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Zwei Monate sind nun seit Marcel Reich-Ranickis furioser Kritik am erbarmungswürdigen Zustand des deutschen Fernsehens vergangen. Doch mit welchem Effekt?
15.12.2008 |
Reich-Ranickis Standpauke hat kaum mehr ausgelöst als die selbstverschuldete Entlassung von Elke Heidenreich und die Simulation einer Qualitätsdebatte. Die beschränkte sich jedoch ausschließlich auf den TV-Unterhaltungssektor, was den Apologeten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens das bequeme Argument in die Hand gab, die Qualität der Nachrichtensendungen in ARD und ZDF sei immer noch einsame Spitze. Selbst Reich-Ranickis Höflichkeitsempfinden reicht noch soweit, um die Tagesschau „als eine der wenigen interessanten Sendungen“ zu bezeichnen.
Noch interessanter aber sind die ARD-Tagesthemen. Nicht etwa, weil die wirklich guten Dinge im Fernsehen immer erst nach 22 Uhr laufen würden, sondern weil das mit 20 bis 28 Minuten Sendezeit vergleichsweise großzügige Format auch das Experimentieren mit innovativen Formen erlaubt. So haben sich die unter verstärktem Quotendruck stehenden Tagesthemen in den letzten Monaten zu einer Bastion des „Bürgerjournalismus zweiter Ordnung“ entwickelt. Anders als bei CNNs iReport ist es noch nicht so weit, dass technologie- und meinungsaffine Bürger eigene Beiträge einreichen können. Aber sie werden von öffentlich-rechtlichen Kameraleuten oft und gern ins Bild gesetzt.
Bestens geeignet dafür sind Themen, die sich auf die Alltagsebene runter brechen lassen. Beiträge über familienpolitische Initiativen beginnen im Sandkasten, solche über die Pendlerpauschale kann man prima im fahrenden Auto starten, zuletzt waren auch immer wieder mal überforderte Privatanleger am heimischen Küchentisch (Lehman-Zertfikate! Miese Bankberater!) im Programm.
Miosga: „Benzin heute billiger denn je“
Am vergangenen Sonntag hatte sich die Tagesthemen-Redaktion einen besonders leichten Gegner ausgesucht: die Deutsche Bahn (Mehdorn!). Anlass waren die seit 14. Dezember geltenden Preiserhöhungen, die schon im Sommer angekündigt worden waren, offiziell begründet unter anderem mit den gestiegenen Energiepreisen (Hier zum Nachschauen).
Dass die Energiepreise steigen, davon versteht kaum jemand so viel wie die Tagesthemen. Strompreise steigen, Gaspreise steigen, Ölpreise steigen – gerne auch mal „unaufhörlich“… Okay, die Ölpreise fallen seit ein paar Monaten, und das Benzin wird auch billiger. Schade eigentlich. Aber: Könnte man das nicht einfach gegen einen der üblichen Verdächtigen verwenden? In einer schwungvollen Antithese? Die Benzinpreise fallen – wie kann die Bahn da ihre Preise erhöhen?
Dementsprechend kritisch gibt sich Caren Miosga in ihrer Anmoderation: „Benzin ist heute billiger denn je“. Diese Einschätzung ist schon für sich genommen grober Unfug: Sie stimmt allenfalls für den recht kurzen Zeitraum ihrer bisherigen Tagesthemen-Karriere. Im Beitrag darf es dann ein Bahnsprecher noch einmal versuchen: „Zuletzt sind die Energiekosten für uns stark gestiegen“. Doch der Hinweis verfängt nicht beim bürgernahen Tagesthemen-Reporter. Weiter also mit Schnittbild, Kommentar aus dem Off: „Dabei sind die Rohölpreise so niedrig, wie schon lange nicht mehr.”
Was der Beitrag dann leider nicht liefert, sind Bewegtbilder von Dieselloks. Die fanden sich wahrscheinlich nicht mal mehr im Archiv. Egal, dann einfach ein paar ICEs zeigen, da kommt das Öl vermutlich direkt aus der Oberleitung. Versendet sich alles offenbar ohnehin in Fluss der Bilder. Am Ende des Beitrags bleibt der Eindruck von einer selbstherrlichen Pannenachsen-Truppe namens Deutsche Bahn und vom Verbraucheranwalt Tagesthemen: Hübsche Inszenierung, leicht vermittelbare Komplexität, traurige Vermittlungsleistung.
Es sei kurz angemerkt: Die Bahn fährt im Fernverkehr zu 98 Prozent mit Strom. Der Dieselpreis ist in den vergangenen Monaten um rund 20 Prozent gefallen – nicht um rund 60 Prozent, wie der des Rohöls.
Manchmal muss bei den Tagesthemen eben die Komplexität der Darstellung zurückstehen – im Dienste einer funktionierenden, bürgernahen Story.



Ein Kommentar zu diesem Text hier musste leider gelöscht werden, da er anonym abgegeben wurde und damit gegen den Kommentarkodex verstieß.
Aha, “ein Kommentar [...] gelöscht”.
Das ist zum einen nicht richtig, denn es ist (mindestens) der zweite, der hier gelöscht wurde.
Zum anderen findet sich zwar im “Kommentarkodex” tatsächlich der Punkt:
“Der Kommentierende gibt seinen Klarnamen (mindestens Vornamen) und eine zutreffende E-Mail-Adresse an.”
Ob mit Forderung nach Name und E-Mail-Adresse konkret anonymes Posten “verboten” wird, erschließt sich mir nicht.
Inwiefern diese – zumindest Intention – allerdings dem Telemediengesetz entspricht, bleibt mehr fraglich:
§ 13 Pflichten des Diensteanbieters
(6) Der Diensteanbieter hat die Nutzung von Telemedien und ihre Bezahlung anonym oder unter Pseudonym zu ermöglichen, soweit dies technisch möglich und zumutbar ist.
Ich kann nicht erkennen, inwiefern dies hier nicht zumutbar sein soll. Welcher Mehrwert ergibt sich aus den geforderten Angaben und inwiefern sollen diese tatsächlich notwendig sein?
Woran erkennt desweiteren ein Redakteur die “Korrektheit” der Angaben?
Wenn was sinkt…
Die Bezinpreise sinken und die Bahn erhöht die Preise. Unverschämtheit. Statt zu 98% im Fernverkehr mit Strom zu fahren, könnten sie auch Benzin nehmen, wie das jeder normale Bürger bei der Fortbewegung tut. So in etwa lautet etwas überspitzt die logische Gedankenkette bei den Tagesthemen, die anscheinend in der Berichterstattung auch immer billiger werden.
Lieber Markus,
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Robin