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Petra Thorbrietz

Aus die Maus: Mit SZ-WISSEN verschwindet ein Stück “public interest”

Petra Thorbrietz | 5 Kommentar(e)


Wenige Monate nach dem Relaunch verliert die “Süddeutsche” das Interesse an ihrem Magazin. Wissenschaft gilt immer noch als “special interest” oder als netter Füller für anzeigenbedingte Restflächen. Ihre Rolle wird unterschätzt.

21.05.2009 | 


„Das stärkste Argument für Süddeutsche Zeitung WISSEN ist seine Herkunft.“  Weil das Internet unsterblich macht, steht er da jetzt immer noch, dieser Satz aus Gründerzeiten, und macht uns nachdenklich. Heißt das, die Süddeutsche Zeitung sieht ein ähnliches Schicksal für sich wie für das gerade versenkte WISSEN-Magazin? Hat doch das SZ-Freitags-Magazin gerade mit „Wozu Zeitung?“ eine ebenso bleilastige wie selbstkritische Nabelschau abgeliefert, aus der Unsicherheit und Pessimismus sprach.

animg_0_1239978000_image_teasergross_0_181“Verstärkt durch die Wirtschaftskrise zeichnet sich ab, dass aufgrund sinkender Anzeigenerlöse und einer nicht den Erwartungen entsprechenden Auflagenentwicklung kurz- und mittelfristig keine realistische Aussicht auf einen nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg des Titels besteht.” So die magere Presseerklärung. Das Team unter  Chefredakteur Christian Weber wusste seit ein paar Monaten, dass das Magazin nur einen Galgenfrist bis Juni hatte und kämpfte beharrlich um eine Steigerung der Auflage. Doch von 200 000 Exemplaren, mit denen SZ-WISSEN 2004 gestartet war,  blieben laut Kress am Schluss nur noch 63.558 durchschnittlich verkaufte Exemplaren (IVW I/2009), die harte Auflage betrug weniger als die Hälfte. Zwar ging der Trend im 2. Quartal wieder bergauf, doch die Verlagsgruppe besann sich auf ihre Kernkompetenzen, das Druckgeschäft, und hielt die Pressen an. Aus.

„Unser Geschäft waren immer nur die Zahlen“, sagte einer der Verleger, Eberhard Ebner, vor Monaten in einem privaten Gespräch, und gestand ein, dass der Umgang mit einer selbstbewussten Redaktion gewöhnungsbedürftig war. Fehlt deshalb die Blattmacher-Kompetenz? Hektisch wirkten Versuche wie mit dem Elternmagazin WIR, das (mit nicht mal 50 000 verkauften Exemplaren) schon nach einer Nummer eingestellt wurde. Denn dass Magazine in der Krise sind und besonderes Durchhaltevermögen erfordern, sollte sich doch schon herumgesprochen haben. Immerhin hält sich das mit SZ-WISSEN konkurrierende Zwei-Monats-Heft Zeit Wissen recht konstant mit 80.000 Exemplaren verkaufter Auflage. Und das Wissenschaftsressort im Mutterblatt SZ ist durchaus renommiert.

Was jetzt? Wissenschaftsjournalismus liegt laut Leserforschung mit dem Readerscan-Verfahren im Trend, doch in der Summe dominieren die Geschichten mit der Maus –nach dem Motto „Wie funktioniert…“, „Gefahr durch…“ oder „Die Zukunft des…“ Aktuell-kritische Debatten und gut recherchierte Hintergrundberichte verschwinden aus den Blättern, einfach, weil sie sich nicht an einem Tag erzählen lassen, sondern für ihr Für und Wider Kontinuität der Aufmerksamkeit brauchen. Das Internet fraktioniert das vorhandene Interesse in Spezialthemen, denen wir „followen“.

Es fehlt an Überblicken, Interpretationen, Debatten und Analysen –  da Wissenschaft eben nicht die eine Sicht der Dinge ist, sondern das unterschiedliche und häufig gegensätzliche Interesse vieler. Es muss deshalb einen Wissenschaftsjournalismus geben, der keine Spezialinteressen bedient, sondern die Berichterstattung in allen Ressorts ergänzt, bereichert, verändert. Diese Kompetenz zu finanzieren muss in unserer Wissensgesellschaft eine Selbstverständlichkeit sein. Politiker, Sportler, Schlagersänger, Wirtschaftsbosse, das Wetter kommen und gehen. Die Suche nach Antworten bleibt.

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5 Kommentare

  1. simona |  22.05.2009 | 15:34 | permalink  

    Ich zitiere hier jetzt mal Herrn Picard:

    http://www.csmonitor.com/2009/0519/p09s02-coop.html

    “It is clear that journalists do not want to be in the contemporary labor market, much less the highly competitive information market. They prefer to justify the value they create in the moral philosophy terms of instrumental value. Most believe that what they do is so intrinsically good and that they should be compensated to do it even if it doesn’t produce revenue.”

    Der “public interest” in den Augen der Leser des SZ-Magazins war augenscheinlich nicht besonders hoch.

    Das sollte man zur Kenntnis nehmen.

  2. Marc |  22.05.2009 | 15:57 | permalink  

    Wo lässt sich denn genau der “public interest” in den Augen der Leser verorten? An der Iris? Oder auf der Netzhaut?

  3. Petra Thorbrietz |  22.05.2009 | 18:19 | permalink  

    @Simona: Zur Kenntnis genommen. Auch als ehemalige WOCHE-Redakteurin, die immer noch (nach sieben Jahren) weinenden Ex-Lesern begegnet – aber gekauft wurde das Schmuckstück trotzdem nicht. Medien sind mehr als nur Markt.

  4. Larry Rosscoe |  15.07.2009 | 23:03 | permalink  

    Alle Analysen führen in eine Richtung, die Leute sparen einfach, nicht dass das Magazin mit 5 Euro zu teuer wäre, keinesfalls, nur mittlerweile kaufts mans dann doch nicht, wenn man im Kiosk mit der Entscheidung ringt.
    SZ-Wissen ist ein absolut tolles Magazin und hält jedem Vergleich stand.
    Früher habe ich um die 100 Euro für Zeitungen Magazine und Bücher pro Monat ausgegeben. Das muss ich mir mittlerweile auch verkneifen.

  5. Tamara Koch |  18.07.2009 | 12:18 | permalink  

    Sehr, sehr schade, dass mal wieder ein Magazin welches qualitativ hochwertige, wissenschaftliche, abwechsungsreiche Artikel hervorbrachte, dem Markt zum Opfer fällt. Ich selbst war in den letzten Monaten selbst arbeitslos, habe mir die 5 € aber immer beiseite gelegt um mir das Magazin kaufen zu können, einfach mal 2 Frauenzeitschriften oder Tageszeitungen weniger kaufen, in denen eh immer nur dasselbe steht. Leider gehöre ich wohl nicht zur großen Masse derjenigen, die mit ihren Käufen den Zeitschriftenmarkt beherrschen. Immer schön für die große Masse arbeiten, im Fernsehen wie im Print, das ist arm und spiegelt oberflächlich unsere Gesellschaft wider. Die Nischen gehen dabei unter…

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