Friedrich Schneider

Das Schweigen der Ökonomen: Die Weltwirtschaftkrise ist auch ihre Krise

Friedrich Schneider | 10 Kommentar(e)


Die Weltwirtschaftskrise hat mittlerweile alle Länder erfasst und es werden von vielen, aber meistens eben nicht von Wirtschaftswissenschaftlern Maßnahmen diskutiert, wie die Wirtschafts- als auch die Finanzkrise überwunden werden können. Sehr häufig wird die Frage gestellt, ob die Ökonomen hierbei überhaupt noch eine Rolle spielen, bzw. was sie zur Lösung beitragen können. Die meisten ökonomischen Vertreter schweigen.

02.04.2009 | 


Ein Grund hierfür ist, dass viele Wirtschaftswissenschaftler auf Fragen, die heute gestellt werden (zum Beispiel: „auf welche Art und Weise soll in Finanznot geratenen Banken geholfen werden oder sollen sie in den Konkurs gehen?“), unzureichende oder gar keine Antworten haben. Auch fällt es den meisten Ökonomen schwer, die tatsächlichen Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise sowie deren Interaktion zu analysieren; ganz zu schweigen von Vorschlägen, wie man sie lösen kann.

Die Gründe hierfür sind, dass wir wenig umfassende ökonomische Modelle haben, mit denen eine derartig globale Krise (wie die aktuelle mit ihren gigantischen realwirtschaftlichen Folgen) modelliert werden kann. Notwendig sind auch Modelle für den Finanzsektor, die Ausfälle von Krediten und Bürgschaften bis zu 40 % verarbeiten können, oder was für Konsequenzen es hätte, wenn eine Großbank den Konkurs anmelden würde, um einmal eine treffsichere Analyse des Argumentes „To big to fail“ bereitstellen zu können. Darüber hinaus fehlen Strategien, wie wir die Banken am effektivsten stützen, die in Schieflage geraten sind und ob Verstaatlichung von Kreditinstituten die beste, d.h. die Krise am raschesten zu überwindende Strategie darstellt. Die Ursache für diese Krise der Ökonomie liegt darin, dass wir einige Verhaltensweisen der Menschen nicht in unseren Modellen integriert haben, zum Beispiel den „Herdentrieb“ an den Finanzmärkten oder „fehlendes Vertrauen“, oder „Gier“ und „mangelnde Fairness“ im Wirtschaftsleben. Wir haben mathematisch sehr ausgeklügelte ökonomische Modelle, die uns wichtige Erkenntnisse liefern, aber sie beschreiben nur einen Teil der Realität und blenden viele wichtige Aspekte (wie Vertrauen, Herdentrieb, Gier, etc.) aus. Ich will keinesfalls die ökonomische Theorie verdammen. Sie ist ein elementarer Teil unserer Wissenschaft und sie kann uns zu messerscharfen Schlüssen und Erkenntnissen verhelfen. Momentan fehlen aber die Grundlagen für die notwendige Erweiterung dieser (theoretischen) ökonomischen Modelle.

Darüber hinaus kann man feststellen, dass die ökonomische Wissenschaft nur begrenzt gut im Modellieren großer ökonomischer Umwälzungen ist. Als zum Beispiel die Planwirtschaften Anfang der 90er Jahre zusammenbrachen, gab es keine Modelle, wie diese Länder am schnellsten und ohne große Reibungsverluste in Marktwirtschaften umgewandelt werden könnten. Wir erleben nun, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise global und sehr tiefgreifend ist, und auch hier haben wir keine guten Antworten parat, wie diese zu bewältigen ist. Es stellt sich die Frage, ob in den Vereinigten Staaten mehr Einsicht und eine höhere Lösungskapazität vorhanden sind. Mit Ausnahme einiger Ökonomen, wie den Nobelpreisträger Paul Krugman und Josef Stieglitz und Noriel Roubini, hat auch in Amerika der allergrößte Teil unserer Kollegen auf diese Fragen (zur Lösung der Krise) kaum zielführende Antworten.

In der Ökonomie ist daher ein Umdenken notwendig, sich diesen Fragestellungen wissenschaftlich zu stellen und die ökonomischen Modelle entsprechend zu adaptieren. Dies wird ein langer und schwieriger Weg werden, aber wir haben exzellente Ökonomen, die sich dieser Probleme annehmen und gerade in der experimentellen Ökonomie ist es möglich, den Standardrahmen des ökonomischen Modells zu verlassen und andere Verhaltensweisen zu modellieren. Mit Hilfe von Labour- und Feld-Experimenten können Verhaltensweisen wie Gier, Vertrauen und der Einfluss von Indikatoren modelliert werden, um daraus Rückschlüsse zu ziehen, wie die ökonomischen Modelle um diese „weichen“ Faktoren ergänzt werden können. Dies sollte nun mit großem Elan vorangetrieben werden, sodass wir tatsächlich wieder gefragt und gebraucht werden.

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10 Kommentare

  1. Matthias Schwenk |  02.04.2009 | 19:28 | permalink  

    Den “armen” Ökonomen kann man im Grunde ohne Umschweife die Zukunftsforscher zur Seite stellen: Auch diese haben mit ihren (unzureichenden) Modellen die Finanz- und Wirtschaftskrise nicht vorhergesehen.

  2. Tim |  02.04.2009 | 21:11 | permalink  

    dass die ökonomische Wissenschaft nur begrenzt gut im Modellieren großer ökonomischer Umwälzungen
    Welche anderen Phänomene kann die ökonomische Wissenschaft denn gut modellieren bzw. welche präzisen Vorhersagen sind damit möglich? Und in welchem Ausmaß sind ökonomische Prognosen in den letzten Jahrzehnten besser (d.h. präziser und langfristiger) geworden?

  3. robin meyer-lucht |  02.04.2009 | 21:53 | permalink  

    Von Ökonomen erwarte ich mir nicht so sehr Modelle, die genaue Vorhersagen erlauben. Es würde mich überraschen, wenn diese Sozialwissenschaft hierin dramatisch erfolgreich wäre. Viel wichtiger scheint mir, dass sich die Ökonomen stärker dem gesellschaftlichen Diskurs um die Ursachen und Schlüsse aus der Krise stellen.
    Für viele Bürger bricht gerade die Welt zusammen. Und vielleicht bald auch das Weltbild. Bei vielen Ökonomen löst die Krise hingegen eher Schulterzucken aus: passiert halt, Krisen gehören zum System. Das mag schon sein. Dann gilt es aber, dieses System besser zu erklären und seine normativen Optionen offen zu legen.

  4. privat ist anders » Blog Archive » Economists |  03.04.2009 | 03:05 | permalink  

    [...] shown it’s inability to predict this crisis (and a few other things …). Instead, they propose to define new and more realistic models – models that include greed, for example, to better [...]

  5. Tim |  03.04.2009 | 10:43 | permalink  

    @ Robin Meyer-Lucht / 3

    Aber das ist doch genau die Aufgabe jeder Wissenschaft: belastbare Aussagen zu produzieren, die über bloße Meinungen hinausgehen. Und eine Disziplin, die dermaßen quantitativ arbeitet wie die Ökonomie, muß sich in dieser Hinsicht einfach höhere Anforderungen gefallen lassen als etwa die Germanistik.

    Mich würde sehr interessieren, ob die Ökonomie den Sprung von der beschreibenden zur vorhersagenden Disziplin geschafft hat.

  6. Ferdinand Knauß |  03.04.2009 | 11:51 | permalink  

    Vielleicht ist das Problem der Ökonomen ihr eigener Anspruch, Prognosen zu liefern.
    Die Ökonomie entsand aus der Philosophie, sie ist letztlich eine Disziplin der Sozialwissenschaften, die sich aber in den vergangenen jahrzehnten durch zunehmende mathematisierung den Schein einer exakten Quasi-naturwissenschaft gab. Das war natürlich eine Anmaßung, die für unsere gegenwärtige Krise vielleicht mitschuldig ist. Aus ihr resultierte auch der Machbarkeitswahn der Wirtschafts- und Sozialpolitik.

    Die Wirtschaft ist keine Institution der Natur sondern der menschlichen Kultur. Daher gehorcht sie nicht den Naturgesetzen. Wirtschaft wird von Menschen betrieben und die sind, wie Kant weiß, “aus krummem Holz geschnitzt”.

    Von den anderen Disziplinen, die sich mit der Kultur des Menschen befassen, von Philosophen, Soziologen und Historikern erwartet auch niemand quantifizierbare Zukunftsvorhersagen.

    Also, liebe Ökonomen, runter vom hohen Ross! Tretet zurück ins Glied der anderen nicht exakten Disziplinen!

  7. Vom Schweigen der Ökonomen « wissensdialogjournal |  07.04.2009 | 21:07 | permalink  

    [...] »Die Ursache für diese Krise der Ökonomie liegt darin, dass wir einige Verhaltensweisen der Menschen nicht in unseren Modellen integriert haben, zum Beispiel den „Herdentrieb“ an den Finanzmärkten oder „fehlendes Vertrauen“, oder „Gier“ und „mangelnde Fairness“ im Wirtschaftsleben. Wir haben mathematisch sehr ausgeklügelte ökonomische Modelle, die uns wichtige Erkenntnisse liefern, aber sie beschreiben nur einen Teil der Realität und blenden viele wichtige Aspekte (wie Vertrauen, Herdentrieb, Gier, etc.) aus.« […] »Darüber hinaus kann man feststellen, dass die ökonomische Wissenschaft nur begrenzt gut im Modellieren großer ökonomischer Umwälzungen ist.« […] »In der Ökonomie ist daher ein Umdenken notwendig, sich diesen Fragestellungen wissenschaftlich zu stellen und die ökonomischen Modelle entsprechend zu adaptieren.« Lesen Sie selbst. [...]

  8. Udo Merz |  08.04.2009 | 17:11 | permalink  

    In der gesamten Diskussion um die Kriese vermisse ich eine objektive und tiefgreifende Analyse der Ursachen und Wirkungsmechanismen, in welchen Umständen und Entwicklungen der gegenwärtige Zustand begründet ist. Ohne diese Analyse wird sich diese Kriese kurzfristig kaum bekämpfen lassen.

    Alles was wir gegenwärtig im Hinblick auf die aktuellen “Kriesenbewältigungsprogramme” erleben, sind nahezu ausschließlich populistische Schnellschüsse von Politikern, die auch nach der nächsten Wahl gern an Ihrem Stuhl und Ihren Diäten festhalten wollen. Ob deutschlands Bürger oder die Armen dieser Welt hierfür die Rechnung bezahlen müssen interessiert diese Damen und Herren kaum.

    Die Ökonomen sind schlichtweg deswegen abgetaucht, weil Ökonomie auch immer eine politische und soziale Komponente besitzt, deren Betrachtung den Regierenden, der die Kriese maßgeblich zu verantwortenden Staaten, garantiert nicht ins Konzept passt. Insofern sind wir vom Ende dieser Kriese genauso weit entfernt wie von Ihrer Analyse.

  9. Andreas Haentschel |  21.04.2009 | 14:49 | permalink  

    Ich denke, es läßt sich weder mit Gier noch mit Fehlern von Managern erklären. Die Ursachen liegen Tiefer, sehr viel Tiefer. Darum wird diese Krise der Beginn eines sich sehr lang fortsetzenden Prozesses des wirtschaftlichen Abschungs sein, an deren Ende sich der Lebensstandard der Bevölkerung eines Staates an dessen absoluter Produktivität orientiert.
    Diese Krise, sofern man überhaupt so darüber sprechen kann begann am Ende des zweiten Weltkrieges. Ein starker Dollar, eine starke D-Mark setzte die westliche Welt in eine Situation, die es ihr gestattete, Volkswohlstand zu eruieren, der nicht der realen Leistungsfähigkeit des jeweiligen Staates und schon garnicht jedes einzelnen Bürges entsprach. Eine Scheinwelt entstand, die in Verbindung mit jahrzentelangen Krediten immer weiter aufgebläht wurde. Ein jähes Ende wäre eigentlich schon 1989 gekommen, wäre nicht der eiserne Vorhang gefallen, der dieser Wirtschaft nocheinmal einen gewissen Kick gab.
    Jetzt ist die Sättigung eingetreten…. wir werden uns alle Wundern… glauben Sie mir.

  10. Midnite Man |  01.05.2009 | 13:45 | permalink  

    Die Ökonomen stehen deshalb so schlecht da in dieser Krise, weil sie sich als Erfüllungsgehilfen der Polit-Wirtschafts-Bande angedient haben. In den vergangenen Jahren haben sie uns – gegen jede Realität – Euro-Teuerungsraten kleingerechnet, Lebensmittelpreissteigerungen wegdiskutiert und oft artig geschwiegen, wenn sie hätten warnen sollen.

    Wie zum Beispiel bei der Frühwarnung vor der Finanzkrise – die eben nicht aus heiterem Himmel kam, wie H.-W. (Un)Sinn & Cie. uns glauben machen möchten. Nun, da das Unvorhersehbare da ist, gibt es wieder 2 Alternativen: Die Politiker dabei zu beraten, das Feuer mit Benzin zu löschen oder über die wahren Ursachen der Krise und damit auch über echte Lösungsansätze zu sprechen.

    Und wieder gehen Bofinger, Sinn, Issing und Konsorten den Weg des geringsten Widerstands. Vollmundig singt man das Lied der Banken, die kapitalistische Internationale, über die Heilkraft der Bailouts und die Wanderung durch die Täler der Konjunktur. Wir sind gespannt, welche Melodien sie für den nächsten, unabwendbaren, noch größeren Plop haben – wenn die Billionen-Blase platzt, die unsere Politiker gerade aufpumpen.

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