Tim Renner | 6 Kommentar(e)
Der Generationenvertrag funktioniert nicht mehr. Früher waren die Popmusik-Fans immer jung. Ihre Mission war, sich mit Hilfe von Musik abzugrenzen. Heute wird Pop und Rockmusik in der absoluten Mehrheit (69% laut letzter GfK Studie) von Menschen über 30 gekauft. Zur Abgrenzung Pubertierender taugt sie kaum noch. Schade für die Popmusik, denn dadurch, dass es immer darum ging, die Vorgängergeneration herauszufordern, erfuhr sie eine ständige Erneuerung.
05.03.2009 |
Stattdessen sind wir es, die als Erwachsene Ramones Museen gründen und pflegen, uns nicht altersgemäß kleiden und versuchen, uns im Zweifel gegenseitig zu provozieren, während diese verwöhnten Gören von Teenagern vorm PC oder Mac hängen und sich per Study VZ gruscheln oder mit Hilfe von Egoshooter Games gegenseitig abknallen.
Im ständigen Hase und Igel Spiel des Decodierens popkultureller Signale haben wir ganz klar die Nase vorn. Nachdem Gangsta Hip Hop aus dem märkischen Viertel und Emo aus Magdeburg dem Nachwuchs auch nicht geholfen hat, sind die Rotzlöffel in virtuelle Welten geflohen. Selbst schuld…
Selbst schuld ist auch die Popindustrie, die den oben beschriebenen Vorgang bis heute nicht wirklich verinnerlicht hat. Früher, als die Jugend in Sachen Pop und Rock noch ihren Job machte, konnte sie anhand der Charts sehen, was bald relevant werden würde. Wer Meinungsführer im Freundeskreis war, musste schnell loslaufen um sich die wichtigsten, neuen, „heißen Scheiben“ zu kaufen. Auf dem Schulhof wurde dann angegeben und mit den Mixtape die Mädchenherzen erobert. Eine Abbildung der Verkäufe einer Woche zeigte also das auf, was die schnellen, beweglichen und jugendlichen Trendsetter kauften und war ein wichtiges Signal, um in den vielen Schallplattenläden und Abteilungen für eine Marktabdeckung mit Tonträgern des jeweiligen Chartstürmers zu sorgen sowie Radio DJs von dessen Relevanz zu überzeugen.
Die Zeiten sind vorbei. Radioprogramme werden bei den meisten Stationen (Motor FM ist da natürlich eine Ausnahme :-)) nicht mehr von DJs gemacht, sondern durch automatisierte Playlist auf Basis von Callouts (Telefonumfragen) bestimmt. Schallplattenhändler gibt es kaum noch, dafür einige wenige, zentral belieferte Ketten und Onlineshops, die alles Repertoire ohne Bestandsrisiko vorhalten können. Echte Opinionleader holen sich die neusten Songs und Trends lange vor Veröffentlichung illegal aus dem Netz. Da landen sie zwangsläufig, sobald die Medien bemustert werden, um über sie zu berichten und den Konsumenten heiß zu machen. Der Bedarf soll gestaut werden, um sich dann in den Charts zu entladen.
Pustekuchen, die Charts haben ausgedient. Wenn wirklich spannende Musik veröffentlicht wird, hat die Zielgruppe sie entweder schon längst, oder sie ist so alt und souverän, dass sie alle Zeit der Welt hat, um sich diese zu beschaffen. Der neueste Trend ist auch drei Wochen später noch heiss genug… Abgebildet wird im Kern der Erwerb von Quängelware („Mami ich will Schnappi, sonst schrei ich“) oder das Verhalten Ewiggestriger, die mit dem Internet nicht warm geworden sind (besonders häufig unter Castingshow-Zuschauern und Hard Rock Fans zu finden). Die Charts und die mit ihr einhergehende Politik der Veröffentlichungsverschleppung sind somit eher zur Belastung, denn zum Mittel zur Absatzförderung der Musikindustrie geworden. Sie wirken sich sowohl inhaltlich als auch wirtschaftlich negativ aus.
Wie ein Drogensüchtiger, der vom Gift nicht lassen kann, kommen die meisten Labels dennoch von der alten Systematik nicht los. Verständlich, Charts liefern die letzten Zahlen, die einen bei Bossen oder den Headquarters in London und/oder New York gut aussehen lassen. Den Deutschen bedeutet die Liebe ihrer Bosse viel. Wir sind deshalb auch das einzige Land der Welt, das die Charts sogar für ihre jährlichen Musikpreise heranzieht. Das macht den Echo von den Preisträgern her (T. Godoj, S. Heinzmann , P. Potts…) dann zwangsläufig zur Castingparade. Wer aber Popmusik nur noch als Derivat von TV-Realiyshows erlebt, hat alles Recht der Welt, Authenzität lieber durch die Flucht in Socialcommunities und LAN-Battles zu suchen und sich der Erneuerung zu entziehen.
Tim Renner schreibt auf Motorblog, wo auch dieser Text erschienen ist.





Als Mensch, der Ende der 60er, Anfang der 70er via Musik von Led Zeppelin, Deep Purple, Colosseum etc. musikalisch sozialisiert wurde, kaufe ich heute (damals war das monetär immer etwas schwierig) LP’s, CD’s und DVD’s nach, zahle da schon mal Preise, die den ach so aktuellen Top-Hits kaum nachstehen. Manche der “alten Herren” haben bis heute noch etwas zu bieten, was man im modernen “easy listening”-Musikbrei schmerzhaft vermisst. Wobei, deren Ticket-Preisvorstellungen heutzutage muss man nicht unbedingt nachkommen, die DVD tut’s auch.
Um gleich auch mal in deutschen Gefilden – musikalisch sowie inhaltlich – zu bleiben, die erste Nina Hagen LP von 1978 halte ich in Ehren und auch BAP ist bei (mangels “kölsch” nachzulesenden Texten) immer noch erste Wahl.
Blue-Ray und ähnliches bleibt mir aussen vor. Die Doppel-DVD von Cream (Royal-Albert-Hall / 2005) ist mir Stand der Technik genug.
Lustig, wie Herr Renner einerseits über den Zahlenwahn der Musikindustrie spottet – aber gleichzeitig seine These über eine ebenso nichtssagende Zahl zu stützen versucht.
“69% der Musik wird laut letzter GfK Studie von Menschen über 30″ gekauft? Eben – alle anderen zahlen schon lange nicht mehr für Musik. Allein die Idee einer zentralen Musikerfassung: in Zeiten des Long Tails vollkommen absurd.
Genau: moderne Jugendkultur war immer auch der mediale Spiegel des hormonell induzierten Cuts von Papa/Mutti (industriell gestützt von ein paar Leuchtturmwärtern aus der jeweiligen Elterngeneration).
Und wenn die Generation Rock’n'Roll zwar langsam aber sicher fertig geriestert hat, ehemalige Kommunenbewohner sich auf’s betreute Wohnen vorbereiten und Mick Jagger (82) als generationenübergreifende Postpubertätsikone auch irgendwann in den Popkulturhimmel auffahren wird, hat sich das System der industrialisierten Abgrenzungsproduktwelt Musik dann auch zwangsläufig ins Nirvana (hehe) der selbstreferentiellen Bedeutungslosigkeit befördert.
Wie soll man auch vernünftig pubertieren, wenn man auch beim krudesten Konzert auf Onkel Peter oder Tante Emma treffen kann, Papi im Auto immer MotorFM hört und nicht mal die schlimmsten Drogenexzesse der aktuellen musikalischen Vorbilder den Erziehungsberechtigten noch schrecken können (”Also Jim Morrison war in den seinem Alter schon längst tot …”)
In der bildenden Kunst heisst die Avantgarde von gestern auch immer noch modern und ist längst zur akademischen Konvention erstarrt und dem Anspruch der institutionalisierten Revolution wird auch die gleichnamige mexikanische Regierungspartei nicht wirklich gerecht. Ein Teufelskreis. Muss meine Tochter sich jetzt den Zipfelbuben zu wenden, um mich zu schocken? Oder ist sie damit nicht auch gleich wieder Teil einer zuhörenden Mehrheit?
Dem musikalisch-industriellen Komplex bleiben nur die gentechnisch erzeugten Wackelkandidaten. Die Chartbefriedigungsapparate sind zu aufwändig, zu schwerfällig.
Für die Popkulturindustrie bleibt nur eines: vom ZDF lernen heisst siegen lernen. Wenn deine Zielgruppe das Durchschnittsalter 60+ erreicht hat, musst du halt den Ton etwas lauter drehen.
mit dem einzug der theorie eines medianwählers in gängige marketingstrategien ging die branche meines erachtens viel mehr den bach runter als durch etwaige neue medien über die musik heutzutage ihre distribution findet. wer jetzt weint, ist der, der eben dank der unübersichtlichkeit des internets seinen median nicht mehr findet und über sinkende zahlen und qualität meckert. wovon motor.fm im übrigen sehr wohl betroffen ist. ;)
avantgarde wäre weiterhin ohne probleme zu bewerkstelligen, nur fehlen dazu allerorts die eier, da exklusive aussergewöhnlichkeit auch immer heisst, dass man sich von der mitte weg bewegt. und das will der treudoofe radiosender genausowenig wie das dicke label, da die furcht vom boss, ergo der fehlenden quote größer ist als der fruchtbare antrieb, neue wege einzuschlagen.
die medienbranche hat sich selbst ausgetrickst. und das “recht” (eher notwendigkeit) sich auf anderen plattformen zu tummeln, verdient sich jeder, der ein bisschen geschmack und lust auf demokratischen medienkonsum (der eben nicht zwangsläufig illegal ist, genug labels bemustern blogs, musikseiten im großen stil) hat.
solche phänomene wieder soziologisch zu zerbröseln, hilft niemandem, ausser eben dem ewig gestrigen, der sich nicht traut ins frische nass zu springen, ohne sich zumindest noch durch festes klammern an die leiter die flucht aus dem becken offen zu halten. die medienbranche hat sich von ihrer hörerschaft entfernt, eben nicht umgekehrt.
[...] Schlüßel zum Erfolg liegt im Verständnis der Mediennutzung verschiedener Alters- und Zielgruppen. Nur wer sein Angebot entsprechend anpassen kann, wird auf Dauer überleben können. Den [...]
Also…vorweg : Ich bin großer Fan von Motor FM. Aber die Problematik liegt heute in einem anderen Verbraucher verhalten. Ich bemühe mich mal Fremdwörter weg zu lassen. Wenn ein album im Regal steht und 14,95 € kostet, denke ich als junger Mensch an einen CD-Rohling der mich vielleicht 0,79 € kostet. Klar würde ich auch als Teenager gerne das original in den Händen halten, denn da gibt es ein Songbook auf Hochglanz und die CD ist halt im besserer Qualität. Versaut haben es die Major-Labels mit ihren hohen Preisen. Dazu kommt natürlich das Internet. Wenn mich ein Titel interessiert, suche ich solange im Netz bis ich ihn komplett – ohne Störungen – ohne Viren – und brandneu bekommen kann. Ganz einfach. Dass die Künstler leer ausgehen ist mir schnuppe. Bei Zahlen von Millionen die eine Madonna
oder ein Robbie Williams bekommen, trifft es ja keinen Armen. Aber leider trifft es alle anderen auch. Diese Erkenntnis ist bis heute nicht vorhanden. Junge Bands die absolut großes Potenzial haben, scheitern daran dass Musik kein Geld bringt. Also
warum dann noch sein “Geistiges Werk” bei der GEMA anmelden. Alle Hoffen auf eine Entdeckung durch ein Major-Label. Aber selbst wenn der erste Song Läuft und der Zweite floppt, dann sitzen sie wieder als Kassiererin im Zoo oder bei Futterhaus um Regale auf zu füllen. Die Lösung für die Musikwirtschaft, die im Moment auf er Intensiv-Station liegt, suchen alle so krampfhaft. Dabei liegt die Lösung direkt vor ihnen. Ja- auch Sie von Motor-FM meine ich. Aber das Schöne ist ihr kommt nicht drauf, weil euer Ego zu stark ausgeprägt ist. Daher mal hier eine Denksportaufgabe :
entschlüsseln Sie den Satz ” Gemeinsam sind wir stark” und haben weniger Kosten
(Betriebswirtschaftlich gesehen). Da könnt ihr noch soviel Kopierschutz entwerfen und Goodies als Radiosender rauswerfen. Die Jungend heute tickt anders.
Ok. Noch ein Tip : Musik kostenlos anbieten.
Oh Gott, was für eine Forderung. Aber mehr Geld kann man nicht damit verdienen,
als das was man dann bekommt. Ihr würdet euch wundern, es ist eine reine Gelddruckmaschiene. noch Fragen Herr Renner ? Rufen Sie mich doch einfach an :-)