Beate Reszat | 15 Kommentar(e)
“Europas stille Bankenkrise” – so still, dass fast niemand das tatsächliche Ausmaß auch nur vermutet.
27.12.2012 |
Von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet und überdeckt von den jüngsten Skandalen um die Deutsche Bank, steuert das deutsche Universalbankensystem zunehmend in eine Situation, die die Zeitschrift Euromoney jüngst als “Europas stille Bankenkrise” bezeichnet hat. Mit einem DB Research-Artikel über die Vorteile des Systems, der zum Widerspruch reizt (so zum Beispiel den Autor und Investmentbanker Chris Whalen), hat das größte deutsche Finanzinstitut selbst die Aufmerksamkeit auf diese Tatsache gelenkt.
Die Kernaussagen des Artikels sind: Universalbanken haben viele Vorteile. (1) Sie bieten ein breites Spektrum von Leistungen. (2) Sie erwirtschaften Skalenerträge, die die Kosten für ihre Kunden und damit für die Wirtschaft als Ganzes senken. (3) Diversifizierung erlaubt ihnen, Erträge stabil zu halten, und (4) durch ihr weites Betätigungsfeld haben sie einen besseren Überblick darüber, wo Risiken gehäuft auftreten. Die Frage ist, ob die Banken heutzutage wirklich noch in den Genuss dieser Vorteile kommen und wenn ja, zu welchen Kosten.
Angebotsvielfalt
Die Vorzüge des Leistungsspektrums von Universalbanken sind unbestritten. Damit verbunden ist jedoch ein wirtschaftlicher und politischer Einfluss, der sich gerade zur Zeit in Europa und weltweit als unheilvoll erweist.
Banken vergeben Unternehmenskredite, begeben Wertpapiere, halten Beteiligungen, vertreten sich und andere (Stichwort Depotstimmrecht) auf Hauptversammlungen und nehmen Aufsichtsratsmandate wahr. Hinzu kommt ihr Privatkundengeschäft mit Millionen von Haushalten und Sparern (und Wählern), das ihnen eine nahezu unbegrenzte Aufmerksamkeit von Politik und Öffentlichkeit sichert.
Unter diesen Umständen ist jenseits aller Rhetorik kaum jemand, der an politischen Entscheidungen beteiligt ist, bereit, das Risiko eines Zusammenbruchs von Instituten ab einer gewissen Größe einzugehen. Zu bedrohlich erscheint die – von Wirtschaftsprofessoren, aber auch und gerade von den Banken selbst immer wieder beschworene – Gefahr, dadurch eine Systemkrise mit unabsehbaren Folgen für die Wirtschaft auszulösen. Für weniger beängstigende Szenarien, die einen Ausweg weisen könnten, ist in diesem Umfeld kein Raum.
Gerade in Deutschland, wo traditionell die Furcht vor Finanzkrisen verbreitet ist, schränkt dies die Handlungsfreiheit der Politik stark ein. Politisches Krisenmanagement besteht hier aus möglichst lautlosen Rettungsaktionen – wer kann schon mit Begriffen wie FMS und EAA etwas anfangen? - und einem endlosen „can kicking“, also einem Hinauszögern von Entscheidungen, das den Banken entgegen allen Beteuerungen den nötigen Spielraum verschafft, Risikopositionen abzubauen und Verluste zu begrenzen, bevor es zum Schwur kommt. Mit diesem Verhalten, das den Belangen des Finanzsektors Vorrang vor allgemeinen wirtschaftlichen Notwendigkeiten gewährt und gleichzeitig regionale und globale Interessen und Errungenschaften hinter nationalen Aspekten zurückstehen lässt, haben die Vorteile des Universalbankensystems einen hohen Preis.
Skalenerträge
Skalenerträge sind Größenvorteile: Mit zunehmender Geschäftsausweitung verringert sich der Fixkostenanteil einer einzelnen Einheit. Ob sich aber das dafür notwendige Wachstum erzielen lässt, hängt nicht nur von der Strategie der Unternehmen ab, sondern auch von ihrem Umfeld. In Deutschland beispielsweise sind der Bankenexpansion durch Wettbewerb und Fragmentierung Grenzen gesetzt.
Deutschland hat zu viele Banken. Während Frankreich (bei ähnlicher Größenordnung der Bilanzsummen) im März 2012 über 656 Finanzinstitute verfügte, Italien über 740 und Spanien über 334, betrug die Anzahl der Banken in Deutschland 1.893 (Details hier).
Verschärft wird das Problem dadurch, dass das deutsche Bankensystem keinen einheitlichen Markt bildet, sondern auf drei Säulen ruht: den Privatbanken, den öffentlich-rechtlichen Sparkassen und Landesbanken, und den Genossenschaftsbanken. Alle drei werden durch einflussreiche Interessenverbände vertreten. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) beispielsweise ist mit etwa 50 Millionen Kunden eine der größten Bankengruppen weltweit. Zudem stehen die Banken in Wettbewerb mit 680 Finanzdienstleistern, etwa 600 Versicherungsunternehmen, 30 Pensionsfonds, sowie etwa 5.900 inländischen Fonds und 77 Kapitalanlagegesellschaften (BaFin).
In diesem Umfeld ist es schwer, zu wachsen und Skalenerträge zu erwirtschaften. Deutsche Banken sind daher lange Zeit verstärkt ins Ausland ausgewichen, wo sie allerdings auf Hindernisse anderer Art stießen. Ihr größtes Handicap schien dabei in dem Unterschied der Finanzkulturen zu wurzeln und in einer historisch bedingten Rückständigkeit des deutschen Systems, die unter der dünnen Haut aus „Finanzplatz Deutschland“ und „Mainmetropole Frankfurt“ immer wieder zum Vorschein kommt. Dabei waren einige Institute eine Zeitlang sogar sehr erfolgreich: Vor zehn Jahren etwa zählten die Deutsche Bank, HypoVereinsbank, Dresdner Bank und Commerzbank zu den 25 größten Banken der Welt. Heute ist allein die Deutsche Bank international als „systemisch“ wichtig eingestuft und, wie die folgende Tabelle zeigt, sind selbst ihre Erträge in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen.
Diversifizierung
Wie die Zahlen ebenfalls zeigen, kann generell von einer Stabilität der Erträge von Universalbanken in Europa keine Rede sein. Offensichtlich sind die Institute im Gegensatz zu allen Bekundungen nicht so diversifiziert, dass es ihnen gelingt, Verluste in einzelnen Geschäftsbereichen durch Gewinne an anderer Stelle zu kompensieren. Im Gegenteil: Zu beobachten ist eine Häufung von Risiken. Für deutsche Banken ist beispielsweise auf die Konzentration auf das Geschäft mit Schiffsfinanzierungen und Gewerbeimmobilien zu verweisen, die von der Ratingagentur Moody’s mit zum Anlass für Herabstufungen genommen wurde. Vor allem sind hier aber die hohen Risikoengagements in krisengeschüttelten Ländern des Euroraums zu nennen.
Vielleicht hängt es mit der Omnipräsenz von Bankenvertretern in Wirtschafts- und Politikberatung ebenso wie in wissenschaftlichen Foren und öffentlichen Diskussionen zusammen, dass zum Erstaunen internationaler Beobachter diese Gefahren in Deutschland kaum Beachtung finden. Aus der Medienberichterstattung drängt sich der Eindruck auf, dass die Bundesbürger stärker an den Steuerhinterziehungen griechischer Millionäre interessiert sind, als an dem erbärmlichen Zustand ihrer eigenen Banken. Und auch Experten scheinen nicht selten eine getrübte Wahrnehmung zu haben. Als Beispiel sei das folgende Zitat der Mitglieder des Sachverständigenrates in einem Artikel zur Einführung einer Bankenunion in Europa angeführt:
“Currently, two main obstacles prevent the introduction of a banking union. The first are bad assets on banks’ balance sheets. During the crisis, the share of nonperforming assets on banks’ balance sheets, in particular in the crisis countries (meine Hervorhebung), has increased quite significantly. Dealing with these legacies from the past should remain the task of national governments. The second obstacle is the lack of an appropriate legal and institutional framework for a functioning banking union. For these reasons, the German Council of Economic Experts has developed a three-stage plan …”
Diese Schilderung ist eine verblüffende Darstellung der Fakten. Sicherlich ist der Anteil notleidender Kredite in den Bankbilanzen der Krisenländer wie Griechenland, Irland und Italien in den letzten Jahren stark gestiegen, wie auch die folgende Tabelle mit PwC-Schätzungen zeigt. Weitaus bemerkenswerter ist jedoch der hohe Anteil notleidender Kredite in den Bilanzen deutscher Banken, die im Jahr 2011 mit 196 Milliarden Euro an der Spitze aller europäischen Länder standen.
Verschärft wird das Problem, wie die Agentur Moody’s herausstreicht, durch eine begrenzte Fähigkeit, Verluste zu absorbieren. Eine Kennzahl hierfür ist das Verhältnis von Bilanzsumme zu Eigenkapital (leverage). Die folgende Tabelle mit Zahlen des Internationalen Währungsfonds für ausgewählte europäische Länder zeigt, dass deutsche Banken auch hier an der Spitze stehen. Dabei gibt es noch deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Instituten: Wie Bloomberg berichtete, überstieg die Bilanzsumme der Deutschen Bank Ende 2011 ihr Eigenkaital um das 44-fache.
Wie hat die Politik in Deutschland auf diesen Zustand reagiert? Nach Darstellung von Louise Bowman von der Zeitschrift Euromoney bislang kaum, abgesehen von den riesigen Aktivabeständen, die in staatliche Abwicklungsanstalten verschoben wurden – sie nennt allein 273 Milliarden Euro für zwei Banken, die WestLB und die Hypo Real Estate (HRE). Aber diese waren nur Teil eines Gesamtpakets.
Bailout
Bundesregierung und Bankenwirtschaft haben in den vergangenen Jahren verschiedene Anstrengungen unternommen, die sich immer weiter auftürmenden Probleme im deutschen Finanzwesen in den Griff zu bekommen. Das begann mit dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers und der daraus folgenden US-Krise, von der einzelne deutsche Banken stark in Mitleidenschaft gezogen waren:
Um, wie es hieß, das deutsche Bankensystem zu stabilisieren, schuf die Regierung den Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung SoFFin. Von 2007 bis 2009 wurden mit seiner Hilfe unter anderem Rettungsaktionen für die Hypo Real Estate, WestLB, Commerzbank und IKB organisiert. Der Fonds wurde in die Lage versetzt, Garantien bis zu einer Höhe von 400 Milliarden Euro zu geben und für bis zu 80 Milliarden Euro Anteile und Rechte an den Banken erwerben. Zudem wurden unter seinem Dach die erwähnten Abwicklungsanstalten oder „Bad Banks“ – Erste Abwicklungsanstalt (EAA) für die WestLB und FMS Wertmanagement für die HRE – eingerichtet, in die die Banken „nicht strategisch notwendige“ Geschäftsbereiche, Vermögenswerte und Risikopositionen übertragen konnten (und in denen unter anderem die notleidenden Kredite an Griechenland aus den Bilanzen der Banken verschwanden).
Das Programm, das ursprünglich 2010 auslaufen sollte, wurde im Zuge der Eurokrise im März 2012 neuaufgelegt. Im Juni 2012 hatten die Abwicklungsanstalten zusammen ein Portfolio von 197 Millliarden Euro. Die Summe der offenen Garantien belief sich im September 2012 auf 5,2 Milliarden, die der Beteiligungen und anderer Kapitalmaßnahmen auf 18,8 Milliarden (eine detaillierte Aufstellung findet sich hinter dem Link zu einem historischen Überblick hier). Die Rettungsaktionen oder Bailouts haben ihren Preis: Die Verluste des SoFFin aus Bankenbeteiligungen und Garantien seit seiner Gründung beliefen sich im September 2012 auf 23 Milliarden Euro.
Bemerkenswert ist angesichts der zuvor erwähnten Zahlen, dass die Deutsche Bank in der Liste der zu „rettenden“ Einrichtungen niemals aufgetaucht ist. Das Institut rühmt sich, nie staatliche Hilfe in Anspruch genommen zu haben und auch nie in diese Lage zu kommen. „Schämen würde er sich, Staatshilfe in Anspruch zu nehmen, hatte Bankchef Ackermann in einem internen Zirkel gesagt“ schrieb RP ONLINE dazu im Januar 2009 – zu einer Zeit, als gerade bekannt wurde, dass die Deutsche Bank 11,8 Milliarden Dollar aus einem Hilfspaket der amerikanischen Regierung für den Versicherungskonzern AIG erhalten hatte, und dies ist nur ein Beispiel von vielen (mehr dazu hier).
Universale Kosten
Das AIG-Beispiel verdeutlicht die eigentliche Dimension des Problems. Die Kostenvorteile, die das Universalbankensystem mit sich bringen mag, verblassen gegenüber den Belastungen, die damit den Volkswirtschaften in Europa und weltweit über zahllose Kanäle aufgebürdet werden. Wieviel an staatlichen Geldern auf welchen Wegen den Banken in den letzten Jahren zugeflossen sind, welche Verluste ihnen durch die Haltung der Politik letztlich zu Lasten anderer erspart geblieben sind, und welche Anpassungskosten zudem in den Krisenländern mit in die Rechnung einbezogen werden müssten, um ein Gesamtbild zu erhalten, lässt sich nicht annähernd schätzen. Noch verhängnisvoller aber ist, dass mit der bisherigen Krisenstrategie falsche Signale gesetzt wurden, die die Institute hoffen lassen, auch künftig von der Politik „herausgehauen“ zu werden. Unabhängig davon, ob das zutrifft, oder ob sich die Regierenden doch noch zu grundlegenden Reformen entschließen: Sie sollten sich nicht von fadenscheinigen Argumenten beirren lassen.
Nebenbei bemerkt: Der Bundesverband deutscher Banken hat gerade die Einlagensicherungsgrenzen für seinen Einlagensicherungsfonds gesenkt.
Eine ausführlichere, englischsprachige Fassung dieses Beitrags findet sich auf reszatonline.








Allerdings haben die Wirtschaftsprofessoren es bis heute versäumt, die angebliche Systemrelevanz großer Banken auch nur ein einziges Mal plausibel zu modellieren. Die Angst vor der Pleite angeblich systemrelevanter Institute ist rein bauchgesteuert und kann IMHO wissenschaftlich nicht ernst genommen werden.
Auch die von vielen vorgeschlagene Bail-out-Alternative – Einlagen statt Banken retten – ist niemals ernsthaft geprüft, geschweige denn modelliert worden.
Fazit: Aussagen von Wirtschaftsprofessoren gehören ins Märchenbuch.
Sorry, leicht off-topic, aber man kann es nicht oft genug sagen.
[...] This modified and shortened German language version of my last blog post on universal banks can be found on Carta. [...]
Modellierung hilft, Argumente zu strukturieren und Schlussfolgerungen nachvollziehbar zu machen. Da gibt es durchaus einige vielversprechende Ansätze. Als Beispiel möchte ich die Arbeiten von Andrew Haldane von der Bank of England und anderen nennen, die ich vor kurzem hier skizziert habe und auf die beispielsweise auch Dirk Elsner in seinem Blick Log eingeht. Sie betrachten Finanzmärkte als ein komplexes System, was mir vom Ansatz her durchaus vielversprechend erscheint. Die große Herausforderung besteht aus meiner Sicht darin, dass sich Wissenschaft und Politik der Furcht vor dem Zusammenbruch großer Banken stellen und auf der Grundlage vorhandener Erkenntnisse eine aktive Krisenstrategie entwickeln, die die Reaktion der Märkte einbezieht und eine Schadensbegrenzung ermöglicht.
Finanzinstitute werden viel zu wahllos gerettet , Systemrelevanz zu wenig geprüft.
Wo sie tatsächlich vorhanden ist , kann die Rettung nur einhergehen mit Regulierungen.
Alles 1000-mal gesagt und durchgekaut , passieren tut nichts , also ist das eigentliche Problem der Lobbyismus.
Bevor dieser nicht im Griff ist , wird sich nichts tun , also wahrscheinlich nicht vor dem nächsten größeren Crash.
Vielleicht wäre es mal ein Anfang , Abgeordneten jedwede Form von Nebeneinkünften zu verbieten.
[...] birgt jedoch grosse Risiken. Eine gekürzte deutsche Version des Artikels gibt es übrigens hier: http://carta.info/52600/krisenfaktor-universalbanken/ Barbara Bohr, 27.12.2012 [...]
Offenbar lassen sich die Mittel zur Bankenrettung doch schätzen: Kurz vor Weihnachten meldete nämlich die Nachrichten-Agentur AFP: Der Finanzsektor der EU hat von Oktober 2008 bis Dezember 2011 staatliche Hilfen (Kapitalhilfen + Bürgschaften) in Höhe von rund 1,6 Billionen (!) Euro erhalten. Diese Summe, heißt es, entspreche 13 Prozent des BIP der EU. AFP beruft sich dabei auf einen Bericht der EU-Kommission, der am 21.12.12 veröffentlicht wurde.
Immerhin hat die Deutsche Bank doch die Heldentat vollbracht, die Postbank zu retten. Ob vor dem Konkurs oder einer Übernahme, wer weiß es.
Interessant ist natürlich: Wenn es hier doppelt so viele Banken gibt wie anderswo, dann gibt es wohl auch doppelt so viele Bänker und die verdienen, wie darüberhinaus zu vermuten wär, auch doppelt so viel? Das muß sich doch auf eine Volkswirtschaft auswirken wie ein Zentner Hüftspeck bei einem Spitzensportler? Weshalb merkt man davon so gut wie nix?
@ dr. do
Ein Teil der Lösung, etwas flapsig formuliert: Nicht nur Banken sind Banken, vor allem in den USA. Hier ein aktueller Überblicksartikel zu non-banks:
http://www.economist.com/news/briefing/21568365-europes-banks-are-shrinking-what-will-take-their-place-filling-bank-shaped-hole
Übrigens läßt sich daraus auch ableiten, daß ein ganz erheblicher Teil des momentanen Banken-Regulierungswahns wirkungslos verpuffen wird.
Ein Großteil des derzeitigen Banken-Bashings ist natürlich ahnungslose Mode, das darf man nicht vergessen. Banken sind schon ein wichtiger (Banker sagen: extrem wichtiger :-) Teil des Wirtschaftssystems und natürlich auch wertschöpfend, d.h. das Gegenteil von Hüftspeck. Zu Hüftspeck werden sie nur, wenn die Politik ihnen völlig besinnungslos Geld hinterherwirft.
Vielen Dank für die vorangegangenen Kommentare. Ich würde gern folgendes dazu anmerken:
Art Vanderley – Es stimmt schon: Der Einfluss der Banken ist kein neues Thema. Neu ist, dass im Zuge der jüngsten Krisen in vielen Ländern ein ernster Wille zu Reformen erkennbar wird. Das erhöht die Aussicht, hier echte Fortschritte zu erzielen. Frustrierend daran ist, dass sich diese Anstrengungen auf einzelne Geschäftsbereiche (retail vs. investment banking, Derivate, Eigenhandel …) konzentrieren, dass aber das Thema der Einflussnahme von Banken auf die Politik letztlich nicht angegangen wird. Das Problem ist hier nicht, dass einzelne Personen daraus einen finanziellen Nutzen ziehen, so ärgerlich das auch sein mag, sondern dass Regeln im politischen Entscheidungsprozess verwässert bzw. im Nachhinein mit stillschweigender Zustimmung der Politik umgangen werden und Banken für Fehlverhalten nicht einstehen müssen.
Wolfgang Michal – Der EU-Bericht, den Sie ansprechen, nennt die Summe der direkten staatlichen Unterstützung in allen EU-Staaten, während ich in meinem Beitrag nur entsprechende Zahlen für Deutschland auf dem letzten Stand erwähnt hatte. Bei beiden handelt es sich ausschließlich um Gelder, die den Banken direkt von ihren Regierungen zufließen, denen die EU-Kommission zustimmen muss. Der beschriebene AIG-Fall ist darin nicht enthalten, ebenso wenig wie alle anderen Fälle, in denen die Mittel von Regierungen anderer Staaten (z.B. der US-Fed an deutsche Banken) stammen oder staatliche oder private Nichtbanken-Schuldner öffentliche Mittel von ihren Regierungen oder Dritten erhalten, um sie an ihre Gläubigerbanken weiterzureichen (Griechenlandhilfen …). Hinzukommen, wie erwähnt, die wirtschaftlichen Kosten in Schuldner- und Gläubigerstaaten, die sich aus einer „akkommodierenden“ Politik ergeben und die es einzubeziehen gilt, wenn über Alternativen nachgedacht wird.
dr.do – Bankenübernahmen als Rettungsmaßnahme sind ein zweischneidiges Schwert wie Beispiele aus verschiedenen Ländern zeigen. Die übernehmende Bank muss sich die vielleicht für lange Zeit Verlust machende neue Einheit „leisten“ können.
Überkapazitäten sind immer ineffizient und im Finanzsektor sind sie für eine Volkswirtschaft problematischer als in anderen Bereichen, weil Bankdienstleistungen ein Kostenfaktor für (fast) alle sind. Leistungen könnten preiswerter angeboten werden, wenn sie nicht mit bezahlt werden müssten – oder sie werden überhaupt nicht angeboten, weil das nicht zu vertretbaren Kosten geschehen kann. Gewinne könnten höher sein, was die Risikoanfälligkeit der Banken verringern würde.
Tim, dr.do – Gegen „Hüftspeck“ ist ja nichts einzuwenden, solange er von den Unternehmen selbst erwirtschaftet wird, und in Krisenzeiten entsprechend abgespeckt wird.
[...] Carta, 27.12.2012 [...]
Es ist schon bezeichnend, wenn Ökonomen erst seit kurzem beginnen zu verstehen, dass sie es mit komplexen Systemen zu tun haben, wenn 7 Mrd. Menschen miteinander agieren, und wenn die Zahl der Ökonomen, die das verstanden hat, bislang verschwindend gering ist und diese Ökonomen ein in ihrer Profession unbeachtetes Nischendasein fristen.
Ich befasse mich erst seit der Finanzkrise mit Wirtschaft und die erschreckendste Erkenntnis, die ich dabei gewonnen habe, ist die offensichtliche Ahnungslosigkeit, mit der führende Wirtschaftswissenschaftler die Krise beobachten und zu beschreiben versuchen, die zudem in vollkommenem Gegensatz zu ihrem, nennen wir es einmal “unbescheidenen” Auftreten in der Öffentlichkeit steht. (Als Beispiel sei hier nur der jährliche Auftritt der “Wirtschaftsweisen” und ihre Prognose des Wirtschaftswachstums genannt, dass sie auf die Nachkommastelle genau angeben, obwohl sie noch nicht einmal in der Lage sind, es auf einen Prozentpunkt vor dem Komma genau zu ermitteln, wie wir in der Krise erleben durften – die Angaben hinter dem Komma haben in offensichtlich stabilen Zeiten aber auch nie gestimmt)
Dazu gesellt sich die “Sprachlosigkeit”, der man dabei bei Wirtschaftswissenschaftlern sehr häufig begegnet, wenn sie der Öffentlichkeit z.B. die Ursachen der Krise erklären sollen. Dann wird es sehr schnell medizinisch und man hat den Eindruck, vorne auf dem Podium erklärt ein Arzt, wie er die Wirtschaftskrise sieht. Dabei gibt es keine echten Parallelen zwischen Medizin und Wirtschaftswissenschaften. Anders sieht es jedoch mit der emotionalen Wirkung aus, die auf diese Weise erzielt werden kann und wird, und auch erzielt werden soll.
Aber auch ohne Anleihen bei der Medizin findet sich auf der sprachlichen Ebene viel Nonsense, wenn man sich die Mühe macht, das gelesene zu reflektieren. Was soll es bitte bedeuten, wenn “Verluste absorbiert” werden? Oder was ist es für eine Erkenntnis, dass “Bailouts ihren Preis” haben? Ich dachte, das sei das eigentliche Wesen eines Bailouts. Für mich stellt sich dann immer die Frage, wie viel Nonsense steckt noch in all den Passagen, die ich als Nicht-Ökonom nicht so leicht überprüfen kann.
In der Vergangenheit musste ich feststellen: eine Menge. So kleben die meisten Ökonomen z.B. am Geld als Größe wie Fliegen am Fliegenfänger und nur der rein geldlich ausdrückbare Aspekt wirtschaftlichen Handelns findet im Wesentlichen Beachtung. Alles andere würde ja auch eine Menge empirischer Arbeit und Nachdenken erfordern ;-) Entsprechend schräg ist dann auch die Betrachtung von Wirtschaft durch die Öffentlichkeit geprägt. Dabei werden in der Finanzwirtschaft im Grunde nur Leistungen verrechnet, d.h., dass was dort geschieht ist im Grunde nahezu komplett administrativ. Hier einen Markt zu vermuten, wie der Begriff “Finanzmarkt” suggeriert, ist kompletter Nonsense. Folglich führt die Behandlung dieses Sektors als Markt auch zwangsläufig in die Krise.
Wie wir Waren und Dienstleistungen produzieren, d.h. wie und unter welchen Bedingungen wir wirtschaften, in welchem Umfang wir über Produktionsstätten verfügen, was diese produzieren, welcher gesellschaftliche Nutzen mit welchem Aufwand an natürlichen Ressourcen und Arbeit erzielt wird und vielleicht erzielt werden könnte, wie das Beziehungsgeflecht der Vielzahl an ökonomischen Entitäten aussieht und sich über die Zeit verändert, wie die Verteilung der erwirtschafteten Dienstleistungen und Waren wiederum erfolgt, und wie man all das modelliert, darüber sind die Wirtschaftswissenschaften kaum in der Lage erschöpfend Auskunft zu geben.
Aber auch da, wo es ausschliesslich um Geld geht, d.h. im Finanzsektor, fehlt es ganz offensichtlich an allgemein akzeptierten Modellen, die das ausreichend beschreiben können, was wir beobachten. Während z.B. Meteorologen oder Astronomen weltweit über eine große Zahl von Messstationen und teilweise die modernsten Rechenzentren verfügen, passiert in den Wirtschaftswissenschaften hier rein gar nichts, obwohl der Handel heute nahezu vollkommen elektronisch erfolgt. Oder fragt mal einen Ökonomen, der sich mit den Finanzmärkten beschäftigt, wie die Algoritmen der Trader aussehen und wie sich diese im Laufe der Zeit verändern? So gut wie keiner wäre in der Lage, diese überhaupt zu lesen.
In diesem Zusammenhang stelle ich mir die Frage, welches Vertrauen ich Artikeln wie diesem schenken soll, selbst wenn er in bester Absicht geschrieben wurde? Sätze wie “Die Vorzüge des Leistungsspektrums von Universalbanken sind unbestritten.” sind unzumutbarer Nonsense bzw. inhaltsleer! Warum sollte man “Vorzüge” bestreiten wollen? Man kann hingegen bestreiten, ob das, was die einen als Vorzüge sehen, wirklich welche sind. Und in einer Kritik, die das Für-und-Wider von Universalbanken zum Thema hat, sollte man auch genau das tun. Nur dazu müsste man diese Vorteile auch benennen und bewerten, statt sich mit einer dummen Phrase nur den Rücken freihalten wollen.
Dann stellt sich die Frage, ob es in einem Sektor, in dem es gar keine Produktion gibt und geben kann, überhaupt Skalenerträge gibt. Sehr wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlicher ist, dass man etwas anderes braucht, um diesen Sektor richtig zu beschreiben.
“Deutschland hat zu viele Banken” ist eine überraschende Erkenntnis, wenn Größe und eine enge Verflechtung als Ursache der Krise ausgemacht sind und Wettbewerb das Wesen einer Marktwirtschaft ist und auch für den Finanzsektor gelten soll. Wenn man hingegen stark regulieren will, ist Unübersichtlichkeit sicher ein Problem und ein paar große Akteure sicher besser. Wohin soll es also gehen?
Um zum Ende meiner kleinen Odyssee zu kommen: was auch in diesem Artikel vollkommen fehlt, ist die Erkenntnis, dass der Finanzsektor Leistungen der “Realwirtschaft” nur bilanziert und dass diese Bilanzen vollkommen “durcheinander geraten” sind, laienhaft ausgedrückt. Dort wo konsumierbare Güter und Dienstleistungen produziert werden, gibt es im Grunde keine Probleme, mit denen sich die Krise erklären lässt, die unseren Wohlstand bedroht oder beeinträchtigt. Selbst die Leistungen, die durch z.B. Immobilienblasen getriggert wurden, wurden faktisch realwirtschaftlich erbracht. Wenn man mal das langfristige Ressourcenproblem außer Acht lässt, hätte man im produktiven Sektor nur durch das bloße ignorieren des Finanzsektors und seiner Probleme einfach weitermachen und die Krise vermeiden können.
Praktisch ist das unmöglich, aber dieser Gedanke macht deutlich, dass wir es nicht mit einem Ressourcenproblem zu tun haben und das Geld eben auch keine Ressource ist. Leider verfügt der Finanzsektor über keinen Resetbutton, mit dem sich dieses Problem schnell lösen ließe, denn die finanziellen Verpflichtungen, die dieses System im Augenblick abbildet, bilden keinen eigenständigen Wert, egal wie sehr wir an den Nümmerchen auf unseren Kontoauszügen hängen und für die meisten Menschen geht der dort abgebildete Wert sowieso gegen Null. Sie sind viel abhängiger von einem reibungslosen Funktionieren des Produktionssektors, weil nur hier die Dinge erzeugt werden, die sie am Ende konsumieren.
Das bedeutet, wir brauchen Überlegungen, wie man sowas wie einen (partiellen) Reset des Finanzsektors bewerkstelligt und wie wir die Abhängigkeiten zu diesem Sektor in Zukunft möglichst gering halten und so gestalten, dass er seiner Aufgabe in einer Marktwirtschaft gerecht wird.
Das gelingt aber nur, wenn auch Ökonomen begreifen, dass Geld keine Ressource ist, dass der Staat derjenige ist, der das Geld erzeugt und deswegen auch keine Verluste oder Belastungen erleiden muss, wenn er Banken rettet und dass es vollkommen bedeutungslos ist, ob ein Staat Schulden hat oder nicht und dass das wirtschaftliche Agieren des Staates nur daran gemessen werden sollte, in wie weit er im produktiven Sektor die gewünschten Dynamiken erzeugt und aufrecht erhält und in wie weit eine möglichst gerechte Verteilung der erzeugten Güter und Dienstleistungen erreicht wird.
Vielen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben, meinen Text so ausführlich zu kommentieren. Ich möchte gern auf einige Punkte antworten, die mir besonders wichtig oder klärungsbedürftig erscheinen.
- Was Ökonomen (nicht) verstehen: Hier geht mir die Schelte zu weit. Komplexität zu modellieren und empirisch zu erfassen, hat weniger mit Erkenntnis als mit Rechnerleistung und der Bewältigung großer Datenmengen zu tun. Das war lange Zeit schwieriger und/oder teurer als heutzutage und da gibt es, wie ich an anderer Stelle angedeutet habe, momentan gerade in der Ökonomie sehr spannende Entwicklungen: http://carta.info/48294/die-finanzaufsicht-komplexer-markte-ein-frisbee-spiel/
- Wenn 7 Mrd. Menschen miteinander agieren …: wird daraus noch kein komplexes System. Komplexität ist in der Wissenschaft eine genau definierte Eigenschaft, die sich nicht aus einer großen Anzahl von Akteuren herleitet, sondern aus dem Ergebnis einer bestimmten Art ihres Mit- und Gegeneinanders. “Viel” ist eben nicht gleich “komplex” und ob die Wirtschaft oder einzelne ihrer Teile diesem Kriterium genügen, ist eine offene Frage, die unter Ökonomen diskutiert wird. Auch dazu möchte ich auf den genannten Link verweisen.
- Ob es im Finanzsektor Skalenerträge gibt? Hierzu ein einfaches Beispiel: Ob Geschäftsräume angemietet werden, um darin für einen oder für 100 Kunden ein Konto zu führen, bedeutet einen unterschiedlichen Fixkostenanteil je Kunde. Das ist im Bankwesen nicht anders als im Tourismus oder in anderen Dienstleistungsbereichen. Ein Computerprogramm rentiert sich umso eher, je mehr Transaktionen damit verarbeitet werden, und und.
Nun lässt sich darüber diskutieren, ob wirklich die gesamte Palette an Finanzdienstleistungen (von der Kontoführung bis zu hochkomplexen Derivatekonstrukten) und Einrichtungen (von der Filiale vor Ort bis zur hundertsten Briefkastenfirma in Wilmington, Delaware) benötigt wird. Darüber ist gerade in jüngster Zeit an anderen Stellen viel geschrieben worden und es würde zu weit führen, hier die Argumente aufzulisten.
Ich stimme Ihnen zu, dass es eines “Reset” im Finanzsektor bedarf. Ökonomen in aller Welt sehen das genauso und arbeiten – oft fern von allen Schlagzeilen – an Lösungen.
Bleibt nur zu hoffen, dass sie in der Politik Gehör finden.
[...] Beate Reszat: Krisenfaktor Universalbanken [...]
@dr.do: Die Nummer zwischen der Postbank und der Deutschen Bank lief doch genau anders herum. Der Deutschen Bank drohte durch Abschreibungen für Südeuropa-Engagements die Zwangsrettung, also versteckte man das miese Ergebnis in der Postbank-Übernahme und erhielt durch Steuervorteile und die schon zwangsgerettete Postbank indirekt staatliche Hilfen, ohne dies zugeben zu müssen.
Da habe ich einen Fernseh-Tipp: am Dienstag den 26. Februar zeigt arte (wenn es nicht vorher zensiert werden sollte) die Doku “Staatsgeheimnis Bankenrettung” http://www.arte.tv/de/staatsgeheimnis-bankenrettung/7291880.html