Wolfgang Michal

Strategischer Fatalismus

Wolfgang Michal | 21 Kommentar(e)


Wie sich deutsche Feuilletonisten dem Internet nähern.

15.03.2010 | 

Dieser Text ist eine direkte Fortsetzung der Carta-Beiträge von Gundolf S. Freyermuth und Stefan Münker. Münkers Analyse endet mit der Frage: „Und was wäre, wenn die Überforderungsrhetorik (Schirrmachers) nur inszeniert wäre – und hinter ihr der Versuch einer Selbstermächtigung als Deutungs- und Orientierungsinstanz steckte?“

Hier meine (nur ganz leicht zugespitzte) Antwort auf diese Frage:

Einmal angenommen, das Internet wäre ein interessantes Land: kaum zugänglich und sehr geheimnisvoll. Es gäbe dort riesige Märkte und zahllose Menschen. Wie öffnet man so ein Land? Wie geht man vor?

Glücklicherweise gibt es ein Rezept. Es heißt: Strategischer Fatalismus. Mit diesem Rezept kann fremdes Terrain in drei Schritten erobert werden:

1. Dämonisieren

2. Brücken bauen

3. Kontrollieren

Strategischer Fatalismus ist nicht nur mit Blick auf das Netz, sondern generell eine erfolgreiche Kulturtechnik der Herrschaftserlangung.

-

Phase 1:

Dämonisieren.

Am Anfang gibt es nur eins: Volles Rohr! Frontalangriff!! Auf keinen Fall ausgewogen argumentieren, null Verständnis zeigen, eigene Fehler grundsätzlich abstreiten, einfach drauf hauen! Entscheidend ist die maximale Lärmerzeugung. In Phase 1 regiert der Dauer-Alarmismus. Drohendes Unheil wird lustvoll ausgemalt, Katastrophen werden heraufbeschworen, der Niedergang der Kultur wird flächendeckend verkündet. Die Parole lautet: Das Internet macht uns kaputt. Es zerstört unsere Privatsphäre und macht gläserne Menschen aus uns. Algorithmen kommen über uns wie einst die sieben Plagen über Ägypten. Sie herrschen über den Planeten wie böse Wesen aus fremden Galaxien. Rund um die Uhr spähen sie uns aus, zocken uns ab, manipulieren uns. Es gibt kein Entrinnen.

-

Phase 2:

Brücken bauen.

Der Frontalangriff der ersten Phase dient vor allem dazu, das gegnerische Lager in Ruhe sondieren und inspizieren zu können. Es ist ein klassisches Ablenkungsmanöver. Die Angreifer können jetzt sehen, wer sich von ihrem Feldgeschrei beeindrucken lässt, wer hartleibig bleibt, und wo die inneren Brüche des gegnerischen Lagers verlaufen. Wo könnten die ersten Pflöcke eingeschlagen werden?

In Phase 2 geht es darum, die noch weitgehend unbekannte Landschaft zu kartieren, Landungs- und Stützpunkte zu markieren, gangbare Pfade anzulegen und das Spielfeld aufzuteilen. Während in großer Zahl weiterhin Blendgranaten verschossen werden, kommt es zu ersten Kontakten ins feindliche Lager. Debatten werden angezettelt und in ganz bestimmte Richtungen gelenkt. Der öffentliche Dialog simuliert signalisiert dem gegnerischen Lager Respekt. Es wird gezielt gelobt, gebauchpinselt und getadelt.

Bis hierher könnte man sich die Strategie wie eine gut gebaute Titelgeschichte des Spiegel vorstellen (oder wie ein Buch von Frank Schirrmacher). 20(0) Seiten lang wird alles niedergemacht und katastrophal gefunden, um ganz zuletzt eine überraschende Kehrtwende zu vollziehen und Auswege aus der Misere anzudeuten. Zu deutsch: Wenn alle absolut kirre sind, ist es Zeit, ordnende Vorschläge zu machen, Wankelmütige herüberzuziehen, Themen und Orte zu besetzen, vorzeigbare Mitspieler zu gewinnen, Positionen auszubauen.

Dabei darf eines nicht vergessen werden: Die in Phase 1 stark verängstigten Teile des eigenen Lagers müssen spätestens jetzt mit der schwierigen Botschaft konfrontiert werden, dass nur eine Annäherung an die gemäßigten Teile des Internets das Fremde wirklich unter Kontrolle bringen kann.

-

Phase 3:

Kontrollieren.

In der letzten und entscheidenden Phase werden Nägel mit Köpfen gemacht. Nun beginnt die eigentliche Okkupation. Das gegnerische Lager wird auseinander dividiert, und die nicht integrierbaren Teile werden ausgesondert, abgestempelt oder verboten. Es werden neue Spielregeln implementiert und drakonische Strafmaßnahmen angedroht.

Mitspieler aus dem gegnerischen Lager, die in Phase 2 kollaborierten, werden abgefunden, mit angenehmen Posten ruhig gestellt oder fest in die eigenen Kontroll-Eliten integriert.

Das Alte kann nun losgelassen werden, das Neue ist unter Kontrolle. Die Mission des Strategischen Fatalismus hat ihr Ziel erreicht.


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21 Kommentare

  1. recipient |  15.03.2010 | 17:52 | permalink  

    Danke. Endlich mal ein Text zum Thema, den ich verstehe.

  2. Klardeutsch |  15.03.2010 | 18:09 | permalink  

    Das ist eine klarsichtige Analyse der einen Seite dieses Machtkampfes. Sie hat nur einen Nachteil: Sie klingt so, als würde hier ein hilfloses Land der Unschuld überfallen.Dem ist aber nicht so: In Wirklichkeit handelt es sich um einen Machtkampf der Eliten. Da gibt es die einen Eliten, die sich zum Führer des “digitalen Landes” aufgeschwungen haben. Und da gibt es die Eliten des bisherigen Imperiums.

    Man könnte es auch so sehen, dass das kleine “digitale Land” durch Eroberungszüge und freiwillige Unterwerfung groß und stark geworden war und sich anschickte, das behäbig gewordene Imperium erst mit Nadelstichen, dann frontal anzugreifen. Und dann erst setzt von dort die hier bezeichnete Strategie ein.

    In diesem Sinne könnte man den Blogeintrag hier als Teil einer klassischen Gegenstrategie sehen, den ursprünglichen Angreifer als unschuldiges Opfer eines Überfalls zu stilisieren.

    Im Klartext:Ja, es handelt sich um einen Machtkampf. Aber wir werden ganz schrecklich enttäuscht werden (wie eigentlich immer), wenn wir glauben, die neuen Eliten würden – sind sie erst einmal an der Macht – alles viel besser machen als die alten. Was ja nicht heißt, dass man mit der alten Eliten Mitleid haben müsste. Es ist nur manchmal gut, nicht überall tabula rasa zu vorzufinden, wenn sich der Schlachtenrauch gelegt hat.

  3. Chat Atkins |  15.03.2010 | 19:17 | permalink  

    Viel zu kompliziert: In den guten alten Zeiten schickte die Kolonialbewegung erst einmal ein Expeditionskorps in den dunklen Kontinent. Danach waren die Ureinwohner dann tot – oder Zwangsarbeiter. Finanziell gelohnt hat sich das schon damals nicht.

  4. Ulrike Langer |  15.03.2010 | 21:13 | permalink  

    Eine schöne Verschwörungstheorie. Ja, so könnte es tatsächlich sein oder kommen. Noch glaubhafter würde die Theorie aber durch Belege. In welcher der drei Phasen befinden wir uns denn gerade? Verläuft die Front überhaupt geradlinig? Wo sind die Landungs- und Stützpunkte der unbekannten Landschaft Internet? Welche Mitspieler aus dem gegnerischen Lager wurden schon ruhiggestellt und abgefunden? Wie heißen die Kollaborateure? Welche Doppelagenten hast Du schon enttarnt? Oder sind diese Informationen zu brisant für dieses Blog?

  5. Magda Geisler |  15.03.2010 | 21:28 | permalink  

    Ich habe vor einiger Zeit bei “der Freitag” so etwas in der Art gebloggt – auf etwas ungeordnete Art.
    Ich finde – präziser formuliert – hier das wieder, was ich da auch versucht habe, zu formulieren.

    http://www.freitag.de/community/blogs/magda/denkt-uns-das-internet—versuch-eines-widerspruchs

    Zu Schirrmacher habe ich geschrieben:
    “Manchmal habe ich das Gefühl, er (Schirrmacher) will sich eigentlich an die Spitze der Bewegung setzen, vor der er warnt. Er will, wenn er schon Kassandra spielt, wenigstens der Erste sein, wie der Hase vor dem Igel. Er will Vordenker sein und diese Hechelei und Heuchelei wird bezahlt mit Ungenauigkeit, die aber eher verschleiert, als aufklärt.

    Was als wirkliche Warnung zu vermelden ist, geht in diesen Szenarien vom „Auslesen der menschlichen Gedanken“ völlig unter.

    Wir werden nicht „ausgelesen“, sondern ausgespäht, das stimmt: Zu Werbezwecken, zu Überwachungszwecken, unsere Konsumgewohnheiten werden ausgelesen, unsere Bewegungen. Ja auch das Denken. Aber das gab es auch schon vorher und hieß einmal kritisch “Manipulation” und manchmal auch “Manipulation durch ständige Meinungsumfrage”.

    Andererseits: Da wo versucht wird, Menschen und ihr Denken zu manipulieren, entstehen energische Grasswurzel-Gegenbewegungen. Und genau dort entstehen sie, wo Schirrmacher andauernd das Unheil sieht: Im Internet nämlich.

    Davor – denke ich manchmal – hat ein elitärer Geist, haben etablierte Institutionen mehr Furcht, als vor dem „von Schirrmacher und Augstein heraufbeschworenen „Gedacht werden“ durch das Internet. ”

    Also ich finde, ich liege gar nicht so falsch.

  6. Android |  15.03.2010 | 21:33 | permalink  

    Guter Text, Herr Wolfgang Michal!

    Weil der Text den unnöting Balast (facebook,myspace,echte Freunde\virtuelle Freunde usw.) mit hilfe eine Metapher, auf drei internettaugliche Punkte reduziert (komprimiert).

    ABER, kann es nicht auch sein das ihr “Terra inkognita” tektonisch und seismisch instabil ist?

    Oder haben Sie etwa die Dotcom-Beben im März 2000 vergessen?

    Das ist auch der Grund warum die Konquistadoren wie Herr Schirrmacher, “Terra inkognita” nicht erobern können.

    Alle Pay-Walls und Kolonien auf “Terra inkognita” werden bei dem nächsten Beben\Eruptionen einstürzen und von Lavaströme davon gespült werden!

    Wir,die Roboter, haben aber auch noch ein anderes Erklärungsmodell !

    Drehen Sie doch mal die Vorzeichen um!

    Nicht Herr Schirrmacher&Co. sind die Konquistadoren sondern die “Internet Natives” die sich die Reste von “Terra inkognita” einverleiben werden.

    Dann würde ihr “Strategischer Fatalismus” auch wieder funktionieren!

    Das I-Natives Motto lautet:

    “Wir sind die I-Natives, senken Sie Ihre Schutzschilde und ergeben Sie sich! Wir werden Ihre biologischen und technologischen Charakteristika den unseren hinzufügen! Ihre Kultur wird sich anpassen und uns dienen, Wiederstand ist zwecklos!”

    MfG
    ROBOTER

  7. Aufmerksamkeit! |  15.03.2010 | 22:33 | permalink  

    Ich freue mich sehr darüber, dass @ Wolfgang Michal in letzter Zeit gerne in der humoristischen Abteilung zu Hause ist :-), zudem nicht nur zur Erheiterung beiträgt, sondern auch versucht Debatten anzustoßen, die ich auch für wichtig erachte. Ich denke da besonders an seinen Wunsch, dass sich doch die “politischen Nerds” zu Wort melden mögen.
    Darin liegt m.E. bisher das Manko. Die Auseinandersetzung mit Herrn Schirrmacher beschränkt sich im Moment auf den Gestus, der an eine schwache Opposition im politischen Betrieb erinnert. Die Aussagen und Handlungsabsichten werden bis ins kleinste Detail zerlegt, mit Mutmaßungen versehen und, wie hier, humoristisch in den Bereich der Verschwörung geführt. Allein die konstruktive, widerlegende, andere Richtungen aufzeigende Gegendebatte mag nicht so recht aufkommen.

  8. Wolfgang Michal |  15.03.2010 | 23:41 | permalink  

    @Klardeutsch: Sie als ehemaliger FAZ-Feuilletonist wissen sicher: Eliten arbeiten gern zusammen, auch wenn sie mal auf verschiedenen Seiten der Barrikade standen. Wer etwas ändern will, muss das vielleicht auch.
    @Chat Atkins, alter Historiker! Wir war das damals mit China?
    @Ulrike: Wir sind im Übergang von Phase 1 zu Phase 2. Wäre mein Beitrag “investigativ” (und nicht nur ein Gedankensplitter), würde ich natürlich Belege bringen (andererseits: die großen Verschwörungstheorien von Spengler bis Huntington waren komischerweise voller “Belege”).
    Ich sehe das Thema eher wie:
    @Aufmerksamkeit: “Die Auseinandersetzung mit Herrn Schirrmacher beschränkt sich im Moment auf den Gestus, der an eine schwache Opposition im politischen Betrieb erinnert.” Genau das ist es!

  9. Julian Jöris |  16.03.2010 | 00:42 | permalink  

    Sehr schöner Text.
    Bei “Es wird gezielt gelobt, gebauchpinselt und getadelt.” in Phase 2 musste ich unmittebar an Schirrmachers Lob an den Oberpiraten Seipenbusch als “ein Intellektuellen von Format” (http://carta.info/15074/frank-schirrmacher-piratenpartei-jens-seipenbusch/) denken.

  10. Chat Atkins |  16.03.2010 | 10:02 | permalink  

    @ Wolfgang Michal:

    Alt? Na, hörensema … und was kommen Sie mir hier mit Mandarin? China ist ja kein ‘dunkler Kontinent’ wie deutschen Verlegern das unbekannte Afrika des Internet. Sondern eine uralte Kulturnation, regiert von kapitalismuskompatiblen Buddies aus der kommunistischen Partei.

    Treffen sich Matthias Döpfner und Don Alphonso an den Ufern des Kongo. Sagt Döpfner: “Doctor Livingstone, I presume?”

    ;-)

  11. Wolfgang Michal |  16.03.2010 | 10:13 | permalink  

    @Chat Atkins: Alt im Sinne von weise natürlich. Gelbe Gefahr, Opiumkriege, na, klingelt’s? (Ist Schirrmacher das Opium der Neuzeit?). Schöner Witz, übrigens.

  12. Chat Atkins |  16.03.2010 | 10:46 | permalink  

    Tscha – diese Chinesen, die wollten damals das Opium nicht mehr rauchen, dass ihnen die kolonialen Dealer wie gewohnt ins Land schleppen wollten. Düwel ook – woran erinnert mich das denn nun schon wieder?

  13. Tarantoga |  16.03.2010 | 11:24 | permalink  

    Meiner Meinung nach will der Herr Schirrmacher nur Bücher und Zeitungen verkaufen. Für seine Fähigkeit, ganze Debatten über eigentlich irrelevante Themen und falsche Fragen anzustossen, kann ich nur Respekt zollen. Dazu gehören allerdings auch immer die anderen, die bereitwillig mitmachen und ihre Zeit verschwenden…

  14. Andreas |  16.03.2010 | 23:18 | permalink  

    Meiner Meinung nach ist dieser Artikel ein durchgebrannter Sicherungsschrank. Jetzt also mit chinesischer Kriegskunst über eine Debatte die aus den slow media kommt? oh weh. Kann nicht Constenze Kurz vom CCC mal eine eigene Website eröffnen. Können nicht endlich mal Könner schreiben? Oder muss ich jetzt wirklich die FAZ abonnieren? Carta jedenfalls ist es nicht, hier schreibt der Redakteur für den Kaninchenzüchterverein über Feuilletonisten die Nerds über das Internet schreiben lassen.

  15. Aufmerksamkeit! |  16.03.2010 | 23:50 | permalink  

    @Andreas Bei allem Respekt für kritische Betrachtungsweisen, aber da hat wohl jemand den Humor an der sprichwörtlichen Garderobe abgegeben?

  16. Wolfgang Michal |  17.03.2010 | 00:38 | permalink  

    @Andreas: “Durchgebrannte Sicherungsschränke”? Und “der Redakteur für den Kaninchenzüchterverein über Feuilletonisten die Nerds über das Internet”. Welche Sprache ist das?

  17. Interessante Postings aus meinem Feedreader - 18. March 2010 | (( echoraum )) |  18.03.2010 | 06:02 | permalink  

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  19. ((( rebell.tv ))) |  01.04.2010 | 18:09 | permalink  

    schade habe ich diesen schönen eintrag noch nicht gesehen, wie ich mit stefan münker den podcast machte: http://radio.rebell.tv/p515.htm wir rätseln noch, ob nach dem methusalemkomplex und WehWehWhe das thema tod oder religion als nächstes gehechelt werden wird ;-)

  20. ((( rebell.tv ))) blog - http://carta.info wie sich deutsche feuilletonisten dem internet nähern |  01.04.2010 | 18:45 | permalink  

    [...] sich deutsche feuilletonisten dem internet nähern sender: culturalstudies | | von sms um 18:32wolfgang michal reagiert auf stefan münker: "Münkers Analyse endet mit der Frage: „Und was wäre, wenn die [...]

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