Christoph Bieber

Ein Town Hall Meeting, das keines war

Christoph Bieber | 6 Kommentar(e)

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Das RTL-Townhallformat war eine Merkel-Befragung im “protected mode”. Worüber die FAS am Vormittag noch nörgelte, zeigte am Abend seine Stärke: Twitter. Nicht dabei: die klassischen Medien in ihrer digitalen Enthaltsamkeit.

18.05.2009 | 


Sonntagabend, 21.45 Uhr, RTL: Bundeskanzlerin Angela Merkel ist zu Gast im Town Hall Meeting zum Auftakt der Debattensaison im Wahljahr 2009. Mit viel Aufwand hatte der Privatsender die „Bürgersprechstunde“ als Konkurrenzformat zu den Fernsehdebatten angekündigt, doch schon beim ersten Blick ins Studio wurde deutlich, dass das Sendekonzept nicht wirklich etwas mit der US-amerikanischen Variante des lockeren Plauschs von (mehreren) Politikern mit einem Bürger-Sample zu tun hatte.

Für die Kanzlerin reserviert war ein bequemer Sitzplatz neben Moderator Peter Klöppel (der nach der Werbepause die Rolle mit Maria Gresz als Publikumsbetreuer tauschte); von dort aus beantwortete sie ruhig und sachlich die Fragen der geladenen Gäste.

In den USA gelten Debatten im Town Hall Style eher als lockeres und vergleichsweise friedliches Format, das sich auch in der „Bewegungsfreiheit“ der Politiker dokumentiert: John McCain und Barack Obama nutzten ihre Bühne im vergangenen Herbst für kleine Ausflüge in Richtung Publikum und setzten auch Mimik und Gestik weit offensiver ein als in den stärker verregelten Debatten unter Anleitung eines Single Moderator.

Die Platzierung der Kanzlerin auf einem zentralen, leicht erhöhten Sitzplatz festigte ihre Position als Regierungschefin, der man besser nicht zu nahe kommt – entsprechend zahm waren die Fragen, manchen Fragesteller machte die hierarchische Kommunikationssituation zudem nervös.

Im Kontrast dazu stand die Ruhe und Gelassenheit, mit der Angela Merkel auf die an sie gerichteten Fragen einging – bisweilen wirkte die Sendung dadurch arg choreografiert, in den Augen einiger Kritiker auch „gestellt“ bzw. „abgesprochen“.

Neben den zahlreichen Einspielfilmen mit knappen Fragen aus der Fußgängerzone („Wird es eine Mehrwertsteuererhöhung geben?“) leistete dazu auch die zeitversetzte Ausstrahlung einen Beitrag, aufgezeichnet wurde bereits am Nachmittag im RTL-Hauptstadtstudio. Gerade zum Ende der Sendung häuften sich plötzliche Schnitte und klar erkennbare Kürzungen, gelegentlich belohnte verfrühter Studioapplaus die Merkel-Antworten und sorgte vor allem bei Twitter für hämische Kommentare.

Hatte sich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung morgens noch über die „heiße Luft“ lustig gemacht, für die Deutschlands Polit-Twitterer sorgen würden, zeigte das Format erstmals während eines deutschen TV-Events seine Stärken.

Nicht etwa der von RTL angebotene Live-Chat fungierte als Kanal für ein adäquates Online-Feedback, sondern der 140-Zeichen-Service verlängerte das Town Hall Meeting ins Internet (warum RTL während einer Aufzeichnung überhaupt einen „Live-Chat“ anbietet, bleibt das Geheimnis der Redaktion). Auf institutioneller Seite setzte die SPD mit „Nordkurve Live“ (vgl. @spdde; #nklive) der Kanzlerin einen „Fakten-Check“ entgegen, für die Grünen ging Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke mit bissigen Kommentaren an den Start (vgl. @SteffiLemke).

An dieser Stelle schon mal die Frage an die Vertreter der „etablierten Medien“ – wo war eigentlich der „professionelle Journalismus“ am späteren Sonntagabend? Jedenfalls nicht online. Die Wahlberichterstattung der überregionalen Tageszeitungen, aber auch der großen Fernsehsender gibt mit Blick auf die neuen Medien viele Rätsel auf.

Während Parteien und Politiker mit schöner Regelmäßigkeit für ihre Bemühungen um eine zeitgemäße Nutzung der digitalen Medien (Stichworte: Twitter, Facebook, YouTube) getadelt werden, glänzen Spiegel Online, Süddeutsche, Welt, FAZ und andere durch digitale Enthaltsamkeit – vor allem dann, wenn es um das Experimentieren mit neuen Formaten geht (nebenbei: der Artikel der Sonntags-FAZ zu den peinlichen Performances im politischen Twitterland war noch nicht einmal online lesbar).

Dass aber erst gar nicht das Gefühl einer digitalen Lücke aufkam, dafür sorgten die „ganz normalen“ Internet-Nutzer: während der Sendung liefen unter den im Twitter-Jargon „Hashtag“ genannten Kennzeichnungen „#townhall“, „#merkel“ und „#rtl“ zahlreiche Sofortkommentare auf, die sich unmittelbar mit dem Sendungsinhalt auseinander setzten (ein Nachlesen ergmöglicht die Twitter-Suche nach den entsprechenden Begriffen.

Entstanden ist auf diese Weise eine Ahnung davon, was durch die Zusammenschaltung eines bisher dispersen, am heimischen Bildschirm vereinzelten Publikums entstehen kann: ein kollektives Feedback auf ein durch das Fernsehen zentralisiertes Kommunikationsangebot, das einen unmittelbaren Rückkanal nicht kennt. Genau darauf basierten die spannendsten Twitter-Anwendungen im US-Wahlkampf des letzten Jahres – und nicht etwa in den automatisierten Veranstaltungshinweisen, mit denen der von deutschen Journalisten für seine digitale Omnipräsenz gefeierte Barack Obama seine Follower langweilte.

Was bleibt also vom Town Hall Meeting als neuem Format im deutschen Medienwahlkampf? Vor allem die Erkenntnis, dass der Titel der gestrigen Sendung mit dem Inhalt nicht wirklich etwas zu tun hatte – auch wenn eine Einbindung der Bürger als „journalistische Unbekannte“ in das Sendekonzept geplant war, so hat sich RTL große Mühe gegeben, der Kanzlerin eine Diskussion im „protected mode“ zu ermöglichen.

Es war eine Interviewsendung mit multiplen Fragestellern, eine Mischung aus Laien- und Profi-Journalismus. Derart geschützt durch ihre medialen Bodyguards zeigt sich die Kanzlerin gerne mal ihrem Volk – denn selbst wenn etwas schiefgegangen wäre, die zeitversetzte Ausstrahlung ließ alle Türen zur nachträglichen Glättung offen.

Auf das subversive Durchbrechen dieser Sendesituation muss die interessierte Öffentlichkeit mindestens bis zur nächsten Auflage (in Vorbereitung: Frank-Walter Steinmeier) warten – vielleicht twittert dann ja ein Bürger von der Zuschauertribüne im Studio. Schön wär´s.

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6 Kommentare

  1. Merkel bei RTL: Kuschelshow für die Einzelfallberaterin der Nation — CARTA |  18.05.2009 | 02:37 | permalink  

    [...] Die RTL-Sendung geriet letztlich auch zur beeindruckenden Demonstration der  technologischen Kapazität von Twitter. Während der Sendung konnte man simultan und im Sekundentakt  sehr kurzweilige und kompetente Kommentare zum Merkelauftritt mit verfolgen. Die Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke twitterte fast minütlich und wunderte sich, dass die Kollegen von der SPD gar nicht dabei waren (was noch an geringfügigen Tashtag-Verwirrungen gelegen haben muss, siehe Text von Christoph Bieber). [...]

  2. This is not a Town Hall Meeting « Internet und Politik |  18.05.2009 | 08:39 | permalink  

    [...] Rezension der Sendung und deren Online-Feedback via Twitter ist zugleich bei CARTA und politik-digital [...]

  3. Volksverdummung #2 « NobodyGamesAShit |  18.05.2009 | 09:08 | permalink  

    [...] kann als oberflächlich zu berichten, stellen die Carta Autoren gleich 2 neue Artikel online [1, 2]. Kritischer als das seichte Geschreibsel des Spiegels ist es allemal. Nun gut, mit Twitter kann [...]

  4. rml |  18.05.2009 | 13:25 | permalink  

    Lieber Christoph,

    interessante Frage: Wo waren eigentlich die klassischen Medien. Dazu zwei Anmerkungen:

    1. Bei einem riesen Laden ist es natürlich ein Problem, mal eben so ohne Schlusskontrolle des Chefredakteurs einen Mitarbeiter von der Leine zu lassen.

    2. Kein Geschäftsmodell: Wahrscheinlich denkt sich so mancher Verlag auch – wieso Meinungstwittern zum Duell – wenn es dazu ohnehin keinen Revenue-Stream gibt.

    lg,

    robin

  5. CB |  18.05.2009 | 18:24 | permalink  

    @Robin

    zu 1: es müsste ja nicht mal via Twitter sein – während der US-debatten haben fast alle größeren US-medien live-blogs angeboten (die auch meinungsstark waren, aber meist länger als 140 zeichen je eintrag). zum teil resultierten daraus artikel für die printausgaben einen tag später, zum teil waren es auch interne “korrektive” zum leitartikel. das hiesige format ist offenbar schlicht und einfach die tv-kritik – siehe jakobs in der SZ über die “rouladenkönigin” merkel (online zur zeitungsauslieferungszeit um 6.30 uhr). das ist mE ziemlich “oldschool”, nicht mal mehr web 1.0.

    zu 2: um revenues kann es derzeit online doch sowieso nur symbolisch gehen (genau das machen die politiker ja vor, vgl. auch den “heiße luft”-artikel zum polit-getwitter in der gestrigen sonntagszeitung). wenigstens lerneffekte sind dabei nicht ausgeschlossen. und wer twittert (oder eben live-bloggt) lenkt doch immerhin aufmerksamkeit auf die website – wo man dann ja meinetwegen die “fotostrecke zur debatte” als klickfalle schalten kann.

  6. CB |  19.05.2009 | 22:59 | permalink  

    In meinem Blog “Internet und Politik” entwickelt sich gerade ein Thread, der den “Heiße Luft”-Artikel und die Twitter-Aktivität zur Townhall zusammenzubringen versucht (http://internetundpolitik.wordpress.com/2009/05/18/this-is-not-a-town-hall-meeting/).

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