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Stephan Ruß-Mohl

Reporter-Legenden: Ryszard Kapuscinskis “Lebenslüge”

Stephan Ruß-Mohl | 4 Kommentar(e)


Riszard Kapuscinski, die polnische Reporter-Legende, habe sich seine Biographie phantasievoll zurechtgelegt – kein Grund große Journalisten posthum zu verdammen, denn: Wir spielen doch alle ein wenig Theater.

19.03.2010 | 

Jetzt also auch Ryszard Kapuscinski. Sein Biograph Artur Domoslawski hat den wohl berühmtesten polnischen Reporter des 20. Jahrhunderts soeben der Fälschung überführt. Anders als von Kapuscinski selbst behauptet, habe dieser weder Che Guevara gekannt, noch sei er je dem kongolesischen Freiheitskämpfer und späteren Premierminister Patrice Lumumba begegnet.

Kurz zuvor war bereits Indro Montanelli, der in Italien noch heute unter einer Art Denkmalschutz steht, von seiner Schweizer Biografin Renata Broggini vom Sockel gestürzt worden. Gegen Ende des zweiten Weltkriegs hatte er sich im Schweizer Exil keineswegs so eindeutig auf Seiten der Resistenza geschlagen, wie er das später schönredete.

Und schon länger haben Historiker herausgefunden, dass auch Henry Louis Mencken, eine der amerikanischen Journalisten-Ikonen, sowie der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch – nach dem noch heute einer der wichtigsten deutschen Journalistenpreise benannt ist – ziemlich phantasievoll ihre eigene Biografie verklärt haben, wenn es ihrer Ansicht nach solcher Schönheitskorrekturen bedurfte. Der Appetit auf Nachruhm muss bei diesen beiden Journalisten so unbändig gewesen sein, dass sie zur Selbstinszenierung ihren Karrierebeginn mit Erfundenem angereichert haben.

Nun werfe keiner den ersten Stein aus dem Glashaus. Jeder weiss, dass es so etwas wie „Lebenslügen“ gibt und dass wir letztlich alle „Theater spielen“ – wie in einem klugen Buchtitel des grossen Soziologen Erving Goffman schon vor Jahrzehnten verewigt. Vor allem ist niemand dagegen gefeit, dass das eigene Gedächtnis mit fortschreitendem Alter nachlässt. So Manches wird im Nachhinein überhöht, Anderes „zurechtgerückt“ oder gar ausblendet.

Gerade weil das die „Conditio humana“ ausmacht, sollten wir allerdings vorsichtig sein. Der Münsteraner Kommunikationsforscher Klaus Merten, der vom Temperament her zu Sarkasmus neigt, hat einmal Public Relations als diejenige Branche beschrieben, „wo die Grenzen von zulässiger Kommunikation tagtäglich neu ausgetestet werden“ und in diesem Kontext auch „die Lüge als Kommunikationsinstrument“ verteidigt. Mit einem Augenzwinkern halten wir fest, dass auch prominente Journalisten offenbar gut in der PR-Branche verwurzelt sind – dann jedenfalls, wenn sie, die Öffentlichkeit suchend, sich selbst zur Legende stilisieren.

Diese Kolumne hat Stephan Ruß-Mohl für die österreichische Wochenzeitung Die Furche und Carta geschrieben.

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4 Kommentare

  1. Chat Atkins |  19.03.2010 | 15:35 | permalink  

    Nichts Neues unter der Sonne – gute Reporter waren immer gute (Er-)Dichter. Und Reportagen oft schlicht erfunden. Der Beweis: Ich verweise einfach mal auf diesen älteren Text von mir über Egon Erwin Kisch …

  2. Konrad Fischer |  20.03.2010 | 13:32 | permalink  

    Genau. Und gibt es überhaupt anderen Journalismus als den erdichteten? Wenn ich mir irgendeine Tageszeitung oder auch beliebige andere Medien antue – was bleibt hinter dem aufgemachten Gedudel der Lohnschreiberei, der ganzen Meinungsmacherei, der redaktionell aufgemachten Produktreklame, dem Agitprop als eherne Wahrheit?

    1 Prozent?

    2?

    Wer publiziert, hat doch immer verschwiegene Interessen hinter jeder Botschaft, wie jede wiss. Quellenkritik lehrt. Und die sind nicht immer und unbedingt vom Feinsten. Theater? Saustall? Wer weiß es schon?

  3. Konrad Fischer |  20.03.2010 | 13:47 | permalink  

    PS. R. Kapuscinski = Old Smearhand / Karol Mayuscinski ;-)

  4. stephan russ-mohl |  24.03.2010 | 19:32 | permalink  

    …was Kisch anlangt – in der Tat ein alter Hut, schon viel älter übrigens, als der zitierte “ältere Text” über ihn. Mich hat jedenfalls irgendwann in den späten achtziger oder frühen neunziger Jahren der Berliner Fachkollege Erhard Schütz auf seine Selbstinszenierungs-Fakes aufmerksam gemacht…

    Aber auch hier sollten wir vielleicht nicht alle in einen Topf mit Tom Kummer werfen. Es lebe die Differenzierung…

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