Netzlese
Redaktion | 14 Kommentar(e)
Der deutsche Wikileaks Sprecher Daniel Domscheit-Berg alias Daniel Schmitt hat sich mit Julian Assange überworfen und verlässt das Projekt.
25.09.2010 |
Kürzlich noch vermittelte Wikileaks-Sprecher Daniel Schmitt die Afghanistan-Dateien exklusiv an den Spiegel. Nun erklärt er dem Nachrichtenmagazin, dass es intern “eine Menge Unmut” über WikiLeaks-Gründer Julian Assange gäbe und er aussteigen werde.
Daniel Schmitt, der laut Spiegel eigentlich Daniel Domscheit-Berg heißt:
Wir alle hatten in den letzten Monaten wahnsinnigen Stress. Es sind Fehler passiert, was in Ordnung ist, solange man daraus lernt. Dafür muss man sie sich aber eingestehen. Vor allem scheint das Vertrauen verlorengegangen zu sein, dass wir an einem Strang ziehen.
Über seinen Sreit mit Assange:
Julian Assange hat auf jede Kritik mit dem Vorwurf reagiert, ich würde ihm den Gehorsam verweigern und dem Projekt gegenüber illoyal sein.
Erst vor einer Woche hatte Detlef Borchers in der FAZ gefordert, dass Wikileaks “auf den Prüfstand“ muss.
Update: Wikileaks verbreitet über Twitter:
Spiegel report Schmitt resigned which is misleading. Schmitt was suspended a month ago.
(via)
So so, “suspended”… weniger zimperlicher Umgangston bei Wikileaks.
Hier auch der Link zum ausführlichen Text von Christian Stöcker bei Spiegel Online.


Ich frage mich, ob bei der Kritik an Wikileaks nicht ein wenig die Maßstäbe verschoben werden. Da wird von den Kritikern dieser kleinen Hacker-Organisation ein Idealbild an die Wand projiziert, das sich anschließend kinderleicht zerlegen lässt, weil eine kleine NGO einem solchen Idealbild nie auch nur annähernd entsprechen kann: Wikileaks soll nach Meinung der Kritiker also gleichzeitig so kultiviert arbeiten wie die Redaktion der New York Times, so transparent und demokratisch abstimmen wie die Piratenpartei in ihren besten Zeiten, so reibungslos funktionieren wie eine Präsentations-Show von Steve Jobs und so clever agieren wie James Bond oder mindestens der Mossad.
Dass die inneren Widersprüche dieser kleinen NGO unter dem gewaltigen Druck von außen aufbrechen, ist kein Wunder. Kritik an gewissen Entwicklungen ist auch berechtigt und manches muss sicher „auf den Prüfstand“. Aber um was geht es hier eigentlich? Geht es um Assange oder um Afghanistan?
Müsste man nicht eher zurückfragen, warum sich seit der „kultivierten“ Aufarbeitung der Afghanistan-Dokumente durch NYT, Spiegel und Guardian nichts mehr tut? Warum alles wieder vergessen ist, und sich kein Experte und kein Journalist die Mühe macht, aus den vielen tausend Files ein Gesamtbild zu destillieren? (In Deutschland war einzig in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ ansatzweise etwas Kluges darüber zu lesen).
Das Problem scheint mir also weniger die mangelnde Aufarbeitung, Einordnung und Analyse der geposteten Datensätze durch Wikileaks zu sein. Das Problem ist, dass man die komplette Aufklärungsarbeit einer kleinen Organisation aufbürdet.
@Wolfgang Michal Ich verstehe, was Sie meinen, und ich stimme Ihnen insoweit zu, als ich auch sehr erstaunt -oder besser enttäuscht- war, dass die “großen” Medien sich mit ihrere Exclusivitätsrolle am Anfang zufrieden gegeben haben. Da hätte mehr kommen m ü s s e n! Dennoch fällt es mir schwer Wikileaks als kleine, unbedeutende NGO einzuordnen. Ich glaube, Assange hat da doch einen anderen Anspruch an seine Wichtigkeit, zumindest vermittelt er diesen Eindruck. Und hier muss die Kritik erlaubt sein, dass bei solchen Veröffentlichungen Verantwortung auch eine Rolle spielt.
Es macht einen Unterschied, ob ich solche Unterlagen “großen” Medien zuspiele, die helfen sollen sie einzuordnen, was ich unter demokratischen Gesichtspunkten absolut legitim finde, oder ob ich ungeprüfte Inhalte ins Netz “kippe” ohne damit verbundene Konsequenzen überblicken zu können. Wenn nur ein Mensch hierdurch gefährdet wird, ist das Grund genug kritisch zu sein.
Und wenn ich lese, dass Assange sich über Schmitt mockiert, weil er ihm den “Gehorsam verweigert”, so dies denn stimmt, dann halte ich das für sehr bedenklich.
Es ist aber Ausdruck dessen, was irgendwie als “Geschmäckle” schon länger mitschwingt:
Ist Assange selbst so demokratisch und hat er für sein Vorgehen gleichermaßen Interesse an Transparenz, wie er das bei denen fordert, deren Dokumente er veröffentlicht? Bisher hat er in diesem Punkt noch keine überzeugende Antwort gegeben.
Er hätte früher sagen müssen, dass seine Frau die Cheflobbyistin von Microsoft Deutschland ist. Das ist natürlich ein gigantischer Interessenkonflikt, wenn deine Seite Geheimdokumente von so einer Firma veröffentlicht. Das bringt auch Licht in die Cryptome-Affäre, bei der irgendwie so der Geruch superfischig wurde,
http://www.wired.com/threatlevel/2010/02/microsoft-cryptome/
http://www.msnbc.msn.com/id/39136836/ns/world_news-the_new_york_times/
Wenn man sich die Lobbyarbeit seiner Frau in Deutschland und auch ihre Aussagen zu Wikileaks aufmerksam anschaut, dann ist Wikileaks von der Microsoft Corporation kompromittiert. Er hätte schon viel früher zurücktreten müssen. Er und seine Frau können echt die besten Absichten haben, aber die ehemalige McKinsey-Managerin ist natürlich wirtschaftlich unter Druck setzbar aus den USA und anscheinend Insiderin.
@Gerd Kann ich nicht ganz nachvollziehen, warum ihre Tätigkeit bei Microsoft Wikileaks Comprommitiert. Vielleicht können Sie das nochmal genauer erklären.
Bis dahin stelle ich mal dies vom Juli ein:
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1235045/
oh je…kompromittiert natürlich :-)
also ich habe keine ansprüche an wikileaks. es sollte nur irgendwie vom grundsatz her seriös wirken und das tut es schlichtweg von anfang an nicht.
es ist die gesamte art und weise wie da operiert wird… ich könnte das nicht mal qualitativ unterlegen, aber der subtext im gesamten ist einfach nicht der meine.
aber nun können wir ja toll spekulieren. wenn das alles so gefährlich ist, warum outet der sich dann? wurde er vielleicht ohnehin enttarnt und musste deswegen versuchen wikileaks zu sabotieren? hat er assange bei der vergewaltigung beobachtet und sich deswegen überworfen?
da ist doch jetzt alles drin. viel spaß.
wikileaks wird auf dauer nur meine theorie beweisen, dass transparenz selbst bei krieg nicht schadet… im gegenteil, das volk gewöhnt sich dran und stumpft ab.
mfg
mh
@ Gerd: Mein lieber Scholli, das ist ein nicht ganz unwichtiges Detail. danke fuer den Hinweis. man hätte schon im Juli einfach genauer auf dieses Foto schauen können:
http://www.frauenmachenneuelaender.de/blog/tag/anke-domscheit-berg/
@Aufmerksamkeit: Ich habe nicht “unbedeutend” gesagt, sondern “klein”. Und ich meine, es wird ein bisschen viel von denen verlangt.
@3, Gerd. 1.) ist die Frau nicht Microsofts Cheflobbyistin. Dieser Posten ist nach dem Weggang von Andrea Huber zu ANGA vakant. 2.) ist “kompromittiert” eine bösartige Unterstellung. Nach dieser Logik hätte Daniel also im Sommer zurücktreten nach 3 Jahren harter Arbeit für Wikileaks müssen, als er geheiratet hat. Nur Mönche wie Assange sind dann berufen, die Wahrheit von Wikileaks zu verteidigen? Was für ein ausgemachter Unsinn. –Detlef
Kompromittiert? Ich weiß nicht. Aber zusammenpassen tut MS Government Relations mit Wikileaks Regierungskritiker auch nun nicht unbedingt.
Hat schon ein Geschmäckle.
Völlig uneigennütziger Hinweis auf meinen FAZ-Text, der jetzt online lesbar ist:
http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E16C61BBFECED4728A6483FCF2CA49830~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Wikileaks: Der tiefe Riss…
Der überraschende Rückzug des ehemaligen Wikileaks-Sprechers Daniel Schmitt hat den tiefen Riss zu Tage treten lassen, der sich durch die Führungsriege der Organisation zieht. Mehr noch: Der Streit um die zukünftige Ausrichtung von …
@ #1, comment-19742, Wolfgang Michal am 25.09.2010 19:01
Der Kommentar hat mir gefallen.
Bei langem Rückblick auf die Geschichte der Menschheit fällt doch auf: Es gab immer wieder Menschen, die dies&das — oft zum Leidwesen einer Obrigkeit — offen ausgesprochen und dadurch auch die gesellschaftliche Entwicklung geprägt haben. Auch heute weiß jede/r, hinter mancher Enthüllung steht nicht unbedingt nur ein sensationsgeiler Paparazzi… Auf diesem Gebiet der Medienarbeit herrschen spezifische Sitten & Verhältnisse, auch darüber kann man wie über die Absichten eines Großkonzerns spekulieren. Übrigens, wer sich zwischen die Fronten begibt und nach Frieden ruft, wird von beiden Seiten beschossen…
Cheflobbyistin, na: “Director Government Relations”, keine Ahnung, ob es da noch einen Lobbychef drüber gibt, dann habe ich mich halt geirrt, und gedacht Titel heissen bei Microsoft das, was sie aussagen.
Zum einen wird aus Sicherheitskreisen in den USA offen mit dem Mord an Wikileaks-Personen gedroht nach dem Leaken von Militärgeheimnissen. Wenn deine Frau für eine amerikanische Firma arbeitet, ist das nicht ganz ohne. Könnte auch gleich für den Nachrichtendienst einer fremden Macht arbeiten. Glaubst du nicht, die kriegt was aus Seattle auf die Mütze, wenn sie hier in Deutschland die Bundesregierung in Sachen Open Data lobbyiert, während die Organisation von ihrem Mann US-Militärgeheimnisse zu “offenen Daten” macht. Und wenn sie sogar noch im Namen von Microsoft Wikileaks promotet?
Was ist mit den Whizzleblowern? Kann ich es wagen ein internes Microsoft-Dokument an Wikileaks zu geben oder sitzt da am anderen Ende eine Microsoft-Toplobbyistin?
Dazu bitte auch mal den Cryptomefall anschauen
http://www.wired.com/threatlevel/2010/02/microsoft-cryptome/
Vielleicht habt ihr auch Anke Domscheit-Bergs Interview zu Wikileaks im Deutschlandradio gehört, wo sie sich als Repräsentantin von so einem Open Data Astroturfing ausgab, und nicht offenlegte, dass sie als Lobbyistin für ein ausländisches Unternehmen arbeitet (und natürlich nicht, dass ihr Mann bei Wikileaks ist)
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2010/07/28/dlf_20100728_0516_0d6a972c.mp3
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1235045/
Als ich das hörte wusste ich noch nicht, dass ihr Mann “Daniel Schmitt” ist. Da wusste ich auch noch nicht, dass sie Microsoft-Lobbyistin ist. Das hätte sogar das DRadio mit Googlen herausfinden müssen, aber sie haben es nicht getan und das Astroturfing unterstützt.
Wohlgemerkt, ein Interview mit Anwürfen gegen den deutschen Staat, die sich für Lobbyisten eines Unternehmens nicht gehören! Man muss schon verstehen, dass es einen Unterschied macht, ob Microsoft Corporation ihre eigene Regierung in Washington anmacht oder sich in die inneren Angelegenheiten eines fremden Landes einmischt. Wer ist da überhaupt dieses “wir” von dem sie da redet?
Gerade dieser Fall zeigt doch nur zu deutlich die Transparenzfalle von Wikileaks. Wie das Astroturfing-Lobbyisten die Strippen im Hintergrund ziehen.