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Matthias Schwenk

Xing & Co.: Die neuen Aggregationsmächte im Nachrichtenmarkt?

Matthias Schwenk | 12 Kommentar(e)


Während Zeitungen noch nach Online-Geschäftsmodellen ringen, verdienen Xing & Co. bereits prächtig an den Diskussionen ihrer Mitglieder. Der Gesprächsstoff hierfür kommt aus den Verlagen, die aufpassen sollten, nicht bloß Steigbügelhalter der Netzwerke zu sein.

07.02.2009 | 


Auf den ersten Blick sind Businessnetzwerke, wie LinkedIn oder Xing, eine Sache für sich und haben mit Medien (im klassischen Sinn) nichts zu tun: Geschäftsleute knüpfen Kontakte und bahnen Geschäfte an. Headhunter suchen nach passenden Kandidaten für freie Stellen. Und mancher verbessert mit einem Profil dort auch nur sein “Google-Karma“.

Kein Thema also für Zeitungsverlage und Medienmacher? Doch. Denn hinter den oft etwas klischeehaft anmutenden Erläuterungen, was die Menschen auf Businessnetzwerken so machen, darf die Realität nicht übersehen werden. Eine ganz wesentliche Beschäftigung der Teilnehmer in diesen Netzwerken ist die Konversation. Dafür aber braucht es “Gesprächsstoff” und der ist nicht von Haus aus in einem Netzwerk vorhanden. Also tragen ihn die Mitglieder hinein, in dem sie sich dort in Gruppen organisieren und dann diskutieren.

Etwas überspitzt könnte man also formulieren, dass die Medien die Schlagzeilen liefern und in den Social Networks dann darüber diskutiert wird. Das Dumme ist nur: Die Zeitungen suchen noch händeringend nach Geschäftsmodellen im Internet und geben derzeit ihren Content meist kostenlos ab, während Plattformen wie LinkedIn oder Xing profitabel arbeiten und somit an den Diskussionen ihrer Mitglieder Geld verdienen.

Dass diese Gegenüberstellung gar nicht so weit her geholt ist, beweist die Tatsache, dass Xing im Dezember 2008 das amerikanische Startup Socialmedian übernommen hat. Socialmedian ist ein Nachrichten-Aggregator, d. h. seine (derzeit noch) kostenlos registrierten Mitglieder geben sich darin gegenseitig Leseempfehlungen. Empfohlen werden Artikel aus allen Onlinemedien, von Zeitungen bis zu Blogs. Dieser Vorgang wird zudem durch Gewichtungsfaktoren beeinflusst. Vereinfacht ausgedrückt könnte man Socialmedian als eine personalisierte Fassung von Digg bezeichnen.

In die gleiche Kerbe schlägt eine Formulierung des Europaschefs von LinkedIn, Kevin Eyres: Demnach will LinkedIn “in den kommenden Wochen einige Kooperationen mit Verlagen ankündigen, um lokale Inhalte zu bekommen”. Hier müssen die Medien aufpassen, dass sie nicht zum Steigbügelhalter von anderen werden!

Die Integration von Socialmedian in Xing könnte nämlich zum Ziel haben, dass die Mitglieder des Netzwerkes ihren täglichen Nachrichtenüberblick gleich auf Xing bekommen und gar nicht mehr die Webseiten einzelner Zeitungen oder von Spiegel Online ansteuern müssen. Selbst ein moderner Meme-Tracker wie Rivva würde da alt aussehen.

Vor diesem Hintergrund ist speziell den Zeitungen dringend zu empfehlen, mehr Augenmerk auf die eigene Leserschaft im Internet zu richten und ihre Onlinecommunity besser zu pflegen. Zugleich zeigt diese Entwicklung, dass auch die Businessnetzwerke nicht unverwundbar sind: Ihre Suche nach mehr Substanz belegt, dass sie wenig Vertrauen in die als Kernfunktion gepriesene Möglichkeit setzen, Geschäftskontakte zu ermöglichen.

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12 Kommentare

  1. Leander Wattig |  08.02.2009 | 01:29 | permalink  

    Xing & Co. sind aus meiner Sicht vor allem Infrastrukturanbieter. Als Aggregatoren sind sie daher nur so attraktiv, wie sie als Infrastrukturanbieter stark sind. Da hat Xing bspw. noch einiges zu tun, was u.a. die Öffnung der Plattform betrifft …

    Meine Vermutung wäre, dass die großen Inhalteersteller langfristig an solchen Aggregatoren nicht vorbei kommen, wenn sie im Internet Reichweite aufbauen wollen.

    Andere Meinungen?

  2. Jörg Wittkewitz |  08.02.2009 | 10:17 | permalink  

    Hallo Matthias,

    diese Diskussion sollte im größeren Rahmen geführt werden, denke ich.

    Anders als in den USA ist speziell in Deutschland ab einem bestimmten Alter eine gewisse Neophobie erkennbar. Die wird zumeist rationalisiert durch den kaum erkennbaren Nutzen in Sozialen Netzen. Die Folge ist, dass man sich brav einträgt, alle Daten bis zur Unkenntlichkeit privatisiert und sowohl seinem eingeborenen Sicherheitsbestreben nachgekommen ist, wie auch dem modernen Zeitgeist dient, was nicht selten vorauseilende Firmenraison ist. Insofern ist die Nutzerstruktur oberhalb der 40er-Grenze etwas verhalten im Umgang mit Netzen. Die Jüngeren haben den Begriff Social Media derart umgesetzt, dass sie einfach lieber Myspace nutzen, da sie es viel besser an ihre Wünsche und ihr Selbstverständnis anpassen können. Was bei denen dann Listen über die besten Gadgets, Umfragen, eingebundene Fotoserien von Parties sind, könnte bei Businessnetworks ganz anders aussehen – wenn die oben angeführten Sicherheitsbedenken erfolgreich umgesetzt sind – denkbar ist zum Beispiel, dass eine Gruppe ihre Dokumenten per P2P in er eigenen Netzwolke speichert und der Anbieter so Speicherplatz spart und gleichzeitig handfest nachweist, dass er keine Einsicht hat. Man könnte solche Plattformen sehr gut für viel sinnvolle virtuelle Zusammenarbeit nutzen. Das Aggregieren von Agenturmeldungen ist dann eines von vielen weitaus lukrativeren widgets. Ich würde so etwas auch eher als eine Infrastruturdienst ansehen, der ohne Zusatzkosten direkt integrierbar ist. Viele Menschen haben jedoch gar kein Interesse an General Interest News jeden Morgen zum ersten Kaffee im Büro, weil die E-Mails lesen müssen. Und schon das nächste Widget zu Exchange, das Hundertausende einspielen kann.

    Ich denke, dass der erste Anbieter der das versteht – also sozusagen, der das Gegenteil von Xing realisiert – binnen zwei Jahren einen sehr großen zweistelligen Millionenbetrag erlösen wird, wenn er seine Plattform an einen der beiden Medienmonopolisten in Deutschland verhökert.

    Fazit:

    Das Aggregieren von redaktionellen Inhalten ist nett und sicher sinnvoll, lukrativ sind andere Contentmodelle…

    Beste Grüße

    Jörg Wittkewitz

  3. Matthias |  08.02.2009 | 12:22 | permalink  

    @Leander: Du bringst ein wichtiges Stichwort: Infrastrukturanbieter. Genau das sind Social Networks. Und Xing hat da durchaus noch Entwicklungspotenzial, das sehe ich auch so.

    @Jörg: In der Theorie liegst Du mit dem Businesspotenzial von Social Networks richtig, in der Praxis aber noch nicht. Dazu sind die Unternehmen, die das nutzen sollen, derzeit noch zu konservativ und vorsichtig. Zudem fehlt auch noch die entsprechende Infrastruktur seitens der Social Networks. Deshalb ist es von Xing und LinkedIn durchaus konsequent, wenn sie jetzt erst einmal auf “Content” setzen, denn Mitglieder (auf der individuell persönlichen Ebene) haben sie dazu genug.

  4. Robin Meyer-Lucht |  09.02.2009 | 20:18 | permalink  

    Wenn man es kompliziert ausdrücken möchten, dann haben wir es beim Auseinanderrücken von Inhalte-Produktion und -Aggregation mit einer vertikalen Desintegration der Wertschöpfungskette zu tun. Das wird jetzt gerade technisch aufgebrochen – durch den Link.

    Sollen Verlage auch aggregieren können – aber hallo (siehe WWGB von Jarvis). Dafür brauchen sie aber neue Einheiten. Deshalb geht Burdas Nachrichten.de genau in die richtige Richtung, zumindest konzeptionell.

    Das Problem bei dem ganzen Thema: Gut aggregieren zu können, ist tendenziell eine knappere Dienstleistung als gute Inhalte produzieren zu können. Deshalb ist Aggregation höchstwahrscheinlich wirtschaftlich attraktiver.

    rml

  5. Matthias |  10.02.2009 | 10:43 | permalink  

    @Robin: “Vertikale Desintegration” ist der passende Begriff für das, was mit den Medien im Internet passiert. Ein Problem auf der Ebene der Aggregation ist aber, dass sie sehr stark von der technischen Entwicklung abhängt, man denke etwa an Semantische Software. Das ist viel noch im Fluss.

    Auf der anderen Seite braucht man aber auch guten Content, sonst nützt die schönste Aggregation nichts!

  6. Markus Merz | Hamburg St. Georg |  10.02.2009 | 17:40 | permalink  

    @matthias: Die Farbe des Kommentartextes geht gar nicht. Augenkrebs!

    Den Kauf von SocialMedian durch XING empfinde ich als genialen konzeptionellen Schachzug. Dadurch dass SocialMedian nur Anrisse bringt, sehe ich die Situation analog zu Google News. Wer mehr will, der muss auf die Originalseite.

    SocialMedian hat aktuell noch starke Schwächen, sei es die fehlende Unterstützung für Umlaute bei den ‘topics’ oder, viel wichtiger, die mangelhafte Relevanzbewertung des Systems für einzelne Artikel. Die Stärken und Synergien von SocialMedian bei XING sehe ich in der zu schaffenden Koppelung von News Networks mit Usergruppen. Dadurch wird User Generated Content ertragreich auf eine neue Stufe gehoben.

    Testweise habe ich bei SocialMedian ein auf ‘Hamburg’ beschränktes News Network erstellt: http://www.socialmedian.com/network/hamburg-hh-st-georg-news. Interessant finde ich daran, dass durch das Einbinden von anderen Aggregatoren, Google News und Rivva Suche zu ‘Hamburg’, als ‘sources’ gekoppelt mit ein paar Hundert ‘topics’ sehr schnell ein recht gutes Ergebnis erzielt werden konnte.

    Eigentlich doof, dass die Verlage so etwas nicht selber auf die Beine stellen können. Einen übergreifenden Branchenbuchpool kriegen sie ja auch hin, aber das ist wohl einfach folgerichtiger aus Sicht eines Verlagsmanagers.

  7. Was ist der beste News-Aggregator? » ©Albert - übertriebene Bescheidenheit |  24.02.2009 | 17:50 | permalink  

    [...] SPOT ON! hier ein sehr interesanter Artikel über das Thema [...]

  8. Was ist der beste News-Aggregator? » ©Albert |  08.03.2009 | 22:43 | permalink  

    [...] SPOT ON! hier ein sehr interesanter Artikel über das Thema [...]

  9. Wie Zeitungen sich gegen die nächste Google-Attacke rüsten können — CARTA |  30.04.2009 | 13:33 | permalink  

    [...] man das Geschäftsmodell von Online-Medien aus der Perspektive der Community, spielt es gar keine Rolle mehr, dass die Nachrichten selbst weiterhin kostenlos ins Internet [...]

  10. Zeitungsverlage hatten bisher ein gutes Image « BAYARTZ-Blog |  30.04.2009 | 18:58 | permalink  

    [...] XING & Co.: Die neuen Aggregationsmächte im Nachrichtenmarkt? [...]

  11. Lesestoff 10/02/2009 « ich:AG |  10.07.2009 | 22:02 | permalink  

    [...] Xing & Co.: Die neuen Aggregationsmächte im Nachrichtenmarkt? [...]

  12. Lesestoff 10/02/2009 » ich:AG |  11.07.2009 | 19:05 | permalink  

    [...] Xing & Co.: Die neuen Aggregationsmächte im Nachrichtenmarkt? [...]

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