Ulrich Horn | 5 Kommentar(e)
Einen Fehler kann man vergessen. Zwei verzeihen. Drei sind tödlich.
25.11.2012 |
Der Verlag Gruner + Jahr hat mit zwei Aktionen Geschichte geschrieben. Er veröffentlichte die sogenannten Hitler-Tagebücher, ein kaum fassbares journalistisches Debakel. Und es gelang ihm, dieses Desaster noch zu toppen. Er ruinierte seine angesehene Wirtschaftspresse. Er vernichtete damit viele Arbeitsplätze und viel Geld. Ein kaum fassbares unternehmerisches Debakel.
Verhängnisvolle Entscheidungen
Der Wirtschaftspresse des Verlages gelang es über viele Jahre, sich hohes journalistisches Ansehen zu erarbeiten. Parallel zum publizistischen Erfolg entwickelten sich die Magazine einträglich. Der Verlag schöpfte aus dieser Quelle viele Millionen. Große unternehmerische Leistungen musste er dazu nicht erbringen. Die Anzeigen verkauften sich wie von selbst.
Doch dann kam die Verlagsführung auf die Idee, sich verlegerisch zu betätigen. Sie traf die erste von drei verhängnisvollen unternehmerischen Entscheidungen: Mit einem britischen Partner gründete sie die FTD. Warum sollte das Geldverdienen, das bei den Magazinen so schön klappte, nicht auch mit einer Tageszeitung gelingen?
Die Frage, ob der Markt neben dem Handelsblatt genügend Anzeigen und Leser für eine weitere tägliche Wirtschaftszeitung hergebe, spielte bei diesem Engagement eher eine Nebenrolle. Man schien gewiss, es würden sich schon genügend Leser und Anzeigenkunden finden, wenn sich das Blatt nur pfiffig im Markt platziere.
Verluste aufgehäuft
Das Ergebnis stand schon bald fest: Die FTD erwies sich als unternehmerische Fehlleistung. Die Zeitung blieb in den roten Zahlen. Jahr für Jahr verschlang sie Millionen, ohne Aussicht auf Besserung. Ein Zuschuss-Betrieb. Schlechter kann man ein Wirtschaftsblatt kaum positionieren.
Einige Jahre und viele verlorene Millionen später zog der britische Partner die Notbremse. Er wollte raus aus dem verlustreichen Engagement. Das wäre auch für Gruner + Jahr der Zeitpunkt gewesen, sich zu verabschieden. Stattdessen traf das Management die zweite verhängnisvolle Entscheidung: Sie handelte nicht unternehmerisch. Sie tat das Gegenteil.
Sie übernahm die britischen Anteile und saß nun auf 100 Prozent der Verluste. Deutschlands Wirtschaft rieb sich verdutzt die Augen und fragte sich: Kann es wirklich sein, dass ein Unternehmen gar nicht genug davon haben kann, Verluste aufzuhäufen? Es schien, als wollten die Verlagsmanager beweisen, dass sich unternehmerischer Schwachsinn doch irgendwann auszahle.
Ganze Arbeit geleistet
Damit nicht genug: Das Management beeilte sich, auch rasch nachzuweisen, dass sich Schwachsinn steigern lässt. Die Verlagsführung fasste ihre dritte verhängnisvolle unternehmerische Entscheidung: Sie ordnete die halbwegs gesunden Magazine organisatorisch der kranke FTD unter – in der Hoffnung, sie könne so der maroden Zeitung auf die Beine helfen.
Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Die FTD, die entstanden war, weil der Verlag den Hals nicht voll bekam, blieb nicht nur, was sie war: marode. Sie erstickte nun auch die Magazine, die einst zu den Glanzlichtern des Verlages gehörten. Heute ist Gruner + Jahrs Wirtschaftspresse zugrunde gerichtet. Die Verlagsmanager haben ganze Arbeit geleistet.
Die Spuren dieser Tätigkeit sind nicht zu übersehen. Auf der Strecke bleiben viele Arbeitsplätze und ein stattlicher dreistelliger Millionenbetrag, Geld, das der Verlag besser dazu verwendet hätte, seine Stärken auszubauen und dort Arbeitsplätze zu schaffen.
Eindruck von Inkompetenz
Natürlich können auch wohl überlegte und begründete unternehmerische Pläne scheitern. Vor Fehlern ist niemand gefeit. Man muss jedoch erwarten können, dass sie korrigiert werden, sobald sie sich abzeichnen. Das ist bei Gruner + Jahr nicht geschehen. Das Management nährte so den Eindruck von Inkompetenz.
Die neue Geschäftsführung will die Trümmer ihrer Vorgänger beiseite räumen. Unwillkürlich fragt man sich, ob sie sorgfältig geplant hat, was sie nun zu tun beabsichtigt. Dass dies für die Beschäftigten ohne vermeidbare Schäden abgehen könnte, wagt man kaum zu hoffen.
Crosspost von Post von Horn
- Marc Bartl, kress: Julia Jäkel über die Hintergründe der “FTD”-Einstellung: “Wir konnten die Mitarbeiter nicht früher informieren”, “FTD”-Chefredakteur Klusmann übt Selbstkritik





Warum hat Sie “Gruner + Jahr” nicht rechtzeitig als Berater engagiert?
Der größte Fehler der deutschen Verlagswirtschaft: Sie hört nicht auf die weisen Ratschläge des Autors. Täte sie es, könnte sie in kürzester Zeit hohe journalistische Kompetenz in hohe Umsätze umwandeln.
@ Tim: Ich überlege wirklich, ob Ihr Kommentar ernst oder ironisch gemeint ist. Für ersteren Fall: Welche Ratschläge? Hinterher sind wir doch alle schlauer.
@ Erdenker
Oha. Jetzt überlege ich ebenfalls wirklich, ob Ihr Kommentar auf meinen Kommentar ernst oder ironisch gemeint ist. :-)
@ Tim: Tja, da sitzen wir nun und grübeln …
Okay, ich war mir der möglichen Peinlichkeit durchaus bewusst. Aber die Neugier hat gesiegt. Wahrscheinlich bin ich einfach schon zu lange im Netz unterwegs und habe schon zu oft Dinge gelesen, die meines Erachtens nur ironisch gemeint sein konnten, sich dann aber doch als ernstgemeint herausstellten. Und Fragen kost’ ja nix. Außer ein bisschen Überwindung.
Jetzt bin ich beruhigt. Puh … Danke.