Peter Glaser | 4 Kommentar(e)
Eine immer stärker hochgerüstete Sicherheitstechnologie bringt statt Sicherheit vor allem eines mit sich: einen gigantischen Datenberg, der kaum noch auszuwerten ist.
26.01.2010 |
Neulich sickerte durch, dass die Videoströme aus den unbemannten Flugdrohnen, die über Afghanistan und den pakistanischen Stammengebieten einherschweben, von unbefugter Seite angezapft werden. Ein weiterer bemerkenswerter Hinweis in dem Zusammenhang ist dabei etwas in den Hintergrund getreten: die Unmanned Aerial Vehicles (UAV) sammeln wesentlich mehr Informationen, als die Geheimdienste auswerten können. Einem Bericht der New York Times zufolge haben die Drohnen im vergangenen Jahr bereits dreimal mehr Material aufgezeichnet als noch 2007. Die gesamten Aufnahmen am Stück anzusehen, würde rund 24 Jahre dauern.
Besonders heikel ist, dass die fliegenden Augen nicht nur aufklären sollen, sondern auch Hellfire-Raketen auf Gegner am Boden abschießen. Natürlich gibt es Auswerter-Teams, die den Livestreams aus den UAVs folgen und verdächtige oder interessante Stellen zu einer detaillierteren Nachsichtung markieren. Aber “die Dienste haben immer noch Probleme damit, aus der Datenfülle schlau zu werden.” Das Bildvolumen wird weiter zunehmen, da immer mehr Drohnen eingesetzt werden, die teilweise auch bereits mit mehreren Kameras ausgestattet sind. Fieberhaft wird nach Techniken gesucht, mit denen das Bildmaterial schneller und effektiver gesichtet und kontextualisiert werden kann.
Mehr Technologie! Seit Jahren rufen Sicherheitstechnokraten nach maschineller Hochrüstung, ob beim Militär, bei Geheimdiensten oder in der Öffentlichkeit (meist gleichfalls in Form von Videoüberwachung und bilderkennender Software).
Im Sommer 2005 mußte Glenn Fine, damals Generalinspektor des US-Justizministeriums, dem Senat einen unangenehmen Report vorstellen: Beim FBI hatte sich im Jahr davor der unaufgearbeitete Rückstau von Informationen mit möglichem terroristischen Zusammenhang verdoppelt. Es handelte sich nicht um Informationen erster Priorität, aber das FBI konnte nicht sicher sein, dass die rund 8300 Stunden unübersetzten Abhör-Materials nicht doch irgendwelche Hinweise enthielten, die der Terrorismusbekämpfung dienen könnten.
Im Jahr 2003 waren PowerPoint-Präsentationen als Auslöser von Daten-Tsunamis in Mißkredit geraten: Beim US-Militär liebt man PowerPoint-Präsentationen, und während des Afghanistan-Einsatzes verursachten die oft gigantischen Dateien Staus im Netz. Captain John Wisecup, der einen Verband von Zerstörern im Golf befehligte, verbot als erster das Mailen von PowerPoint-Präsentationen auf seine Schiffe. “Wir haben uns für schlichten, schwarzweissen Text entschieden”, so Wisecup damals.
Die großen Systeme ähneln sich in ihrer digitalen Ineffizienz – in dem Glauben, dass es möglich sei, durch totale Informationsauswertung auch totales Wissen und damit die totale Absicherung vor, beispielsweise, einer Gefahr durch Terroristen zu erreichen. Der Mann, der neulich beinahe ein Flugzeug während der Landung in Detroit in die Luft gejagt hätte, war ohne spektakuläre Tricks durch die Suchraster der Sicherheitsdienste gelangt. Und er war nicht der erste, dem das gelungen ist.
Letztlich führt die massenhafte Produktion von Daten aus vermeintlichen Sicherheitsgründen in eine Endlosschleife – oder in eine Datensammlung, die so gewaltig ist, dass niemand mehr in der Lage sein wird, sie noch sinnvoll zu sichten. Der Begriff “Datenverarbeitung” führt auf verhängnisvolle Weise in die Irre, denn die Maschinen erzeugen vor allem Daten. Ob man es schafft, diese dann auch zu “verarbeiten”, ist, siehe oben, eine offene Frage. Mit Netzen, Rastern und Matrizen ist es wie mit Damenstrümpfen: je mehr Maschen ein Netz hat, desto mehr Löcher hat es auch, automatisch.
Peter Glaser bloggt bei Glaserei. Crossposting mit freundlicher Genehmigung.


Danke, Herr Glaser!
Eine sehr interessante und richtige Herangehensweise an neue Technologien und andere Probleme: Was bringen sie uns? Tun sie wirklich das, was sie tun sollen? Wenn sie dies nicht tun – tun sie stattdessen etwas anderes, was uns in irgendeiner Weise Gewinn bringt? Mehr Aufwand für das gleiche Problem brauchen wir nicht.
Gleichzeitig liest man aber auch Kritik an der Datensammelwut der Geheimdienste a.k.a. Regierungen heraus, die “die Kontrolle” haben wollen. Und man merkt immer mehr: Wenn man die Kontrolle möchte, muss jeder zum Kontrolleur werden.
Die Datenwachstumsbeschleunigungsgesetze unserer Regierung(en) gepaart mit der Inkompetenz der staatlichen Auswertungsstellen machen den Datenschützern Mut. :-)
Schöner Beitrag, der unsere Angst vor den Sklaven der IT-Firmen etwas reduziert. Leider werden sie ihren angestellten Kunden in den militärischen Bereichen, die wir Bürger bezahlen, auch noch Software verkaufen, die Bedeutung extrahiert. Bis zum heutigen Tage hält sich das Gerücht, das Mustererkennung Erkenntnis fördert oder zumindest Information liefert. Hierzulande macht ein Herr Kruse aus Bremen mit diesen mathematisierten Schemata einen Riesenbohei und ist im Kern genau da, wo alle diese Jünger der zweiwertigen Logik auch noch hinwollen: Aus Learys Persönlichkeitsschema eine Kristallkugel basteln, die vor lauter Summenzeichen und Fakultäten allein schon durch ihre schiere Anzahl an unüberschaubaren Einzelparametern beeindrucken möchte, man nennt das dann – weil das Unbekannte, das Befragte, das Alles, das Eine etwas zu esoterisch klingt – einfach Komplexität. Der Nutzen ist derselbe.
“Mit Netzen, Rastern und Matrizen ist es wie mit Damenstrümpfen: je mehr Maschen ein Netz hat, desto mehr Löcher hat es auch, automatisch.”
Sehr schön, das spricht gegen den totalen Anspruch, aber sagt nichts gegen die Technik aus als eine Sicherheitskulisse, die mit Wahrscheinlichkeiten operiert.