Matthias Schwenk

Google Buzz: Die beste aller Welten, nur ohne Social Graph

Matthias Schwenk | 20 Kommentar(e)

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Google hat einen neuen Dienst vorgestellt, der das Unternehmen im Bereich Social Networking besser positionieren soll: Google Buzz. Dessen Einbettung in Google Mail aber lässt fraglich erscheinen, ob damit Facebook und Twitter wirklich ein neuer Konkurrent erwächst.

10.02.2010 | 

Im Googleplex, dem Hauptquartier von Google in Mountain View (Kalifornien) muss es eine große Schmach sein: So erfolgreich das Unternehmen auf vielen Gebieten ist, so bescheiden waren bislang die Ergebnisse, wenn es um das Social Networking geht. Das ist schlecht, nicht zuletzt weil dem Echtzeit-Internet (Real-Time Web) eine immer größere Bedeutung zugesprochen wird.

Google dagegen ist im Wesentlichen noch immer eine Suchmaschine und damit stark auf Dokumente bzw. Webseiten fixiert. Im Social Web jedoch stehen Beziehungen im Mittelpunkt (der Social Graph) sowie persönliche Mitteilungen und das “Sharing”, also das Teilen und Mitteilen von Artikeln, Fotos, Videos und anderem Content.

googlebuzz

Google Buzz (Ill.: Carta)

Hinzu kommt in jüngster Zeit das mobile Internet, das dem Social Networking zusätzliche Möglichkeiten verleiht, indem man etwa seinen aktuellen Aufenthaltsort kund gibt oder gezielt nach umgebungsrelevanten Inhalten seines Social Graph sucht.

Es ist keine Frage, dass Google hier aufholen muss. Die Frage lautet eher, ob das mit dem jetzt vorgestellten Google Buzz gelingen wird. Im Wesentlichen kann man sich darunter einen Verschnitt von Elementen aus Facebook, FriendFeed und Twitter vorstellen. Angereichert wird das Ganze durch Funktionen, wie sie auch schon in Google Wave implementiert sind, ergänzt um eine sehr beeindruckende Einbettung in die Suchfunktion und in Google Maps auf mobilen Geräten.

Die Informatiker und Ingenieure bei Google haben ganze Arbeit geleistet und dabei vermutlich doch einen entscheidenden Fehler gemacht: Google Buzz ist als integraler Bestandteil von Google Mail, dem E-Mail-Client von Google, ausgelegt. Wer ihn nutzt, hat damit automatisch auch Zugang zu Buzz, während alle anderen nun vor der Frage stehen, ob sie sich deswegen bei Google Mail registrieren wollen.

Das Problem für Google dürfte sein, dass Google Mail für kaum jemanden den Social Graph hinreichend abbildet. Sehr viele Menschen haben ihr digitales Freundesnetzwerk längst auf einem der vielen Social Networks geknüpft und nutzen ihren E-Mail-Client nur noch als eine Art Arbeitsinstrument.

Was das Sharing von Nachrichten aller Art betrifft, hat sich Twitter als Standard etabliert. Auch wenn Google mit Buzz ziemlich genau die Wünsche von Dave Winer an einen “Twitter-Killer” getroffen hat und damit Manches besser kann, als es Twitter heute leistet, ist es doch kein Ersatz dafür. Denn Twitter hat ein einzigartiges und sehr einfaches System für das Folgen (”Following”) etabliert, das es einem leicht macht, Accounts zu folgen, deren Inhabern man niemals im persönlichen Adressbuch gelistet haben wollte. Bei aller Vernetzung und der Nützlichkeit von Querverbindungen ist es bisweilen eben doch gut, wenn bestimmte Sphären getrennt bleiben.

So gesehen ist es schade, dass Buzz mit einem Element aufwarten kann, dass viele sowohl auf Facebook als auch auf Twitter schmerzlich vermissen werden. “Just the good stuff” nennen sie bei Google die Funktion, mit der Spam und andere unwichtige Meldungen aus der Timeline von Buzz herausgefiltert werden sollen. Funktioniert das in der Praxis auch nur annähernd so gut wie der Spamfilter von Google Mail, wäre das schon eine Leistung.

Aber deswegen wird aus Buzz noch kein ernsthafter Wettbewerber für Facebook oder Twitter. Eher schon sieht Microsofts Outlook jetzt richtig langweilig aus, wenn man es als Installation innerhalb größerer Unternehmen sieht. Hier könnte Google mehr und mehr Boden gut machen und Microsoft Marktanteile wegnehmen, sofern die (konservative) Unternehmenswelt schon dafür bereit ist, sich davon überzeugen zu lassen, dass ein moderner E-Mail-Client Elemente des Social Networking beinhalten muss.

Sieht man von der Frage nach den Erfolgsaussichten von Google Buzz einmal ab, zeigt dieser neue Dienst sehr gut, wie man sich bei Google heute das Internet als sozialen Raum vorstellt. Und genau das ist insbesondere für den Mediensektor interessant, der zuletzt darüber reflektierte, ob mit dem von Apple vorgestellten iPad die Zukunft der Medien in bezahlten Applikationen liegen könnte.

Bei Google sieht man das Internet ganz offensichtlich anders als bei Apple. Interessante Inhalte, die man mit Freunden teilen möchte, liegen hier offen im Netz, so dass sie in Form von Links leicht über Google Buzz weitergegeben werden können. Darüber hinaus wird in Buzz nicht nur der pure Link als Nachricht weitergegeben, das System ist sogar in der Lage, Ausschnitte bzw. Fotos herauszukopieren und um den Link herum zu gruppieren, so dass dieser attraktiver und aussagekräftiger erscheint. Für deutsche Verleger, die schon mit den Snippets bei Google News so ihre Probleme haben, dürfte das ein wahrer Albtraum sein.

Das Social Networking nach der Art von Google Buzz ist also vieles, nur kein Freund der Applikationen. Hier wünscht man sich die New York Times als Webseite, die möglichst viel von ihrem Content offen und frei zur Verfügung stellt, und nicht als Applikation, die auf einer speziellen Plattform liegt, die wiederum nur ganz bestimmten Geräten offen steht.

Dass hinter dieser Sicht auf das Internet nicht allein der pure Altruismus wohnt, ist auch klar: Google ist von Haus aus zunächst einmal eine Suchmaschine, die darauf setzt, dass ihr möglichst viel Content in Form von offen einsichtigen Webseiten zugänglich ist. Ein “Internet der Applikationen” wäre pures Gift für das Kerngeschäft von Google.

Google Buzz darf deshalb als eine Einladung an uns User gesehen werden, für ein möglichst freies und offenes Internet einzutreten und damit zugleich die Geschäfte von Google blühen zu lassen. Dumm nur, dass in Sachen Social Networking der Zug längst abgefahren ist. Das Momentum liegt hier eindeutig bei Facebook und solange die User nicht in Scharen Mark Zuckerberg davon laufen, dürfte Google Buzz wenig Aussicht auf Erfolg haben.

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20 Kommentare

  1. Stefan |  10.02.2010 | 09:24 | permalink  

    Die Makre Google wird mE vorrangig als Arbeitswerkzeug verstanden. So ist zumindest meine Auffassung. Jeder Versuch zB Gmail als Social Network zu etablieren wird mE daher scheitern, weil niemand sein Google-Konto dafür verwenden will. Es ist einfach eine andere Domäne.

  2. Frank |  10.02.2010 | 10:17 | permalink  

    Googles neue Welt, um noch mehr Daten seiner Nutzer zu profilierter Werbung und damit Geld zu machen – jetzt auch mit georeferenzierten Bewegungsprofilen. Eine Mischung aus Mail- und social-Dienst mag fuer Google DIE Loesung sein, aber mensch sollte die Bereiche trennen, finde ich.

  3. Matthias Schwenk |  10.02.2010 | 11:06 | permalink  

    @Stefan und Frank: Ich sehe das auch so. Aber vielleicht liegt es daran, dass wir es einfach gewöhnt sind, die Bereiche E-Mail und Social Media zu trennen, weil wir es bisher nicht anders kannten?

    Vielleicht urteilen junge Leute da anders, wenn sie mit allem gleichzeitig aufwachsen und nicht wie ich in den 90er Jahren die E-Mail und dann in den 00er Jahren Social Media kennen lernen (und anwenden).

  4. Wittkewitz |  10.02.2010 | 11:27 | permalink  

    Ich sehe in der Kombination von Buzz mit seiner Unterstützung vieler Standards und Protokolle eine glänzende Erweiterung zu Google Wave. Beides kann eigentlich nur im amerikanischen Markt und hier zunächst im professionellen Umfeld (enterprise 2.0) Fuß fassen. Allerdings hat Google aktuell ein Problem, es entwickelt seine Produkte von Geeks und Freaks für Geeks und Freaks. Wer die Fragen aus dem Einstellungstest von Google neulich gelesen hat, wird verstehen, warum Google sich mit dem Massenmarkt schwertut. Ihre elitäre Haltung bei der Einstellung neuer Leute verhindert das Verständnis der großen Massen. Das ist eines der Millionen Probleme, die Algorithmen aus dem Hause Google nicht mit 11 Generationen von Mathematikern lösen werden. Um es kurz zu machen: Google kommt aus einer Zeit in der das Web noch aus Dokumenten bestand und diese eher rar, sodass man die Rosinen herauspicken musste. Der aktuelle Gebrauch des Web als Caféhaus widerspricht dem cutting edge Ansatz der Produktentwicklung in Mountain View. Das ist ein altbekanntes Problem vieler Ingenieursbereiche.

  5. Matthias Schwenk |  10.02.2010 | 12:20 | permalink  

    @Jörg Wittkewitz: Genau so könnte es sein! Dazu kommt: Google testet alles Neue zunächst intern, also mit dieser Informatiker-Elite und nicht an einem Querschnitt der Bevölkerung….

  6. Goo |  10.02.2010 | 12:31 | permalink  

    Ich bin wirklich baff erstaunt, dass sie nicht das Google Wave Protokoll für Buzz verwenden. Aber dafür ist Google Wave wohl noch zu instabil und wird es wohl auch noch eine Weile sein. Damit der Echtzeit-Zug nun nicht an Google vorbeifährt ist Google Buzz nun wohl ihre einzige Chance. Spannend ob es klappen wird!!

  7. David |  10.02.2010 | 13:28 | permalink  

    Ich bin erstaunt welche Erwartungen hier an Email und Social Networking gestellt werden. Benutzt denn niemand von euch Friendfeed? Für mich ist die Verbindung längst hergestellt mit Friendfeed’s Email Notifications. Noch dazu mit einem Smartphone in der Tasche dass einem zuverlässig über neue Nachrichten unterrichtet.

    Klar mit einem Lotus oder Outlook Client auf Arbeit fällt es einem schwer diese Welten verbunden zu sehen. Aber wenn eh schon alles über Gmail (in meinem Fall Google Apps) läuft, ist der Ansatz von Buzz nur stringent…

  8. Googles Attacke auf Twitter und Facebook » Google, Facebook, Buzz, Netzwerk, Twitter, Googlemail » inside-blog.de |  10.02.2010 | 14:11 | permalink  

    [...] die Runde. So leicht wird es Google mit dem sozialen Netzwerk allerdings nicht haben. Buzz ist letztlich nur von allem ein bisschen. Ein bisschen Twitter, ein bisschen Facebook, aber keine [...]

  9. blog.rhein-zeitung.de » Blog Archive » Der Buzz um Buzz |  10.02.2010 | 20:04 | permalink  

    [...] “Frontalangriff auf Facebook und Co.” (SpOn) bis hin zu eher kritischeren Tönen, die “keinen ernsthaften Wettbewerber für Twitter und Facebook” (Carta) [...]

  10. Andre |  10.02.2010 | 21:33 | permalink  

    Ich bin wirklich gespannt, ob sie dieses Google Buzz nicht wirklich noch irgendwie mit Wave vernetzen. Ich könnte es mir gut vorstellen, dass sie eines Tages um die Ecke kommen und schau mal her, das passt doch eigentlich ganz gut. Bisher gefallen mir alle Vorschläge für sich nocht nicht wirklich gut. Die Usability lässt doch sehr zu wünschen über, aber da wird sich bestimmt noch einiges tun.

  11. Thomas Television |  10.02.2010 | 23:10 | permalink  

    Bezüglich des “entscheidenden Fehlers” hinsichtlich der Verknüpfung mit Google Mail kann ich zustimmen. Das sehe ich ähnlich, obgleich ich bei Google Mail angemeldet bin. Allerdings nutze ich es wie alle Google Dienste eher zurückhaltend und schonmal gar nicht für ausführliche private Kommunikation. Allerdings: eventuell wird Google Buzz das ja ändern? Das deutet Mathias Schwenk in seinen Kommentaren ja an. Grundsätzlich sehe ich die wünschenswerte Verbdinung von Mail und Social Networking auch, aber: nicht bei der Datenkrake Google (wobei ja alle Datenkraken sind).

    Außerdem möchte ich noch ergänzen, was Wittkewitz angedeutet hat:

    “Ihre elitäre Haltung bei der Einstellung neuer Leute verhindert das Verständnis der großen Massen.”

    Ich finde Google Buzz für heutige Verhätnis und mal hineinversetzt in einen normalem Nutzer und keinen Geak oder Freak echt superkompliziert. Das ist überhaupt nicht intuitiv und selbsterklärend, macht braucht viel Vorwissen und muss total viel suchen und probieren, bis man es richtig nutzen kann.

  12. Christoph Kappes |  11.02.2010 | 09:21 | permalink  

    Mit Buzz kann man Bilder aus anderen Websites unter dem Link zusammenstellen.
    Ist das urheberrechtlich zulässig?

  13. Christoph Kappes |  11.02.2010 | 10:55 | permalink  

    PS: Mir sieht das aus wie ein “Remix” von Inhalten durch Buzz-Nutzer. Steilvorlage von Google für die Leistungsschutzrechts-Argumentation der Verlage!

  14. Matthias Schwenk |  11.02.2010 | 11:06 | permalink  

    @Christoph Kappes: Die richtige Antwort auf diese Frage könnte ein “jein” sein. Bei Bildern mit Creative-Commons-Lizenz sollte es kein Problem sein, wenn sie in Buzz dargestellt werden. Bei restriktiveren Bildrechten kommt es wohl auf die Frage an, ob man Buzz als eine Art privates Medium einordnet, oder ob man seinen öffentlichen Charakter als essentiell ansieht. Für letzteres spricht, dass die meisten Nachrichten in Buzz in ihrer öffentlichen Form (”public”) verbreitet werden und damit auch im Google Profil für jeden einsehbar werden. Mein Fazit: Ein “Bilderstreit” ist denkbar.

  15. Christoph Kappes |  11.02.2010 | 11:46 | permalink  

    @Matthias: Ich denke, es braucht gar keine Diskussion, ob Buzz ein privates oder öffentliches Medium ist. Wer – wie derzeit jeder – einmal den Remix zB mit einem SpON-Artikel öffentlich macht, produziert einen Musterfall.
    Ich glaube, dass Google da richtig Ärger bekommen wird. Mit der Argumentation, der Content sei ohnehin öffentlich, könnte man auch aus jedem Carta-Artikel maschinell eine Summary produzieren. Und wo hört die auf? Das Argument wäre nicht vertretbar!
    Sehr ungeschickt von Google. Vielleicht ist es sogar Absicht, um einen Testfall VOR der maschinellen Summary in D zu haben?

  16. Harald Wellmann |  11.02.2010 | 11:47 | permalink  

    Obwohl ich zu “dieser Informatiker-Elite” gehöre, sehe ich in Sachen Buzz (wie auch bei den meisten Social Media) in erster Linie Hype.

    Buzz scheint kein Medium für Leser zu sein, denn auf der Seite http://www.google.com/buzz finde ich nur ein paar Marketing-Aussagen und einen Link zu einem Video. Wenn es sonst nichts zu sagen gibt, warum sollte ich Zeit in dieses Video investieren?

    Ich will nicht, dass Google meine Emails mitliest, egal was in der Privacy Policy steht, und wenn Buzz Gmail voraussetzt, werde ich es folglich nicht nutzen.

    Buzz als das bessere Twitter? Aber wer braucht Twitter? Das Gezwitscher wirkt auf mich eher wie weisses Rauschen.

  17. DigitalLife – Links des Tages vom 11.02.2010 » buzz, cebit 2010, code, digital, Facebook, frei, google, netz, openoffice, Twitter, urheberrecht, warum, wirtschaft » Digital Life |  11.02.2010 | 16:58 | permalink  

    [...] Google Buzz: Die beste aller Welten, nur ohne Social Graph Interessanter Beitrag zu Googles neuestem [...]

  18. Matthias Schwenk |  11.02.2010 | 21:54 | permalink  

    @Christoph Kappes: Die große Frage ist doch, ob sich Google um jeden Preis an den weltweit gültigen Urheber- und Leistungsschutzrechten (die wohl ausnahmslos noch aus dem letzten Jahrhundert stammen) orientieren muss, oder ob man dem technischen Fortschritt auch mal etwas freien Lauf lassen darf, damit sich unsere Gesellschaften ein neues, zeitgemäßes Recht entwickeln können.

    Was wird sich auf Dauer in Deutschland und Europa durchsetzen: Die neuen technischen Möglichkeiten des Teilens (”Sharing”) und des Verbreitens von Wissen über das Internet, oder die Rechtsvorstellungen aus dem 20. Jahrhundert, die gemacht wurden, als es noch kein Internet gab?

    @Harald Wellmann: Sie könnten ja einen Google-Mail-Account anlegen nur um Buzz zu nutzen (ausprobieren), ohne je eine E-Mail zu verschicken oder zu lesen… ;-)

  19. Christiane Schulzki-Haddouti |  14.02.2010 | 16:26 | permalink  

    Ich halte im Moment die Grundeinstellung “öffentlich” für eine Nutzungsbarriere im Unternehmensumfeld. Wäre es anders, wäre es eine ideale Arbeitsumgebung.

  20. Google Buzz: Erste Einschätzung « TV… und so |  14.02.2010 | 23:24 | permalink  

    [...] Google Buzz: Die beste aller Welten, nur ohne Social Graph (Matthias Schenk, Carta) [...]

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