Max Conzemius

Eine Wirtschaftsregierung für Europa: Chance der Griechenland-Krise?

Max Conzemius | 5 Kommentar(e)


Die Mitgliedstaaten der EU könnten jetzt einen zentralen Konstruktionsfehler der Euro-Zone beheben. Die gemeinsame „Wirtschaftsregierung“ war für das bislang als unkooperativ geltende Deutschland ein Tabuwort – nun gibt es erste Schritte in diese Richtung.

25.02.2010 | 

Bei seiner ersten Rede vor dem Europäischen Parlament am 24. Februar hat der neue Ratspräsident Herman van Rompuy das Ziel der EU bekräftigt, eine engere wirtschaftspolitische Koordinierung zwischen den Mitgliedstaaten anzustreben. Anfang des Monats hatte sich Bundeskanzlerin Merkel beim deutsch-französischen Ministerrat in Paris erstmals für eine europäische Wirtschaftsregierung ausgesprochen. Aus deutscher Sicht kam dieses Bekenntnis einem Tabubruch gleich, hatte sich die Bundesregierung bislang doch vehement gegen Vorschläge aus Paris gewehrt, der EU in Sachen Wirtschaftskoordinierung mehr Einfluss zu gewähren.

Die Forderungen nach einer europäischen Wirtschaftsregierung wurden von deutscher Seite aus stets als Versuch gewertet, die als sakrosankt betrachtete Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank zu unterlaufen. Seit Einführung des Euro wacht Berlin mit Argusaugen über die Geldwertstabilität der Gemeinschaftswährung. Frankreich hingegen kritisiert die einseitige Ausrichtung der EZB am Ziel der Preisstabilität und die damit einhergehende Vernachlässigung wachstums- und beschäftigungspolitischer Ziele. Es ist nicht zuletzt dieser tiefgreifende deutsch-französische Dissens, welcher die zweifelsohne notwendige wirtschafts- und finanzpolitische Kooperation auf EU-Ebene bis dato behinderte. Nun aber stellt die „griechische Tragödie“ das zentrale (deutsche) Credo der Wirtschafts- und Währungsunion in Frage, das besagte, dass der Stabilitätspakt allein ausreichend sei um die Euro-Zone auf ein sicheres Fundament zu stellen.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise könnte sich somit als Katalysator für die längst überfällige Verbesserung der Wirtschafts- und Finanzpolitik sowohl der Euro-Zone als auch der EU insgesamt erweisen und die Währungsunion endlich mit einem politischen Unterbau versorgen. Die verbale Annäherung von Angela Merkel ist eine unmittelbare Reaktion auf die Solvenzprobleme der so genannten PIIGS (Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien), die mittlerweile zur Zerreißprobe für die gesamte Eurozone geworden sind. Insbesondere der Fall Griechenland führt den Europäern vor Augen, welche Sprengkraft wirtschaftliche Ungleichgewichte und fiskalpolitische Disparitäten zwischen den Mitgliedsstaaten in sich bergen.

Die Griechenland-Krise hat die Aufmerksamkeit auf die mangelnden Überwachungs- und Sanktionsmechanismen innerhalb der Euro-Zone gelenkt. Das tiefgreifendere Problem liegt jedoch darin, dass die Mitgliedstaaten es aufgrund von Souveränitätsvorbehalten bislang nicht geschafft haben, den Binnenmarkt und die Währungsunion mit einer abgestimmten europäischen Wirtschaftspolitik zu begleiten. Die ersten Versuche einer wirtschaftspolitischen Koordinierung aus dem Jahre 2000 sind gescheitert. Die Lissabon-Strategie, welche die EU bis zum Jahre 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt machen sollte, ist aufgrund fehlender Sanktionsmechanismen nahezu wirkungslos verpufft.

Nun bietet die Diskussion um die Wachstumsagenda „Europa 2020“ ein Fenster der Gelegenheit, um im Lichte der Wirtschaftskrise eine Neuausrichtung der europäischen Wirtschaftspolitik vorzunehmen. Die massiven Probleme der PIGS könnten in diesem Zusammenhang eine ähnliche Wirkung entfalten wie die Balkan-Kriege Ende der 1990er Jahre, die rückblickend das zentrale Moment für die Entwicklung einer europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik waren. Erst die Krise konnte die nötigen Kräfte freisetzen, um Souveränitätsvorbehalte und nationale Egoismen der Mitgliedstaaten zu überwinden.

Mit dem steigenden Problembewusstsein für gemeinsame Herausforderungen schmelzen zuvor für unüberbrückbar gehaltene Interessengegensätze dahin und öffnen den Weg für kooperative Lösungen. Die Wirtschaftskrise könnte nun analog den Boden bereiten für eine grundlegende Neuausrichtung der europäischen Wirtschaftspolitik. Dass die Staats- und Regierungschefs sich zu substanziellen Vertiefungsschritten (im Sinne weiterer Kompetenzübertragungen an die EU) durchringen können, ist jedoch unwahrscheinlich. Eher deutet alles darauf hin, dass der Europäische Rat unter seinem neuen Präsidenten Van Rompuy die Einrichtung einer Wirtschaftsregierung dazu nutzen wird, seine eigenen Kompetenzen zu stärken und damit die Exekutivlastigkeit der Europapolitik zu vergrößern – zu Ungunsten von Kommission, Europäischem Parlament und nationalen Volksvertretungen.

Die Einrichtung einer europäischen Wirtschaftsregierung würde den schwierigen Balanceakt zwischen einer gänzlich der Autorität der EU unterstellten Binnenmarkt- und Geldpolitik und einer nach wie vor nationalstaatlich organisierten Wirtschafts-, Fiskal- und Sozialpolitik beenden. Dass diese Asymmetrie problematisch ist, wurde von Experten in der Vergangenheit vielfach angemahnt. Deutschland jedoch hat aufgrund seiner hohen Exportüberschüsse und seiner Politik der Lohnzurückhaltung von den makroökonomischen Ungleichgewichten in der Union profitiert. Wie kein anderer Mitgliedstaat hat es die Bundesrepublik verstanden, die spezifischen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in der Euro-Zone gezielt zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen. Die deutsche Wirtschaftspolitik wurde in der Vergangenheit daher vielfach als „unkooperativ“ gebrandmarkt – vor allem von Frankreich, das sein Wirtschaftswachstum vornehmlich durch interne Kaufkraftsteigerung generiert und damit eine gegenteilige Strategie verfolgt.

Will die Kanzlerin ihren Lippenbekenntnissen nun Taten folgen lassen und tatsächlich den Weg hin zu einer europäischen Wirtschaftsregierung beschreiten, könnte dies für Deutschland zu einem bösen Erwachen führen. Eine engere wirtschafts- und finanzpolitische Koordinierung auf EU-Ebene wird nur schwer mit dem schon seit längerem in der Kritik stehenden deutschen Sonderweg der Exportorientierung in Einklang zu bringen sein. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Einebnung der makroökonomischen Ungleichgewichte in der Euro-Zone ganz oben auf der Agenda einer europäischen Wirtschaftsregierung stehen wird.

Dies wird nicht nur die unkooperative Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik unter Druck setzen, sondern auch den Weg ebnen für Transferzahlungen an schwache Leistungsbilanzdefizitländer. Eine derartige Umverteilung wird dem deutschen Steuerzahler jedoch nur schwer zu vermitteln sein – dazu ist der europäische Solidaritätsgedanke bei Weitem noch nicht stark genug. Damit wäre die von der Krise bereits stark diskreditierte deutsche Strategie, allein auf den Stabilitätspakt und die Unabhängigkeit der EZB zu vertrauen, Transferzahlungen an schwächere Staaten auszuschließen und sich einseitig auf Exporte zu verlassen, endgültig gescheitert.

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5 Kommentare

  1. Gk |  25.02.2010 | 16:22 | permalink  

    Ihr Posting könnte ich mir gut als Rede des griechischen Wirtschaftsministers vorstellen.

    Der egoistische Deutsche kann eine europäische Wirtschaftsregierung nur ablehnen. Der altruistische Europäer wäre für sie.

    Es scheint so, dass die Schuldenprobleme Griechenlands und PIGS (Wo ist Italien?) doch national zu lösen sind und die EU grundsätzliche Hilfen bereitstellen wird. Wer haftet schon für die Schulden seines Nachbarn – den von nebenan meine ich bildlich –, den ich nicht mal wirklich kenne. Dennoch kann dem verschuldeten Nachbarn geholfen werden.

    Die IWF-Ökonomen sind inzwischen für eine gesteuerte Inflation von 4%. Damit lösen sich ohnehin Schuldenprobleme, wenn womöglich auch zu zaghaft für einige Staaten. Das sollte vielleicht nicht aus dem Auge verloren werden, zumal dann ziemlich unerheblich ist, was die nationalen Regierungen für richtig halten oder nicht.

  2. Redaktion Carta |  25.02.2010 | 18:38 | permalink  

    @Gk Vielen Dank für den Hinweis, ist ergänzt.

  3. Tarantoga |  26.02.2010 | 00:18 | permalink  

    Deutschland hat von dem Ungleichgewicht nur in Bezug auf die Kapitalbilanz profitiert. Für weite Teile der Bevölkerung brachte es reale Wohlstandsverluste. Es handelt sich im Grunde um eine Politik der Umverteilung von unten nach oben.
    Die deutsche Bevölkerung profitiert davon nur insofern, als man sich um die Bonität unseres Staates keine Sorgen zu machen braucht. Es wurde sehr viel Geld angehäuft dessen Wert nun aber von der Zahlungsfähigkeit der Schuldner abhängt. Für diese wird am Ende wahrscheinlich wieder der Staats -also wir alle- haften und damit die Umverteilung absichern.
    Für die Masse der deutschen Bevölkerung gibt es wenig vernünftige Gründe für die bisherige deutsche EU-Wirtschaftspolitik zu sein…

  4. Hans Kolpak |  26.02.2010 | 18:57 | permalink  

    Die Alternative zur BRD sind sieben neue EU-Mitglieder, die aus den derzeit 16 Bundesländern gebildet werden. Die BRD kann aufgelöst werden, da sie bankrott ist. In jeder Krise ruht eine Chance. Die Kunst ist, auf die Chance vorbereitet zu sein und sie dann beherzt zu nutzen.

    Herman van Rompuy scheint jemand zu sein, der solch einen Prozess öffentlichkeitswirksam begleiten kann. Unsere Freunde in den USA und Großbritannien, in Frankreich und Rußland würden tief durchatmen und erleichtert aufatmen. Das seit der Zerschlagung Preußens herumgeisternde Gespenst von Großdeutschland wäre endlich aus der Welt geschafft. Das wäre eine für alle gesellschaftsfähige Endlösung.

    Unser sinnvoller Grund, national zu denken und zu handeln, sind unsere wirtschaftlichen Interessen in Regierung und Verwaltung, in Unternehmen und in Haushalten. Wir brauchen als Mitglieder der Europäischen Union keine Bundeswehr und können uns hundertprozentig darauf konzentrieren, wieder schuldenfrei zu wirtschaften. Eine Staatsqote von 10 Prozent wie im Deutschen Kaiserreich ist greifbar nahe.

    Deutsch ist die Muttersprache von etwa 105 Millionen Menschen weltweit. Um deutsche Sprache, deutsches Brauchtum und deutsche Kultur zu pflegen, brauchen wir keine Bundesrepublik. Das ist ein viel zu teures Auslaufmodell aus 1949. Wir können uns die BRD nicht leisten! Mindestens 80 Millionen Menschen sprechen Deutsch als Fremdsprache. Das sind insgesamt 185 Millionen Menschen, die einem weltweiten überstaatlichen Deutschlandverein beitreten können. Das wäre etwas, was es noch nie zuvor gab – ohne Soldaten und ohne Waffen! Die meisten Gesetze werden sowieso von der EU vorgegeben. Und der Lissabon-Vertrag hebelt gerade das Grundgesetz aus. Der Traum von einer deutschen Verfassung ist ausgeträumt. Darauf warten wir seit 1990. ‚Warten auf Godot‘ heißt vergeblich warten.

    Die Dinosaurier sind ausgestorben, warum nicht auch die Bundesrepublik Deutschland? Schließlich wurde der Föderalismus eingeführt, um eine starke Zentralregierung in Berlin zu verhindern. Schon das Deutsche Kaiserreich war unseren europäischen Nachbarn ein Dorn im Auge. Diese Ängste sind lebendiger als je zuvor. Die USA und Großbritannien, Frankreich und Rußland wären sofort bereit, eine solche Neuordnung zu unterstützen und zu begleiten. Wir sollten unsere Freunde mit ihren eigenen Waffen schlagen – ohne Bürgerkrieg.

  5. dropjack.com |  01.03.2010 | 16:29 | permalink  

    Eine Wirtschaftsregierung für Europa: Chance der Griechenland-Krise? — CARTA…

    Die Mitgliedstaaten der EU könnten jetzt einen zentralen Konstruktionsfehler der Euro-Zone beheben. Die gemeinsame „Wirtschaftsregierung“ war für das bislang als unkooperativ geltende Deutschland ein Tabuwort – nun gibt es erste Schritte in diese Richt…

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