Pascal Zwicky | 19 Kommentar(e)
Für die US-Autoren John Nichols und Robert W. McChesney ist die Kommerzialisierung des Journalismus an sein Ende gekommen. Ohne weit reichende politische Intervention sei die Substanz des Journalismus nicht zu retten. Es ist Zeit, über gezielte politische Aktionen zugunsten des Journalismus – aber auch über seine Schwächen und Probleme – nachzudenken.
26.03.2009 |
In den USA präsentiert sich die Situation der publizistischen Massenmedien heute noch besorgniserregender als etwa in Deutschland oder der Schweiz. Bankrotterklärungen prestige- und geschichtsträchtiger Presseunternehmen häufen sich, der dominante private Rundfunk ist zu einer weitgehend „journalismusfreien“ Zone geworden, sogar Millionenstädte sind zunehmend journalistisch verwaist. Dies vor Augen, sehen John Nichols und Robert W. McChesney nicht einfach die Medien, sondern die für eine Demokratie zentrale Institution des Journalismus in der Krise. Ihr auf dem Netz vorveröffentlichter Artikel „The Death and Life of Great American Newspapers“ (erscheint am 6. April in der Wochenzeitschrift „The Nation“) zeigt aber auch Perspektiven für einen fundamentalen Wandel hin zu einer anderen, einer besseren Medienordnung auf. Diese für die USA typische Dialektik, das direkte Aufeinandertreffen von Albtraum und Hoffnung, machen es auch aus europäischer Sicht wichtig, die Entwicklungen und Diskussionen jenseits des Atlantiks mitzuverfolgen und die eigenen Schlüsse daraus zu ziehen.
Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist bei Nichols und McChesney konstitutiv an die Politik geknüpft. Sie habe durch Gesetze und Subventionen dafür zu sorgen, dass landesweit jede Region mit qualitativ hochwertigem Journalismus versorgt werde. Als Voraussetzung jeglicher Art politischer Intervention sehen die Autoren die Einsicht, dass es sich beim Journalismus, ähnlich wie etwa bei der Bildung, um ein öffentliches Gut handelt und der Staat letzten Endes die Verantwortung dafür trägt, dass die zur Herstellung dieses Gutes benötigten Ressourcen vorhanden sind. Sich nur auf kommerzielle Interessen, den „freien“ Markt und den einen oder anderen philantropischen Mäzen zu verlassen, ist fatal – das haben die letzten Jahre gezeigt.
Von zentraler Bedeutung ist somit, dass hinsichtlich der „journalistischen Grundversorgung“ die einseitige Abhängigkeit der Gesellschaft von profitorientierten Medien durchbrochen werden kann. Ziel sei ein pluralistisches System unterschiedlicher institutioneller Strukturen. Das bedeutet konkret: Es braucht eine ausgeglichene Vielfalt von Eigentumsverhältnissen im Medienbereich, also vermehrt auch Genossenschaftsmodelle, unabhängiges Non-profit- oder öffentliches Eigentum.
Die Frage nach dem Kommunikationskanal ist dabei zweitrangig. Vorerst geht es sicherlich darum, dem Journalismus in den „alten“ Medien und der Gesellschaft Luft zu verschaffen. Darüber hinaus sollen die medienpolitischen Eingriffe aber auch die Gelegenheit bieten, sich darüber klar zu werden, wie Qualitätsjournalismus im bereits angebrochenen digitalen Zeitalter vermittelt werden kann. Worauf es letztlich ankommt, das sind gut ausgestatte Redaktionen, in denen fair bezahlte professionelle Journalisten möglichst unabhängig ihrer Arbeit nachkommen können – im Idealfall in produktiver Symbiose mit emanzipatorischem Bürgerjournalismus.
Eine grundlegende und nachhaltige Abkehr vom dominanten Modus, wie sie Nichols und McChesney propagieren, ist nicht umsonst zu haben. Es braucht nicht nur den politischen Willen zu einer konzentrierten Aktion, die Autoren sprechen auch von rund 60 Milliarden Dollar für die nächsten drei Jahre, die der Staat aufbringen müsste. Mit Hilfe dieses Geldes soll eine demokratisch legitimierte Politik mit durchdachten und aufeinander abgestimmten Interventionen das Fundament für einen besseren Journalismus legen und die zukünftige Medienlandschaft in ihren Grundzügen gestalten.
Viele Praktiker, Medienwissenschaftler und sonstige Experten sind gegenüber dem Staat nach wie vor äußerst skeptisch. Diese Skepsis wird von den beiden Autoren begrüsst. Gleichzeitig ist aber auch genügend intellektuelle Redlichkeit angezeigt, um zuzugeben, dass eine aufgeklärte und gezielte politische Aktion zugunsten des Journalismus keinesfalls mit einer staatlichen Kontrolle über den Journalismus gleichgesetzt werden kann.
Natürlich sind die USA nicht Deutschland oder die Schweiz. Führt man sich aber die Veränderungen der letzten Jahre in den hiesigen Medienmärkten vor Augen, ist es absolut angebracht, dass sich die Zivilgesellschaft und die Politik auch hierzulande – und besser heute als morgen – ernsthaft mit den substantiellen Schwächen und Problemen des Journalismus auseinandersetzen. Nichols und McChesney bezeichnen die staatlichen Investitionen in den Journalismus als Infrastruktur-Projekt zur Bewahrung der Demokratie. Angesichts der gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftskrise seien informierte und engagierte Bürger das wichtigste Kapital der USA. Spätestens an dieser Stelle lösen sich die Unterschiede zwischen den USA und Europa im Nichts auf.
Wolfgang Michal: Flatrate für Journalismus – oder geht es uns wie der Musikindustrie?
Robin Meyer-Lucht: Kübelweise Klischees im ARD-Brennpunkt über Winnenden
Christiane Schulzki-Haddouti: Wie realistisch ist eine Kulturflatrate für Journalisten?
Robin Meyer-Lucht: “State of the News Media”: Situation des US-Journalismus verschlimmert sich weiter


Lieber Herr Zwicky,
ich finde diesen Diskussionbeitrag sehr wichtig und richtig.
Doch leider liegen Sie falsch, wie ich finde:
a) Die Medienindustrie hat sich in den letzten 30 Jahren extrem aufgebläht, es gibt sehr viel Irrelevantes. Man darf jetzt auf einen Niveau-Effekt hereinfallen und eine Schrumpfung gleich als Substanzverlust ansehen.
Siehe hierzu auch:
http://themediabusiness.blogspot.com/2009/03/overblown-journalist-employment-crisis.html
b) Eine Sache gilt es mal zu klären: Warum sollte ein Gut wie Journalismus in einer Marktwirtschaft plötzlich unzureichend zur Verfügung gestellt werden? Meine Vermutung ist a) das das nicht passieren wird und b) müssen wir beachten, dass es in der Demokratie nicht nur das Recht auf Nichtwählen und Nichtinteresse gibt, sondern auch das Recht auf Nichtlesen.
Ich kann keine Gefährdung einer öffentlichen Diskurssubstanz erkennen. Zudem wäre zu klären, wie in einer staatlichen Infrastrukturunterstützung der Kreis der Bezugsberechtigten, der Zutritt neuer Akteuere und der Austritt alter Akteure geregelt werden soll. Zu glauben, der Staat könne sich weitreichend engagieren ohne Einfluss zu nehmen, findet zumindest in der bisherigen Empirie eine Fundierung.
Ich fürchte, Sie fordern die Subventionierung eines alten Systems – dabei bekommen wir gerade ein neues, von dem wir erstmal anschauen, wie es sich entwickelt, bevor wir seine Herausbildung durch staatliche Interventionen behindern.
Staatlicher Interventionismus hat uns schon ein mittelmäßiges öffentlich-rechtliches Fernsehen und ein schlechtes Privatfernsehen beschwert. Da sollte man jetzt nicht vorschnell handeln.
Tweet von hemartin zum Blogeintrag: Spinnen jetzt alle: Journalismusbehörde, Printbehörde Internetbehörde e.g. http://bit.ly/VAEGr
Einige Anmerkungen zum Kommentar von Herrn Meyer-Lucht:
- zu a) Wenn ich mir etwa die Situation in der Schweiz anschaue, dann muss sehr wohl von einem Substanzverlust gesprochen werden. Dabei ist zudem zu bedenken, dass in Europa, wo gegenwärtig ebenfalls fleissig eingespart wird, Redaktionen nie so grosszügig ausgestattet waren wie in den USA.
- Gegenfrage zu b): Ist Journalismus überhaupt jemals zureichend zur Verfügung gestellt worden? Die Antwort darauf hängt sehr stark vom Standpunkt des Betrachters ab…
- WICHTIG: Es ist eben gerade KEINE Subventionierung des alten Systems. Das von Nichols und McChesney propagierte Hauptziel ist es, die Dominanz profitorientierter kommerzieller Medienunternehmen zu durchbrechen, also eben eine Abkehr vom Status Quo. Das Medium ist dabei, wie im Text erläutert, zweitrangig. Wenn Zeitungen irgendwann aussterben, dann sterben sie aus. Wichtig ist, dass möglichst viele Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft mit qualitativ hochwertigem Journalismus versorgt werden. Und genau dazu braucht es, wie sich mittlerweile gezeigt hat, vermehrt auch nicht-profitorientiertes Eigentum bzw. eine Stärkung alternativer Finanzierungsformen. Der Staat soll hier nichts behindern, sondern die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.
- Ausserdem: Wenn Sie sich mit dem „neuen“ System auf die Möglichkeiten des Internets
beziehen; das wird ja immer noch (und vor allem immer mehr) hauptsächlich von den gleichen (kommerziellen) Interessen dominiert – ist insofern also nicht neu…
@ Pascal Zwicky: “Dominanz profitorientierter kommerzieller Medienunternehmen zu durchbrechen”..
Sie fordern also, die marktwirtschaftliche Organisation von Journalismus in den Hintergrund zu drängen. Demnach ist der Journalismus nur frei, wenn er außerhalb einer kommerziellen Logik steht. Der Journalismus ist frei, wenn er frei von dem Zwang ist, sich sich nach keinen Lesern zu richten und die institutionellen Arrangements weitgehend starr sind.
Das kann man natürlich fordern. Das hat aber a) mit der Analyse der Krise wenig zu tun und b) können Sie verstehen, dass ich als Ökonom durchaus der Meinung bin, dass der Markt Journalismus in innovativer, effizienter und kundennaher Weise produziert. Und ich glaube, dass auch in einem marktwirtschaftlichen System journalistische Normen einen großen Platz haben.
Ganz ehrlich: wenn ich das lese gruselt es mich. Wir haben doch in Deutschland ein abschreckendes Beispiel der staatlich subventionierten “journalistischen Grundversorgung” vor uns: die öffentlich rechtlichen Sender. Und was ist das? Wenige Flaggschiffe (Tagesschau, Hart aber Fair) ein paar versteckte Perlen (Zapp, Cosmo TV) und viel, viel, viel Schrott – Oliver Pocher, ZDF.Reporter, Volksmusik, Zoosendungen, Daily Soaps, Volksmusik, Zoosendungen, Telenovelas, Volksmusik, Zoosendungen, schlecht kopierte Formate der Privaten … es ist doch bekannt. Von der politischen Instrumentalisierung (wie gerade im Fall der ZDF-Spitze) ganz zu schweigen. Einen zweiten derartigen Moloch braucht keiner.
Die Grundproblematik ist schon richtig: In den USA drohen, mehr noch als derzeit in Europa, “journalismusfreie” Zonen. Allerdings stimmt dieser Befund nur, wenn man die leeren Ständer der Zeitungskioske betrachtet.
Schaut man dagegen auf das Internet, ändert sich der Befund. Im Netz gibt es eine nie gesehene Vielfalt journalistischer Angebote. Natürlich ist auch dort das Bild etwas trübe, solange man auf altbekannte Namen (aus dem Zeitungsbereich) schaut. Daneben aber entwickeln sich in Foren, auf Blogs und in Social Communities ganz neue Formen der Informationsvermittlung und der Diskussion darüber.
Tendenziell sehen wir hier eine Entwicklung zu viel mehr Information, als wir sie bisher in Zeitungen und Zeitschriften hatten. Damit kann ich für mich nicht erkennen, dass unsere Demokratie in Gefahr sein sollte.
Wir haben bereits einen Staats- bzw. Regierungsjournalismus, wie man an den wenig kritischen Inhalten sieht, die in nahezu jedem zweiten Falle öffentlichkeitsgerichteter, politischer Meinungs- oder Faktenäußerung durch das Internet, durch engagierte, bloggende Journalisten oder Laien hinterfragt werden müssen, weil die wahren Journalisten nur noch nicken wollen und können.
Das muß jetzt nicht auch noch vom Steuerzahler finanziert werden.
Geballte Qualität wird sich immer durchsetzen und auch immer ihren Preis haben. Weder Verlage, noch Journalisten sollten sich in der Breite ins Bockshorn jagen lassen, sondern sich in der Spitze auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren: Investigation, Recherche, Fakten, gute Schreibe!
Dann klappts auch mit dem Leser!
Als in den USA lebender Medienverbraucher möchte ich gerne einen Hinweis auf das Medienwunder “Public Radio” geben. Das war einst eine kleine Pflanze mit vielen Idealisten und einer Struktur aus kleinen Lizenznehmern (viele Universitäten darunter) und hat heute bei den landesweit ausgestrahlten Nachrichtenmagazinsendungen (morgens und nachmittags) eine Quote, die die Kabel-News-Sender schlägt. Am Anfang gab es noch ganz ordentliche staatliche Zuschüsse, aber in den neunziger Jahren wurde der Hahn fast völllig zugedreht, weil damals die Republikaner entdeckten, dass die Public-Radio-Journalisten politisch aufklärerisch denken.
Die Einschnitte schienen zunächst das ohnehin schmale wirtschaftliche Fundament zu schwächen, führten aber am Ende zu einer deutlicheren Ausprägung eines neuen “Geschäftsmodells”, mit dem sich alle Medien in der Zukunft beschäftigen sollten. Die Programmamcher gehen bei ihren Hörern dreimal im Jahr eine Woche lang betteln und treiben auf diese Weise das notwendige Geld auf. Je besser die Programme wurden und je mehr Hörer sie fanden, desto mehr fanden ihre Argumente auf Widerhall. Es spenden auch reiche Leute (bisweilen sogar in großen Tranchen), weil sie die Qualität der journalistischen Arbeit hoch einschätzen.
Ich finde, die Bettelei hat etwas Erniedrigendes, aber sie fördert bei den Machern das Gefühl, dass sie für ein konkretes Publikum arbeiten. Und beim Publiukum schärft sie den Sinn für die Tatsache, dass Radio Geld kostet. Auch wenn es kostenlos über den Äther ins Haus oder ins Auto kommt.
Wenn es nach — milde ausgedrückt — Vernunfbefreiten wie Pascal Zwicky oder diesem andere Typ, der auch bei CARTA schreibt, Michal oder so, ginge, würden wir immer noch in Pferdekutschen fahren und Musik würde vom Grammophon erschallen.
Vielleicht mal den Leser fragen, warum selbsternannter “Qualitätsjournalismus” imme rweniger geschätzt wird. Ich bin ein Leser und gebe gerne Antwort. Zum einen hat es technische Ursachen — das Internet, die mit ihm einhergehende mediale Pluralisierung ins Unendliche. Der zweite Hauptgrund, und hier trete ich den Pudel mal in seinen Kern, ist die Tatsache, dass für kritische Medienrezipienten “Qualitätsjouranlismus” nichts weiter als ‘ne Chiffre für Agenturmeldungsumschreiberei, unkritisches Blökertum und selbstherrliches, arrogantes Belehrenwollen des Lesers darstellt.
Am ersten Punkt lässt sich nichts ändern, am zweiten aber wohl. Und für wirklich knachigen, profilierten, engagierten Journalismus, der den Finger in die Wunde legt, sind Menschen auch bereit Geld zu bezahlen. Für den ganzen Unrat, der sich angesammelt hat, die unkreativen und unfähigen Überkapizitäten, hingegen nicht. Statt nach der Gewalt des Staates zu krähen, wäre es mal an der Zeit, die Zeichen des Marktes zu erkennen und anzuerkennen und marktwirtschaftlich-unternehmerische und journalistisch darauf zu reagieren.
Staatliche Zuschüsse für Medien oder eine Kulturflatrate oder wie auch immer man das nennen soll, mögen vielleicht für Länder ohne öffentlich-rechtlichen Rundfunk überlegenswert sein. Und auch die sollten lieber gründlich überlegen. In Deutschland zahlen wir schon jeder 17,20 pro Monat, wovon nur ein Teil tatsächlich in Qualitätsjournalismus fließt. Der Rest wird unter dem Deckmantel Grundversorgung kaschiert. Wenn jetzt die Presse auch die Hand aufhalten darf, an wen darf ich dann überweisen? An die ”Zeit”? Würde ich vielleicht gerade noch einsehen, bevor sie dichtmacht. Auch an ”Bild”, ”Super-Illu” und ”Coupé”? No way! Aber wo verläuft die Qualitätsgrenze? Oder wird es dann eine übergeordnete Instanz für die Verteilung der eingenommenen Gelder geben? So etwas wie eine ”Zeitungsärztliche Vereinigung”? Das wird ein schönes Hauen und Stechen geben. Oder soll der Staat etwa entscheiden, welche Printmedien förderungswürdig sind? Je länger man darüber nachdenkt, desto gruseliger erscheint das Gedankenspiel.
@ Marco
Als Vernunftbefreitem fällt mir eine Reaktion natürlich nicht ganz leicht. Trotzdem versuche ich es: Erstens ist guter Journalismus eben nicht an ein bestimmtes Medium gebunden, er soll und wird sich ja wahrscheinlich auch immer mehr ins Internet verlagern. Zum Kern Deines Pudels: Den von Dir beschriebenen „Qualitätsjournalismus“ braucht tatsächlich niemand. Wo er auftritt, ist er aber doch nicht zuletzt Folge der von profitorientierten Medien, die heute die Medienlandschaft dominieren, immer weiter vorangetriebenen Einsparungen und Kommerzialisierung. Und hier ist der Kern des Pudels von Nichols und McChesney: das Zauberwort lautet Vielfalt. Also eine „gesunde Mischung“ aus kommerziellen profitorientierten Medien, öffentlichen Medien, Genossenschaftsmodellen wie der taz, oder anderen Non-profit-Formen. Blogs, Wikis etc. sind dabei natürlich sehr wichtig und haben ein grosses Potential. Aber ohne professionellen Journalismus, der bis jetzt noch vorwiegend an die traditionellen Medien gebunden ist, geht es halt auch nicht (in Blogs wird ja auch sehr häufig auf Themen aus den klassischen Massenmedien Bezug genommen). Das Ziel hier: Professioneller und „Bürger“-Journalismus ergänzen sich – unabhängig vom Medium. Niemand kräht nach Staatskontrolle oder Staatsmedien. Es geht einzig und allein darum, dass die Politik – unter dem möglichst aufmerksamen Blick der Zivilgesellschaft! – die Voraussetzungen für ein zukünftiges pluralistisches Mediensystem schafft, das vermehrt kritischen, emanzipatorischen, engagierten usw. Journalismus bieten kann. Zumindest für die Weichenstellung sind staatliche Gelder meiner Meinung nach eine bedenkenswerte Option (siehe auch den Kommentar von Jürgen Kalwa). Dann soll und wird der Wettbewerb wieder spielen – und hoffentlich vor allem derjenige der Meinungen und Inhalte.
@ Jürgen Kalwa: Stimmt, Public Radio ist eine sehr interessante Variante einer journalistischen Institution, die auf zahlreichen Spenden basiert – und ist damit noch einmal unterschiedlich vom ProPublica-Ansatz.
Ich denke, dass in diesen Kommentaren klar geworden ist, dass man mit staatlich-gesellschaftlicher Intervention schnell auch starre Strukturen schafft, die nicht besonders gern innovativ und agil daherkommen. Zudem wäre der Kreis der derart zu Bevorteilen nur schwer oder gar nicht einzuschränken. Angesichts des Internets erscheint mir diese Aufgabe schlechterdings unmöglich.
Dennoch kann Medienpolitik natürlich geschickt Akzente und Anreize setzen. Ich bin aber noch immer nicht ganz überzeugt, welche das sein sollten. Dafür führen wir ja hier dies Diskussion.
@ alle: Danke für die vielen guten Beiträge
@ Pascal Zwicky:
Ich kann leider überhaupt kein Vielfaltsproblem erkennen. Sie möchten sich über die Nato-Debatte heute im Bundestag informieren – bitte schön:
http://news.google.de/news?pz=1&cf=all&ncl=1297056616
62 Artikel mal zum Einlesen
Vielfalt und Integration sind die meistmistbrauchten Begriffe, um Interventionen in die journalistische Sphäre zu verteidigen, die – mit Verlaub – wir derzeit nicht brauchen.
Kommerzialität ist auch ein zwingend ein Antagonist des Journalismus. Er sorgt erst für die nötige Effizienz, Innovationsfreude und Leserorientierung des Systems.
Journalismus ist ein durchaus marktfähiges Gut. Gerade in der Internet-Ära, wo wir einen funktionierenden Wettbewerb haben.
Wenn sie Journalismus im meritorischen Gut erklären, erklären sie zugleich, dass sie besser wissen, welcher Journalismus gut ist, als der gemeine Leser. Das ist schon ein bisschen gefährlich.
Pascal,
“Als Vernunftbefreitem fällt mir eine Reaktion natürlich nicht ganz leicht.”
Ein bisschen Polemik wird ja noch sein dürfen. ;-)
“Erstens ist guter Journalismus eben nicht an ein bestimmtes Medium gebunden, er soll und wird sich ja wahrscheinlich auch immer mehr ins Internet verlagern. Zum Kern Deines Pudels: Den von Dir beschriebenen „Qualitätsjournalismus“ braucht tatsächlich niemand.”
Immerhin.
“Wo er auftritt, ist er aber doch nicht zuletzt Folge der von profitorientierten Medien, die heute die Medienlandschaft dominieren, immer weiter vorangetriebenen Einsparungen und Kommerzialisierung.”
Jein. Er ist die Folge von falschen unternehmerisch-journalistischen Entscheidungen, deren (negative) Konsequenzen auf Grund der technisch und staatlich-interventionistisch bedingten Oligopolisierung des Medienangebots verzögert wurde. Jetzt, mit dem atemberaubenden Strukturwandel durch das Internet, wird diese Oligopolisierung angegriffen. Und das ist gut so. Wir werden jetzt einen Gesundschrumpfungsprozess erleben, an dessen Ende weniger, dafür inhaltlich diversere und — natürlich rein subjektiv betrachtet — qualitativ hochwertigere Medienangebote in einer Vielzahl von Formaten stehen werden.
“Und hier ist der Kern des Pudels von Nichols und McChesney: das Zauberwort lautet Vielfalt.”
Staatlich verordnete “Vielfalt” ist ein Oxymoron.
“Also eine „gesunde Mischung“ aus kommerziellen profitorientierten Medien, öffentlichen Medien, Genossenschaftsmodellen wie der taz, oder anderen Non-profit-Formen.”
Und darüber entscheidet dann die Behörde für “gesunde Vielfalt”, nehme ich an.
“Aber ohne professionellen Journalismus, der bis jetzt noch vorwiegend an die traditionellen Medien gebunden ist, geht es halt auch nicht”
Echt, was haben die Menschen dann Jahrtausende ohne den selbsternannten “professionellen Journalismus” getan? Dieses Phänomen ist nämlich noch gar nicht so alt. Und wenn “professionellen Journalisten” als Antwort auf das wachsende Desinteresse der Medienrezipienten an ihren Elaboraten nur einfällt, sie halt zu Finanzierung derselben zwingen zu lassen, wird gleich noch eine andere Frage mitbeantwortet, nämlich die nach der Qualität des staatlichen “Bildungs”-Systems in der Bundesrepublik Deutschland. Dass auch in den USA sozialistische Töne von Journalisten mit Jobangest zu vernehmen sind, ist menschlich nachvollziehbar. Allerdings hat die Idee der staatlichen Zwangsfinzierung von Medien auch unter Obama in den USA keine politische Chance.
“Niemand kräht nach (…) Staatsmedien. Es geht einzig und allein darum, dass die Politik (…) Voraussetzungen für ein zukünftiges pluralistisches Mediensystem schafft.”
Müsste man sich nicht schämen, sich innerhalb von nur zwei Sätzen so offensichtlich zu widersprechen und sich trotzdem bar jeden Selbstzweifels als “Qualitätsjournalist” zu bezeichnen. Da fehlt’s wohl an der Selbstreflexion?
“Zumindest für die Weichenstellung sind staatliche Gelder meiner Meinung nach eine bedenkenswerte Option (siehe auch den Kommentar von Jürgen Kalwa). Dann soll und wird der Wettbewerb wieder spielen – und hoffentlich vor allem derjenige der Meinungen und Inhalte.”
Wenn der Staat entscheidet, wer “Qualität” liefert und wer nicht, dann hat das mit Wettbewerb und Pluralität überhaupt nichts zu tun. Nur Freiheit garantiert Pluralität, denn sie ist ihre unmittelbare Folge.
Wenn nämlich die Kumpelz von Pascal Zwicky & Co. in der Politik entscheiden, dass nur die Publikationen von Pascal Zwicky & Co., dann sieht’s duster aus. Wo soll dann die Meinungsvielfalt herkommen? Es sei denn, man versteht schon die Wahl zwischen Apfel und Birne als Vielfalt. Was ist, wenn ich ‘ne Banane will?
@ Marco / 14
Wir werden jetzt einen Gesundschrumpfungsprozess erleben, an dessen Ende weniger, dafür inhaltlich diversere und — natürlich rein subjektiv betrachtet — qualitativ hochwertigere Medienangebote in einer Vielzahl von Formaten stehen werden.
Dem kann ich nur zustimmen. Schon heute kann man sich wesentlich besser informieren als jemals zuvor in der Geschichte. Natürlich ist es oft mühselig, sich in Blogs und anderen Angeboten über aktuelle Themen zu informieren, aber man wird oft mit wesentlich kritischeren Gedanken und tieferer Recherche belohnt als in Zeitungen oder gar dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich bin schon sehr gespannt, wem es als erstes gelingt, die unglaubliche Informationsvielfalt des Netzes für den Durchschnittsleser zu konsolidieren.
@Christoph Butscher:
Danke für den Link, hier werden eine (für Journalisten unbequeme) Wahrheiten ausgesprochen. Z. B.:
“Newspapers, in contrast, are many things, but they are not democratic. [...] The newspaper model isn’t about expanding free speech; it is about limiting it to force readers to listen to what the editor prescribes.”
Dahinter steckt die bei vielen Journalisten verbreitete Ansicht besser als die Leser zu wissen was gut für diese ist. Nur aus diesem Geist kann auch die Idee einer Zwangsabgabe für vermeintlichen “Qualitätsjournalismus” entstehen.
Dem kann ich nur entgegenhalten: Nein Danke! Ich kann mich gut selbst informieren und ich kann gut selbst entscheiden wofür ich Geld zahle und wofür nicht. Ganz sicher weichen meine Ansprüche dabei stark von dem ab was der eine oder andere Vertreter der vom Aussterben bedrohten Holzmedien für Qualität hält, aber das ist für mich nichts Negatives, im Gegenteil.
Vielen Dank Herr Zwicky für ihren Beitrag. Es ist ein wichtiges Thema und wie die Diskussionsbeiträge zeigen, divergieren die Meinungen stark, wenn es um staatliche Interventionen geht.
Ich denke, es geht im Ersten um die Gewährung der Medienfreiheit. Aber mit Medienfreiheit sollte hier nicht die Freiheit der Medien gemeint sein, sondern die Freiheit der Medienschaffenden. Meine Annahme ist, dass je mehr das Mediensystem kommerziell bzw. durch Werbung finanziert wird, desto weniger sind die Journalisten frei in ihrer geistigen Arbeit. Anders gesagt, weil die Massenmedien sich via Werbung finanzieren, übt das Management eines jeden Medienunternehmens auf ihre Mitarbeitenden Druck aus, nicht allzu feindliche Beiträge, oder eben konsumfreundliche Inhalte zu erzeugen – genau wie in einem vom Staat kontrollierten Mediensystem die Politiker und Bürokraten Druck ausüben, um regierungsfreundliche Beiträge herzustellen.
@ Herr Meyer-Lucht:
Lieber Herr Meyer-Lucht, Sie fragen:
“Warum sollte ein Gut wie Journalismus in einer Marktwirtschaft plötzlich unzureichend zur Verfügung gestellt werden?”
Wie Herr Zwicky richtig entgegnet: Ist Journalismus überhaupt jemals zureichend zur Verfügung gestellt worden?
Meine Antwort darauf lautet: eher nicht. Vor allem ab dem Zeitpunkt, wo die Massenmedien werbefinanziert wurden. Ich bin von der Definition von Journalismus als öffentliches Gut sehr überzeugt und genau die marktwirtschaftliche Organisation von Journalismus, die Herr Meyer-Lucht propagiert (wie sieht es übrigens eine solche Organisation aus? Heisst dies kaufen und verkaufen von Journalisten auf dem Markt?? Von Beiträgen?? Dividende für Journalisten?? Böh), verhindert die Herstellung des Gutes für das Gemeinwohl – wie es bei vielen anderen öffentlichen Gütern mittlerweile bewiesen wurde. Herr Meyer-Lucht, als Nicht-Ökonom würde ich gerne von Ihnen eine Erklärung haben, wie „der Markt Journalismus in innovativer, effizienter und kundennaher Weise produziert“, wie Sie sagen. Ich würde mich eher für einen Bürgernahen Journalismus als eine Kundennahe PR-Maschinerie stark machen.
Sie schreiben zu Herrn Zwicky, und damit bin ich fertig mit Zitieren:
“Sie fordern also, die marktwirtschaftliche Organisation von Journalismus in den Hintergrund zu drängen. Demnach ist der Journalismus nur frei, wenn er außerhalb einer kommerziellen Logik steht. Der Journalismus ist frei, wenn er frei von dem Zwang ist, sich nach keinen Lesern zu richten und die institutionellen Arrangements weitgehend starr sind.”
Genau das brauchen wir: Die kommerzielle Logik hat die Journalisten an eine „nicht-kritische“ Arbeitsweise gefesselt und dazu geführt, dass die Interessen unsere konsumistischen Wirtschaftsordnung nie in Frage gestellt wurden. Die meisten Journalisten richten sich in der Tat nicht an Lesern, sondern an Konsumenten, aber nicht aus einer emanzipatorischen bzw. aufklärerischen Perspektive, wie oft hingegen in den von Nutzern generierten Inhalten zu lesen ist, sondern aus der Perspektive ihrer Geldgeber, nämlich der Werbeindustrie. Vertrauen in den Konsum lautet die Maxime! Vertrauen in die Gentechnologie, Vertrauen in den Markt und Misstrauen in den Staat! Und wenn ich die Kommentare lese, muss ich sagen, dass die Massenmedien eine hervorragende Leistung gebracht haben. Wenn von Markt die Rede ist, sind blauäugige Argumentationen Gang und Gebe!
Ich denke, das Hauptproblem ist eben diese Gehirnwäsche die zur Verbissenheit gegenüber alles, was mit Staat zu tun hat, führt. Staatliche Finanzierung muss nicht unbedingt staatliche Kontrolle heissen.
Wieso habt ihr kein Problem mit kommerzieller Kontrolle? Weil ihr eben so blauäugig gegenüber die Marktmoral seid.
Demokratische und partizipatorische Publikumsräte in der jeweilige Region können und sollten die Regurgitation von totalitär kontrollierten Systemen verhindern und die Massenmedien vom Einfluss der kommerziellen Logik befreien. Diese Räte könnten über die Verteilung der staatlichen Subventionen nach eigenen demokratischen Kriterien entscheiden.
Schliesslich sehe ich auch die Lösung des Problems in der Förderung von alternativen Eigentumsformen und alternativen Herstellungsformen von journalistischen Beiträgen! Lass uns auf eine vom Internet geförderte Emanzipation der Massenmedien, der Journalisten und vor allem der Bürger hoffen, welche in einer funktionierenden Demokratie eine freie Meinungsbildung brauchen!
Lieber Pietro Rossi,
vielen Dank für ihren sehr spannenden und guten Beitrag. Ich teile ihre Bedenken über weite Strecken. Auch eine marktwirtschaftliche Organisation ist nicht ideal – aber Ihr Modell hat deutlich mehr Nachteile als eine solche: Wer entscheidet in ihrem staatlichen Modell, was guter Journalismus ist, was Journalismus überhaupt ist, wer entscheidet über die Mittel – die Gemeinschaft?
Hierzu möchte Jakob Augstein zitieren:
“Wenn die Gesellschaft etwas in die Hand nimmt, dann bedeutet das, dass eine Bürokratie, eine Verwaltung etwas in die Hand nimmt. Eine Institution, die nach ihren Regeln funktioniert. Und das sind nun nicht immer die Regeln und Prinzipien der Vernunft, des Gemeinwohls, des Fortschritts. Es sind oft genug die Regeln der Konfliktvermeidung und des Eigennutzes. Wie in jeder Institution. Wie in jedem Unternehmen auch. Für unternehmerische Fehlentscheidungen gibt es – üblicherweise – eine Sanktion: die Mechanismen des Markts. Das heisst den einzelnen Käufer, Kunden, Klienten. Den Menschen. Aber was ist die Sanktion der Bürokratie? Das Disziplinarrecht? Die nächste Wahl?”
(http://www.freitag.de/positionen/0909-an-der-staatsgrenze)
Zur Frage, ob es jemals genug Journalismus gab, möchte ich darauf hinweisen, dass Journalismus nur eine Form der aktuell-gesellschaftlichen Informationsverarbeitung ist. Hier spielen ebenso Thinktanks und andere Institute ein wichtige Rolle. Da die nun über das Internet stärker selbst auch publizistisch aktiv werden können und diese Institutionen stärker mit Theorien und Hintergründen arbeiten , wünsche ich mir eher auch mehr Thinktank- und Institionenpublizistik als mehr Journalismus.
Herzlichen Gruß,
Robin Meyer-Lucht
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