Carsten Zorn | 7 Kommentar(e)
Die aktuelle Krise scheint die Neoliberalen die Meinungsführerschaft gekostet zu haben. Dennoch wird der Neoliberalismus nicht einfach verschwinden. Er ist längst zu einer in Alltagspraktiken und Selbsttechniken fest verankerten Lebensweise geworden. Und diese könnte im Zuge der Krise bald sogar nur noch einmal unausweichlicher erscheinen. Von Carsten Zorn.
12.12.2008 |
Dieser Text ist die Kurzfassung des Beitrags “Rückkehr des Politischen”, der ebenfalls auf CARTA erschienen ist.
Es war zweifellos eine der ersten und auffälligsten Folgen der globalen Finanzkrise: dass binnen weniger Wochen etwas plötzlich wieder als öffentlich diskutierbar galt, was dies im Grunde zehn, zwanzig Jahre lang nicht mehr war: “Konjunkturprogramme”. Und dass immer mehr neoliberale Denkverbote fallen, scheint überhaupt zu den nachhaltigsten Folgen der Krise zu zählen. Entsprechend häufen sich bereits die Nachrufe: Auch ein Ökonomie-Nobelpreisträger antwortete so gerade jüngst in einem Artikel zur Finanzkrise auf dessen Titelfrage “Das Ende des Neoliberalismus?” mit einem klaren “Ja“.
Noch eindringlicher sind zudem die Formen, in denen dieser Erdrutsch sich in den Medien abbildet; und vor allem die eigentümlich emblematischen Momente, die dabei immer wieder herausspringen. Wie am Abend des 11. November – als man in der ARD plötzlich “Das Kapital” in die Kamera gehalten fand. Von Sandra Maischberger. Zum Auftakt einer Talk-Sendung unter dem launigen Titel: “Marx hatte recht! Gebt uns den Sozialismus zurück”. Hier hält man sich gewissermaßen nicht lange mit Totenwachen auf. Hier wird die klaffende Lücke sofort wieder gefüllt, folgt sogleich die Wiederauferstehung Totgesagter.
Da meint man dann schon recht heftige Erschütterungs- und Schockwellen durch die gesellschaftliche Gesamtstatik rumpeln zu hören. Werden nun also auch alle öffentlichen Debatten künftig wieder ein ‘Primat der Politik’ als selbstverständlich unterstellen? Geht es bald nur noch darum, in welcher Form genau man den Wohlfahrtsstaat wieder herstellen sollte? Wie viele Milliarden zusätzlich für Bildung und Kultur aufzuwenden wären und wo der Staat sonst noch massiv investieren und eingreifen sollte? (Und nicht mehr darum, ob er das überhaupt tun sollte und darf?) Ist mit dem ganzen Neoliberalismus also nun wirklich richtig Schluss? Kommt die neoliberale Epoche nun endlich auf den Müllhaufen der Geschichte, auf den sie gehört (den für besonders heftig strahlenden Abfall)?
Versteht man unter ‘Neoliberalismus’ einfach eine ‘Wirtschaftsideologie’, so scheinen die Chancen dafür zur Zeit zunächst tatsächlich nicht schlecht zu stehen. Ein solches Verständnis aber greift deutlich zu kurz: Der neoliberale Staat und die neoliberale Wirtschaft finden sich längst durch eine Vielzahl neoliberaler ‘Selbsttechniken’ ergänzt. Und deren alltägliche Bedeutung bleibt von der Desavouierung neoliberaler ‘Wirtschaftsideologie’ nun auch erst einmal ganz unberührt. In dieser Form, als Technik des Selbst, bleibt uns der Neoliberalismus also auch weiterhin (und wohl noch für lange) erhalten.
Dies hat zudem auch Konsequenzen für die Folgen der Wirtschaftskrise – nicht zuletzt im Hinblick auf die Zukunft des Neoliberalismus selbst. Denn so weit es die neoliberalen Alltagspraktiken und Selbsttechniken angeht, so könnte die Krise ihnen sogar überhaupt erst wieder einen neuen Sinn verleihen: als (scheinbar) probates Mittel, um persönlich relativ unbeschadet ‘durch die Krise’ zu kommen.
Jedenfalls wäre unter ‘Neoliberalismus’ zunächst einmal weit mehr zu verstehen als einfach nur ‘Marktradikalismus’: als die offene Verteufelung von ‘politischen Eingriffen’ in ‘die Wirtschaft’ und die Verteilungsmechanismen des ‘reinen Marktes’. Neoliberalismus bedeutet (in der Folge) vor allem totale Privatisierung und Individualisierung. Alle Lebensrisiken und alle Fragen der persönlichen Daseinsvorsorge werden an das Individuum ‘zurückdeligiert’ – und entfesseln hier eine ungekannte Aktivität, nötigen besonders an dieser Stelle zu neuartiger Produktivität. Die Abrüstung der öffentlichen Sicherungssysteme wird sozusagen durch eine Aufrüstung des Einzelnen kompensiert.
Darum besteht das Ergebnis von dreißig Jahren Neoliberalismus dann auch vor allem in einer ungeheuren Vielfalt neuartiger Praktiken und ‘Selbsttechniken’, die inzwischen den Alltag des Einzelnen durchziehen – und nun (anstelle staatlicher Sicherungssysteme) versprechen, ihn sicher durchs Leben zu bringen, alle lauernden Untiefen clever umschiffen, und alle Probleme letztlich glücklich bewältigen zu können. Und nicht zuletzt sind es diese Mikropolitiken des Selbst, die den Neoliberalismus dann auch erst zu einem relativ stabilen Herrschaftstypus haben werden lassen.
Im Anschluss an Michel Foucaults ‘Gouvernementalitäts’-Studien (seinen Untersuchungen zur Geschichte moderner ‘Regierungstechniken’ also, könnte man vereinfacht sagen) haben sich die Analysen neoliberaler Selbst-Regierungstechniken inzwischen vielfältig verzweigt. Dabei sind ihnen immer mehr heutige Alltagspraktiken in den Blick gekommen. So nicht zuletzt auch die heutigen Möglichkeiten zu ’selbstbestimmter’ Mediennutzung beispielsweise, die vielfältigen Möglichkeiten also, bei der Wahrnehmung des verfügbaren Angebots selbst selektiv tätig zu werden, beziehungsweise im Hinblick auf die Selektion selbst eine erhebliche Produktivität zu entwickeln (das Angebot zahlloser Sparten-Fernsehkanäle zu prüfen, einige zu abonnieren, andere nicht; die Möglichkeiten, alles rasch ‘herunterzuladen’, endlose Archive anzulegen, DVDs zu sammeln – und zu entscheiden, wann man was, in welcher Reihenfolge und mit welchen Prioritäten, ‘durchsieht’ usw.). Und in diesem Sinne ließe sich dann auch noch die Möglichkeit zur regelmäßigen Auswertung individuell zusammengestellter, auf das eigene ‘Nutzerprofil’ abgestimmter Datenmengen nennen. Oder der offenbar zunehmend selbstverständliche Rückgriff auf Motivations- und Psychotechniken, die die ‘Arbeit an sich’ in ‘Highspeed’ zu phantastischen Erfolgen zu führen versprechen.
Unendliche Möglichkeiten ‘selbstbestimmter’ Mediennutzung
In all dem deutet sich zugleich auch schon an, was nach Michel Foucault als zentraler Effekt der ‘neoliberalen Epoche’ zu verstehen wäre: dass diesen neuen Praktiken und Selbsttechniken schließlich auch noch eine neue Form von ‘Subjektivität’ (von subjektiven ‘Selbstverhältnissen’ und ‘Selbstverständnissen’) entspringt – die im Gebrauch dieser Praktiken zugleich fortlaufend reproduziert und bestätigt wird. So lange bis sie sich selbst dann ganz natürlich erscheint. Und der neoliberale Staat und die neoliberale Wirtschaft im Grunde bloß noch wie der passende und selbstverständliche Rahmen, ja geradezu als der idealste aller nur denkbaren Lebensräume für diese ‘neuen Individuen’ und ‘Subjektivitäten’ – die sich selbst nun als grenzenlos flexibel entwerfen, und ihr Leben als zu managendes Risiko.
In Gestalt seiner ‘neuen Subjekte’ und deren Alltagspraktiken hat der Neoliberalismus sich sozusagen seine eigene ‘Kultur’ erschaffen und ist seither nun insbesondere hier produktiv und höchst lebendig: als kulturell-mediale Alltagspraxis, als ‘postmoderne’ Lebensweise, als neuartige Lebensform. Und das heißt vor allem: Er hat insgesamt erheblich an Schwerkraft gewonnen, ist zu einer Art neuer Tradition geronnen und hat sich so zugleich auch zu einem geradezu epochalen Syndrom verdichtet – aus dem man darum nun auch nicht mehr so ohne Weiteres ‘aussteigen’ kann.
Was bedeutet dies alles also für die Frage nach einem möglichen Ende des Neoliberalismus? Die erste Voraussetzung dafür wäre offenkundig, dass (auch) die neoliberale Lebensform deutlich enttäuscht – sie also deutlich fühlbar und unübersehbar unattraktiv würde. Dagegen scheint sie sich nun aber schon sozusagen selbst-immanent immunisiert zu haben: Wenn man mit ihr nicht glücklich ist, nicht zum Zuge kommt, liegt es ihrer Logik nach ja stets an einem selbst (und man müsste sich also nur nochmals intensiver und kompromissloser auf sie einlassen).
Vor allem darf man aber auch ihre (tatsächliche) Attraktivität, noch einmal in einem ganz anderen Sinne, nicht unterschätzen: Mit der neoliberalen Lebensweise hat sich nämlich nicht zuletzt auch ein gemeinsamer Traditionsbestand von Liberalen und Linken gegen alle Restbestände konservativer Anthropologie durchgesetzt (die behauptete, der Mensch bedürfe ‘von Natur’ aus stets der Hilfe durch übermächtige Institutionen). Auch wenn der Neoliberalismus dabei den Sinn und die Stoßrichtung aller liberalen und linken Kritik an institutioneller Bevormundung vollends verdreht hat: Zielte die liberale und linke Kritik in diesem Zusammenhang auf die Einsicht, dass Menschen sehr wohl ein Höchstmaß an Selbstständigkeit, Selbstverantwortung und Flexibilität zugetraut und zugemutet werden könne, wenn es um ihre ‘Emanzipation’, also um echte Verbesserungen persönlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse geht – so sollen im Neoliberalismus nun alle auch aus reinem Selbstzweck flexibel und selbstständig sein wollen. Die Frage, ob das ihnen selbst oder irgend wem (oder irgend was) sonst wirklich etwas bringt, wird dagegen nun auf ewig verschoben. Es gibt im Neoliberalismus keine Antwort mehr darauf. Es kann sein, es kann aber auch nicht sein. Man kann es nur ausprobieren.
Diese abgründige Sinnlosigkeit führt nun zugleich auch zum entscheidenden Zug der neoliberalen Epoche. Das Fehlen jedes überprüfbaren Ziels und Zwecks des Ganzen sorgt für einen unermesslichen Bedarf nach Ersatz für solchen rationalen Sinn. Und er findet sich – wo nicht in Form von Geld oder in dem biographischen Glück, sich eine erhebliche Distanz zur neoliberalen Lebensweise schaffen und erhalten zu können – in Angst. Angst vor Altersarmut, Angst vor Arbeitsplatzverlust, Angst vor Kürzungen der Sozialleistungen, Angst davor, den nächsten nötigen Karriereschritt nicht zu schaffen.
Im Hinblick auf die gerade erst beginnende globale Rezession macht dies alles klar, weshalb sie im Sinne der neoliberalen Lebensform letztlich dann leider auch so förderlich und produktiv wirken dürfte: In ihrem Gefolge dürfte die Angst bald erst recht wieder kommen, noch mehr Menschen noch unmittelbarer betreffen, und an noch mehr Stellen noch mehr verzweifelte Aktivität freisetzen.
Dies ist eine gekürzte Fassung des Textes “Die Rückkehr des Politischen?“. Die ungekürzte Fassung findet sich hier.



Die “besseren Verhältnissen” und die “sozialen Bedürfnisse”, an denen sich die Linken orientieren, sind genauso konstruiert wie das liberale Flexibilitätssubjekt. Die Konstruiertheit, auf die hier mit der komplizierten Formel von der Gouvernementalität hingewiesen wird, ist an sich noch nicht negativ, da letztlich jede Form von menschlicher Sinnkonstruktion gesetzt und hegemonial ist.
Ich jedenfalls bin gerne flexibel und selbstständig – nicht aus Selbstzweck, sondern aus Sinnhaftigkeit der persönlichen und künstlerischen Entfaltung.
Ist eigentlich jeder Künstler und Internetsurfer neoliberal? Ich würde sagen nein: Zorn enthält uns die Zwischentöne zwischen Individualismus und Neoliberalismus vor. Schade eigentlich.
[...] Eine gekürzte Fassung des Textes findet sich hier. [...]
Liebe Kathrin Neuhaus,
wahrscheinlich war die ‘Langversion’ des Textes noch gar nicht online, als Sie Ihren Kommentar zu seiner ‘Kurzversion’ schrieben.
Wie auch immer: Ihr Einwand “Zorn enthält uns die Zwischentöne zwischen Individualismus und Neoliberalismus vor. Schade eigentlich” trifft natürlich sehr genau die begrenzten Möglichkeiten dieser ‘Kurzversion’.
Nur: Genau darum eben gibt es auch noch eine ‘Langversion’ des Textes (und ebenfalls bei “carta”: ‘Die Rückkehr des Politischen?‘). Um (auch noch) diese ‘Zwischentöne’ richtig einzuordnen, braucht es eben noch einmal deutlich mehr Platz. Und um deutlich zu machen, dass die ‘unfreundliche’ Konstruktion des heutigen ‘Individualismus’ auch ihr Recht hat (mindestens ebenso sehr wie Ihr selbstverständlich ‘positives’ Verständnis davon), machte es zudem Sinn, diese ‘linke Konstruktion’ auch erst einmal ‘für sich’ zu entwickeln. Denn so kann offensichtlich auch erst verständlich werden, dass es da überhaupt ein komplexes Problem von ‘Zwischentönen’ gibt – und also auch keine Möglichkeit, das alles einfach mit ‘Schwarz-Weiß-Mustern’ zu erledigen.
Anders gesagt: Es würde mich ja schon sehr interessieren, wie Sie auf meine Behandlung dieser ‘Zwischentöne’ in der dafür sozusagen eigentlich allein satisfaktionfähigen Text-Version antworten würden!!!
Oder nochmal anders, und ganz einfach gesagt: Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie diese Version nun auch noch mal lesen würden!!!
Besten Gruß
Carsten Zorn
kurz gefragt: Neoliberalismus + Subjekt = Risiko + Eigenverantwortung
Also: Ohne die Krise gab’s mehr Subjekt-Neoliberlismus. Und nun mit Krise dasselbe.
Wenn aber weniger Leute arbeiten müssen, dann haben sie mehr Zeit. Zeit, die sie nur nutzen, um weiter zu vereinzeln? Dagegen spricht das boomende Sozialleben zu Krisenzeiten.
Oder glaubst du, wir sind dem Hang zur “Ver-Eignung” vollständig ausgeliefert?
Was ist mit Facebook, Communities .. etc? Auch neoliberale Verschwörung? Dann die Frage: was wäre denn eine Bewegung weg vom Neoliberalismus. Die alte SPD? Gewerkschaften? Lafontaine? Oder mehr à la Foucault: Freundschaft? Nur so .. oder gibt’s auch noch ein paar neuere Wege?
Die neuen Subjektivitäten sehe ich als Produkt eines Verlernprozesses. Verlernt wurde der ganze Bereich intersubjektiver Verbundenheit. Vormals im gewalttätigen Verhältnis zum Anderen haben sich die Subjektivitäten, nun als neue, die Gleichgültigkeit auferlegt und sind in ein schwarmhaftes Trendrauschen abgetaucht, welches ihnen jedes Mal unter dem Vorzeichen der Verblendung als künstlerische Selbstgestaltung des Lebens erscheint. Die intersubjektive Verbundeheit reduziert sich indes auf positive Strafrechtskataloge. Wie diese zu stande kommen (und kamen) und ob sie noch zu stande kommen, muss ein Rätsel bleiben.
Überdies haben die Diagnosen des neuen Selbst samt seiner neoliberalen Ideologie ein Problem mit ihrer eigenen Präskriptivität: jedes Mal wird ein “man” diagnostiziert, das, wie man seit bald 100 Jahren weiß, immer präskriptiv für das Individuum ist. Das ändert sich auch nicht, wenn man dem “man” den Individualismusstempel aufdrückt.
Überdies bezweifle ich, dass diese neue Subjektivitäten empirisch überhaupt so vorzutreffen sind, dass man sie derart generalisieren kann, womit man übrigens wieder eine Präskiption vollzieht. Es gibt auch andere Subjektivtäten. Dazu muss man gar nicht weit reisen und schon gar nicht von Kulturen anfangen zu reden. Wahrschienlich ist gerade ein recht kleiner Teil der Menschen, die nach dem Modell der neuen Subjketivitäten zu leben angehalten sind. Diese Generalisierung stellt nur einmal mehr ans Licht, wie prekär es um das Verhältnis zum Anderen heutzutage gestellt ist.
Auszuprobieren gäbs viel: nötig wäre wohl etwas, das von einer intersubjektiven Verbundenheit getragen wäre und ein bisschen mehr hergibt, als bequeme unverbindliche Bekanntschaften.
Ein toller Artikel aber!
wenigstens kurz (relativ kurz) zu der direkten Frage: was das ‘boomende Sozialleben zu Krisenzeiten’ angeht, so scheint mir das Risiko darauf (gar allein) zu setzen, derzeit doch etwas zu groß, und käme mir auch etwas zu ‘sozialromantisch’ vor: Wirklich ‘nur anregend’ dürfte eine Weltwirtschaftskrise in diesem Sinne dann doch für nur allzu wenige wirken (und dass der Gedanke daran so nahe liegt, wäre aus meiner Sicht zudem vielleicht als ein weiterer Nebeneffekt der Attraktivität der ‘neoliberalen Lebensweise’ zu verstehen: der Sorglosigkeit, die sie dort produziert, wo man ‘ganz gut mit ihr fährt’, beziehungsweise sogar ‘richtig glücklich’ damit ist). Und da ich also schon eher die Gefahr sehe, dass dann in zehn Jahren auch noch in den ‘westlichen Industriestaaten’ ein immer größerer Teil der Bevölkerung (obwohl und weil sich zugleich, wo es noch gerade geht, immer noch ‘neoliberal abstrampelnd’) von der Entwicklung komplett ‘abgehängt’ sein könnte (und also – auch hier – dann Probleme der Armut und Ghettoisierung in den Städten etwa alle anderen politischen Fragen verdrängen), denke ich – ja tatsächlich – auch erst mal eher an sehr profane und sehr traditionelle ‘Wege’. Nicht gleich SPD – aber vielleicht schon (auch) Gewerkschaften. Und auch wenn der überhastete Ausbau von staatlich-exekutiven Kompetenzen ja noch einmal ein anderes Problem der aktuellen ‘Krisenbewältigung’ (mit langfristig womöglich erheblichen Folgen) darstellt (wenn die Entscheidung über die Vergabe von Milliarden-Bürgschaften und -Krediten also etwa schlecht kontrollierten Ausschüssen übertragen wird): Auch sonstige soziale Bewegungen (sei es für ‘sans-papiers’ oder gegen die schleichende Aufweichung der Folter-Ächtung etwa) müssen ja stets auch auf sehr konkrete legislative Entscheidungen und Ergebnisse zielen. Also, aktuell gesagt: Es dürfte nicht nur um ‘Konjunkturprogramme’ gehen, vor allem müsste angesichts der ja dennoch drohenden zunehmenden Arbeitslosigkeit auch und gerade dieser rasch einiges von ihrem Schrecken genommen werden (die Chance auf ein ‘boomendes Sozialleben in Krisenzeiten’ also sozusagen durch ein paar Mindestrahmenbedingungen wahrscheinlicher gemacht werden… einen Eindruck davon, wie wenig davon sonst möglich sein wird, geben ja jetzt etwa schon die Zustände in den ehemaligen ‘Auto-Städten’ der USA). Und im Grunde scheint mir das alles dann auch weder einfach ‘ganz alt’ oder ‘ganz neu’ zu sein. Beziehungsweise: Darum geht es dann irgendwie auch gar nicht…
Und wenigstens auch das noch: das Beschriebene hat für mich wirklich gar nichts mit ‘Verschwörung’ zu tun. Es geht nur um das, was ein sinnvolles Reden und Diskutieren über Gesellschaft eigentlich überhaupt nur möglich macht: dass bestimmte Verhaltensweisen eben relativ regelmäßig erwartbar sind; also wahrscheinlicher als andere – weil die ‘Gesamtumstände’ sowie viele einzelne Bedingungen eben vor allem die Wahl dieses Verhaltens nahe legen (und nicht ein anderes); und das kann dann auch ‘strukturstabilisierend’ wirken, ohne dass dies irgend jemand so geplant hätte. Wem es eindeutig nutzt, der nimmt es sozusagen gerne in Kauf. Während was es sonst noch für Folgen haben könnte, letztlich eine Frage der Analyse bleibt – und für Analysen, die dann besagen, das und das is jetzt vielleicht grad nicht so günstig, scheint mir der ‘Verschwörungstheorie’-Vorwurf ja im Übrigen derzeit überhaupt etwas zu schnell bei der Hand zu sein… (ebenso wie die Rede davon, dass doch eh alles Konstruktion sei: all die Konstruktionen können eben gerade jetzt sehr schnell sehr handfeste, und vor allem sehr verschiedene Folgen haben…)
Vergessen Sie die Neoliberalismus-Terminologie, und fragen Sie sich: Was ist die Realität? Der Markt für Sandwiches und Blumentöpfe funktioniert, WEIL er privat und nicht reguliert ist. Es gibt billige Sandwiches für Studenten und teure Sandwiches für die Reichen. Der Markt für Geld und Kredit ist grandios gescheitert, WEIL er von staatlichen Zentralbanken (Zentralplanern) reguliert ist. Der Neoliberalimus hat hier nie geherrscht. Jahrzehntelang haben die Staaten die Zinsen manipuliert und damit Fehlallokationen provoziert (zu viele US-Häuser wegen tiefen Zinsen). Jetzt haben wir den Salat, und irgendwelche Leute geben dem Neoliberalismus die Schuld? Das ist absurd. Lesen Sie Ludwig von Mises und Murray Rothbard. Die Sowjetunion war 100% Planwirtschaft, und diese ist in ihrer reinsten Form kollabiert. Think again.