Vera Bunse | 25 Kommentar(e)
Die TV-Berichterstattung über die Piraten ist eine Zumutung. Ganz gleich, ob ein Interview geführt oder ein Ereignis kommentiert wird: Sie ist schwer zu ertragen.
26.03.2012 |
In den Reportagen von den Wahlerfolgen in Berlin und Saarbrücken waren Party, Stimmung, Jubel und Internet die meistgebrauchten Worte. Berichte von Parteitagen bestehen überwiegend aus der Beschreibung der vielen Kabel und Laptops, des verbreiteten Genusses eines stark koffeinhaltigen Getränks, der Versammlungsform, die nicht so durchorganisiert ist, wie es die Betrachter gewohnt sind. Dem Stimmungsbild folgt die übervorsichtige Annäherung an Aliens mit Welpenschutz. Es mag gestandene Journalisten verblüffen, in eine Halle voller Leitungen und Computer zu geraten, dahinter sitzen jedoch ganz normale Menschen. Junge, engagierte Menschen allerdings, das ist in der deutschen Politik in den letzten 30 Jahren nicht mehr vorgekommen. Es ist kein Grund, auf Zehenspitzen zu gehen.

Die Reporter haben mit etwas Neuartigem zu tun, ja, aber es beißt nicht. Man kann ihm mit journalistischer Neugier, guter Vorbereitung und interessanten Fragen begegnen. Die Interviews wirken stattdessen bemüht bis peinlich, der Ton klingt nach will und kann nicht. Der Zuschauer ist danach nicht schlauer. Was er über die Piraten erfahren hat, hat kaum Informationswert: Jung, chaotisch, was mit Internet, kein Plan. Wusste man schon, nicht so wichtig.
Die ziemlich hilflosen Fragen und die augenscheinlich schlechte Vorbereitung der Reportagen decken sich erstaunlich weitgehend mit der Herangehensweise der politisch Alteingesessenen. Auch das Personal der traditionellen Parteien findet keine Erklärungen. Die Einordnungsversuche sind zum Teil so haarsträubend, weil die Piraten partout nicht in ein bekanntes Schema passen wollen. Was nicht in eine Schublade geht, ist per se unheimlich und flößt Angst ein. Als könnte man den Neuen nicht mit ganz herkömmlichen Mitteln auf die Spur kommen: Lesen, mit ihnen sprechen, Fragen stellen, neugierig sein, die Bereitschaft, sich schlau zu machen. Zuzugeben, dass man etwas nicht kennt, bedeutet einen erträglichen Kontrollverlust. Es gibt genügend Piraten, die gerne bereit und in der Lage wären, ausführlich Auskunft zu geben.
Spätestens jetzt, nach der Saarland-Wahl, ist unstreitig, dass man die junge Partei ernst nehmen muss. Sie bringt mächtig Bewegung in scheinbar feststehende Gegebenheiten. Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin wurde noch erklärt, das Ergebnis sei der großstädtischen Umgebung und der urbanen, internetaffinen Jugend zuzuschreiben. Für das kleine Saarland kann das nicht stimmen, dennoch wird weiterhin das Mantra von der Internetpartei bemüht. An die Wurzeln geht niemand.
Die einzige Tatsache, die von allen richtig beurteilt wird: Die Piraten sprechen ein junges Publikum an. Die Beweggründe, sie zu wählen, haben jedoch nur nachrangig mit dem Netz zu tun. Vielmehr findet hier die große Unzufriedenheit mit dem üblichen Politikbetrieb Ausdruck, in dem mehr vertuscht als Tacheles geredet wird und die Menschen längst nicht mehr wichtig sind. Nein, die Piraten haben noch nicht auf alles eine Antwort. Aber wie wohltuend, wenn zwischen all dem genormten Blabla mal jemand sagt, “darauf kann ich Ihnen noch keine Antwort geben”. Es stellt sich niemand vorne hin und behauptet, alle Lösungen zu kennen.
Die Piraten laden zum Mitmachen ein, wo die sogenannten Volksparteien selbstherrlich Hinterzimmerpolitik betreiben. Das Versprechen, mit gestalten zu können, selbst etwas zu bewegen und die oft nicht verständlichen Entscheidungen derer ‘da oben’ beeinflussen zu können, ist das wichtigste Wahlmotiv. Es ist wesentlich kraftvoller als die Themen Internet und Netzpolitik, die von den Medien so gern in den Vordergrund geschoben werden. Diese Reduzierung wie auch die stete Betonung des vorgeblichen Interesses an freien Downloads oder der Abschaffung des Urheberrechts ist eine Folge mangelhafter oder fehlender Nachfrage, kurz: von medialem Desinteresse.
Die erschreckende netzpolitische Unbedarftheit der alten Parteien ist natürlich Teil des Problems, durch die schlecht vorbereitete, einseitige Berichterstattung wird sie noch sichtbarer. Auch über das alte Parteienspektrum wird ja immer noch berichtet, als habe sich seit den 80er-Jahren nichts geändert: Über die CDU als christlich geprägte Wirtschaftspartei, über die SPD, als vertrete sie immer noch sozialdemokratische Ziele, über die FDP, als sei sie auch heute noch das Zünglein an der Waage, das sie jahrzehntelang war. Eher selten sind Kommentare, die den Sozialabbau durch den unheilvollen neoliberalen Einfluss und die längst erfolgte Angleichung unter den großen Parteien beim Namen nennen. Als sensationell wird hingegen herausgestellt, wenn konservative Politiker etwa twittern oder gar bloggen, als sei das bereits ein Kompetenzbeweis und belege die ernsthafte Beschäftigung mit digitalen Bürgerrechten.
In der Wirklichkeit enthalten netzbezogene Verlautbarungen aus den großen Parteien selten anderes als beschämende Fehleinschätzungen oder die Ankündigung von Restriktionen. Auf ihrem ureigenen Spielfeld lassen sich die Piraten aber nicht von uninformierten Lautsprechern dreinreden, und sie sind zu Recht sauer, dass deren Dialogbereitschaft gegen Null geht. Dialogfähigkeit und Lernbereitschaft sind wichtige Schlüssel zum Verständnis der Partei; Bildung, die Verbreitung von Wissen und die Vermittlung von Fähigkeiten ein Grundanliegen. Sie versteht nicht, dass man nicht einfach auf das in ihren Reihen vorhandene Wissen zugreift. Einer Partei, die Probleme lösen und den üblichen Politikstil ändern will, ist Ignoranz unverständlich.
Allerdings hat sie auch einige Steilvorlagen vergeben. Die Pressearbeit hinkt noch gewaltig. In den letzten Monaten wurde auf einige netzpolitische Herausforderungen nicht schnell und effektiv reagiert. Das spielt denen in die Hände, die auf professionelle Pressestellen zurückgreifen und in zwei Sätzen anschauliche Schreckensszenarien entwerfen können. Sie können sich entspannt zurücklehnen, statt unter Zugzwang reagieren zu müssen. Es ist allerdings ein Trugschluss, deshalb anzunehmen, die Piratenwähler nähmen das besonders übel. Auch das irritiert die Medien; es ist einfach nichts wie gewohnt. Bekannte Mechanismen funktionieren nicht. Handlungsmuster, die bei den herkömmlichen Parteien bestimmte Folgehandlungen triggern, kommen kaum vor. Selbst Intrigen finden coram publico statt, nachzulesen in den Foren, sozialen Netzwerken und auf Twitter.
Von den Sendern werden diese Mittel kaum zur Information genutzt. Sie sind zwar in den Netzwerken unterwegs, bewerben dort allerdings hauptsächlich die eigenen Programme. Es gibt einige Redakteure, die dem Fernsehzuschauer “das Internet” übersetzen. Diese wenig informativen Inhalte beschränken sich auf einfache Stimmungsbilder und Interpretationen, die der Sachkenntnis von Einzelpersonen überlassen bleiben und nur in sehr kurzen Einstellungen zu sehen sind. Sie erklären nichts.
Vielleicht beginnen die Fernsehanstalten jetzt endlich, Journalisten mit Berichten über die Piratenpartei zu beauftragen, die dem Thema gewachsen sind. Die Piraten haben eine schwierige Zeit vor sich, in denen sie nicht nur Antworten finden, sondern auch an Professionalität gewinnen müssen: Eine wirklich spannende Zeit für die Medien, für guten, informativen Journalismus. Die Öffentlich-rechtlichen haben den gebührenfinanzierten Auftrag, die Bürger umfassend zu informieren. Bei den Sendern gibt es genügend geeignete Mitarbeiter, die diese Herausforderung annehmen können. Die Piraten werden für die nächsten Jahre ein ergiebiges Thema sein, auch abseits der Stereotype Internet, Protestpartei und Anderssein. Macht was draus.
Crosspost von … Kaffee bei mir?
Foto: Marcus Sümnick, CC BY-SA
- Analyse und Einordnung von Kris Köhntopp
- FX Neumann: Spaß und Protest
- Heribert Prantl: Das Piratennest: “Die Piratenpartei befriedigt offenbar eine gutgläubig-unbefangene, herzhaft basisdemokratische Lust auf Politik.”
- Christoph Bieber: Der Unwahrscheinlichkeitsdrive der Piraten
Weitere Links werden gegebenenfalls hier ergänzt.





Es ist zwar nicht das Hauptthema des Beitrags, aber ich kann diesen Unsinn einfach nicht mehr hören. Die Staatsquoten sind fast überall im Westen nahe 50 %. Wie kann man auch nur auf die Idee kommen, in einer solchen Situation irgendwo einen neoliberalen Einfluß zu sehen? Wir haben hier einen lupenreinen Staatskorporatismus – das ist das Gegenteil des neoliberalen Denkens!
Unter Erhard (dem letzten neoliberalen deutschen Politiker mit Einfluß) lag die Quote übrigens bei einem Drittel. Das ist auch eine gesunde Größe für eine soziale Marktwirtschaft.
Nein,
die Piraten werden großgeschrieben, größer gemacht, als sie sind. Die anfänglichen Berichte über die Piraten (im oben gut beschrieben Stil) haben sie erst stark gemacht. So machen die internet-Aufbereitung den sprachlichen und inhaltlichen Fehler durch P.Döring größer und bedeutsamer als er in der Diskussionsrunde war (und was Döring mehr schlecht als Recht dann ja auch wieder einkassiert hat).
Ja, sie bedienen ein Gefühl. Aber wofür stehen sie?
Gibt es Inhalte, die die Wähler nennen können oder Inhalte, die die Piraten nennen können? “Ich wähle Piraten, weil die anders sind und es irgendwie anders machen.”
Die Piraten sind keine wirkliche Partei, sondern ein Symptom der gegenwärtigen Haltung, wie wir Politik und Politiker sehen, behandeln und über sie berichten.
Gibt es irgendeinen Artikel, der sich damit befasst, was die Piraten in zwei Jahren machen, wenn es so richtig ans inhaltliche Arbeiten geht, wenn der Zauber es Anfangs verflogen sein wird? Es wird nicht ewig um Rock’n'Roll, “die Etablierten aufmischen” und Internet gehen können. Sondern wir haben wirklich große Themen zu bearbeiten. Auf diese Zeit bin ich mit den Piraten gespannt.
So sympathisch ein “darauf kann ich Ihnen gerade keine Antwort geben” ist – das ist keine Dauerlösung.
Neoliberal ist das Unwort unseres Jahrzehnts und muss für alles herhalten was der gemeine Beobachter nicht mag. Eine wirkliche Bedeutung des Wortes konnte so auch noch niemand feststellen, vielmehr ist es nur noch Mittel zur Polemik.
Sag ich doch.
Neoliberal im Sinn der INSM. Besser?
Guter Artikel.
Als ich mir neulich die Haushaltszahlen von Berlin ansah, stellte ich fest, dass die Schulen unter Sarrazin von 30 Mrd € auf 60 Mrd € gewachsen sind und der das zynisch, wie er ist, Haushaltssanierung nannte, dachte ich mir, da kann man auch ungelernte 20-jährige ran lassen. Die können auch nicht wesentlich mehr beim Lernen kaputt machen als Sarrazin. Auch wenn der heutige Vorschlag, die Subvention für die Deutsche Oper von fast 60 Mio/a zu streichen, skurril ist.
Aber ich würde den Duktus vielleicht noch mal anders betrachten: Die Medien berichten Hofberichterstattung, systemerhaltend. Weil sie keinen Mut haben, unabhängig zu berichten. Wir haben ja bei Wulff gesehen, wie aggressiv die Machterhaltungstaktiker in Krawatte sind Und ihre weiblichen Pendants).
Die alten Parteien wollten sich nicht an die Neuzeit anpassen. Sie haben das Urheberrecht gegen die große Masse der Bürger verschärft. Sie haben die Verfassung mit der Vorratsdatenspeicherung berochen (inkl. der Blender Dorothee Bär, CSU, und Peter Altamier, CDU (der heute jubelt, dass seine Partei 0,7% zugelegt hat, wo selbst die Sozis 7% Zuwachs hatten)), ohne dass diese Verfassungsverächter konsequenterweise vom Verfassungsschutz beobachtet werden.
Sie haben bei dem Zugangserschwerungsgesetz (Netzsperren) eine katastrophale Wendehalspolitik gefahren, die sie jeder Glaubwürdigkeit beraubt hat: Erst rennt Ursula von der Leyen im Wahlkampf durch die Altersheime und sagt, man müsse im Kampf gegen die Kinderpornografie unbedingt jeden Webzugriff jeden Bürgers überwachen (und bekannte Fundstellen von dem Dreck so lassen wie sie sind und nur rote Schildchen vor hängen (damit die katholischen Kleriker den Dreck weiterhin finden, man hat ja auch mit dem Viererrat der Regierungsfrauen die kath. Kirche finanziell unterstützt, damit die Opfer der Kinderschänder vom Staat und nicht von den Tätern entschädigt werden). Der Betrüger und Fälscher Guttenberg unterstützt sie dabei. Erst als fast 150.000 Bürger sagen, der Dreck soll gelöscht werden (Online Petition), wenn das BKA weiss , wo er rum liegt, lässt man das Gesetz wieder ersatzlos abschaffen. Die gleichen Blender wie Bär und Altmaier sagen das exakte Gegenteil, aber nicht aus eigener Einsicht, sondern weil der Bürger sich das nicht gefallen lässt, dass das Unions-Klientel mit dem BKA- bekannten Kinderpornos kostenlos versorgt wird.
Diese unseriöse Politik macht so unglaubwürdig, dass natürlich die Piraten im Aufschwung sind. Man hat ja den Verdacht, dass man in den anderen Themen genauso betrogen wird von den umfallenden Opportunisten (Afghanistan mit 6,5 Mrd € Kosten/a und 200.000 Toten, aber 8.5000 Tonnen Opium unter der Nato statt 150 unter den Taliban).
Ich glaube aber, dass das nicht nur auf die Politik zurückfallen wird, sondern diese nicht neutrale und kenntnislose Berichterstattung wird weiter die Medien erodieren.
Ein letzter Satz noch: mich beunruhigt, dass bei den Piraten so viele junge Menschen schon nach relativ kurzer Zeit umfallen, gesundheitlich ausfallen, kürzer treten (@afelia, @herrurbach, und weitere Funktionäre). Liegts tatsächlich an dem besonders großen Stress oder sind die einfach noch zu jung wie auch Lindner, FDP, der weggelaufen war aus der Boygroup?
Die Berichterstattung folgt der Intelligenz der Berichterstatter.
@JanDark
Ich nehme nicht an, dass mehr Menschen gesundheitliche Probleme haben. Es geben nur mehr zu. Außerdem ist Frontarbeit in der Politik Fronarbeit, das sieht nur von außen lustig aus. Wenn man das nicht kennt ist und noch dazu nicht jahrelang darauf vorbereitet wurde, passieren diese Ausfälle – das ist nicht schön, aber völlig normal.
Unabhängig von der unmöglichen Berichterstattung der Medien und dem geradezu abstrusen Mechanismen in den alten Parteien nach dem Aufkommen der Piraten sollte man aber auch mal einen Blick auf die Substanz werfen:
Über Werte bei den Piraten zu reden (also was sie denn der neoliberalen Gehirnwäsche der letzten Jahrzehnte entgegensetzen wollen oder ob sie die vielleicht sogar gut finden…) – also über Werte reden, das ist mit Piraten halt aktuell schwer möglich. Schade, aber naja, dann halt morgen.
Aber werfen wir mal einen Blick auf ein konkretes Thema und den dazugehörigen vom Piraten-Bundesparteitag mit 91% beschlossenen Antrag: “Grundrecht auf Internetzugang” – das ist doch mal voll ein Thema, mit dem die Piraten mit Herz und Verstand den Etablierten mal was ins demokratische Stammbuch schreiben könnten.
Aber wer diesen Antrag (und seine dokumentierte Entstehungsgeschichte) in diesem achso famosen LiquidFeedback-Tool mal liest, insbesondere wenn er/sie selbst mit dieser Thematik einigermaßen vertraut ist – nunja, dem wird das kalte Grausen kommen ob der Inkompetenz. Und ja ich schreibe Inkompetenz, denn gegen prinzipiell neugierige Amateurhaftigkeit hätte ich wenig einzuwenden gehabt. Bitte sehr: https://lqfb.piratenpartei.de/pp/initiative/show/64.html
Ich finde, dass dieser Haufen Computer-Geeks in der Berichterstattung noch viel zu gut davonkommen.
Ich denke, die Piraten werden immer noch unterschätzt. Inhaltlich sind sie für mich nicht wählbar. Wer nicht viel mehr als das Bedingungslose Grundeinkommen als sozialpolitische Ziele hat – also nichts – vertritt nicht meine Interessen. Ich sehe das auch als ein Zeichen, dass die Gewerkschaften in der IT zu wenig vertreten sind.
Trotzdem, sie haben sich nichts weniger als die Erneuerung der Demokratie auf die Fahnen geschrieben. In wie weit sie das durchhalten und nicht von “Piraten” zu “Technokraten” werden oder ob sie in 20 Jahren zu einer liberale Lobbypartei für die IT-Industrie verkommen sind kann man jetzt noch nicht vorhersagen. Denn Macht ist an Personen gebunden, und für den Machterhalt halten sich gerne die Mitglieder zurück – so war es zumindest bisher.
Spannend bleibt es allemal und sie zwingen die eingefahrenen Strukturen der politischen Institutionen aus dem vorherigen und vorvorherigen Jahrhundert zum Überdenken ihrer Handlungsweise.
Und die Werte? In den Parteizielen sehe ich schon einiges dazu: Basisdemokratie (über technische Lösungen), Kompetenz (es wird nur vertreten, worin sie sich auskennen – oder auszukennen glauben), Transparenz (wohl die größte Herausforderung in naher Zukunft).
Nach der Berlin-Wahl war für mich erschreckend, wie hilflos selbst die öffentlich-rechtlichen Sender reagierten. Da verbiss sich Markus Lanz in das Thema Kopftuch bei Gerwald Claus-Brunner, und Anne Will quälte sich ein nautisches Wortspiel nach dem anderen ab (in der Runde zeigte von den etablierten Parteien lediglich Peter Altmeier Profil). Dass die Privatsender qualitativ noch darunter lagen, war eher zu erwarten.
Noch erschreckender ist allerdings, dass sich diese Lage bis heute nicht geändert hat. Genügend Zeit wäre vorhanden gewesen, sich von der Wahl in Berlin bis zur Wahl im Saarland zu informieren. Dennoch überlässt man die Analyse der Piratenpartei eher den Lobbyisten (“Abschaffung des Urheberrechts“, so ein Unfug) und plappert das dann fröhlich nach. Und anstatt sich mal über das Parteiprogramm der Piraten zu informieren, wird propagiert, dass sie keins hätten.
Meine Vermutung ist, dass sich dies bis zur Wahl in NRW nicht ändern wird. Auch da dürfen wir gespannt sein, wie viele nautische Begriffe in den Talkrunden fallen werden, und ob die Piraten überhaupt zu solchen Gesprächen eingeladen werden (was ich arg bezweifle).
Wer schreibt, macht seine Narrative auf. Alles, was sich den Narrativen nicht anbiedert, ist gut. Auf der anderen Seite sollte sich jeder überlegen in welchem Bereich er Akzente setzt. Am Ende vermitteln sperrige Inhalte die Stamina. Wer zu sehr auf Leichtmatrosenkost für die Medien und Wirkung setzt, dem fliegt am Ende die eigene Gehaltlosigkeit um die Ohren.
vielen Dank für diesen Text – nur das mit dem Alter (“Die Piraten sprechen ein junges Publikum an.”) das verändert sich ebenso – zumindest bei den Neumitgliedern.
Viele Dank für diese klaren Worte. Das Problem bleibt, dass wenn Alles soweit klar ist, dass das dann auch Wirkung bekommt. CARTA-Kolumne in der BILD? ;-)
Zitat:
Ich finde, dass dieser Haufen Computer-Geeks in der Berichterstattung noch viel zu gut davonkommen.
@rüdiger: Aber Rüdi! Du bis auf CARTA. Verirrt?
Die Reporter sind ja auch ihren Standard bei Pressekonferenzen gewohnt. Die wollen gerne ihren Tagesordnungplan haben und am besten vorgefertigte Pressemeldungen, die sie verwurschteln. Mit den Piraten können sie nichts anfangen, weil die noch in keine Schublade passen, weil sie das komplett politische Spektrum in Anspruch nehmen und selbst nicht wissen, was sie wollen. Der Journalismus ist mit den Piraten einfach überfordert, genauso wie es die Bevölkerung eigentlich ist und wie selbst ich es als politisch interessierter Nerd bin. Gewählt werden sie imho deswegen, weil man keine der etablierten Parteien wählen möchte – mal wieder Protestwähler. Wenn da nicht inhaltlich bald mehr kommt als das derzeitge Chaos, dann wird der Traum bald wieder vorbei sein.
[...] Marina Weisband über die Grundprinzipien der Piratenpartei. *** Die Reporter haben mit etwas Neuartigem zu tun, ja, aber es beißt nicht. Man kann ihm mit journalistischer Neugier, guter Vorbereitung und interessanten Fragen begegnen. Die Interviews wirken stattdessen bemüht bis peinlich, der Ton klingt nach will und kann nicht. Der Zuschauer ist danach nicht schlauer. Was er über die Piraten erfahren hat, hat kaum Informationswert: Jung, chaotisch, was mit Internet, kein Plan. Wusste man schon, nicht so wichtig.Die Piraten in der Fernseh-Berichterstattung — CARTA [...]
@Stoibär
Dafür bin ich doch Journalist: Um neugierig zu sein und zu versuchen, die Welt zu erklären. Was ist denn so schwierig daran, in eine Halle zu kommen, die Stimmung aufzunehmen, auf ein freundliches Gesicht zuzusteuern und zu fragen, was abgeht? Was ist daran schlimm, zu fragen, wenn man etwas nicht weiß oder kennt?
Ein sehenswerter, weil um seriöse Aufarbeitung bemühter Beitrag war die Sendung “Eins zu eins – Gespräch aus Düsseldorf, Die Piraten – Eintagsfliege oder neue politische Kraft?” im WDR mit Christoph Bieber, Politikwissenschaftler Uni Duisburg-Essen, im Gespräch mit Jürgen Zurheide.
Leider nur in YouTube gefunden.
@Volker
Hier ist der Beitrag beim WDR.
So wünsche ich mir ÖRR, nämlich auf meiner Seite stehend. Danke für diesen Link. Ich hatte den Eindruck, als ob Jürgen Zurheide genauso viel Ahnung von den Piraten hat wie ich (eher nicht so viel). und das auch offen ansprach, aber neugierig war und genau die Fragen an einen Experten gestellt hat, die auch ich hatte. Also ob ich als Zuschauer hinter ihm stehen würde und ihm in Ohr geflüstert hätte: Frag doch mal dies, frag doch mal das. Mir wird immer klarer, was mich an vielen aufgeblasenen Wichtigtuern z. B. in der Hauptstadtberichterstattung eigentlich stört (oft interviewen sich ja in Heute oder Tagesthemen Journalisten untereinander, für neugierige Fragen an die Akteure fehlt vielleicht auch die Zeit?) Der Link ist im Übrigen nicht mehr aktuell. Ich kann dieses Video auch nur empfehlen: http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2012/03/29/einszueins.xml
Wahrscheinlich gehen die Piraten genau denselben steinigen Weg, die schon andere Parteien lange vor ihnen gegangen sind. Frage: Kann man die Piraten überhaupt wählen? Welche genauen Konzepte stecken hinter den Piraten, wie stehen sie zur Wirtschaftspolitik usw.
@Wolfgang
Danke für den Link – schnell ansehen, ehe er wieder depubliziert wird …
@tanja
Über die Wirtschaftskompetenz hat Dirk Elsner hier etwas geschrieben.
@tanja Ob man die Piraten wählen kann? Dazu mal ne kurze persönliche Anmerkung. Ich habe 15Jahre Erfahrung in der Kommunalpolitik, immer in Sprecherfunktion. Leserbriefe, Unterschriftensammlungen, Demonstrationen: Alles erlitten. Kann man abtropfen lassen, das ist irgendwann auch wieder vergessen (meist ziemlich zügig). Ungemütlich wird es erst, wenn Leute sich organisieren, und wirklich den Kopf heben muss man als politischer Akteur, wenn die sogar zu Wahlen antreten und drohen, mir Mandate wegzunehmen.
Ich denke mal, wer keine Zensur im Internet will, wer sich weiterhin (auch anonym) einbringen will usw., der kann sich über die Existenz dieser Partei wirklich nur freuen. Ob man die dann tatsächlich wählt, ist eine andere Frage. Vorsichtig formuliert: Da wird sicherlich noch professionalisiert werden müssen.