Hans F. Bellstedt

Kurz vor der „Notfall“-Enteignung: Eine Begegnung mit dem unscheinbaren Mr. Flowers

Hans F. Bellstedt | 10 Kommentar(e)


Am Montag betrat ein hagerer, unscheinbarer Mann die parlamentarische Arena am Spreebogen: J. Christopher Flowers – der Mann, dem die Bundesregierung die HRE-Aktien entreißen möchte. Eine denkwürdige Zusammenkunft.

18.03.2009 | 


Es gibt Begegnungen, die man erlebt haben muss: So zum Beispiel im Finanzausschuss des Deutschen Bundestages am 16. März 2009. Laut Tagesordnung ging es um den „Entwurf eines Gesetzes zur weiteren Stabilisierung des Finanzmarktes“, kurz: Finanzmarktstabilisierungsergänzungsgesetz (FMStErgG). Dahinter verbirgt sich, was einmal als die Wasserscheide der Finanzkrise (und des Versuchs, sie politisch einzudämmen), in die Geschichtsbücher eingehen könnte: nämlich die erklärte Absicht der Bundesregierung, unser Wirtschaftsrecht um die Option der Enteignung zu erweitern.

Die Bühne, auf der diese Auseinandersetzung im Rahmen einer öffentlichen Anhörung ausgetragen wurde, hätte imposanter nicht sein können: Der Ausschusssitzungssaal im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Deutschen Bundestages besticht durch die atemberaubende Höhe seiner Decke ebenso wie durch die zur Spreeseite gewandte Vollverglasung. Auf der Gästetribüne gibt es nur noch Stehplätze. Parterre, im Halbrund versammelt, die Finanzpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen mit ihren Obleuten und Arbeitsgruppenmitgliedern. Ihnen gegenüber, als Sachverständige angekündigt, all diejenigen, die vor lauter Krisensitzungen zur Rettung der maroden Hypo Real Estate (HRE) kaum noch in den Schlaf kommen dürften: Bundesbankpräsident Axel Weber, Soffin-Chef Hannes Rehm samt seines Vorgängers, Günter Merl, Jochen Sanio, der die Bafin leitet, ebenso wie die Wirtschaftsweisen Peter Bofinger und Beatrice Weder di Mauro.

Bei soviel geballter Kompetenz blieb für den eigentlichen Hauptakteur nur noch ein Stuhl in der zweiten Reihe: J. Christopher Flowers. Er ist es, der zwischen der Bundesregierung und dem „E-Wort“ (das am Montag keiner in den Mund nehmen wollte) steht; er ist es, der allein an seinem HRE-Engagement (hinzu kommt die desaströse Entwicklung der HSH-Nordbank, an der Flowers ebenfalls beteiligt ist) nicht weniger als eine Milliarde Euro verloren hat; und er scheint irgendwie auch der einzige (wiewohl fast keinem Klischee entsprechende) global agierende Banker zu sein, dessen man im Rahmen eines parlamentarischen Verfahrens habhaft werden konnte. Entsprechend grell ist das Blitzlichtgewitter, als Flowers, dieser hagere, unscheinbare Mann, eingeflogen aus New York, die Arena am Spreebogen betritt: Begegnungen, die man erlebt haben muss.

dfsf

Investor J. Christopher Flowers: "Da kennen wir uns besser aus." (Foto: ddp)

Flowers spult den Termin mit einer Emotionslosigkeit ab, die fast schon irritierend ist: Der einst jüngste Partner der Investmentbank Goldman Sachs, der durch den Turnaround einer japanischen Bank zu Ruhm und Kleingeld gekommen ist, beruft sich auf seine Rechte als Aktionär ebenso wie auf seine Kompetenz: „Die HRE hat Investments in Florida. Da kennen wir uns besser aus“, bietet er dem Staat seine Hilfe und Expertise an. Und fügt hinzu, dass die Annahme falsch sei, eine 100 Prozent-Verstaatlichung verhelfe der HRE zu besseren Refinanzierungskonditionen. „Dann müssten Fortis und Northern Rock doch auch geringere Zinsen zahlen. Das Gegenteil ist der Fall“.

Die Abgeordneten, aber insbesondere die Sachverständigen sehen den Fall anders: Für Hannes Rehm, der zuletzt die NORD/LB geleitet hat, ist die HRE von „überragender systemischer Bedeutung“. Die Rettung des Instituts dürfe „durch dritte Aktionäre nicht gestört werden“. Bundesbankchef Weber sinniert, dass der „Nettounternehmenswert“ der HRE bereits „unter Null“ liegen könne – klarer hätte man Flowers’ Ansprüche auf 3 Euro pro Aktie nicht abweisen können. Noch düsterer bemalt Jochen Sanio von der Bafin den Horizont: Ende März, also in zwei Wochen, müsse die HRE ihre Bilanz vorlegen. Es könne so kommen, dass die Verluste der Bank „nicht neutralisierbar“ seien. Dann schlage „die Minute der Bafin“, so deren Präsident nicht ohne Sinn fürs Dramatische: Seine Behörde müsse dann über die HRE ein Moratorium verhängen – als Vorstufe zur Liquidation.

Das sass. Volltreffer. Wer bis hierhin nicht kapieren wollte, worum es ging, der hatte nunmehr verstanden. Die „Kernschmelze“ stand förmlich im Sitzungsraum des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses. Denn jeder hatte am Morgen in den Zeitungen gelesen, was alles dranhängt an der HRE. Von bis zu eintausend Milliarden Euro bedrohter Assets war da die Rede. Nun richteten sich alle Blicke auf die Abgeordneten.

Diese rangen von Frage zu Frage ums Grundsätzliche: Ist die von Wirtschaftsminister zu Guttenberg ins Spiel gebrachte „Restrukturierungsverwaltung“ als eine Art deutsches „Chapter Eleven“ eine kurzfristig realisierbare Alternative? Wie würde sich eine Enteignung auf Deutschlands Ruf als Investitionsstandort auswirken? Wie sinnvoll ist die Befristung des Gesetzes bis zum 30. Juni? Verraten wir die Marktwirtschaft, wenn wir der Verstaatlichung zustimmen? Oder schließen wir eine Gesetzeslücke, um so die Marktwirtschaft, wie Jörg-Otto Spiller von der SPD argumentierte, gerade aufrecht zu erhalten? Man wollte in diesen Stunden nicht wirklich tauschen mit unseren Volksvertretern: Auf ihnen lastet eine Entscheidung von Tragweite. „Wir sind hier nicht in einem Notfall-Gesetzgebungsverfahren“, stöhnt einer der Sachverständigen, nachdem alle Argumente ausgetauscht worden sind. Er könnte das Gegenteil gemeint haben.

Irgendwann, nach etwa zwei Stunden, verliert sich der Spannungsbogen. Während Flowers noch einmal für eine „recovery“ der HRE unter seiner Beteiligung wirbt („Das haben wir in Japan auch schon gemacht“), hat der Reuters-Reporter neben uns schon auf „Senden“ gedrückt. Draussen auf der Spree ziehen Vergnügungsdampfer tuckernd ihre Bahnen. Im Saal werden die ersten Bockwürste gereicht. Die Renten steigen, und Fed-Chef Bernanke sieht Licht am Ende des Konjunkturtunnels. Den Abgeordneten in Deutschland verbleiben derweil noch vier Tage. Am Freitag wird abgestimmt über das Finanzmarktstabilisierungsergänzungsgesetz. Dass am Montag darüber ausgiebigst und in voller Transparenz diskutiert wurde, zählt nicht zu den schlechtesten Seiten unserer Demokratie.

Weitere Quellen: Die FTD über den Flowers-Auftritt.

CARTA Kaffeekasse
Carta wird FACEBOOK-Kommentare einführen - demnächst hier...

10 Kommentare

  1. Matthias Schwenk |  17.03.2009 | 13:49 | permalink  

    Von mir aus dürfte Herr Flowers gerne Anteilseigner der HRE bleiben. Er müsste sich dann nur am Bailout der Bank entsprechend seiner Anteilshöhe beteiligen. Da er das aber angesichts von über 100 Mrd Euro (direkte Hilfen sowie Garantien) kaum wollen wird, weine ich seinem verlorenen Einsatz keine Träne nach.

  2. Robin Meyer-Lucht |  17.03.2009 | 14:06 | permalink  

    Mit dem Auftritt von Flowers wird die Finanzkrise in ihrer Extremform plötzlich real. Der globale Finanzkapitalismus schlägt in den irgendwie provinziell-wirtschaftsfernen Anhörungssälen des Bundestages auf. Auch Gesetzgebung bekommt damit eine andere Qualität.

    Dank Internet kann man dies nun auch ganz real nachträglich im Parlaments-TV schauen (für realPlayer):
    rtsp://btag-od.real.t-bn.de/btag/16/bt300_20090316_a07.rm

  3. Tim |  17.03.2009 | 22:43 | permalink  

    Gibt es eigentlich plausible Modelle, was passieren würde, wenn man eine (angeblich) systemrelevante Bank pleite gehen läßt? Ich meine jetzt keine Bauchannahmen der “Sachverständigen” (die noch vor 12 Monaten alles in bester Ordnung sahen), sondern tatsächliche Modelle. Normalerweise taugt die Volkswirtschaftslehre ja nur in den Fällen, in denen sie Phänomene nachträglich vorhersagen muß.

  4. Matthias Schwenk |  18.03.2009 | 00:43 | permalink  

    @Tim: Meines Wissens nach gibt es solche Modelle nicht. Einen Fall wie die heutige Situation hielt man für so unwahrscheinlich, dass man dafür keine theoretischen Konzepte entwickelt hat.

  5. Hans Bellstedt |  18.03.2009 | 09:11 | permalink  

    @ Tim und @ Matthias Schwenk: Auch m.W. gibt es solche Modelle nicht. Aber in der FAZ v. heute lesen Sie auf Seite 12 einen sehr erhellenden Beitrag von Prof. Beatrice Weder di Mauro und Prof. Martin Hellwig zum Thema “gestaltete Insolvenz” (Umgang mit Vermögenswerten, Schutz von Anlegern etc.). Der vielleicht zentrale Gedanke darin lautet: “Auch bei bestmöglicher Verwertung der Aktiva ist eine Insolvenz der Bank nicht auszuschließen. Dann aber besteht die Gefahr, dass die Kosten für den Steuerzahler sich vervielfachen, wenn die Insolvenz verschleppt wird”. Das heisst implizit und zugespitzt: Das am Freitag zur Abstimmung im Bundestag stehende Gesetz ist zwar gut gemeint, führt aber de facto nur zum Aufschub des Unvermeidbaren, nämlich der – dann mit noch höheren Kosten behafteten – Schließung der HRE. Ein fast unlösbares Dilemma zwischen dem ökonomisch Gebotenen und der politischen Opportunität.

  6. Frank Bergmann |  18.03.2009 | 11:36 | permalink  

    Der Steuerzahler und andere Banken haben der HRE mit Bürgschaften von 100 Milliarden Euro aus der Klemme geholfen. Die HRE ist für die Finanzwirtschaft (und damit für uns alle) mindestens so wichtig wie Lehman Brothers. Die HRE jetzt nicht zu retten, wäre unverantwortlich. Das Gesetz ist der “Airbag für das deutsche Finanzsystem”.
    http://blogfraktion.de/2009/03/06/airbag-fur-das-finanzsystem/

  7. robin meyer-lucht |  18.03.2009 | 11:44 | permalink  

    Und der Text von Beatrice Weder di Mauro und Martin Hellwigsteht bei der FAZ hier online:

    http://www.faz.net/s/RubC9401175958F4DE28E143E68888825F6/Doc~EFA4AAF55806145B58EE2C1236B9652B8~ATpl~Ecommon~Scontent.html

  8. Tim |  18.03.2009 | 12:15 | permalink  

    @ Frank Bergmann

    Die HRE ist für die Finanzwirtschaft (und damit für uns alle) mindestens so wichtig wie Lehman Brothers. Die HRE jetzt nicht zu retten, wäre unverantwortlich.

    Genau dieser Punkt interessiert mich ja. Kann man diese Aussage irgendwie durch plausible Modellrechnungen begründen? Welche Finanzinstitute wären durch eine HRE-Pleite in welchem Ausmaß betroffen? Wäre es ggf. effizienter, nur bei eben diesen Banken einzugreifen statt bei HRE? Auf welcher Grundlage kommt Ihre Fraktion zu dem Schluß, daß eine HRE-Rettung die bestmögliche, d.h. effizienteste Maßnahme ist? Habe darüber in den Medien leider noch nichts gelesen und würde mich über Aufklärung freuen.

  9. Wittkewitz |  18.03.2009 | 15:13 | permalink  

    Na alle Institutionen, die in Pfandbriefe investiert haben. Also alle Versicherungen, öffentliche Fonds, private Fonds, Kleinanleger, Mittelstand, Industrielle, Gewerbetreibende, Freiberufler wie Ärzte oder Rechtsanwälte und Architekten. Kurz gesagt: Wer die die HRE und damit die DePfa in den Dreck stößt, schädigt alle, die mehr als 20.000 EUR auf der hohen Kante haben und damit 96% der CDU-Wähler. Wären dieses Jahr nicht Wahlen und hätten wir einen “interessierten Insider” wie Bernanke als Bankenchef, dann wäre die HRE wohl schon da, wo jetzt Lehmann ist…

  10. Die FAZ enthüllt’s: Ludwig Erhard-Intimus hätte Abwrackprämie befürwortet — CARTA |  14.04.2009 | 14:18 | permalink  

    [...] der Markt für Enteignungen sorgt, war uns so noch nicht bewusst (mehr hier). Noch irritierender jedoch nimmt sich die Mühelosigkeit aus, mit der der raumgreifende [...]

Sie möchten diesen Text kommentieren?

Ihr Name (erforderlich):

Ihre E-Mail (erforderlich):

Ihre Website:

Über Facebook oder Twitter einloggen:

Sie können Ihren Kommentar mit HTML-Befehlen formatieren.