Tim Renner

Mangelnde “cc”-Kompetenz: Post vom Bundestagscomputer

Tim Renner | 22 Kommentar(e)


Wie fremd der Politik das Internet nach wie vor ist, merkt man bereits am E-Mail-Verkehr mit Bundestagsabgeordneten. Persönliche Maildaten werden einfach per “cc” verkündet. Zur Ablenkung wird schnell mal über Google geschimpft.

07.03.2010 | 

Früher bekam ich häufig Mails, die mir eindringlich eine Penisverlängerung oder den Erwerb von Potenzmitteln nahelegten. Heute sind es meist Nachrichten aus Nigeria oder den USA. Die einen wollen mit meiner Hilfe Geld aus dem Land transferieren, die anderen bieten mir einen Job als ihr Filialist an. Schuld daran ist wahrscheinlich Google, so suggerieren die Kommentare zur Eröffnung der CeBit. Verbraucherschutz-Ministerin Aigner widerspricht dem im Interview nicht und Bild gibt Tipps damit die Leser sich vor Aufnahmen ihres Hauses im Rahmen von Googles „Street View“ schützen können. Neben Kohlendioxid und Ahmadinedschad ist Google auf dem besten Wege die Weltbedrohung Nummer 3 zu werden.

Wenn Google an all den Spam-Mails Schuld ist, dann sind sie in Sachen Datenhandel genauso schlecht wie die Deutsche Post. Selbst der Bildzeitung lesende Kleingärtner, der vom Google- Street-View-Wagen beim Harken aufgenommen wurde, braucht sich dann keine Sorgen zu machen. Genauso wenig wie ich jemals ernsthaft über die Verkürzung oder Verlängerung von Körperteilen, den Internet-Erwerb von Viagra, Devisen- Spekulation in Afrika oder gar die Mitarbeit bei windigen Firmen aus dem World Wide Web nachgedacht habe, hatte ich geplant Busfahrten ins Berliner Umland zu unternehmen oder Gedenkmünzen zum 125-jährigen Jubiläums des Kudamm zu erwerben. Letzteres macht aber fast 50 Prozent meines physischen Briefkasteninhalts aus.

Anders als bei Emails kann ich den Absender bei Postsendungen leider nicht als „Junk“ kennzeichnen und somit auf ewig bannen. Ich kann bei Werbebriefen auch nicht auf Knopfdruck antworten und den Absender den Kopf waschen, wie es letzte Woche einem Bundestagsabgeordneten geschehen ist. Er hatte zu einem Symposium eingeladen, bei dem er zusammen mit einem Spiegel-Redakteur über die Datenkrake Google und andere Gefahren im Netz diskutieren wollte. Vom Microsoft-Deutschland Chef, Telekom-Vorständen bis hin zum Xing-Gründer Hinrichs hatte er alle mit ihren Email-Adressen auf „cc“ gesetzt. Sein Büroleiter schickte hektisch eine Mail hinterher: Die Adressen sollten natürlich nicht sichtbar sein, das sei ein Fehler des Bundestagcomputers.

Lars Hinrichs und diverse andere Betroffene reagierten prompt. Sie fragten den Abgeordneten, wie er denn als Beirat der Bundesnetzagentur und Mitglied des Unterausschusses Neue Medien im Deutschen Bundestag einen Büroleiter beschäftigen könne, der einerseits glaubt es gäbe einen Bundestagscomputer und andererseits der Meinung sei, dieser würde bei Mails ein Eigenleben entwickeln. Sie wollten wissen, wie er denn überhaupt an ihre Daten gekommen sei und wie das Ganze mit seinem Abstimmungsverhalten sowohl für Netzsperren als auch zugunsten der Vorratsdatenspeicherung zusammenpasse.

Der Abgeordnete brauchte lange um seinem großen, prominenten Verteilerkreis zu antworten. Ob des Verteilers hätte es Fehlermeldungen gegeben und deshalb habe man Parlakom um Hilfe gebeten, schreibt er. Die Parlakom hätte das Mail dann falsch verschickt, so heißt es weiter. Der Übeltäter Parlakom ist ein serverbasiertes modernes Datenbanksystem unter Unix, auf das Abgeordnete, Fraktionen, Gruppen und die Verwaltung des Bundestages für individuelle Abfragen von Nachrichtenagenturmeldungen zugreifen können. Seit wann verschicken solche Systeme Mails? Und selbst wenn er fälschlicherweise die Mitarbeiter meinte, die dieses System pflegen, ist unklar, wieso er diese mit Mail-Fehlermeldungen behelligt.

Vielleicht hat er gar keinen Computer und vertraut darauf, was sein Büroleiter ihm erzählt. Ähnlich machten es früher meine Chefs bei Universal Music. Dem Zuständigen für Europa musste man auf Englisch schreiben, obwohl er als Däne fließend Deutsch sprechen konnte. Die Emails wurden in seinem Büro nämlich alle ausgedruckt, die Antworten der Sekretärin in London diktiert. Sein Vorgesetzter Doug Morris, der gerade erst pensionierte Präsident des Weltmarktführers für Musik, hatte nicht einmal einen PC auf dem Tisch seines Büros in New York stehen. Besuchern gegenüber war er stolz darauf.

Genauso wie Politiker, denen die Kultur im Internet furchtbar fremd ist, haben die Top-Manager aus der Musikindustrie aus Unwissen entschieden wie man sich im neuen Medium aufzustellen hat. Was für sie Napster und andere Tauschbörsen waren, ist für die Politik Google. Man greift sich ein offensichtliches Problem und treibt es deutlich vereinfacht als Sau durch das mediale Dorf. Das ist schon bei der Musikwirtschaft schief gegangen, denn es ignoriert die Ursachen und missversteht die Wirkung. Bei der Politik wird das nicht anders sein. Solange zumindest, wie solche Politiker agieren, die bestenfalls intellektuell aber nicht emotional verstanden haben, über wen oder was sie gerade im Internet entscheiden.

Dieser Text von Tim Renner erscheint auch im Motorblog.

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22 Kommentare

  1. Timo |  07.03.2010 | 17:36 | permalink  

    Falls jemand nicht verstanden hat, von wem die hier kritisierte Mail stammt – kann ich das gerneaufloesen. Aber eigentlich sowieso klar, oder?

  2. vera |  07.03.2010 | 18:04 | permalink  

    ‘Noch zwei Links, die Briefkasten und Mailbox spürbar entlasten:
    Die Robinsonliste für Werbepost und die für Telefon, Handy, eMail. Ein kleiner Aufwand, der sich lohnt, denn danach kommen tatsächlich keine unerwünschten Postsendungen oder Anrufe mehr, auch der meiste Spam wird geblockt.’ Bitte, gern.

  3. rka |  07.03.2010 | 18:04 | permalink  

    Mit Parlakom vertut ihr Euch aber: So wird die Abteilung im Bundestag genannt, die für die Parlamentarische Kommunikation zuständig ist. Wenn bspw. ein Abgeordneter einen PC in seinem Büro aufstellen will, so kann er dies nicht einfach tun, sondern muss Parlakom damit beauftragen. Auch Telefonanschlüsse etc. kommen von denen, eben die komplette IT-Infrastruktur. Wenn also mit dem E-Mailverkehr was nicht funktioniert, sind die schon erstmal der richtige Ansprechpartner.
    Das beschriebene Informationssystem hört jedoch auch auf den Namen Parlakom.

    Letztendlich ist das beschriebene aber schon ein Armutszeugnis.

  4. jk |  07.03.2010 | 18:21 | permalink  

    als kurzantwort auf solche emails versende ich abwechselnd einen der beiden links.
    http://www.thanksno.com/ http://bccplease.com/

    denn diese cc-pannen sind immer wieder extrem ärgerlich. egal ob privat oder dienstlich. pannen sind jedoch menschlich. nur sollten sie als solche erkannt und vermieden werden und nicht auf andere geschoben werden.

    und so wirklich glücklich scheinen gewisse mitglieder des bundestages mit dem internen it-system auch nicht zu sein…

    “Das Bundestagsparlakomsystem treibt mich in den Wahnsinn! Nichts läuft. #steinzeit2.0″ – https://twitter.com/Volker_Beck/status/9518967091

  5. Sabine Engelhardt |  07.03.2010 | 18:32 | permalink  

    @vera: Die Robinson-Listen mögen gut gemeint sein, kehren aber das Prinzip, das das BDSG (keine Datenspeicherung und -verarbeitung ohne Zustimmung) und das UWG vertreten, um:

    Nicht ich muß sagen, daß meine Daten nicht gespeichert werden sollen und ich keine Werbung will, sondern ich muß sagen, wann ich Informationen will und ob dafür Daten von mir gespeichert werden dürfen und welche.

    Wer das nicht respektiert, der ist mir als Lieferant für was auch immer suspekt. Wenn ein Dienstleister oder Lieferant schon nicht sauber mit den Daten potentieller Kunden umgeht, muß ich doch anzweifeln, daß er ordentlich mit seinen Kundendaten umgeht. Kann man jemandem seine Daten anvertrauen, der vorher schon beweist, daß ihm Datenschutz nichts bedeutet?

    Kurz: Wer spammt, hat verloren.

    Gruß, Frosch

  6. Mathis |  07.03.2010 | 19:04 | permalink  

    Schöne Anekdote. Auch wenn technische Unkenntnis, Schludrigkeit und/oder schlappe Ausflüchte natürlich nicht exklusiv bei MdBs und Top-Managern vorkommen. Fallen da nur besonders auf, nicht wahr?

  7. TORwart |  07.03.2010 | 23:22 | permalink  

    Immerhin hat hier nur jemand CC und BCC verwechselt: Normalerweise ist es ja bei Politikern, Juristen, Kaufleuten und Geisteswissenschaftlern *noch* schlimmer und alle Empfänger stehen standardmäßig im “TO”.

  8. Maschinist |  08.03.2010 | 00:27 | permalink  

    Man muss es nicht verstehen, um ganz genau zu wissen dass es böse ist. Oder gut, je nachdem. Hauptsache die Schuld lässt sich abwälzen.
    Mit solcher Expertise und Herangehensweise wurden übrigens Hunderte Milliarden Euro unter Banken verteilt – ohne Kontrolle oder Rechenschaft.
    Wenn solche Leute nicht mehr das Geld anderer verprassen dürfen, können sie von mir aus den ganzen Tag lang cc-Mails verschicken. Ich hab ja genug Einweg-Adressen…

  9. Tim |  08.03.2010 | 06:40 | permalink  

    Herr Renner,

    die Parlakom ist sowas wie die EDV-Abteilung bei Universal Music. Wer im Bundestag nicht weiter weiss, ruft dort an und dem wird geholfen. Fehler zu macvhen ist menschlisch, und hier wurde der Fauxpas sogar eingesehen und war unabsichtlich. Wozu die Aufregung?

    Ich finde es jedoch ehrenwert, wenn Sie ein Parlament von gewählten Volksvertretern mit den nach Qualifikation, Können, Wissen und Erfolg sorgfältig selektierten Managern von Universal Music vergleichen. Das zeigt für mich Ihre Hochachtung vor dem Verfassungsorgan.

  10. Wolf |  08.03.2010 | 11:49 | permalink  

    Absolut wirksame Methode gegen unerwünschte Werbung:

    Da auf meinem Briefkasten “Werbung unerwünscht” steht, stecke die unerwünschten Unterlagen in mindestens einen DIN-A5 – Briefunschlag, klebe ihn zu und sende das teure Stück an den Absender der Werbepest, versehen mit dem kleinen Vordruck, dass ich keine unerwünschte Werbung erhalten möchte.

    Bei der Höhe des Strafportos funktioniert sogar bei, ausserhalb des Postwegs versendeter Werbepest!

  11. Rainer Wasserfuhr |  08.03.2010 | 11:55 | permalink  

    feiner Text, aber bevor er im MotorBlog erscheint sollte vielleicht noch “Eigner” in IlseAigner geändert werden ;)

  12. Redaktion CARTA |  08.03.2010 | 12:21 | permalink  

    @Rainer Wasserfuhr Vielen Dank für den Hinweis, ist geändert.

  13. Mike Schnoor |  08.03.2010 | 12:27 | permalink  

    Sehen wir es mal anders, wenn die Dreistigkeit siegt. Denn wer auf der CC-Liste hat sich nicht über diese wertvollen und höchst brillanten Kontaktdaten gefreut? Nicht für’s erneute bespammen, sondern für künftige Projekte und geschäftliche Korrespondenz danke ich zumindest dem Bundestagsangeordneten für dieses unwillentliche Zubrot. :)

  14. Von Mir Nix & Dir Nix » Blog Archiv » Was schon bei privaten Emails… |  08.03.2010 | 12:46 | permalink  

    [...] Politikern zum Skandal: Das durch anhaltende Renitenz und microsoftschem Unvermögen provozierte Verteilen von Email-Adressen per »Carbon Copy«, auch »cc:« [...]

  15. wolfman naked dot com · Fehler des Bundestagcomputers |  08.03.2010 | 13:20 | permalink  

    [...] Fehler des Bundestagcomputers [...]

  16. Knusper |  08.03.2010 | 13:51 | permalink  

    Also, ist natürlich klar, dass es sich hier um eine Panne handelt. Aus dieser Mücke einen solchen Elefanten zu machen ist natürlich unpassend. Die CC-Spezifiaktion ist sowieso eher verwirrend und überflüssig.
    Der Unterschied zwischen TO und CC ist zu gering, als das er das zusätzliche Feld im Header rechtfertigen würde. Das sowas anfällig für eine Panne ist, leuchtet mir zumindest ein, irgendwie handelt es sich also tatsächlich um einen Computerfehler.

  17. Jörg Tauss |  08.03.2010 | 15:10 | permalink  

    Ungeachtet einer menschlichen Panne ist tatsächlich bemerkenswert, mit welcher Dreistigkeit hier selbst gegenüber einem fachkundigen Kreis die Schuld auf Dritte geschoben wird.

    Das wird auch in der oben zitierten Beck- Parlakom- Beschimpfung auf twitter deutlich: Volker Beck ist Mitglied des Ältestenrats, des höchsten Organs innerhalb des Bundestages. Er hätte zusammen mit seinen Kollegen alle Machtmittel, etwas zu ändern. Er belässt es aber beim twittern. Dies erinnert mich eher an einen Vorstand, der für Missstände im Betrieb allein die nachgeordneten Mitarbeiter verantwortlich macht und sich über diese öffentlich beschwert.

    Bremser jeder Innovation im Deutschen Bundestag – auch bei Parlakom – ist exakt dieser Ältestenrat – nomen est omen.

    Dies alles passt auch zu Abgeordneten wir Dörmann, die ohne fundiertes Wissen und ohne die Bereitschaft, sich dieses zu erwerben, an Fragen der Netzpolitik herangehen und dann Ersatz”kriegsschauplätze” wie google aufmachen, obwohl sie fachlich von jedem google- Hiwi geschlachtet werden könnten. Dies ist in der Tat schlimmer als eine “cc” oder “bcc” – Verwechslung.

  18. Hardy Prothmann |  08.03.2010 | 18:13 | permalink  

    Guten Tag!

    Das gibts nicht nur im Bundestag, sondern konkret überall im Land.

    Wir hatten 2009 eine “Datenschutzpanne” im Rhein-Neckar-Kreis. Der Chef des Kommunalrechtamtes schickte Word-Dokumente durch die Gegend, bei den der Verlauf eingeschaltet war.

    Brisant: Aus diesen “Anhängen” wurde erkenntlich, dass der Meckesheimer Bürgermeister Moos über zwei Jahre lang Anfragen der Gemeindeprüfungsanstalt nicht beantwortet hat.

    Als die Redaktion das Landratsamt mit dem Vorfall konfrontierte, war die erste Reaktion, der Empfänger des Word-Dokuments habe gegen den Datenschutz verstoßen, weil er sich an die Redaktion gewandt hat.

    Später sprach man von bedauerlichen Einzelfällen und einem persönlichen Fehler…

    http://heddesheimblog.de/?s=datenschutzskandal

    Einen schönen Tag wünscht
    Hardy Prothmann

  19. Markus Merz | Hamburg St. Georg |  08.03.2010 | 19:01 | permalink  

    @Tim Renner + @Jörg Tauss: vote+1 wg. Bericht über inkompetente Dreistigkeit.

  20. vera |  09.03.2010 | 02:55 | permalink  

    @sabine
    gebe dir grundsätzlich recht – in der stadt.
    hier in der provinz brauche ich aber das ein oder andere werbeblättchen (fleischer, bäcker, supermarkt), damit fällt ‘keine werbung’ am briefkasten aus.
    für die berge von werbung, die ich früher bekam, hätte es einen 100-euro-job bedeutet, jede woche alles einzutüten und, mit einer notiz versehen, zurückzuschicken.
    es reicht gerade, daß ich den wechselnden postboten dauernd sagen muß, nein, hier keine postwurfsendungen, denen drückt nämlich ein auftraggeber mal einen fuffi in die hand, und ade!, bdsg & uwg.

    ich gebe meine bequemlichkeit zu, aber für mich waren die robinsonlisten einfach das mittel der wahl.

  21. Soup von egeck |  10.03.2010 | 11:33 | permalink  

    “Genauso wie Politiker, denen die Kultur im Internet furchtbar fremd ist, habe…”…

    Genauso wie Politiker, denen die Kultur im Internet furchtbar fremd ist, haben die Top-Manager aus der Musikindustrie aus Unwissen entschieden wie man sich im neuen Medium aufzustellen hat. Was für sie Napster und andere Tauschbörsen waren, ist für di…

  22. Werning.com/Blog » Links aus KW 10 |  05.04.2010 | 18:51 | permalink  

    [...] untergräbt Datenschutz für Vereine Facebook springt auf Lokalisierungszug Mangelnde “cc”-Kompetenz: Post vom Bundestagscomputer Gedanken zu Google [...]

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