Wolfgang Michal

Heiteres Berufe zertreten oder: Der Blog als Beichtstuhl und Pranger

Wolfgang Michal | 8 Kommentar(e)

PDF Version  | Druckversion Druckversion


Der Blog Medienlese hat eine neue Boulevardform für sich entdeckt: den „anonymen Brief“ zur Denunzierung eines Berufsstandes, den Print-Redakteur. Das Eindreschen auf Holzmedien und ihre Protagonisten funktioniert im Netz todsicher. Doch schon Brecht wusste: Jedes Verbrechen hat Name, Anschrift und Gestalt. Das Gleiche gilt für Zivilcourage.

06.02.2009 | 


Die „Medienlese“ scheint eine neue Boulevardform entdeckt zu haben: den „anonymen Brief“ zur Denunzierung eines Berufsstandes. Alle mal herhören: Solche Deppen und Faulpelze arbeiten in der Medienbranche. Redakteure! Arrogant, schleimen nach oben, treten nach unten. Freie Journalisten: weltfremde Jammerlappen, arm wie Kirchenmäuse. Das heitere Berufezertreten ist eine grandiose Idee fürs Netz und steht den Trashkunstwerken „Dschungelcamp“ und „Deutschland sucht den Superstar“ in nichts nach. Missgunst, Schadenfreude & Ekel als Programmversprechen.

Doch halt!

Es könnte sein, dass hier etwas nicht stimmt. Dass hier ein begabter „Reporter des Satans seine Ereignisse selber schafft, um sich anschließend an den Löscharbeiten, pardon, den Klickzahlen zu erfreuen. Denn der Schreiber der Briefe weiß: Auf die Holzmedien und ihre Protagonisten einzudreschen, das funktioniert im Netz so todsicher wie eine Breitseite im Spiegel gegen „faule Lehrer“. Vermutlich lesen wir bald schon den nächsten „anonymen Brief“: Den Brief eines anonymen Studienrats, der aus der Schlüssellochperspektive über die Vorkommnisse im Lehrerzimmer herzieht. Oder den Brief eines anonymen Verlagsangestellten, der den Büroalltag im Vorzimmer des Chefs ausspäht.

Was ist der Sinn solcher anonymen Aufreger-Briefe? Ein Ventil zu schaffen für die Unzufriedenen? Eine Anklagebank zu zimmern für all die Stammtischgeschädigten, die seit 100 Jahren belogen und betrogen werden? Einen neuen Pranger zu errichten für moderne Hexen und Sündenböcke? In Wirtschaftskrisen wie diesen kann jeder rotten neighbor, der mal faul in der Hängematte liegt, über Nacht zum Schuldigen werden.

Es ist ja so einfach, aus der Anonymität heraus zu denunzieren. Kein Fakt muss belegt, kein Name genannt werden. Und wenn man die Texte studiert, so fällt schnell auf, dass in diesen vermeintlichen „Insider“-Geschichten Namen und Orte fehlen. Es sind Flurfunk-Geschichten vom Hören-Sagen. Und deshalb sind anonym veröffentlichte Briefe gezielte Verleumdungsaktionen.

Schon Brecht wusste: Jedes Verbrechen hat Name, Anschrift und Gestalt. Das Gleiche gilt für Zivilcourage.

Post to Twitter Artikel twittern

Artikel per E-Mail empfehlen Artikel per E-Mail empfehlen

Das könnte Sie ebenfalls interessieren

Mehr zu: | |

8 Kommentare

  1. Ronnie Grob |  06.02.2009 | 13:17 | permalink  

    Als Empfänger und Verwerter des Briefs möchte ich dazu Stellung nehmen.

    Ich glaube, dass der Brief darum Aufmerksamkeit erzeugt hat, weil darin Tatsachen angesprochen sind. Tatsachen, über die nicht geschrieben wird. Warum wird nicht darüber geschrieben? Weil jeder und jede irgendwie mit drin hängt und etwas zu verlieren hat. Das ist auch der Grund, warum so ein Brief wohl nur anonym funktioniert. Wir haben bei medienlese.com sehr wohl darüber diskutiert, ob wir das so veröffentlichen wollen oder nicht und glauben Sie mir, es waren nicht alle dafür.

    Sie glauben an “Pranger”, gar an die “Denunzierung eines Berufsstandes”? Weil einmal in einem Artikel vermutet wird, dass es auch im Journalismus sich absicherende Faulpelze gibt, die anderen die Arbeit überlassen? Haben wir nicht in etwa über alle anderen Branchen, die es gibt, schon Artikel lesen dürfen, in denen konkrete Eigenschaften ihrer Exponenten kritisiert wurden? Denken wir doch mal an die tägliche Flut von Vorwürfen, denen Manager und Politiker von etablierten Medien wie Zeitungen ausgesetzt sind. Was lesen Ackermann, Mehdorn, Steinbrück, Merkel täglich über sich?

    Und da kommt ein klitzekleiner Pieps eines Medienblogs gegen Teile der Gruppe der festangestellten Redakteure – und schon steht der Pranger? Ich glaube nicht, dass Journalisten Mimosen sein müssen. Vor allem nicht die, die selber gerne austeilen.

    Ausserdem: ich bin selbst freier Journalist und war auch schon Redakteur. Hab ich mich jetzt selbst an den Pranger gestellt?

    Die Ansichten über den Brief (in den Kommentaren) waren übrigens geteilt. Einige fanden, da ist was dran, andere fanden es übertrieben. So geht Debatte, oder?

  2. Ole Reißmann |  06.02.2009 | 13:21 | permalink  

    Über den Sinn lässt sich trefflich streiten – die Idee, wir hätten die Briefe selber geschrieben oder verfassen lassen, muss ich aber zurückweisen. Mit dem ersten Brief – dessen Urheber wir nicht kennen, der nicht echt sein muss, was wir genau so auch geschrieben haben – haben wir eine Diskussion angestoßen. Denn Fakt ist doch: Vielen freien Journalisten geht es nicht blendend. Dass es auch anders geht, hat danach ein freier Journalist geschrieben, unter seinem richtigen Namen. Der dritte Brief ist klar eine Provokation, den wir ohne die anderen beiden Texte nicht veröffentlicht hätten. Der Autor ist uns, im Gegensatz zum ersten Brief, allerdings bekannt.

    Nur – im ersten Brief werden Orte genannt, der zweite ist nicht anonym, und nach einem Blick in unser Archiv komme ich nicht zu dem Schluss, es mangle uns an Zivilcourage.

    Pranger und Beichtstuhl hingegen sind wir auch gerne mal.

  3. mds |  06.02.2009 | 13:26 | permalink  

    @Wolfgang Michael: Schade, dass Sie nicht auf den Inhalt der kritisierten Briefe eingehen … ich weiss, dass es üblich ist, bei Inhalten, die nicht gefallen, den Absender anzugreifen, bei Inhalten, die anonym oder pseudonym veröffentlicht werden, ist dies nicht möglich, und daraus resultiert dann Kritik Ihrer Art. Schwach!

  4. Robin Meyer-Lucht |  06.02.2009 | 14:03 | permalink  

    Lieber Wolfgang,

    stimmt – man sollte hier sehr vorsichtig sein, sich an der Authentizität von Flurfunk-Geschichten zu wärmen. Ich halte es für richtig einzufordern, nur anonymisierte Geschichten zu veröffentlichen, deren Autor der Redaktion bekannt ist. Somit ist dies ein wichtiger Beitrag in der Blog-/Ethik-Debatte.

    Zumindest aber der Ort wurde ja in der Geschichte genannt: DerWesten. Aber das nimmt Deiner Kritik eigentlich nichts.

    Robin

  5. Wolfgang Michal |  06.02.2009 | 14:55 | permalink  

    @Ronnie Grob, Ole Reißmann
    Das Journalisten-Bashing im Netz hat große Tradition, ich weiß. Doch ich bin der Meinung, dass dieses pauschalisierende Dampfablassen kontraproduktiv ist. Vor allem mit dem zweiten anonymen Brief (der so genannten “Provokation”) habt ihr das Fass zum Überlaufen gebracht. Es gibt in allen Branchen solche und solche. Wo ist da der Erkenntniswert? Ihr als verantwortliche Redakteure müsst darauf bestehen, dass die Dinge beim Namen genannt werden und einer Überprüfung standhalten. Es muss bei solchen Geschichten einen verantwortlichen Autor geben. Wir leben nicht in einer Diktatur. Der Verfasser muss sagen, wer er ist, er muss konkrete Fälle beschreiben und die Fakten auf den Tisch legen – so wie Stefan Niggemeier das in seinem Blog vorbildlich macht.
    Zum Inhaltlichen: Ich weiß sehr wohl, wie es in Redaktionen zugeht und unter welchen Bedingungen freie Journalisten arbeiten. Als Vorstandsmitglied der “Freischreiber”, des neuen Berufsverbandes der freien Journalistinnen und Journalisten, erfahre ich das jeden Tag. Wir wollen die Missstände beseitigen. Aber wir werden sie nur beseitigen können, wenn auch die Betroffenen die Courage haben, konkrete Fälle zu erzählen und dazu zu stehen. Als Redaktionssprecher habe ich zu oft erlebt, dass Leute, die im Flur noch das große Wort führten, in der direkten Konfrontation total einknickten. Von anonymen Briefen, in denen nichts Greifbares steht (außer ein paar Döntjes zum Totlachen), muss sich niemand betroffen fühlen.

  6. Jakob Vicari |  10.02.2009 | 14:49 | permalink  

    @Ronnie Grob Sie bezeichnen sich als “Empfänger und Verwerter des Briefs”. Diese Beschreibung hat so gar nichts journalistisches und erinnert mich mehr an Vorkötters Christstollen. Anonymisiert veröffentlichen – okay. Aber so begebt ihr Euch auf dünnes Eis, da hat Wolfgang recht. Ein in Auftrag gegebener Brief als Kolume hätte dieses Problem gelöst, eine journalistische Recherche nach dem Urheber sicher auch.

  7. In der Journalistenwelt geht es rund « Ambitioniert’s Weblog |  10.02.2009 | 19:22 | permalink  

    [...] Beitrag hat für jede Menge Wirbel gesorgt, weil sich wohl einige Menschen auf den Schlips getreten fühlen. Sehr merkwürdig – fühlt man sich etwa angesprochen. Immerhin findet man [...]

  8. Ronnie Grob |  12.02.2009 | 09:26 | permalink  

    @Jakob Vicari: Ich bezog mich mit der Aussage “Empfänger und Verwerter des Briefs” auf die Geschichte “Wie sich ein hochbezahlter Redakteur durch den Alltag mogelt”. In diesem Fall ist mir der Urheber bekannt, wir haben die Einsendung anonymisiert veröffentlicht. Im Fall “Offener Brief: Vom Neid auf die Festangestellten” erreichte uns die Einsendung per Kontaktformular, ein Fakt, den wir transparent dargestellt haben.

Sie möchten diesen Text kommentieren?

Ihr Name (erforderlich):

Ihre E-Mail (erforderlich):

Ihre Website:

Über Facebook oder Twitter einloggen: