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Sebastian Lange

Die FTD hat es vorgemacht: Wahlempfehlungen sollten kein Tabu sein

Sebastian Lange | 7 Kommentar(e)


2002 hat die Financial Times Deutschland erstmals eine Wahlempfehlung abgegeben. Sie hat dafür viel Kritik einstecken müssen. Dabei ist nicht zu verstehen, warum Redakteure für Hintergründe und Meinungsbildung zuständig sein sollen – im letztlich entscheidenden Punkt aber keine Meinung vertreten sollen.

19.03.2009 | 


Vor der Bundestagswahl 2002 hat die Financial Times Deutschland erstmals eine Wahlempfehlung abgegeben. Bis heute ist sie die einzige deutsche Zeitung, die dies praktiziert hat. Die Bundestagswahl 2009 gibt die Gelegenheit, darüber noch einmal zu diskutieren.

Warum eigentlich nicht? Warum sollten Zeitungen keine Wahlempfehlungen abgeben? Bereits vor den Bundestagswahlen 2002 und 2005 hat Deutschland schon darüber diskutiert, ob die “Financial Times Deutschland” richtig handelt, wenn sie sich zur Wahl einer Partei bekennt. Die Zeitung hat dafür Kritik einstecken müssen. “Missionarisch” sei eine solche Empfehlung, fand Hans Leyendecker von der “Süddeutschen Zeitung”, und der Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg sprach von “Bevormundung” der Leser. Seltsam: Da leben wir in einer Demokratie, und eine Redaktion lebt vor, wie sie nach eingehender politischer Diskussion Stellung bezieht — und wird dafür gescholten. Dabei ist Meinungspluralismus einer der Grundpfeiler unserer Demokratie, warum um Himmels Willen sollten Redakteure einer Zeitung dann so tun, als hätten sie im letztlich entscheidenden Punkt keine Meinung?
Nun mag man einwenden, dass es die Aufgabe der Journalisten sei, zu recherchieren, Hintergründe darzustellen und damit die Basis für die Meinungsbildung der Leser zu schaffen. Sofern die Redaktion aber die Grundregel beachtet, zwischen Nachricht und Meinung zu trennen, stellt sich die Frage, warum es zulässig sein soll, die Politik einer Partei zu kommentieren und zu bewerten — unzulässig aber, dann konsequenterweise auch ihre Wahl zu empfehlen oder davon abzuraten. Nur Mut zur Offenheit, Zeitungsmacher! Die Leser werden kaum glauben, sie hielten nun ein Parteiblatt in den Händen.

Sebastian Lange ist Chefredakteur des Fachmagazin “Politik & Kommunikation“.

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7 Kommentare

  1. Robin Meyer-Lucht |  19.03.2009 | 19:49 | permalink  

    Ich kann hier ja gleich mal anfangen: Carta wird sicher keine Wahlempfehlung abgeben. Ich finde, es ist die höchste Aufgabe von Medien, die Grundlage für eine gute Wahl zu legen – nicht aber die Wahl direkt nahezulegen.

    Wahlen sind Abwägungsprozesse, die eigentlich eine intellektuelle Beleidigung sind. Die komplexe Gemengelage muss auf einen extrem einfachen Wahlakt reduziert werden. Eine Wahl ist damit immer mängelbehaftet. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen.

  2. John Doe |  19.03.2009 | 20:46 | permalink  

    hm, ich stelle mir vor die Bild fordert dazu auf die CDU zu wählen.
    Ich fände die Vorstellung ziemlich erschreckend…

  3. hubert |  19.03.2009 | 21:27 | permalink  

    Ehrlich wär’s, zumindest. Weil implizit wird auch im Rest der Nichtwahljahre durchaus Partei bezogen.

  4. Karsten |  20.03.2009 | 01:10 | permalink  

    Hm, vielleicht mag das Neue Deutschland eine Wahlkampfempfehlung abgeben…

    Im Ernst: Die SZ wird keine abgeben, die FAZ nicht, die taz nicht, die FR wohl auch nicht – und die FTD sollte, wenn sie ehrlich ist, diesmal Merkel eher nicht empfehlen. Welche Zeitung kommt eigentlich überhaupt noch für eine Empfehlung infrage? Oder reden wir hier über Spiegel Online oder den Stern.

    Gabor Steingart hat ja kürzlich im Spiegel quasi zur Nichtwahl von Angela Merkel aufgerufen. Das ist doch auch schon mal was.

  5. Wolfgang Michal |  20.03.2009 | 12:45 | permalink  

    Mit Wahlempfehlung einer Zeitung meinen Sie sicher die Wahlempfehlung des Chefredakteurs oder des Herausgebers (kann – in Einzelfällen – auch eine Frau sein). Dann würde zumindest deutlich, wie einseitig und schmal in Deutschland die Empfehlungen verteilt sind: FDP-FDP-FDP-CDU-FDP. Insofern ein sehr guter Vorschlag!
    Oder aber Sie sind dafür, Abstimmungen in den Redaktionen durchzuführen, bzw. gleich im ganzen Verlagshaus, denn die Vertriebsleute haben ja auch eine Meinung. Das würde genau die Unruhe bringen, die Unternehmer so sehr schätzen;-). Die FTD-Wahlempfehlung war “mutig”, zeigt aber, wie naiv Wirtschaftszeitungen sind, wenn sie “leiten” sein wollen. Ich denke, die maßgeblichen Leute in den Zeitungen werden ihre Wahlempfehlungen doch lieber weiterhin zwischen den Zeilen, durch Kommentierung und Nachrichten-Auswahl abgeben.

  6. jep |  20.03.2009 | 13:37 | permalink  

    Die Idee von Wahlempfehlungen ist mir durchaus sympathisch. Aber sie hat eine Voraussetzung: Die strikte Trennung von Nachricht und Meinung, und die gibt es in Deutschland ganz einfach nicht. Eine „New York Times“ tut sich leichter mit ihren Wahlempfehlungen, news und editorial department sind unabhängig voneinander. Hierzulande halten dagegen viele Redakteure ihren Beruf sogar mit einem Parteibuch vereinbar. http://www.axel-springer-akademie.de/blog/2009/02/25/darf-es-journalisten-mit-parteibuch-geben/

  7. Timo Rieg |  20.03.2009 | 16:43 | permalink  

    Eine einheitliche Wahlempfehlung eines Mediums ist lächerlich und gerade kein Zeugnis von Pluralismus. Dann müssten schon, wie Herr Michal intendiert, alle Mitarbeiter ihre persönliche Empfehlung abgeben – und das ist langweiliger, als mit dem Nachbarn über die Wahl zu sprechen.
    Da sich zumindest der sog. politische Teil der tagesaktuellen Medien ja fast ausschließlich – und damit völlig verzerrend – mit Parteipolitik befasst, kommen die Leser wohl zu eigenen Wahlempfehlungen. Einschließlich der immer stärker journalistisch beworbenen Wahlverweigerung.

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