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Petra Thorbrietz

Dubiose Pharma-Deals: Bei Krankheit “Geld zurück”

Petra Thorbrietz | 5 Kommentar(e)


In den USA und England werben Merck und andere Arzneimittelhersteller jetzt mit “Performance”. Sie koppeln Medikamentenpreise an Wirk-Garantien und wollen sich so eine Pole-Position bei den Krankenkassen sichern.

23.04.2009 | 


In antiken China wurden Ärzte angeblich nur dann bezahlt, wenn der Patient gesund blieb. Auch wenn Historiker das längst als Mär widerlegt haben, hält sich dieser Mythos hartnäckig – weil er einfach so schön ist. Der Pharmagigant Merck will jetzt daraus ein Geschäftsmodell entwickeln. Mit Cigna, dem weltweit führenden Anbieter von Krankenversicherungen für international tätige Unternehmen, hat Merck einen Deal geschlossen, der den Preis für die Diabetes-Mittel Januvia und Janumet an ihre  Erfolgsquote koppelt (via New York Times): Wenn das Medikament die Erwartungen nicht erfüllt, bekommt der Hersteller nicht den gewünschten Preis.

In den USA mit ihrem traditionellen Optimismus, was die Mächte des Marktes angeht, gelten solche Wirkgarantien als großer Schritt in Richtung Gesundheit. Wenn sich ein Patient trotz des Medikaments Actonel (Procter  & Gamble/Sanofi-Aventis) die Hüfte bricht, übernehmen die Hersteller mit 30 000 Dollar die Krankenkosten. In England verspricht Johnson&Johnson Rückerstattungen, falls nach dem Chemotherapeutikum Velcade der Tumor nicht schrumpft.

Diabetes-Mittel Januvia von Merck

Diabetes-Mittel Januvia von Merck

Klingt verführerisch, die “bei-Krankheit-Geld-zurück-Idee“. Als hätte der Patient nun eine echte Garantie für seine Gesundheit – oder zumindest für das Geld, das er monatlich für seine Versicherung bezahlt. Aber das Gegenteil ist der Fall: Solche Modelle verbreitern die Einbahnstraßen im Gesundheitssystem. Schon die bisherigen Positivlisten der Krankenversicherer in Deutschland haben die Therapiefreiheit entscheidend eingeschränkt. Die Kassen tun so, als würde nur der Wirkstoff zählen und finanzieren deshalb mit Vorliebe die billigeren Generika. Dabei wussten schon die Alchimisten als Vorläufer der Pharmakologen, dass die Galenik, die Art und Weise, wie Wirkstoffe zubereitet und in einer Arzneiform verpackt werden, ganz entscheidend für ihre Wirkung ist. Die Unterschiede zwischen Mitteln mit ein und demselben Wirkstoff können deshalb beachtlich sein.

Zum zweiten verstärken solche Deals den Irrglauben, dass Gesundheit ein Produkt sei und der Patient ein Kunde. Aus diesem Denken resultiert die Annahme, dass dasjenige Medikament, was am meisten verschrieben wird, anscheinend das Beste ist. Das kann man aber so nicht sagen. Selbst die erprobtesten und etabliertesten Medikamente haben einen Prozentsatz von Therapieversagern, bei denen eine Arznei nicht anschlägt. Während die Biomedizin über Genanalysen und immer bessere Erforschung der molekularen Vorgänge im Körper – Andock- und Aktivierungsmechanismen, Botenstoffe, neurovegetative Einflüsse – die Hintergründe aufdeckt und an einer immer stärker individualisierten Therapie arbeitet (zum Beispiel in der Krebsforschung), versucht die Pharmaindustrie hier den umgekehrten Weg: Massenrabatte für Massenbehandlungen. Denn, auch das zeigt das amerikanische Beispiel: Der Deal hat das Ziel, die Therapievielfalt zu begrenzen. Die Versicherer werden über großzügige Preisnachlässe dazu gebracht, ihre Mitglieder bei der Stange zu halten, was die ausgewählten Präparate angeht.

Auf der Strecke bleiben Patienten, die aufgrund genetischer Zufälle nicht in das Massen-Muster passen. Auf der Strecke bleiben auch Pharmafirmen, die nicht die Marktmacht haben, um in dieser Weise mit den Kassen zu pokern. Über den Zwang, die Wirkweise eine einzelnen Substanz in teuersten Langzeitstudien nachzuweisen, waren schon viele pflanzliche Medikamente vom Markt selektiert worden, die auf Arzneistoffgemischen beruhen.  Auf der Strecke bleiben Ärzte, die auf diese Weise zum Vollstrecker eines Marktmechanismus werden. Medikamentenherstellung ist kein Milchkrieg, mit Dumpingpreisen, um die Kleinen vom Markt zu fegen. Leben ist Vielfalt. Ohne Geld-zurück-Garantie.

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5 Kommentare

  1. Martin Eckert |  23.04.2009 | 13:14 | permalink  

    Ich weiß nicht, woher der Artikel stammt, aber immerhin hat der Verfasser erfreulicherweise eine wesentliche Grundlage der Arzneimittelherstellung verstanden: Die “Galenik”. (Benannt nach dem berühmten antiken Arzt Galen, 129 bis 199 nach Christus). Unter “Galenik” versteht man die Kunst, arzneilich wirksame Substanzen in Darreichungsformen zu bringen, die den Wirkstoff dem Körper verfügbar machen. Die richtige Galenik ist die entscheidende Grundlage für die Wirksamkeit eines Medikaments überhaupt. (Wenn Sie wissen, dass ‘Kakao’ der wesentliche Bestandteil eines Marmorkuchens ist, wissen Sie immer noch nicht, wie man einen Marmorkuchen backt, der schmeckt und gut verträglich ist.)

    Während Originalhersteller eines neuen Medikaments nach Ablauf der Patentfrist die Formel des Wirkstoffes preisgeben müssen, bleibt die Galenik eines Erfolgspräparates oft streng gehütetes Geheimnis des guten “Galenikers”.
    Daher ist es ein verbreiteter Irrglaube, dass alleine die “Wirkstoffgleichheit” zweier Medikamente zu gleichen Wirkungen bei den Patienten führen wird.

    Aber hier werden Bürger, Ärzte und Patienten von Krankenkassen, Politikern (und Wissenschaftsjournalisten, die es nicht glauben wollen) dumm gehalten, weil die nachgemachten Produkte ja so schön billig sind.

    Wenn nun ein Hersteller eines Originalpräparates eine Wirkgarantie für sein Medikament abgibt, bestätigt dies vor allem die wissenschaftliche Fundiertheit moderner Arzneimittel, die von forschenden Originalherstellern produziert werden und damit fast den alleinigen Beitrag zur ambulanten Heilung oder Linderung von Krankheiten liefern.
    Die ärztliche “Heilkunst” besteht nämlich heute – abgesehen von chirurgischen und intensivmedizinischen Eingriffen – überwiegend in der richtigen Diagnosestellung und der adäquaten Auswahl und Verordnung eines Medikaments. – Jedoch: kaum ein Arzt würde dafür eine Garantie geben.

    Der “medizinische Fortschritt”, einhergehend mit einer zunehmend höheren Lebensqualität und Lebenserwartung der Menschen ist damit ein Verdienst der forschenden Arzneimittelhersteller, die überdies ihre Forschung weitgehend selbst bezahlen. Nur rund 5% der Forschungsprojekte für Arzneimittel werden in Deutschland staatlich gefördert (bei der Luft- und Weltraumforschung sind es fast 50%).

    Massenrabatte, Dumpingpreise und schlechte Arzneimittel-Kopien (Generika) werden der Pharmaindustrie von Ordnungsbehörden abverlangt. Allerdings handelt es sich bei billigen Generika auch um “alte Kamellen”, deren Entwicklung mindestens 20 Jahre alt ist (sonst wären sie ja nicht patentfrei).

    Kassen und Gesundheitsminister zwingen Kassenpatienten sozusagen im “alten VW-Käfer ohne ABS, Airbag und Gurtstraffer; produziert in Taiwan” herumzufahren. Während “Privatpatienten” oder solche, die Ihre Medikamente selbst bezahlen, von den Originalherstellern viel bessere, modernere, aber eben auch teurere Arzneimittel mit Wirkgarantie erhalten (können).

    Meiner Meinung nach unterstreicht die Aktion von Merck, dass man sich auf moderne Arzneimittel als Patient verlassen kann, so wie man sich z.B. auch auf ein modernes Automobil (mit Garantie) verlassen kann. Allerdings wird man garantierte Qualität nicht zum Null-(Kassen)tarif erhalten.

    Schließlich: Von “dubiosen Methoden der Pharmaindustrie” zu sprechen erfüllt lediglich das abgedroschene Klischee derjenigen, die die Pharmaindustrie am liebsten verstaatlichen würden, so wie man es mit den Ärzten ja schon fast geschafft hat.
    Denn ein Geschäft mit der Gesundheit ist unmoralisch…
    solange man nicht selbst im Krankenhaus landet.

  2. Nicola Kuhrt |  23.04.2009 | 14:31 | permalink  

    Der Text ist nicht mehr ganz aktuell, denn derartige Rabatt-Aktionen sind längst in Deutschland angekommen. Man muss also nicht ins ferne Amerika schauen. Derartige Angebote haben auch nichts mit einem “traditonellen Optimismus, was die Mächte des Marktes angeht”, zu tun. Und es geht längst nicht mehr nur um die Generika. Der Handel ist längst bei den Originalpräparaten angekommen – dem wirklich großen Geschäft.

    Den Anfang machte Novartis im vergangenen Jahr mit einem “Geld-zurück-bei-Knochenbruch-Deal”, der das neue Osteophorose-Mittel Aclasta in den Markt drücken soll. Vertragspartner hier sind die DAK und die Barmer Ersatzkasse. GSK überlegt derweil den Einsatz von “Mehrwertansätzen”, AstraZeneca hat mit der Deutschen BKK einen Deal für das patentgeschützte Magenmittel Nexium ausgehandelt. Andere Beispiele werden folgen.

  3. Martin Eckert |  23.04.2009 | 16:34 | permalink  

    Kann mir die Vorrednerin bitte mal erklären, weshalb sie in die Mottenkiste der unsachlich neidakzentuierten Terminologie greift (“wirklich großes Geschäft”, “in den Markt drücken”, “deal”), sobald über Medikamente und Verhandlungen mit gesetzlichen Krankenversicherungen gesprochen wird?
    Benutzt sie dieses Vokabular auch, wenn über Marketing, Werbemaßnahmen und Rabattierung bei Fernsehen, Zeitungen, Kosmetik- oder Autoindustrie berichtet wird?
    Was glauben Sie, wie Mercedes zur Zeit seine E-Klasse “in den Markt drückt” und mit Ministerien und Vorständen “deals” macht?

  4. Petra Thorbrietz |  23.04.2009 | 19:14 | permalink  

    @Nicola: Danke für die Ergänzungen. Das war mir so nicht bekannt. :-)
    @ Martin: Danke auch Dir für Differenzierung und den natürlich richtigen Hinweis auf den faulen Staat (Forschung) und die bösen Ordnungsbehörden. Pardon für die Zuspitzung – ich bin Journalistin :-) Es ist natürlich auch richtig, dass wir die forschende Pharmaindustrie dringend brauchen, und dass Studien zur Arzneimittelsicherheit sehr viel Geld kosten. Als Patientin ist es mir aber nicht angenehm, dass ein Unternehmen über Mengenrabatte meine Kasse dazu bewegen könnte, mir ein ganz bestimmtes Medikament zu verordnen, zumal das Vorgehen mit Wissenschaftlichkeit nicht mehr viel zu tun hat. Was ist denn, wenn zum Beispiel die Galenik bei so einem Rabattmodell vernachlässigt wird? Es stimmt, ökonomische Faktoren entscheiden über die Forschung und damit auch unsere Gesundheit. Aber die Wahlfreiheit ist ein entscheidender Punkt, wenn das Marktmodell funktionieren soll. Und die großen Life-Science-Unternehmen (um einmal ein neutraleres Wort als “Konzern” zu verwenden) sind der Behördenwillkür in der Regel nicht schutzlos ausgeliefert, sondern sie haben auf internationaler Ebene im Patentrecht ein potentes Instrument, das viel weiter reicht als nur, ihre Forschungsaufwendungen zu vergüten. Da geht es nicht um die Frage, ob ein Diabetes effektiv behandelt wird. Da geht es um Besitz und Monopolisierung von Leben.

  5. Martin Eckert |  24.04.2009 | 10:27 | permalink  

    @Petra: Genau darüber haben wir ja schon diskutiert: Rabattverträge werden von den Krankenkassen mit der „Pharmaindustrie“ überwiegend für billige Generika ausgehandelt. Und da gibt es eben die gravierenden Qualitätsunterschiede in der Galenik (mit haarsträubenden Konsequenzen, die niemand wahr haben will [siehe mein „Forschungsprojekt“ von Januar 2009]). Hier bin ich völlig Deiner Meinung, dass man als Patient nicht hinnehmen kann, wenn Kassen bei Medikamenten mehr zu sagen haben, als behandelnde Ärzte.
    Wenn nun Original-Medikamente mit Wirksamkeitsgarantie angeboten werden, ist das eine legitime Marketingentscheidung zur Abgrenzung von Originalprodukten gegenüber Nachahmern. Denn wer würde heute noch ein Elektrogerät oder ein Auto kaufen bei dem der Hersteller sagt: Garantie? „Gar keine!“
    Dass dieses Medikament unter Umständen „besser läuft“ als die Nachmacher, ist m.E. marktwirtschaftlich in Ordnung. Denn die Pharmaindustrie ist (noch) ein gewinnorientierter Unternehmenszweig mit beachtlichen Erfolgen für die Gesellschaft.
    Sonst würden ja auch die Finanzämter die Pharmafirmen wegen „mangelndem Gewinnstreben“ dichtmachen [Liebhaberei-Verordnung des BMF]. :-)

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