Tobias Moorstedt | 17 Kommentar(e)
Stieg Larssons Hacker-Trilogie geht über Klischees hinaus und zeigt die Potenziale einer Einstellung, die Sachverstand und Spieltrieb kombiniert.
16.02.2010 |
Die Botschaft ist nicht besonders stark verschlüsselt. „Armageddon was yesterday. Today we have a serious problem“, steht auf dem schwarzen Tanktop von Lisbeth Salander, der Hacker-Heldin von Stieg Larssons Millennium-Trilogie (Teil 2 läuft zurzeit im Kino). Der Schriftsteller Larsson hat seine Hausaufgaben offenbar gemacht: Denn das bedruckte T-Shirt, das kann jeder bezeugen, der schon einmal ein Treffen des Chaos Computer Clubs besucht hat, gehört tatsächlich zur Uniform der Computer-Experten, ebenso wie der Laptop-Rucksack, die gefärbten Haare und das Koffein-Getränk. „Copyright ist Aberglaube“, lautet ein Beispiel. Oder: „Realität ist dort, wo der Pizza-Mann herkommt.“
Hacker nutzen eben jede Möglichkeit, um eine Botschaft in den Fluss der Codes, Slogans und Logos einzuspeisen, egal ob mit mobilen Endgeräten, multiplen Eingabefenstern oder textilen Oberflächen. Das T-Shirt ist auch nur ein Massenmedium der Fußgängerzone.
Die Figur Lisbeth Salander ist mit dem T-Shirt, den Tätowierungen und Piercings natürlich zuallererst ein Klischee; die Millennium-Trilogie ist aber auch einer der ersten Blockbuster-Texte, in dem der Hacker als zentrale Figur auftaucht. Die Actionhelden der Vergangenheit brauchten große Muskeln und wenige Worte, um das Böse in die Schranken zu weisen. Salander aber, 1,50 Meter groß und nur 40 Kilogramm schwer, hat sich von ihrem biologischen Körper (wetware) emanzipiert, besitzt – so erfahren wir im Buch – ein fotografisches Gedächtnis, enorme Computer-Kenntnisse und ein gewisses „Interesse für Frequenzkalibrierung von Radioteleskopen in der Schwerelosigkeit“.
Der Erfolg der Millennium-Trilogie beweist: Der Computer-Nerd ist nicht länger ein Außenseiter, sondern eine potente Figur, die mit schwer durchschaubaren Befehlen und Klicks ihre Ziele erreicht. Das kann man fast jeden Tag in den Nachrichten erfahren: „Chinesische Hacker attackieren Google“. Oder: „Ein Hacker aus Berlin findet Sicherheitslücken im Mobilfunknetz“. Im 21. Jahrhundert werden Briefverkehr, Banking und soziale Beziehungen über Glasfaserkabel und Wifi-Sphären abgewickelt, die Welt ist eine Aggregation von Informationen, von denen manche verschlüsselt sind und viele chaotisch erscheinen, die aber allesamt Interpretation erfordern. Kurz: Es ist der ideale Spielplatz für den Hacker.
Das Stichwort „Hacker“ ruft bei vielen Menschen immer noch das Bild eines pickeligen Teenagers hervor, der mit PC und Telefonleitung in die Netzwerke eindringt, wie etwa im Film “War Games” (1983), in dem ein übermütiger 14-jähriger versehentlich den zentralen Rechner des Verteidigungssystems übernimmt und Atomwaffen einsetzen kann. Nun stimmt es sicherlich, dass Hacker manchmal aussehen wie ein Mashup aus Telekommunikationstechniker und Heavy-Metall-Gitarrist, und die Szene auch signifikante Schnittmengen zu gegenkulturellen Strömungen wie Gothic oder Punk aufweist. Aber: Hacken ist keine Teenager-Mode, keine temporäre Phase, die vorüber geht. Hacken ist eine Lebenseinstellung und eine Kulturtechnik von enormer Potenz.
Da gibt es die Hardware-Bastler mit Schraubenzieher und Lötkolben, die Elektromotoren und Computergehirne verschalten, da gibt es so genannte Viren-Autoren, die nach dem perfekten Schad-Programm suchen, und in der mutierenden Machtfülle des Codes eine eigene Form der Schönheit entdecken, da gibt es Security Consultants, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Firewalls und Daten-Tresore von Behörden und Konzernen auf ihre Einbruchssicherheit zu überprüfen, da gibt es politische Aktivisten und Internet-Lobbyisten, die Parlamente mit Positionspapieren und talking points für die Datenschutz-Debatten versorgen. All diese Akteure haben gemein, dass sie keine passiven Konsumenten sind, sondern die Software und die Systeme, mit denen wir jeden Tag umgehen, aktiv untersuchen und manipulieren. „Sie waren Hacker, keine Saboteure“, heißt es in der Millennium-Trilogie über Lisbeth und die verbündeten Ego-Rooter der Hacker Republic, „was sie wollten war der Zugang zu funktionierenden Netzwerken, nicht deren Zerstörung“. Hacker, meinte Tim Pritlove vom Chaos Computer Club mal in einem Interview, müssen nicht einmal mit Computern arbeiten: „Beim Hacken geht es vielmehr darum, vorgegebene Lösungen nicht einfach zu akzeptieren, sondern nach neuen Wegen zu suchen – auf allen gesellschaftlichen Gebieten.“
Auch Autotuner, Skateboarder und Multimedia-Künstler sind Hacker – deuten sie doch die vorhandenen Materialien und Inhalte mit einer Mischung aus Sachverstand, Spieltrieb und zivilem Ungehorsam für ihre Zwecke um.
Hacker bedienen den Computer nicht nur auf glatten und glänzenden Oberfläche der Betriebssysteme und widersetzen sich der konsumistischen Ideologie des Plug and Play. Die Hacker arbeiten in den tieferen Schichten der digitalen Organismen und greifen in den Kreislauf und Nervenbahnen ein. In der „Matrix“-Trilogie haben wir gelernt, dass man sich, wenn man die grünen Buchstaben des Quellcodes sieht, in den Innereien der Computer bewegt, und dass auf dieser Ebene die wahrhaft entscheidenden Schlachten geschlagen werden – so ist das in dem neuen Action-Film, die grellgrünen Lettern laufen über den Bildschirm wie früher das rote Blut.
In dem Film sieht man die Hackerin seltsamerweise nur selten am Computer sitzen. Noch hat die Traumfabrik keine Ikonographie des Informationskrieges geschaffen. Noch werden die meisten Konflikte in der analogen Welt gelöst, mit Axt, Tränengas und einem verdammten Colt. Nur äußerst selten filmt die Kamera den Bildschirm, die vielen Eingabefenster und Icons, und das blasse Gesicht von Lisbeth Salander, das sich darauf spiegelt – eigentlich passt das ganz gut für das Hacker-Dasein, die Überblendung von Mensch und Maschine, von Ich und Information.


[...] Millenium-Trilogie: Der Hacker als Kulturtechniker Das Hacken auch Kultur ist und nicht nur etwas mit Computern zu tun hat, ist mir seit Jahren [...]
Nur mal so als Hinweis, Hacker und Cracker sind nicht dasselbe…
Man sollte diesen Unterschied vor allem dann bedenken, wenn man ein proseminarartiges, kulturwissenschaftliches Elaborat dieser Größenordnung verfasst.
So sieht es aus.
Interessierten möchte ich folgende zwei Rundfunksendungen mit Tim Pritlove (CCC) ans Herz legen, die das oben Beschriebene deutlich zum Ausdruck bringen:
1. SWR2 Forum – Hacker und Haecksen
2. Mein “Aufstand gegen Big Brother” Interview in der Rohfassung
@Wittkewitz (#2) Sie haben “Hacker und Haecksen – Computerkultur zwischen Datenklau und Eigenbau” gehört, nicht wahr?
@Tharben
nein, was ist das? Eine Radiosendung, ein Seminar eines dollen Dozenten, ein Podcast?
@Wittkewitz (#4)
Zumindest etwas, das Ihre Behauptung unterstreicht.
Ja, zwei Sendungen, die im Hörfunk liefen (SWR2, BR2). 2. ist die Rohfassung eines Interviews, das im Bayrischen Rundfunk lief (Direktdownload [~ 33 Megabyte] hier)
Fehlerteufel!
“wie etwa im Film “War Games” (1983), in dem ein übermütiger 14-jähriger versehentlich ein Atom-U-Boot übernimmt”
Er übernimmt kein U-Boot sondern den Zentralrechner von NORAD, der – im Film – Steuerrechner für die gesamten US-Streitkräfte ist und autonom Nuklearwaffen einsetzen kann.
Ist das, worüber du schreibst, nicht eigentlich ein Cracker und kein Hacker?
Ansonsten erscheint mir das Thema des Artikels auch nicht ganz klar:
Geht es nun um diese Trilogie von Stieg Larsson oder geht es um Hacker?
@Dirk Landau: Vielen Dank für den Hinweis, haben wir korrigiert.
Beim Stichwort “Der Hacker als Kulturtechniker” fallen mir keine pickligen Nerds mehr ein, sondern Werbeagenturen, die längst zur urbanen Folklore gewordene Subkultur-Requisiten recyclen; Street-Art, mit der man Turnschuhe verkauft; sogenannte Guerilla-Stores, die die Deregulierung von Arbeitsverhältnissen als Party feiern. Die Theorie zu diesem Remix von postmoderner Theorie, Zitat-Pop und Marketingstrategien landete mal unter dem Label “Cultural Hacking” bei den Buchhändlern. Ist nun auch schon ein paar Jahre her.
Es ist das alte Spiel des CCC mit der Doppeldeutigkeit und Sensationsgier der Medien. “Hacker” heisst deutsch “Datentüftler”, bezeichnete aber in den Sensationsmedien der 80er/90er Jahre auch “Computerkriminelle” bzw. ganz profan “Mailbox-/Netznutzer”. Damit spielt der CCC seit Jahrzehnten. Der CCC hat sich über Jahre auch als Resozialisierungsinstitution etabliert von Jugendlichen, auf die dieses Rollenmodell attraktiv wirkte und die Grenzen erkunden. Darum auch die ganze inszenierte Grauheit. Sehr schönes Erziehungsmittel ist die Hackerethik, preussisch-protestantisch digital:
http://www.hacker-ethik.de/
oder ganz brachial die manichäische Cracker (böse, doof, Nachmacher, Skript-Kiddies, Infozerstörer, Langweiler) und Hacker (gut, erfahren, kreativ, Infoteiler, Unixfreaks, Helden) Unterscheidung aus der Usenet-Folklore. Seit mindestens 10 Jahren braucht der CCC aber nicht mehr die medial wertvolle Deutungshoheit über das Hackertum in Deutschland, weil man sie auch aus anderen Gründen für sehr kompetent und erfahren im Umgang mit Medienleuten hält.
Die Formulierung “Kulturtechnik” ist richtig “deutsches” Vokabular. Die Konnotationen gehen bei der Übersetzung verloren. Das versteht keiner in Europa außer uns. Finde ich einfach herrlich.
[...] Millennium-Trilogie: Der Hacker als Kulturtechniker [...]
@ André Rebentisch
Habe das richtig verstanden? Es ist egal und man braucht zwischen denen, die “Kneber” und “Operation Aurora” durchführten, sowie denen, die so etwas aufdecken oder transparent machen, nicht zu unterscheiden. Ich kann den mehrdeutigen Subtext zum Teil nachvollziehen, verstehe aber die Stoßrichtung dieser Spitze nicht so ganz.
Wer nicht weiß, was die beiden Begriffe umschreiben, möge hier weiterlesen:
http://www.blogpiloten.de/2010/02/18/botnet-entdeckt-kneber/
Ich meine damit, dass die Szene mit der Grauheit des Names spielt.
Es ist in der Geschichte normal, dass Bewegungen ausgerechnet die Schmähnamen ihrer Kritiker annehmen, weil sie dabei auf ein Vorverständnis der negativen Identität treffen, das sie von innen aushöhlen können, gleichzeitig auf die Aufmerksamkeit zurückgreifen. Ganz wie die Piratenpartei keine Partei von “Raubkopierern” ist. Könnten sich ja auch Netzpartei nennen und alle Missverständnisse vermeiden, aber dann funktioniert das Schema nicht. Hacking heisst positiv konnotiert und ursprünglich “kreativ tüfteln” (zumeist mit dem Werkzeug Computer).
Es gibt das Schema, dass den Interessierten erklärt wird, was X wirklich bedeutet, und damit auf eine historische Bedeutung von X verwiesen, die nichts mit der derzeitigen öffentlichen Färbung des Begriffs zu tun hat, ein Bedeutungswandel, der vom Propheten nicht mitgemacht wird. Die Gruppe der Wissenden darf dann über die Dummheit der Öffentlichkeit sich amüsieren, und sie aufklären. Gruppendynamisch auf jeden Fall sehr hilfreich, und identitätsbildend im Sinne der Verbreiterung des postulierten Wertekanons des wahren X und zur “Mission”.
Alles wohlgemerkt unter der Prämisse, dass ein allgemeines Sprachverständnis “falsch” sein kann. Dann wären Pädophile möglicherweise in Wahrheit “Kinderfreunde”, Lucifer bringt “mehr Licht” (Goethe) herbei usw. Dass Semantik sich immer und überall verschiebt, zeigt der historische Rückblick oder der Schulterblick in eine ganz andere Kultur.
Aus den USA kam auch der Begriff des Culture Hacking, das meint dann einfach politische Kunst oder das was man hierzulande vielleicht mal als Sponti oder Spass-Guerrilla kannte. Entsprechend kann man das Franchise beliebig erweitern und seine Identität bauen, darüber Doktorarbeiten schreiben und die Unterschiede destillieren. Seltsamerweise würde niemand die ganze Hacking-Theorie zur Kenntnis nehmen, wenn er über Culture Jamming schriebe – die guten alten ontologischen Pfadfinderspiele.
Wenn man den Glauben der Systemjünger zugrunde legt, gibt es dann ja analog ein Innen und Außen des jeweiligen Sprachspiels und sicherlich kann die Pragmatik eine Art Herrschaftswissen inaugurieren als praktisches Ausüben eines Denkens als Gespräch. Leider aber – und das ist in all den Kulturtechniken rund um das Hacking oder Programmcode als Narration noch nicht passiert, finden keine Dialoge des Codes statt. Das stimmt sowohl auf digitaler wie auch auf menschlicher Ebene. Wenn man die Fachontologien in einem interdisziplinären als erstes auf den Prüfstand stellt, dann gräbt unweigerlich und sofort an einer Reihe preisgekrönter Habilitationen und Dissen. Damit ist dann zumeist auch der Austausch zwischen Wissensdomänen eher besänftigender als befruchtender Natur, wie man gerade sehr schön zwischen der Philosophie und den Neurowissenschaften beobachten kann. Zwischen den Welten der Xtreme Hacker und den normalen PC-Nutzern liegt oft ein vergleichbares Meer an ausgelegten Minen und Sprengfallen…
[...] Carta und der Basler Zeitung hat Tobias Moorstedt einen äußerst lesenswerten Beitrag geschrieben, der [...]
[...] Salander in eine Männerdomäne eindringt oder eingedrungen ist). Tobias Moorstedt hebt in einem Blogpost hervor, dass »Hacken eine Lebenseinstellung und eine Kulturtechnik von enormer Potenz« sei, eine [...]
[...] Ohne Frage, hacking ist nicht mehr nur computerbasiert. Umcodieren, Eingreifen, Experimentieren und Zweckentfremden, diese ehemals computertechnischen hacking-Strategien werden im real-life angewendet. Schon längst wird in die unendlichen Weiten des Alltags, des Stadtraums, des Konsums, der Wirtschaft, der Kommunikation und der zwischenmenschlichen Beziehungen gehackt. »Hacker nutzen eben jede Möglichkeit, um eine Botschaft in den Fluss der Codes, Slogans und Logos einzuspeisen, egal ob mit mobilen Endgeräten, multiplen Eingabefenstern oder textilen Oberflächen. Das T-Shirt ist auch nur ein Massenmedium der Fußgängerzone.« (http://carta.info/23060/larsson-millennium-trilogie-hacker/) [...]