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Julius Endert

Zeig mir deine Freunde

Julius Endert | 6 Kommentar(e)


Man kann nie genug Freunde haben, vor allem nicht in sozialen Netzwerken. Persönliche Kontakte sind dort kein Geheimnis mehr, auch nicht gegenüber den Betreibern.

16.02.2012 | 

Früher gab es einige Leute, die schrieben ein Tagebuch – das war das Allerheiligste. Unbefugtes Schnüffeln wurde mindestens mit dem Entzug der Freundschaft auf Lebenszeit bestraft. Gleich nach dem Tagebuch kamen diese kleinen Adressbüchlein, die hatte jeder und sie waren nicht minder schutzwürdig.

Meist waren sie durch den häufigen Gebrauch stark abgegriffen. Durch das häufige Ändern von Adressen und Telefonnummern war manches unlesbar. Diese Adressspeicher waren quasi lebende Gebilde und zeigten die Statusänderungen in unseren Beziehungen schon damals. Hier war eine Nummer überschrieben, dort eine durchgestrichen. Ein Verlust war eine glatte Katastrophe.

Kaum vorstellbar, dass jemand einem fremden Dritten so mir nichts dir nichts sein kleines Ringbuch oder Moleskin-Heft zum kompletten Abschreiben überlassen hätte. Wenn überhaupt, durften nur Freunde einzelne Adressen erfragen. Man bekam sie nur nach reiflicher Überlegung, manchmal nur nach Rückfrage bei demjenigen, um dessen Adresse oder Telefonnummer es ging. “Ich weiß nicht, ob ich dir die Nummer geben darf”, hieß es dann, „ich muss erst fragen“.

Aus und vorbei: Der Umgang mit den persönlichen Kontakten hat sich innerhalb kurzer Zeit radikal gewandelt. Mit dem falschen Versprechen, bei Herausgabe seiner Daten noch mehr Freunde zu finden, entlocken uns die Anbieter von sozialen Netzwerken und Programmierer von Apps das komplette Verzeichnis unserer Freunde.

Gefragt – und wie sich jetzt herausstellt – manchmal auch ungefragt, laden Anbieter wie Path oder Foursquare die ganze Liste auf ihre Server. An Dreistigkeit ist das kaum zu überbieten: Es wäre so, als würde jemand eines anderen Adressbüchlein heimlich aus dem Mantel nehmen, abschreiben und unbemerkt wieder hineinstecken.

Es hat sich eine merkwürdige Kultur im Umgang mit Freundeslisten herausgebildet: Begleitet vom Zuckerbergschen Mantra, dass es nicht genug Vernetzung unter den Menschen geben könne: „Mark hat die Vision, von einer Welt wo es uns besser geht. Wo wir uns alle miteinander vernetzten“, umschreibt Sherly Sandberg, Facebook-Geschäftsführerin in der ARD-Facebook-Doku (bei 12:26 min) mit gespielter Empathie die Mission ihres Chef. „Mein Leben wird besser, wenn ich mich dafür interessiere, was du tust.“

Das Ergebnis ist mindestens ein Vertrauensbruch unter Vorspiegelung falscher Tatschen. Klar ist, dass unsere Adressen das einzige Kapital dieser Unternehmen sind. Am Wert unserer privaten Adressbestände hat sich also nichts geändert. Sie sind und bleiben mit die wertvollsten Datensätze in unserem Leben. Und gerade weil das so ist, wollen sie die ach so sozialen Betreiber von sozialen Plattformen auch unbedingt haben.

Der Trick dabei: Sie werden im Handumdrehen zu einer Art öffentlichem Gut erklärt, welches man doch bitte aus freien Stücken hergeben sollte, um noch mehr davon zu bekommen. Ein Trugschluss. Nach allem, was die Forschung weiß, lassen sich Beziehungsnetzwerke nicht bis ins Unendliche ausdehnen. Der digitalisierte Inhalt eines Adressbüchleins reicht noch heute in den meisten Fällen für eine erfülltes soziale Leben aus. Wir sollten endlich mal anfangen, uns des Wertes der eigenen Kontakte und der Notwendigkeit des sorgsamen Umgangs damit bewusst zu werden. Womit keiner der genannten Anbieter verteufelt werden soll. Doch der Anspruch, unser Beziehungsnetzwerk für uns managen zu wollen, geht mir zu weit. Wir haben denen unsere Adressen anvertraut und sie sollten sorgsamer damit umgehen.

Immerhin hat Apple jetzt reagiert: Der Zugriff auf die Kontakte soll nur noch nach ausdrücklicher Genehmigung des Nutzers möglich sein. Apps, die dagegen verstoßen, sollen in Zukunft nicht mehr geduldet werden.

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6 Kommentare

  1. Vera Bunse |  17.02.2012 | 00:47 | permalink  

    Schöner Vergleich, hoffe, er leuchtet vielen besser ein als dieses “Sozial”gequatsche.

  2. Jan Dark |  18.02.2012 | 09:29 | permalink  

    “Klar ist, dass unsere Adressen das einzige Kapital dieser Unternehmen sind.”

    Ich glaube, dass das hysterische Verschwörungsparanoia ist. Der Wert Deiner Kontakte ist gleich Null. In Wulffscher Denke mag mag man Kontakte für wertvoll halten, aber diese Annahme führt zum Absturz.

    Der unsinnige Spruch oben oder gleich die Lüge vom, “Datenkrakeeler” aus Kiel, dass Facebook Profile an Dritte verkauft, zeigt nur sehr deutlich, dass man das Geschäftsmodell wegen mangelhafter ökonomischer Kenntnisse nicht verstanden hat und nun sein eigenes Süppchen als Trittbrettfahrer kochen möchte.

    Eine ruhigere, rationale Diskussion wäre viel angemessener. Neben einer absurden Diskussion mit abstrusen Argumenten, wäre es auch mal notwendig, zu beleuchten, warum 800 Menschen Facebook benutzen. Sicherlich nicht, wie hier naiv behauptet, um Kontaktdaten zu verkaufen. Warum kommunizieren Menschen über Facebook? Schicken ihren Bekannten Nachrichten? Diskutieren in Kommentaren? Teilen Informationen?

    Die Datenkrakeeler mit der Wulffschen Vorteilsmitnahmelogik schmeissen sich nach und nach aus dem Geschäft. Sie werden wie Wulff unglaubwürdig.

  3. Berliner Blogs bei ebuzzing.de – Ranking für Februar 2012 | world wide Brandenburg |  18.02.2012 | 22:33 | permalink  

    [...] (82) 17.GIGA (86) 18. NPD-Blog.Info (87) 19. Webmaster Friday (89) 20. Sprengsatz (90) 21. Carta (92) 22. Gründerszene  (94) 23. Mädchenmannschaft (95) 24. Les Mads (99) 25. deutsche.startups.de [...]

  4. Jonas |  19.02.2012 | 14:01 | permalink  

    Es wird in der Tat immer schwieriger für einen normalen Internet-Nutzer, eine Kern-Privatsphäre aufrechtzuerhalten zu der man nur ausgesuchten Personen Zugang gewährt. In Analogie zu digitalen Adressbüchern kann man zum Beispiel anführen, daß es kompromitierende Party-Fotos auch schon immer gab, nur eben lagerten sie in früheren Zeiten als Papierabzüge zuhause in irgendeiner Schublade und wurden höchstens mal hervorgekramt um sich vor guten Freunden über andere ebenso gute Freunde lustig zu machen. Aber inzwischen läuft man ja Gefahr, daß jeder kleine bildlich dokumentierte Fauxpas, jeder bierselige Schnappschuss vom letzten Trinkgelage nicht nur überall in den Weiten des Internets und sozialer Netzwerke kursiert und zur Kenntnis genommen wird, sondern sogar zur ernsten Gefahr für das Ansehen eines Abgebildeten wird, etwa bei einem Bewerbungsgespräch. In früheren Zeiten brauchte es schon ein vergleichsweise erhebliches Maß an kriminieller Energie, um jemandem auf so eine Weise durch die Verbreitung kompromitierender Papierbilder gezielt zu schaden. Heute besorgt dies unter Umständen der Betroffene selbst durch das Hochladen auf Facebook, selbst seine ihm ansonsten sehr wohlgesinnten Freunde können auf diese Weise seinen Ruf aus Unachtsamkeit oder Gedankenlosigkeit gefährden.

    Neben der im Artikel angesprochenen Problematik der Adressbücher ist dies m.E. auch die zweite große Gefahr – nicht nur in einem rein quantitativen Bezug auf persönliche Kontakte verschwimmen die Grenzen zwischen Privatsphäre und öffentlichem Bereich, sondern auch was die Frage angeht, welcher Art diese Kontakte sind, also eine qualitative Ebene.

    Diese Schnappschüsse, diese bildliche Ausmalung und Ausgestaltung der von einem Facebook-User unterhaltenen “Freund”schaften, erfordert zwar vom User ein bisschen mehr Mitwirkung als das bloße heimliche Abgreifen von Daten aus dem elektronischen Adressbuch. Aber vielleicht ist auch gerade deswegen umso bedenklicher, wie leichtfertig viele mit Daten umgehen, die eigentlich auch heute noch am besten zuhause in der Schublade bleiben sollten. Daten, die in jedem Fall das Potenzial haben, für jeden einzelnen den vermeintlichen Segen der globalen Vernetzung ins genaue Gegenteil zu verkehren.

  5. Milan |  22.02.2012 | 15:31 | permalink  

    Guter Vergleich mit dem privaten Adressbuch.
    Ich war von der ARD-Doku sehr enttäsucht und hätte mir mehr Kritik gewünscht.

  6. Maja |  01.03.2012 | 14:43 | permalink  

    Der Vergleich mit dem Adressbüchlein ist wirklich schön und regt auch etwas zum Nachdenken an..
    Schöner Beitrag (:

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