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Thomas Siegner

Fischstäbchen im Netz: Das iPad

Thomas Siegner | 10 Kommentar(e)


Apple adaptiert das Prinzip des Fischstäbchens auf den Computer: Eine Komplexitätsreduktion, mit der man neue Benutzerkreise zu erschließen versteht.

09.02.2010 | 

Über das iPad – könnte man meinen – sei inzwischen alles geschrieben und zwar von fast jedem. Stimmt! Fast! Nur die Sache mit den Fischstäbchen hat noch niemand erwähnt.

Um das iPad ist eine merkwürdige Diskussion in Gang gekommen. Warum das iPad keinen USB-Port hat, warum es Flash nicht kann, wieso kein Multitasking usw. Das alles habe ich als eher technische oder wirtschaftliche Frage betrachtet. Weit gefehlt. Es ist eine web-philosophische Frage! Musste ich lernen. Frank Schirrmacher, der sich auf die Web-Komplexität eingeschrieben hat, betrachtet das iPad als den Beginn der Verwaltungsreform der digitalen Welt. Endlich weniger Schnittstellen, endlich Singletasking, endlich Reduktion der Komplexität! Es kommt noch dicker: „Kommunikation ist minimalistisch, beschränkt sich auf Tweets und E-Mails, aber zielt nicht mehr auf Blogs. Warum? Weil das Netz der Zukunft womöglich viel weniger partizipativ ist, als man heute glaubt (…)“

Mirko Lange springt auf diesen Zug auf. Er hofft, dass da noch eine Weiche kommt und diesem Zug eine andere Richtung gibt: „Ich hoffe, dass Schirrmacher Unrecht hat. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.“ Auch er sieht den Trend zur Vereinfachung. Apps, so Mirko Lange, sind wie Fernsehen. Sie vereinfachen das Handling. Sie vereinfachen die Welt. „Interessant auch, dass man bei Apple Apps nichtgleichzeitig öffnen kann. Wie im Fernsehen…“

Jetzt kommt die Weiche und Mirko Lange kriegt die Kurve: „Und vielleicht tritt ja genau das Gegenteil ein: Dass das iPad nur die technische Komplexität reduziert und wir dadurch in die Lage versetzt werden, die Komplexität der Welt besser zu verstehen.“ Aus diesem Zug ist Schirrmacher inzwischen ausgestiegen.

Soweit die beiden. Sie sind sich einig in dem Bedauern über die Komplexität der Welt. Was hat es damit eigentlich auf sich? Dass die Welt immer komplexer wird, ist unvermeidlich. Warum müssen wir keine Büffel jagen, sondern kaufen das Steak im Supermarkt? Weil wir von der geronnenen Arbeit vieler Generationen vor uns profitieren. Aber einen Büffel zum Steak zu machen und ihn im Supermarkt anzubieten, ist notwendigerweise komplexer, als mit dem Speer hinterher zu laufen. Zum Glück auch weniger gefährlich, weniger anstrengend und einfacher. So wie es einfacher ist, dass sich ein RFID-getagter Bestand selbst inventarisiert, als dass ich mit einem Block durchs Lager laufe. Der Prozess RFID-gestützter Selbstinventarisierung ist natürlich komplexer. Das Ergebnis einfacher.

Als das Automobil aufkam, war klar, dass es nie ein Massenphänomen werden könne, denn um ein Auto zu fahren, musste man ja Ingenieur sein. Inzwischen gibt es deutlich mehr Autofahrer als Ingenieure. Aber auch deutlich mehr Ingenieure als bei der Erfindung des Autos. Autofahren ist so einfach geworden (wenn nur der Verkehr nicht wäre). Die Autos allerdings waren noch nie so kompliziert.

Aber mal ganz anders. Worauf beruht der Erfolg von Fischstäbchen? Keine Gräten, leichte Zubereitung, kein Fischgeruch und in der Regel auch kein Fischgeschmack. Die Fischstäbchen, so wurde bei ihrer Markteinführung argumentiert, bringen Leute (vor allem Kinder), die keinen Fisch mögen, dazu, trotzdem Fisch zu essen. Der ist nämlich gesund. Fischstäbchen haben das Fischessen populär gemacht. Sogar mit echtem Fisch.

Zurück zum iPad: Es ist das Verdienst von Apple, das Prinzip des Fischstäbchens auf den Computer zu adaptieren. Weniger Gräten, einfache Zubereitung, kein Beigeschmack. (Beim Preis fängt der Vergleich an zu hinken, Apple hätte vermutlich runde Designer-Fischstäbchen entwickelt). So dass Leute surfen, die sonst vielleicht nicht gesurft hätten, Leute twittern, die sonst vielleicht nicht getwittert hätten. Die Welt, in der gesurft wird, die Welt über die getwittert wird, ist mit der Markteinführung des iPad nicht weniger komplex. Es ist nur etwas einfacher, sich in ihr zu bewegen.

Dieser Text erschien zuerst im Cirquent-Blog. Crossposting mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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10 Kommentare

  1. Jochen |  09.02.2010 | 15:14 | permalink  

    Genauso ist es.
    Und wenn das Apple-Fischstäbchen nicht passt:
    Apple hat jetzt alle anderen Fischproduzenten gezwungen, ihre eigenen Fischstäbchen herzustellen.

  2. Kreuzfahrtinspektor |  09.02.2010 | 15:31 | permalink  

    Ich kann mich dem nur anschließen – der Fisch schmeckt, macht satt, erfüllt seinen Sinn, hat kein unnützes Beiwerk, kann flexibel und schnell gegessen, also eingesetzt werden.

    Man will dem Hungrigen nichts auftischen was er weder braucht (teurer, geschmacksintensiver und -reicher Fisch), noch handeln (handeln im Sinne des englischen Begriffs) kann (unausgenommener Frischfisch). Es stehen keine 30 Gewürze bereit, der Fisch ist fertig, kann schnell und schmackhaft zubereitet werden. Das kann jedes Kind.

  3. easy |  09.02.2010 | 15:58 | permalink  

    …nur komme ich niemals auch nur an die zweite Base, wenn ich meiner Angebeteten Fischstäbchen ohne unnützes Beiwerk und bloß schnell gemacht zum Abendessen serviere. Ganz nebenbei befriedigt mich so ein Fischstäbchen auch nicht wirklich – ich bin ja auch nicht Kayne West.
    Dann doch lieber zum Markt, guten Fisch, frische Gewürze und eine leckere Beilage. Wenn schon alles immer einfacher wird, dann doch bitte nicht auch noch mein Essen.

    Und da wir hier über Apple reden, diskutieren wir in keinem Fall das dazugehörige Aufwand/Kosten-Verhältnis.

  4. Hayungs |  09.02.2010 | 16:09 | permalink  

    Wenn sie das iPad noch simpler gestaltet hätten, könnte man vermutlich nur noch auf vorgegeben Seiten surfen.

    Warum das iPad wirklich herauskam habe ich ja bereits hier veröffentlicht:
    http://www.hayungs.de/apple-user-im-gespraech-der-ipad-insider

  5. Sascha |  09.02.2010 | 16:15 | permalink  

    …klingt insofern nach einem gutem Vergleich, dass ja nicht jeder Fischstäbchen essen muss! Denn die sind auch nicht der Weisheit letzter Schluß. Und im übrigen dürfte der “normale” Fischmarkt ja nach dieser Theorie nicht daran zerbrechen, dass eine neue Nische für bisherige Fischmuffel aufgemacht wird…

    Solange nicht ständig behauptet wird Fischstäbchen seien die neue Haute Cuisine bin ich einverstanden! Ich ess nämlich auch demnächst ganz gerne meinen Fisch inklusive Gräten und ungepresst! ;)

  6. David Pachali |  09.02.2010 | 16:18 | permalink  

    Jede Designentscheidung ist eine Komplexitätsreduktion, daran ist erst einmal nichts problematisch. Apple war darin schon immer Meister – trotzdem kann man ja fragen, was sie für Auswirkungen auf das Netz haben wird, wie es z.B. Frank Schirrmacher in seinem Text getan hat.

    Man kann Schirrmacher natürlich wie üblich als überforderten alten Herren darstellen, was aber wieder einmal nicht ganz zutrifft. Sein Beitrag ist zunächst mal eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was er die “inhärente Ideologie des Geräts” genannt hat.

    Die kann man kritisieren, weil sie ein Produktionsmittel auf den Status eines Abspielgeräts für zusammengebröselten Verlagskontent reduziert – oder begrüßen, z.B. als notleidender Verleger. Bei Schirrmachers Text ist jedenfalls gar nicht so eindeutig, ob er das pessimistische Register zieht oder das Ende des lästigen “Free&Open”-Paradigmas begrüßt (oder beides).

    Eine Produktvorstellung nicht einfach fanboylike abzufeiern, sondern die “web-philosophischen” Fragen dazu zu stellen, scheint mir jedenfalls nicht verkehrt. Und hier ist es gerade einmal nicht das übliche Lamento der Feuilleton-Heulsusen.

  7. Tarantoga |  09.02.2010 | 17:33 | permalink  

    Der Vergleich mit dem Fischstäbchen passt ja noch, weil die tatsächlich schmecken wie sie aussehen. Beim Auto und den anderen technischen Vergleichen passt es dagegen nicht mehr: Die Komplexitätsreduktion geschieht dort nämlich nicht durch das Weglassen von Funktionen, sondern indem die Technik dem Anwender den geistig-körperlichen Aufwand abnimmt.
    Bei Apple und besonders bei iPad/iPhone ist das nicht der Fall. Da gibt es keine Magie besonders intelligenten Designs und besonders intelligenter Technik. Da wird vor allem weggelassen. Eine solche Komplexitätsreduktion ist aber in Wirklichkeit gar keine, sondern vor allem eine Begrenzung von Möglichkeiten und Nutzen. Wenn man im Auto Klimaanlage, Navi und Radio weglässt, dann hat man eben weniger verwirrende Knöpfe. Versuchen Sie doch mal einem Autobauer zu erklären, das sei die Zukunft des Autofahrens…

  8. Tim Cole |  09.02.2010 | 21:52 | permalink  

    Jetzt ist’s raus: Der iPad soll in Zukunft “iFlounder” heissen. Das ist das Ergebnis des großen Apple-Preisausschreibens auf czyslansky.net http://tinyurl.com/yabggzh

  9. Harald |  09.02.2010 | 22:40 | permalink  

    Ich kauf schon aus Prinzip keine Fischstäbchen.

  10. noName |  24.06.2010 | 18:52 | permalink  

    Das Fischstäbchen kommt gut, allerdings weniger als Lesegerät für Bücher – meine Meinung. Von Digital Natives könnten sich Arbeitgeber, welche Digital Immigrants sind, innerbetriebliche Innovationsschübe versprechen, wenn sie den Einsatz dieser flachen Teile fördern. Ein Versuch ist es wert… „Fischstäbchen in der Arbeitswelt“ wäre vielleicht mal ein Posting wert (VPN, mobiles Arbeiten etc.).

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