Oliver Geden

EU-Klimapolitik: Verbindliche Verpflichtungen wichtiger als symbolisch aufgeladene Konflikte

Oliver Geden | 6 Kommentar(e)


In der Berichterstattung zum jüngsten EU-Kompromiss in Sachen PKW-Emission erleben wir die x-te Wiederaufführung der klimapolitischen Erzählung Gut gegen Böse. Gerade in Deutschland herrscht die Tendenz vor, Politik nicht vom angestrebten Ziel her zu denken, sondern statt dessen einzelne politische Maßnahmen hochgradig symbolisch aufzuladen. mehr…

09.12.2008 | 

Als in der vergangenen Woche nach monatelangen Verhandlungen der Brüsseler Kompromiss zum CO2-Ausstoß von PKWs feststand, waren sich die deutschen Medien weitestgehend einig: die EU ist von ihren ursprünglichen Zielen abgerückt und in einer entscheidenden umweltpolitischen Frage wieder einmal vor den Industrieverbänden eingeknickt.

Und in der Tat, die Automobilindustrie hat in den letzten Monaten sehr geschickt verhandelt, so sehr, dass sie sich am Tag nach dem Kompromiss mit öffentlichen Äußerungen auffallend zurückhielt.

Aber ist diese Entscheidung wirklich ein „Signal, dass es die EU womöglich nicht mehr so ernst meint mit einem entschlossenen Klimaschutz“, wie der Tagesspiegel meint? Mitnichten.

Was wir hier erleben, ist lediglich die x-te Wiederaufführung der klimapolitischen Erzählung Gut gegen Böse – und die Guten haben wie (fast) immer verloren, weil sich die Regierungen am Schluss auf die Seite der Bösen geschlagen haben.

Doch wie so oft ist die Realität auch in diesem Fall ein wenig komplexer: Selbstverständlich wäre der Auto-Industrie mehr zuzumuten gewesen, schließlich haben die europäischen Hersteller schon Ende der 1990er Jahre weitreichende Selbstverpflichtungen zur Begrenzung der CO2-Emissionen abgegeben, sich seither aber nicht ernsthaft bemüht, diese Selbstverpflichtungen auch zu erfüllen.

Der Kompromiss von Brüssel ist für die Autohersteller ein großer Erfolg, aber bedeutet er deshalb auch das Ende der europäischen Vorreiterrolle in der Klimapolitik? Nein, denn wichtig ist nicht unbedingt, wie viele Emissionen in einem bestimmten Wirtschaftssektor eingespart werden. Entscheidend ist letztlich die Gesamtreduktionsmenge.

In Deutschland wie auch in der EU herrscht die Tendenz vor, Politik nicht vom angestrebten Ziel her zu denken, sondern statt dessen einzelne politische Maßnahmen hochgradig symbolisch aufzuladen. So auch hier. Die bestechend einfache Logik der Umweltverbände: Da es nicht gelungen ist, die (deutsche) Automobilindustrie auf ambitionierte sektorale Ziele zu verpflichten, kann man die Klimapolitik der EU nicht mehr ernst nehmen.

Was diese Argumentation jedoch übersieht: In der Architektur der EU-Klimapolitik ist die Verringerung des CO2-Ausstoßes von PKWs kein Selbstzweck, sondern nur eines von vielen möglichen Mitteln, um die bis 2020 angestrebte Verringerung der gesamten europäischen Treibhausgas-Emissionen um 20% zu erreichen. Wenn diese 20%-Zielmarke wie geplant verbindlich wird und ein Verfehlen in den Mitgliedstaaten somit von Kommission und Europäischem Gerichtshof auch sanktioniert werden kann, dann relativiert sich die Bedeutung des Auto-Kompromisses beträchtlich.

Wenn im Autoverkehr weniger Emissionen eingespart werden als ursprünglich geplant, dann werden schlichtweg andere Sektoren, die wie der Verkehr nicht ins Emissionshandelssystem integriert sind (dort gelten – für Kraftwerksbetreiber und ausgewählte Industriezweige – separate Teilziele) dafür „einspringen“ müssen, etwa die Landwirtschaft, die privaten Haushalte oder der Dienstleistungssektor.

Die Brüsseler Auto-Kompromiss ist für die PKW-Hersteller ohne Zweifel von großer ökonomischer Bedeutung, im Kontext der EU-Klimapolitik ging es dabei jedoch nur um eine von sehr vielen Stellschrauben. Die wirklich relevanten Verhandlungen stehen erst beim Gipfel der 27 Staats- und Regierungschefs am 11. und 12. Dezember an, auf dem eine Einigung über das Energie- und Klimapaket der EU ansteht. Erst dann wird sich zeigen, wie ernst es der EU im Kampf gegen den Klimawandel tatsächlich ist. Dabei werden es nicht Kompromisse in symbolisch aufgeladenen Einzelfragen sein, auf die es entscheidend ankommt, sondern der faktische Verbindlichkeitsgrad des Gesamtziels.

Zwar können es sich die EU-Mitgliedstaaten schon in kommunikationspolitischer Hinsicht nicht leisten, plötzlich vom 20%-Reduktionsziel für 2020 Abstand zu nehmen. Aber es besteht die reale Gefahr, dass sie Hintertüren und Schlupflöcher in die Gesetzestexte einbauen, die es ihnen ermöglichen würden, sich ihrer klimapolitischen Verantwortung in einigen Jahren weitgehend unbemerkt zu entledigen.

Der Erfolg des Energie- und Klimapakets der EU wird nicht in erster Linie davon abhängen, ob polnische Kohlekraftwerke ihre Emissionszertifikate schon 2013 zu 100% ersteigern müssen, welche Ausnahmeregelungen energieintensive Industriezweige aushandeln können oder welche Nachhaltigkeitskriterien für Biokraftstoffe erlassen werden. Entscheidend sind wirksame Sanktionsmechanismen, mit denen sichergestellt werden kann, dass die Mitgliedstaaten ihre Verpflichtungen bis zum Jahr 2020 auch tatsächlich erfüllen werden.

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6 Kommentare

  1. blauebirke |  09.12.2008 | 20:43 | permalink  

    Auch die deutschen Kohlekraftwerke zahlen nicht für die Zertifikate und es sieht nicht so aus, als würde sich daran was demnächst ändern.[1] Schlimmer noch es werden viele neue gebaut.[2] Klar man muss das Gesamtbild sehen und nicht nur eine Spate. Aber die Umweltorganisationen kennen diese Gesamtbild und es sieht keinesfalls viel besser aus als das mit der Autoindustrie (weder in Deutschland, noch in der EU).

    [1] http://www.klima-luegendetektor.de/2008/12/08/jurgen-ruttgers-ein-herz-fur-die-stromlobby/
    [2] http://www.bund.net/bundnet/themen_und_projekte/klima_energie/kohlekraftwerke_stoppen/geplante_standorte/

  2. Oliver Geden |  10.12.2008 | 10:28 | permalink  

    zu 1: die deutschen Kraftwerksbetreiber haben von 2005-2007 nichts für die Zertifikate bezahlt, von 2008-2012 müssen die 10% der Zertifikate kaufen bzw. ersteigern. Das steht erstens auch in der von Ihnen herangezogenen Quelle und zweitens beschließt die EU nicht zwingend, was deutsche Ministerpräsidenten sich wünschen. Selbst Polen fordert derzeit keine dauerhaften Ausnahmen, sondern nur ein “phase-in”. d.h. nicht schon 100%-ige Auktionierung in 2013, sondern nur eine stufenweise Anhebung des Versteigerungsanteils, bis dann 2019 ebenfalls 100% erreicht sein sollen.
    zu 2: Die Kampagnen gegen neue Kohlekraftwerke sind ein sehr schönes Beispiel für symbolisch aufgeladene Konflikte. Mehr Kraftwerke = mehr Emissionen, das klingt erstmal logisch. Im Rahmen des Emissionshandelssystem macht es aber im Grunde genommen keinen Unterschied, wie viele Kohlekraftwerke es gibt, denn die CO2-Gesamtemissionsmenge (eines Landes/der EU) wird über die Zahl der Zertifikate kontinuierlich nach unten geregelt (http://www.bmu.de/emissionshandel), ganz unabhängig davon, ob die Betreiber die Zertifikate zu 100% ersteigern müssen oder einen Teil kostenlos erhalten. Selbstverständlich funktioniert das Emissionshandelssystem bei einer Vollversteigerung effizienter und regt Umstieg in klimafreundliche Technologien schneller an als bei einer kostenlosen Zuteilung.

  3. blauebirke |  10.12.2008 | 17:42 | permalink  

    Zu 1: Zustimmung.
    Zu 2: Mehr Kohlekraftwerke bei gleichen Emissionen (insgesamt) heißt, dass alle anderen für ihre Emissionen mehr bezahlen müssen. Dann sind die Proteste aus ökonomischen statt ökologischen Gründen sinnvoll. In der Realität wird das aber nicht passieren, da die Politik und Bevölkerung in einer solchen Situation die Emissionen (zurecht) lockern im Vergleich zu der Situation in dem die Kraftwerke weniger Emissionen verursachen. Zu sagen, dass diese Kraftwerke keinen Einfluss auf die Emissionen insgesamt haben ist der bekannte und häufige Trugschluss, wenn man dass was man nicht sieht nicht berücksichtigt (siehe Parabel des kaputten Fensters[1]).

    [1] http://en.wikipedia.org/wiki/Parable_of_the_broken_window

  4. Sebastian |  10.12.2008 | 20:28 | permalink  

    @Oliver Geden, Punkt 2: Der Argumentation, “ob mehr oder weniger Emissionen über Zertifikate abgegolten werden ist egal” kann ich nicht folgen. Die Emissionen sind real. Mehr Emissionen erzeugen größeren Schaden.

  5. Oliver Geden |  10.12.2008 | 21:15 | permalink  

    @Sebastian: Die Gesamtmenge der Zertifikate im EU-System ändert sich nicht, wenn plötzlich mehr Kohlekraftwerke gebaut werden, denn die Menge wird von vornherein bis 2020 definiert. Also müssen sich die Betreiber neuer Kraftwerke zusätzliche Zertifikate auf dem Markt besorgen, die gibt es aber nur, wenn irgendjemand anderes Zeritifkate übrig hat, es also günstiger fand CO2 einzusparen und übriggebliebene Zertfikate dann zu verkaufen, statt die Zertifikate für die eigenen Anlagen zu nutzen. Das muss kein Betreiber eines anderen Kohlekraftwerks sein, die Zertifikate können auch aus dem Stahlsektor kommen, oder aus dem Nicht-EU-Ausland. Weitere Möglichkeit: Carbon Capture and Storage, also die Abscheidung und unterirdische Lagerung von CO2. Aber die Technik wird wohl kaum vor 2020 marktreif sein.

  6. blauebirke |  11.12.2008 | 19:55 | permalink  

    @Oliver

    Der erste Schritt ist die Kohlekraftwerke zu verhindern. Der zweite die Anzahl der Zertifikate zu reduzieren.

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