Tim Renner

Der berechenbare Pop

Tim Renner | 11 Kommentar(e)

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Die Popbranche ist berechenbar geworden. Sie ehrt die, die ohnehin schon Erfolg haben. Pop aber lebt seit jeher von der Überraschung – und von einer Haltung.

05.02.2010 | 

Das Prinzip Pop ist das Prinzip Überraschung. Wo die Volksmusik eine Heimat geben will, indem sie das Bekannte in Form von Stilelementen und tradiertem Repertoire penetriert, geht Pop in die Gegenrichtung. Entweder schrill, überdreht oder innovativ versucht Pop, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ob die Beatles mit „Strawberry Fields“ abhoben oder die Hurts heute mit „Wonderful Live“ im New Wave landen, gefallen tut meist das, was der Erwartungshaltung nicht entspricht oder sie übertrifft.

Wie enttäuschend aber, wenn ausgerechnet die Popbranche sich nicht traut, dem Prinzip der eigenen Kultur zu entsprechen und stattdessen sich und den Pop auf ihren beiden deutschen Schlüsselveranstaltungen als langweiliges, weil berechenbares Phänomen präsentiert. Auf der Popkomm kam Pop in Form von großen Messeständen der führenden Firmen der Branche daher. Bei der Echo-Verleihung in der o2-World prämierte die Popindustrie diejenigen Interpreten, die am längsten und häufigsten in den Musikmarkt-Charts vertreten waren. Wieso stellt man auf Messen wohl bekannte Strukturen dar, wieso feiert man das, was ohnehin erfolgreich und durch Jahrescharts längst nachgewiesen und hervorgehoben ist? Wir haben die erfolgreichsten Songs des letzten Jahres längst gehört, manchmal mehr als uns lieb ist. Die Messen sind gelesen, sollen wir uns jetzt an Umsatzzahlen berauschen?

Weder die Popkomm noch die Echo-Verleihung ziehen noch. Die Popkomm fiel 2009 mangels Nachfrage aus und ihre Wiederauferstehung in diesem Jahr im Rahmen einer Berlin Music Week wird gerade heftig diskutiert. Echo musste für die diesjährige Veranstaltung in eine alte Messehalle im Westend zurückziehen, da man sich die schicke Arena in Friedrichshain nicht mehr leisten konnte. Mittlerweile verzichten auch internationale Stars wie Depeche Mode, U2 und Kate Perry auf den Besuch. Als Highlights verkündete man in einer Pressekonferenz die aus der Versenkung geholte Soulsängerin Sade und den Hamburger Jan Delay.

Eine Musikmesse als reine Plattform der Labels oder ein Musikpreis als Belohnung für Chartperformance wären in England – dem von den Deutschen so gern bewunderten Mutterland des Pop – undenkbar. Mit In the City gibt es dort eine jährliche Veranstaltung, deren Kern die vielen Konzerte neuer und kleiner Bands in der Stadt Manchester sind. Die Branche zieht zusammen mit einem neugierigen Publikum aus Musikinteressierten von Club zu Club, um sich neue Musiker anzuhören. Der Künstler steht da, wo er hingehört: im Mittelpunkt. So auch bei den Brit Awards und dem Mercury Prize: eine Jury – bei den Brit Awards sind es über tausend Musiker, Produzenten und Journalisten – stimmt über die wichtigsten Musiker und Platten des Jahres ab, und zwar völlig subjektiv und unabhängig vom wirtschaftlichen Erfolg. Die Preisverleihung ist deshalb relevant und hoch spannend.

In Deutschland dagegen sucht man nach Strukturen und Zahlen. Es sind Strukturen, mit denen sich das Geschäft der Labels auf den Messen darstellen lässt. Es sind Zahlen, die belegen, weshalb der eine den Preis bekommt und der andere nicht. Sich seinen Gefühlen, einer Meinung, einer Haltung hinzugeben, dadurch auch einmal parteiisch und ungerecht zu sein, davor hat man wohl Angst. Die Entschuldigung liegt auf der Hand: man hat schlechte Erfahrungen wenn es um Subjektivität und Begeisterung geht. In deutschen Ohren hallt das Hurra nach, mit dem man in die Weltkriege zog; auch der Elan, mit dem manch ideologisierter Deutscher einen Arbeiter- und Bauernstaat aufzubauen half, der ein Überwachungsstaat wurde.

Doch das Argument zieht hier nicht. Andere Bereiche der Kreativwirtschaft haben das längst erkannt und definieren sich über eine Haltung: Der Frankfurter Friedenspreis würde niemals an den Bestseller des Jahres vergeben werden, der Egon-Erwin-Kisch-Preis geht nicht an die Journalisten der Ausgabe mit der höchsten Verkaufsauflage und auch der Deutsche Filmpreis wird nicht von den Kinokassen, sondern von einer Akademie bestimmt.

Zahlen machen nämlich dann Sinn, wenn man es nicht mit Emotionen zu tun hat. Liebe kann man nicht messen, Hass genauso wenig. Musik ist aber nichts anderes als klingende Emotion. Der Versuch, Kunst und Popkultur ausschließlich anhand kaufmännischer Kriterien zu bewerten und die Verwertung allein danach auszurichten, muss schief gehen. Wer einen sinnvollen und spannenden Musikpreis möchte, wer eine funktionierende Messe erleben will, der muss auch den Mut aufbringen, eine Position zu haben, selbst wenn sie unbequem ist. Echo und die Popkomm in ihrem bisherigen Konzept zeigen, wie weit sich die Musikwirtschaft von ihrem eigentlichen Mittelpunkt entfernt hat: von der Musik und den Künstlern.

Diesen Artikel erschien auch bei motor.de

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11 Kommentare

  1. Mauerblümch.en |  05.02.2010 | 11:37 | permalink  

    Ja sehr schön gesagt und erkannt.
    Da das altbekannte Popregime nun ENDLICH fällt bzw. gefallen ist, entsteht bei uns hier endlich was neues, vergleichbar mit dem englischen Beispiel.
    Wird ja auch Zeit. Deutschland spiegelt sich schon VIEL zu lange in Staaten-Hits.
    Wo hätte das hinführen sollen ?
    Andererseits sind die US Sachen eben doch hochprofessionell produziert; die Künstler sind einfach motiviert. Aber das geht hier auch.
    Bisher war das in Deutschland eine entfremdete Abbildung vom oversea, selbst dort exitiert das Image und die Haltung in keinster Weise so.
    Lasst uns endlich Musik exportieren wie vorher Autos !

  2. Niko |  05.02.2010 | 12:07 | permalink  

    Guter Artikel, diese Entwicklung empfinde ich persönlich genauso.

    Immerwährend aber das Henne-Ei-Problem der Musikwirtschaft: Ist ein monetär erfolgreicher Künstler nicht einfach nur Ausdruck eines begeisterten Publikums? Ist die Musikwirtschaft so wie sie ist, einfach weil sie sich dem Markt anpasst, Nachfrage bedient?

    Und dann die Frage nach dem “Pop”: Wenn der Erfolg nicht mehr durch den Künstler, sondern durch das Marketingbudget des Labels bestimmt ist: Ist das dann überhaupt noch “Pop”, ist das dann noch Musik? Ist das noch Emotion? Sicherlich kann man auch Waren als Träger von Emotionen sehen, siehe z.B. Apple.

    Ich finde, dass man die genannten Musikpreise einfach nicht mehr anhand ihrer musikalischen Qualität bewerten kann, da sie sich definitorisch weit von ihrem eigentlichen Gegenstand entfernt haben. Die sind Schnee von gestern.

    Empfehle mal einen Blick auf http://www.initiative-musik.de und deren Ansatz. Ist wieder angekurbelt von der Industrie, aber die geförderten Künstler finde ich recht unkonventionell ausgewählt.

  3. motorblog |  05.02.2010 | 12:40 | permalink  

    Dass die ganze Selbstbeweihräucherung der Musikindustrie im Rahmen der zig Verleihungen keinen Pfifferling wert ist, kann man auch der aktuellen Augsburg-Kolumne sehr anschaulich entnehmen: http://motor.de/s/fOI7R

  4. Werner Friebel |  05.02.2010 | 13:32 | permalink  

    Das Musik-Bizz als Teil der Kulturindustrie legitimiert sich natürlich über ihren selbstgepäppelten Warenfetischismus, der sich bisher ja vor allem in der Sparte Pop als massenmedienmanipulierte kassenklingelnde Emotion ausschlachten ließ.
    Allerdings, lieber Tim, ist es eine hanebüchene Assoziation, nun im Niedergang die vermeintliche Angst vor einer subjektiven Haltung der ‘Preisvergabe-Verantwortlichen’ mit der Erinnerung an das deutsche Kriegs-Hurra-Geschrei zu verquicken – bei der Grammy-Verleihung lassen sich ja die gleichen selbstreferenziellen Symptome eines im Zerfall noch zuckenden Regimes beobachten.
    Mir scheinen eher grundlegende Änderungen des bisherigen Kulturverwertungssystems verantwortlich für diesen durchaus erfreulichen Reinigungsprozess – eine derartige kulturreaktionäre Selbstbeweihräucherungsmesse nebst ihrer Mitläufer-Preisauszeichnungen braucht in Zukunft niemand mehr…

  5. Sara |  05.02.2010 | 15:52 | permalink  

    Es hat auch etwas teufelskreisähnliches, wenn sich deutsche Musiker gar nicht mehr in der Lage sehen, irgendwo einzusteigen- und damit nur den Status Quo bestärken…

    … eine traurige Entwicklung, vielleicht aber auch notwendig: entweder, wir werden in Schlager-Fernsehen versinken, oder es wird sich zwangsweise etwas ändern, wenn Pop als wirtschaftlicher Faktor noch bestehen bleiben soll.

  6. RadioPi |  05.02.2010 | 18:25 | permalink  

    Wenn überhaupt noch CDs verkauft werden, ist die Branche natürlich glücklich. Aber eben sowenig wie die Musikindustrie den veränderten Kundenverhalten gerecht wird, hat sie ihre Preise entstaubt. Malen nach Zahlen. da kann man nix falsch machen.
    Aber das ist kein Deutsches “Hurra”-Problem. Jeder, der den Auftritt der Mit Grammys totgeschmissenen Taylor Swift, die bei einem Duett mit Stevie Nicks jämmerlich versagte, gesehen (und durchlitten) hat, weiß, dass diese Krise global ist. Und dass bloßes Marketing keine Kreativität ersetzt, eben weil es so beklemmend berechenbar ist.

  7. tim renner |  05.02.2010 | 22:30 | permalink  

    Natürlich ist die Krise der Musikwirtschaft ein globales Phänomen, welches jedes Territorium einholt, teils nur mit Zeitverzug wegen schlechterer, technischer Voraussetzungen. Am Ende des Tages geht es um ein sich radikal wandelndes Geschäftsmodel und eine Industrie, die damit nicht zurecht kommt. Eingetreten ist dieser Wandel durch einen Technologiesprung der die Emanzipation des Künstlers und des Konsumenten mit sich brachte. Das alles hat aber nichts mit dem lokalen Dilemma zu tun, welches sich die deutsche Musikwirtschaft on top mit Veranstaltungen wie dem Echo und der Popkomm im alten Gewand geschaffen hat. Große Inszenierungen dazu gedacht Branche und Künstler zu stärken, trivialisieren sie ob ihrer Mechanik und bewirken somit das genau Gegenteil. Das heisst nicht, das mit einer Jury statt mit reinen (Chart) Zahlen automatisch alles Gut wird (wie die Bemerkungen zum Grammy hier zeigen) aber auf jeden Fall wird es glaubwürdiger. Wovor also hat die Industrie Angst? Wieso stellt sie die selbst geschaffenen Regeln nicht um? Hat es vielleicht doch mit der Angst vor Meinung und Haltung zu tun?

  8. Mauerblümch.en |  05.02.2010 | 23:27 | permalink  

    Tim, Du weißt doch wie schwierig und schwergängig der deutsche Apparat an sich ist. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, mehrere zusammen eine noch viel schlimmere Gewohnheitsherde. Ich glaube die bräuchten dich nach wie vor an der Spitze, damit es ihnen einer klipp und klar sagt. Aufzeigen.
    Kommt mir vor als existieren alte Kartell Regeln, die es nicht zu brechen gilt.
    Aber sicher, wer sich nicht umstellt, bleibt zurück. Das hat die Popkomm 09 erlebt.
    Passiert das dem Echo auch ?

  9. Mauerblümch.en |  06.02.2010 | 10:20 | permalink  

    Tim, Du weißt doch wie schwierig und schwergängig der deutsche Apparat an sich ist. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, mehrere zusammen eine noch viel schlimmere Gewohnheitsherde. Ich glaube die bräuchten dich nach wie vor an der Spitze, damit es ihnen einer klipp und klar sagt bzw. aufzeigt.
    Kommt mir vor als existieren alte Kartell Regeln, die es nicht zu brechen gilt.
    Aber sicher, wer sich nicht umstellt, bleibt zurück. Das hat die Popkomm 09 erlebt.
    Passiert das dem Echo auch ?

  10. Meeresbiologe |  07.02.2010 | 15:01 | permalink  

    Berechenbar, genauer gesagt langweilig und profillos sind nicht primär die Popbranche, sondern die Musik und Musiker selbst geworden. Für sogenannte Haltungen sind nämlich weniger die Musikindustrie, sondern Musiker, Sänger usw. zuständig.

  11. Frank Krings |  09.02.2010 | 00:43 | permalink  

    wenn man mit der anvisierten mainstream-musik eh kein geld mehr macht: genau jetzt sollte die musikindustrie sich endlich von zahlen und “berechenbaren” musik-acts lösen. und im sinne des longtail-angebots mehr auf individuelle acts setzen.

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