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Daniel Erk

Die falsche Frage

Daniel Erk | 13 Kommentar(e)


Auch der Kongress von FAZ und International Institute for Journalism zeigt: Die ewige Diskussion über Sinn und Zweck von Bürgerjournalismus und die Abgrenzung zum Qualitätsjournalismus ist Unsinn.

18.03.2010 | 

Sitzen vier Bürgerjournalisten und ein Zeitungsmacher auf einem Podium und sprechen über’s Internet: Was wie ein lauer Witz klingt, war bei dem vom International Institute for Journalism (IIJ) und der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) veranstalteten Kongress zu Bürgerjournalismus heute durchaus Wirklichkeit. Nicht viel besser war leider auch die erste Pointe, die Werner D’Inka, seines Zeichens Herausgeber der FAZ, gleich zu Beginn der Diskussion einbrachte: Das mit dem Bürgerjournalismus, das sei ja alles schön und gut, teilte D’Inka mit. Aber ob sich das zahlreich versammelte Publikum denn noch wohl fühlen würde, wäre das Glasdach des Atriums der Hauptstadtrepräsentanz der FAZ, unter dem man sicher versammelt hatte, von einem Bürgerarchitekten entworfen worden? Im Saal hob Gemurmel an.

Bildschirmfoto 2010-03-18 um 18.14.57Überboten aber wurde D’Inkas witzig gemeinte und leider doch nur selbstgerechte Spitze nur von den genervten (dit0) und ebenfalls überheblichen Kommentaren an der Twitterwall eben jenes Atriums.

Nun ist Werner D’Inka natürlich ein gewitzter Diskutant, der weiß, dass ein solches Podium einen Gegenstand der Auseinandersetzung braucht, wenn man sich nicht schon nach fünf Minuten Diskussion auf die üblichen Plattitüden („Bürgerjournalismus ist gut, hat aber Schwächen – klassischer Journalismus aber auch“) einigen will. Dass D’Inka darüber hinaus durchaus recht mit seiner launigen Anmerkung hatte, das gehörte an diesem Tag zu den stilleren Pointen. Und vermutlich hatte D’Inka zudem auch noch auf eine Art recht, die ihm selbst nicht wirklich geläufig war, aber dazu später. Denn zunächst ging all dieser Gedankengang in der zwangsläufigen Konfrontation selbstverständlich ebenso unter wie der Blick auf das große Ganze.

Während nämlich die Bürgerjournalisten auf dem Podium von vielen begrüßenswerten Einzelfällen zu berichten wussten und Kritisches zu PR von NGOs im Gewand von Bürgerjournalismus sagten, sang D’Inka vor allen Dingen das Hohe Lied des Qualitätsjournalismus. Wie das bei solchen Veranstaltungen so ist, sagten also alle in ungefähr das, wofür sie eingeladen worden waren. Und aller interessanten Einzelmeinungen zum Trotz war der generelle Erkenntnisgewinn nicht überwältigend.

Bildschirmfoto 2010-03-18 um 18.18.32Dabei war die Diskussion nur wenige Schritte von einer echten Einsicht entfernt und zwar ausgerechnet in den Momenten, in denen vor allem die anwesenden Bürgerjournalisten brav verkündeten, der Gewinn des Bürgerjournalismus läge vor allem in seiner ergänzenden Rolle zum klassischen Journalismus, weil Bürgerjournalismus eben näher am Menschen, dezentraler und oft schneller sei, als es ein professionelles Medium mit allerdings begrenztem Personal sein könnte.

Auf die Idee aber, öffentliche Kommunikation nicht in diese beiden Schubladen – „Bürgerjournalismus“ hier und „Qualitätsjournalismus“ da – zu packen sondern als unterschiedliche Enden eines Kontinuums zu begreifen, auf die Idee kam leider keiner.

Man muss kein regelmäßiger Leser des Bildblog sein, um einzusehen, dass bei schwindenden Budgets und hohem Zeitdruck auch klassischer Journalismus oft ein Problem mit der Richtigkeit von Fakten hat oder gar zum leichten Spielball von Lobbyismus und PR wird. Man kann, wenn man will, auch in der taz regelmäßig Beispiele finden, bei denen Hajo Friedrichs goldene Regel, dass sich ein guter Journalist nicht mit einer Sache gemein mache – auch nicht mit einer guten Sache – verletzet wird. Und kann man ganz generell vielleicht anerkennen, dass es weniger um die Labels geht als die Etikette, den Anspruch, die Haltung und die Qualität.

Der Unterschied, der nämlich gerade auf einem Podium wie diesem tatsächlich diskutiert werden sollte, das ist der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Journalismus, sauberer Arbeit und Texten mit einem „G’schmäckle“, zwischen glaubwürdigen, objektiven Quellen und einseitiger, eigeninteressierter Einflussnahme.

Diese Konfliktlinien allerdings sind weniger offensichtlich, sie zementieren sich nicht anhand von Medien, Weltregionen oder Budgets, sondern ziehen sich quer durch die – auch deutsche – Presse und betreffen die „Bild“-Zeitung ebenso wie viele der von örtlichen Granden oder von Werbekunden abhängigen Regionalblätter. Guter Journalismus, könnte man sagen, zeichnet sich allein durch seine Qualität aus und ist eben nicht allein an seinem Absender oder seinem Auftreten zu erkennen.

Dass die journalistischen Grundregeln nicht für jede Veröffentlichung gelten müssen, dass es gerade der Charme des Bürgerjournalismus ist, dass man nicht wie D’Inka erst einmal sechs Jahr Journalismus studieren muss, um einen geraden, wahren und wichtigen Satz aufschreiben zu können, das ist gerade unter politisch aber auch infrastrukturell schwierigen Umständen der große Bonus der von Bürgern produzierten Meldungen. Damit aber solche Veröffentlichungen tatsächlich die Bezeichnung „Journalismus“ verdienen, müssen sie eben durchaus journalistischen Ansprüchen gerecht werden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger hätte die Erkenntnis des Tages sein können.

Bildschirmfoto 2010-03-18 um 18.25.30Eine der schlauesten Anmerkungen zu D’Inkas Verweis auf den „Bürgerarchitekten“ fand sich ausgerechnet an der Twitterwall: Ob denn nicht die Mehrheit der Gebäude weltweit von Amateuren gebaut worden sei, fragte eine Stimme aus dem Publikum dort. Und eben das ist der Punkt daran: Aus Lehm und Stein und Holz eine Hütte zu bauen, wo sonst nichts ist, ist richtig und gut – und dafür braucht man kein Architekturstudium.

Wenn’s aber der Kölner Dom sein soll, dann sind mehr Vorwissen und Übung, mehr „Checks“ und „Balances“ nicht nur begrüßenswert, sondern geradezu unerlässlich. Im Zweifelsfall ist aber eine Hütte besser als gar kein Dach über dem Kopf. Und Bürgerjournalismus ist besser als gar keine öffentliche Auseinandersetzung. Noch so eine Erkenntnis dieses Tages.

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13 Kommentare

  1. Teresa |  18.03.2010 | 19:17 | permalink  

    Ach komm, das soll überheblich gewesen sein? Dem ausgelutschten Vergleich mit Bürgerarchitekten humorvoll mit einem kleinen Scherz zu begegnen, der eher in die Richtung von Karsten ging, der auch die Amateure aufgegriffen hat? Wir bauen als Kinder Baumhäuser, tuen damit durchaus Sinnvolles in der Situation in der wir uns befinden – wie du später im Text ebenfalls feststellst – was nicht belächelt werden muss und für manchen sogar den Grundstein für ein späteres berufliches Interesse legt. Ich sehe in meinem Baumhaus-Vergleich somit keine Überheblichkeit und würde mich Solana Larsen anschließen: “I don’t think citizen media exists in opposition to mainstream journalism”, was D’Inka leider auf dem Podium vehement vertrat.

  2. Hörst du mir überhaupt zu? |  19.03.2010 | 10:20 | permalink  

    [...] studieren, um einen geraden, wahren und wichtigen Satz aufschreiben zu können.” (Daniel Erk) Okay, im Netz ergreifen die Menschen einfach so das Wort. Sie sprechen, regen sich auf, packen [...]

  3. Fiete Stegers |  19.03.2010 | 10:26 | permalink  

    Auf die Idee aber, öffentliche Kommunikation nicht in diese beiden Schubladen – „Bürgerjournalismus“ hier und „Qualitätsjournalismus“ da – zu packen sondern als unterschiedliche Enden eines Kontinuums zu begreifen, auf die Idee kam leider keiner.”

    Meiner Beobachtung nach schimmerte das durchaus immer wieder durch. Daher hätte man sich auch die Diskussionsrunde sparen können. D’Inka war dort insofern eine Fehlbesetzung, weil er aus seiner Warte – ob absichtlich oder nicht – gegenüber den anderen Diskutanten ja nur eine Gegenposition einnehmen konnte. D’Inkas Position wären eher dort interessant gewesen, wo es um Formen von Citizen Journalism in der westlichen Welt geht. So wurden teilweise Äpfel mit Birnen verglichen.

  4. Berliner Gazette |  19.03.2010 | 11:00 | permalink  

    “Bei der öffentlichen Rede kommt es nicht nur darauf an, ob es die richtigen Rahmenbedingungen für das Sprechen gibt, sondern auch und vor allem die richtigen Rahmenbedingungen für das Zuhören.”
    http://berlinergazette.de/horst-du-mir-uberhaupt-zu/

  5. Asun y Ricardo |  19.03.2010 | 11:04 | permalink  

    Hallo Freund:
    Ich möchte Sie über die Ernennung bei The BOBs gratulieren, mein blog:
    La Vuelta al Mundo de Asun y Ricardo
    wurde ebenfalls als beste Weblog in Spanisch.
    Sie haben ein sehr interessanter Blog, ich habe gestimmt.
    Wenn Sie mir in ihrer Sprache zu sehen, auf der ersten Seite I own Google automatischen Übersetzer.
    Vielen Dank

  6. Daniel |  19.03.2010 | 12:27 | permalink  

    Lieber Fiete Stegers,
    das war genau mein Eindruck, dass es auf eine unausgesprochene Weise schon darum ging, nur gesagt hat es halt so auch keiner. So wurden nicht nur Äpfel mit Birnen verglichen, sondern auch die Diskussion vermieden, wie man Qualitätsjournalismus jenseits der großen Budgets und der großen Infrastruktur ermöglichen kann. Das aber ist die eigentliche Frage und nicht, wer wie lange was studiert, wer Baumhäuser baut oder ob man lieber Papier oder iPhones mag. Aber vielleicht ist das auch ein Komplexitätsgrad, der auf einem solchen Panel einfach nicht funktionieren kann.

  7. linksmusssexysein |  19.03.2010 | 14:57 | permalink  

    Naja ok, aber der Punkt ist doch der: Es gibt da draußen ziemlich viele auf dem Level eines Bürgerjournalisten, die eben doch fähig sind, im übertragenen Sinne den Kölner Dom zu bauen. Das ist es, weswegen D´Inka & Co. richtig die Muffe saust.
    Das Ganze ist doch eine Scheindebatte. Bürgerjournalisten sind Teil einer Veränderung, welche für eine historisch relativ kurze Weile die Existenzgrundlage der Blätter durchlöchert. Man kann die Bürgerjournalisten dafür aber nicht verantwortlich machen. Das wäre in etwa so, wie wenn Häuptling D´Inka die spanischen Matrosen dafür verantwortlich macht, dass man die Bodenschätze in seinem Reich ausbeutet.
    Viele Blätter werden sich konsolidieren und erholen. Wie schnell sie das machen, bleibt allein ihnen überlassen. Wenn sie sich weiter in diese Schmollecke verkriechen, werden mehr von ihnen untergehen. Ich bin nicht Kassandra, aber ich glaube, dass sich die hohen Herren noch wundern werden, was in den nächsten Jahren aus den Untiefen des Netzes noch alles auf sie zu kommt.

  8. Körpersprache bei Frauen » Blog Archive » Emotional Body Language in einem Job-Interview |  19.03.2010 | 15:19 | permalink  

    [...] Die falsche Frage — CARTA [...]

  9. Sebastian |  19.03.2010 | 20:32 | permalink  

    In Ergänzung … vertane Chancen.
    Markus Reiter hat mit seinem Interview auf Zeit.de (http://www.zeit.de/digital/internet/2010-03/markus-reiter-dumm-3.0) die Möglichkeit vertan und weiterhin diese Schuladen bedient … die ewige Diskussion über Sinn und Zweck von Bürgerjournalismus und die Abgrenzung zum Qualitätsjournalismus wird wohl weiterhin unsinnig fortgeführt.

  10. Christoph Kappes |  20.03.2010 | 20:03 | permalink  

    Als Nicht-Journalist verblüfft mich immer wieder, dass Journalisten und Blogger sich derart an Inhaltsqualität abarbeiten.

    Dabei sind es doch STRUKTUREN, die professionellen Journalismus von “Bürger”-Journalismus unterscheiden: Haltungen und Statute, Trennung von Redaktion und Verlag, Vier-Augen-Prinzipien, hierarchische Qualitätssicherung, Ressourcen für Rechtsschutz und Vor-Ort-Berichterstattung, Beziehungsgeflechte für exklusive Inhalte, Austausch in Redaktionskonferenzen und vieles anderes mehr.

    Natürlich KANN ein einzelner Bürger auf seiner jeweiligen Wissensdomäne, sofern er zielgruppengerecht schreiben kann, gute Inhalte produzieren. Das sollte doch ein Selbstgänger sein, es gibt doch schon ganz herkömmlich den Gastautor. Aber was ihn als “Hersteller” unterscheidet, sind die o.g. Strukturen zur Sicherstellung dauerhafter inhaltlicher Qualität.

  11. Linkdump for 20. März 2010 Links synapsenschnappsen |  21.03.2010 | 08:15 | permalink  

    [...] Die falsche Frage — CARTA – "Auch der Kongress von FAZ und International Institute for Journalism zeigt: Die ewige Diskussion über Sinn und Zweck von Bürgerjournalismus und die Abgrenzung zum Qualitätsjournalismus ist Unsinn. " (Tags: Bürgerjournalismus ) [...]

  12. Nachrichten aus der Netzwelt #13 | Internet Gesellschaft |  28.03.2010 | 10:36 | permalink  

    [...] “Die Ideologie Datenschutz” von Christian Heller und “Die falsche Frage” von Daniel Erk (via [...]

  13. Kolja |  29.03.2010 | 12:25 | permalink  

    Ich war 2008 bei der FAZ Konferenz, damals wurden die exakt gleichen Fragestellungen mit bekanntem Ergebnis diskutiert (siehe hier). Nur D’Inkas Beispiel war damals noch der Bürgerklempner.
    Die Diskussion ist insofern mühselig, als dass die Entwicklung nicht aufzuhalten ist.

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