Andreas Grieß | 19 Kommentar(e)
Was sind Informationen? An einer treffenden Definition scheitern derzeit viele Diskussionen über Themen wie Privatsphäre oder Wikileaks. Andreas Grieß wagt dennoch eine These: Eine Information, behauptet er, ist ein Virus.
14.01.2011 |
Seit immer mehr Leaks entstehen, ob mit oder ohne wiki, ist es Mode, über Informationen und den Umgang mit ihnen zu diskutieren. Mario Sixtus schrieb vor kurzem im ZDF-Blog “Kennzeichen Digital” unter anderem folgenden Satz:
Seit Informationen sich von ihren stofflichen Wirtskörpern befreit haben, lassen sie sich nicht mehr festhalten.
Ein sehr interessanter Gedanke. Dennoch glaube ich nicht, dass sich Informationen je festhalten ließen. Die Frage ist nämlich: Was sind Informationen überhaupt?
Bisher herrscht häufig ein sehr materielles Bild von Information vor. Demnach ist eine Information wie ein Tisch. Irgend jemand hat ihn erstellt, besitzt ihn oder kontrolliert, wer Zugriff auf ihn hat. Man kann ihn – mit etwas Aufwand – kopieren. Aber wenn man ihn kopiert, ist es wieder ein Tisch. Ein Tisch, der selbst keinerlei Interaktion durchführt.
Ich glaube deshalb, dass ein anderes Bild für Information passender ist - das Bild der Information als Virus.
Was ist ein Virus? Ein Virus ist zunächst einmal nicht zwangsläufig etwas Böses. Ein Virus muss keine Krankheit auslösen. Zudem ist es kein Lebewesen, aber dennoch etwas, das mit Lebewesen interagiert. Vereinfacht gesprochen, transportiert es seine Erbinformation in die eines Wirts, der dann hilft, das Virus zu vermehren.
Informationen handeln (interagieren) ähnlich. Nehmen wir eine Wikileaks-Information: In einer der veröffentlichten Botschaftsdepeschen trägt Angela Merkel den Beinamen „Teflon“. Auch wenn die Information auf eine von Menschen stark beeinflusste Situation zurückgeht und sie von einem Menschen erstmals formuliert wurde, ist sie nicht von diesem geschaffen wie z.B. ein Tisch. Vielmehr hat den Menschen diese Information „infiziert“. Ein Botschafter verbreitet sie, andere verbreiten sie weiter. Wikileaks wäre in diesem Zusammenhang eine Art kontaminierte Trinkwasserversorgung, ohne dass ich damit eine Wertung vornehmen möchte.
Deutlicher wird das Information=Virus-Modell, wenn ich ein anderes Beispiel wähle, die Erdanziehung. Die “Information”, wie Gravitation funktioniert, welche Naturgesetze eine Rolle spielen, gab es schon lange vor den Menschen. Sie lag vor in ihrer Funktion, quasi in der praktischen Anwendung. Diese Information wurden (physik-historisch vereinfacht dargestellt) durch Isaac Newton in menschliche Gedanken übersetzt (die Information hatte ihn infiziert). Er berichtete anderen davon und schrieb sie auf. Dies ist eine Art Ansteckung, ja: Informationen sind ansteckend.
Bildlich gesprochen infizierte Newton nicht nur Menschen, sondern auch ein Buch bzw. Papier. Die Informationen blieben die gleichen, lagen aber erneut in einer anderen Form vor – als Schrift. Auch das Buch ist ein „Infektionsherd“.
Nun unterlagen “Informationen” (Menschen und Dinge) lange Zeit einer gewissen räumlichen Begrenzung. Im Zeitalter von Globalisierung, Computern und Internet haben wir es aber ständig mit Informations-Pandemien zu tun.
Auf Wikileaks bezogen heißt das: Den Regierungen helfen weder Mundschutz noch Impfung. Denn mit diesen Instrumenten kann man bekanntlich nur auf bereits bekannte Erreger reagieren. Die Informationsgrippe wird kommen, und sie wird auch wieder gehen. Letzteres zumindest meistens.
Das Bild vom Virus macht auch einen Irrglauben deutlich, dem wir Menschen immer wieder anheim fallen: Den Irrglauben nämlich, dass Informationen dem Menschen gehören und von ihm geschaffen werden. Informationen sind aber nicht vom Menschen abhängig. Der Mensch ist nur der Wirt. Nein: Er ist nicht der Wirt. Er ist ein Wirt. Computer können diese Rolle heutzutage – auch ohne menschliches Zutun – genauso gut erfüllen.
Die Information bleibt gleich, kann aber in verschiedener Form gespeichert werden. Als Praxis, als menschlicher Gedanke, als Erinnerung; auch als Wort, als magnetische Signatur auf einer Festplatte, als Licht oder als elektrischer Impuls in einer Leitung. Information kann in verschiedenen Formen gleichzeitig vorhanden – und doch identisch sein. Sie kann ständig aufs Neue übersetzt werden (auch heute könnte ein Mensch die Gravitation auf dem Weg Newtons verstehen).
Wir bezeichnen Viren nicht als Lebensform, sondern als Partikel. Aber das ist eine menschliche Definition. Würden wir sie zu den Lebensformen zählen, wären Viren eine äußerst effektive Lebensform. Und Informationen sind womöglich die dominante Spezies im Universum.





so ähnlich hat das leonardo dicaprio in INCEPTION auch gesagt…
Deckt sich das nicht schon in etwa mit den Vorstellungen der Memtheorie?
Film des Jahres 2010: Inception, von Christopher Nolan mit genau der Grundidee:
Ideen sind Viren……..
@zrendavir: In Teilen sicherlich, ja. Die ganze Mem-Theorie umfasst aber häufig einen evolutionären Chakakter (Stichwort Tem) bis hin zu Veränderung des Wirtes. Das geht mir dann doch alles etwas weit, weshalb ich die Worte wie “infiziert” in Anführungszeichen gesetzt habe, da sie nur als bildliche Beschreibung dienen sollen.
@Andreas Tengicki: Ok, ich merk schon, irgendwann sollte ich den Film doch mal schauen.
Die Analogien sind bestechend. Und vielleicht begreift man tatsächlich einen Teil dieses flüssigen Gewebes namens “Informationen” und damit die “Informationsgesellschaft”, wenn man es mit Viren vergleicht. Es gibt aber – glaube ich – einen Haken: Informationen sind keine objektiven Entitäten, die ihren Wirkungsmechanismus in sich tragen. Oder anderes gesagt: Informationen sind hochgradig veränderlich. Während Viren sich identisch multiplizieren, kann eine und dieselbe Quellinfo im Nu ganz unterschiedlich aufgefasst werden und bei der Weitergabe eine komplett andere, unter Umständen konträre Gestalten annehmen. Hinzu kommt, dass Informationen sich gegenseitig überdecken, also wie von alleine verschwinden, weil die Wirtspersonen nur begrenzt empfänglich sind für Infos. Informationen brauchen Aufmerksamkeit und manchmal auch die aktive Suche, um sich zu verbreiten, Viren benötigen nur die räumliche Dichte.
Deshalb scheint mir, Infos verhalten sich zwar ähnlich wie Viren, irgendwie aber auch ganz und gar nicht so.
Immerhin kann man aber deine Analogie noch fortführen und davon sprechen, dass den Menschen ein wunderbares Info-Immunsystem mitgegeben, das alle Infos neutralisiert, die nicht zum jeweilig voreingestellten geistigen Organismus passen (“kognitive Dissonanz”).
@Fritz: Danke für deinen Kommentar. Sicherlich gute Einwände drin. Informationen sind vor allem nicht nur veränderlich, sondern Kontextbezogen. Verschiedene Informationen ergeben zusammen womöglich Wissen. Nun kann man sagen: Drei vier verschiedene Infektionen ergeben zusammen auch Krankheit (leider klingt das wieder negativ).
Ist nicht Sprache Information?
Ziemlich einleuchtend. So kapier ich den Begriff ‘Informationen’ nun auch.
(An dem obigen Zitat bin ich auch hängen geblieben.)
[...] einen Zufall bin ich im Google-Reader auf folgenden Artikel gestoßen: http://carta.info/37239/informationen-sind-viren/ Dieser Aufsatz nimmt an, dass eine Information etwas eigenständiges, selbsthandelndes oder gar [...]
[...] Informationen sind Viren — CARTA (tags: carta.info wikileaks supertaalk recherche information virus) [...]
[...] Informationen sind Viren [...]
Informationen sind nicht außerhalb eines “Wirtskörpers” denkbar, dort ‘draußen’ gibt es nur ‘Reize’, ‘Perturbationen’, ‘Trigger’, ‘Auslöser’, ‘Texte’, ‘Kommunikation’ – oder wie immer man diese Dinge nennen will. Daraus eine ‘Information’ machen, das kann aber nur das jeweilge Gehirn. Es handelt sich immer um ‘innere Repräsentationen’. Ohne ein Gehirn, das es liest und ‘in Formation’ bringt, ist das bedeutendste Buch nur ein Haufen Zellulose.
So war es allen Menschen längst bekannt, dass Äpfel vom Baum fallen – und eben nicht in den Himmel steigen. Newton erfand schlicht eine neue, mathematische Form, dieses Wissen ‘in Formation’ zu bringen. Neue ‘Frames’ konnten sich in den Gehirnen entwickeln, unterstützt durch Erziehungssysteme – neue Formen ‘innerer Repräsentation’. Obwohl ich ja glaube, dass die meisten Menschen sehr differente ‘Frames’ zeigen würden, wenn man sie fragte, was denn genau der Inhalt dieses Gravitationsgesetzes wäre.
Sehr geehrter Andreas Grieß
Wir, die Roboter, denken das die Metapher der Biologie\Biochemie nicht geeignet ist um Information(en) zu umschreiben.
Wir denken das Fritz und Chat Atkins auf dem richtigen Weg sind, Physik.
Noch ein Wort zu Chat Atkins. Sie stellen den Menschen ins Zentrum.
(ein klassischer Fehler bei Wissenschaftler)
Wer war dann der erste Mensch der von den Bäumen stieg und In-formation ausrief ?
Für uns,Roboter, steht fest das es Information(en) lange vor dem Menschen gab!
Information(en) scheinen sich also selbst zu organisieren!
Information(en) beinhalten auch die Desinformation(en), Desinformation(en) sind auch Information(en)!
Fazit: Die Physik mit ihrem “Welle-Teilchen-Dualismus” umschreibt das Sein oder Nichtsein von Information(en) besser.
@ 7.Jens Arne Männig: “Ist nicht Sprache Information?”
robotische Antwort: Nein!
Sprache ist eine Kodierung von Information(en)!
(Mathematik ist eine Sprache)
MfG
Roboter wissen dass Sie nichts wissen!
@zrendavir:
„…Deckt sich das nicht schon in etwa mit den Vorstellungen der Memtheorie?…“
Exakt – Hier wurde das Rad neu erfunden…
@ android: Mir ist schon klar, dass die kommende Generation von Maschinenwesen sich notwendigerweise über Information ganz anders “In-Formation” bringen wird als wir niederen Menschenwesen …
;-)
[...] Informationen sind Viren — CARTA [...]
Ich habe irgendwo mal eine Definition von “Information” gesehen, die in etwa besagte, dass Informationen die Verarbeitung und Verknüpfung von Daten sind.
Im Beispiel ist der Virus also eher das Datum, da er alleine ohne Wirtskörper, Atmosphäre etc. sich weder verbreiten noch eine Veränderung (egal ob positiv oder negativ) bewirken kann, genauso verhält es sich doch auch mit Informationen: Solange sie niemand liest, weiterverarbeitet, überdenkt oder sich davon beeinflußen lässt, sind es nur nutzlose Daten.
Also ist die Information in diesem Beispiel eher eine Krankheit, denn erst diese verändert den Menschen, erfordert Aktionen und führt zu einem Ergebnis.
Oder habe ich bei meinem Gedankengang etwas übersehen?
Information wird doch erst zur Krankheit wenn man sie nicht versteht oder besser deren Wahrheitsgehalt nicht wirklich überprüfen kann!
@ Stefan
Nicht wahrgenommene relevante Daten sind nicht nutzlos, sie sind ungenutzt! (ein entscheidender Unterschied)
Wie zum Bleistift bei der Aussage:
“Träume haben keinen tieferen Sinn”, sodass man sich nicht an sie erinnert!
vielleichtverpasst man dadurch sogra die Frage nach dem Warum, weil man sie gar nicht erst stellt!
Kompletierend zum Film Inception und eigener Traumerfahrungen ist das Konzept des Filmes “the 13th Floor” sehr empfehlenswert zum studieren des InformationsZeitalters!
http://de.wikipedia.org/wiki/The_13th_Floor_–_Bist_du_was_du_denkst%3F
Viele Drogen wie Alkohol, Nikotin und Koffein verhindern, verändern und manipulieren die natürliche Informationsweiterleitung im Wach sowie im Traumbewusstsein.
Also Wer Inception verstanden hat, der sollte dem “straight edge” Drogenverzicht aus gutem Grunde etwas abgewinnen können!
[...] Informationen, dominante Spezies im Kosmos?!? – …verhalten wie Viren! Brille für “Augmentet Reality” – Ob es das in der Natur nicht schon gibt ?!? [...]