Robin Meyer-Lucht | 7 Kommentar(e)
Digitale Avantgardisten sind mit ihrem Leben zufriedener als andere. Das hat Thomas Hess von der Universität München in einer Studie für die Deutsche Telekom herausgefunden. Auch wenn Ursache und Wirkung hier unklar bleiben, zeigt die Studie doch, wer hier lustvoll die Internetentwicklung treibt: die Nutzer.
23.03.2009 |
Seien wir ehrlich: Studien sind zu einer klebrigen Technik interessenvermittelter öffentlicher Thematisierung geworden. Studien verbinden die Aura einer (halb)wissenschaftlichen Betrachtung mit dem Versprechen gesellschaftlicher Selbstvergewisserung und dem zumeist berechtigten Tendenzverdacht in Richtung Auftraggeber. Aber: Studien muss man genau deshalb lesen. Und manchmal sind sie sogar erhellend und lustig.
Die Studie “Life – Digitales Leben” zum Beispiel, die bereits Ende Februar erschienen ist (mehr hier). Sie wurde vom Münchner Wirtschaftsinformatik-Professor Thomas Hess im Auftrag der Deutschen Telekom erstellt. Sie basiert auf der repräsentativen Befragung von rund 5000 Internetnutzern in Deutschland. In der Einleitung heißt es: “Die Welt ist voller Hypothesen, wenn es um die Digitalisierung und Vernetzung des Lebens geht.” Ziel der Studie sei es, einige dieser Hypothesen zu prüfen. Das tut sie auch. Zugleich stellt sie eine hübsche neue Hypothese auf, um die es hier gehen soll.
Zunächst einmal unterteilt Hess die Internetnutzer in drei Gruppen: Die Digitale Avantgarde, den Digitalen Mainstream und die Digitalen Nachzügler (vgl. Abbildung 1): Die “Digitale Avantgarde” lebt hoch vernetzt, hat das Internet fest in ihren privaten und beruflichen Alltag integriert und möchte auf ihren “digitalen Lebensstil” nicht mehr verzichten. In Deutschland würden 19 Prozent der Onliner zu dieser Gruppe gehören. Die Digitalen Avantgardisten haben ein Durchschnittsalter von 34 Jahren, sind zu 58 Prozent männlich, gut gebildet und häufig auch noch in Ausbildung oder Studium.
Demgegenüber lebe der “Digitale Mainstream” nur “selektiv vernetzt”. Hier gehört die Nutzung von digitalen Medien zwar schon zum Alltag, man ist aber noch kein Experte. Bei den “Digitalen Nachzüglern” schließlich ist das Netz “noch nicht gänzlich alltäglich”. Die digitalen Nachzügler bilden mit einem Durchschnittsalter von 53 Jahren das älteste Segment. Sie sind überdurchschnittlich häufig verheiratet, leben häufig in Zwei-Personen-Haushalten; auch Rentner sind hier überrepräsentiert.
Die Segmentierung in die drei Gruppen ist zunächst einmal dazu geeignet, sich vor Augen zu führen, dass immerhin (aber auch eben auch nur) ein Fünftel der Internetnutzer hierzulande als echte Online-Euphoriker zu gelten haben.
Die eigentliche Pointe der Segmentierung findet sich im Fazit der Studie und ist, soweit ich das übersehen kann, bisher noch gar nicht aufgegriffen worden: Die Digitale Avantgarde ist nämlich laut Untersuchung deutlich zufriedener mit ihrem Leben. Der Aussage „Alles in allem gesehen, bin ich mit meinem Leben sehr zufrieden“ stimmen 81 Prozent der Digitalen Avantgarde zu oder voll und ganz zu, während dies in den anderen Gruppen statistisch signifikant weniger der Fall ist (siehe Abbildung 2).
Selbstverständlich lässt sich aus dieser linearen Beziehung zwischen Vernetzung und Lebenszufriedenheit kein Kausalzusammenhang folgern. Doch Studienautor Thomas Hess gibt sich mild euphorisch: “Obwohl die Lebenszufriedenheit von mehreren Faktoren abhängig ist, und obwohl auf Grund der Erhebungen keine Aussagen über das Ursache-Wirkungs-Verhältnis gemacht werden können, lassen die deutlichen und statistisch signifikanten Unterschiede in der Lebenszufriedenheit der Konsumentengruppen die These zu, dass die wahrgenommene Lebensqualität mit der Teilhabe an Digitalisierung und Vernetzung zusammenhängt.”
Die noch nicht ganz bewiesene These lautet also: Internet macht glücklich, oder zumindest zufrieden.
Wahrscheinlich haben in diesem Spiel andere Einflussfaktoren, wie Lebensalter, Einkommen oder Bildung einen starken Einfluss. Der Zusammenhang könnte auch genau anders herum ausgeprägt sein: Wer zufrieden, jung und gut gebildet ist, wird sich auch eher dem Internet zuwenden.
Dennoch: Der Zusammenhang fasziniert. Weil ich selbst finde, dass – bei aller Überwältigung angesichts der Fülle und Komplexität – das Internet meine Lebensqualität erheblich steigert. Und weil ich auch an Leute wie Don Dahlmann denken muss, der so gerne erklärt, wie glücklich er mit dem Internet ist.
Vor allem aber scheinen die Zahlen auch nahezulegen: Es ist vor allem der Nutzer, der ins Internet drängt und sich damit schrittweise von seiner alten Medienwelt der interaktionsfreien Massenproduktion verabschiedet. Viele Medienunternehmen haben weit weniger Spaß mit dem Netz. Die Durchsetzung des Internets ist leidenschafts- und nutzergetrieben – eine zugegebenermaßen recht freihändige, aber nicht abwegige Interpretation der Ergebnisse.







Obwohl die Lebenszufriedenheit von mehreren Faktoren abhängig ist, und obwohl auf Grund der Erhebungen keine Aussagen über das Ursache-Wirkungs-Verhältnis gemacht werden können, lassen die deutlichen und statistisch signifikanten Unterschiede in der Lebenszufriedenheit der Konsumentengruppen die These zu, dass die wahrgenommene Lebensqualität mit der Teilhabe an Digitalisierung und Vernetzung zusammenhängt.
Mal ins Nichtakademische übersetzt: “Obwohl wir keine Aussage machen können, machen wir eine Aussage”. :) Da gibt es in der Zufriedenheitsforschung wahrscheinlich deutlich bessere Studien.
@ Tim: Ja, wir brauchen auch hier eine Konvergenz von Mediennutzungs- und Lebenszufriedenheitsforschung. Junge, junge, das wird kompliziert.
Ich hätte dazu das passende Pendant: Glücklich ohne Fernsehen: http://blog.gebuehren-igel.de/archives/68-Gluecklich-ohne-Fernsehen.html
@ Hape. Stimmt hier ergeben sich ganz neue Formen für eine crossmediale Glücksforschung: Welche Medien muss ich nutzen, damit ich glücklich werde – und welche nicht?
Ganz neues Geschäftsfeld für “Medienberater”. ;)
Ein ganz wichtiger Faktor in der individuellen Lebenszufriedenheit scheint doch zu sein, wie erfolgreich (nicht unbedingt rein wirtschaftlich, sondern ganz allgemein) ein Mensch ist. Vielleicht kann man im Netz viele kleine Erfolgserlebnisse einfahren? Hier schnell eine wichtige Information gefunden, dort ein Schnäppchen gemacht, auf der Online-Spieleplattform eine persönliche Highscore aufgestellt usw …
Interessant was für eine Grafik Herr Thomas Hess benutzt, ein Ring kein gleichschenkliges Dreieck, als wollte Er die Gesellschaftspyramide vermeiden.
Interessant was für Wörter Herr Thomas Hess benutzt\findet,
die Digitale Avantgarde, den Digitalen Mainstream und die Digitalen Nachzügler.
Also die digitale Avantgarde kann französisch, der digitale Mainstream kann englisch, die digitalen Nachzügler nur deutsch.
Als wollte Er die Worte digital elite, digital middle class , digital lower class, vermeiden.
Warum macht Herr Thomas Hess sowas?
MfG
Androiden sind in einem Quader-Kollektiv
@ Android: Ich glaube, jede Ideologie hat ein Vorne und ein Hinten. Man legt fest, wer “progressiv” ist und wer vom alten Eisen. Es wird eine Linie durch die Realität gezogen, die sagt: So ist es richtig. So wird es kommen. So wird das gemacht. Deshalb macht Herr Hess sowas. Danke für die Dekonstruktion.
rml