ihr war direkt im medialen Zentrum der globalen Gesellschaft, war mitten im Herzen des Ganzen eine M&#246;glichkeit zur allseits sichtbaren Negation, Subversion, Kritik und Umkehrung eben dieses Ganzen installiert.</strong> Dabei m&#246;gen die einzelnen Superstars diese Idee und M&#246;glichkeit zwar unterschiedlich klug genutzt haben. Begriffen aber hatte sie auch Michael Jackson etwa zweifellos. Vielleicht war er von ihr sogar so durchdrungen und besessen wie keiner vor ihm. Denn auch, wenn er es gar nicht unmittelbar darauf anlegte, wurde ihm immer wieder – so deutlich wie wohl noch keinem Superstar vor ihm – vor Augen gef&#252;hrt, dass er sich in dieser Position befand. Dieter Wiesner, der fr&#252;here Jackson-Manager, erz&#228;hlte in den letzten Tagen in einem Fernsehinterview, wie Michael Jackson ihn in einem Hotel in Las Vegas einmal ans Fenster holte, auf die Leute am Pool wies und meinte, da l&#228;gen sie nun, all die Wei&#223;en, und wollten braun werden. In seinem Fall w&#228;re so etwas gleich eine <em>world news</em>.</p>
<p><em>Vom Autor ist zum selben Thema auch <a href="http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=tz&amp;dig=2009%2F07%2F08%2Fa0130&amp;cHash=d3e3e794b4">ein Text</a> in der taz erschienen. Im Herbst erscheint seine Studie &#252;ber Schwarmintelligenz und die latente Handlungsmacht des Publikums im Band &#8220;<a href="http://www.transcript-verlag.de/ts969/ts969.php">Die Unsichtbarkeit des Politischen</a>&#8220;.</em>
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</small></p> <p><a href="http://carta.info/carta/?flattrss_redirect&amp;id=11442&amp;md5=bd6f41503f14a3123dc32f45cce89553" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://carta.info/carta/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Krisen-Metaphorik nach dem G20-Gipfel: Im Nebel sieht man Gespenster besonders gut</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2009 13:55:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carsten Zorn</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Wirtschaftskrise]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn dem G-20-Gipfel etwas gelungen ist, dann eines der verbreitetsten Bilder der letzten Monate gr&#252;ndlich aus den Medien und K&#246;pfen zu verdr&#228;ngen: das von der Krise als einer 'Fahrt durch den Nebel'. Die Aussicht auf riesige und schnell wirkende Ma&#223;nahmenpakete sowie einen global einheitlichen Kurs in der Krisenbek&#228;mpfung h&#228;tten sonst kaum so leicht so gro&#223;e Hoffnungen wecken k&#246;nnen. Beginn einer Serie &#252;ber ein "anderes Krisenwissen".]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/5644996ab9b740e2b64504531a54b2" alt="" width="1" height="1" />Dieser Text ist der Beginn einer Serie &#252;ber ein <strong>anderes Krisenwissen</strong>, dar&#252;ber wo und wie es in aktuellen Krisen-Texten, -Bildern und -Theorien auftaucht – und dass es, zusammen genommen, Marx&#8217; Krisentheorie verbl&#252;ffend &#228;hnlich sieht.</em></p>
<p>Im Februar dieses Jahres reiste Marcus Jauer f&#252;r das Feuilleton der FAZ eine Woche lang durch Deutschland, um mit f&#252;r Prognosen zust&#228;ndigen Beratern und Statistikern (in Institutionen wie dem Statistischen Bundesamt) &#252;ber ihre Einsch&#228;tzung des weiteren Verlaufs der Krise zu sprechen. Und kehrte mit einem Sack voller h&#246;chst bedrohlicher <strong>Krisen-Sinnbilder</strong> zur&#252;ck. Eines, auf das ihn selbst bestimmte der gef&#252;hrten Gespr&#228;che gebracht hatten – Gespr&#228;che &#252;ber eine Menge Zahlen, die zwar Schlimmstes bef&#252;rchten lassen, von deren &#8216;realen Auswirkungen&#8217; aber man bislang noch nicht das Geringste sieht – geht so:</p>
<blockquote><p>&#8220;Als es im Dezember 2004 vor Sumatra zu einem schweren unterseeischen Beben kam, zog sich das Meer zun&#228;chst weit von den K&#252;sten zur&#252;ck. Es entstand ein Moment der Stille, in dem Touristen, die das Schauspiel von ihren Hotelterrassen aus bemerkt hatten, an den Strand liefen, fotografierten und die Muscheln ansahen, die das Wasser pl&#246;tzlich freigegeben hatte, bevor es dann ebenso pl&#246;tzlich zur&#252;ckkam.&#8221;</p></blockquote>
<p>Bei gleich mehreren von Jauers Gespr&#228;chspartnern aber erwies sich dann vor allem die &#8216;Fahrt durch den Nebel&#8217; als das Bild der Wahl sozusagen. Am deutlichsten bei Jens Weidmann, dem Wirtschaftsberater der Kanzlerin:</p>
<blockquote><p>&#8220;Wenn er ein Bild geben m&#252;sste davon, wie er sich das Wesen der Wirtschaftskrise vorstellt, die auf die Krise des Finanzmarktes folgte, ist es das der <strong>Nebelwand</strong>. Von einem Moment auf den anderen f&#228;llt die Orientierung schwer, es ist unklar, wo die Gefahren liegen, jeder stoppt die Maschinen, alles kommt zum Erliegen. Selbst wer sich langsam vortastet, erkennt neue Hindernisse oft erst, wenn sie direkt vor seinen Augen auftauchen. Das ist das Bild, in dem Jens Weidmann agiert.&#8221;</p></blockquote>
<p>Ein anderer dr&#252;ckte es etwas diplomatischer aus: &#8220;<strong>Wir fahren gegenw&#228;rtig st&#228;rker auf Sicht als in normalen Zeiten</strong>, das muss man zugeben.&#8221; Das war Jens Ulbrich, der Leiter des &#8216;Zentralbereichs Volkswirtschaft&#8217; bei der Bundesbank – dessen Abteilung ihre Prognose von Ende 2008 hinsichtlich der 2009 zu erwartenden Zunahme der Arbeitslosenzahlen damals gerade deutlich nach oben korrigieren musste.</p>
<p>Dass es w&#228;hrend der zwei Tage des <strong>G-20</strong>-Gipfel in London dagegen nun so schien, als habe der <strong>Nebel sich unversehens gelichtet</strong>, ja spurlos verzogen (und gerade so au&#223;erdem, als sei er nie da gewesen), dazu hat nat&#252;rlich auch das Wetter nicht unerheblich beigetragen – dieser pl&#246;tzliche und bruchlose &#220;bergang von Winter zu strahlendem Sommer (und nicht nur in London, sondern auch an vielen Orten, an denen man die Bilder von dort verfolgte).</p>
<p>Vor allem aber schien es eben pl&#246;tzlich &#252;berall (und in London selbst: drinnen wie drau&#223;en) nur noch das Problem zu geben, dass man sich zwischen verschiedenen nun &#8216;dringend&#8217;, &#8216;sofort&#8217; und &#8216;unbedingt&#8217; n&#246;tigen Ma&#223;nahmen und Reaktionen zu entscheiden h&#228;tte. Hinsichtlich der zu l&#246;senden Probleme dagegen wurde &#252;berall l&#228;ngst erreichte und vollendete Klarheit suggeriert, und pr&#228;sentierte sich jeder als mit stupender Gewissheit ausgestattet. Kein Gedanke dementsprechend beispielsweise auch mehr daran, dass hohes Tempo vielleicht ein Problem darstellen k&#246;nnte – vor allem aber daran, dass der Nebel sich ja in Wahrheit (um im Bild zu bleiben) gerade vielmehr immer noch weiter &#252;ber den Planeten auszudehnen, und besagte &#8216;Nebelwand&#8217; jeden Morgen unversehens an einem neuen, weiteren (und bis dato als &#8216;ungef&#228;hrdet&#8217; geltenden) Ort aufzutauchen scheint.</p>
<p>Gemessen am Nebel-Bild muss der Druck auf die<strong> Exekutivgewalten</strong>, sich <strong>stets selbstgewiss</strong> zu pr&#228;sentieren, und rasch zu handeln, &#252;berhaupt als die eigentlich gr&#246;&#223;te und fatalste Risikoquellen in Krisen gelten – da dieser Handlungsdruck ihrer Logik ja zudem dummerweise auch noch inh&#228;rent ist. In Zeiten des Aufschwungs jedenfalls vermag hastige Wirtschaftspolitik diesen maximal &#8216;abzuw&#252;rgen&#8217;. In Krisenzeiten dagegen vermag sie die Gesellschaft schlimmstenfalls bis in Zust&#228;nde wie die der 1920/30-Krisenjahre hinein zu f&#252;hren – oder sogar noch dar&#252;ber hinaus (was man auch dann nicht ausschlie&#223;en kann, wenn man kein Anh&#228;nger marxistischer &#8216;Zusammenbruchstheorie&#8217; ist).</p>
<p>Auf der anderen Seite hat nun allerdings auch das Nebel-Bild nat&#252;rlich so seine T&#252;cken, und hat auch die – scheinbar so viel aufrichtigere und verantwortungsbewusstere – Nebel-Rhetorik so ihre Haken.</p>
<div id="attachment_7598" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.flickr.com/photos/downingstreet/3407361866/sizes/m/"><img class="size-medium wp-image-7598" title="3407361866_f5217e3b0c" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2009/04/3407361866_f5217e3b0c-300x225.jpg" alt="Strategische Produktion von Gipfel-Bildern I" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Strategische Produktion von Gipfel-Bildern I (Foto: Downing Street)</p></div>
<p>Zum einen scheint das Nebel-Bild zwar, zun&#228;chst einmal, eines der kl&#252;gsten f&#252;r das zu sein, was allen <strong>politischen Forderungen, Entscheidungen und Ma&#223;nahmen in Krisenzeiten</strong> – eigentlich – stets vorausgehen sollte: eine Idee davon, wie man in ihnen – &#252;berhaupt noch, und wenigstens halbwegs – sinnvoll, rational und verantwortlich handeln, vorgehen, entscheiden kann. Aus ihm also k&#246;nnte man zumindest auch: sinnvolle Handlungsmaximen ableiten. Und da solche in Krisenzeiten (aufgrund der skizzierten Unzahl an Ungewissheiten) Mangelware sind – kommt solchen Bildern in der aktuellen Lage dann auch eine ziemlich zentrale Bedeutung zu. Und hinzu kommt dann au&#223;erdem auch noch, dass das Nebel-Bild – richtig eingesetzt – offenbar erlaubt, diese Lage und ihre spezifischen Probleme und Gefahren (und, nicht zuletzt: ihre Absurdit&#228;ten) sehr anschaulich zu durchdenken.</p>
<div id="attachment_7596" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.flickr.com/photos/alereportage/3409793136/"><img class="size-medium wp-image-7596" title="3409793136_8fb51fb417" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2009/04/3409793136_8fb51fb417-300x199.jpg" alt="3409793136_8fb51fb417" width="300" height="199" /></a><p class="wp-caption-text">Strategische Produktion von Gipfel-Bildern II (Foto:  AleReportage)</p></div>
<p>Das alles aber ist, wie gesagt, nur die eine Seite. Auf der anderen Seite n&#228;mlich ersparen solche Bilder es einem oft auch einfach nur, diese Probleme, Gefahren und Absurdit&#228;ten ausdr&#252;cklich (und genau) zu benennen. Das Wissen um sie ist dann sozusagen da, und zugleich nicht da. So kann man sich des Nebel-Bilds zum Beispiel bedienen, und zugleich nicht sagen, dass es alle Handlungsoptionen (oder genauer: alle drei Handlungsoptionen, die es demnach in Krisenzeiten gibt) als letztlich riskant und gef&#228;hrlich erweist – und es insofern eigentlich und vor allem: auf ein unl&#246;sbares Dilemma hinweist. Denn einfach gesagt: Wenn niemand mehr durchblickt, dann wird eben alles zu einem <strong>unkalkulierbaren Risiko</strong>, und alle und alles (wenn auch ganz ungewollt) zu potentiellen gegenseitigen &#8216;Kollisionsobjekten&#8217;.</p>
<p>Nimmt man das Nebel-Bild ernst, so kann demnach jedenfalls nicht nur (1) jede Wahl einer bestimmten &#8216;Fahrtrichtung&#8217; (jede Entscheidung f&#252;r einen bestimmten Kurs, eine bestimmte wirtschaftspolitische Ma&#223;nahme) sich – sehr bald oder nach einer gewissen Zeit – als eine herausstellen, die ganz unvorhergesehene und vor allem ganz fatale Folgen hat (insofern sie/man unversehens, und heftig, mit etwas anderem kollidiert). Genau besehen l&#228;sst diese Gefahr sich im <strong>undurchsichtigen Krisen-Nebel</strong> dann n&#228;mlich vielmehr auch durch (2) langsames Fahren in Wahrheit nicht wirklich sicher ausschlie&#223;en, also: auf ein ungef&#228;hrliches Ma&#223; reduzieren. Au&#223;er vielleicht, man f&#252;hre wirklich so langsam und vorsichtig (n&#228;hme so geringf&#252;gige wirtschaftspolitische Eingriffe vor), dass man dann aber eigentlich auch – gleich stehen bleiben kann (was unter diesen Umst&#228;nden insofern also ohnehin als die zun&#228;chst kl&#252;gste und gefahren&#228;rmste Option erscheint).</p>
<p>Gibt es das behauptete Dilemma also vielleicht auch gar nicht? L&#228;uft das Bild nicht – schlicht und einfach – auf diese Option hinaus: alle Motoren stoppen, das Schiff (oder den Wagen) anhalten, also jedenfalls (3) das Fahren &#252;berhaupt einstellen? (Bemerkenswerterweise gibt dies im &#220;brigen auch nicht nur die marktliberale Position exakt wieder. Auch aus Marx&#8217; Sicht spricht vieles f&#252;r diese Option. Am Nebel selbst jedenfalls, am eigentlichen &#8216;Krisenvorgang&#8217; also sozusagen, l&#228;sst sich demnach n&#228;mlich ohnehin nichts &#228;ndern: Die in der &#252;berhitzten Konjunktur zuletzt aufgebauten <strong>&#8216;&#220;berkapazit&#228;ten&#8217;</strong> m&#252;ssen – so oder so – abgebaut werden. Der Nebel selbst kann sich nur selbst aufl&#246;sen.)</p>
<p>Tats&#228;chlich aber ist diese Option nicht nur in der Realit&#228;t schwer durchzuhalten, und wird desto unrealistischer, je l&#228;nger der Nebel andauert – w&#228;chst doch best&#228;ndig der Druck, doch noch irgendwie zu versuchen, selbst einen Weg aus dem Nebel zu finden, ihm aus eigener Kraft zu entkommen (und man kann gerade wieder zuschauen, wie unter diesem Druck dann auch Marktradikale immer wieder reihenweise einknicken). Entscheidend aber ist, dass man im Nebel eben auch als <strong>&#8216;stehendes Objekt&#8217;</strong>, und wenn man nichts tut, keineswegs au&#223;er Gefahr ist – denn es gibt nun einmal nicht nur &#8216;stehende Hindernisse&#8217; im Nebel, auf die man unversehens sto&#223;en kann, es k&#246;nnen immer auch noch unversehens Kollisionsobjekte aus dem Nebel auftauchen: Man kann dann immer noch von anderen im Nebel umherirrenden Autos, Schiffen (und diese wiederum auch von Eisbergen – um es mal etwas weit zu treiben) etwa &#8216;getroffen&#8217; werden.</p>
<p>Das englische &#8216;bump into&#8217; (mit der Folge, irgendwohin &#8216;gesto&#223;en&#8217; und &#8216;gezogen&#8217; zu werden, wo man nicht hin m&#246;chte) ist vielleicht hilfreicher, wenn man versucht, das entsprechende Problem im Bereich und im Ma&#223;stab des globalen Wirtschaftssystems wieder zu finden: So gibt es dort vor allem immer auch L&#228;nder und Schl&#252;sselbranchen, die versp&#228;tet in die Krise geraten sowie umgekehrt auch solche, die fr&#252;her wieder aus ihr herauskommen, oder es reagiert doch noch ein Land mit <strong>massivem Protektionismus</strong> – und in solchen F&#228;llen droht dann (wenn man gar nichts tut) der jeweilige Rest der Weltwirtschaft noch einmal tiefer in die Krise hinein zu st&#252;rzen, einzelne ihrer Teile besonders tief hinein gezogen, oder auch ihr schon wieder prosperierender Teil wieder in sie zur&#252;ck gesto&#223;en zu werden. Es werden in der Krise eben immer auch schon die <strong>Karten f&#252;r den n&#228;chsten Aufschwung neu gemischt und verteilt</strong>. Und es ist darum eben auch im Nebel alles weiterhin – obwohl niemand durchblickt, und es so riskant ist wie nie – in st&#228;ndiger Bewegung, und dr&#228;ngt auch hier alles immer weiter; und erweist jeder Versuch &#8216;sich rauszuhalten&#8217; sich insofern dann am Ende als ebenso riskant bis gef&#228;hrlich wie alle anderen Optionen.</p>
<p>Solches (recht umfassende) Krisenwissen ist und bleibt in solchen Bildern zwar stets abgespeichert – wird aber oft (oder sogar in der Regel) gar nicht abgerufen, bleibt unausgesprochen – und ist dann (was die sich der Bilder Bedienenden angeht) bestenfalls noch implizit &#8216;mitgemeint&#8217;. Und n&#228;hme man als &#8216;Wirtschaftsberater&#8217; sein eigenes Nebel-Bild wirklich ernst, so k&#246;nnte man wohl auch gar nicht l&#228;nger &#8216;Wirtschaftsberater&#8217; sein.</p>
<p>Die eigentlich entscheidende Konsequenz und Folge, das eigentliche Problem, und das eigentlich Bedauerliche allerdings ist  – und darum auch das, worauf die hiermit beginnende Serie vor allem zu reagieren versucht: Alles, was solche Bilder zum erw&#228;hnten &#8216;Durchdenken&#8217; dessen beitragen k&#246;nn(t)en, was Krisen des Kapitalismus tats&#228;chlich bedeuten, und was sie sind und ausmacht – all das bleibt auf diese Weise dann nicht nur an solchen Stelle auf der Strecke, dieses <strong>Potential solcher Bilder bleibt vielmehr weit dar&#252;ber hinaus</strong>, bleibt im Grunde regelm&#228;&#223;ig unausgesch&#246;pft.</p>
<p>Das jedenfalls ist – grob und kurz zusammengefasst – die Hintergrundidee der hiermit begonnenen Serie, in der (in lockerer Folge) einige Bilder aus dem Arsenal der heute verf&#252;gbaren <strong>&#8216;Krisen-Metaphorik&#8217;</strong> einmal genauer betrachtet werden sollen; sowie auch eine Reihe von Thesen und &#220;berlegungen, die man in aktuellen Texten zur Krise (in Zeitschriften, Blogs, Feuilletons) zwar h&#228;ufig und immer wieder angespielt, angedeutet oder implizit (aber eben nur in dieser Weise) behandelt findet – und also nie einmal wirklich ausgef&#252;hrt, wirklich ausformuliert, wirklich &#8216;zu Ende gedacht&#8217;.</p>
<p>Mit anderen Worten: Es geht eigentlich einfach nur darum, m&#246;glichst viel von jenem <strong>&#8216;impliziten Krisenwissen&#8217;</strong> einmal zu explizieren und explizit auszuformulieren, das wir im Grunde wahrscheinlich alle miteinander teilen – das allerdings mitunter auch recht konkrete und weit reichende Schlussfolgerungen und Konsequenzen nahe legt, die erst so &#252;berhaupt sichtbar werden k&#246;nnen, und die man sich jedenfalls auch erst so dann wirklich klar machen und deutlich vor Augen f&#252;hren kann. Und insofern k&#246;nnte man dann auch sagen: Es geht darum, es schwerer zu machen, diese m&#246;glichen Schlussfolgerungen und Konsequenzen zu &#252;bersehen und/oder zu ignorieren.</p>
<p>Und dann gibt es da schlie&#223;lich auch noch einen letzten Punkt:</p>
<p>In Bildern wie dem von der pl&#246;tzlich auftauchenden &#8216;Nebelwand&#8217; – oder auch dem vom &#8216;sich pl&#246;tzlich zur&#252;ckziehenden Meer&#8217; – suchen (beziehungsweise finden) offenbar sehr eindr&#252;ckliche Erfahrung mit den widersinnigsten und irrationalsten Z&#252;gen des Kapitalismus eine M&#246;glichkeit, sich auszudr&#252;cken. (Und so gibt es zum Meer-Bild etwa dann auch eine Parallel-Metaphorik bei Marx: demnach wiederholt die kapitalistische Entwicklung im Grunde nur, sich immer wieder abwechselnd – und man k&#246;nnte wohl auch sagen: wie ein spastischer Muskel – &#8216;&#220;berdehnung&#8217; und dann &#8216;Kontraktion&#8217;). (Jedenfalls m&#252;sste man – angesichts der<strong> sozialen &#8216;Kollateralsch&#228;den&#8217;</strong> von Rezessions- wie Prosperit&#228;tsphasen – mindestens sehr romantisch veranlagt sein, wollte man diesen Vorgang stattdessen in noch irgendwie positive Bilder fassen; also etwa als den unverzichtbaren &#8216;Herzschlag&#8217; der Gesellschaft sich vorstellen, der sie am Leben h&#228;lt&#8230;).</p>
<p>Au&#223;erdem kommt in den hier bislang genannten, tendenziell <strong>katastrophischen Bildern</strong> offenbar auch zum Ausdruck, dass die irrational-widersinnigen Z&#252;ge des Kapitalismus nirgends so unmittelbar sichtbar und so &#252;berdeutlich f&#252;hlbar werden wie in und angesichts seiner Krisen – so dass man seinen Verstand schlie&#223;lich deutlich einwenden h&#246;rt, dass das alles doch langsam wirklich zu dumm und zu dem&#252;tigend wird. Einem gesellschaftlichen Geschehen ausgeliefert zu sein, das einen so ohnm&#228;chtig und handlungsunf&#228;hig zur&#252;ckl&#228;sst, das sich im Einzelnen so unberechenbar vollzieht, und zugleich im Ganzen so selbstgen&#252;gsam &#8216;abspult&#8217;, und vor allem auch in seiner Zerst&#246;rungskraft sich so (im Einzelnen unberechenbar wie im Ganzen zielsicher) auswirkt wie sonst nur die &#252;belsten Naturkatastrophen – das kann doch nicht angehen. Das muss doch auch anders gehen, das muss sich doch nun wirklich irgendwie – besser hinkriegen lassen.</p>
<p>Tats&#228;chlich kann der Verstand sich an und in diesem Punkt bekanntlich aber ja nur selten durchsetzen. Und als stumme Zeugen dieses Gedankens sowie dieser zweiten Dem&#252;tigung (dass man den eigenen Verstand zum Schweigen bringen muss – weil dieser Gedanke sich ja angeblich nicht weiter zu verfolgen lohnt, als gef&#228;hrlich gilt, oder was immer) bleiben dann eben nur – aber immerhin noch – diese Bilder &#252;brig. Sie halten irgendwie zugleich pr&#228;sent und auf Abstand, was den Gedanken urspr&#252;nglich mal ausgel&#246;st hatte. W&#252;rde man sie wieder zum Sprechen bringen, und k&#246;nnte sich an ihrem Beispiel entlang so also zugleich auch noch einmal klar machen, wie verbreitet dieser Gedanke, und vor allem: wie plausibel er halt auch einfach mal ist – so verschaffte ihm das mithin dann ja vielleicht zugleich auch noch jene ber&#252;hmte zweite Chance (die bekanntlich jeder verdient).</p>
<p>Aber das bleibt letztlich nat&#252;rlich jeder und jedem selbst &#252;berlassen.</p>
<p><!--/* OpenX Image Tag v2.7.25-beta */--></p>
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		<title>R&#252;ckkehr des Politischen?</title>
		<link>http://carta.info/2972/rueckkehr-des-politischen/</link>
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		<pubDate>Fri, 12 Dec 2008 19:12:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carsten Zorn</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Subjektivität]]></category>

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		<description><![CDATA[Welchen Unterschied macht die Weltwirtschaftskrise im Zeitalter neoliberaler Gouvernementalit&#228;t?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/0afc3efa2c838eb8bdb9b93c2b9079" alt="" width="1" height="1" /><span style="background-color: #D9D6DB;"><em>Dieser Text ist die Langfassung des Beitrags </em><a href="http://carta.info/2932/der-neoliberalismus-wird-uns-erhalten-bleiben-als-technik-des-selbst/"><em>&#8220;Der Neoliberalismus wird uns erhalten bleiben – als Technik des Selbst&#8221;</em></a><em>.</em></span></p>
<p>Es war zweifellos eine der ersten und auff&#228;lligsten Folgen der globalen Finanzkrise: dass binnen weniger Wochen etwas pl&#246;tzlich wieder als &#246;ffentlich diskutierbar galt, was dies im Grunde zehn, zwanzig Jahre lang nicht mehr war: &#8220;Konjunkturprogramme&#8221;. Und so sollte es bis zum heutigen Tag bleiben. Dass immer mehr neoliberale Denkverbote fallen und immer mehr neoliberale Grunds&#228;tze k&#252;nftig nichts mehr gelten werden, scheint unter den nachhaltigen Folgen der Krise zu den wenigen zu z&#228;hlen, die man heute mit einiger Sicherheit prognostizieren kann. Entsprechend werden inzwischen auch schon &#252;berall die Totenglocken gel&#228;utet, und h&#228;ufen sich die Nachrufe. Auch ein &#214;konomie-Nobelpreistr&#228;ger antwortete so gerade in einem Artikel zur Finanzkrise auf dessen Titelfrage <a href="http://www.project-syndicate.org/ commentary/stiglitz101/German">&#8220;Das Ende des Neoliberalismus?&#8221;</a> mit einem klaren &#8220;Ja&#8221;.</p>
<p>Noch eindringlicher sind au&#223;erdem vielleicht die Formen, in denen dieser Erdrutsch sich in den Medien abbildet. Und vor allem die <strong>eigent&#252;mlich emblematischen Momente</strong>, die dabei immer wieder herausspringen. Wie am Abend des 11. November – als man in der ARD pl&#246;tzlich &#8220;Das Kapital&#8221; in die Kamera gehalten fand. Von Sandra Maischberger. Zum Auftakt einer Talk-Sendung unter dem launigen Titel: &#8220;Marx hatte recht! Gebt uns den Sozialismus zur&#252;ck&#8221;. Hier h&#228;lt man sich gewisserma&#223;en nicht lange mit Totenwachen auf. Hier wird die klaffende L&#252;cke sofort wieder gef&#252;llt, folgt sogleich die Wiederauferstehung Totgesagter (W&#228;hrend das Video der Sendung auf der &#8220;Menschen-bei-Maischberger»-Website l&#228;uft, steht das Wort gleich nochmals ganz fett gedruckt dar&#252;ber: Hier wird das Thema der Sendung nun in die Frage gefasst &#8220;Brauchen wir mehr Sozialismus?&#8221;).</p>
<p>Da denkt man dann schon mal schnell, dass es ja eigentlich wirklich <strong>ziemlich heftige Ersch&#252;tterungs- und Schockwellen</strong> sind, die da gerade offenbar so durch die Hirne, &#8216;den Diskurs&#8217; und die gesellschaftliche Gesamtstatik rumpeln (und meint es buchst&#228;blich knirschen zu h&#246;ren). Kommen wir jetzt also vielleicht tats&#228;chlich – wenigstens – wieder zur&#252;ck zum status quo ante (also so 1970-er Jahre sagen wir mal)? Wird bald wieder selbstverst&#228;ndlich sein, dass das sch&#246;ne, immer fettere Mehrprodukt, das die Weltgesellschaft Jahr f&#252;r Jahr erwirtschaftet, vom Markt letztlich immer ganz ungeschickt, unsinnig und ungerecht verteilt wird? Und dass demokratische Staaten mit frei gew&#228;hlten Parlamenten darum erst mal schon ein ganz vern&#252;nftiges Mittel darstellen (so lange es keine bessere Idee gibt), da sehr umfassend nachzuregulieren und umzuverteilen – und z.B. auch einen m&#246;glichst fetten Teil vom Kuchen f&#252;r so feine Sachen wie Bildung, Wissenschaft, Kunst und Kultur abzuzweigen (oder zu deren F&#246;rderung auch mal kr&#228;ftig Schulden zu machen)? Werden alle prominenten &#246;ffentlichen Debatten sich bald wieder allein darum drehen, wie der Staat das alles noch ein bisschen geschickter anpacken kann, in welche Richtung der Wohlfahrtsstaat weiter (bzw. erst mal wieder) auszubauen, und welche Industriezweige (etwa im Dienste des Umweltschutzes) staatlicherseits massiv zu f&#246;rdern w&#228;ren?<strong> Ist mit dem ganzen Neoliberalismus also nun wirklich richtig Schluss?</strong> Kommt die neoliberale Epoche nun endlich auf den M&#252;llhaufen der Geschichte, auf den sie geh&#246;rt (den f&#252;r besonders heftig strahlenden Abfall)?</p>
<p>Versteht man unter &#8216;Neoliberalismus&#8217; einfach eine &#8216;Wirtschaftsideologie&#8217;, die mal mehr Einfluss hat, und dann auch mal wieder weniger (und vielleicht irgendwann dann eben auch gar keinen mehr), so scheinen die Chancen daf&#252;r zur Zeit zun&#228;chst tats&#228;chlich nicht so schlecht zu stehen. Nach zwanzig, drei&#223;ig neoliberalen Jahren (nicht wenige haben in ihrem Leben gar nichts anderes erlebt) liegt es allerdings nahe, dass es sich hier um etwas dann doch noch ein bisschen Komplizierteres handeln d&#252;rfte.</p>
<p>Man m&#252;sste also offenbar zun&#228;chst mal fragen, was man unter &#8216;Neoliberalismus&#8217; so alles verstehen k&#246;nnte (und sinnvollerweise verstehen sollte) – und wie das alles dann eventuell auch noch untereinander zusammenh&#228;ngt. Bevor man &#252;berhaupt – sinnvoll – fragen kann, wie viel Zukunft das alles noch hat (oder nicht hat), und welchen Unterschied die aktuelle Krise dabei tats&#228;chlich machen k&#246;nnte.</p>
<p><strong>Zweierlei &#8216;Neoliberalismen&#8217; (der des Fernsehens und der nach Foucault) – und wie sie zusammenh&#228;ngen</strong></p>
<p>Da gibt es, wie angedeutet, offenbar zun&#228;chst einmal den <strong>&#8216;Neoliberalismus&#8217; der allt&#228;glichen politischen Auseinandersetzung</strong> – jenen Neoliberalismus anders gesagt, gegen den die PDS (und mitunter auch die SPD) angeblich antritt, und der auch in Polit-Talkrunden und Sonntagsreden (und Feuilletons) immer wieder gerne angeklagt wird. Jener Neoliberalismus also, mit dem eigentlich nicht viel mehr gemeint ist als &#8216;<strong>Marktradikalismus</strong>&#8216;: die Verteufelung des Staates als &#8216;Marktteilnehmer&#8217;, der totale Bannstrahl &#252;ber staatliche Subventionen und Investitionen, die Behandlung von Staatsverschuldung (insbesondere f&#252;r Konjunkturprogramme, das sog. &#8216;deficit spending&#8217;) als Teufelszeug. Sowie die andere, aggressivere, offensivere und vielleicht noch offensichtlichere Seite dieses &#8216;Marktradikalismus&#8217;: die nachdr&#252;ckliche Forderung nach einem m&#246;glichst kompletten R&#252;ckbau des Sozialstaates, und (sozusagen stattdessen) nach allseitiger und umfassender &#8216;Privatisierung&#8217;. Nach einer &#220;bertragung letztlich aller &#246;ffentlichen und kulturellen Aufgaben aus staatlicher in &#8216;private H&#228;nde&#8217; also zum Einen: nach ihrer m&#246;glichst ausschlie&#223;lichen Erf&#252;llung durch &#8216;private Tr&#228;ger&#8217;, unter &#8216;betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten&#8217; und unter Verwendung privater Spenden und &#8216;Sponsoren-Gelder&#8217; (statt unter Verwendung von Steuer-Geldern). Zum Anderen, zugleich, und in der Konsequenz, geht es damit aber au&#223;erdem immer auch um eine &#8216;<strong>Privatisierung&#8217; der gesamten pers&#246;nlichen Daseinsvorsorge und aller pers&#246;nlichen Lebensrisiken</strong>: Die L&#246;sung aller entsprechenden Fragen und Probleme soll ganz an den Einzelnen &#8216;zur&#252;ck delegiert&#8217; werden. Er soll alles selbst planen, f&#252;r alle Eventualit&#228;ten selbst vorsorgen, und seine Lebensf&#252;hrung entsprechend anpassen. (Und dies, w&#228;hrend zugleich &#8216;moderate Lohnabschl&#252;sse&#8217; oder gar &#8216;Lohnverzicht&#8217; gepredigt werden sowie eine eher wirtschafts- als konsumentenfreundliche Steuerpolitik).</p>
<p>In diesem Sinne – als &#8216;polit-&#246;konomisches Programm&#8217;; als Sammelsurium von Forderungen nach einer Ent-Politisierung der Gesellschaft, des Staates und der Politik; und als Grundlage f&#252;r entsprechendes Regierungshandeln, entsprechende politische Entscheidungen, entsprechende Gesetzgebung – ist Neoliberalismus nun offenbar tats&#228;chlich einfach von politischen Stimmungen abh&#228;ngig, kommt er und geht er mit wechselnden Mehrheitsverh&#228;ltnissen, nimmt sein Einfluss je nach Lage mal ab, mal zu. Und scheint sein Einfluss in Folge der globalen Krise aktuell tats&#228;chlich (erst einmal) allgemein erheblich zur&#252;ck gegangen zu sein – wie nicht zuletzt auch schon die nach der Bankenkrise sogleich deutlich besseren Umfrageergebnisse f&#252;r Obama zeigten.</p>
<p>Mit den Konsequenzen aus dem Punkt &#8216;Privatisierung&#8217; kommt man nun aber zugleich auch schon zum <strong>&#8216;Neoliberalismus&#8217; im zweiten Sinne</strong> – dessen Einfluss nicht so einfach an die Fieberkurven der &#246;ffentlichen Meinung angeschlossen ist. Zu der Bedeutung also, die der Neoliberalismus-Begriff vor allem im Anschluss an die Studien von Michel Foucault zu neuzeitlicher &#8216;Gouvernementalit&#228;t&#8217; erhalten hat (zu den Metamorphosen mithin, so k&#246;nnte man vereinfacht sagen, denen die &#8216;Techniken des Regierens gro&#223;er Bev&#246;lkerungen&#8217; seit dem Beginn moderner Staatlichkeit unterliegen; und die sich immer wieder zu relativ geschlossenen &#8216;Dispositiven&#8217;, also Komplexen von ineinander-greifenden Techniken verdichten – wie zuletzt etwa, bis zum Ende des wohlfahrtsstaatlichen &#8216;Paradigmas&#8217;, in Gestalt disziplinargesellschaftlicher Regierungstechniken).</p>
<p>Entsprechend hat Foucault in diesem Zusammenhang zwar auch jene unmittelbar staatlich-gesetzlichen Ma&#223;nahmen behandelt, die im Zuge des &#8216;Marktradikalismus&#8217; getroffen werden – und die die Gesamtbev&#246;lkerung als abstrakte, anonyme Gr&#246;&#223;e behandeln und betreffen. Er f&#252;gte dem nun aber auch noch eine Untersuchung der weniger offensichtlichen R&#252;ckseite sozusagen der neoliberalen Gouvernemantalit&#228;t hinzu – jener Mikropolitiken, so k&#246;nnte man auch sagen, die &#8216;Neoliberalismus&#8217; erst zu einem (relativ) stabilen Herrschaftstypus gemacht haben.</p>
<p><strong>Und demnach handelt es sich bei &#8216;Neoliberalismus&#8217; dann eben auch nicht (nochmals unterstrichen: nicht) einfach um eine &#8216;Wirtschaftsideologie&#8217;.</strong> Und dies vor allem, weil die Lage, in die der neoliberale Staat die Einzelnen n&#246;tigt, bei diesen eine ungeheure neue Produktivit&#228;t erzwingt und freisetzt.<strong> Die Abr&#252;stung der &#246;ffentlichen Sicherungs- und Disziplinarsysteme wird gewisserma&#223;en durch eine Aufr&#252;stung des Einzelnen kompensiert.</strong> Diese geht teils auf die Kreativit&#228;t der Einzelnen selbst zur&#252;ck, teils darauf, dass ihre neue Hilfsbed&#252;rftigkeit auch zusehends als neuer Markt entdeckt wird. Das Ergebnis ist dann jedenfalls eine ungeheure Vielfalt neuartiger Praktiken und &#8216;Selbsttechniken&#8217;, die nun den Alltag des Einzelnen durchziehen – und nun (anstelle staatlicher Sicherungssysteme; aber auch anstelle obrigkeitsstaatlicher und &#246;ffentlich-rechtlicher Vorselektion des &#8216;Wahren&#8217; und &#8216;Guten&#8217; etwa) versprechen, ihn sicher durchs Leben zu bringen, alle lauernden Untiefen clever umschiffen, und alle Probleme letztlich gl&#252;cklich bew&#228;ltigen zu k&#246;nnen.</p>
<p>Um diese Vielfalt hier wenigstens andeuten zu k&#246;nnen, seien einige Stichworte aus der heute vielfach verzweigten Forschung zu &#8216;neoliberaler Gouvernemantalit&#228;t&#8217; genannt, die exemplarisch gleich auf eine Mehrzahl entsprechender Einzelpraktiken verweisen. So geh&#246;rt demnach nicht zuletzt auch die<strong> Vielfalt heutiger Angebote zur &#8216;selbstbestimmten&#8217; Mediennutzung </strong>hier hin, all die M&#246;glichkeiten also, bei der Wahrnehmung des verf&#252;gbaren Angebots selbst selektiv t&#228;tig zu werden, beziehungsweise im Hinblick auf die Selektion selbst eine erhebliche Produktivit&#228;t zu entwickeln (das Angebot zahlloser Sparten-Fernsehkan&#228;le zu pr&#252;fen, einige zu abonnieren, andere nicht; die M&#246;glichkeiten, alles rasch &#8216;herunterzuladen&#8217;, endlose Archive anzulegen, DVDs zu sammeln – und zu entscheiden, wann man was, in welcher Reihenfolge und mit welchen Priorit&#228;ten, &#8216;durchsieht&#8217; usw.). Und hinzu f&#252;gen lie&#223;e sich in diesem Sinne dann auch noch die <strong>M&#246;glichkeit zur regelm&#228;&#223;igen Auswertung individuell zusammengestellter, direkt auf das eigene &#8216;Nutzerprofil&#8217; abgestimmter Datenmengen</strong> etwa (die Inskription in E-Mail-Listen und Newsgroups; die Abonnierung von Newslettern und Buch-, Musik-, Film-, Ausstellungs-Empfehlungen usw.). Und schlie&#223;lich lie&#223;e sich der offenbar zunehmend selbstverst&#228;ndliche R&#252;ckgriff auf ein wachsendes Angebot von Psycho- und (Selbst-)Motivationstechniken nennen – die die &#8216;Arbeit an sich&#8217; in &#8216;Highspeed&#8217; zu phantastischen Erfolgen zu f&#252;hren versprechen (auch wenn solche &#8216;Techniken&#8217; wohl vor allem eine best&#228;ndige Arbeit am Glauben an sie n&#246;tig machen – wie heute insbesondere die Fernseh-Casting-Shows bezeugen: Nicht nur sind hier alle best&#228;ndig vor allem mit dieser Arbeit &#8216;am Glauben&#8217; besch&#228;ftigt; dass dieser Glaube st&#228;ndig erneuert und &#8216;gef&#252;ttert&#8217; sein will, d&#252;rfte auch ihren eigentlichen gesellschaftlichen Existenzgrund abgeben).</p>
<p>Eine andere Variante der Versuche, anhand solcher Beispiele zum entscheidenden Punkt durchzudringen, bilden Bem&#252;hungen, J&#252;rgen Links &#8216;Normalismus&#8217;-Theorie entsprechend zu aktualisieren. Demnach ginge es im Neoliberalismus nun nicht mehr um eine &#8216;von au&#223;en eingetrichterte Normalit&#228;t&#8217; sozusagen, sondern um die N&#246;tigung zur Selbst-Normalisierung und &#8216;Selbst-Einregulierung&#8217;. Au&#223;erdem k&#246;nnte man im Anschluss dann sagen: Im Neoliberalismus wird nicht nur die Spannbreite des &#8216;Normalen&#8217; gr&#246;&#223;er, es wird zudem sogar leichter, auch noch davon abzuweichen – zugleich aber wird dies auf neue Weise riskant: Bewegt man sich bewusst (oder auch nur &#8216;aus Versehen&#8217;) weit weg vom Mehrheitsf&#228;higen und &#8216;Marktg&#228;ngigen&#8217;, so handelt man nun (vor allem &#246;konomisch) ganz &#8216;auf eigenes Risiko&#8217; und &#8216;eigene Rechnung&#8217;, und muss alle Folgen also auch selbst und ganz allein tragen.</p>
<p>In all dem deutet sich nun jedenfalls auch schon an, was <strong>nach Foucault als zentraler Effekt der &#8216;neoliberalen Epoche&#8217;</strong> zu verstehen w&#228;re: dass diesen neuen Praktiken und Selbsttechniken schlie&#223;lich auch noch <strong>eine neue Form von &#8216;Subjektivit&#228;t&#8217; </strong>(von subjektiven &#8216;Selbstverh&#228;ltnissen&#8217; und &#8216;Selbstverst&#228;ndnissen&#8217;) entspringt – die im Gebrauch dieser Praktiken zugleich fortlaufend reproduziert und best&#228;tigt wird. So lange, bis diese neue &#8216;Subjektivit&#228;ts-Form&#8217; sich selbst schlie&#223;lich ganz nat&#252;rlich erscheint. Irgendwann erscheinen der neoliberale Staat und die neoliberale Wirtschaft, mit anderen Worten, dann auch einfach nur noch wie der passende und der allernat&#252;rlichste Rahmen, ja geradezu als der idealste aller nur denkbaren Lebensr&#228;ume f&#252;r diese &#8216;neuen Individuen&#8217; und &#8216;Subjektivit&#228;ten&#8217; – die sich selbst nun als grenzenlos flexibel entwerfen, und ihr Leben als zu managendes Risiko.</p>
<p>Die urspr&#252;nglichen Zusammenh&#228;nge h&#228;tten sich demnach also sozusagen unterwegs umgekehrt. Irgendwann war es soweit (in Deutschland vielleicht so um das Jahr 2000): Irgendwann war es nicht mehr einfach so, dass der staatlich-&#246;konomische Komplex des Neoliberalismus als funktionslogisch notwendiges Anh&#228;ngsel auch noch das ganze mikropolitische Selbstregierungs-Klimbim drumrum mitf&#252;hrte. Dieses ganze Klimbim hatte nun vielmehr – und vor allem – ein ganz erhebliches Eigenleben entwickelt. <strong>Der Neoliberalismus hat sich am Ende sozusagen seine eigene &#8216;Kultur&#8217; erschaffen und ist seither nun vor allem hier produktiv und h&#246;chst lebendig: als kulturell-mediale Alltagspraxis, als &#8216;postmoderne&#8217; Lebensweise, als neuartige Lebensform. </strong>Und das hei&#223;t vor allem: Er hat insgesamt erheblich an Schwerkraft gewonnen, ist zu etwas sehr Tr&#228;gem geworden, ist zu einer Art neuer Tradition geronnen, und hat sich so zugleich auch zu einem geradezu epochalen Syndrom verdichtet – aus dem man darum nun auch nicht mehr so ohne Weiteres &#8216;aussteigen&#8217;, das man nicht mehr so einfach abstreifen, nicht mehr von heute auf morgen absch&#252;tteln, wegwerfen, entsorgen (und gegen etwas anderes austauschen) kann.</p>
<p><strong>Die Krise und die neoliberale Lebensform </strong></p>
<p>Was bedeutet dies alles nun f&#252;r die Frage nach einem m&#246;glichen Ende des Neoliberalismus? Angesichts der kommenden, wom&#246;glich gr&#246;&#223;ten Weltwirtschaftskrise seit der der 1920er Jahre ist im Anschluss daran zun&#228;chst das Offensichtlichste festzuhalten: Sie trifft auf eine ganz andere Ausgangslage als diese letzte gro&#223;e Depression – die in den USA in den &#8216;New Deal&#8217; m&#252;ndete, im Nachkriegseuropa ganz wesentlich den Aufbau des &#8216;Wohlfahrtsstaates&#8217;, und international den von &#8216;ordoliberalen&#8217; Rahmungen und massiven Regulierungen nicht nur der Geldm&#228;rkte motivierte.</p>
<p>Vor allem aber bedeutet es, dass ein &#8216;wirkliches Ende&#8217; des Neoliberalismus offenbar voraussetzen w&#252;rde, dass (auch) die neoliberale Lebensform deutlich entt&#228;uscht – sie also deutlich f&#252;hlbar und un&#252;bersehbar unattraktiv w&#252;rde. Dagegen scheint sie sich nun aber schon sozusagen <strong>selbst-immanent immunisiert </strong>zu haben: Wenn man mit ihr nicht gl&#252;cklich ist, nicht zum Zuge kommt, liegt es ihrer Logik nach ja stets an einem selbst, muss man irgend etwas falsch machen, noch irgendeine Optimierungsm&#246;glichkeit &#252;bersehen haben (und diese Lebensform also nur noch um so intensiver leben).</p>
<p>Angesichts der aktuellen Krise, k&#246;nnte man meinen, m&#252;sste aber nun doch auch noch die und der Letzte kapieren, dass das alleine nicht reichen wird – und es doch an ziemlich deutlich anderen Sachen liegt, wenn es nicht so richtig rund l&#228;uft (f&#252;r die Gesellschaft insgesamt wie f&#252;r einen selbst). Doch selbst das eben k&#246;nnte auch noch ganz anders ausgehen. Irgendwie n&#228;mlich schien es ja vielmehr so, als habe der Neoliberalismus – umgekehrt – gerade kurz vor den Finanzmarkt-Horrormeldungen deutliche Symptome von Unattraktivit&#228;t gezeigt: die Zustimmung zu linken Parteien wuchs auff&#228;llig; der Sozialabbau schien dann doch langsam allen zu weit zu gehen; Bildung und Kultur schienen die neoliberalen Rosskuren dann doch allzu schlecht zu bekommen; und die Gewerkschaften begannen gerade wieder, doch noch einmal deutlich mehr vom Kuchen zu fordern.</p>
<p>Zugespitzt gesagt: Nach der Finanzkrise – in der auf sie folgenden Rezession – d&#252;rften all die altbekannten neoliberalen alltagspraktischen Beschw&#246;rungsformeln nun eigentlich allererst wieder eine Chance auf Geh&#246;r erhalten (dass die B&#228;ume nun einmal nicht in den Himmel wachsen, und sich jeder Einzelne &#8216;in so einer Situation&#8217; darum dann eben auch einmal besonders anstrengen m&#252;sse usw.). Im Zuge der weltweiten Rezession k&#246;nnte die neoliberale Lebensweise sogar (&#252;berhaupt) erst wieder einen Sinn erhalten: als ein (scheinbar) probates Mittel, um f&#252;r sich selbst noch Schlimmeres abzuwenden.</p>
<p><strong>Die (neue) Attraktivit&#228;t der neoliberalen Lebensform: Politischer statt &#246;konomischer Sinn? </strong></p>
<p>In jedem Fall aber kommt so in den Blick, dass die Zukunft des Neoliberalismus heute vielleicht eigentlich zu allerletzt von der – aktuellen, vordergr&#252;ndigen – Attraktivit&#228;t und &#220;berzeugungskraft &#8216;marktradikaler Positionen&#8217; abh&#228;ngt. Dass also &#252;ber sie vielmehr ganz andere Umst&#228;nde und Faktoren entscheiden d&#252;rften. Und dies nicht zuletzt, sondern vielleicht vor allem, weil – wie die obige Darstellung verdeutlichen sollte – <strong>Neoliberalismus offenkundig auch vielf&#228;ltig verquickt und verzahnt ist mit der Attraktivit&#228;t von (sowie mit dem heute erreichten, wertvollen Ma&#223; an) Individualismus und Selbstbestimmung, kultureller Vielfalt und Meinungspluralismus.</strong> Denn darum erscheint ein Unattraktivwerden der neoliberalen Lebensweise &#8216;als Ganzer&#8217; heute dann offenbar nicht nur unwahrscheinlich – sondern auch gar nicht w&#252;nschenswert.</p>
<p>Auf der anderen Seite aber macht dies nun zugleich auch deutlich, in welchem anderen Sinne die Krise derzeit offenbar dann doch noch f&#252;r eine buchst&#228;bliche Ent-T&#228;uschung (auch) der neoliberalen Lebensweise sorgt. Der &#246;konomische Bann, in dem die ganze entfesselte individuelle und kulturelle Produktivit&#228;t all die letzten Jahre stand, scheint sich pl&#246;tzlich als genau das zu erweisen: als fauler Zauber. Der einzige Sinn, den der Neoliberalismus dem allem gab, und der einzige Ertrag, den er f&#252;r das alles sicher versprach, ist nun eindeutig im Eimer: Statt zu einer stetigen Prosperit&#228;t zu f&#252;hren, die wenigstens &#8216;in the long run&#8217; irgendwie allen n&#252;tzt (wie Keynes das neoliberale Versprechen schon aller national&#246;konomischen Klassiker zusammenfasste), scheint nun un&#252;bersehbar, dass die neoliberale Lebensweise (&#246;konomisch) zu nicht mehr als einer Abfolge kurzer &#252;berhitzter Haussen taugt, die Wenige reich macht – und dies so oft und so lang, bis das &#8216;Gesamtsystem&#8217; dann um so heftiger abst&#252;rzt.</p>
<p>Und so bleibt da dann pl&#246;tzlich etwas ganz &#8216;nackt&#8217; zur&#252;ck, finden sich die &#8216;Sekund&#228;reffekte&#8217; des Neoliberalismus auf einmal ganz alleine wieder, und ganz auf sich selbst &#8216;zur&#252;ck geworfen&#8217; (und werden in den Medien hypertroph): F&#252;r einen kurzen historischen Moment scheint die &#8216;kulturhistorische H&#228;lfte&#8217; des Neoliberalismus sich nun fragen zu k&#246;nnen, welchen Sinn sie denn vielleicht &#8216;sonst noch&#8217; haben k&#246;nnte (ja ihren &#8216;eigentlichen&#8217; politischen Sinn und Zweck zu ahnen und zur&#252;ck zu fordern) – bevor dies in der Rezession dann sehr schnell und sehr bald hinter der Sorge zur&#252;ck treten d&#252;rfte, ob (und wie) diese &#8216;kulturellen Sekund&#228;rleistungen&#8217; sich unter diesen Bedingungen &#252;berhaupt noch werden erhalten lassen.</p>
<p>Letztlich jedenfalls k&#246;nnte man die zentralen Attraktionen der neoliberalen Lebensform – das erreichte Ma&#223; individueller Selbstbestimmung sowie die, deshalb, entfesselte medial-kulturelle Vielfalt und Produktivit&#228;t – auch in einer einzigen &#8216;kulturhistorischen Leistung&#8217; zusammenfassen: dass mit ihr alle Restbest&#228;nde konservativer Anthropologie endg&#252;ltig hinweg gefegt, eingedampft und eingestampft wurden; und sie stattdessen den Triumph eines gemeinsamen Traditionsbestands von Linken und Liberalen herbei gef&#252;hrt hat.</p>
<p>Besonders anschaulich wird dies am Beispiel des Widerstreits zweier daf&#252;r ausgesprochen sinnbildlicher Antipoden: an der &#8216;Paarung&#8217; <strong>Adorno-Gehlen</strong> sozusagen, sowie an einer bestimmten zwischen diesen beiden ausgetragenen &#8216;<strong>Partie</strong>&#8216; gewisserma&#223;en. Wobei Adorno hier nat&#252;rlich f&#252;r die liberale und linke Tradition gleichsam &#8216;in den Ring stieg&#8217;, und Arnold Gehlen f&#252;r das &#8216;konservative Menschenbild&#8217;.</p>
<p>1965 kam es, genauer gesagt, auch einmal zu einer direkten verbalen Auseinandersetzung, zu einem im Radio &#252;bertragenen Gespr&#228;ch zwischen den beiden. Und an dessen Ende dann entspann sich der folgende Wortwechsel – in dem es (von heute her gesehen) auf einmal unversehens so scheint, <strong>als vertrete Gehlen hier eigentlich die Partei des Sozialstaats, und Adorno die der neoliberalen Lebensweise</strong>:</p>
<blockquote><p>Gehlen: Herr Adorno, Sie sehen hier nat&#252;rlich wieder das Problem der M&#252;ndigkeit. Glauben Sie wirklich, dass man die Belastung mit Grundsatzproblematik, mit Reflexionsaufwand, mit tief nachwirkenden Lebensirrt&#252;mern, die wir durchgemacht haben, weil wir versucht haben uns freizuschwimmen, dass man die allen Menschen zumuten sollte? Das w&#252;rde ich ganz gerne wissen.</p>
<p>Adorno: Darauf kann ich nur ganz einfach sagen: Ja! (…) ich w&#252;rde sagen, dass die Menschen so lange, wie man sie entlastet und ihnen nicht die ganze Verantwortung und Selbstbestimmung zumutet, dass so lange auch ihr Wohlbefinden und ihr Gl&#252;ck in dieser Welt ein Schein ist.</p>
<p>Gehlen: Da sind wir nun genau an dem Punkt, (…) wo ich sagen w&#252;rde, alles, was man vom Menschen von je wei&#223; und formulieren kann, w&#252;rde dahin weisen, dass Ihr Standpunkt ein anthropologisch-utopischer, wenn auch gro&#223;z&#252;giger, ja gro&#223;artiger ist…</p></blockquote>
<p>Und bevor Gehlen ganz am Ende schlie&#223;lich feststellte, dass der Dissens ja nun wohl so klar zu Tage l&#228;ge, dass das Gespr&#228;ch sozusagen an sein nat&#252;rliches Ende gekommen sei, sollte Adorno unter anderem auch noch (unter unvermeidlicher Hintanstellung des Pronomens) anf&#252;hren, dass &#8220;die Schwierigkeiten, wegen der die Menschen nach Ihrer Theorie zu Entlastungen dr&#228;ngen … die Not, die die Menschen zu diesen Entlastungen treibt, gerade die Belastung ist, die von den Institutionen (…) ihnen angetan wird&#8221;. Der Neoliberale w&#252;rde sagen: Der Sozialstaat schafft erst die Unm&#252;ndigkeit, die er dann endlos, und immer wieder ausgleichen muss.</p>
<p><strong>Zur &#8216;historischen Legitimit&#228;t&#8217; der neoliberalen Lebensweise</strong></p>
<p>Bislang freilich kann man die neoliberale Lebensform nat&#252;rlich nicht wirklich als &#8216;legitime Erbin&#8217; Adornos verstehen – und die Chancen daf&#252;r, dies nun im Handumdrehen zu &#228;ndern, sind nat&#252;rlich auch nicht &#252;berw&#228;ltigend gro&#223;. So wie man der neoliberalen Epoche bislang au&#223;erdem im Grunde &#252;berhaupt jede &#8216;historische Legitimit&#228;t&#8217; absprechen m&#252;sste – jedenfalls wenn man sich etwa Hans Blumenbergs anspruchsvollem Verst&#228;ndnis davon anschlie&#223;t. (Dieser hatte – in &#8220;Die Legitimit&#228;t der Neuzeit&#8221; – einmal zu zeigen versucht, dass &#8216;die Moderne&#8217; in ihren Versuchen, technisch-wissenschaftliche und funktionale L&#246;sungen f&#252;r alle menschlichen und gesellschaftlichen Probleme zu finden, eine Epoche &#8216;aus eigenem Recht&#8217; ist; gegen Theorien wie die von Max Weber und Carl Schmitt, wonach die Neuzeit in letztlich allem einfach nur als eine &#8216;s&#228;kularisierte christliche Welt&#8217; zu verstehen w&#228;re, als ein &#8216;illegitimer Abk&#246;mmling&#8217; einer anderen Epoche also.)</p>
<p>Die neoliberale Epoche ist nicht nur keine Epoche &#8216;aus eigenem Recht&#8217;. Sie hat die Kritik an institutioneller Bevormundung nicht nur den Traditionen einer anderen Epoche entnommen (um nicht zu sagen: geklaut) – ebenso wie auch die vorgebliche F&#246;rderung von &#8216;Selbstverantwortung&#8217;, &#8216;Eigeninitiative&#8217; und &#8216;Selbstbestimmung&#8217;. Sie hat dann vor allem auch noch den Sinn und die Sto&#223;richtung all dessen vollends verdreht. Zielte die liberale und linke Kritik &#8216;konservativer Anthropologie&#8217; auf die Einsicht, dass Menschen sehr wohl h&#246;chst anpassungsf&#228;hig und selbstst&#228;ndig sind, wenn es darum geht, eine echte Verbesserung pers&#246;nlicher und gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse zu erreichen – so sollen &#8216;die Menschen&#8217; im Neoliberalismus nun auch aus reinem Selbstzweck sozusagen flexibel und selbstst&#228;ndig sein wollen: einfach um sich selbst (und anderen) zu beweisen, dass sie es sind. D<strong>ie Frage, ob das ihnen selbst oder irgendwem (oder irgendwas) sonst wirklich etwas bringt, wird dagegen nun auf ewig verschoben.</strong> Es gibt im Neoliberalismus keine Antwort mehr darauf (au&#223;er der &#246;konomischen &#8216;in the long run&#8217; – die nun so &#252;berdeutlich in die hinterletzte Tonne geh&#246;rt).</p>
<p>Diese abgr&#252;ndige Sinnlosigkeit f&#252;hrt nun zugleich auch zum entscheidenden Zug der neoliberalen Epoche. <strong>Das Fehlen jedes &#252;berzeugenden, glaubw&#252;rdigen, &#252;berpr&#252;fbaren Ziels und Zwecks des Ganzen sorgt f&#252;r einen unermesslichen Bedarf nach Ersatz f&#252;r solchen rationalen Sinn.</strong> <strong>Und er findet sich</strong> (wo nicht, im Einzelfall, in Form wirklich &#252;berzeugend gro&#223;er Haufen von Geld – oder im biographischen Gl&#252;ck, sich eine erhebliche Distanz zur neoliberalen Lebensweise schaffen und erhalten zu k&#246;nnen) <strong>in Angst</strong>. Angst vor Altersarmut, Angst vor Arbeitsplatzverlust, Angst vor &#8216;K&#252;rzung der Sozialleistungen&#8217;, Angst davor, den n&#228;chsten n&#246;tigen Karriereschritt nicht zu schaffen usw. usf.</p>
<p><strong>Vor allem aber kann eben auch nur Angst offenbar dazu anhalten, die neoliberale Lebensweise auch dann noch fortzusetzen, wenn deren &#220;bernahme nichts weiter mehr verspricht als das, was eigentlich ohnehin selbstverst&#228;ndlich sein sollte</strong><strong>: dass man seine W&#252;rde und seine B&#252;rgerrechte nicht verliert.</strong> Nur noch die Angst, dass scheinbar &#8216;mangelndes Bem&#252;hen&#8217; sie am Ende alle Rechte und Anspr&#252;che kosten k&#246;nnte (und sie jeder W&#252;rde berauben w&#252;rde), l&#228;sst so heute offenbar viele &#8216;Leiharbeiter&#8217; beispielsweise ihr gesamtes Leben auch dann noch (wie hochbezahlte Manager) um mehrere Jobs herum organisieren, die nicht mehr einbringen als die Sicherung des Existenzminimums, wenn die Hoffnung so einmal eine &#8216;Festanstellung&#8217; zu finden, sich l&#228;ngst als unrealistisch herausgestellt hat.</p>
<p>Und wenn alle, die heute unter unw&#252;rdigsten Bedingungen und zu niedrigsten L&#246;hnen sich dennoch (wie hochbezahlte Manager) &#8216;abstrampeln&#8217;, selbst immer wieder sagen, dass sie es f&#252;r ihr &#8216;<strong>Selbstwertgef&#252;hl</strong>&#8216; tun, so hei&#223;t das im Umkehrschluss eben letztlich auch nichts anderes als dies: dass sie Angst haben, sonst nichts mehr wert zu sein.</p>
<p>Im Hinblick auf die gerade erst beginnende globale Depression macht dies alles – und darum nur wurde es hier auch so detailliert ausgef&#252;hrt – offenbar klar, <strong>weshalb sie im Sinne der neoliberalen Lebensform letztlich dann leider auch so f&#246;rderlich und produktiv wirken d&#252;rfte: </strong>In ihrem Gefolge d&#252;rfte die Angst bald erst recht wieder kommen, noch mehr Menschen noch unmittelbarer betreffen, und an noch mehr Stellen noch mehr verzweifelte Aktivit&#228;t freisetzen.</p>
<p><strong>Bleibt eine kleine Chance, ein kurzer historischer Zeitraum… </strong></p>
<p>Man k&#246;nnte dies nun nat&#252;rlich, wie schon angedeutet, auch noch einmal umgekehrt wenden. Wenn im n&#228;chsten Jahr die ersten Wellen von Massenentlassungen einsetzen werden – und bis dahin keinerlei Hoffnung da ist, <strong>trotzdem nicht in kompletter Unsicherheit, und in v&#246;lliger Sinn- und Wertlosigkeit zu versinken</strong> – wird das &#8216;Stillhalten&#8217; bei Tarifauseinandersetzungen wohl wieder der Normalfall werden, wird die Politik im Umgang mit Arbeitslosen wohl nochmals vermehrt (und nochmals sinnloser) auf &#8216;Fordern&#8217; setzen, und werden nicht zuletzt wohl auch viele andere Ratschl&#228;ge von neoliberalen &#214;konomen wieder sehr gefragt sein.</p>
<p>Bis dahin aber bleibt nun immerhin noch etwas Zeit. <strong>Zeit, die Politik wieder zu entdecken, und &#246;ffentlich f&#252;r konkrete politische Ma&#223;nahmen zu streiten</strong>, die dann (diesmal) zumindest eine andere Form der &#8216;Krisenbew&#228;ltigung&#8217; m&#246;glich erscheinen lassen – oder sogar die Chance auf Dauer stellen, <strong>der neoliberalen Lebensform noch einen politischen Sinn &#8216;nachzureichen&#8217;</strong> (beziehungsweise dem in ihr &#8216;dialektisch eingeschlossenen&#8217; politischen Potential eine dauerhafte Chance verschaffen, doch noch wirksam zu werden).</p>
<p>Und auch, wenn dies nur sehr unvollst&#228;ndig gelingen sollte – die absehbaren Alternativen lassen es auf jeden Fall lohnenswert erscheinen. Wo die sehr deutliche Ahnung, dass jetzt einiges sehr schnell und ein f&#252;r ein langes Mal sich &#228;ndern m&#252;sste, politisch-&#246;ffentlich gar keine Resonanz findet, k&#246;nnte sie sich sonst bald (wie derzeit in Griechenland) schnell auch andernorts nur noch zornig und blindw&#252;tig &#228;u&#223;ern. Oder ihre Entladung sich, wie in Deutschland gerne, f&#252;r den v&#246;llig falschen Zeitpunkt aufheben: Statt zu der Lage entsprechenden Entscheidungen zu kommen, k&#246;nnte man es hier sonst in den n&#228;chsten Monaten allzu leicht ganz bei das jeweilige Klientel zufrieden stellenden Wahlversprechen belassen – und k&#246;nnte sich sonst also, danach (wenn&gt;&gt; eh schon alles zu sp&#228;t ist), dann auch nur noch hilflose Aggression einstellen.</p>
<p><em>Eine gek&#252;rzte Fassung des Textes findet sich </em><a href="http://carta.info/2932/der-neoliberalismus-wird-uns-erhalten-bleiben-als-technik-des-selbst/"><em>hier</em></a><em>.</em></p>
<p><strong>Literatur</strong></p>
<p>Ulrich Br&#246;ckling: Das unternehmerische Selbst: Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt/M. 2007.</p>
<p>Hans Blumenberg: Die Legitimit&#228;t der Neuzeit, Frankfurt/M. 1988.</p>
<p>Michael Cuntz: Extrem normal – der &#252;berholte Normalismus (Link – Ehrenberg – Houellebecq), in: Christina Bartz, Marcus Krause (Hg.): Spektakel der Normalisierung, M&#252;nchen 2007.</p>
<p>Michel Foucault: Geschichte der Gouvernementalit&#228;t, 2 Bde., Frankfurt/M. 2004.</p>
<p>J&#252;rgen Link: Versuch &#252;ber den Normalismus. Wie Normalit&#228;t produziert wird, G&#246;ttingen 2006.</p>
<p>Markus Stauff: &#8216;Das neue Fernsehen&#8217;. Machtanalyse, Gouvernementalit&#228;t und digitale Medien, M&#252;nster 2005.</p>
<p>Das Adorno/Gehlen-Gespr&#228;ch findet sich ausf&#252;hrlich wiedergegeben in:</p>
<p>Friedemann Grenz: Adornos Philosophie in Grundbegriffen, Frankfurt/M. 1974 (S. 249ff.).
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		<title>Der Neoliberalismus wird uns erhalten bleiben – als Technik des Selbst</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Dec 2008 16:32:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carsten Zorn</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die aktuelle Krise scheint die Neoliberalen die Meinungsf&#252;hrerschaft gekostet zu haben. Dennoch wird der Neoliberalismus nicht einfach verschwinden. Er ist l&#228;ngst zu einer in Alltagspraktiken und Selbsttechniken fest verankerten Lebensweise geworden. Und diese k&#246;nnte im Zuge der Krise bald sogar nur noch einmal unausweichlicher erscheinen. Von Carsten Zorn. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/0b161518cb0c7f177a9c30c29f5789" alt="" width="1" height="1" /><em>Dieser Text ist die Kurzfassung des Beitrags </em><a href="http://carta.info/2972/rueckkehr-des-politischen/"><em>&#8220;R&#252;ckkehr des Politischen&#8221;</em></a><em>, der ebenfalls auf CARTA erschienen ist.</em></p>
<p>Es war zweifellos eine der ersten und auff&#228;lligsten Folgen der globalen Finanzkrise: dass binnen weniger Wochen etwas pl&#246;tzlich wieder als &#246;ffentlich diskutierbar galt, was dies im Grunde zehn, zwanzig Jahre lang nicht mehr war: &#8220;<strong>Konjunkturprogramm</strong><strong>e&#8221;. Und</strong> <strong>dass immer mehr neoliberale Denkverbote fallen, scheint &#252;berhaupt zu den nachhaltigsten Folgen der Krise zu z&#228;hlen.</strong> Entsprechend h&#228;ufen sich bereits die Nachrufe: Auch ein &#214;konomie-Nobelpreistr&#228;ger antwortete so gerade j&#252;ngst in einem Artikel zur Finanzkrise auf dessen Titelfrage &#8220;<a href="http://www.project-syndicate.org/commentary/stiglitz101/German">Das Ende des Neoliberalismus</a>?&#8221; mit einem klaren &#8220;<a href="http://www.project-syndicate.org/commentary/stiglitz101/German">Ja</a>&#8220;.</p>
<p>Noch eindringlicher sind zudem die Formen, in denen dieser Erdrutsch sich in den Medien abbildet; und vor allem die eigent&#252;mlich emblematischen Momente, die dabei immer wieder herausspringen. Wie am Abend des 11. November – als man in der ARD pl&#246;tzlich &#8220;Das Kapital&#8221; in die Kamera gehalten fand. Von Sandra Maischberger. Zum Auftakt einer Talk-Sendung unter dem launigen Titel: &#8220;Marx hatte recht! Gebt uns den Sozialismus zur&#252;ck&#8221;. Hier h&#228;lt man sich gewisserma&#223;en nicht lange mit Totenwachen auf. Hier wird die klaffende L&#252;cke sofort wieder gef&#252;llt, folgt sogleich die Wiederauferstehung Totgesagter.</p>
<p>Da meint man dann schon recht heftige Ersch&#252;tterungs- und Schockwellen durch die gesellschaftliche Gesamtstatik rumpeln zu h&#246;ren. Werden nun also auch alle &#246;ffentlichen Debatten k&#252;nftig wieder ein &#8216;Primat der Politik&#8217; als selbstverst&#228;ndlich unterstellen? Geht es bald nur noch darum, in welcher Form genau man den Wohlfahrtsstaat wieder herstellen sollte? Wie viele Milliarden zus&#228;tzlich f&#252;r Bildung und Kultur aufzuwenden w&#228;ren und wo der Staat sonst noch massiv investieren und eingreifen sollte? (Und nicht mehr darum, ob er das &#252;berhaupt tun sollte und darf?) Ist mit dem ganzen Neoliberalismus also nun wirklich richtig Schluss?<strong> Kommt die neoliberale Epoche nun endlich auf den M&#252;llhaufen der Geschichte</strong>, auf den sie geh&#246;rt (den f&#252;r besonders heftig strahlenden Abfall)?</p>
<p>Versteht man unter &#8216;Neoliberalismus&#8217; einfach eine &#8216;Wirtschaftsideologie&#8217;, so scheinen die Chancen daf&#252;r zur Zeit zun&#228;chst tats&#228;chlich nicht schlecht zu stehen. Ein solches Verst&#228;ndnis aber greift deutlich zu kurz: Der neoliberale Staat und die neoliberale Wirtschaft finden sich l&#228;ngst durch eine Vielzahl neoliberaler &#8216;Selbsttechniken&#8217; erg&#228;nzt. Und deren allt&#228;gliche Bedeutung bleibt von der Desavouierung neoliberaler &#8216;Wirtschaftsideologie&#8217; nun auch erst einmal ganz unber&#252;hrt. <strong>In dieser Form, als Technik des Selbst, bleibt uns der Neoliberalismus also auch weiterhin (und wohl noch f&#252;r lange) erhalten.</strong></p>
<p>Dies hat zudem auch Konsequenzen f&#252;r die Folgen der Wirtschaftskrise – nicht zuletzt im Hinblick auf die Zukunft des Neoliberalismus selbst. <strong>D</strong><strong>enn so weit es die neoliberalen Alltagspraktiken und Selbsttechniken angeht, so k&#246;nnte die Krise ihnen sogar &#252;berhaupt erst wieder einen neuen Sinn verleihen</strong>: als (scheinbar) probates Mittel, um pers&#246;nlich relativ unbeschadet &#8216;durch die Krise&#8217; zu kommen.</p>
<p>Jedenfalls w&#228;re unter &#8216;Neoliberalismus&#8217; zun&#228;chst einmal weit mehr zu verstehen als einfach nur &#8216;Marktradikalismus&#8217;: als die offene Verteufelung von &#8216;politischen Eingriffen&#8217; in &#8216;die Wirtschaft&#8217; und die Verteilungsmechanismen des &#8216;reinen Marktes&#8217;.<strong> Neoliberalismus bedeutet (in der Folge) vor allem totale Privatisierung und Individualisierung.</strong> Alle Lebensrisiken und alle Fragen der pers&#246;nlichen Daseinsvorsorge werden an das Individuum ‘zur&#252;ckdeligiert’ – und entfesseln hier eine ungekannte Aktivit&#228;t, n&#246;tigen besonders an dieser Stelle zu neuartiger Produktivit&#228;t. <strong>Die Abr&#252;stung der &#246;ffentlichen Sicherungssysteme wird sozusagen durch eine Aufr&#252;stung des Einzelnen kompensiert.</strong></p>
<p>Darum besteht das Ergebnis von drei&#223;ig Jahren Neoliberalismus dann auch vor allem in einer ungeheuren Vielfalt neuartiger Praktiken und &#8216;Selbsttechniken&#8217;, die inzwischen den Alltag des Einzelnen durchziehen – und nun (anstelle staatlicher Sicherungssysteme) versprechen, ihn sicher durchs Leben zu bringen, alle lauernden Untiefen clever umschiffen, und alle Probleme letztlich gl&#252;cklich bew&#228;ltigen zu k&#246;nnen. Und nicht zuletzt sind es diese <strong>Mikropolitiken des Selbst</strong>, die den Neoliberalismus dann auch erst zu einem relativ stabilen Herrschaftstypus haben werden lassen.</p>
<p>Im Anschluss an <strong>Mic<span style="font-weight: normal;"><strong>hel Foucaults &#8216;Gouvernementalit&#228;ts&#8217;-Studien</strong> (seinen Untersuchungen zur Geschichte moderner &#8216;Regierungstechniken&#8217; also, k&#246;nnte man vereinfacht sagen) haben sich die Analysen neoliberaler Selbst-Regierungstechniken inzwischen vielf&#228;ltig verzweigt. Dabei sind ihnen immer mehr heutige Alltagspraktiken in den Blick gekommen. So nicht zuletzt auch <strong>die heutigen M&#246;glichkeiten zu &#8217;selbstbestimmter&#8217; Mediennutzung</strong> beispielsweise, die vielf&#228;ltigen M&#246;glichkeiten also, bei der Wahrnehmung des verf&#252;gbaren Angebots selbst selektiv t&#228;tig zu werden, beziehungsweise im Hinblick auf die Selektion selbst eine erhebliche Produktivit&#228;t zu entwickeln (das Angebot zahlloser Sparten-Fernsehkan&#228;le zu pr&#252;fen, einige zu abonnieren, andere nicht; die M&#246;glichkeiten, alles rasch &#8216;herunterzuladen&#8217;, endlose Archive anzulegen, DVDs zu sammeln – und zu entscheiden, wann man was, in welcher Reihenfolge und mit welchen Priorit&#228;ten, &#8216;durchsieht&#8217; usw.). Und in diesem Sinne lie&#223;e sich dann auch noch die M&#246;glichkeit zur regelm&#228;&#223;igen Auswertung individuell zusammengestellter, </span><span style="font-weight: normal;">auf das eigene &#8216;Nutzerprofil&#8217; abgestimmter Datenmengen</span><span style="font-weight: normal;"> nennen. Oder der offenbar zunehmend selbstverst&#228;ndliche R&#252;ckgriff auf Motivations- und Psychotechniken, die die &#8216;Arbeit an sich&#8217; in &#8216;Highspeed&#8217; zu phantastischen Erfolgen zu f&#252;hren versprechen. </span></strong></p>
<p><a href="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2008/12/e28098selbstbestimmtere28099-mediennutzung.png"><img class="alignnone size-full wp-image-2950" title="selbstbestimmte-mediennutzung" src="http://carta.info/carta/wp-content/uploads/2008/12/e28098selbstbestimmtere28099-mediennutzung.png" alt="" width="500" height="233" /></a></p>
<p><em>Unendliche M&#246;glichkeiten &#8216;selbstbestimmter&#8217; Mediennutzung</em></p>
<p>In all dem deutet sich zugleich auch schon an, was nach Michel Foucault als <strong>zentraler Effekt der &#8216;neoliberalen Epoche&#8217;</strong> zu verstehen w&#228;re: dass diesen neuen Praktiken und Selbsttechniken schlie&#223;lich auch noch eine neue Form von &#8216;Subjektivit&#228;t&#8217; (von subjektiven &#8216;Selbstverh&#228;ltnissen&#8217; und &#8216;Selbstverst&#228;ndnissen&#8217;) entspringt – die im Gebrauch dieser Praktiken zugleich fortlaufend reproduziert und best&#228;tigt wird. So lange bis sie sich selbst dann ganz nat&#252;rlich erscheint. Und der neoliberale Staat und die neoliberale Wirtschaft im Grunde blo&#223; noch wie der passende und selbstverst&#228;ndliche Rahmen, ja geradezu als der idealste aller nur denkbaren Lebensr&#228;ume f&#252;r<strong> diese &#8216;neuen Individuen&#8217; und &#8216;Subjektivit&#228;ten&#8217; – die sich selbst nun als grenzenlos flexibel entwerfen, und ihr Leben als zu managendes Risiko.</strong><br />
In Gestalt seiner &#8216;neuen Subjekte&#8217; und deren Alltagspraktiken hat der Neoliberalismus sich sozusagen<strong> seine eigene &#8216;Kultur&#8217; erschaffen</strong> und ist seither nun insbesondere hier produktiv und h&#246;chst lebendig: als kulturell-mediale Alltagspraxis, als &#8216;postmoderne&#8217; Lebensweise, als neuartige Lebensform. Und das hei&#223;t vor allem: Er hat insgesamt erheblich an Schwerkraft gewonnen, ist zu einer Art neuer Tradition geronnen und hat sich so zugleich auch zu einem geradezu epochalen Syndrom verdichtet – <strong>aus dem man darum nun auch nicht mehr so ohne Weiteres &#8216;aussteigen&#8217; kann.</strong></p>
<p>Was bedeutet dies alles also f&#252;r die Frage nach einem m&#246;glichen Ende des Neoliberalismus? Die erste Voraussetzung daf&#252;r w&#228;re offenkundig, dass (auch) die neoliberale Lebensform deutlich entt&#228;uscht – sie also deutlich f&#252;hlbar und un&#252;bersehbar unattraktiv w&#252;rde. Dagegen scheint sie sich nun aber schon sozusagen <strong>selbst-immanent immunisiert</strong> zu haben: Wenn man mit ihr nicht gl&#252;cklich ist, nicht zum Zuge kommt, liegt es ihrer Logik nach ja stets an einem selbst (und man m&#252;sste sich also nur nochmals intensiver und kompromissloser auf sie einlassen).</p>
<p>Vor allem darf man aber auch ihre (tats&#228;chliche) Attraktivit&#228;t, noch einmal in einem ganz anderen Sinne, nicht untersch&#228;tzen: Mit der neoliberalen Lebensweise hat sich n&#228;mlich nicht zuletzt auch ein gemeinsamer Traditionsbestand von Liberalen und Linken gegen alle Restbest&#228;nde konservativer Anthropologie durchgesetzt (die behauptete, der Mensch bed&#252;rfe &#8216;von Natur&#8217; aus stets der Hilfe durch &#252;berm&#228;chtige Institutionen). Auch wenn der Neoliberalismus dabei den Sinn und die Sto&#223;richtung aller liberalen und linken Kritik an institutioneller Bevormundung vollends verdreht hat: Zielte die liberale und linke Kritik in diesem Zusammenhang auf die Einsicht, dass Menschen sehr wohl ein H&#246;chstma&#223; an Selbstst&#228;ndigkeit, Selbstverantwortung und Flexibilit&#228;t zugetraut und zugemutet werden k&#246;nne, wenn es um ihre &#8216;Emanzipation&#8217;, also um echte Verbesserungen pers&#246;nlicher und gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse geht –<strong> so sollen im Neoliberalismus nun alle auch aus reinem Selbstzweck flexibel und selbstst&#228;ndig sein wollen.</strong> Die Frage, ob das ihnen selbst oder irgend wem (oder irgend was) sonst wirklich etwas bringt, wird dagegen nun auf ewig verschoben. Es gibt im Neoliberalismus keine Antwort mehr darauf. Es kann sein, es kann aber auch nicht sein. Man kann es nur ausprobieren.</p>
<p>Diese abgr&#252;ndige Sinnlosigkeit f&#252;hrt nun zugleich auch zum entscheidenden Zug der neoliberalen Epoche. <strong>Das Fehlen jedes &#252;berpr&#252;fbaren Ziels und Zwecks des Ganzen sorgt f&#252;r einen unermesslichen Bedarf nach Ersatz f&#252;r solchen rationalen Sinn. </strong><strong>Und er findet sich</strong> – wo nicht in Form von Geld oder in dem biographischen Gl&#252;ck, sich eine erhebliche Distanz zur neoliberalen Lebensweise schaffen und erhalten zu k&#246;nnen – <strong>in </strong><strong>Angst</strong>. Angst vor Altersarmut, Angst vor Arbeitsplatzverlust, Angst vor K&#252;rzungen der Sozialleistungen, Angst davor, den n&#228;chsten n&#246;tigen Karriereschritt nicht zu schaffen.</p>
<p>Im Hinblick auf die gerade erst beginnende globale Rezession macht dies alles klar, weshalb sie im Sinne der neoliberalen Lebensform letztlich dann leider auch so f&#246;rderlich und produktiv wirken d&#252;rfte: In ihrem Gefolge d&#252;rfte die Angst bald erst recht wieder kommen, noch mehr Menschen noch unmittelbarer betreffen, und <strong>an noch mehr Stellen noch mehr verzweifelte Aktivit&#228;t freisetzen.</strong></p>
<p><em>Dies ist eine gek&#252;rzte Fassung des Textes &#8220;</em><a href="http://carta.info/2972/rueckkehr-des-politischen/"><em>Die R&#252;ckkehr des Politischen?</em></a><em>&#8220;. Die ungek&#252;rzte Fassung findet sich </em><a href="http://carta.info/2972/rueckkehr-des-politischen/"><em>hier.</em></a>
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