Hans F. Bellstedt | 4 Kommentar(e)
Die Politik verteilt derzeit eifrig “Rettungsschirme”: Das Problem ist nur: Die Geborgenheit, die wir unter all den Schirmen finden sollen – es gibt sie nicht.
18.12.2008 |
Es gibt sie noch, die guten Nachrichten – zum Beispiel aus der Schirmindustrie. Die kann sich derzeit vor Aufträgen nicht retten: Zuerst wurde ein Riesenschirm an den Bundesfinanzminister ausgeliefert, damit dieser ihn über den Banken aufspannen konnte. Kurz darauf hatten auch die Automobilindustrie und ihre Zulieferer es eilig, „unter den Schirm zu gehen“. Aus dem Kanzleramt drang am dritten Adventssonntag die frohe Kunde, über den Beschäftigten in den Dax 30-Unternehmen werde ein „Schirm für Arbeitsplätze“ geöffnet. Derweil fordert CSU-General zu Guttenberg einen „Schutzschirm für den Mittelstand“. Und als hätten die Schirmfabriken in diesem Land nicht schon genug zu tun, wird nun an einer Art Beschwichtigungsschirm für die alten Bundesländer gearbeitet, frei nach dem Motto: Jetzt seid Ihr erst mal an der Reihe mit Infrastrukturinvestitionen. Die neuen Länder sind schließlich zwanzig Jahre mit Subventionen vollgepumpt worden.
Ein wenig glaubt man sich bei so viel Beschirmung in jene „Zeit der Geborgenheit“ versetzt, die der 1993 verstorbene US-Autor Wallace Stegner in seinem soeben in deutscher Sprache erschienenen gleichnamigen Roman beschreibt. Stegner schildert das unverhoffte Eintauchen eines bedauernswert mittellosen Paares in die begüterte Welt der amerikanischen Ostküstenaristokratie: „Gewöhnt an Entbehrungen und heruntergeschraubte Erwartungen, waren wir Erfrierende, die endlich ins Warme und Trockene gelangten“, lässt Stegner einen seiner Protagonisten sagen. „Warm und trocken“ soll es auch bei uns zugehen – das scheint derzeit das wichtigste Ziel der deutschen Politik zu sein.
Das Problem ist nur: Die Geborgenheit, die wir unter all den Schirmen finden sollen – es gibt sie nicht. Der Staat kann noch so viel Geld ausgeben, Schulden aufnehmen, Investitionen vorziehen – er wird den globalen Wettbewerbsdruck, dem Deutschland ausgesetzt ist, nicht aufhalten können. Dieser Druck, der mindestens so sehr die Ursache für die Probleme bei Daimler, BASF oder Quimonda ist wie die (teils auch als willkommenes Alibi bemühte) Finanzkrise, wird in den nächsten Jahren eher noch zunehmen. Machen wir uns nichts vor: Die derzeitigen Schluckbeschwerden der Chinesen, Inder oder Brasilianer ändern rein gar nichts daran, dass diese Länder den traditionellen Industriestaaten gegenüber eine Vielzahl komparativer Vorteile aufweisen. Der Tata Nano, das billigste Auto der Welt, wird nach den dortigen lokalen Protesten zwar nicht im indischen West-Bengalen gebaut werden. Trotzdem wird dieses Auto in absehbarer Zeit auf Deutschlands Straßen zu sehen sein. Und auf immer mehr Desktop Computern in unseren Büros wird demnächst „Lenovo“ stehen – Markteroberung à la chinoise, gegen die kein Schutzschirm gewachsen ist.
Die neue Debatte, die wir in Deutschland und Europa werden führen müssen, ist insofern die alte: Es geht, wie Charlemagne im „Economist“ treffend analysiert, um die Frage, wie wir es mit der Globalisierung halten. Nehmen wir sie an, als Herausforderung – oder meinen wir, uns durch immer mehr Schirme vor ihr schützen zu müssen und zu können? Der politische Mainstream in Deutschland geht erkennbar dahin, die Globalisierung „gestalten“, sprich: sie eindämmen, einhegen, zähmen zu wollen. Mindestlöhne sind ebenso ein Ausfluss tiefsitzender Globalisierungsskepsis wie die unlängst beschlossenen Schutzvorkehrungen gegen ausländische Investoren. Und für eine erfolgreiche Reaktivierung der Doha-Runde hört man in Berlin derzeit auch niemanden mehr streiten – man könnte ja als Globalisierungsbefürworter enttarnt werden.
Zu den Wenigen, die sich dieser gefährlichen Tendenz zur Renationalisierung in den Weg stellen, zählt Henkel-Chef Kasper Rorsted: Der Däne räumte zwar unlängst in der FAZ ein, dass die Globalisierung sich „auch der Kritik stellen“ müsse. So gebe es immer wieder Unternehmen, denen Kinderarbeit, Lohndumping, Bestechung oder Umweltverschmutzung nachgewiesen werden könne. Gleichwohl ist laut Rorsted unbestritten, dass die Globalisierung den Wohlstand mehre. Auch der deutliche Abbau der Arbeitslosigkeit in den vergangenen drei Jahren sei vor allem der engen Einbindung Deutschlands in die Weltwirtschaft zu verdanken.
Rorsted zufolge bietet die Globalisierung „Chancen für alle“. Wir in Deutschland produzieren derzeit „Schirme für alle“ (und alles) – Schirme, von denen wir meinen, sie machten dieses Land „wetterfest“. Dabei sollte gerade der Bundesaußen(!)minister, von dem diese Formel stammt, besser als jeder andere wissen: Nur die beherzte Öffnung unseres Landes, seiner Systeme und Märkte für den internationalen Wettbewerb schafft wenigstens die Aussicht auf neue Wachstumspfade. Wer sich hingegen vor dem Kaminfeuer einhaust, dem könnte es – horribile dictu – so gehen wie den Helden in Wallace Stegners erwähntem Roman: Zwei von ihnen werden schwer krank, der dritte versagt in seinem Beruf, während der vierte, in den Worten einer Rezensentin, „an der Leine seiner Frau verharrt, anstatt sich als Dichter zu versuchen“. Geborgenheit ist ein hohes Gut. Aber unter Schirmen kann man auch austrocknen.



Lieber Hans,
die “Chancen für alle” sollte man differenzieren: Es gibt sehr wohl auch Globalisierungsverlierer. Das sind etwa die einfachen Angestellten in den Industrieländern. Ihre Löhne stagnieren aufgrund der internationalen Konkurrenz, während Führungsetagen und Angestellte in den Entwicklungsländern profitieren.
Die jetzt verteilten “Schirme” sind ein hohles politisches Versprechen mit gefährlichem Enttäuschungspotenzial – richtig. Nur: Man muss sich überlegen, was man den hierzulande im schroffen Wind der Globalisierung Stehenden anbieten kann. Ein bisschen “institutionelle Wärme” werden wir brauchen – aber eben eine geschickt mit den ökonomischen Mechanismen verzahnte.
Robin
Als Exportweltmeister gehört Deutschland bis dato zu den größten Globalisierungsgewinnern. Protektionismus wäre tatsächlich ein Problem. Allerdings wird die Investitionsgüter-Industrie kaum weiterlaufen wie bisher, wenn international Überproduktion herrscht. Schirm hin, Schirm her.
Zurecht ärgern sich unsere Handelspartner darüber, dass hier nichts konsumiert wird. Ein paar “Schirme”, die im Sinn einer ausgeglicheneren globalen Integration den Binnenkonsum anregen, wären durchaus angesagt.
Um im schiefen Bild zu bleiben: es wäre wohl ziemlich falsch, alle Schirme unter den Teppich zu kehren.
[...] “Schirme für alle”: die fatale Inszenierung von Geborgenheit Der Staat kann noch so viel Geld ausgeben, Schulden aufnehmen, Investitionen vorziehen – er wird den globalen Wettbewerbsdruck, dem Deutschland ausgesetzt ist, nicht aufhalten können. Dieser Druck, der mindestens so sehr die Ursache für die Probleme bei Daimler, BASF oder Quimonda ist wie die (teils auch als willkommenes Alibi bemühte) Finanzkrise, wird in den nächsten Jahren eher noch zunehmen. [...]
Die schärfsten Konkurrenten deutscher Firmen sind europäische Firmen, da der größte Anteil des deutschen Außenhandels nun mal innereuropäisch stattfindet. Man muß den Globalisierungsskeptikern klarmachen, daß chinesische Waren oder Investitionen prinzipiell nicht gefährlicher/schlechter/was auch immer sind als griechische Waren oder Investitionen. Letztlich steckt hinter der angeblichen Globalisierungsangst ja doch nur die Angst vor ungewohnten Kulturen. Die Symptome sind auch keinesfalls neu: In den 60er und 70er war es die Angst vor der wirtschaftlichen Macht Japans, später die Angst vor Taiwan, Südkorea & Co., in den 90ern dann die Angst vor Osteuropa. Heute sind die BRIC-Staaten an der Reihe, vor allem natürlich China und Indien.