Netzlese
Robin Meyer-Lucht | 6 Kommentar(e)
Die Telekom erklärt ihren Mitarbeitern die Netzneutralität: Sie verteidigt noch einmal ihren “Qualitätsklassen”-Ansatz und bekennt sich zu Transparenz und Diskriminierungsfreiheit. So manche Frage aber bleibt unbeantwortet.
03.09.2010 |
Was bedeutet eigentlich Netzneutralität? – Weil Mitarbeiter der Deutschen Telekom zunehmend darauf angesprochen werden, hat der Konzern für das interne Briefing einen Handzettel erstellt, den das Darmstädter Blog Schonleben.de nun veröffentlicht hat (PDF).
Laut dem Papier will die Telekom zukünftig unterschiedliche Qualitätsklassen anbieten – allerdings nur “für besonders empfindliche Dienste”, wie Videokonferenzen, Telemedizin oder die Steuerung von Stromnetzen. Es bedürfe im Rahmen des Netzwerkmanagements der “technischen Absicherung der Qualitätsversprechen”.
Die Telekom werde die Qualitätsklassen diskriminierungsfrei allen Anbietern zur Verfügung stellen, die Maßnahmen transparent kommunizieren und konkurrierende Dienste nicht blockieren. Zusätzliche gesetzliche Regelungen seien nicht erforderlich, da die Regulierungsbehörden bereits heute gegen ungerechtfertigte Diskriminierungen von Anbietern vorgehen könnten.
Das Papier ist im Frage-Antwort-Schema konzipiert, hier zwei kurze Auszüge:
Gibt es in Zukunft ein Zwei-Klassen-Internet?
Das heutige Internet wird auch in Zukunft weiter bestehen bleiben. Zusätzlich will die Telekom der Internetwirtschaft ermöglichen, neue innovative Dienste anzubieten, die besonders hohe Qualitätsanforderungen haben. Beispiele dafür sind Videokonferenzen, Telemedizin und die intelligente Steuerung von Stromnetzen. Dafür bedarf es der Einführung zusätzlicher Qualitätsklassen und der technischen Absicherung der Qualitätsversprechen. Die Anschluss- und Transportnetze werden auch weiterhin kontinuierlich ausgebaut, um dem steigenden Bandbreitenbedarf gerecht zu werden.…
Will die Telekom doppelt abkassieren?
Bisher ist es so, dass die Infrastrukturanbieter die hohen Investitionen in den Netzausbau alleine schultern müssen und die Internetwirtschaft davon profitiert. Der weitere Netzausbau ist aber extrem teuer: Experten rechnen für ein flächendeckendes Glasfasernetz mit Kosten von mindestens 50 Milliarden Euro. Gleichzeitig sind im Wettbewerb um die Endkunden die Anschlusspreise gesunken, so dass es schwieriger wird, den weiteren Ausbau alleine darüber zu finanzieren. Deshalb ist es Teil der Strategie der Telekom, neue internetbasierte Dienste anzubieten. Dazu gehören unter anderem auch Qualitätsklassen für besonders empfindliche Dienste. So tragen diejenigen Nutzer einen größeren Teil der Kosten, die besonders stark vom Netzausbau profitieren.
Das Papier bestätigt insgesamt die bekannten Positionen der Telekom: Sie möchte nur innerhalb von Qualitätsklassen diskriminierungsfrei handeln müssen, nicht in Bezug auf das Internet gesamt. Sie fordert Qualitätsklassenneutralität, nicht Netzneutralität.
Immerhin bekennt sich die Telekom zu Transparenz und damit auch zu einem transparenten Diskurs über die Grenzen von Qualitätsklassen im Internet. Einige Fragen dazu hätte die Telekom aber schon heute zusätzlich auf dem Handzettel beantworten können, wie etwa:
- Wie neutral ist das heutige Internet-Angebot der Deutschen Telekom?
- Welche Qualitätsklassen bietet die Telekom schon heute an?
- Welche Dienste blockiert die Telekom heute (noch) bei ihrem mobilen Internetangebot?


Die von der Telekom als “besonders empfindliche Dienste” angeführten Beispiele – wie die Steuerung von Stromnetzen – haben nun wirklich nicht viel zu tun mit dem Versuch, aus übertragungsintensiven Diensten, wie z.B. dem Viedeostreaming, mehr Umsatz zu generieren.
Ich denke Thema der Debatte sollte doch vielmehr die Abgrenzung der einzelnen Qualitätsklassen voneinander sein. Auf ersten Blick klingt es ziemlich einfach: Sreaming-Dienste werden nur mit Streaming-Diensten, oder RSS-Feeds nur mit RSS-Feeds in eine Qualitätsklasse gesteckt. Aber nochmal: Wer definiert diese Klassen? Was passiert wenn ich z.B. meinen Videostream verschlüssele, so dass der Netzanbieter nicht mehr nachvollziehen kann um was für eine Art von Dienst es sich handelt. Ergo müsste also jeder Anbieter seinen Deinst bei der Telekom in einer entsprechenden Qualitätsklasse anmelden, um weiterhin in dem Segment neutral behandelt zu werden. Klingt mir eher nach Volkszählung für Diensteanbieter. Sollten ähnliche Automatismen erst einmal geschaffen und akzeptiert sein, so ist es nicht weit davon entfernt für ALLE Qualitätsklassen eine entsprechende Gebühr erheben zu können. Immer mit dem Argument der nachweisebaren Netzbelastung.
Der Vergleich der “besonders empfindliche[n] Dienste” – wie die Steuerung von Stromnetzen – soll den Bürger doch nur davon ablenken, dass es in Wirklichkeit darum geht Gebühren für den gesamten Internetverkehr zu erheben.
@Daniel Stark: Absolut, beim Beispiel Stromdienste ist unklar, warum hier Gefahr für die Qualität der Übertragung besteht. Merkwürdiges Beispiel.
Auf den zweiten Blick fällt mir auf, dass ich obigen Text zugespitzter hätte schreiben sollen.
Man hätte einfach rausgreifen sollen:
“Die Telekom wird den Zugriff auf Inhalte nicht beschränken und konkurrierende Dienste nicht blockieren.”
“Darüber hinaus werden wir den Kunden Netzmanagementmaßnahmen transparent kommunizieren.”
>> Und daraus die Frage an die Telekom ableiten sollen, doch bitte mal transparent darzustellen, wie unbeschränkt und blockadefrei ihr Mobilinternet-Angebot eigentlich so ist.
Genau das habe ich jetzt mal in einer Anfrage an deren Pressestelle getan.
Ich halte das Beispiel der Energiesteuerung für recht treffend um zu erklären, warum es Sinn macht unterschiedliche Ebene von Dienstqualitäten zu definieren und den jeweiligen Kunden zuzusichern. Letztlich geht es darum wie man in einer Datenleitung die unterschiedlichen Datenströme priorisiert: da ist doch klar das ein Anbieter wie die Telekom seinem Kunden ‘Energieversorger’ garantieren können muss, dass er seine dezentralen Kraftwerke immer für Steuerung und Monitoring erreichen kann.
So etwas gibt es im übrigen schon lange, nämlich seit Telefongespräche digitalisiert werden und sich die Datenleitungen mit anderen Daten teilen müssen: auch diese Daten werden anders behandelt als der normale YouTube Download und das erwarten wir ja auch von unserem Telekomanbietern.
Von daher finde ich die Darstellungen in dem Papier nicht weiter problematisch und auch nicht neu.
au weia, meine fußnägel.
ich übersetze mir das so:
“frage: wird es in zukunft internet zweiter klasse geben?
antwort: wir werden für unsere kunden ein zusätzliches internet erster klasse einführen. dass dadurch auch ein internet zweiter klasse entsteht, ist überhaupt nicht voraus zu sehen. wir werden einmal gar nichts dafür gekonnt haben.”
wie auch immer meine arbeitshypothesen seien mögen, es ist gut zu wissen, was die telekom unter “netzneutralität” versteht.
.~.
@Henning: Wenn es darum geht, dass Energieversorger absolut verlässlich dezentrale Energiequellen steuern können, dann gewinnt das Beispiel tatsächlich erheblich an Plausibilität.
Ich war davon ausgegangen, dass es um die Steuerung von Geräten bei Endkunden geht – da war mir nicht klar, wieso das derart zeitkritisch sein sollte.
Insgesamt sind die Positionen in der Tat nicht neu. Trotzdem lohnt sich nun auf dieser Basis die Nachfrage – sieh #2
[...] CARTA, 3.9.2010: Internes Dokument: Die Telekom erklärt die Netzneutralität [...]