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Michael Spreng

FDP: die Sternschnuppen-Partei

Michael Spreng | 6 Kommentar(e)


Bei der Bundestagswahl fuhr die FDP ein Rekordergebnis ein. Seitdem sinkt ihr Stern: Mit Klientelpolitik und realitätsfremden Forderungen hat sie sich ins Abseits manövriert.

25.01.2010 | 

Die FDP hat es selbst vielleicht noch nicht gemerkt, aber sie ist nur vier Monate nach ihrem größten Triumph in eine ihrer schwersten Krisen geraten. Jahrelang hat sie versucht, das Stigma loszuwerden, das sie sich selbst zugefügt hatte, nämlich die “Partei der Besserverdienenden” zu sein, jetzt ist es brutaler und stärker denn je wieder aufgebrochen. “Möwenpick-Partei”, “Bimbes-Republik” – das sitzt, das beschädigt die FDP nachhaltig in ihrer Integrität, in ihrem Kern. Ihre skrupellose Klientelpolitik, von den Steuerberatern über die Apotheker bis zur Hotel- und Versicherungswirtschaft, lässt ihren Wahltriumph zu einer Episode der Parteigeschichte werden. Sie war die Sternschnuppen-Partei des Jahres 2009, deren Traumergebnis schnell wieder verglüht ist.

Die FDP bedient konsequent ihre Stammklientel (und ihre Spender), verliert aber wieder ihre hinzugewonnenen Wähler. Diejenigen Wähler, die sie von einer kleinen zur mittelgroßen Partrei gemacht haben, weil sie auf keinen Fall wieder eine große Koalition wollten, weil sie Angst hatten, die CDU werde immer sozialdemokratischer und verliere den Mittelstand aus den Augen. Das waren durchaus auch Wähler, die nicht nur an sich, sondern auch ans Ganze denken. Diese hätte die FDP langfristig an sich binden können – durch gesellschaftlich verantwortliche Politik. Aber sie tut das Gegenteil und deshalb ist die FDP wieder auf dem absteigenden Ast. Und niemand ist schuld daran außer der FDP selbst.

Es fing nach der Wahl damit an, dass die FDP ihre Kernkompetenz zerstörte, die Finanz- und Steuerkompetenz. Sie verzichtete zur Verblüffung ihrer Wähler auf das Finanzministerium, machte stattdessen einen pfälzischen Babbeler zum Wirtschaftsminister. Sie setzte neue Steuersubventionen durch, obwohl sie deren Abbau noch im Wahlkampf verlangt hatte. Sie sparte nicht, wie versprochen, parlamentarische Staatsekretäre ein, sondern berief neue. Sie machte einen Mann zum Chef eines Ministeriums, der dessen Abschaffung noch wenige Wochen zuvor verlangt hatte. Sie schützte Apotheker, pamperte Steuerberater, besorgte die Geschäfte der Versicherungswirtschaft und legte sich mit den Hoteliers ins Bett – mit dem bösen Anschein der Bezahlung.

Und die FDP beharrt völlig realitätsfremd auf einer Steuersenkung in Höhe von 20 Milliarden Euro – nach dem Motto: Jetzt sind endlich unsere Leute dran. Die FDP ist damit heute (neben Roland Koch) die Speerspitze der Entsolididarisierung in Deutschland. Mit dieser Politik kann eine Partei über fünf Prozent kommen, aber nie mehr auf 14,6 Prozent. Auch Mittelständler wissen, wenn sie verantwortungsbewusst und nachhaltig denken, dass man kein Geld ausgeben kann, das man nicht hat, und dass ein Spitzensteuersatz von 35 Prozent die Gesellschaft zerreißen und zu sozialen Unruhen führen würde. Die CDU muss aufpassen, dass sie vom FDP-Bazillus nicht infiziert wird.

Und es gibt in der FDP auch keinen, der diesen Kurs wieder ändern könnte. Guido Westerwelle ist noch so siegestrunken, dass er die Krise gar nicht mitbekommt, der einst vielversprechende Philipp Rösler hat sich voll in den Fallstricken der Gesundheitswirtschaft verfangen, Frau Leutheusser-Schnarrenberger ist nur ein Schatten ihres früheren Selbst, Rainer Brüderles TV-Auftritte sind eine sprachliche und inhaltliche Bildschirmverschmutzung.

Der FDP schlug schon oft in ihrer Geschichte das Sterbeglöcklein. Dazu wird es so schnell nicht wieder kommen. Wenn sie aber so weiter macht, dann wird sie es wieder ganz leise von ferne hören.

Michael Spreng bloggt bei Sprengsatz. Crossposting mit freundlicher Genehmigung.

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6 Kommentare

  1. DiesDas |  25.01.2010 | 16:47 | permalink  

    “Und es gibt in der FDP auch keinen, der diesen Kurs wieder ändern könnte. Gu…”…

    Und es gibt in der FDP auch keinen, der diesen Kurs wieder ändern könnte. Guido Westerwelle ist noch so siegestrunken, dass er die Krise gar nicht mitbekommt, der einst vielversprechende Philipp Rösler hat sich voll in den Fallstricken der Gesu…

  2. Besserwisser |  25.01.2010 | 17:37 | permalink  

    Die FDP hat Ihren Wählerauftrag nicht verstanden. Sie hat nicht kapiert, dass ein Wahlergebnis von 15% mehr bedeuten als Ihre Klientel zu befriedigen.
    Sie hat nicht verstanden, dass die Wähler sie eher wegen einer Steuervereinfachung als wegen Steuersenkungen gewählt haben. Auch Ihre Wähler, also bürgerliche liberale wollen, dass Schulen, Strassen, und innere Sicherheit auch weiterhin von den entsprechenden Ebenen finanziert werden. Die FDP hat stattdessen ein vielleicht in der Sache richtige Merwehrtsteuersenkung des Hotelgewerbes durchgeboxt. Dieses ist aber im Hinblick auf eine hohe Wahlkampfspende fragwürdig.
    Die FDP hat so schnell Ihre liberalen Prinzipien über Bord geworfen, wie ich es mir niemals habe vorstellen können.

  3. eldersign |  25.01.2010 | 21:17 | permalink  

    Die FDP ist auf dem absteigenden Ast. Um man möchte hinzufügen: Zu Recht, endlich und das ist auch gut so.

  4. John Dean |  26.01.2010 | 15:07 | permalink  

    Die Spitzenvertreter der FDP werden sich bis zur NRW-Wahl durchschlängeln. Einerseits mittels Durchhalteparolen (“24 Milliarden Entlastung pro Jahr” – “Versprochen: gehalten!” – “mehr Netto vom Brutto”), andererseits mittels seifiger Pseudoempathie (“wir werden da genau hinschauen” usw.) in Bezug auf reale Probleme, beispielsweise überproportionalen Kostenanstiegen im Gesundheitswesen.

    Intern sind sie immer noch damit beschägt sich daran zu gewöhnen, dass mit oppositioneller Sprücheklopferei das Mühsal täglicher Regierungsarbeit nicht bewältigt werden kann. Sie haben wesentliche Kompetenzfelder ihrer parteipolitischen und gesetzgeberischen Kompetenz längst auf Kreise außerhalb der Partei verlagert (z.B. Anwalsocietäten in Berlin), sodass ihre eigene Urteilsfähigkeit und Entscheidungsfähigkeit kaum imstande ist, Abstriche am neo”liberalen” Wolkenkuckucksheim zu machen, in dem sie sich nunmehr jahrzehntelang eingerichtet haben.

    Sie werden glauben (ähnlich mit dem sog. “liberalen Sparbuch”, das 2/3 aller Kürzungsvorschläge im sozialen Bereich plant), dass Veränderungen und Einschnitte der Sozialstaatlichkeit den Königsweg der “liberalen” Politik darstellen – und die Öffentlichkeit nach der NRW-Wahl mit letztlich bürokratisierenden und schikanierenden Politikideen überraschen.

    Für die FDP geht es dann weiter abwärts. Moral von der Gesicht:

    Wer nicht schnell genug dazu lernt, den bestrafen die Wähler.

    So wird es kommen. Nehme ich an.

    mit freundlichen Grüßen

    Ihr John Dean

  5. John Dean |  26.01.2010 | 15:10 | permalink  

    (Entschuldigung wegen der vielen ausgelassenen Buchstaben in meinem Kommentar – ich sollte besser keine Kommentare in einem Rutsch schreiben, jedenfalls, ohne zuvor die Rechtschreibung zu prüfen – sorry an die Leser dafür)

  6. QotD #12 « Seeing Beyond the Absurd |  30.01.2010 | 20:52 | permalink  

    [...] Die FDP ist damit heute (neben Roland Koch) die Speerspitze der Entsolididarisierung in Deutschland. – Carta [...]

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